![]() De biografie van Stamapostel Hermann Niehaus 2 deel 2 1
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DE BIOGRAFIE VAN STAMAPOSTEL HERMANN NIEHAUS.
Deel 2
Gegen diese ungerechtfertigt hohe Forderung legte er Einspruch ein. Es kam zu einer Verhandlung. Dabei konnte Hermann Niehaus dem Richter ausführlich schildern, was sich am Grab jener Glaubensschwester zugetragen hatte. Er verschwieg auch nicht, wie sehr er seines Glaubens wegen angegriffen wurde und wie viele Schwierigkeiten man ihm seit seinem Übertritt zur Apostolischen Gemeinde schon gemacht habe. Die Strafe aber wolle und könne er nicht bezahlen.
Der Richter hatte ihm sehr ruhig zugehört. Dann belehrte er ihn, daß er in der Tat keinen Segen am Grab hätte sprechen dürfen, da dies einer kirchlichen Handlung gleichkäme. So werde er wohl die geforderte Summe zahlen müssen. Doch Hermann Niehaus blieb bei seiner Weigerung, und der Richter, ein verständnisvoller, einsichtiger Mann, ließ alle Aussagen protokollieren und bemerkte dabei, es habe auch für ihn den Anschein, daß sehr persönliche Aversionen gegen Hermann Niehaus zu dieser Anzeige geführt hätten.
Anschließend verwies er den Evangelisten auf das Gutachten eines Rechtsgelehrten, das auch auf seinen Fall zuträfe. Darin hieß es, daß die Erteilung eines kirchlichen Segens keinesfalls eine Straftat darstelle. Für diesen Hinweis war Hermann Niehaus sehr dankbar, denn ihm war klar, daß die Angelegenheit für ihn noch nicht ausgestanden war.
So war es denn auch. Der Ortsgeistliche sorgte dafür, daß der Fall nach Berlin an eine höhere Instanz weitergeleitet wurde. Dort aber entschied man nach einigen Wochen, daß die Sache niederzuschlagen sei. Wieder einmal mehr fand der Evangelist Niehaus die Worte des Psalmisten bestätigt: „Herr, du bist meine Zuversicht und meine Burg; mein Gott, auf den ich hoffe."
Er empfand keinen Triumph über seinen Sieg, sondern wie jedesmal, wenn der liebe Gott ihm seine Hilfe erwiesen hatte, nur Dankbarkeit und Freude, die aus dem Wissen kam, daß sein Vater im Himmel mit ihm war.
Auch für eine andere Sorge, die in jener Zeit auf ihm und seinem Vorangänger, dem Bischof Menkhoff, lastete, fand sich Hilfe: Die Bielefelder Gemeinde, die „Am Sparrenberg" einen Versammlungsraum gemietet hatte, sollte obdachlos werden. Man hatte das Kirchenlokal und die Wohnung, in der Wilhelm Menkhoff mit seiner Familie lebte, gekündigt.
Es fand sich nichts Geeignetes, das man statt dessen hätte mieten können. Und selbst ein Haus mit entsprechendem Versammlungsraum zu bauen — dafür fehlten den Geschwistern die finanziellen Mittel. Doch da gab es immer noch einen Bruder in Bielefeld, seines Zeichens Möbelfabrikant. Es war derselbe, der den jungen Evangelisten Niehaus so erfolgreich im Hochdeutschen und wohl auch ein wenig in Rhetorik unterrichtet hatte, denn Hermann Nie-haus erzählte später manches Mal, wie sein Lehrer nicht nur seine Aussprache verbessert, sondern auch darauf geachtet hatte, daß er weder zu schnell noch zu langsam sprach und ihm kein falsches Wort unterlief.
„Dieser Bruder war als Sprachlehrer geradezu für mich geschaffen", erklärte Hermann Niehaus. „Predigte ich sonntags in Bielefeld, stand ich gewissermaßen unter seiner Aufsicht, denn nach beendetem Gottesdienst nahm er mich vor, zeigte mir meine Fehler und sagte mir, wie ich es hätte richtig machen müssen. Das tat mir oft weh, aber der gute Mann hatte nur mein Bestes
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Blick in den Innenraum einer unserer Kirchen in Amsterdam (Aufnahme von 1910)
im Auge. Er liebte mich sehr, weil er sah, daß seine Arbeit an mir nicht umsonst war."
Dieser Bruder erwies sich nun zum zweiten Mal als rettender Engel. Er war es, der den Bielefelder Geschwistern ein zwar einfaches, aber zweckentsprechendes Kirchenlokal mit angeschlossener Wohnung für den Bischof Menkhoff erbaute. Freilich arbeiteten manche Brüder an diesem Bau mit und trugen auf diese Weise ihren Teil dazu bei, ihrem Bischof ein neues Zuhause und sich selbst und den Geschwistern eine Segensstätte zu schaffen, aus der man sie nicht mehr vertreiben konnte.
„Wir taten alle gern, was wir konnten", berichtete Hermann Niehaus darüber. „Die Freude am Herrn und seinem Werk war die Triebfeder, die uns zu den größten Opfern die Kraft gab. Wir konnten einfach nicht anders handeln."
Inzwischen war das Jahr 1872 ins Land gegangen. Es hielt für Hermann Niehaus eine große Freude bereit, gewissermaßen ein Atemholen nach allem Sorgen und Kämpfen. Zusammen mit seinem Bischof durfte er nach Amsterdam zu Apostel Schwartz reisen.
Wie wohl tat es, den Apostel wiederzusehen! Freilich hatte man miteinander korrespondiert, die Sorgen und Probleme den Briefen anvertraut und Zuspruch und Trost hingenommen. Dennoch war es etwas ganz anderes, nun mit ihm selbst zu sprechen und seinen herzlichen, verständnisvollen Gesichtsausdruck zu sehen, wenn man ihm von den Fortschritten im Werk Gottes in Westfalen berichtete, von der Festigung des Glaubens durch gemachte Erfahrungen und von den immer noch bestehenden Schwierigkeiten.
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Für so manche fand der Apostel eine rasche Lösung, und wenn nicht, so wurde man doch zumindest darin bestätigt, daß man Geduld haben und dem lieben Gott das letzte Wort überlassen mußte.
Der Apostel Schwartz hatte viele Jahre hindurch daran gearbeitet, in Glaubensfragen die Einheit der einzelnen Apostel untereinander und damit auch der Amtsträger zu festigen. Man kann wohl sagen, daß er ein besonderes Bindeglied zwischen den damaligen Aposteln darstellte, mit denen er regelmäßig Kontakt pflegte. Das waren damals vor allem die Apostel Preuß, der für den Stamm Ephraim, also Norddeutschland, berufen war, Bösecke, der in Mitteldeutschland und Schlesien, dem Stamm Benjamin, wirkte, und Hohl, dessen Arbeitsgebiet der Stamm Simeon — Württemberg und Hessen — war. Dazu kamen die Apostel Hoppe in Nordamerika und Stechmann in Siebenbürgen.
Diese Aufteilung der Bezirke in Stämme, die schon bei den zuerst berufenen englischen Aposteln üblich war, basiert auf den Stammesbezeichnungen des alten Israel. Die späteren Apostel hatten diese Handhabe beibehalten.
Nun sollte im Mai des Jahres 1872 ein weiterer Apostel Jesu in sein hohes Amt berufen werden. Es war Wilhelm Menkhoff, einer der Treuen und Eifrig‑

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sten, die das Werk Gottes in Westfalen aufgebaut hatten. In einem Gottesdienst am 19. Mai wurde er zum Apostel für den Stamm Isaschar — Westfalen — ausgesondert.
So gab es nun das Amt, das den Heiligen Geist spendete und Macht hat, im Namen Jesu Sünden zu vergeben, auch in Westdeutschland. Die dortigen Geschwister hatten in Wilhelm Menkhoff nunmehr einen Apostel „zum Anfassen", wie man heute vielleicht sagen würde, einen, der unter ihnen lebte und jeden von ihnen kannte, waren sie doch alle durch sein Zeugnis zum Werk Gottes gekommen.
Für den Apostel Schwartz aber, dessen holländische Gemeinden zusehends wuchsen, war eine solche Entlastung dringend notwendig geworden.
Der Evangelist Niehaus sollte an jenem 19. Mai zum Bischof ordiniert werden. Doch dafür fühlte er sich mit seinen knapp vierundzwanzig Jahren nicht reif genug. In seiner Demut und Bescheidenheit und dem ernsten, grüblerischen Kern seines Wesens war er besonders in Glaubensfragen ungeheuer gewissenhaft. Drei Jahre hatte er seinen verehrten Bischof Menkhoff beobachtet und miterlebt, wie sehr dieser Mann eine Gabe Gottes war. Damit konnte er, Hermann Niehaus, sich nicht messen, fand er. Wie klein war er sich oftmals neben Wilhelm Menkhoff vorgekommen und hatte voller Liebe und Bewunderung zu ihm aufgesehen. Nach ihm das Bischofsamt zu tragen — nein, dazu fühlte er sich nicht würdig genug.
Und so bat er den Apostel Schwartz, bleiben zu dürfen, was er war, ein Evangelist, der für seine Geschwister sorgte, so gut er es vermochte, und ein fleißiger Arbeiter an den Seelen, die der liebe Gott noch hinzuführte. Er scheute nicht die Mehrarbeit, die mit dem Bischofsamt verbunden war, er hielt sich lediglich noch für viel zu unzulänglich und mit zu vielen Fehlern und Schwächen behaftet, als daß er der Amtsnachfolger Wilhelm Menkhoffs werden könnte.
Seine inständigen Bitten veranlaßten den Apostel Schwartz, von Hermann Niehaus' Ordinierung zum Bischof abzusehen, zumal der junge Mann ihm versprach, weiterhin an sich zu arbeiten, daß er einmal so weit käme, ein höheres Amt zu tragen. Bis dahin wollte er gern unter der Hand seines Apostels als Evangelist dienen.
Als Wilhelm Menkhoff und Hermann Niehaus nach Bielefeld zurückkehrten, wurde der neue Apostel mit großer Freude von den Geschwistern aufgenommen.
Doch das blieb nicht so. Mit der Ausbreitung des Werkes Gottes in Westfalen waren auch solche hinzugekommen, bei denen nur ein Strohfeuer brannte, das anfangs wohl hell aufgelodert hatte, doch im Lauf der Zeit in sich zusammensank und verlosch.
Dazu gab es andere, die der eigenen Meinung mehr Raum gaben als dem Wort vom Altar. Das waren die Kritiker, die die erste Liebe verlassen hatten und nun nach Fehlern bei Amtsträgern und Geschwistern suchten, nicht etwa, um sie liebevoll zuzudecken und im stillen für sie zu beten, sondern um sie anzuprangern. -
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Die Familie
Flaßbeck gehörte zum
Stamm der Gemeinde Quelle.
Hier: Bruder Flaßbeck mit seiner Frau
Und die dritte Gruppe fühlte sich berufen, alles anders und besser zu machen als der Apostel Menkhoff und sein Evangelist Niehaus.
Wir kennen diesen Geist auch in heutiger Zeit. Er ist so alt wie die Menschheitsgeschichte und äußert sich immer zuerst in der Frage: „Sollte Gott dies wirklich so oder so gesagt und gemeint haben?"
So gab es in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und auch noch später immer wieder einmal ungute Strömungen in den apostolischen Gemeinden. Doch sie dienten,
so schmerzlich ihre Auswirkungen auch waren, der inneren und äußeren Reinigung. Der liebe Gott hat aber zu allen Zeiten dafür gesorgt, daß sein Erlösungswerk darunter keinen Schaden nahm, sondern so, wie von ihm gewollt, erhalten blieb. Es waren die anderen, die gingen, weil es ihnen nicht gelang, mit ihren eigenen Ansichten, ihrem persönlichen Ehrgeiz oder ihren Vorbehalten Einfluß auf das Volk Gottes zu nehmen.
Der Apostel Menkhoff war, das wissen wir, über jeden Zweifel erhaben. Dennoch gab es einige, die plötzlich seinen Anordnungen widerstrebten und sich einbildeten, ebenfalls von Gott berufen zu sein, die Gemeinden zu führen. Deshalb versuchten sie, die Stellung des Apostels zu untergraben. Da der Evangelist Niehaus unbeirrt zu ihm hielt, blieb auch er nicht von übler Nachrede verschont. Er sei zu nüchtern, hieß es, zu wenig heilig — und man störte sich wohl auch an seiner Art, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, wenn es darum ging, seinen Apostel zu verteidigen. Er liebte diesen Mann von ganzem Herzen und war sogar bereit, sein Leben für ihn zu geben, wie er einmal äußerte.
Es lag einige Jahre zurück, als Wilhelm Menkhoff noch im Bischofsamt gewirkt hatte. In Bielefeld hielt ein sogenannter Freidenker öffentliche Vorträge. Dieser Mann lehnte den Glauben an Gott und ein Weiterleben der Seele strikt ab und spottete sogar darüber. Obwohl er die Geistlichen aufforderte, seine Vorträge zu besuchen und über seine Thesen mit ihm zu diskutieren, wagte es keiner, sich diesem Mann und seinem Publikum zu stellen, das sich allzu leicht verhetzen und sogar zu Tätlichkeiten hinreißen ließ.
Lediglich der Bischof Menkhoff war bereit, mit einigen Brüdern, darunter Hermann Niehaus, zu einem solchen Vortrag zu gehen und dem Atheisten
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entschieden zu widersprechen. Als diesem zu guter Letzt die Argumente ausgingen, rettete er sich in wütende Polemik und stachelte seine Zuhörer an, gegen den Bischof Front zu machen.
Der Pöbel wandte sich tatsächlich gegen Wilhelm Menkhoff und drohte, ihn totzuschlagen. Da stellten sich Hermann Niehaus und seine Brüder schützend um ihn, ungeachtet der Gefahr, der sie sich dadurch selbst aussetzten, und schafften es, ihn unversehrt aus dem Saal zu führen.
Damals hatte Hermann Niehaus die Worte gesprochen: „Wehe, wer es gewagt hätte, ihn anzurühren. Ich hätte ihn mit meinem Leben verteidigt." Wie hätte er da jetzt seinen Apostel im Stich lassen können? Lieber erduldete er jede erdenkliche Kränkung, weil er sich an seine Seite stellte, auch wenn sie ihn dieses Mal doppelt schmerzten, weil sie aus dem Kreis seiner Brüder und Geschwister kamen. In dieser Zeit lernte Hermann Niehaus, festzubleiben und sich durch nichts von seinem Weg abbringen zu lassen — Eigenschaften, die ihn später als Stammapostel zu einem Felsen machten, dem Stürme nichts anhaben konnten.
Hatte Hermann Niehaus im Jahr 1872 noch aus Bescheidenheit widerstrebt, das Bischofsamt anzunehmen, so wehrte er sich gegen Ende dieses Jahrzehnts nicht länger, als der Apostel Menkhoff ihn zum Ältesten des Bezirks Bielefeld aussonderte. Das war zur Entlastung des Apostels dringend notwendig geworden, denn der Apostel Preuß, der in Norddeutschland, dem Stamm Ephraim, wirkte, erkrankte schwer. Er litt an Magenkrebs und starb nach seiner Frau, die 1877 heimging, im Sommer des folgenden Jahres im Alter von 51 Jahren.
Schon während seiner Krankheit hatten Gegner des Werkes Gottes versucht, Unfrieden innerhalb der Gemeinden zu stiften, und nach seinem Tod meinten sie, gewonnenes Spiel zu haben. Es war in jener Zeit üblich, daß während des Trauerjahrs für einen heimgegangenen Apostel der Apostel des Nachbarbezirks die vorläufige Leitung übernahm und die verwaisten Geschwister betreute. Diesmal war es der Apostel Menkhoff. Mit großer Liebe nahm er sich seiner neuen Aufgabe an und erreichte, daß der Stamm Ephraim innerlich und äußerlich gefestigt aus jener Glaubenskrise hervorging.
Es blieb auch nicht bei dem einen Jahr, bis ein neuer Apostel für Norddeutschland ausgesondert wurde, denn erst 1881 kam Friedrich Krebs ins Apostelamt und übernahm den Stamm Ephraim.
Der Älteste Niehaus unterstützte den Apostel Menkhoff bei der Arbeit, so weit es ihm möglich war, und der liebe Gott segnete das Bemühen dieser beiden Männer, so daß die Gemeinden wuchsen und nach und nach Amtsbrüder eingesetzt werden konnten, die die Seelen betreuten.
Einer davon, ein treuer Diakon, wurde Hermann Niehaus' Schwiegervater. Am B. Mai 1880 heiratete er dessen Tochter. Einundzwanzig Jahre lang hatte er in seiner Frau Johanne geb. Hellweg eine liebevolle Gefährtin. Er selbst sagte über diese Ehe: „Ich habe mit meiner Frau trotz Kreuz und Leid 21 Jahre glücklich gelebt."
Die Ehe wurde durch neun Kinder gesegnet, von denen Hermann Nie-haus und seine Frau allerdings vier im Lauf der Zeit in die jenseitige Welt abgeben mußten. Doch auch diesen Schmerz trug die Familie Niehaus voller
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Tapferkeit und Würde und war auch darin ein Vorbild für die Geschwister, denen ähnliches Leid widerfuhr.
Die achtziger Jahre waren wichtige Aufbaujahre im Werk Gottes. So rief der Apostel Menkhoff in dieser Zeit die erste apostolische Monatsschrift ins Leben. Sie hieß „Der Herold". Die erste Ausgabe erschien 1884 und enthielt, ähnlich wie unsere heutigen Zeitschriften, die Wiedergabe von Predigten, Gottesdienst-, Reise- und Erlebnisberichten sowie glaubensbezogene Betrachtungen.
Auch gab der liebe Gott außer Friedrich Krebs noch weitere Apostel. Es waren dies: H. Friedrich Niemeyer für Australien, Ernst Obst, der als Nachfolger des heimgegangenen Apostels Bösecke in Schlesien wirkte, Georg Gustav Ruff, dem nach dem Tod des Apostels Hohl Hessen, Baden, Bayern und Württemberg zur Pflege anvertraut wurden, und der aus China stammende Apostel Lim Tjoe Kim. Dieser bediente in seiner nunmehrigen Heimat Niederländisch Indien (das heutige Indonesien) die Gotteskinder, nachdem der holländische Apostel Anthing an den Folgen eines Verkehrsunfalls 1883 gestorben war.
Hermann Niehaus war indes ein „gestandener" Mann und Familienvater, ein erfahrener Streiter im Werk Gottes und eine unentbehrliche Stütze für seinen Apostel geworden. Auch für seine irdischen Bedürfnisse hatte der liebe Gott gesorgt, denn der heimatliche Hof gedieh gut, obwohl sein Besitzer so häufig abwesend war, um seinen Apostel zu begleiten und Gottesdienste im Bezirk zu halten.
Zurückblickend scheint es so, als ob diese achtziger Jahre eine Phase des Atemholens gewesen sind, in der Hermann Niehaus Kräfte für das Kommende sammeln und ein sicheres Fundament für seine späteren Aufgaben legen konnte.
Anfang der neunziger Jahre ging es dem Apostel Menkhoff gesundheitlich immer schlechter. Am 12. Juli 1889 war seine Frau heimgegangen. Er war dreißig Jahre mit ihr verheiratet gewesen, und Auguste Menkhoff hatte treulich alles mit ihm geteilt, die Bitterkeiten und Entbehrungen, die sie um ihres Glaubens willen hatten erdulden müssen, Armut und Spott, Verachtung und Unverständnis.
In unserer modernen Zeit hat das Wort „Gehilfin" für viele einen etwas abwertenden Beigeschmack. Wenn man es aber von „helfen" und „Hilfe" ableitet, wie es ja gemeint ist, so bekommt es einen anderen Sinn. Gibt es etwas Schöneres, als jemandem zu helfen? Ist man für etwas dankbarer als für Hilfe?
So gesehen, war Auguste Menkhoff ihrem Mann in der Tat eine Gehilfin, die ihn verstand und aufrichtete, die für ihn betete und auf dem Glaubensweg an seiner Seite blieb. Sie war nur 55 Jahre alt, als sie, wie so viele Menschen damaliger Zeit, als es noch kein Penicillin gab, an einer Lungenentzündung starb.
Ihr Mann überlebte sie knapp sechs Jahre; aber die vielen Beschwernisse der Vergangenheit hatten auch seine Gesundheit untergraben. Seine Sehkraft wurde zunehmend schwächer, und das Gehör versagte den Dienst, so daß er seinen Aufgaben als Apostel Jesu nur noch in sehr eingeschränktem Maße nachkommen konnte. Deshalb übertrug er im Jahre 1894 zur eigenen teilweisen Entlastung Hermann Niehaus das Amt eines Bischofs.
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Hermann Niehaus mit seiner ersten Frau Johanne, geb. Hellweg
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anzunehmen, wozu sich dieser sogleich bereit fand. Der Apostel Krebs hatte den Bischof Niehaus schon vor einiger Zeit kennen- und schätzengelernt. Er wußte, das war ein Mann, auf den er und die Kinder Gottes bauen konnten, und so ordinierte er ihn am 17. März 1895 zum Stammbischof von Isaschar, dem Bezirk Westdeutschland, der inzwischen aus vier Unterbezirken mit sechzehn Gemeinden bestand. Welch ein Fortschritt, wenn man bedenkt, daß das Werk Gottes erst 27 Jahre zuvor mit der Versiegelung von zehn Seelen in Westfalen begonnen hatte!
Hermann Niehaus wirkte als Stammbischof nunmehr an der Seite des Apostels Krebs, aber er war auch noch dem Apostel Schwartz auf das Innigste verbunden, der so viele Jahre hindurch für ihn neben dem Apostel Menkhoff Vorbild und väterlicher Freund gewesen war. Jetzt war er eine Art Verbindungsmann zwischen dem kranken Apostel Menkhoff sowie den Aposteln Schwartz und Krebs.
Es fiel Friedrich Krebs nicht schwer, Hermann Niehaus' Herz zu gewinnen. Der Apostel stand damals in seinem dreiundsechzigsten Lebensjahr, ein Mann von großer Tatkraft und Freudigkeit. Außerdem besaß er die Gabe, schlichtend und einigend zu wirken, wenn da und dort einmal Meinungsverschiedenheiten auftraten, er war ein liebevoller Vater für die Jüngeren und ein hilfsbereiter, fürsorglicher Bruder der Älteren.
Dennoch ging es Hermann Niehaus unendlich nahe, seinen langjährigen Freund und Vorangänger Wilhelm Menkhoff zu verlieren. Sie hatten so schwere Zeiten miteinander durchlebt, aber auch glückliche Stunden im Hause Gottes, und das band sie aneinander. Au‑
ßerdem wußte Hermann Niehaus, daß die Feinde des Werkes Gottes nur darauf lauerten, daß dieser Gottesmann nicht mehr war. Dann, so meinten sie, würden die Gemeinden auseinanderfallen, und in kurzer Zeit würde niemand mehr von dieser „Irrlehre" sprechen. Die verführten Schäfchen aber würden reumütig in den Schoß ihrer angestammten Kirchen zurückkehren.
Manchmal befiel Hermann Nie-haus deswegen Verzagtheit. Es wäre furchtbar, wenn alles, was der Apostel Menkhoff bewirkt hatte, zusammenbräche und er, der Apostel Krebs und einige wenige Getreue noch einmal von vorn beginnen müßten.
Schwester Auguste Menkhoff f 52
Diese Sorgen vertraute er auch dem Apostel Menkhoff an, wenn er ihn besuchte. „Was soll werden, wenn du nicht mehr da bist?" fragte er. Aber der Apostel antwortete ihm: „Wenn ich nicht mehr bin, wird alles bessergehen."
Ein Wort, das Hermann Niehaus damals noch unvorstellbar erschien, das sich aber erfüllen sollte.
Der Apostel Menkhoff entschlief am 21. Juni 1895 in Bielefeld. Er wurde neben seiner Frau auf dem Städtischen Friedhof in Bielefeld-Gadderbaum beigesetzt. Die Grabsäule trägt die Inschrift:
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Noch heute ist die Grabstätte
der Eheleute W. und A. Menkhoff auf dem Friedhof BielefeldGadderbaum zu sehen
RUFUNG ZU EINEM APOSTEL JESU
Am 6. Dezember des Jahres 1895 ging auch der Apostel Schwartz in Holland heim. In seinen letzten Lebenstagen hatte er oft gesagt: „Ich arbeite jeden Tag an der Einheit der Apostel; am meisten bin ich eins im Geiste mit dem geliebten Apostel Krebs."
Nach seinem letzten Willen übernahm der Apostel Friedrich Krebs zu der Leitung des Westdeutschen Bezirks nun auch noch stellvertretend die Pflege der holländischen Gemeinden. Die Übernahme erfolgte während eines am Abend des Begräbnistages anberaumten Gottesdienstes. In diesem Gottesdienst wurde der bisherige Bischof Kofman aus Holland zum Stammbischof berufen, um den Apostel Krebs zu unterstützen und die seelsorgerische Betreuung der holländischen Geschwister zu gewährleisten.
Der Apostel Krebs aber, der nunmehr drei Bezirke betreute, trat mehr und mehr in die Fußstapfen des Apostels Schwartz. Auch er war bestrebt, die geistige Einheit unter allen Aposteln Jesu zu erhalten und zu vertiefen, und bald nannten sie ihn, ebenso wie die Geschwister, voller Liebe und Bewunderung „Vater Krebs".
Der Stammbischof Niehaus begleitete Vater Krebs häufig auf dessen Reisen im Bielefelder Bezirk oder auch darüber hinaus in andere Gemeinden. Dabei lernte er viel über seinen Apostel, dem er inzwischen wie ein guter, liebevoller Sohn war, aber ebenso über das Glaubensleben der Geschwister und Amtsträger. Manche Erfahrungen, die er dabei machte, kamen dem von ihm betreuten Bezirk zugute.
Wie Hermann Niehaus befürchtet hatte, waren nach dem Heimgang des Apostels Menkhoff etliche aufgestanden, die meinten, alles aus eigener Kraft besser und richtiger machen zu können als ihr Stammbischof oder der Apostel Krebs. Das hatte Unruhe unter die Geschwister gebracht. Doch Hermann Nie-haus hielt es für seine heilige Pflicht, jeder Seele nachzugehen und sie zurückzubringen, wenn sie eigene Wege einschlagen wollte.
Darin sah er das Vermächtnis seines heimgegangenen Apostels, und da er wußte, daß er sich nicht aus eigener Selbstüberhebung dazu gedrängt hatte, dessen Erbe fortzuführen, sondern daß der Herr ihn auf diesen Platz gestellt hatte, nahm er die Mühe auf sich. Voller Liebe ging er den Verirrten nach, immer in der Gesinnung seines Herrn und Meisters Jesu, nicht den Sünder zu hassen, sondern allein die Sünde.
Manches Mal war sein Bemühen von Erfolg gekrönt; aber manches Mal mußte er auch erleben, daß man dem Werk Gottes den Rücken kehrte. Das tat weh, doch der liebe Gott sorgte dafür, daß die entstandenen Lücken aufgefüllt wurden, denn er führte überall im Bezirk neue, verlangende Seelen hinzu, so daß die bisherigen Versammlungsräume in vielen Fällen bald zu klein für die Gemeinden wurden.
Während des Trauerjahres um den Apostel Menkhoff war viel darum gebetet worden, daß der liebe Gott dem Bezirk Westdeutschland wieder einen neuen Apostel geben möge. Auch der Apostel Krebs hatte es getan, wohl wissend, daß er auf die Dauer die gewaltige Arbeitslast von vier Bezirken nicht

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„Reisen” — das war in jener Zeit zumeist eine Angelegenheit mit Pferd und Wagen: zeitraubend, unbequem und ermüdend
allein tragen konnte. Er hatte mancherlei Hinweise auf den Stammbischof Hermann Niehaus erhalten.
Und so lud der Apostel Krebs seine Mitapostel Ruff und Obst zusammen mit den Bischöfen Wachmann aus Hamburg, Sebastian aus Wolfenbüttel, Hall-mann aus Berlin und den Stammbischof Kofman zu einem Festgottesdienst in der Gemeinde Bielefeld ein. Er wurde in der Volkshalle der Stadt abgehalten. Ebenso waren viele Amtsträger aus ganz Deutschland und Holland sowie die Propheten aus fünf Stämmen der Einladung von Vater Krebs gefolgt.
In jener Zeit wurden im Werk Gottes die Amtsträger zunächst durch Propheten und Weissagungen berufen und danach erst von einem Apostel ordiniert. Von jenem großen Gottesdienst ist in der Zeitschrift „Wächterstimme aus Ephraim", die unter der redaktionellen Leitung des Apostels Krebs im Verlag des späteren Apostels Bornemann erschien, ein ausführlicher Bericht zu lesen. Darin heißt es:
„Als der Apostel Krebs nach dem gemeinschaftlichen Sündenbekenntnis sagte: , So, nun werde ich Gott bittend die Frage vorlegen, der uns hier aus allen Gegenden und vielen Ländern Europas zusammengebracht hat: wen er zum Apostel für Isaschar erwählt und bestimmt hat. Der Gott, der da sagt: Fragt mich, ich will euch antworten! wird auch Antwort geben.
Ich werde zuerst den Herrn fragen, ob er den Stammbischof zum Apostel für Isaschar erwählt habe. Wenn darauf keine Antwort kommt, werde ich den Herrn fragen, ob er einen aus den Ältesten zum Apostel für Isaschar erwählt habe. Wenn darauf keine Antwort kommt, dann werde ich den Herrn fragen, ob er einen aus den Priestern des Stammes zum Apostel erwählt habe.'
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Dies, so sagte der Apostel Krebs weiter, sei die Ordnung, die Schranken, in denen er sich bewegen wolle.
Als nun der Apostel bittend dem Herrn die Frage vorlegte, ob er den bisherigen Stammbischof zum Apostel erwählt habe, ging eine gewaltige Geistesbewegung durch die Menge, und der Stammbischof Hermann Niehaus wurde durch viele Weissagungen zum Apostel für Isaschar berufen. Die erste Rufung kam durch den Propheten Fleck aus Amsterdam in holländischer Sprache, welches dann durch viele Zeugnisse des Heiligen Geistes bestätigt wurde durch alle Propheten und Weissagungen der Stämme Isaschar und Ephraim.
Der Stammbischof wurde darauf gefragt, ob er die Rufung zum Apostel annehme. Als er mit ,Ja' geantwortet, wurde ihm das Bischofsamt abgenommen und er als Apostel ausgesondert. Dann wurde er von den anwesenden drei Aposteln in den Ring, in die Einheit der Apostel des Apostolats Christi, aufgenommen." Im Anschluß daran feierten alle Anwesenden miteinander das Heilige Abendmahl. Der Gottesdienst endete mit einem herzlichen Dankgebet und dem Schlußsegen.
Während des Mittagessens, das ebenfalls in der Volkshalle stattfand und an dem etwa 250 Personen teilnahmen, versammelten sich die Sänger aus Bielefeld, Ruhrort und Iserlohn und erfreuten die Anwesenden durch ihre Liedvorträge. Dabei mochte dem Apostel Niehaus wieder einmal durch den Kopf gegangen sein, welch gesegneter Weg zu diesem Tage geführt hatte, den Hunderte von Geschwistern gemeinsam mit ihren Aposteln, Amtsträgern und Sängern erleben durften. Und er wird aus tiefem Herzen für Gottes Gnade gedankt haben, die das alles ermöglicht hatte.
Einmal hat er es in Anlehnung an 1. Korinther 3, 6. 7 in folgende Worte gekleidet: „Apostel Menkhoff hat gepflanzt, Apostel Krebs begossen, und Gott hat das Gedeihen gegeben. Der pflanzt, ist nichts, und der gießt, ist auch nichts; der aber das Gedeihen, das Wollen und Vollbringen nach seinem Wohlgefallen gibt, ist für mich alles in allem." In dieser Gesinnung nahm er auch das Apostelamt hin in dem Bewußtsein, daß ihm der liebe Gott zu allen Pflichten und Lasten die benötigte Kraft verleihen werde.
Um drei Uhr nachmittags fand abermals ein Gottesdienst statt, in dem außer dem Apostel Krebs auch die Apostel Ruff und Obst dienten und nach ihnen die Bischöfe Wachmann, Sebastian, Hallmann und der Stammbischof Kof-man. Sie alle wiesen auf die Einheit unter dem Gottesvolk hin, die so wichtig sei und die in dem letzten Jahr so große Fortschritte gemacht habe.
Um sechs Uhr abends hielt der Prediger Hoekstra aus Holland, der später als Apostel in Amerika diente, einen öffentlichen Vortrag mit dem Thema: „Beleuchtung der apostolischen Kirche der Jetztzeit." Danach verabschiedete der Apostel Niehaus alle Teilnehmer dieses erlebnisreichen, gesegneten Sonntags. Die meisten von ihnen kehrten am Montag oder Dienstag in ihre Heimatgemeinden zurück, während der Apostel Krebs noch für einige Tage bei Hermann Niehaus blieb und mit ihm die Gemeinden in Hagen, Lüdenscheid, Alte-na und Iserlohn besuchte, um ihn dort als Apostel einzuführen. Auf dieser Reise wurden viele Gläubige versiegelt und neue Amtsbrüder eingesetzt.
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Solche Tage waren glückliche Tage für Hermann Niehaus. Doch es gab auch andere, in denen er gemeinsam mit Vater Krebs auf eine Weise, die wir uns heute kaum mehr vorstellen können, immer noch gedemütigt und verfolgt wurde. Aber daraus lernte er, die Gesinnung Jesu immer mehr anzunehmen, der am Kreuz gesagt hatte: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."
Einmal hielten die Apostel Krebs und Niehaus in Cronenburg, das heute ein Ortsteil von Wuppertal ist, eine Hausandacht im Heim von Geschwistern. Gegen acht Uhr abends fanden sich dazu zwei Geistliche ein, begleitet von den Lehrern des Ortes und vielen Neugierigen. Man verwies sie nicht der Schwelle, obwohl den beiden Aposteln klar war, daß solche Gäste in der Regel Ärger bedeuteten. Aber vielleicht waren zwei — oder auch nur einer — darunter, die von den Worten der Apostel berührt wurden und sich entschlossen, das Werk Gottes näher kennenzulernen? Einer, den der liebe Gott erwählt hatte? Wie hätten sich da die Apostel verweigern können?
Doch die Sache endete böse. Kaum war die Andacht beendet, verlangte einer der Geistlichen etwas dazu zu sagen. Vergeblich wiesen die Apostel

Apostelversammlung in Holland im Jahre 1900. V. r. n. 1. die Apostel Sebastian, Kofman und Niehaus, Stammapostel Krebs (hinten), die Apostel Faber (vorn), Ruff und Wachmann. 2. Reihe: der Apostel Hallmann, die BischöfeMeuser, Bornemann und Brakke sowie drei weitere Brüder
darauf hin, daß dies nur eine Hausandacht sei, kein Diskussionsabend. Schließlich wußten sie aus gemachter Erfahrung, daß die meisten Debatten dieser Art für Andersgläubige nur ein willkommener Anlaß waren, die Gesandten des Herrn anzufeinden und zu verunglimpfen.
So geschah es auch diesmal. Einer der Geistlichen verstieg sich zu der Behauptung, wenn die Apostolischen meinten, daß es wieder Apostel gäbe, so sei auch er einer, denn er habe seiner Gemeinde den Heiligen Geist übermittelt. Er wandte sich an seine Anhänger und fragte sie rundheraus, ob dies nicht so sei, und erntete laute Zustimmung. „Dies ist meine Herde", erklärte er daraufhin stolz, bevor er sich mit seinem Amtskollegen und den Lehrern zurückzog.
Die „Herde" aber blieb vor dem Haus und wartete darauf, daß die Apostel sich auf den Weg zur Bahnstation machten. Das war ein Fußmarsch von etwa zwanzig Minuten, bei dem die beiden auf das Ärgste beschimpft und sogar mißhandelt wurden. Man bewarf sie mit Schneematsch, Eis, Erde und Steinen. Mehrmals wurden die Apostel durch derbe Tritte und Schläge zu Boden gestoßen. Blutend und zerschunden erreichten sie endlich den Bahnhof und fanden dort in der Gaststätte Schutz vor dem Pöbel.
Aber Friedrich Krebs und Hermann Niehaus hatten sich nicht gewehrt, weder mit Worten, noch indem sie die Hand erhoben hätten, obwohl es für Hermann Niehaus schrecklich war, mit anzusehen, wie sein geliebter Vater Krebs mißhandelt wurde. Das schmerzte viel ärger als seine eigenen Verletzungen. Doch er wußte: Auch Jesus Christus hatte alle Anfeindungen und Angriffe schweigend über sich ergehen lassen. Und darum hielt er es ebenso.
Trotz aller Demütigung zog am Ende sogar zaghafte Freude in sein Herz, daß er sich überwunden und genau wie der Apostel Krebs stillgehalten hatte. Es kamen ja auch wieder andere Zeiten. Im Kreis der Amtsträger und Geschwister fühlten sich die Gottesknechte wohl. Hier spürten sie die Liebe der ihnen Anvertrauten und erlebten in schönster Weise das Einssein unter den Kindern Gottes.
Das Pfingstfest des Jahres 1897 fand die Apostel Krebs, Niehaus, Obst und Ruff in Berlin vereint, gemeinsam mit vielen Amtsbrüdern aus dem Rheinland, Westfalen, Holland, Sachsen und Ostpreußen. Die Geschwister aus drei Berliner Gemeinden versammelten sich mit ihnen in einem großen Saal, der zweitausend Personen faßte.
Apostel Krebs eröffnete und leitete den Gottesdienst, der unter dem Bibelwort stand: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben." Danach rief der Apostel Krebs Hermann Niehaus an den Altar. In seiner Predigt hob dieser besonders die Einigkeit hervor, die durch dieses Gebot Gottes gefördert würde.
„Gott will, daß alle Herzen und Augen auf ihn, den einen Wahrhaftigen, gerichtet sein sollen, der keine Nebengötter duldet", sagte er. „So wurde das Volk Israel, zu welchem zuerst diese Worte gesprochen wurden, als eine Einheit, als ein Leib bezeichnet. Das eine sichtbare Haupt dieses Leibes war Mose, das Volk Israel war der geistige Leib ... War Israel ein Leib, eine ,Einheit', so gipfelte diese Einheit in dem einen Gott ... War aber der Leib sichtbar, so mußte
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auch das Haupt des Leibes sichtbar sein, worin die Einheit Israels gipfelte. Diese Einheit Israels wurde offenbar in dem einen Mose, dem Haupte des Volkes, er repräsentierte sozusagen den einen Gott, wozu er auch von seinem Sender gesetzt war ... "
Der Apostel führte diese Gedanken noch weiter aus, indem er als Beispiele Vereinigungen nannte, die alle ein Haupt an der Spitze brauchten, das den Kurs bestimme. So sei es auch in der Familie. Wenn dort Ordnung und Einheit herrschen sollen, so müsse der Mann das Haupt aller sein. „Wollen alle herrschen, dann ist Unordnung, Verwirrung und Untergang des Familienlebens die Folge davon. So wie im Familienleben, so ist es auch im Kirchlichen."
Im Weitergehen ermahnte er die Geschwister, an dieser Einigkeit festzuhalten und treu in der Nachfolge zu bleiben. „Sehet auf uns und auf die, die also wandeln, wie ihr uns habt zum Vorbilde. Hier sind heute vier Apostel gegenwärtig, und die Apostel in anderen Weltteilen sind im Geiste mit zugegen. Diese Einheit ist der Glanz der Herrlichkeit, Christus in uns."
In diesem wie auch in vorangegangenen Gottesdiensten trat also immer mehr zutage, daß die Apostel sich freiwillig und in der klaren Erkenntnis der Notwendigkeit eines Führers im Werk Gottes unter den Apostel Krebs gestellt hatten, den man auch als „Einheitsvater" bezeichnete. So kann man dieses Pfingstfest in Berlin mit Recht als die offizielle Geburtsstunde des Stammapostelamtes bezeichnen, weil sich dabei zeigte, daß alle Apostel in Vater Krebs ihren Vorangänger sahen, die oberste Autorität im Werk Gottes auf dieser Erde. Durch das Aufblühen der Gemeinden und die Ausbreitung der Apostellehre war dies auch notwendig geworden, um eine weltweit gemeinsame Ausrichtung im Glauben ebenso zu gewährleisten, wie eine entsprechende Verwaltung.
Allerdings war Vater Krebs wegen seines vorgerückten Alters bestrebt, für den Fall seines Heimgangs Vorsorge zu treffen, damit dann das Werk Gottes nicht womöglich eine Zeitlang führerlos bliebe. Des weiteren kristallisierte sich immer deutlicher heraus, daß er neben seiner Arbeitslast als nunmehriger Stammapostel nicht mehr in der Lage war, seinen eigenen Apostelbezirk so zu betreuen, wie dies notwendig gewesen wäre. Deshalb trug er sich mit dem Gedanken, einen Nachfolger zu bestimmen. Ein Jahr lang betete er darum, flehte um Hinweise, wer dieser Mann sein sollte, der nach ihm das Werk Gottes als Stammapostel führen konnte, und wurde immer wieder auf Hermann Nie-haus gelenkt.
Und so fragte er ihn am Pfingstfest des Jahres 1898 in einem großen Festgottesdienst, der wiederum in Berlin stattfand, ob er gewillt sei, als sein Nachfolger nach seinem Tode an seine Stelle zu treten. Zunächst wehrte Hermann Niehaus erschrocken ab; Vater Krebs solle einen anderen Apostel für dieses hohe Amt bestimmen, da er sich dieser Aufgabe nicht wert erachte. Aber der Stammapostel blieb bei seiner Entscheidung, zumal alle anderen Apostel einmütig seiner Meinung waren.
Der Apostel Niehaus sagte schließlich mit bebendem Herzen „Ja". Sein Trost dabei war, daß Vater Krebs trotz seiner 66 Jahre gesund und kraftvoll war, von einer Vitalität, die jüngere mitriß, so daß er, Hermann Niehaus, viel‑
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Weite Strecken legte Hermann Niehaus mit dem Zug zurück. Hier: der Bahnhof von Quelle
leicht gar nicht in die Lage kommen würde, die Bürde des Stammapostelamtes auf sich zu nehmen. Dieser Gedanke ließ seinen Sinn ein wenig leichter werden.
In jenem Pfingstgottesdienst setzte der Stammapostel Krebs auch die beiden Bischöfe Wachmann und Sebastian als Apostelhelfer ein, damit sie ihm in seinem eigenen großen Bezirk noch mehr als bisher zur Seite stehen könnten. So waren nun wiederum Weichen für die Zukunft gestellt, und der liebe Gott segnete alles Mühen und Arbeiten in reichem Maße.
Dem Apostel Niehaus aber gewährte er noch knapp sieben „Lehrjahre" an der Hand von Vater Krebs, um in das Stammapostelamt hineinzuwachsen. Hermann Niehaus hat sie genutzt. So oft er konnte, war er mit dem Stammapostel zusammen, kein Tag verging, an dem er nicht für ihn gebetet und voller Dankbarkeit seiner gedacht hätte. Der Wille des Stammapostels war auch der seine, und bei allem, was er tat oder unterließ, fragte er sich zuvor, wie wohl Vater Krebs an seiner Stelle handeln würde. Wie groß und unerschütterlich sein Glaube an das Wort des Stammapostels war, beweist eine kleine Begebenheit.
Der Apostel Niehaus war von ihm beauftragt worden, nach Frankfurt am Main zu reisen, um dem Apostel Ruff in einer bestimmten Angelegenheit behilflich zu sein. Aber Hermann Niehaus war schwer erkrankt. Er litt an einer Kopfnervenentzündung, die nicht nur äußerst schmerzhaft war, sondern auch lebensbedrohlich werden konnte. Deshalb war unter normalen Umständen nicht daran zu denken, daß er das Bett verlassen könnte. Die Schmerzen plag‑
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ten den Apostel so sehr, daß er seinen Kopf in dicke Tücher gewickelt hatte, da ihm der leiseste Lufthauch wehtat; er konnte kaum den Mund öffnen und daher auch nichts essen. Umgehend teilte er Vater Krebs seinen Zustand mit und erwartete nichts anderes, als daß jener nun einen anderen Apostel an seiner Stelle nach Frankfurt senden würde. Aber die Antwort von Stammapostel Krebs war kurz und bündig: „Fahre ab, ich schütze dich!"
Das war ein Wort, das Hermann Niehaus im Glauben aufnahm. Er stand auf und machte sich zur Abreise bereit. Seine Frau war voller Sorge. Schließlich wußte sie, daß ihr Mann todkrank war. Und trotz der Worte von Vater Krebs war nicht etwa eine spontane Besserung in Hermann Niehaus' Befinden eingetreten. Um ihn daheim zu behalten, wollte Schwester Niehaus sogar die Kleider und Stiefel ihres Mannes wegschließen, doch der Apostel ließ sich nicht umstimmen. Er würde nach Frankfurt fahren, um die Worte des Stammapostels würden sich bewahrheiten.
Bevor er ging, tröstete Hermann Niehaus seine Lieben mit dem Wort aus Matthäus 16, Vers 25: „Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden."
Die Reise gestaltete sich schwierig und voller unvorhergesehener Hindernisse. Schon zu Hause war dem Apostel klargeworden, daß er sich sehr beeilen mußte, wenn er von der Bahnstation Brackwede aus seinen Zug noch erreichen wollte. Schweißgebadet kam er dort an. Selbst sein Überrock war durchnäßt, da er hastig und unter großer Anstrengung querfeldein gelaufen war, um den Weg abzukürzen.
Immerhin kam er noch rechtzeitig und konnte sich im Abteil auf einen Fensterplatz setzen, wo die Sonne hereinschien. Die Wärme tat ihm wohl und ließ seine Kleider trocknen, so daß er sich während der Fahrt ein wenig erholte. Er wußte, daß er in Altenbeken umsteigen mußte, dort aber eine Stunde Aufenthalt hatte. Es war August und sommerlich warm; deshalb setzte sich der Apostel auf dem Bahnsteig auf eine Bank und wartete. Er sah, wie ein Zug einlief, und fragte zur Sicherheit einen Bahnbeamten, ob das sein Anschlußzug sei. Nein, dieser Zug fahre nicht nach Frankfurt, wurde ihm mitgeteilt. Den‑
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noch verspürte Hermann Niehaus plötzlich Unruhe. Deshalb wandte er sich an den Bahnhofsvorsteher und erkundigte sich bei ihm nach der genauen Abfahrtszeit seines Zuges. Zu seinem Schrecken erhielt er die Auskunft, daß es der gerade aus dem Bahnhof rollende Zug war, den er hätte nehmen müssen.
War das der Schutz, den ihm der Stammapostel zugesagt hatte? Hermann Niehaus atmete tief durch. Er wollte nicht zweifeln, sondern weiterhin glauben und vertrauen! Wie er denn nun nach Frankfurt käme, fragte er den Bahnhofsvorstand. Vielleicht über Köln? Gab es dort eine Möglichkeit, den Anschlußzug zu erreichen? Der Beamte hob die Schultern. „Das ist fraglich. Nehmen Sie besser den Schnellzug nach Kassel. Der kommt in wenigen Minuten hier an. Mit ein bißchen Glück können Sie in Kassel dann noch den Frankfurter Zug erreichen. Sie müssen sich dort allerdings beim Umsteigen sehr beeilen, denn er fährt genau um die Zeit ab, in der Ihr Zug in Kassel einläuft." Der Apostel Niehaus bedankte sich und stieg in den angegebenen Schnellzug. „Fahre ab, ich schütze dich!" hatte Vater Krebs versprochen. Das genügte ihm.
In Kassel stand er auf dem Trittbrett seines einfahrenden Zuges und sah auf dem gegenüberliegenden Gleis, wie sich der Zug nach Frankfurt gerade in Bewegung setzte. Kurz entschlossen sprang der Apostel von dem noch fahrenden Zug und schaffte es gerade noch, auf den Frankfurter Zug aufzuspringen. Erschöpft, aber glücklich saß er dann im Abteil. „Fahre ab, ich schütze dich!" schienen die Räder zu rattern, und auf einmal bemerkte er, daß es ihm auch gesundheitlich wesentlich besser ging. Die fürchterlichen Schmerzen hatten nachgelassen, etwas, worauf er zunächst gar nicht so geachtet hatte, weil er viel zu sehr damit beschäftigt gewesen war, seinen Zug nach Frankfurt zu erreichen.
Als der Apostel in der Mainmetropole eintraf, schon sehnlichst von dem Apostel Ruff erwartet, war jede Spur der gefährlichen Kopfnervenentzündung verschwunden, und am nächsten Tag konnte er ohne alle Beschwerden erst in Frankfurt und dann in Mainz Gottesdienste halten.
Tags darauf kam er wohlbehalten daheim in Quelle an und sagte zu seiner Frau: „Siehst du, wäre ich zu Hause geblieben, wäre ich heute noch krank. So aber bin ich gesund." In der Erinnerung an die ausgestandenen Strapazen fügte er dann allerdings doch hinzu: „Ich wünsche aber keinem Menschen eine solche Fahrt." Das sind Glaubenserlebnisse, die man nicht vergißt.
Hermann Niehaus war bekannt für seine große persönliche Bescheidenheit. Er mochte es nicht, wenn man viel Aufhebens um ihn machte; jegliche Ehrenbezeugungen wies er weit von sich. So wollte er auch nie als Mittelpunkt einer besonderen Festlichkeit dastehen. Alles, was ihm am Herzen lag, war, ein geeignetes Werkzeug in der Hand Gottes zu sein. Und er wußte, daß dies nur möglich ist, wenn man sich nichts auf sich selbst und seine eigenen Fähigkeiten einbildet, sondern aus vollem Herzen sagen kann: Alles, Herr, bist du!
Während einer Versammlung von Amtsträgern äußerte er einmal zu diesem Thema: „Ein treuer, gehorsamer, in der Geistesverbindung stehender Unterdiakon ist mir viel lieber als ein ,Herr' Apostel oder Bischof oder Ältester und Priester, der seine eigene Weisheit bringt und seinen eigenen Willen tut und nicht den Willen seines Senders."
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Der
Apostel Niehaus reiste nach Frankfurt. Eine dortige Straßenbahn aus jener Zeit
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Gerade diese Einstellung war es, die den Apostel Niehaus seinen Brüdern und Schwestern so lieb machte. Und da Liebe immer Freude zu bereiten sucht und Dankbarkeit Empfangenes vergelten will, kam es, daß die Gotteskinder seines Bezirks einmal gegen das Gebot des Apostels handelten, der nicht wollte, daß man ihm an seinem Geburtstag besondere Ehrungen erwies.
Die Brüder hatten hin und her überlegt, womit sie Hermann Niehaus eine freudige Überraschung bereiten könnten, und einer der Vorsteher kam schließlich auf die Idee, ihn an seinem 51. Geburtstag mit einem morgendlichen Ständchen zu wecken.
Die Posaunenbläser der Gemeinden Iserlohn und Hagen fuhren in der Nacht zum 28. Juli 1899 nach Bielefeld. Um zwei Uhr trafen sie dort ein und mit ihnen noch viele Brüder anderer Gemeinden. Gegen drei Uhr sammelten sich auch die Sänger der Bielefelder Gemeinde, so daß sich am Ende etwa siebzig Personen auf den Fußmarsch vom Bahnhof Bielefeld nach Quelle zum Anwesen ihres Apostels machten.
Dort stellten sich alle in größter Heimlichkeit und Stille im Garten auf, und die Bläser holten ihre Instrumente und Noten hervor. Im Haus schlief noch alles. Der Stammapostel Krebs war am Vorabend ganz unverhofft zu Besuch gekommen, und man hatte noch lange mit ihm zusammengesessen. Die Kirchturmuhr von Steinhagen verkündete gerade die vierte Morgenstunde, als der Dirigent des Posaunenchores seinen Spielern den Einsatz gab. Gleich darauf ertönte das schöne alte Kirchenlied: „Wie schön leucht' uns der Morgenstern." Als nächstes sang der Chor „Bis hierher hat mich Gott gebracht", und danach spielten die Bläser den Choral „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!"
Die Schläfer im Haus waren schon bei den ersten Takten erwacht, und jeder beeilte sich, nach draußen zu den Brüdern und Schwestern zu kommen. Hermann Niehaus war von der gelungenen Überraschung so bewegt, daß er zunächst kein Wort hervorbrachte. So war es der Stammapostel Krebs, der statt seiner ein paar Dankesworte sprach: „Ihr habt Zeit und Mühe, Reisekosten und selbst den Schlaf geopfert, um eurer Liebe zu eurem Apostel Ausdruck zu verleihen. Diese Tat der Liebe ist euch hoch anzurechnen und gibt Zeugnis von der innigen Verbindung und der Aufrichtigkeit eurer Verehrung und Liebe. Dieses Bewußtsein ist köstlich für euren Apostel, aber auch ein Trost und eine Stärke."
Der Apostel Niehaus sollte an diesem Morgen aber noch ein ganz besonderes „Geburtstagsgeschenk" erhalten, eine Seele, die er dem lieben Gott zuführen durfte. Es war nämlich auch ein junger Militärschüler unter den Gratulanten, der schon einige Zeit die Gottesdienste in der Apostolischen Gemeinde besucht hatte. Dieser junge Mann trat nun vor und bat um die Heilige Versiegelung. Er müsse wieder zur Schule zurück, wolle aber zuvor ein Gotteskind werden. Der Stammapostel nahm ihn bei der Hand und führte ihn vor Hermann Niehaus. „Hier hast du die erste Glaubensfrucht in aller Morgenfrühe ... Hier, unter Gottes freiem Himmel, versiegle ihn."
Mit Tränen der Freude dankte der Apostel Niehaus dem lieben Gott, daß er seinen Geburtstag mit solchem Segen kröne. Dann legte er dem jungen
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Mann die Hände auf, der kniend von seinem Apostel den Heiligen Geist empfing. Es war eine Morgenfeier, wie sie nicht schöner sein konnte, zumal auch die Sänger und Spieler ihr Geburtstagsrepertoire noch nicht beendet hatten, sondern abwechselnd noch einige Lieder vortrugen.
Anschließend gab es für die Nachtwanderer noch ein rasch zubereitetes Frühstück im Hause des Apostels, und kurz nach sieben Uhr kehrten die meisten wieder nach Hause zurück und fuhren zur Arbeit.
„Liebe Gott von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst." Nach diesem Gebot handelte Hermann Niehaus; und da er Liebe gesät hatte, durfte er auch Liebe ernten. Nicht nur an solchen Festtagen wie an seinem Geburtstag, sondern ebenso oder noch viel mehr in den Tagen des Leides. Da beteten für ihn, für die er gebetet hatte, und trauerten mit ihm, mit denen er getrauert hatte, wenn Gott Prüfungen zuließ. Denn auch dies gehört ja zur Reife eines Gotteskindes und im besonderen zum Leben eines Apostels, darum zu wissen, wie schwer es den Menschen manches Mal ankommt, wie Hiob zu sagen: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; der Name des Herrn sei gelobt."
Das ist wohl das Schwerste im Leben, doch auch darin, so will es der liebe Gott, sollen seine Knechte Vorangänger sein. So blieb es auch Hermann Nie-haus nicht erspart, unter das Kreuz zu gehen.
Seine Eltern, die er herzlich liebte, gingen kurz nacheinander heim, nachdem der Vater fast so lange, wie Hermann Niehaus denken konnte, krank ge‑

Der Posaunenchor der Gemeinde Bielefeld (aus späterer Zeit)
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Die Söhne des Stammapostels Niehaus im fortgeschrittenen Alter. Beim Tod ihrer Mutter, der ersten Frau des Stammapostels, waren sie teilweise noch unmündige Kinder
wesen war. Und auch die Mutter war in ihren letzten Lebenstagen von körperlichen Gebrechen geplagt worden. Dann mußten er und seine Familie einen Schwager und kurz darauf eine Schwester in die jenseitige Welt abgeben und, wie schon erwähnt, vier Kinder.
Doch das bitterste Leid bedeutete für ihn der Verlust seiner geliebten Frau im Juni 1901. Mit ihr verlor er nicht nur die Mutter seiner Kinder, sondern vor allem die Weggefährtin, die ihm in allen Kämpfen und Schwierigkeiten zur Seite gestanden und in ihrer Heimatgemeinde oder wo immer sie gemeinsam mit ihrem Mann in Erscheinung getreten war, durch ihr Wesen große Zuneigung erweckt hatte.
Weinend stand Hermann Niehaus an ihrem Sterbebett, aber sie sagte zu ihm in ihren letzten Augenblicken in seltsamer Hellsichtigkeit: „Weine nicht, für dich ist schon gesorgt." Auch diese Worte waren ein Beweis ihrer Liebe, die nicht das Ihre suchte, nicht wollte, daß der zurückgebliebene Ehegatte einsam blieb, nur damit er sie um so schmerzlicher vermißte. Vielmehr wünschte sie, ihn in der Fürsorge einer anderen Frau gut aufgehoben zu wissen.
In den Stunden des Abschieds vermochte Hermann Niehaus diese Äußerung zunächst nicht zu fassen. Er selbst sagte über den Verlust seiner Frau, der ja nicht nur ihn, sondern ebenso seine Kinder betraf: „Da war für mich beinahe Weltende. Wie sollten wir durchkommen?" Aber bald durfte er erleben, daß sich die Worte der Sterbenden bewahrheiteten. Die Kinder brauchten ja auch wieder eine Mutter, die für sie da war, wenn der Vater seinen Aufgaben im
Werk Gottes nachging. Hermann Niehaus fand sie in einer Glaubensschwester, die den Platz der Verstorbenen mit einem Herzen voller Liebe einnahm. Dennoch blieb der Weg der Familie Niehaus weiterhin ein Leidensweg.
Im Glück rät es sich leicht einem anderen: Du mußt dieses und jenes ertragen und trotzdem den Kopf oben behalten. Es aber tun, wenn man selbst im Unglück steht, ist etwas ganz anderes.
Wilhelmine (Minna), die zweite Frau des Apostels Niehaus, erkrankte bald nach der Hochzeit so schwer an Rheumatismus, daß sie sich im Lauf der Jahre nur noch im Rollstuhl fortbewegen konnte. Doch auch dieses Kreuz nahmen der Apostel und seine Gattin in Geduld und Glauben auf sich und wurden darin zum Vorbild für viele, denen ein ähnliches Schicksal beschieden war.
Im April 1902 weihte der Stammapostel Krebs ein neues Gemeindelokal in Bielefeld. Der Bezirk war so groß geworden, daß der bisherige Versammlungsraum nicht mehr ausreichte. So war mit einem entsprechenden Neubau begonnen worden, der nun fertiggestellt war. In diesem Gottesdienst ordinierte der Stammapostel den Bischof Heinrich Bornemann zu einem Apostel Jesu, damit dieser Hermann Niehaus in seiner Arbeit behilflich sei. In der neuerbauten Bielefelder Kapelle, die unter großen finanziellen Opfern der Geschwister errichtet wurde, befand sich hinter dem Altar ein Fenster mit Glasmalerei. Sie stellte ein Stück Reichsgottesgeschichte in Westfalen dar. Ein Bild zeigt den Apostel Menkhoff, der als Sämann über den Acker geht und den Samen der Apostellehre ausstreut. Als nächstes sieht man den Stammapostel Krebs. Der von dem Apostel Menkhoff gesäte Samen ist aufgegangen und zu zarten Pflänzchen

Stammapostel Niehaus mit seiner zweiten Frau Wilhelmine, geborene Niehüser
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geworden. Vater Krebs begießt sie, um ihr Wachstum zu fördern. Auf dem dritten Bild tritt der Apostel Hermann Niehaus als Schnitter in Erscheinung, der durch das reif gewordene Ährenfeld geht, um die Ernte einzubringen.
Wenn Hermann Niehaus diese Glasmalerei manchmal betrachtete, mochte er daran denken, daß seine Sense auch gelegentlich an einen harten Stein gekommen war, der sich der Erntearbeit in den Weg gestellt hatte. Er hatte Scharten geschlagen, ein solcher Stein, aber er hatte ihn, Hermann Niehaus, nicht hindern können, weiter voranzugehen und zu ernten. Und dies war es, was letztlich zählte. Nicht die Steine, nicht die Scharten — sondern die, die hinzugekommen und reif geworden waren durch die Pflege des Heiligen Geistes.
Sie alle hatten erleben dürfen, daß Gott nicht nur ein Gott der Vergangenheit war, von dem man in der Bibel liest, sondern daß er, wie einst zu dem Volk des Alten Bundes, auch zu ihnen durch seine Gesandten sprach, um sie wissen zu lassen, was in ihrer Lebenszeit sein Wille war.
„Nur ein Wort im Fleisch ist ein Lebenswort", hatte der Apostel Niehaus einmal in einem Gottesdienst gesagt. Und: „Unser Gott kommt und schweigt nicht." Das hatte er in fast vierunddreißig Jahren als Gotteskind erfahren.
Am 21. Januar 1905 ging der Stammapostel Friedrich Krebs nach nur dreitägigem Krankenlager völlig unerwartet in die jenseitige Welt.
So war nun doch geschehen, wovon der Apostel Niehaus wenige Jahre zuvor gehofft hatte, daß es nie eintreten würde: Er wurde der Nachfolger von Vater Krebs, dem Haupt des Volkes Gottes auf Erden.
Noch am Sonntag zuvor hatte der Stammapostel Krebs in Bielefeld Gottesdienst gehalten — kraftvoll, wie man es von ihm kannte, ohne jedes Anzeichen einer Erkrankung oder körperlicher Schwäche. Doch in der darauffolgenden Woche erkrankte er an Lungenentzündung. Durch eine hinzukommende Herzlähmung fand der Stammapostel Krebs den Tod.
Hermann Niehaus stand fassungslos vor diesem Ereignis, und mit ihm erging es unzähligen Brüdern und Geschwistern so. Außer einem Nachruf in der Zeitschrift „Wächterstimme aus Ephraim" veranlaßte der neue Stammapostel Hermann Niehaus die Herausgabe einer Gedächtnisschrift mit dem Titel „Letzte Worte und Taten". Darin schrieb er selbst (auszugsweise Wiedergabe): „Hätte ich gewußt, als der liebe Vater und Apostel Krebs stark acht Tage vor seinem Tode bei uns in Bielefeld war, daß er nach acht Tagen auf dem Toten-bette liegen würde, ich wäre zusammengebrochen. Als der liebe Vater mit dem lieben Bischof Bock in Bielefeld ankam und von mir und dem Apostel Borne-mann und mehreren Brüdern am Bahnhof in Empfang genommen wurde, sprang derselbe so leicht und freudig aus dem Schnellzuge, daß ich zu den Brüdern sagte: Der liebe Vater ist nicht älter, sondern ein Jahr jünger geworden.
Der liebe Vater Krebs kam gern nach Bielefeld, um bei mir auf dem Lande ein wenig zu ruhen und sich zu erquicken. So hatte ich ihn mit List und Liebe gelockt, um sich einige Stunden von seiner schweren, vielen Arbeit loszureißen. Er hatte Verlangen, zu mir zu kommen, und ich hatte großes Verlangen nach ihm und setzte alles daran, es möglich zu machen, was denn auch gelang. Nach dem Gottesdienst fuhren wir zu meiner Wohnung, wo der liebe Stammapostel gern ein bißchen abseits im stillen Landhause verweilte. Nachdem für leibliche Erquickung gesorgt und noch mancherlei besprochen, mahnten wir den Vater, zur Ruhe zu gehen, wozu er noch keine Lust hatte, aber er mußte Folge leisten.
Des anderen Morgens um zehn Uhr fuhr er ab; der Apostel Bornemann, Bischof Meyer und ich begleiteten ihn bis zum Bahnhof Bielefeld.
Am Dienstagabend, also nur wenige Tage später, bekam ich ein Telegramm: ,Vater ist krank!' Ich fuhr am Donnerstag nach Braunschweig, da ich am Mittwoch nicht konnte. Aber wie erschrak ich, als ich hörte, daß von der er‑
Das
Buntglas‑
fenster an der
Rückwand der
Bielefelder Kirche;
es zeigt die Apostel
Menkhoff, Krebs
und Niehaus
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sten Stunde seiner Krankheit an die Schwäche so schnell eingetreten war, daß er fast nicht mehr sprechen konnte. Ich dachte, nun geht mein Leiden an ..."
Es war ein ergreifender Trauergottesdienst, der in der Kapelle der Braunschweiger Apostolischen Gemeinde gehalten wurde. Nahezu tausend Amtsträger und sechs Apostel hatten sich eingefunden. Hermann Niehaus hatte als Textwort Hebräer 13, Vers 7 gewählt: „Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach."
In großer, sichtbarer Bewegung sagte der Apostel Niehaus: „Es fällt mir sehr schwer, am Sarge unseres geliebten Vaters zu euch zu sprechen, denn ihr alle wißt, wie ich mit ihm Freude und Leid geteilt, gelitten und gestritten habe und habe zu ihm gestanden wie ein Kind zu seinem Vater, aber das Wort eines berühmten Staatsmannes steht mir vor Augen und im Herzen: ,Des Dienstes gleichgestellte Uhr hält uns im Geleise.'"
Er ging dann auf die Arbeit ein, die der heimgegangene Stammapostel an den Kindern Gottes getan hatte.
Am Nachmittag versammelte sich die Gemeinde mit allen auswärtigen Amtsbrüdern unter der Obhut der anwesenden Apostel zu einem Abschiedsgottesdienst in der Kirche. Dabei wiederholte der Stammapostel Hermann Niehaus, was er schon am Vorabend im Kreis der Apostel und Amtsträger gesagt hatte: daß er das Werk nach dem Willen des Heimgegangenen weiterführen werde, wie er es ihm vor Jahren versprochen habe, daß er aber bei dem Gedanken an die große Verantwortung zittere, da er doch wisse, wieviel Mühe und Schweiß und Blutstropfen es den lieben Vater Krebs gekostet habe, das große Werk so weit voranzubringen.

An der Seite von „Vater Krebs": Hermann Niehaus mit den Aposteln Ruff (links) und Kofman
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EIN VATER DER GLÄUBIGEN
„Darum vorwärts in Jesu Namen und Taten!" hieß es in einem Bericht über den Amtsantritt des Stammapostels Hermann Niehaus. Dies war ein Wort nach seinem Herzen. Er war immer ein Mann der Tat gewesen und wußte, daß er die Furcht, die er bei der Übernahme seines Amtes vor der allzu großen Verantwortung verspürt hatte, durch zwei Dinge besiegen konnte: durch herzliches Beten, um in der ständigen Verbindung mit seinem Sender zu bleiben, und durch Arbeit.
In diesem Januar 1905 bestanden in Deutschland und Holland sechs Apostelbezirke mit insgesamt 488 Gemeinden, die von sechs Aposteln geleitet wurden. Für seinen eigenen Bezirk war dem Stammapostel Niehaus der Apostel Bornemann als Hilfe beigegeben. Obwohl Hermann Niehaus in den vergangenen Jahren mit Vater Krebs etliche Bezirke besucht hatte, wollte er nun alle kennenlernen und die größeren Gemeinden bedienen, damit auch die Geschwister ihn besser kennenlernten. Außerdem konnte er „vor Ort" eventuell aufgetretene Probleme schneller erfassen und, wenn möglich, eine Lösung dafür finden.
Noch war Winter und damit eine relativ ruhige Zeit auf dem eigenen Hof. Der Stammapostel nutzte sie, um seine Reisepläne in die Tat umzusetzen. Am Samstag, dem 18. Februar, kam er in Begleitung des Apostels Sebastian nach Hamburg und hielt dort abends den ersten Gottesdienst. Nach dem darauffolgenden Gottesdienst am Sonntag morgen fuhr er mit seiner Begleitung weiter nach Hamburg-Harburg, wo er am Nachmittag diente. Einen Tag später wirkte er abends in Kiel, darauf am 21. Februar in Eimsbüttel und am 22. in Bremen und Lübeck.
Wenn man die Gottesdienstberichte jener Tage liest, die im „Herold" oder der „Wächterstimmen aus Ephraim" abgedruckt wurden, so wird deutlich sichtbar, mit welcher Ernsthaftigkeit der neue Stammapostel bemüht war, in die Fußstapfen von Vater Krebs zu treten. Kein Gottesdienst, in dem er nicht von ihm redete, keiner, in dem er nicht an dessen Taten erinnerte und gleichzeitig als sein Nachfolger ein Vater und Hirte für die Gemeinden zu sein versprach.
Er war ein unermüdlicher Mahner der Kinder Gottes, der in jeder Zusammenkunft genau spürte, was an Gutem und auch Schlechtem in den Herzen lebte. Manches Mal predigte er darüber, daß die Amtsträger doch voller Bescheidenheit sein möchten, immer im Bewußtsein dessen, daß sie nicht um Menschenehre und nach eigenem Gutdünken ihr Amt auszuüben hätten, sondern in Demut und Glaubensgehorsam. Sein Sendungsbewußtsein als Apostel Jesu und nunmehr auch als Führer der Aposteleinheit war sehr groß; es war unabdingbarer Teil seines Glaubens. Aber es verleitete ihn niemals zur Selbstherrlichkeit.
Während seiner Reise in den Bezirk des Apostels Sebastian hatte der Stammapostel Niehaus gesehen, daß dieser dringend Entlastung benötigte, denn außer dem Bezirk Braunschweig betreute er seit dem Heimgang des Apostels Wachmann 1903 die Geschwister in Hamburg sowie die Gemeinden in
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Sachsen, Baden und der Schweiz. Um diese gewaltige Arbeitslast zu verringern, betete der Stammapostel herzlich darum, der liebe Gott möge ihm geeignete Brüder zeigen, die er ins Apostelamt berufen könnte.
Auf einer Reise in den Frankfurter Bezirk wurde dem Stammapostel bewußt, daß auch der Apostel Ruff dringend Hilfe brauchte. Dieser inzwischen siebzehn Jahre im Apostelamt stehende Gottesknecht war schwerkrank und dadurch beinahe dienstunfähig geworden. Und der Apostel Hallmann mit seinem großen Berliner Bezirk war sicherlich nicht mehr lange in der Lage, dazu noch das weit entfernte Ostpreußen zu betreuen. Aber auch der Stammapostel selbst brauchte Hilfe, da der Apostel Bornemann den ständig größer werdenden Bielefelder Bezirk auf die Dauer nicht allein bedienen konnte.
Um darin Abhilfe zu schaffen, übertrug der Stammapostel Niehaus am 15. April dem Bischof Meuser aus Herne das Apostelhelferamt. Damit war nun sein eigener Bezirk versorgt, zumal noch viele treue Amtsbrüder in den einzelnen Gemeinden tätig waren.
Im März hatte der Stammapostel Niehaus im Apostelbezirk Berlin gedient; im Mai und Juni unternahm er eine größere Rundreise durch Sachsen und Thüringen; Ende Juli war er in Süddeutschland, der Schweiz und in Frankreich. September und Oktober dienten Zusammenkünften in Bielefeld, zu denen sich alle europäischen Apostel einfanden und bei einer anderen Gelegenheit die Bischöfe und Bezirksältesten aus ganz Deutschland. In vielen Besprechungen hatte sich der Stammapostel ein umfassendes Bild aller Apostelbezirke machen können, so daß er nun bei den dringendsten Sorgen helfen konnte.
Anfang Oktober reiste er nach Frankfurt und gab dem schwerkranken Apostel Ruff den Bischof Johann Gottfried Bischoff als Apostelhelfer zur Seite. Für den 20. Oktober berief er eine Apostelversammlung nach Bielefeld ein. In einem feierlichen Gottesdienst am 22. Oktober sonderte er dort die Bischöfe Bock, Brückner und Oehlmann zu Aposteln aus und gründete auf diese Weise drei neue Apostelbezirke. Dem Apostel Wilhelm Oehlmann wurde Ostpreußen zur Pflege anvertraut, der Apostel Friedrich Bock bediente fortan die
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Seiten 74 und 75: Nach der Apostelversammlung in Bielefeld am 22. Oktober 1905 trafen sich die Apostel und Bischöfe mit ihrer Begleitung auf dem Niehausschen Anwesen. Sitzend v. 1.: die Apostel Oehlmann, Hallmann, Bornemann, Sebastian und Kofman, Stammapostel Niehaus, die Apostel Mierau, Obst, Brückner und Bock.
Dahinter stehend v. 1. n. r.: Bischof Popp, Apostel Güldenpfennig, Ältester A. Niehaus, die Bischöfe Heller und Meuser, Schwester Niehaus, Bischof de Vries, Apostelhelfer J. G. Bischoff, Hirte Dieckmann, Apostelhelfer Wolf und Bischof Horsman

Gemeinden in Baden, der Schweiz und in Frankreich, und der Apostel Carl August Brückner wurde für Sachsen und Thüringen gesetzt. Zu dessen Unterstützung wurde im selben Gottesdienst der Bezirksälteste Wolf aus Erfurt zum Apostelhelfer ordiniert.
Als das Jahr 1905 sich neigte, konnte der Stammapostel einen dankbaren Rückblick halten. Der liebe Gott hatte sich zu seiner Arbeit bekannt. Die Entwicklung im Werk des Herrn war durch den Heimgang von Stammapostel Krebs nicht gehemmt worden, sondern hatte im Gegenteil einen gesegneten Aufschwung genommen. So hatte der himmlische Vater nicht nur drei neue Apostel und drei Apostelhelfer gegeben, sondern dazu einen Bischof, fünf Bezirksälteste, drei Gemeindeälteste, vier Hirten, zwei Evangelisten, vierzig Priester, 87 Diakone und 118 Unterdiakone. Alle diese Amtsgaben waren notwendig geworden, denn mehrere tausend Seelen waren in diesem Jahr zur Heiligen Versiegelung gekommen.
Neben seinen vielen Reisen hatte der Stammapostel sich auch intensiv um die Verwaltungsaufgaben gekümmert und dabei alle bestehenden Bestimmungen über die Abwicklung des Kassen- und Rechnungswesens einer genauen Prüfung unterzogen, sie nach einheitlichen Grundsätzen geordnet und vereinfacht. So hatte er sich auch darin als ein umsichtiger Verwalter der Gemeinden erwiesen, und das Jahr 1905, das so voller Trauer und Sorge begonnen hatte, konnte mit den Worten aus einem Bericht im „Herold" beschlossen werden: „Alle ehrlichen Seelen freuen sich über diese neue, freie und reine Bahn. Unter der Hand eines solch bewährten Führers können wir getrost der Zukunft entgegengehen. Darum rufen wir allen zu: Mutig vorwärts!"
Im zweiten Jahr seiner Amtstätigkeit hielt es Stammapostel Niehaus nicht anders als im ersten. Er reiste viel, um die Gemeinden zu bedienen, erschien
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Der Stammapostel auf Reisen; nun schon gelegentlich mit einem Automobil
manchmal sogar unangemeldet in den einzelnen Bezirken, um dort nach dem -Rechten zu sehen. Auch empfing er oft Besuch aus allen Teilen Deutschlands, Hollands und der Schweiz.
Am 2. Mai 1906 entschlief der Apostel Ruff in Frankfurt, von allen, die ihn liebhatten, herzlich betrauert. Sein Nachfolger wurde der bisherige Apostelhelfer J. G. Bischoff, den der Stammapostel Niehaus am 12. August zum Apostel für Süddeutschland mit Hessen, Pfalz und Württemberg ordinierte. Von dort aus fuhr der Stammapostel abermals in die Schweiz, wo er mit dem Apostel Bock zusammentraf, und besuchte auch noch die Gemeinden im Bezirk Karlsruhe.
Zu Hause wartete ebenfalls viel Arbeit auf ihn. Schon Anfang des Jahres hatte er sich entschlossen, ein neues Haus in Quelle zu bauen. Das alte Bauernhaus seiner Eltern war ihm zwar lieb und wert und mit vielen Erinnerungen verknüpft, als Sitz einer zentralen Kirchenverwaltung aber und in Anbetracht der vielen Besucher, die zum Stammapostel kamen und dort nicht nur bewirtet wurden, sondern häufig auch über Nacht blieben, war es zu klein und beengt.
Das Richtfest des neuen Hauses sollte an seinem 58. Geburtstag gefeiert werden. Zehn Apostel kamen zu diesem Anlaß nach Quelle, unter ihnen auch der Apostel H. Friedrich Niemeyer, der mit drei Amtsbrüdern schon im April aus Australien angereist war, um den Nachfolger von Stammapostel Krebs kennenzulernen und die Gemeinden nicht nur in Deutschland, sondern auch in Holland und der Schweiz zu besuchen.
Der Stammapostel Niehaus hatte lange gezögert, ein neues, größeres Haus zu bauen, da er die Kosten scheute. Als er schließlich doch dem Projekt zustimmte, plante er in seiner Bescheidenheit das Gebäude immer noch viel zu

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klas Óu ererbt von Oetnen YBtern erwirb es um szu besitzen Anno 19A5
Giebel am neuen Haus des Stammapostels Niehaus
in Quelle/ Steinhagen
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1906: Der Stammapostel im Kreise der Apostel Bornemann, Sebastian, Hallmann, Niemeyer (vorn), Brückner, Bischoff, Oehlmann, Kofman, Bock und Obst (v. 1.)
klein. Die Apostel, die sich zu seinem Geburtstag und dem gleichzeitigen Richtfest eingefunden hatten, baten deshalb den Stammapostel, doch mit dem Richtfest noch zu warten und statt dessen das Haus höher und größer zu bauen, damit es allen Bedürfnissen in der kommenden Zeit entspräche. Besonders der Apostel Niemeyer ließ nicht ab, in diesem Sinne auf den Stammapostel einzuwirken, bis dieser endlich einverstanden war, daß der halbfertige Bau erweitert und aufgestockt wurde. So wurde das Richtfest für einige Zeit verschoben.
Nicht verschoben wurde der große Festgottesdienst in Bielefeld am Sonntag, dem 29. Juli. Als Textwort diente Matthäus 22; das Gleichnis von der königlichen Hochzeit. In seinem Dienen wies der Stammapostel zunächst auf die große und schöne Bedeutung einer Hochzeit hin, hielt der Festgemeinde aber sehr ernst vor Augen, daß niemand ohne ein hochzeitliches Kleid, das heißt, unrechtmäßigerweise daran teilnehmen dürfe.
Diesen Gedanken griff dann der Apostel Niemeyer im Mitdienen auf und forderte die Geschwister auf, zunächst einmal die alten Kleider, sprich: die alte Gesinnung abzulegen, um sich danach mit den königlichen Kleidern schmükken zu können. Die Kleider der alten Gesinnung seien: das Kleid der Lüge, das Kleid des Richtens, das des Neides. Als er die Versammelten fragte, ob sie diese Kleider nie mehr anziehen wollten, antworteten sie in sichtlicher Bewegung mit einem lauten „Ja!".
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Die anwesenden Geschwister müssen tief ergriffen gewesen sein, als der Apostel ihnen anschließend die Ereignisse der Ersten Auferstehung, der Hochzeit im Himmel und der dreieinhalb Jahre, in denen eine schreckliche Zeit der Qualen und Zerstörung über diese Erde hereinbrechen wird, vor Augen hielt. Nach der Sündenvergebung, der Feier des Heiligen Abendmahls und dem Abendmahl für die Entschlafenen wurde der Apostel Niemeyer mit vielen Grüßen für die Anvertrauten in Australien von den Bielefelder Geschwistern verabschiedet. Zum Schluß erklang ein Lied, dessen Verse Schwester Niehaus verfaßt und den Lieben vom australischen Kontinent gewidmet hatte.
Doch das Jahr 1906 hielt besonders in seiner zweiten Hälfte auch schwere Belastungen für den Stammapostel Niehaus bereit, die ihn oft genug um den Schlaf brachten. Es erfolgten Angriffe von außen, denen er ausgesetzt war – daran hatte er sich ja fast schon gewöhnt. Dennoch konnte er um des Werkes Gottes willen nicht alle Schmähschriften unwidersprochen hinnehmen.
Darum begann er in diesem Jahr mit der Arbeit an entsprechenden Gegenveröffentlichungen, eine Tätigkeit, die sich über mehrere Jahre erstreckte. Die
wohl bekanntesten seiner Schriften sind: „Si tacuisses", „Abwehr gegen feind- ..
liche Angriffe", „über Sekten und Kirchen" und „Lichtwaffen".
Doch die Anfeindungen, denen er darin entgegentrat, berührten ihn weit weniger als das Verhalten mancher Gotteskinder. Da gab es beispielsweise im Ruhrgebiet eine große Gemeinde von sechshundert Seelen, in der äußerst ungute Verhältnisse aufgetreten waren. Man war zerstritten, einer brach den Stab über den anderen, und wo Frieden und Liebe herrschen sollten, hatten sich Feindschaft und Unversöhnlichkeit breitgemacht.
Der Stammapostel Niehaus besuchte diese Gemeinde zusammen mit den Aposteln Bock und J. G. Bischoff. Er bemühte sich, die Streitigkeiten zu schlichten, mahnte zur Versöhnung und zum Glaubensgehorsam, doch hatte er keinen Erfolg damit.
Wie hätte er da dep Amtsträgern und Geschwistern die Sündenvergebung bringen und mit ihnen das Heilige Abendmahl feiern können? Für ihn waren diese Gnadentaten Gottes zu heilig, als daß er sie an verstockte Herzen verschwendet und zu einer bloßen Zeremonie herabgewürdigt hätte.
Sein Entschluß muß ihm bitter schwergefallen sein, wußte er doch, daß er auch die Ehrlichen und Treuen darunter leiden ließ, aber er sah keinen anderen Weg: Er schloß die ganze Gemeinde vom Heiligen Abendmahl aus. Vier Wochen lang sollten keine Gnadenmittel mehr gespendet werden. Der Gesangsund Posaunenchor wurde in den vorläufigen unfreiwilligen „Ruhestand" versetzt.
Das war eine harte Zeit, nicht nur für die Gemeinde und ihre Amtsträger, sondern ebenso für den Stammapostel, der in seiner Hirtenliebe so gern jedem verirrten Schaf nachgegangen wäre. Hinzu kam, daß in diesen Wochen seine Frau schwer erkrankte. Sie litt unter großen Schmerzen, und es stand zu befürchten, daß sie nicht wieder genesen würde.
Wer kann ermessen, wie oft der Stammapostel Niehaus da auf die Knie gegangen ist, um für die Anvertrauten zu beten! Und wie befreit mag er sich gefühlt haben, als der liebe Gott gnädig war!
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Mit seiner Frau ging es allmählich wieder aufwärts, und die strenge Züchtigung jener Gemeinde brachte endlich die notwendige Einsicht. Zwar kehrten einige wenige dem Werk Gottes den Rücken, doch die anderen, die seit der Abreise des Stammapostels und seiner Begleiter noch mancherlei Schweres hatten erleben müssen, sei es durch Krankheit oder Tod eines lieben Menschen, sei es durch seelische Not, stellten sich dankbar und geläutert wieder unter die Hand ihres Stammapostels. Schon drei Wochen, nachdem er sie voller Enttäuschung verlassen hatte, konnte er zu ihnen zurückkehren. Es war am Buß- und Bettag, als er mit dem Apostel Bornemann und dem Apostelhelfer Meuser wieder zu ihnen kam, um Gottesdienst zu halten. Dieses Mal fand er eine aufnahmebereite Schar vor, die ihr Herz dem Gnadenwirken öffnete.
Der Bericht über diese Ereignisse findet sich in der letzten Nummer der Zeitschrift „Wächterstimme aus Ephraim" vom Dezember 1906. Er enthält auch die Ankündigung, daß statt dieses monatlichen gemeinsam mit der Beilage „Der Herold" erscheinenden Blattes vom 1. Januar 1907 an eine Wochenzeitschrift herausgegeben werde, in dem freilich die Stimmen der Wächter und des Herolds nicht verstummen würden, sondern nur in einem anderen Kleid und unter einem neuen Titel weiterhin zu hören seien.
Die neue Zeitschrift hieß „Apostolisches Sonntagsblatt", und der Stammapostel Niehaus schrieb dazu: „Wir werden immer mehr in das einheitliche Geistesleben geführt: eine Lehre, ein Glaube, eine Taufe usw. Somit muß auch die einheitliche Lehre jede Woche von dem Berg Zion gehört werden. Die (bisherigen) Monatsblätter geben für unsere Vorsteher und Leser nur eine Woche Genuß; durch die große Ausbreitung des Apostelwerkes sind auch viele apostolische Glieder und Familien, die keinen Gottesdienst besuchen können, somit ohne Seelenspeise bleiben, denn einmal im Monat ist zu wenig.
Nach reiflicher Überlegung haben wir uns entschlossen, mit dem 1. januari 1907
ein Sonntagblatt Fur die Apostolische Gemeinden herauszegeben.so
Das
EhepaarNiehaus
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Der
Stammapostel Niehaus
besuchte mit etlichen Aposteln den Apostelbezirk Dresden.
Hier eine Aufnahme um 1906 im Amselgrund mit ihm und
seiner Begleitung
sehr das Bedürfnis auch vorhanden ist, so haben wir doch lange erwogen, welch eine große Arbeit wir uns dadurch aufladen ... Die Liebe zur Wahrheit und die Fürsorge für die Verlangenden treibt uns, nach Möglichkeit alle zu befriedigen. Darum ist die Fürbitte für uns erforderlich, damit Gott uns Kraft gebe, allen Anforderungen zu entsprechen."
Und noch eine Neuerung gab es in jenem Jahr. Das Apostelkollegium beschloß, fortan für alle Gemeinden einheitlich den Namen „Neuapostolische Gemeinde" zu verwenden, der schon seit längerer Zeit immer gebräuchlicher geworden war.
Im Dezember 1907 konnte der Stammapostel Hermann Niehaus dann auch sein neues Heim beziehen. Es ist in zwei Weltkriegen von der Vernichtung durch Bomben bewahrt geblieben. Quelle bei Bielefeld ... Dieser Name ist heute noch ein Begriff für die Gotteskinder.
„Ein Haus zu Gottes Ehre
Ist dieses liebe Haus,
In welchem Jesu Lehre
Strömt Licht und Leben aus."
Geplaatst op : 30-08-2007
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