(In bewerking)
Stammapostel Urwyler und seine Begleiter vor dem „Musée du désert" (Museum der Wüste) in den Cevennen/Frankreich De Biografie van Stamapostel Hans Urwyler PROLOG Ihr Weg war weit und voller Gefahren. Sie wußten, wenn man Sie ergriff, würden sie getötet werden — oder als Rudersklaven auf die Galeeren geschickt. Sie hatten ihre Häuser, ihr Hab und Gut bis auf das Wenige, das sie bei sich trugen, zurücklassen müssen, und ihre Zukunft lag im dun- keln. Sie beteten viel auf diesem Weg, baten um Gottes Schutz und Hilfe, um ein mutiges, treues Herz und weiterhin um einen festen Glauben. Wegen dieses Glaubens hatte man sie gezwungen, aus ihrer Heimat zu fliehen und in ein ungewisses Schicksal zu gehen. Die Vorfahren mütterlicherseits unseres Stammapostels Hans Urwyler gehörten zu diesen Tapferen, und er selbst war immer sehr stolz darauf, aus einer solchen Linie abzustammen. Hugenotten nannte man sie, auf französisch „Huguenots", wohl eine Verstümmelung des Ausdrucks „Eidgenossen", der ursprünglich ein Spottname für die in Frankreich ansässigen Protestanten war. Nach lutherischen Anfängen hatten sie eine Gemeinschaft auf calvinistischer Grundlage gebildet. Ihre Anhängerschaft wuchs stetig. Selbst hohe französische Adlige zählten dazu, aber auch viele Kaufleute und Handwerker. Aus ihren Reihen gingen Geistliche hervor, und es entwickelten sich blühende Gemeinden. Bis in der Nacht zum 24. August 1572 das Unfaßbare geschah: Während der Hochzeitsfeierlichkeiten für König Heinrich von Navarra, einem der hugenottischen Häupter, und der französischen Prinzessin Margarete von Valois ließ König Karl IV. in Paris alle Hugenotten in ihren Häusern und Quartieren überfallen und niedermachen. Das blutige Gemetzel ging in die Geschichte unter der Bezeichnung „Bartholomäusnacht" ein. Das Pariser Beispiel trieb ganz Frankreich zum Aufruhr. In den Tagen darauf wurden in den Provinzen Zehntausende Hugenotten ermordet und ihre Wohnungen und Gotteshäuser zerstört. Danach kam es immer wieder zu blutigen Verfolgungen, ja, bürgerkriegsähnlichen Zuständen, da die überlebenden Hugenotten sich unter Heinrich von Navarra zusammenscharten und zurückschlugen. Erst als dieser, von seinem Vorgänger Heinrich III. auf dem Sterbelager zum Nachfolger berufen, als Heinrich IV. König von Frankreich wurde und im Jahre 1598 den Hugenotten im Edikt von Nantes -Xeligionsfreiheit zusagte, kehrten Frieden und Ruhe ein. Beides währte nicht einmal hundert Jahre. Anno 1685 hob König Ludwig XIV. von Frankreich, von seinen Bewunderern als „Sonnenkönig" vergöttert, das Toleranzedikt auf. Von da an waren die Gottesdienste der Hugenotten wieder verboten, ihre Schulen und Bethäuser zerfielen, und ihre Prediger wurden gezwungen, das Land zu verlassen. Ihre Anhänger aber wurden im Fall einer Flucht mit Konfiszierung ihres Besitzes und, wenn man sie ergriff, mit Galeerendienst bestraft. Wiederum machten sich große Scharen dieser fleißigen und frommen Menschen auf die Flucht in jene Länder, die versprochen hatten, ihnen
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Asyl zu gewähren. Sie wurden gern aufgenommen, wußte man doch, welchen Aufschwung Frankreichs Handwerk, Industrie und Landwirtschaft diesen verstoßenen Kindern verdankte. Die Vorfahren von Hans Urwyler waren bereits Ende des 16. Jahrhunderts mit ihren Glaubensgenossen vor ihren Verfolgern aus der Heimat geflohen. Sie stammten aus Nimes in Südfrankreich und fanden nach langer gefahrvoller Wanderung in der Schweiz eine neue Heimat. Die Reformation hatte sich in Zürich, Bern und dem Kanton Aargau durchgesetzt. Die dortigen Protestanten gewährten ihren verfolgten französischen Glaubensbrüdern schon bald das Schweizer Bürgerrecht. Die Vorfahren unseres Stammapostels nannten sich Plüss. Dieser Name war vermutlich aus dem französischen „les plus" entstanden, womit man die Reformierten damals in Frankreich häufig bezeichnete. Einige dieser Flüchtlinge ließen sich in Brittnau im Kanton Aargau nieder und wurden im Lauf der Jahre zu angesehenen Schweizer Bürgern. Gott wollte die Nachfahren der einstigen Flüchtlinge auf ganz besondere Weise segnen. Johann Bernhard Plüss, der Großvater von Stammapostel Hans Urwyler, war der erste seiner Familie, der ein Gotteskind wurde. Nach vielen Kämpfen und anfänglichem Widerstreben wurde er im Jahre 1905 versiegelt und von da an ein eifriger, selbstloser Streiter im Werk des Herrn. Das ist die eine Seite der Segenslinie, aus der Hans Urwyler hervorgegangen ist. Ebenfalls in Brittnau, genauer gesagt, im Hard zu Brittnau, lebte außer Johann Bernhard Plüss und seiner Familie ein junges Ehepaar: Samuel und Emma Urwyler. Mit 37 Jahren starb Samuel Urwyler — von Beruf Zimmermann — an einem schweren Leiden. Er hinterließ sechs Kinder, von denen das älteste gerade neun Jahre zählte und das jüngste noch ein Säugling war. Wenn eine junge mittellose Witwe in jener Zeit — man schrieb das Jahr 1899 — solch ein Unglück traf, war es üblich, daß ihre Kinder in verschiedenen Familien zur Pflege gegeben wurden, zu Verwandten kamen oder von anderen hilfsbereiten Menschen aufgenommen wurden. Aber Emma Urwyler wollte ihren sechs Kleinen Vater und Mutter sein und erreichte es tatsächlich, daß sie alle sieben zusammenbleiben konnten. Die Opfer und Mühen, die sie dafür aufwandte, waren beispiellos. Eine noch vom verstorbenen Vater angelegte Kiesgrube bot für die verwaiste Familie die Existenzgrundlage, zusammen mit einer kleinen Landwirtschaft. Für Emma Urwyler, geborene Peyer, wurde die Griengrube, wie so etwas in der Schweiz genannt wird, über viele Jahre hinweg die wichtigste Einnahmequelle, mit der sie ihre Kinder versorgen konnte. Aber die Kleinen mußten frühzeitig mithelfen, diesen „Brotkorb" für die Familie auszuschöpfen. Sie arbeiteten in der Grube, brachten den gewonnenen Kies, soweit es ihre Kräfte zuließen, zu den Bestellern und kassierten die oft widerwillig gezahlten Beträge dafür ein. Emma Urwyler verlor nie den Mut. Sie kämpfte wie eine Löwin darum, ihren Kindern das Zuhause zu erhalten — und sie schaffte es. Doch dies war es nicht, worauf sie in ihrem Leben stolz und wofür sie über alle Maßen dankbar war. Freilich hatte sie großartiges geleistet, aber das, was ihr in all diesen schweren Jahren am wichtigsten wurde, war doch die Tatsache, daß aus ihr und ihren Kindern Gotteskinder werden durften. Emma Urwyler erhielt durch Verwandte Zeugnis vom wiederaufgerichteten Apostelamt, folgte der Einladung zu einem Gottesdienstbesuch — und blieb mit ihren Kindern in der kleinen Schar der Gotteskinder. Im Herbst 1899 wurde die gesamte Familie durch Stammapostel Krebs versiegelt. Von da an ging Emma Urwyler unbeirrt den Weg weiter, den sie eingeschlagen hatte, trotz mancher Opfer und Mühen, die damit verbunden waren. Auch fehlte es nicht an Spott, daß die junge Witwe nun mit ihren Kindern zu einer „Sekte" lief und dafür sogar weitaus längere Strecken zurücklegen mußte als zur Brittnauer Kirche, in die sie bis dahin gegangen war.
Brittnau im Kanton Aargau
Bischof Hans Plüss mit seiner Familie Johann Bernhard Plüss, der von allen, die ihn kannten, nur Hans Plüss genannt wurde, Baumeister und Zimmermann von Beruf, hatte sich der verwaisten kleinen Familie auf liebevolle, hilfreiche Art angenommen. Er war der Vormund der Kinder und stand zusammen mit seiner Frau ihnen und ihrer Mutter mit Rat und Tat zur Seite. Dieser aufrechte, ehrenwerte Mann war ein rechtes Gottesgeschenk für Emma und die Kinder, wußten sie doch, daß sie sich mit allen Sorgen jederzeit an ihn wenden konnten. Emma konnte ihm die vielen Wohltaten nur dadurch vergelten, daß sie ihn und die Seinen täglich in ihre Gebete einschloß und den lieben Gott bat, alle aus der Familie Plüss möchten doch ebenfalls Gotteskinder werden. Natürlich brachte sie Hans Plüss Zeugnis von ihrem Glauben, aber damit stieß sie bei dem so frommen, rechtschaffenen Mann auf harten Widerstand. Für ihn war die reformierte Kirche, der er angehörte, die einzig richtige. Daß Emma Urwyler nun jeden Sonntag morgen zu den „Apostolischen" ging, ärgerte ihn gewaltig. Um ihm auf dem sonntäglichen Kirchgang, der an seinem Haus vorbeiführte, nicht in die Arme zu laufen und dadurch seinen Unwillen neu anzufachen, wählte man schließlich einen anderen Weg. Aber weder Emma Urwyler noch ihre Kinder ließen sich davon abhalten, die Gottesdienste in der neuapostolischen Kirche zu besuchen. 10
Zu gern hätte Minna, die gütige-, tief gläubige Ehefrau von Hans Plüss, der Einladung ihrer Nachbarin Emma Urwyler Folge geleistet und an einem solchen Gottesdienst teilgenommen. Aber das duldete ihr Mann nicht, und so mußte sie sich seufzend fügen. Auch andere luden Hans Plüss immer wieder ein, Gottes Werk zu prüfen; es waren sein Teilhaber Jakob Widmer in dem gemeinsam geführten Baugeschäft, dessen Vater und später ein Arbeiter in seiner Firma. Doch Hans Plüss erklärte, er wollte lieber auf den Himalaja gehen als apostolisch werden. Nun, auf den Himalaja kam er nie, wohl aber ins Werk Lottes. Allerdings mußte ihn Gott noch manche Wege führen, die Leid und Sorgen brachten, bis Hans Plüss den Willen des himmlischen Vaters erkannte. 1905 empfing er die Heilige Versiegelung. Ihm folgten Anfang des Jahres 1906 seine Frau und seine neun Kinder. Schon im selben Jahr wurde er zum Unterdiakon berufen. So sehr Hans Plüss jahrelang seiner Erwähliung zum Gotteskind widerstrebt hatte, so ernst und eifrig nahm er nun seine Aufgaben in der Neuapostolischen Kirche wahr. Er war ein unermüdlicher Weinbergsarbeiter; sein Haus wurde zu einem Bethanien für alle, die Hilfe brauchten. 33 Jahre diente dieser treue Gottesknecht den Anvertrauten, davon 18 Jahre als Bischof, bis er im Jahr 1939 in den verdienten Ruhestand versetzt wurde. Die Segenslinie setzte sich fort. Im Jahr 1924 heiratete Samuel, der drittjüngste Sohn von Emma Urwyler, eine Tochter seines ehemaligen Vormunds Hans Plüss. Luise Urwyler, geborene Plüss, war ihrem Mann eine treue, fürsorgliche Frau, die ihn mit innigen Gebeten auf allen Wegen seines Lebens begleitete, und ihren drei Söhnen eine gute Mutter.
Stammapostel H. Niehaus (Mitte) ntit Stanmiapostelhelfer f. G. Bischoff und Bischof H. Plüss (links von ihm), Bezirksapostel A. Hölzel und Apostel E. Güttinger (rechts von ihm) sowie Amtsbrüdern aus der Schweiz (etwa 1925) 11
EIN NEUAPOSTOLISCHES ZUHAUSE Der älteste Sohn, Hans Samuel Urwyler, wurde am 20. Februar 1925 in Bern geboren und noch im selben Jahr, am 19. Dezember, versiegelt. Er wuchs in einem treuen neuapostolischen Elternhaus auf. Die Kämpfe der Vergangenheit, die noch seine Großeltern und die Geschwister von Vater und Mutter zu bestehen hatten, waren vorüber, und nach bescheidenen Anfängen konnte das Werk Gottes in der Schweiz ein stetiges Wachstum verzeichnen. Überall waren kleine Gemeinden entstanden, da und dort hatte man es schon zu einer eigenen Versammlungsstätte gebracht, so daß die Gottesdienste nicht mehr in Privatwohnungen oder gemieteten Räumen stattfanden. Auch mit der Familie Urwyler, der im Lauf der Jahre noch zwei weitere Söhne, Peter und Samuel, geschenkt wurden, ging es stetig aufwärts. Vater Urwylers ursprünglicher Beruf war Spengler und Installateur. Und obwohl in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts auch in der Schweiz schwierige Verhältnisse herrschten – der Erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise hatten auch dort ihre Spuren hinterlassen –, wagte Samuel Urwyler bald nach seiner Verheiratung den Sprung ins selbständige Geschäftsleben. Es geschah auf eine Art, die für sein strebsames, geradliniges Wesen typisch war. Samuel Urwyler war kein Mann der großen Worte. Aber er durchdachte alles sehr gewissenhaft und setzte konsequent in die Tat um, wozu er sich einmal entschlossen hatte. So las er eines Tages in einer Berner Zeitung ein Inserat, in dem ein Fahrlehrer aus Zürich seine in Bern gegründete Fahrschule mit Reparaturwerkstatt zum Verkauf anbot. Der Besitzer hatte den kleinen Betrieb nur kurze Zeit geleitet und wollte in seine Heimatstadt zurückkehren. Samuel Urwyler durchdachte die Sache, wie es seine Art war, äußerst gründlich und bewarb sich dann als Interessent. Es kam zu einem Treffen mit dem Verkäufer, bei dem dieser erhebliche Bedenken äußerte. Schließlich besaß Samuel Urwyler nicht einmal einen Führerschein, geschweige denn eine Zulassung als Fahrlehrer. Samuel erwiderte ihm kurzerhand, daß er Hans Urwyler im Alter von 4 Jahren 12
dies alles doch durch ihn erlernen und danach das Geschäft ohne Schwierigkeiten übernehmen könne. Offenbar hat diese von großem Selbstvertrauen zeugende Antwort den Verkäufer überzeugt. Das Geschäft kam zustande, und Samuel Urwyler wurde Chef einer Fahrschule mit angeschlossener Reparaturwerkstatt. Er und seine Frau übersiedelten nach Bern. Innerhalb kurzer Zeit erfuhren die Berner und die Einwohner der umliegenden Orte durch Inserat oder Werbeprospekt, daß es in Bern eine Auto-Garage Berna am Dammweg 5 gab, deren Besitzer Samuel Urwyler hieß. Weiterhin war angeführt, daß das kleine Unternehmen nicht nur über eine große heizbare Garage mit Reparaturwerkstatt verfügte, sondern außerdem ein Ersatzteillager und diverse Autobedarfsartikel, desgleichen Verkauf und Tausch von neuen und Occasionswagen (Gebrauchtwagen) sowie Fahrschulunterricht anbot. Samuel Urwyler hat nie darüber gesprochen, was ihn dies alles an Arbeit und Sorgen gekostet hat. Nur seine Frau Luise, die durch eine schwere Kindheit die Macht des Gebetes und der Wunder Gottes erfahren hatte, die der liebe Gott in schier ausweglosen Situationen tun konnte, wußte darum und hat mit ihrem Mann gesorgt, gelitten und gebetet. Immerhin, die in so schwerer Zeit übernommene Firma behauptete sich und bot der Familie eine sichere Existenzgrundlage. Doch dies allein war es keineswegs, was Hans Urwyler und seinen jüngeren Brüdern eine glückliche, geborgene Kindheit bescherte. Sicherlich 13
In diesem Haus in der Villettmattstraße in Bern wurde Hans Urwyler geboren> Im Dammweg 27 in Bern verlebte er seine Kindheit 0
ist es auch für ein Kind angenehm und beruhigend, keine materielle Not kennenzulernen. Aber die Hauptsache für die jungen Eheleute Urwyler war und blieb die Seelenpflege ihrer Kinder. Die Eltern legten ein festes Glaubensfundament in die Herzen der Kleinen. Der Vater, der in der 15 Kilometer von Bern entfernten Gemeinde Schwarzenburg als Diakon, später als Priester und Vorsteher diente, nahm seine Buben oft mit, wenn er sich auf den Weg dorthin machte. Luise Urwyler, die Mutter des Stammapostels, lehrte ihre Söhne nicht nur beten, sondern auch opfern. „Buben", sagte sie, „wenn ihr dem lieben Gott Opfer bringt, dann nie unter Silbergeld." Das war damals viel für ein Kind, nämlich mindestens ein halber Franken. Da mußten an die zehn Botengänge erledigt werden, für die man in der Regel jeweils fünf Rappen bekam. Hans Urwyler hielt sich an den Rat seiner Mutter, davon erzählte er in späteren Jahren manches Mal. „Ich habe mich in meinem ganzen Leben nie getraut, zwanzig Rappen in den Opferkasten zu tun", sagte er. „Das Wort der Mutter hat Segen gebracht." Eines seiner liebsten Lieder als Kind war „Gott ist die Liebe", das er in der Sonntagsschule oft mit seinen kleinen Glaubensgeschwistern sang. Wenn es dann hieß: „Er liebt auch mich", empfand er jedesmal ein köstliches Glücksgefühl. Eine andere Liedstrophe dagegen rief bei ihm immer Beklommenheit hervor. Es war die dritte Strophe von „Laßt die Herzen immer fröhlich und mit Dank erfüllet sein", in der es heißt: „Wenn wir uns von ihm abwenden, wird es finster um uns her; unser Gang ist nicht mehr sicher und das Herz von Freuden leer." Dann stand in Hans Urwylers Seele der innige Wunsch, der liebe Gott möge ihm Kraft schenken, damit er sich niemals in seinem 14 Leben von ihm abwende. Diese Bitte hat ihn sein ganzes Leben lang begleitet. So war Hans Urwyler schon als Kind fest im Glauben verwurzelt und in der Gemeinde eingebunden und lernte, nach besten Kräften mitzuhelfen bei der Arbeit im Werk Gottes. Er war noch Schüler, als er die Aufgabe übertragen bekam, in den Gottesdiensten Harmonium zu spielen. Seit jener Zeit wünschte er sich, einmal in einer unserer Kirchen Organist zu werden. Doch dies blieb seinem jüngsten Bruder Samuel vorbehalten. Mit Hans Urwyler hatte Gott etwas ganz anderes vor. Stammapostel Urwyler war ein fröhlicher, herzlicher Mensch, der sehr viel Liebe ausstrahlte. Dies und seine große Bescheidenheit kennzeichneten sein Wesen. Sicherlich waren es angeborene Eigenschaften, die er Zeit seines Lebens in sich wachsen ließ und förderte — aber ebenso sicher scheint es, daß seine Kindheit im Schoß der großen Urwyler-Plüss-Familie ein übriges dazu tat. Seine Großmutter Emma Urwyler hat er nie kennengelernt. Sie ging nach einem arbeitsreichen, aufopferungsvollen Leben im Jahre 1917 heim — nachdem sie noch hatte miterleben können, daß ihre Kinder zu aufrechten und glaubensstarken Menschen herangewachsen waren. Sie haben ihre gute Mutter nie vergessen. So war sie auch für den jungen Hans Urwyler aus den Erzählungen seines Vaters und dessen leiblicher Geschwister gegenwärtig, und er schloß sie in sein Bubenherz wie all die anderen Familienmitglieder, die ihn umgaben.
Um 1929 (v. 1. n. r.): Samuel Urwyler (der Vater des Stammapostels), Hansi Urwyler (der Stammapostel), Hedeli, Martheli und Röbeli Maurer, Bertha und Alfred Bachmann 15
Hans Urwyler mit seinem Großvater, Bischof Hans Plüs und mit seinen Eltern (links) Seele.' Das möchte ich tief in euch hineinlegen, Brüder und Schwestern, damit der treue Gott hier, jetzt, heute ein Lobetal sieht und dieses Lob und diese Ehre dann als Freude und tiefer Friede wieder in unsere Seelen zurückkommt." Großmutter Plüss nahm ihren Enkelsohn oft zum Einkaufen mit. Hatte sie dann alles beisammen, was sie brauchte, gab sie ihm die Tasche und bat ihn, mit den Sachen schon nach Hause zu gehen, damit seine Mutter mit dem Kochen anfangen könne. Sie selbst müsse noch zur Promenade. Dort säßen Leute auf den Bänken, die sie sich anschauen wolle. Dann sage ihr der liebe Gott, wen sie an diesem Tag in die Gottesdienste einladen solle. Sie blickte den Buben mit ihren gütigen, ernsten Augen an. „Weißt du, Hansi, es sind nicht alle in der Lage, die Einladung ins Haus des Herrn anzunehmen." Ein anderes Mal erzählte sie ihm von den Bettlern, die in früheren Jahren von Haus zu Haus gingen, um Geld, eine warme Suppe oder auch ein Stück Brot zu erbitten. Großmutter Plüss lud sie alle in ihre Küche ein, setzte ihnen ein Essen vor und führte sie, nachdem sie gesättigt waren, in das Kirchenlokal, das in ihrem Haus eingerichtet war. Dort brachte sie ihnen dann Zeugnis von unserem Glauben. In der Erinnerung lachte sie ein wenig. „Weißt du, das ist eine ganz interessante Sache. Entweder wurden sie neuapostolisch – oder sie kamen nicht mehr wieder."
Das Haus „Im Than"; hier fanden früher die Gottesdienste der Gemeinde Scluvarzenburg statt In diesem Haus, Buchenweg LiebejeldIKöniz bei Bern, befand sich die Fahr‑ schule von Samuel Urwyler 17 Sein großes Vorbild war sein Großvater, der Bischof Hans Plüss. Was war es doch immer für eine Freude, wenn man sich wie alle Jahre am Neujahrs- oder Himmelfahrtstag besuchte oder die Buben ein paar Ferientage bei den Großeltern verbringen durften, die inzwischen von Brittnau nach Zofingen gezogen waren. Sich an jene unbeschwerte Zeit erinnernd, sagte Stammapostel Urwyler einmal im Gottesdienst: „Als ich noch ein Kind war und bei meinem Großvater oft in den Ferien sein durfte, hat er sicher auch allerlei erlebt, denn damals diente er im Bischofsamt. Ich erinnere mich, oft kam er aus seinem Büro und sprach die Worte: ,Lobe den Herrn, meine Seele.' Dann hat die Großmutter gesagt: ,Ach, der Vater hat's schwer.' Könnt ihr das begreifen? Ich sage es offen, als Kind konnte ich nicht erfassen, wie das vor sich geht, wenn man es schwer hat und dann sagt: ,Lobe den Herrn, meine Seele.' Heute kann ich es verstehen. Das ist ein Stück Vollendung, wenn man im Schmerz und in der Trauer sagen kann: ,Lobe den Herrn, meine 16
Erntedankaltar in der Gemeinde Schwarzenburg Natürlich gab es auch viel Spaß zu erleben, wenn Hans Urwyler und seine Brüder zu den Großeltern kamen. Da wurden Bergwanderungen unternommen, Blaubeeren gesammelt und fröhlich mit den vielen Cousins und Cousinen gespielt, die sich mit ihren Eltern ebenso gern im Zofinger „Guetli" einfanden. Aber am liebsten hörte Hans doch die Glaubenserlebnisse, die Großvater Plüss zu berichten wußte. „Wie ich neuapostolisch wurde" war eine Begebenheit, die der Bub immer wieder erzählt haben wollte. Der Wandel, den Großvater Plüss im Hinblick auf seine Einstellung zur Neuapostolischen Gemeinde mitgemacht hatte, war nämlich hauptsächlich durch einen Traum hervorgerufen worden. Ihm träumte, daß er auf einem Feld arbeitete, als plötzlich das Land von einem Erdbeben erschüttert wurde. Gleichzeitig erhoben sich große Wasserwogen, die auf ihn zurollten und in die Tiefe zu reißen drohten. In diesem Augenblick hörte er eine Stimme, die ihm zurief: „Geh zum Apostel Niehaus, jetzt hast du Zeit!" Das Rufen war so laut, daß er davon erwachte und die ganze Nacht nicht mehr einschlafen konnte. Auf diesen Traum hin besuchte Hans Plüss tatsächlich einen Gottesdienst in der neuapostolischen Kirche. An jenem Abend diente Apostel Bock der Gemeinde in Zofingen. Das Wirken des Gottesknechtes machte großen Eindruck auf Hans Plüss. Er beschloß, anschließend draußen auf ihn zu warten, um ihn dann anzusprechen. Doch der Apostel kam nicht, so 18 daß Hans Plüss schließlich in die Kirche zurückkehrte. Der Apostel saß ganz allein in der letzten Bank und sagte: „Ich wollte hier warten; ich wußte schon, daß Sie wieder hereinkommen würden." Zögernd und zunächst befangen begann Hans Plüss, seinen Traum zu erzählen. Der Apostel hörte ruhig zu und meinte dann: „Haben Sie auch in der Heiligen Schrift gelesen, daß Gott verschiedene Männer, wie Mose, Abraham und andere, gerufen hat?" Hans Plüss nickte. „Ja, natürlich." „Aber diese sind dann auch dem Ruf gefolgt!", fuhr der Apostel fort und blickte ihn bedeutsam an. Hans Plüss verstand und schob sämtliche Bedenken und alle Wenn und Aber endgültig zur Seite. „Ah, so ist das gemeint", sagte er mit einem tiefen Atemzug. „Dann will ich folgen und auch kommen. Von jetzt an müßt ihr mich nicht mehr einladen." Er hielt sein Versprechen, auch gegen den Widerstand, der sich in seiner eigenen Familie dagegen erhob. Seine Mutter nämlich, die nach dem frühen Tod ihres Mannes bei ihm im Haus lebte und von ihm und seiner Frau betreut wurde, mochte nicht akzeptieren, daß ihr Sohn mit Frau und Kind zu den „Apostolischen" übergetreten war. In ihren Augen war es eine Schande, daß sie alle nun zu dieser Sekte liefen. Der Pfarrer aus Brittnau besuchte die alte Dame regelmäßig, und sie fand, daß sie bei ihm bestens
Vorne in der Mitte: die Eltern von Hans Urwyler 19
Ganz links: Hans Urwyler bei einem Ausflug der Berner Jugend um 1940 versorgt sei. Einen Gottesdienst der Neuapostolischen Kirche zu besuchen lehnte sie kategorisch ab. Sie zählte bereits 85 Jahre, als sie erkrankte und so pflegebedürftig wurde, daß Tag und Nacht jemand bei ihr sein mußte. Eines Nachts nun verlangte sie, ihr Sohn Hans möge zu ihr kommen. Ihre Schwiegertochter zögerte, diesen Wunsch zu erfüllen. Sie wußte, wie bitternötig ihr Mann seinen ohnehin wenigen Schlaf brauchte. Doch die Fünfundachtzigjährige drängte so lange, bis die Schwiegertochter ging, um ihn zu wecken. Als er an ihrem Bett stand, sagte die Kranke: „Ich habe dir viel Kummer bereitet, seit du der Neuapostolischen Kirche beigetreten bist. Das bereue ich jetzt und bitte dich, mit mir zu beten." Hans Plüss, der damals das Amt eines Bezirksältesten trug, antwortete ihr: „Kannst du jetzt glauben, daß es in unserer Zeit wieder Apostel gibt?" Sie nickte. „Ja, jetzt kann ich glauben, und bitte, bete jetzt noch mit mir." Der Sohn war gern dazu bereit. Aber zuvor sagte er: „Ich vergebe dir alles, denn du hast es ja aus Unwissenheit getan. Doch frage ich dich nun, kannst du auch glauben, daß die Apostel Sünden vergeben können?" Wiederum bejahte seine Mutter das, und Hans Plüss, der sehr wohl sah, daß es mit ihr zu Ende ging, weckte die Kinder und holte sie in das Zimmer der Kranken. Gemeinsam knieten sie alle an ihrem Bett nieder, und der Sohn betete mit ihr und sprach am Ende auch die Sündenver‑ 20 gebung aus. Etwa eine halbe Stunde später schlief Großmutter Plüss friedlich ein. Solche Erlebnisse festigten den Glauben der Kinder der Familien Urwyler und Plüss und ließ ihnen immer deutlicher bewußt werden, daß es wirklich Gottes heilige Sache war, an der sie standen. Das formte ihre Seelen ebenso wie die Vorbilder, die sie in ihren Eltern und Großeltern hatten. Zu Hans Urwylers Konfirmation ließ ihm der Apostel in sein Konfirmationszeugnis ein Textwort aus der Offenbarung des Johannes schreiben: „Selig ist der und heilig, der teilhat an der Ersten Auferstehung." Es war das Wort, das Hans Urwyler sein ganzes Leben hindurch begleitet hat und im Lauf der Jahre eine ganz besondere Bedeutung für ihn gewann, ebenso wie der 9. Glaubensartikel, den er vor seiner Konfirmation auswendig aufsagen mußte. Davor war dem jungen Konfirmand zunächst sehr bange, weil das Auswendiglernen nie zu seinen Stärken zählte. Aber andererseits liebte er besonders diesen Glaubensartikel aus der Tiefe seines Herzens, weil er eine so wunderbare Zusage enthält: „Ich glaube, daß der Herr Jesus so gewiß wiederkommen wird, wie er gen Himmel gefahren ist ..." Dieser feste Glaube hat Hans Urwyler durch sein ganzes Leben begleitet. Er befähigte ihn, alles aus der Hand Gottes anzunehmen, sei es nun Gutes oder Schweres, und zu wissen: Der Herr macht es recht, und alles, was er schickt, dient zu meiner Vollendung.
Besuch des Dirigenten Hans Urwyler während seiner Militärdienstzeit 21
Sein erstes Motorrad Sein Gottvertrauen war durch nichts zu erschüttern. Daraus erwuchsen ihm die Kräfte für seinen Weg, der ihn zum höchsten Amt ihn Werk Gottes führte und dann, nach seiner schweren Erkrankung, in einer Talsohle mündete, in der andere gehadert hätten. Er aber nahm klaglos und zuversichtlich sein Kreuz auf sich und wurde dadurch ein Vorbild für so manchen. Das Volk Gottes, seine Mitarbeiter und Apostel haben ihn nicht ohne Grund besonders liebgehabt. Hans Urwyler war an Liebe dem Apostel Johannes gleich, an Mut und Eifer für Gott dem Apostel Paulus und gleichzeitig wie Apostel Petrus, voller Demut und unerschütterlich wie ein Felsen. Nach seinem Schulabschluß absolvierte Hans Urwyler zunächst eine Lehre als Maschinen-Mechaniker. Zu dieser Zeit wurde in der Gemeinde Schwarzenburg ein Chor gegründet. Vater Samuel Urwyler beauftragte seinen ältesten Sohn mit dessen Leitung. Hans Urwyler hat immer die Musik und unsere schönen Lieder geliebt; so nahm er sich dieser Aufgabe gern und bereitwillig an. Freilich gab es dabei manche Schwierigkeit zu bewältigen. Der Zweite Weltkrieg war ausgebrochen, und obwohl die Schweiz nicht zu den kriegführenden Nationen gehörte, warf er doch seine Schatten über die Schweizer Grenze. Es gab eine Reihe wirtschaftlicher Engpässe und Versorgungsprobleme. So wurde beispielsweise auch das Benzin rationiert. Bis dahin war der Schwarzenburger Vorsteher Samuel Urwyler einer der wenigen Amtsbrüder gewesen, die ein eigenes Auto besaßen. Gern hatte er es immer in den Dienst des Herrn gestellt – um Zeugnis zu bringen, zu den Gottesdiensten zu fahren, Geschwister und Gäste mitzunehmen und Hausbesuche zu machen. Nun war es damit vorbei. Man mußte auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen oder auf das Fahrrad umsteigen, doch auch da gab es manche Panne, denn es waren kaum Fahrradreifen zu beschaffen. – Und die öffentlichen Verkehrsmittel fielen auch schon einmal aus ... So geschah es auch an einem Sonntag nachmittag, in der Vater Urwyler in der Gemeinde Schwarzenburg Gottesdienst halten sollte. „Nimm das Postauto, damit du rechtzeitig in Schwarzenburg eintriffst", hatte der Alteste ihm noch geraten. Doch da wieder einmal Benzinmangel herrschte, wurde der Postautobetrieb an diesem Sonntag kurzerhand eingestellt. Es war üblich, daß in Schwarzenburg der Chor allsonntäglich eine Übungsstunde vor dem Gottesdienst abhielt. Hans Urwyler leitete sie als Dirigent. Als es Zeit zum Gottesdienstbeginn war und sich die Gemeinde versammelt hatte, war der Vorsteher immer noch nicht eingetroffen. Also sang der Chor zunächst ein Lied, dann noch ein zweites und drittes. Aber noch immer war weit und breit nichts vom Vorsteher zu sehen. Schließlich sagten die Sänger zu Hans Urwyler: „Du bist der Dirigent, du kannst mit uns beten." Das tat er dann auch mit zitterndem Herzen. In einer Schublade des Altars fand er glücklicherweise noch einen Gottesdienstbericht aus früheren Jahren. Diesen las er vor. Dann wurde wieder
Chor der Gemeinde Schwarzenburg (1945). In der Mitte Dirigent Hans Urwyler. Die zweite Schwester rechts neben ihm ist Hedi Wenger, die er1949 heiratete
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gesungen. Mit knapp einer Stunde Verspätung kam endlich der Vorsteher. Er war schweißgebadet, weil er die lange Strecke von Bern nach Schwarzenburg — immerhin ein Weg von etwa 15 Kilometern — zu Fuß zurückgelegt hatte. Aber er feierte mit den Geschwistern das Heilige Abendmahl und beendete den Gottesdienst mit Gebet und Segen, so daß alle glücklich und froh nach Hause zurückkehren konnten. Dem Schwarzenburger Chor, der zu dieser Zeit zwanzig Sänger zählte, standen nur drei alte Liedermappen zur Verfügung. Heute wäre das kein Problem, schließlich kann man Lieder kaufen. Damals aber mußten die Lieder von Hand abgeschrieben werden, sorgfältig Note für Note und Wort für Wort, und das alles gut leserlich. Stammapostel Urwyler hat später einmal gesagt: „Trotz aller äußeren Hindernisse blieb die Freude am Herrn immer unsere Stärke." Beruflich, das wußte er, hatte er noch einen recht langen Weg vor sich. Er wollte sich auch kaufmännisch weiterbilden und später das Kantonale Technikum in Biel besuchen. So dachte er in jenen Jahren noch nicht daran, nach einer Frau Ausschau zu halten. Dabei kannte er die, die der liebe Gott für ihn bestimmt hatte, praktisch schon seit seinen Kindertagen. Jetzt sang die junge Hedi Wenger im Chor mit, und Priester Samuel Urwyler, ihr Vorsteher, vertraute ihr die Sonntagsschüler an. Hedi Wengers Großmutter hatte in der Schwarzenburger neuapostolischen Gemeinde das Personalienblatt Nr. 1. Ihr Vater gehörte nicht unserer Kirche an, und so mögen die junge Hedi mit ihrer Mutter und den kleineren Geschwistern, die so treu zu jedem Gottesdienst kamen, dem Vorsteher
Merligen am Thuner See mit Blick zum Niesen. „Hier sprang der Funke über." 24 besonders ans Herz gewachsen sein. Samuel Urwyler hatte Hedi Wengers Entwicklung mit großer Freude beobachtet und stets eine besondere Verbundenheit mit ihr empfunden. Das verrät auch der Brief, den er ihr schickte, als er für einige Zeit aktiv am Militärdienst teilnehmen und seiner Gemeinde fernbleiben mußte. Darin heißt es unter anderem: „Es hat mich ja schon oft im stillen sehr gefreut, daß Du mir dadurch eine Hilfe bist, die Kinder zu erziehen im apostolischen Glaubensweg. Das ist ja ein so segensreicher und schöner Liebesdienst im Werke unseres Herrn Jesus. Wenn auch viel Opfer und Zeit dazu nötig ist, so ist es doch Arbeit und Hingabe mit Ewigkeitswert ..." Damals absolvierte Hedi Wenger eine kaufmännische Lehre. Aber auch später, als sie eine Stellung außerhalb von Schwarzenburg antrat, kam sie treu und zuverlässig allsonntäglich in ihre Heimatgemeinde, um die Sonntagsschule für ihre jüngeren Glaubensgeschwister zu halten. So riß auch die Verbindung zwischen Hans Urwyler und Hedi Wenger niemals ab. Sie sahen einander in den Gottesdiensten und Chorproben, aber noch immer hatte es zwischen ihnen nicht „gefunkt", wie man heute sagen würde. Das geschah erst nach dem Krieg im Jahre 1946. Der Schwarzenburger Chor hatte einen Ausflug auf den Niesen geplant, einem Berg im Berner Oberland, oberhalb des Thuner Sees gelegen. Aber Hedi Wenger hatte vor, mit ihrer jüngeren Schwester ein paar Tage in Urlaub zu fahren, und wollte deshalb nicht an dem Ausflug teilnehmen. Doch ihr Vorsteher sagte den beiden jungen Mädchen: „Nein, ihr gehört zum Chor, ihr fahrt mit!" Das Wort des Vorstehers wollten sie befolgen. Also wurde der Urlaub verschoben, Hedi und ihre Schwester erlebten mit den anderen Sängerinnen und Sängern einen unbeschwerten Tag in der Schweizer Bergwelt. Für Hedi aber wurde es ein ganz besonderer Tag, weil Hans Urwyler sich endlich ein Herz faßte und sie fragte, ob sie sich nicht einmal außerhalb der Gottesdienste und Übungsstunden mit ihm treffen wollte. Hedi sagte zu, und die beiden verabredeten sich für einen Tag in Merligen am Thuner See, wo sie und ihre Schwester dann ihren Urlaub verbrachten. Der Tag kam, und Hedi Wenger wartete und wartete. Sollte sie vergeblich gewartet haben? Hatte Hans ihr Rendezvous vergessen? Oder bereute er es bereits und blieb deshalb aus? Endlich,nit mehrstündiger Verspätung, traf er bei ihr ein, ganz aufgeregt und abgehetzt. Hans Urwyler arbeitete damals in Bern und hatte kurzfristig von seinem Vater den Auftrag erhalten, noch zwei Fahrstunden zu geben. Natürlich hätte er sagen können: „Tut mir leid, ich bin mit einem Mädchen verabredet!" Gewiß hätte der Vater dafür Verständnis gehabt. Aber das hatte Hans Urwyler nicht gewagt. Es war ja alles noch so neu und ungewiß, und da wollte er nichts zerreden. Übrigens — schon bald, nachdem Urwylers im August 1992 ihren Lebensraum zeitweise an den Thuner See verlegt hatten, suchten beide noch einmal den Platz an der alten Kirche in Merligen auf. Zur Freude von Hans Urwyler stand dort gerade ein Motorrad, das die Erinnerung an das 25
erste Rendezvous nur noch plastischer werden ließ. Von diesem schönen Fleckchen Erde schweifte ihr Blick auch nach Gunten, wo sie nun einen Teil ihres Lebensabends verbrachten. Ein Kreis hatte sich geschlossen. Doch kehren wir zurück in die Anfänge eines gemeinsamen Lebensweges. Von da an trafen sich die beiden öfter, und aus dem anfänglichen Gefallen wurde eine echte, tiefe Zuneigung. Als die zwei ihren Eltern gestanden, daß sie sich liebhatten und zusammenbleiben wollten, wurde jedes mit großer Freude in der Familie des anderen willkommen geheißen.
Am Technikum n Biel studierte Hans Urwyler 26 Allerdings wollte Hans Urwyler erst seine Berufsausbildung abschließen, bevor er mit seiner Hedi vor den Traualtar trat. Also schrieb er sich in Biel als Student beim Technikum ein, studierte dort fleißig die ganze Woche über und kam an den Sonntagen nach Schwarzenburg, um den Chor zu dirigieren — und natürlich seine zukünftige Frau wiederzusehen. Aber für zwei junge Leute, die sich liebhatten, war es doch recht hart, sich so selten zu treffen. Und so meinte Hans Urwyler eines Tages: „Du könntest doch eigentlich nach Biel kommen und dir dort eine Arbeit suchen." Hedi versuchte es und fand tatsächlich eine Anstellung in einem technischen Betrieb. Nach Abschluß des Technikums ging Hans Urwyler zunächst nach Zürich, um nach den langen Ausbildungsjahren Geld zu verdienen. Er arbeitete bei einer Zürcher Fahrschule als Fahrlehrer. Eines Tages sagte er wiederum zu seiner Hedi: „Du könntest doch eigentlich nach Zürich kommen, um dort zu arbeiten." Und da die Liebe bekanntermaßen eine Himmelsmacht ist, suchte Hedi Wenger sich eine neue Stelle in Zürich. Trotzdem vergaß sie die Aufgabe nicht, die sie im Werk Gottes übernommen hatte. Und so fuhren beide nun auch von Zürich aus an Wochenenden nach Schwarzenburg, der eine, um den Chor zu leiten, die andere, um die Sonntagsschüler zu unterrichten. Wir kennen alle die Jesuworte: „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen." Daran hielten sich Hans Urwyler und Hedi Wenger, und der Segen dafür blieb nicht aus. Eines Tages kam es Hedi Wenger zu Ohren, daß ihr Chef ein zweites Unternehmen in Bern eröffnen wollte. Es bewarben sich etliche um die Leitung der Zweigstelle, doch niemand sagte ihm so recht zu. Von Bern nach Schwarzenburg waren es nur ein paar Kilometer, gemessen an der Entfernung, die die beiden bis dahin zu ihren Heimatgemeinden zurücklegen mußten. Darum fragte Hedi eines Tages ihren Hans: „Soll ich einmal mit dem Chef sprechen, ob du vielleicht für den Posten in Frage kommst?" Hans Urwyler überlegte und meinte dann, daß die Sache zumindest einen Versuch lohne. Schließlich handelte es sich um eine Firma in der Automobil-Ersatzteilbranche, wofür Hans Urler auf Grund seiner beruflichen Ausbildung genau der Richtige war. Der liebe Gott stellte die Weichen bei der nun folgenden Bewerbung: Hans Urwyler erhielt den begehrten Posten, und somit stand einem Umzug nach Bern nichts mehr im Wege. Was Hans Urwyler nicht wußte, sondern erst viele Jahre später erfuhr: Hedi Wengers Chef entstammte einer neuapostolischen Familie, war aber im Laufe der Jahre dem Werk Gottes ferngeblieben. Anders sein leiblicher Bruder. Es war im Jahre 1976, als Hans Urwyler Bezirksapostel der Schweiz wurde. Im selben Jahr fand eine Generalversammlung der Betriebe der Automobil-Ersatzteilbranche statt, an der auch Hans Urwyler teilnahm. Da sprach Hedis früherer Chef ihn an und sagte: „Du, ich möchte dich ein‑ 27 laden, mit meinem Bruder Geburtstag zu feiern." Verwundert blickte Hans Urwyler ihn an. „Wie meinst du denn das?" Der andere lächelte. „Er ist nämlich neuapostolisch." Hans Urwyler besuchte tatsächlich jene Geburtstagsfeier, und die Freude und Überraschung seines Glaubensbruders waren riesengroß. Dieser gehörte zur Gemeinde Zürich-Hottingen, und als drei Jahre später der Neubau der dortigen großen Kirche fertiggestellt war, bat Schwester Urwylers ehemaliger Chef, an der Weihe der Kirche teilnehmen zu dürfen. Keine Frage, daß er eine Einladung erhielt. Er besuchte tatsächlich mit seiner Frau den festlichen Gottesdienst, der von Stammapostel Urwyler im Beisein vieler Apostel gehalten wurde. Aber zurück ins Jahr 1949, in dem aus Hedi Wenger und Hans Urwyler ein glückliches Ehepaar wurde. Die standesamtliche Trauung fand in Schwarzenburg statt, den Segen Gottes zu ihrer Hochzeit empfingen die beiden Brautleute in Bern, in der früheren Kirche Weißenbühl. DAS ERSTE AMT IM WERK GOTTES Wenige Wochen vor der Hochzeit hatte Hans Urwyler das Unterdiakonenamt empfangen. Aber wer hätte damals ahnen können, zu welch hohem Amt der himmlische Vater diesen jungen Unterdiakon ausersehen hatte. Hedi und Hans Urwyler wohl am allerwenigsten. Und wenn sie es gewußt hätten, so wäre ihnen wohl sehr bang ums Herz geworden, denn beide zeichnete eine große Bescheidenheit und Demut aus. Eine kennzeichnende kleine Begebenheit aus Hans Urwylers Jugendjahren hat er einmal selbst erzählt: Ein Priester forderte ihn auf, mit ihm gemeinsam einladen zu gehen. Aber das war in der französischen Schweiz, und Hans Urwyler beherrschte Französisch damals nur mangelhaft. Darum sagte er: „Nimm einen anderen, das kann ich nicht." Der Priester jedoch antwortete: „Du brauchst gar keine Entschuldigung vorzubringen, am Dienstag um acht bist du da!" Manch einer hätte nun vielleicht trotzig reagiert, nicht aber Hans Urwyler. Er selbst stellte rückschauend fest: „Ich hatte soviel Hans Urwyler „studiert" auf der Baustelle die Baupläne der Kirche in Schwarzenburg
Unsere Kirche in Schwarzenburg, die unter Mitwirkung von Hans Urwyler geplant und gebaut wurde Gottesfurcht, daß ich mir sagte: ,Wenn der Priester dich so auffordert, darfst du nicht mehr nein sagen.' Also bin ich hingegangen. Er hat es mir ganz leicht gemacht, indem er mir erklärte: ,Du kommst mit. Wenn wir dann an eine Tür klopfen, und es kommt jemand heraus, dann werde ich mit ihm sprechen, und du wirst beten.' Da habe ich gedacht: ,Wenn er mir das gleich gesagt hätte, wäre ich sofort darauf eingegangen'." Auch für seine Aufgaben als Dirigent des Schwarzenburger Chores suchte Hans Urwyler jemanden, von dem er lernen und dem er nacheifern konnte. Dirigentenschulungen gab es zu jener Zeit noch nicht, und so sah man sich eben nach einem Vorbild um. Für ihn war es der Dirigent einer großen Stadtgemeinde. Hans Urwyler fuhr gern dort hin, um die Gottesdienste zu besuchen und mit den Augen und Ohren einiges „zu stehlen", was der erfahrene Dirigent ihm voraus hatte. 1. Viele Jahre später, als er einmal als Stammapostel Südafrika besuchte, erzählte er dies und fügte hinzu, er habe seinem damaligen Vorbild nie für dessen Hilfe gedankt. Das aber wolle er jetzt nachholen. Worauf er sich dem überraschten Bezirksapostel Karl Gut, der aus Zürich stammte und seinerzeit den dortigen Chor geleitet hatte, zuwandte und ihm herzlich die Hand schüttelte. Auch zu seinem Vater, der gleichzeitig sein Vorsteher war, hat Hans Urwyler in Vertrauen und Gehorsam aufgeschaut. Das mochte ihm als junger Unterdiakon in einem ganz speziellen Fall gar nicht so leicht gefallen sein, wollte doch Samuel Urwyler in Schwarzenburg eine Kirche bauen 29
Schwarzenburg und beauftragte mit der Planung und Durchführung dieses Unternehmens seinen Sohn. Hans Urwyler ging mit Mut und Unternehmungsgeist – vor allem aber mit vielen Gebeten um die Hilfe des Herrn – die Sache an. Zuerst einmal wurden die Geschwister um Darlehen gebeten, die sie auch freudig gaben. Aber so bescheiden das Kirchlein auch geplant war – am Ende fehlten immer noch 2000 Schweizer Franken, um den Bau zu finanzieren. In dieser Situation wandte Hans Urwyler sich an seinen Bischof um Hilfe. Es war genau der richtige, „von oben" gelenkte Einfall, denn Bischof Stiefel hatte kurz zuvor den Besuch von zwei Glaubensgeschwistern erhalten, die zugleich leibliche Geschwister waren. Die beiden hatten ihm 2000 Schweizer Franken als Darlehen für irgendwelche Bedürfnisse in den Gemeinden zur Verfügung gestellt, die er nun dem Unterdiakon Urwyler aushändigte. So konnte mit dem Kirchenbau begonnen werden. Hans Urwylers Schulfreund, der Bruder Willy Leibundgut, entwarf die Pläne und übernahm die Bauleitung. Wer von den Brüdern sonst noch mithelfen konnte, tat es, und am letzten Tag des Jahres 1950 konnte Bischof Stiefel das neue Gotteshaus weihen. „Großer Gott, wir loben dich", sang die Gemeinde zum Gottesdienstbeginn aus freudigen, dankbaren Herzen, weil sie eine so schöne, würdige Versammlungsstätte bekommen hatte. Wir alle kennen das Strahlen unseres Stammapostels Urwyler von vielen Fotos. Darum können wir uns gut vorstellen, wie er auch an diesem Tage gestrahlt hat ... Es blieb nicht der einzige Kirchenneubau, mit dessen Planung und Durchführung er in den folgenden Jahren beauftragt wurde. Offenbar besaß er besonderes Geschick, mit Grundstückseigentümern zu verhandeln und alle möglichen Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. So wurde er 30 nicht nur als Gottesknecht ein „Baumeister", indem er Seelen für den Tempel Gottes bereitete, sondern ebenso in praktischer Hinsicht. 1952 empfing Hans Urwyler das Diakonenamt und schon im folgenden Jahr das Priesteramt. Fünf Jahre wirkte er noch in Schwarzenburg als Priester in großem Segen, bis Apostel Hermann Hänni ihn durch den Bezirksältesten Eberhardt mit der Aufgabe betraute, der Gemeinde Niederscherli als Vorsteher zu dienen. Nach dem Wechsel wurde die Familie in die Gemeinde Niederscherli eingebettet, obwohl sie es viel näher zur nächstgelegenen Gemeinde hätte haben können. Aber das gehörte auch zu Priester Urwylers Standpunkt: Die Familie sollte dort sein, wo er als Vorsteher wirkte. Das schuf bei allen Verständnis für andere Geschwister, die einen weiten Weg hatten. Und es blieb nicht aus, daß im Winter eine weite Strecke zu Fuß zum Gottesdienst zurückgelegt werden mußte, weil es auf den glatten Straßen mit einem Fahrzeug zu gefährlich war. Dadurch wurde das Einfühlungsvermögen der Kinder in die Arbeit des Vaters im Werk Gottes gefördert. Der Abschied von den Schwarzenburger Brüdern und Geschwistern fiel Hedi und Hans Urwyler nicht leicht, war diese kleine Gemeinde doch bis dahin ihr geistiges Elternhaus gewesen, in dem sie herangewachsen waren, einander kennen- und liebengelernt und ihre ersten Ehejahre verbracht hatten. Zwei Söhne hatte ihnen Gott geschenkt: Hans Jürg, der 1950 geboren wurde, und Martin, der 1954 das Licht der Welt erblickte. Sie waren in
Mitte: Bezirksältester Eberhardt mit Amtsträgern der Gemeinde Schwarzenburg um 1954, 2. v. 1. der Vorsteher, Priester Samuel Urwyler, rechts Priester Hans Urwyler 31
tt ~~Metlle ebersto ët1.~'. Schwarzenburg getauft worden und in die Gemeinde hineingewachsen. Gewiß haben auch die Schwarzenburger Geschwister mit ihrem Priester Urwyler gebangt und gebetet, als seine Frau zwei Jahre nach Martins Geburt an einem Rückenleiden erkrankte und sich einer Operation unterziehen mußte. Gemeinsame Freuden binden Menschen aneinander, aber noch mehr gemeinsame Sorgen. Und so wird beim Abschied der Familie Urwyler wohl manche Träne geweint worden sein. Aber das Werk Gottes stand bei Hans und Hedi immer an erster Stelle, und für die Geschwister von Niederscherli war es ein großer Segen, einen solchen Vorsteher zu erhalten. Des einen Leid, des anderen Freud, kann man auch hier sagen, und das nicht nur in geistiger Hinsicht, denn die Planungen für einen eigenen Kirchenbau der Gemeinde Niederscherli reichen in die Jahre zurück, in denen ihr Hans Urwyler als Vorsteher diente. Aus dieser Zeit berichtete Apostel Hänni einmal: „Ich wurde erstmals auf den Priester Urwyler aufmerksam, als er mich eines Tages um ein Gespräch bat, das ich ihm gern gewährte. In seinem Verlauf erzählte er mir
Blick auf Niederscherli, das zwischen Schwarzenburg und Bern liegt 32
Hans Urwyler in seinem Geschäftsbüro von der Entwicklung der Gemeinde Niederscherli, und wie der Bau der Kapelle für diese Gemeinde zustande kam. Seine Ausführungen hat er damals mit Fotos und Dokumentationen ausgeschmückt. Ich mußte mir sagen, daß dieser Mann eine glückliche Hand hat und der liebe Gott mit ihm gewesen ist. In mir hörte ich eine Stimme, daß dieser Priester Hirte werden sollte. Diese Gedanken und das ganze Geschehen drumherum habe ich wahrheitsgetreu unserem damaligen Bezirksapostel Streckeisen mitgeteilt. Auch er empfand in seinem Innern, daß die vorgeschlagene Amtseinsetzung von oben gelenkt sei. Sie wurde nach kurzer Zeit verwirklicht ..." Dies geschah Anfang des Jahres 1964. Wieviel Arbeit mit einem Amtsauftrag verbunden ist, wissen vor allem die Ehefrauen und auch die Kinder der Amtträger, die so manches Opfer bringen, wenn der Mann und Vater unterwegs ist, um den Anvertrauten zu dienen. So wurden auch die beiden Buben von Hans Urwyler einmal von einigen Geschwistern bedauert, daß ihr Vater so wenig Zeit für sie habe und so selten daheim sei. Doch darauf antwortete eines der Kinder: „Aber wenn der Vater daheim ist, dann haben wir's schön." Ganz so selten wird er aber auch nicht daheim gewesen sein, denn Stammapostel Urwyler hat einmal erzählt, daß er in seinem Terminkalender, der immer recht voll war, in bestimmten Abständen einen Tag festlegte, für den er ein „F" eingetragen hatte. „F" – das stand für „Familie". 33 Und dieses Datum blieb für seine Lieben daheim reserviert, deren Seelen ihm ja ebenso anvertraut waren wie die seiner Gemeinde. Und so, gab er einmal den Rat, sollten das alle Amtsbrüder halten. Am schönsten war es natürlich für die Kinder, wenn ihre Eltern mit ihnen gemeinsam ein paar Urlaubswochen verbringen konnten. Häufig war die Familie in Ascona im schönen Tessin. Als die beiden Buben noch klein waren, fragten sie, kaum, daß man sich dem St. Gotthard genähert hatte: „Wann kommen denn jetzt endlich die Ferien?" Ihr Vater versuchte, sie geduldig zu stimmen, und sagte: „Erst noch ein Lied singen, dann kommen die Ferien." Endlich hatte man das Urlaubsdomizil erreicht, aber die Kinder fragten immer noch: „Wann kommen denn jetzt die Ferien?" Die Antwort ihrer Eltern, daß sie doch schon da seien, erschien ihnen äußerst unbefriedigend und wurde nicht akzeptiert. Hans und Hedi Urwyler rätselten, was die beiden wohl mit ihrer Fragerei meinten. Sie erfuhren es, als man nach dem Auspacken zum Bagno publico, dem Schwimmbad am Ufer des Lago Maggiore, hinunterging. Ein schmaler Heckenweg führte zum Strand, den die Buben von früheren Urlaubsaufenthalten kannten. Und nun waren sie zufrieden und riefen: „Na, endlich kommen die Ferien!" Einmal verbrachte die Familie einige Ferienwochen mit dem Wohnwagen in Jesolo, ein anderes Mal in Antibes. Wenn es sich einrichten ließ, fuhr man auch zum Skilaufen, am liebsten nach Wengen, einem Wintersportort im Berner Oberland, der nur mit der Seilbahn zu erreichen war. Das fand Hans Urwyler besonders schön. Da er beruflich so viel mit Autos zu tun hatte, wollte er im Urlaub am liebsten keine mehr sehen und hören. Seine Tätigkeit in seiner Firma beschrieb er einmal humorvoll mit folgenden Worten: „Ich habe mein Leben lang gebremst, um vorwärtszukommen." Seit er sich als junger Mann, gemeinsam mit einem Studienfreund vom Kantonalen Technikum in Biel, selbständig gemacht hatte, war es geschäftlich stetig aufwärtsgegangen. Mit seinem Teilhaber verband ihn seit ihren Studientagen eine lebenslange Freundschaft. Wenn es möglich war, besuchten Urwylers die Frankfurter Automobilmesse. Und da Stammapostel Johann Gottfried Bischoff in derselben Stadt lebte, war es nur zu verständlich, daß die beiden einmal seinen Wohnsitz sehen wollten. Also fuhren sie eines Tages zur Sophienstraße. Hans Urwyler – er war damals noch ein junger Priester – faßte sich ein Herz und klingelte an der Haustür. Bischof Weine, der Sekretär von Stammapostel Bischoff, öffnete. Auf seine Frage, was sie hergeführt habe, stellte Priester Urwyler seine Frau und sich vor und bat den Bischof, dem Stammapostel Grüße auszurichten. Er erwähnte auch, daß sein Großvater der Schweizer Bischof Plüss sei. Bischof Weine bat die beiden Besucher, einen Augenblick zu warten. Als er zurückkam, lächelte er ihnen zu. „Der Stammapostel ist zu Hause, Sie dürfen ihn kurz besuchen." Es war ein unvergeßliches Erlebnis für Hans und Hedi Urwyler. Stammapostel Bischoff unterhielt sich eine Weile mit ihnen und sagte zum Abschied: „Einen Rat gebe ich Ihnen: Halten Sie sich immer an das Haupt." 34 Hans Urwyler hat diese Worte sein Leben lang beherzigt. Allezeit hat er sich nach seinem Stammapostel ausgerichtet, mochte er nun Johann Gottfried Bischoff, Walter Schmidt oder Ernst Streckeisen heißen, zu ihnen aufgeschaut und sie von ganzem Herzen verehrt. NEUE AUFGABEN ALS KNECHT GOTTES Der 29. April 1964 war ein einschneidender Tag im Leben von Hans Urwyler und seiner Familie. Apostel Hänni hatte sich für den Gottesdienst am Abend in der Gemeinde Bern-Bümpliz angesagt. Dabei wurde der Hirte Urwyler zum Vorsteher dieser Gemeinde gesetzt. Also hieß es nun Abschied nehmen von Niederscherli, wo man inzwischen Wurzeln geschlagen hatte und sich wohl und vertraut fühlte. Das tat weh, aber wie immer nahmen Hans und Hedi Urwyler alles im Vertrauen aus der Hand ihres himmlischen Vaters an. Hans Urwyler hat einmal gesagt: „Der liebe Gott lenkt alles, aber wir müssen uns auch lenken lassen." Dieses „Sich-lenken-lassen" zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Er nahm Gutes und Schweres auf diese Weise an und faßte keinen Entschluß, ohne nicht zuvor um die rechte Entscheidung gebetet zu haben. Die Gemeinde Bern-Bümpliz besaß damals eine räumlich beengte Versammlungsstätte. So herrschte verständlicherweise an jenem 29. April erheblicher Platzmangel, und auch die Luft war recht stickig geworden. Deshalb sagte Apostel Hänni am Schluß des Gottesdienstes zu den Geschwistern: „Es ist heute abend hier ziemlich warm geworden, und ich habe das Bedürfnis nach frischer Luft. Ich werde dann wieder jedem von euch die Hand reichen, wenn ihr hier eine neue Kirche habt." Er winkte den neuen Vorsteher zu sich, lächelte ihn an und verabschiedete sich mit den Worten: „Mach's gut, lieber Hirtenknabe!" Viele der Anwesenden lachten über diese Formulierung, und die Amtsbrüder hielten die Äußerung ihres Apostels, eine neue Kirche betreffend, mehr oder weniger für einen Scherz. Nicht so der Hirte Urwyler. Er hatte ja schon Erfahrung als „Kirchenbaumeister". Darum erklärte er bei der ersten Ämterversammlung seinen Brüdern: „Die Worte des.Apostels sind für mich ein Startschuß gewesen." Und er machte es gut, der „Hirtenknabe", der so demütig und freundlich war, eher schmächtig von Gestalt und absolut kein „Ellbogentyp". Aber wenn er etwas für den Herrn und die ihm anvertrauten Geschwister tun konnte, dann besaß er ein so großes Beharrungsvermögen und soviel gläubigen Eifer, daß nichts ihn zurückwerfen konnte. Es taten sich viele Schwierigkeiten auf, bei diesem Vorhaben, eine größere Kirche zu bauen. Zwar hatte Bezirksapostel Ernst Streckeisen seine Zustimmung zu diesem Plan gegeben, doch die Grundstücke um die alte Kirche in Bern-Bümpliz waren so verschachtelt, daß es fast aussichtslos erschien, einen Bauplatz zu erwerben, der groß genug für diesen Zweck war. 35
Bischöfe und Bezirksämter mit Apostel Hänni (Mitte). Bischof Urwyler links neben Apostel Hänni Aber Hirte Urwyler gab nicht auf. Wie oft er Gott angefleht hat, er möge helfen und die Herzen der Menschen lenken, weiß wohl nur er allein. Sein ungebrochener Wille und sein Einsatz für das Werk des Herrn ließen ihn immer wieder neue Anläufe nehmen, das benötigte Bauland erwerben zu können. Und schließlich bekannte sich der himmlische Vater zu Hans Urwylers Bitten, das fast Unmögliche wurde wahr: Es konnte mit dem Bau einer neuen Kirche begonnen werden. Die festliche Weihe nahm Bezirksapostel Streckeisen am 10. November 1968 vor. Zu diesem Zeitpunkt trug Hans Urwyler bereits das Amt eines Bezirksältesten. Er hatte es 1966 – genau wie im Jahr zuvor das Bezirksevangelistenamt – aus der Hand seines Bezirksapostels empfangen. Nun waren die Fahrten, die er zurückzulegen hatte, noch weiter als vordem, und er kam noch später heim. Aber er hatte zu Hause eine Frau, die ihn mit ihren Gebeten begleitete und ihm half, die Lasten und Sorgen seines Amtes zu tragen. Die Stunden, in denen er sich einmal, was er so gern tat, an die Orgel setzen und die vertrauten Lieder unseres Gesangbuches spielen konnte, wurden immer seltener. Aber hin und wieder war es doch möglich, und oft spielte er dann, was zu seinen Lieblingsliedern zählte: „Einen Freund hab' ich gefunden ... " Stammapostel Urwyler hat später den Amtsträgern oder 36 Dirigenten nicht verraten, welche Lieder er besonders gern hörte. Der Grund: Er wußte ja, daß man ihm dann auf jeden Fall eine Freude bereiten wollte, und dann wären in den Gottesdiensten, die er hielt, immer nur dieselben Lieder gesungen worden ... Als Stammapostel Walter Schmidt für den 27. April 1969 seinen Besuch in Esslingen ansagte, wurde der Bezirksälteste Urwyler von seinem Bezirksapostel eingeladen, ihn dorthin zu begleiten. Bezirksapostel Streckeisen kannte seinen Mitbruder nun schon einige Zeit und fühlte, daß der Herr mit ihm war und zu höheren Aufgaben berufen hatte. An jenem 27. April, an dem er durch Stammapostel Schmidt das Bischofsamt auferlegt bekam, war es Hans Urwyler recht schwer ums
Schwester Luise Urwyler mit ihren drei Söhnen (von links) Peter, Hans und Samuel 37
Herz. Er schilderte es einmal in einem Gottesdienst, als er selbst Amtsbrüder ordinierte. Da sagte er: „Ich weiß aus eigenem Erleben, daß man in Augenblicken wie diesen sich unwert fühlt und sagt: ,Ach, lieber Gott, nimm lieber einen anderen.' Ich habe das auch oft gefleht. Aber ich weiß ebenso aus eigener Erfahrung, daß, wenn man mit kindlicher, demütiger Herzenseinstellung sagt: ,Lieber Gott, mit deiner Hilfe will ich diese Aufgabe in die Hand nehmen', er das Gelingen gibt." Er hat viel Segen gewirkt, der Bischof Urwyler, und viel Freude geschenkt. Als Bezirksältester hatte er den Bezirk Bern-Balderstraße betreut, nun aber wurden ihm darüber hinaus auch noch die Bezirke BernBreitenrain (heute Bern-West), Langenthal und Thun anvertraut. Das hieß, noch mehr zu arbeiten, noch mehr unterwegs zu sein, um den Gotteskindern zu dienen. Und die Leitung seiner Firma lastete ebenfalls noch auf seinen Schultern. Meist waren es sechzehn oder mehr Stunden, die Bischof Urwylers Tagewerk umfaßten. Bezirksapostel Streckeisen und Apostel Hänni bewiesen viel Verständnis dafür, daß Hans Urwyler seine berufliche Tätigkeit nicht aufgeben wollte, war doch die Firma immer noch im Aufbau begriffen. Ein so einschneidender Schritt wie das Ausscheiden des Chefs hätte eine wichtige Entwicklung in der Firma unterbrochen. Aber Hans Urwyler sah selbst, daß es auf die Dauer nicht so bleiben konnte. Da ihm das Werk Gottes wichtiger war als alles andere, stellte er einen Plan auf, wie er sich nach und nach aus dem Geschäft zurückziehen konnte. Natürlich galt es, dafür tüchtige Mitarbeiter heranzuziehen, die dann die Lücke ausfüllen konnten, die sein Weggang hinterlassen würde, und das kostete wiederum Zeit und Arbeit. Eine große Freude und Beruhigung für Hans und Hedi Urwyler war allerdings, daß ihre beiden Söhne Interesse zeigten, nach beendeter Berufsausbildung in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und in die Firma einzusteigen; der ältere als Automobil-Ingenieur, der jüngere als Betriebswirt. Eines Tages — Bischof Urwyler diente in einer kleinen Landgemeinde — kam nach dem Gottesdienst ein älterer Priester auf ihn zu. „Kennen Sie mich noch, lieber Bischof?" fragte er. Hans Urwyler überlegte und forschte im Gesicht des Bruders. Dann schüttelte er bedauernd den Kopf. „Nein, ich kenne Sie nicht. Wer sind Sie denn?" Der Priester lächelte. „Wissen Sie noch, als vor vielen Jahren ein junger Soldat im Kantonement (Truppenunterkunft außerhalb der Kaserne) fragte: ,Kameraden, weiß einer, wo die und die Straße ist?"' Der Bischof erinnerte sich noch gut. Damals war er in jener Unterkunft als Rekrut neu zu den etwa hundert Soldaten hinzugestoßen, die auf den Strohlagern lagen, und hatte nach der Straße gefragt, in der die Gottesdienste unserer Kirche stattfanden. Ganz weit hinten war damals ein Soldat von seinem Nachtlager aufgestanden und hatte Hans Urwyler zugenickt. „Du kannst heute abend mit mir kommen, ich weiß, wo die Straße ist." Und so geschah es, daß sich zwei neuapostolische Glaubensbrüder auf den Weg zum Gottesdienst machten. 38 Stammapostel Hans Urwyler mit seiner ganzen Familie (Ende 1984) Der Priester der kleinen Landgemeinde nickte Bischof Urwyler zu: „Der Ihnen damals Antwort gab — der bin ich." Natürlich war auf beiden Seiten die Freude über dieses Wiedersehen nach so vielen Jahren groß — und noch größer diejenige, daß die beiden jungen Männer von einst im Glauben treu geblieben waren und im Amt standen, der eine als Bischof, der andere als Priester. Hans Urwyler besaß einen liebevollen Rumor. Als Bischof besuchte er einmal im Winter eine kleine Gemeinde. Die Straße zur kleinen Kirche war _schmal und steil, voller Schnee und vereist. Die beiden Bezirksämter begleiteten ihn auf dem Weg, rutschten aus und fielen hin. Da sagte ihr Bischof zu ihnen, während er den Gestürzten aufhalf: „Brüder — Ihr müßt das Stehen behalten!" Apostel Hänni, mit dem Bischof Urwyler eng zusammenarbeitete, lebte in Neuenburg und kam meist mit dem Zug nach Bern, wenn er etwas mit seinem Bischof zu besprechen hatte. Der Einfachheit halber trafen sich die beiden dann meist im Bahnhofsrestaurant. Auf der Dachterrasse des Bahnhofsgeländes gab es einige Kurzzeitparkplätze für Eilige, die rasch etwas 39 auf dem Bahnhof zu erledigen hatten, jemanden zum Zug bringen oder abholen wollten. Die Polizei kontrollierte diese Parkplätze regelmäßig, um etwaige Verkehrssünder ausfindig zu machen, die die Parkzeit von einer halben Stunde überzogen. Wer seinen Wagen auch nur ein paar Minuten länger als erlaubt dort abgestellt hatte, mußte mit einer Geldbuße rechnen. Eines Tages waren der Apostel und Bischof Urwyler wieder einmal im Berner Bahnhofsrestaurant verabredet. Hans Urwyler kam aus der Firma und mußte seinen Wagen in aller Eile auf der Dachterrasse parken. Als sich abzeichnete, daß die Besprechung mit Apostel Hänni länger als eine halbe Stunde dauern würde, wollte der Bischof einen anderen Parkplatz für seinen Wagen suchen, aber der Apostel meinte: „Laß ihn ruhig stehen, wo er ist. Du wirst keine Buße zahlen müssen." Das war ein Apostelwort für Hans Urwyler! Während die beiden nun weiter miteinander redeten, kam ein Berner Amtsbruder gerade aus dem Urlaub zurück. Er mußte auf dem Bahnhof etwas abholen und stellte seinen Wagen ebenfalls auf der Dachterrasse ab. Dabei entdeckte er den Wagen von Bischof Urwyler und stellte bei näherem Hinsehen fest, daß die Parkuhr bereits abgelaufen war. Obschon das eigentlich nicht gestattet war, hatte der Amtsbruder die Gebühr für eine weitere halbe Stunde nachgezahlt. Gleichzeitig wollte er seinem Bischof einen Gruß hinterlassen und sich aus den Ferien zurückmelden. Da er aber nur einen roten Zettel bei sich hatte, schrieb er ein paar Zeilen darauf und steckte die Nachricht unter den Scheibenwischer von Hans Urwylers Auto. Rot waren damals aber auch die Strafmandate der Verkehrspolizei ... Die Besprechung mit Apostel Hänni dauerte über zwei Stunden; Bischof Urwyler wurde nun doch etwas nervös. So lange würde doch niemals eine Polizeikontrolle ausbleiben! Er entdeckte auch sofort, nachdem er sich von Apostel Hänni verabschiedet hatte, den roten Zettel an der Windschutzscheibe seines Wagen und dachte unwillkürlich: Nun hat der Apostel doch nicht recht gehabt. Aber dann las er den Zettel und mußte sich sagen: Er hat doch recht gehabt. Vermutlich hielten die kontrollierenden Polizeibeamten den roten Zettel ebenfalls für ein Strafmandat, das bereits einer ihrer Kollegen ausgestellt hatte. Bezirksapostel Streckeisen schloß die Geschwister Urwyler, je besser er sie kennenlernte, immer mehr ins Herz. Für seinen fünfzehn Jahre jüngeren Bischof empfand er eine fast väterliche Zuneigung. Hans Urwyler blickte zu seinem Bezirksapostel aber auch auf wie ein Sohn zu seinem Vater. Wenn es seine Zeit erlaubte, kehrte Ernst Streckeisen gern in Bern bei den Urwylers zu Hause ein. Dort, mehr noch aber in den Gottesdiensten, in denen Bischof Urwyler mitdiente, wurde dem Bezirksapostel immer deutlicher, welch wunderbare Gaben der himmlische Vater in diesen Mann hineingelegt hatte. Gaben, die einmal dem ganzen Volk Gottes zugute kommen sollten ... Im November 1974 unternahm Stammapostel Walter Schmidt in Begleitung von Bezirksapostel Streckeisen seine dritte und letzte Reise nach Nordamerika, die ihn nach Kitchener (Kanada) und New York (USA) führte. Nach seiner Rückkehr wollte er am Buß- und Bettag in Ludwigshafen einen Gottesdienst für die Amtsträger des Apostelbezirkes Mainz halten. Er war damals fast 83 Jahre alt, und diese letzte große Reise hatte ihm ein Zuviel an Kräften abverlangt. Nachdem er ein paar Minuten hinter dem Altar gestanden hatte, erlitt er einen Schwächeanfall und mußte ins Krankenhaus eingeliefert werden. Bezirksapostel Ernst Streckeisen setzte den Gottesdienst fort, während Bezirksapostel Friedrich Bischoff den Stammapostel ins Spital begleitete. Ernst Streckeisen wurde nun von dem Kranken mit seiner Vertretung beauftragt. Aus diesem Grunde diente er auch vielen Tausenden von Gotteskindern zu Neujahr 1975. Als Stammapostel Schmidt, dessen Gesundheitszustand es nicht mehr erlaubte, die Last des Amtes noch länger zu tragen, am 15. Februar 1975 in den Ruhestand trat, bestimmte er — in völliger Ubereinstimmung mit allen anderen Aposteln — Ernst Streckeisen zu seinem Nachfolger. BEZIRKSAPOSTEL FÜR DIE SCHWEIZ Ein knappes Jahr noch blieb Stammapostel Streckeisen gleichzeitig Bezirksapostel der Schweiz, aber am 1. Januar 1976 erhielt dieser Apostelbezirk einen neuen Bezirksapostel: Hans Urwyler. In einem Festgottesdienst in der Kirche zu Zürich-Wiedikon legte Stammapostel Streckeisen ihm die Hände auf und sonderte ihn zu einem Apostel Jesu aus. Das Textwort dieses Gottesdienstes stammte aus dem 55. Psalm, Vers 23, wo es heißt: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn; der wird dich versorgen ..." Bezirksapostel Urwyler ergriff diese Worte im Glauben, und sie wurden ihm Stütze und Stab für seine verantwortungsvolle Aufgabe. „Ich lege dir die Last auf, die ich nun 23 Jahre lang getragen habe", sagte Stammapostel Streckeisen bei Hans Urwylers Ordination. Beide, der Stammapostel und der neue Bezirksapostel der Schweiz, waren tief demütige, bescheidene Menschen, die nach dem wort der Heiligen Schrift lebten und handelten: „Durch Demut achte einer den andern höher denn sich selbst." Viele Schweizer Glaubensgeschwister kannten ihren Bezirksapostel ja schon einige Jahre, seit er ihnen als Bezirksältester und Bischof gedient hatte, und hatten ihn liebgewonnen. Nun aber war ihm ein viel größeres Arbeitsbereich anvertraut, denn zum Apostelbezirk Schweiz gehörten auch die Gemeinden in Ostereich, Italien, Spanien, Ungarn und weiteren Ländern. Seit er als junger Mann zum ersten Mal vor seinem Apostel gestanden hatte, um ein Amt in der Kirche Christi zu empfangen, lag Hans Urwyler jede einzelne Seele am Herzen. Er wollte, daß keiner verlorenging, der vom 40 41 Wordt vervolgt.
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