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De Nieuw Apostolische Kerk in de jaren 1938
tot 1955, ontwikkelingen en problemen.
|
Neuapostolische Kirche
International
Een verhandeling over de over de strijd der kerkmacht
Oftewel…hoe een kerkgenootschap ontspoorde in een
tragedie
Die niets met
Jezus Christus van doen had of heeft. Of juist alles(…)
En nog steeds
is deze strijd niet in het voordeel van Jezus Christus
beslecht.
Onderstaande
is dan ook een verhandeling die de werkelijke
geschiedenis geweld aandoet. Iets krachtiger…Het komt
neer op Godslastering!
Redactie
apostolischeobserver.nl |

Embleem van de Nieuw Apostolische Kerk. |
New
Apostolic Church
Die Neuapostolische Kirche
von 1938 bis 1955
Entwicklungen und Probleme
–
Zusammenschau –
Stand: 6. November 2007
©
Neuapostolische Kirche International
Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Inhalt
Vorwort
........................................................................................................................
3
1.
Die historischen und die theologischen Wurzeln , die vor und
während des
Zweiten Weltkriegs zu Spannungen innerhalb der Kirchenleitung
führten ........ 7
1.1
Die Dienstaltersbegrenzungsthematik 1938
.............................................................................................
7
1.2
Die Verlagsthematik 1939 – 1940
.............................................................................................................
10
1.3
Die Nachfolgerthematik: Erster Versuch einer Regelung der
Stammapostelnachfolge (ca.1942) ........... 13
2.
Die neuapostolische Kirchenleitung nach dem Zweiten Weltkrieg
..................... 15
2.1
Die historisch-politischen Rahmenbedingungen als Hintergrund
entstehender Spannungen .................. 15
2.2
Ernst Güttingers Kampf gegen das Stammapostelamt seit 1945
............................................................. 17
2.3
Die Wahl Kuhlens zum Stammapostelhelfer und Nachfolger im
Stammapostelamt 1948 ....................... 21
2.4
Ein neues Modell von Kirchenleitung: Die Apostelstatuten vom 1.
Januar 1950 die
Installierung des Kollegialitätsprinzips
................................................................................................
24
3.
Die Beendigung des Konflikts um die Kirchenleitung (1950 – 1955)
................... 27
3.1
Neue Apostelrufungen seit 1950
...............................................................................................................
27
3.2
Rücktritt Kuhlens vom Stammapostelamt und -helferamt (November
1950) ............................................ 28
3.3
Die neuen Apostelstatuten vom 6. August 1951 – das
wiederhergestellte exklusive Verständnis
vom Stammapostelamt
.............................................................................................................................
31
3.4
Kirchenausschlüsse: Ernst und Otto Güttinger (1954) und Kuhlen
(1955) ............................................... 32
4.
Die Rolle der Botschaft des Stammapostels aus dem Jahr 1950/1951
im
Zusammenhang mit den Kirchenausschlüssen von 1954 und 1955
................... 41
5.
Das Verhalten des Stammapostels Bischoff während der Konflikte
mit
den Aposteln Ernst und Otto Güttinger und Kuhlen
............................................. 47
6.
Zusammenfassung
...................................................................................................
53
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Vorwort
In den Medien und in der Literatur wird gegenwärtig negativ über
die Geschichte der
Neuapostolischen Kirche berichtet, insbesondere über
geschichtliche Ereignisse in der
Nachkriegszeit und die in dieser Phase sich konkretisierende
„Botschaft“ des Stammapostels
Bischoff.
Glaubt man den Positionen, wie sie von einigen Internetseiten
unkritisch und unkommentiert
kolportiert werden, dann sind der Stammapostel Bischoff und
seine Botschaft als die
Ursachen für zum Teil bis in die Gegenwart hineinreichende
Missstände zu betrachten.
Hierzu einige Beispiele von den Webseiten „NAKtuell“ und
„Glaubenskultur“:
In einem Interview vom 4. Januar 2005 behauptet Gerrit J. Sepers
gegenüber NAKtuell, dass
das Stammapostelamt und die Botschaft an den unheilvollen
Vorkommnissen der Vergangenheit
(Fehlentscheidungen der Kirchenleitung, Kirchenausschlüssen,
Abspaltungen)
die alleinige Schuld trügen und Ursache dafür seien, dass auch
gegenwärtig „das Vertrauen“
in die Neuapostolischen Kirche „verloren“ gegangen sei (S.
14f.). Die Botschaft sei nicht
christologisch fundiert und habe keinen göttlichen Charakter,
sondern stelle die Fortsetzung
von „nationalsozialistische[m] Gedankengut“ dar; der „Traum“ vom
„`Neuen Reich`, das
Ariertum, das Bewusstsein: `Wir sind es!`, hatte sich bei uns
hineingeschlichen“, so Sepers,
und trotz des verlorenen Krieges sei dieser „Traum weitergeführt
worden (...) durch die
Botschaft von Stammapostel Bischoff“ (S. 18). Die Botschaft
stelle „Opium für das Volk“1 dar,
so Sepers,
und er fordert:
„Öffentlich zugeben, dass wir große Fehler gemacht haben. Das
heißt sich versöhnen und damit
abschließen. Und die Rausschmisse und Exkommunikationen der
Leute müssen rückgängig gemacht
werden. Wenn man Rockenfelder sen. beinahe in den Himmel preist
oder fast schon selig erklärt, dann
muss man auch darüber nachdenken, dass Peter Kuhlen und andere
Leute2 vielleicht auch so etwas
verdienen“.3
Mit Blick auf einen – undatierten – Bericht von Kuhlen (in dem
dieser seine Version vom
Rücktritt vom Stammapostelhelferamt darlegt) resümiert Sepers
schließlich:
„Es sei `tatsächlich a) erschütternt und b) wenn nur 10% davon
wahr ist, ist das Ansehen dieser Kirche
100% geschädigt, endgültig! (...) Es passt wohl in meine
Anschauungsweise, die ich entwickelt habe über
die Geschichte dieser Kirche:
1.
Die Botschaft war wie Opium für das einfache Volk und diente als
Deckmantel für die Machtpolitik
Rockenfelders und F(riedrich) Bischoffs.
2.
Der Streit zwischen den Individualisten und die Kollektivisten
wurde auch in dieser Kirche
ausgefochten: einerseits Kuhlen, Dehmel und Güttinger und
anderseits die Erwähnten aus Punkt 1.
3.
Auch in dem Kreis der Bezirksaposteln waren viele
Schlappschwänzen“.4
1
Glaubenskultur, Die Bischoff-Connection. 14. November 2005.
2
Hier sind wohl der ehemalige Bezirksapostel Ernst Güttinger und
dessen Sohn Apostel Otto Güttinger aus der
Schweiz gemeint.
3
NAKtuell, Interview vom 4. Januar 2005, 1-35, hier 20f.
4
Zitat aus: Glaubenskultur, Die Bischoff-Connection. 14. November
2005.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Kritik kommt jedoch nicht nur von einem ehemaligen Apostel.
Andreas Fincke von der Evangelischen Zentralstelle für
Weltanschauungsfragen äußerte
sich in der Vergangenheit in mehreren Artikeln, zuletzt in
seinem Artikel „Werk Gottes in der
Vollendungszeit? Die Neuapostolische Kirche heute“5 ebenfalls
negativ über den Stammapostel
Bischoff und dessen Botschaft. Die Botschaft bezeichnet Fincke
als „unselige
Vorhersage“, deren „Irrtum“ durch den Tod des Stammapostels und
das Nichteintreten der
Verheißung als ungöttlich bewiesen sei (S. 446). Als „unselig“
sieht Fincke die Botschaft
deshalb an, weil sie „viel Verwirrung und Leid verursacht“ habe.
In ihrer Folge kam es zum
Ausschluss und zur Abspaltung ganzer Gemeinden“ (S. 446).
Belege, z.B. Quellen, die seine
Thesen
überzeugend und plausibel machen, führt Fincke nicht an, sodass
seine Ausführungen
als unwissenschaftlich zu charakterisieren sind. Stattdessen
verweist Fincke auf
die in der Schweiz diesen Jahres (2005) initiierte
Versöhnungsthematik der neuapostolischen
Gebietskirche Schweiz mit den Mitgliedern der Güttinger-VAC und
verbindet
damit die Aufforderung, in Deutschland ebensolche Schritte
folgen zu lassen (S. 446f.).6
Stammapostel Leber ging während einer Pressekonferenz am 18. Mai
2005 auf die oben
erwähnten Themen ein und bemerkte:
„Wir sind im Moment dabei, unsere Geschichte aufzubereiten. Das
ist natürlich eine sehr aufwendige
Sache, wenn man es wirklich seriös machen will – und das wollen
wir! Aber das braucht Zeit. Wir wollen
auf der Grundlage dessen, was wir dort herausfinden und dann an
Ergebnissen haben werden, gerne die
Kommunikation und die Verbindung suchen und stehen auch zu
eventuellen Fehlern, die in der
Vergangenheit begangen worden sind“.7
Die AG „Geschichte der Neuapostolischen Kirche“ (GNK) wurde am
21. Oktober 1999 von
Stammapostel Fehr gegründet; ihr Auftrag lautet:
„Die Geschichte der NAK historisch einwandfrei nachvollziehbar
darstellen und auch solche Aspekte
aufnehmen, die für die Kirche unbequem sein könnten. Die
Darstellung soll objektiv sein und alle Fragen
tabufrei beleuchten. Dabei soll der Gedanke berücksichtigt
werden: Wenn wir diese Aufgabe nicht
wahrnehmen, werden andere es tun“.8
Gemäß diesem Auftrag hat die AG in den vergangenen Jahren einige
Ausarbeitungen zu
den oben angeschnittenen Themenkomplexen (Kuhlens Trennung von
der NAK, Saarlandkonflikt,
Otto Güttinger und die Botschaftsthematik) vorgelegt. Neu
hinzugekommen sind
Ausarbeitungen zu Kuhlen und der Helferthematik sowie zu Ernst
Güttinger und seinem
Kirchenausschluss, sodass die Konfliktthemen aus diesen Jahren
nun nahezu vollständig
historisch aufbereitet vorliegen.
Grundlage dieser Arbeiten sind umfangreiche Quellenstudien
(Korrespondenzen der Stammapostel,
der Apostel und Betroffenen, Protokolle von
Apostelversammlungen, Publikationen
aus dem Bischoff-Verlag sowie Schriften der verschiedenen
Abspaltungsgruppen usw.). Die
Sammlung und die Auswertung der Quellen waren sehr zeitintensiv,
da unsere Kirche nicht
5
Andreas Fincke, Werk Gottes in der Vollendungszeit? Die
Neuapostolische Kirche heute. In: Materialdienst.
Zeitschrift für Religions-und Weltanschauungsfragen. 68 (2005),
Dezember-Heft, 443-450.
6
Vgl. zu dieser Thematik auch: Andreas Fincke, Erste Schritte zur
Versöhnung. In: Materialdienst. Zeitschrift für
Religions-und Weltanschauungsfragen. 68 (2005), Juni-Heft,
231-232.
7
Stammapostel Leber, in: NAKtuell, VAG übermittelt Glück-und
Segenswünsche. 22. Mai 2005.
8
Neuapostolische Kirche International, Projekt-Management NAKI,
Auftrag an die Arbeitsgruppe „Geschichte
der NAK“, Zürich 21. Oktober 1999, 1-7, hier 2.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
über ein Zentralarchiv verfügt und die Archive der
Gebietskirchen zum Teil nur mit
Schwierigkeiten zugänglich waren und sind. Die Erkenntnisse und
Ergebnisse der AG
basieren auf den zur Verfügung gestellten Quellen und
Dokumenten, die in den Anhängen
der jeweiligen Ausarbeitungen aufgeführt sind.
Noch einmal sei festgehalten: Die abgelieferten Untersuchungen
basieren unter Beachtung
und Anwendung geschichtswissenschaftlicher Verfahrensweisen auf
Quellenbefunden; die
vorgestellten Ergebnisse und Thesen sind somit sorgfältig und
quellenkritisch belegt und
resultieren nicht aus „Geschichte vom Hörensagen“ oder
vorgefassten Urteilen. Sollten
andere als die nachfolgend vorgestellten Ergebnisse geltend
gemacht werden, so sind diese
vor dem Hintergrund der genannten Ausarbeitungen bzw. der
Quellenlage zu beurteilen.
Worum geht es nun in dieser Ausarbeitung, die eine
„Zusammenschau“ von Einzeluntersuchungen
der AG GNK zu verschiedenen Themenkomplexen jener Zeit
darstellt?
Im Titel dieser Zusammenschau kommt zum Ausdruck, dass es
bereits vor dem Beginn des
Zweiten Weltkriegs, und zwar seit dem Jahr 1938, zu Spannungen
innerhalb der neuapostolischen
Kirchenleitung gekommen ist.
Die Konflikte aus jener Zeit führten schließlich in der
Nachkriegszeit zu Abspaltungen von
der Neuapostolischen Kirche (Kuhlen/Düsseldorf,
Güttinger/Schweiz, Schmidt/Saarland).
Nachträglich wurden die Abspaltungen von den Betreffenden mit
Glaubenskonflikten
begründet, die im Wesentlichen ihre Ursache in der Botschaft von
Stammapostel Bischoff
gehabt haben sollen.
Die zeitliche Bestimmung der nachfolgend beschriebenen Vorgänge
macht deutlich, dass die
„Botschaft“ nicht als Ursache für die damaligen Verhältnisse
geltend gemacht werden kann,
da Stammapostel Bischoff diese erst Ende 1951 offiziell zu
verkündigen begann. Zwischen
dem Beginn der seit 1938 auftretenden Probleme und dem Beginn
der Botschaftsverkündigung
liegen 13 Jahre!
Der Gegenstand der Auseinandersetzung war vielmehr eine
Fragestellung ganz
anderer Art:
Im Kern des Konflikts ging es also nicht um irgendwelche
Offenbarungen oder um
persönliche Animositäten und zwischenmenschliche Konflikte,
sondern um gegensätzliche
Sichtweisen des kirchenleitenden Amtes – die
theologisch-christologische des Stammapostels
Bischoff auf der einen Seite (das Amt gründet in Christus und
verweist auf ihn) und
die eher funktionale Sichtweise einiger Apostel auf der anderen
Seite (das Amt ist kirchliches
Leitungsinstrument). Zugespitzt formuliert ging es um die Frage,
ob das Stammapostelamt
oder das Apostelamt bzw. die Summe aller Apostel (=
Apostelkollegium) die kirchenleitende
Instanz sein sollte.
Von Apostel Ernst Güttinger nachhaltig betrieben bestand die
Konzeption, dass das
Apostelkollegium die entscheidende Autorität inne haben solle.
Der Stammapostel hingegen
ging von einem theologisch-seelsorgerischen Verständnis aus
(Analogie zur Stellung des
Petrus). Dieses wurde von Ernst Güttinger – allerdings erst in
den letzten Jahren seiner
Amtstätigkeit – als undemokratisch und faschistoid
missverstanden.
Zum Konflikt konnte diese Fragestellung erst führen, nachdem
einige Apostel die tendenziell
absolute Position des Stammapostelamtes – wie sie sich aus der
Tradition und der
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Geschichte dieses Amtes ableiten lässt – in Relationen zu rücken
bzw. in Frage zu stellen
versuchten mit dem Ziel, Teilhabe an der Leitungsgewalt der
Kirche zu erlangen.
Diese Versuche begannen schon vor dem Zweiten Weltkrieg und
entzündeten sich an drei
Themen:
·
Dienstaltersgrenze
·
Verlag
·
Stammapostelnachfolge
Die Quellenauswertung ergab, dass die Ereignisse Ende der
1940er/Anfang der 1950er
Jahre nicht als Glaubenskonflikte zu betrachten sind, sondern
Ausdruck eines Strukturproblems
waren, das das kirchenleitende Amt betraf.
Resümierend über die zurückliegende Zeit schreibt der
Stammapostel den Aposteln am 14.
Juli 1951:
„Die in den letzten Jahren durchlebten unguten Verhältnisse im
Werke Gottes haben mich anhand vielseitiger
Erfahrungen erkennen lassen, dass die Ursache zu all dem vielen
Leid darin liegt, dass man im Kreis der Apostel
die Grundsätze der Theokratie (Gottesherrschaft) verlassen hat
und die kirchliche Führung nach demokratischen
Grundsätzen ausgeübt wissen wollte.“
Zu einer solchen inhaltlichen Feststellung über das
Apostelkollegium sah sich der
Stammapostel in dem in dieser Arbeit vorgestellten Zeitraum
nicht nur einmal veranlasst.
Knapp zwei Jahre zuvor (21. November 1950) z.B. schrieb er den
Aposteln:
„(...) dass der derzeitige Zustand innerhalb des
Apostelkollegiums nicht der Lehre Christi und
seinem heiligen Willen entspricht. Euch, meine lieben
Mitapostel, auf diese Tatsache hinzuweisen,
halte ich für das Gebot der Stunde.“
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
1.
Die historischen und die theologischen Wurzeln, die
vor und während des Zweiten Weltkriegs zu
Spannungen innerhalb der Kirchenleitung führten
Der Versuch einiger Männer aus dem Apostelkreis, das
Stammapostelamt zu relativieren, ist
bereits für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg anhand einiger
Aktionen nachweisbar.
1. 1
Die Dienstaltersbegrenzungsthematik 1938
Grundsätzlich gab es gemäß Satzung des Apostelkollegiums von
1922 keine Dienstaltersbegrenzung
für Apostel (und andere Amtsträger), wobei in der Satzung
ausdrücklich nur für
den Inhaber des Stammapostelamtes die Formulierung „in der Regel
auf Lebenszeit“ benutzt
wurde.
Am 4. April 1938 beschließen Stammapostel Bischoff und die
Apostel auf einer Apostelversammlung
in Hamburg gemäß Punkt 4 des Protokolls: „Die Dienstaltersgrenze
für
sämtliche Amtsträger wird auf 65 Jahre festgesetzt. Bis 31.
Dezember 1939 ist dies
durchzuführen. Die Beschlussfassung erfolgte einstimmig.“ Der
Stammapostel und 16
Apostel haben das Protokoll genehmigt und unterschrieben.
Danach hätte Stammapostel Bischoff, der zu jener Zeit 67 Jahre
alt war, gut 1½ Jahre
später sein Amt niederlegen müssen.
Es ist aufgrund der für diesen Themenbereich spärlichen
Quellenlage nicht eindeutig erkennbar,
welche Motive und Absichten diesem Beschluss zugrunde lagen. So
bleibt lediglich festzustellen,
dass die Apostel (incl. dem Stammapostel) mit ihrer freiwillig
verordneten Dienstaltersbegrenzung
ihre persönlichen Handlungsspielräume für die Zukunft erheblich
einschränkten
und dass es zukünftig in viel stärkerem Maße als bisher auf die
jüngeren Kräfte
im Apostolat ankommen musste. Die Entscheidung begünstigte also
die jüngeren Apostel,
während die älteren ihrem baldigen Amtsende entgegenzusehen
hatten.
Nachdem Stammapostel Bischoff das Ausmaß dieses Beschlusses so
richtig bewusst
geworden war, wendet er sich schon einige Tage später an die
Apostel. Ohne eine
Apostelversammlung einberufen zu haben, treffen sich der
Stammapostel und die Apostel
am Montagvormittag, dem 25. April 1938, in Berlin, um über die
Dienstaltersbegrenzungsthematik
zu sprechen. Die Besprechung verläuft ergebnislos, es konnte
„keine Einigkeit
erzielt werden“, so der Stammapostel. Es wird verabredet, dass
der Stammapostel seine
Gedanken zu diesem Themenkomplex den Aposteln noch einmal
schriftlich mitteilen solle.
Die Sache spitzt sich jedoch noch in Berlin zu, nachdem etliche
Apostel den Stammapostel
erleben ließen, dass sie zu einem Sinneswandel bei dieser
Thematik nicht bereit sind:
„Am Montagnachmittag und auch am Dienstagvormittag habe ich aus
dem Kreis der Apostel erfahren,
dass der weitaus größte Teil sagt, für sie bleibe der Beschluß
vom 4. April bestehen. Die Apostel haben
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
also, ohne mein Schreiben abzuwarten, bereits ihr Urteil
gefällt. Demzufolge würde sich eigentlich mein
Schreiben in dieser Sache erübrigen.“9
Dennoch wendet sich der Stammapostel am 30. April 1938 in einem
fünfseitigen Brief an die
Apostel. „Es ist Gottes Werk, an dem wir stehen, und nicht ein
menschliches Unternehmen.“
Vor diesem Hintergrund geht der Stammapostel ausführlich auf
Veränderungsprozesse im
Werke Gottes ein, prangert Vetternwirtschaft an und beklagt,
dass die Einsetzung der
Männer Zander und Brandes zu Aposteln „ein Fehlgriff“ gewesen
sei, um dann auf den Kern
seines Anliegens, der offensichtlich geübten Kritik an seiner
Person und seinem Amt, zu
kommen:
„Jesus hatte einst die Wahl seiner Apostel persönlich
vorgenommen und Petrus als Haupt gesetzt (...)
Was meine Erwählung betrifft, so möge folgendes zur Kenntnis
dienen: (...) Die Zahl der Mitglieder war im
Werke Gottes vor 40 Jahren noch sehr klein. Im Jahre 1898 bekam
Vater Krebs das Geisteszeugnis über
mich, dass er mir das Bischofsamt gab, und 1899 ein Zeugnis,
dass ich zum Apostel ausgesondert würde.
Die beiden Zeugnisse haben sich erfüllt, indem ich im Jahre 1903
von Vater Krebs das Bischofsamt und
im Jahre 1906 von Vater Niehaus das Apostelamt empfing.
Als sich zur Zeit der Stammapostel Niehaus nach seinem
Nachfolger umsah, wurden ihm von vielen
Seiten unaufgefordert Zeugnisse zugesandt, die einheitlich auf
mich als den von Gott zum Nachfolger des
Stammapostels erwählten Apostel hinwiesen. Selbst aus Afrika
kamen Zeugnisse, worin mein Name
genannt wurde. Ihr wisst alle, dass der Stammapostel Niehaus
damals einen anderen Apostel als seinen
Nachfolger im Auge hatte [gemeint ist der Dresdener
Bezirksapostel Brückner]. Jedoch hat es sich mit der
Zeit erwiesen, dass er diesen seinen Gedanken nicht ausführen
konnte, weil die Voraussetzungen dazu
fehlten. Außer diesen genannten Zeugnissen stand ihm, dem
Stammapostel, ein zweites Zeugnis zur
Verfügung, und zwar mein Bezirk (...) Somit hatte der
Stammapostel Niehaus ein Doppelzeugnis, auf das
hin er meine Aussonderung zu seinem Nachfolger vornehmen konnte.
Ende Januar 1930 erlitt der Stammapostel [Niehaus] den Unfall.
Er wurde am 20. September 1930 in den
Ruhestand versetzt, und ich wurde als der von ihm eingesetzte
Nachfolger von dem Apostelkollegium
einstimmig anerkannt. Der Zuwachs betrug dann (...) 106.118
Seelen, ein Beweis, dass der Segen
Gottes, nachdem ich die Leitung des Werkes übernommen hatte,
auch weiterhin offenbar wurde. Aus dem
Angeführten können die Apostel ersehen, dass meine Erwählung zum
Dienste im Werke Gottes nicht aus
menschlichem Geiste hervorging.“
Folgerichtig schlägt Stammapostel Bischoff für die nächste
Apostelversammlung zur
erneuten Beschlussfassung für die Apostel die von ihnen
gewünschte Dienstaltersbegrenzung,
für sich jedoch eine Amtstätigkeit auf Lebenszeit vor.
Welche Strategie des Stammapostels lässt sich nun u.a. aus
seinem Brief ableiten?
1.
Der Stammapostel geht zunächst in seiner Argumentation
theologisch vor, wenn er
sich und sein Amt in eine Linie mit Petrus einordnet. So wie
Petrus von Jesus
Christus zum „Haupt“ der Apostel eingesetzt wurde, so sei auch
er letztlich von Gott
und dessen Sohn zum „Haupt“ der Apostel eingesetzt.
Und so wie
Petrus bis zu
seinem Tod im Werke Gottes gearbeitet habe, so solle auch ihm
diese Möglichkeit
bis zu seinem Lebensende erhalten bleiben. Stammapostel Bischoff
bietet den
Aposteln mit diesem Argument eine Brücke an, über die sie eine
Rückzugsmöglichkeit
von ihren Positionen erhalten.
Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 30. April 1938.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
2.
Zugleich geht der Stammapostel in seinem Brief aber auch
formaljuristisch vor, wenn
er die Apostel mit Bezug auf die Satzung des Apostelkollegiums
an die Rechtsgrundlage
ihrer Handlungsmöglichkeiten erinnert. Mit dem Verweis auf die §
3 und 6 steht
dem Stammapostel die Ausübung seines Amtes bis zum Lebensende ja
ausdrücklich
zu. Er stärkt somit seine eigene Position bzw. das
Stammapostelamt.
Am 7. Mai 1938 kommt es nun auf der Apostelversammlung in
Hannover zu einer
Ergänzung des Beschlusses vom 4.
April.
Lapidar heißt es im Protokoll:
„Die Mitgliederversammlung wurde mit der Tagesordnung vertraut
gemacht. Nach Erörterung des
Gegenstands wurden folgende Beschlüsse gefasst: Punkt 1: Punkt 4
des Beschlusses vom 4. April 1938
wird wie folgt ergänzt: In besonders gelagerten Fällen hat in
Bezug auf die Apostel, der Stammapostel, für
die übrigen Amtsbrüder der Bezirksapostel das Recht, die
Dienstzeit über das 65. Lebensjahr hinaus von
Jahr zu Jahr (jeweils für ein Kalenderjahr) zu verlängern. Die
Beschlussfassung erfolgte einstimmig. Die
Erschienenen stellten mehr als drei Viertel der Mitglieder des
Apostelkollegiums dar.“
Dieser Kurzkommentar – und bei dem Zitat handelt es sich um den
ganzen Protokollinhalt –
wirft einige Fragen auf. Die Versammlung dauerte zwei Stunden.
Das Thema der
Dienstaltersgrenze war der einzige Tagesordnungspunkt. Das ist
im Vergleich zu anderen
Apostelversammlungsprotokollen eher ungewöhnlich, dass über ein
Thema so lange
diskutiert wurde. Welche Brisanz und Dringlichkeit das Thema
darstellte, erhellt sich auch
daraus, dass zur letzten Apostelversammlung erst ein Monat
vergangen war – eine so
schnelle Aufeinanderfolge hatte es in der Geschichte der
Apostelversammlungen bis dahin
noch nie gegeben.
Nun könnte man zu der Meinung tendieren, dass Stammapostel
Bischoff nur einen Teilerfolg
errungen habe, seine Amtstage gezählt und insgesamt seine
Position und sein Amt
geschwächt worden waren, da die ausdrückliche Bestätigung
ausblieb. Es scheint jedoch
eher so zu sein, dass die Amtsführung des Stammapostels auf
Lebenszeit gar keiner
ausdrücklichen Bestätigung bedurfte, da ja genau dieser Aspekt
in dem rechtlichen Grundlagendokument
des Apostelkollegiums, der Satzung von 1922, festgeschrieben ist
und
dementsprechend sich auch in seinem Anstellungsvertrag
niedergeschlagen hat. Zumindest
der Stammapostel selber scheint es so gesehen zu haben und aus
den uns vorliegenden
Quellen ist nicht erkennbar, dass die Apostel ihm diese
Sichtweise fernerhin streitig gemacht
hätten.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
1. 2 Die Verlagsthematik 1939 -1940
Um es vorwegzunehmen: Bezirksapostel Ernst Güttinger (Schweiz)
instrumentalisierte die
Verlagsthematik, um Selbständigkeitsbestrebungen vorzubereiten
und die Relativierung des
Stammapostelamtes zu provozieren.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 teilt Ernst Güttinger dem
Stammapostel mit, dass er
künftig zunächst die Zeitschriften „Wächterstimme“ und „Der
Jugendfreund“ in der Schweiz
drucken lassen werde.
Der Stammapostel wandte sich gegen Güttingers Vorhaben, da er
gegen eine Dezentralisierung
des neuapostolischen Pressewesens war.
Zu diesem Motiv des Stammapostels ist grundsätzlich folgendes zu
bedenken: Zeitschriften
sind das Veröffentlichungsorgan der Herausgeber. Über
Zeitschriften hatte insbesondere
der Stammapostel die Möglichkeit, den Mitgliedern seine
Glaubensvorstellungen
zukommen zu lassen. Wenn Friedrich Bischoff darum kämpfte, dass
für den Schweizer
Bereich (mit Frankreich) weiterhin der Verlag in Deutschland als
Herausgeber zuständig
bleiben sollte, dann hat es zum einen auch damit zu tun, dass
dem Stammapostel über die
Zeitschriften Äußerungs-und Einflussmöglichkeiten, vielleicht
sogar ein Meinungsmonopol
erhalten bleiben sollten, zumal die gegenwärtigen kriegerischen
Verhältnisse in Deutschland
künftig die Reise-und Handlungsfreiheit des Stammapostels
erheblich einzuschränken
drohten; zum anderen wollte Friedrich Bischoff – und mit ihm der
Stammapostel – in jedem
Falle verhindern, dass Ernst Güttinger genau diese
Meinungsplattform als Herausgeber von
eigenen Zeitschriften in der Schweiz zukünftig zur Verfügung
steht. Er hätte dann, so ihre
Befürchtungen, für seine Ziele (Selbstständigkeitsbestrebungen
mit der Folge von möglicher
Spaltung und Dezentralisation sowie die Relativierung des
Stammapostelamtes) ein
geeignetes Mittel zur Verwirklichung seiner Pläne in der Hand.10
10
Ein Negativbeispiel war dem Stammapostel sicherlich noch gut in
Erinnerung:
Kurz vor dem Ausschluss Bezirksapostels Brückner (Dresden) aus
der Neuapostolischen Kirche im April 1921
ordnete Stammapostel Niehaus an, dass die von Brückner
herausgegebene Zeitschrift „Neuapostolische
Rundschau“ ab 1. Januar 1921 nicht mehr erscheinen dürfe; an
ihre Stelle sollte eine von ihm unter dem Titel
„Wächterstimme aus Zion“ herausgegebene Zeitschrift treten.
Brückner wollte sich jedoch die Vorherrschaft im
Pressewesen der Neuapostolischen Kirche nicht nehmen lassen, so
dass er gegen den Willen des
Stammapostels die „Neuapostolische Rundschau“ weiter erscheinen
ließ. Dieses oppositionelle Verhalten
Brückners gegenüber dem Stammapostel war mit ausschlaggebend für
seine kurz darauf erfolgte
Amtsenthebung und seinen Kirchenausschluss.
Die Verlagsthematik war nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahre
1950/1951 noch einmal Gegenstand der
Auseinandersetzung im Apostelkreis, da Ernst Güttinger abermals
und mit denselben Zielen dieses Thema zu
instrumentalisieren wusste, um letztlich das Stammapostelamt zu
diskreditieren. Vgl. hierzu den Brief des
Stammapostels Bischoff an Ernst Güttinger vom 15. Februar 1951:
„Beim Lesen Ihres Briefes vom 1.2.51 wurde ich an ein Sprichwort
erinnert: `Auf den Sack wird geklopft,
aber der Esel ist gemeint!` Mir ist der Sinn Ihres Antrages an
das Apostelkollegium nicht verborgen
geblieben. Sie wissen ganz gut, daß die meisten im Verlag meines
Sohnes erscheinenden Veröffentlichungen
von mir stammen; denn ich bin ja der Herausgeber (...) Überdies
sind in der Zeitschrift `Unsere Familie`
Berichte von meinen Reisen und an den verschiedenen Orten von
mir gehaltenen Gottesdiensten. Wenn Sie
nun die Arbeit des Verlages aufteilen und zersplittern wollen,
dann liegen die Folgen so auf der Hand, daß
man schon sagen kann, sie sind beabsichtigt. (...) Sie klopfen
auf den Verlag und meinen den
Stammapostel. (...) und diese Absicht deckt sich mit Ihrem
vorjährigen Antrag, mit dem Sie mich als
Stammapostel beseitigen wollten. Konnten Sie damals Ihre Absicht
nicht verwirklichen, so suchen Sie heute
auf einem Umweg zu erreichen, was Ihnen im Vorjahr versagt
blieb, nämlich die Stellung des Stammapostels
zu untergraben. Mein lieber Apostel Güttinger, ich muß auf Grund
der in den letzten Jahren gemachten
Erfahrungen leider annehmen, daß ich für Sie so überflüssig
geworden bin, wie der Rost am Messer. Wie
haben Sie sich mir gegenüber betragen, als im Vorjahr die
Angelegenheit mit der Altersgrenze zur Sprache
kam (...) Trotz allem habe ich das Gelöbnis, welches ich bei
meiner Einsetzung als Stammapostel dem
damaligen Stammapostel Niehaus gab, auch Ihnen gegenüber
gehalten und Sie in Geduld getragen. (...) Was
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Frühzeitig war das Apostelkollegium über die eigentlichen
Hintergründe von Ernst Güttingers
Strategie informiert. In zwei ausführlichen Briefen (vom 24.
Oktober 1939 und 14. Dezember
1939) entlarvt Friedrich Bischoff die Argumente Güttingers als
Scheinargumente. Güttingers
Aktion passe in das Bild von Selbstständigkeitsbestrebungen mit
den möglichen Folgen von
Spaltung und Dezentralisation, welches er seit mehreren Jahren
beobachte. Darüber hinaus
habe Güttinger den ausdrücklichen Willen des Stammapostels, in
der ganzen Angelegenheit
die Verhandlungen mit den deutschen Behörden abzuwarten,
missachtet und somit einen
Konflikt provoziert, der offensichtlich Teil seiner
Selbstständigkeitsbestrebungen ist.
Damit das Apostelkollegium sich nicht passiv verhalte, spitzt
Friedrich Bischoff mit Blick auf
den Ungehorsam Ernst Güttingers gegenüber dem Stammapostel die
Sachlage noch einmal
zu: Die Selbstständigkeitsbestrebungen Güttingers beschränkten
„sich nicht nur auf
das sachliche Gebiet der Zeitschriftenfragen (...). Vielmehr
sind hier ernste Anzeichen
einer tiefgehenden Spaltung zu erblicken, die dem
Apostelkollegium nicht gleichgültig
sein dürfte“.11
Es wurde bereits erwähnt, dass Ernst Güttinger gegen alle
Widerstände und Drohungen von
Seiten Friedrich Bischoffs seit Anfang Januar 1940 drei
Zeitschriften in Eigenverantwortung
in der Schweiz hatte drucken und herausgegeben lassen. Über die
Reaktionen des Stammapostels,
des Apostelkollegiums und Friedrich Bischoffs geben die uns
vorliegenden Quellen
keine Auskunft. Offensichtlich hatte Ernst Güttinger keine
Konsequenzen und Sanktionen
hinnehmen müssen. Er konnte sich in seinem Kurs jedenfalls von
Teilen des Apostelkollegiums
bestätigt fühlen. Dies kann also als ein weiterer Hinweis
gewertet werden, dass
es im Apostelkreis schon vor dem Zweiten Weltkrieg zu
divergierenden Meinungen
gekommen sein muss.
Mit Blick auf das Verhältnis der Akteure zueinander lässt sich
abschließend für diese Phase
folgende zusammenfassende Wertung festhalten:
1.
Ernst Güttinger missachtete die Satzung des Apostelkollegiums
von 1922 und den
Vertrag zwischen dem Apostelkollegium und dem Bischoff-Verlag
vom 29. April 1932,
indem er ohne die Zustimmung des Stammapostels, der Apostel und
des Verlegers
Friedrich Bischoff sich seit Ende 1939 aus dem gemeinsamen
Pressewesen verabschiedete
und eigene Zeitschriften in der Schweiz seit Januar 1940
herausgab.
Ernst Güttinger praktizierte gegenüber Stammapostel Bischoff
Ungehorsam, wenn er
dessen Ablehnung seiner Pläne einer Verlagsgründung in der
Schweiz ignorierte.
Dabei nutzte Güttinger die historische Situation aus
(Deutschland beginnt den
Zweiten Weltkrieg; Stammapostel nur eingeschränkt
handlungsfähig), um seine
bestand doch früher zwischen uns ein schönes Verhältnis! Und
heute? Wer hat dies zerstört? Worin habe ich
Ihnen Unrecht getan, daß Sie eine solche Stellung gegen mich
einnehmen und alles daranzusetzen bemüht
sind, um mich zu beseitigen oder aber mich im Kreis der Apostel
und auch in Ihrem Bezirk unwert zu machen?
(...) Möge der Herr Ihnen Gnade schenken zu erkennen, was zu
Ihrem Heil und Frieden dient, bevor es zu spät
ist. Ihnen das Beste wünschend, grüßt Ihr Sie immer noch
liebhabender (gez.) J.G. Bischoff“ (Hervorhebung
durch Fettdruck von AG GNK).
Zu dem vom Stammapostel erwähnten Antrag siehe auch den Brief
des Apostels Gottfried Rockenfelder an
Bezirksapostel Weinmann vom 12. Februar 1951: „Man hat dort [in
Zürich, gemeint sind Ernst und Otto
Güttinger] nach Rücksprache mit K. [Kuhlen] vor allen Dingen
eines ausgeheckt. Die neuapostolische Presse
soll in andere Hände, damit der Stammapostel nicht mehr so
absolut sein Gedankengut in das Volk Gottes
hinein bringen kann, und das große Ziel, das man erstrebt, ist
letzten Endes die Ausschaltung des
Stammapostels selbst. (...) und nach dem Zusammensein von O.G.
[Otto Güttinger] und K. wurde die Sache
fixiert, und E.G. [Ernst Güttinger] eignet sich ja am Besten zum
Steine schmeißen (...).“
11 Brief Friedrich Bischoffs an das Apostelkollegium vom 14.
Dezember 1939.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Pläne zu verwirklichen. Güttinger untergräbt letztlich die
Stellung des Stammapostels
und gefährdet die Einheit des Apostelkreises.
2.
Ernst Güttinger gefährdete durch seine Aktivitäten die
neuapostolischen
Gemeinden und den Bischoff-Verlag im nationalsozialistischen
Deutschland in
nicht unerheblichem Maße (Stichwort Deviseneinbußen des
Deutschen Reiches
und ihre Folgen), um – wie er behauptete – Bezugskosten der
Schweizer Glaubensgeschwister
so gering wie möglich zu halten. Drohende Repressalien für die
deutschen Gemeinden und den Verlag scheinen ihn nicht
interessiert zu haben bzw.
er ordnete sie den eigenen Vorteilen und Zielen unter.
3.
Letztlich diente Ernst Güttinger die Verlagsthematik, seine
Selbstständigkeitsbestrebungen
voranzutreiben. Er riskierte damit aber auch eine mögliche
Spaltung
innerhalb des Werkes Gottes.
4.
Auch dürfen bei Ernst Güttinger persönliche und materielle
Erwägungen nicht außer
Acht gelassen werden; es ist nicht auszuschließen, dass er in
dem neu zu
gründenden Verlag seinem offensichtlich lange Zeit arbeitslosen
Sohn Otto, der
gelernter Schriftsetzer war, eine gute Stellung verschaffen
wollte.
5.
Der ausgebrochene Konflikt war aber nicht nur eine Angelegenheit
zwischen
Güttinger und dem Stammapostel bzw. dessen Sohn Friedrich
Bischoff. Er betraf
auch das Verhältnis zwischen dem Stammapostel und dem
Apostelkollegium.
Die Apostel waren ja ausdrücklich aufgefordert, sich aktiv an
der Konfliktlösung zu
beteiligen. Es ging um das gemeinsame Verlags-und Pressewesen,
das drohte
dezentralisiert zu werden, und um die Bedeutung des
Stammapostelamtes, das
drohte durch den konsequenzlosen Ungehorsam Güttingers seinen
hohen
Stellenwert als kirchenleitendes Amt einzubüßen.
Da die uns vorliegenden Quellen über die Motivlage der
Beteiligten in diesem Zusammenhang
keine Aussagen und auch keine Andeutungen machen, müssen wir uns
hier eines
wertenden Urteils enthalten. Es bleibt jedoch der Eindruck einer
unklaren und konturlosen
Grundstimmung im Apostolat, da eine eindeutige Stellungnahme für
den Stammapostel
ausblieb. Sicherlich spielte die historische Gesamtsituation
eine nicht unerhebliche Rolle
(man befand sich im Krieg). Es ist aber nicht auszuschließen,
dass der Stammapostel
meinte den Konflikt mit Güte am besten zu entschärfen und
deshalb auf Sanktionen
gegenüber Güttinger verzichtete (vgl. hierzu Kap. 5).
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
1. 3
Die Nachfolgerthematik: Erster Versuch einer Regelung der
Stammapostelnachfolge (ca. 1942)
Während des Zweiten Weltkriegs (ca. 1942) kam es erstmals zu
einem Konflikt im Apostelkollegium
hinsichtlich der Nachfolgeregelung im Stammapostelamt.
Zeitgenössische Quellen liegen leider nicht mehr vor. In Briefen
und Berichten erinnern sich
jedoch aus der Rückschau der Stammapostel Bischoff und die
Bezirksapostel Knigge,
Kuhlen und Schall – im Wesentlichen übereinstimmend – an jenes
Ereignis.
Die Bezirksapostel Schall und Knigge berichten Stammapostel
Schmidt im Jahre 1962 auf
dessen Wunsch hin, was sich in der Zeit um 194212 zu der
genannten Thematik ereignet
hatte. Von Kuhlen ausgehend (so Schall) – später behauptete
Kuhlen, dass Bezirksapostel
Landgraf der Initiator gewesen sei13 -, habe Stammapostel
Bischoff dem Wunsch der Apostel
nachgegeben, einen Stammapostelnachfolger wählen zu lassen;
dieser Vorgang fand wohl
nicht anlässlich einer Apostelversammlung statt14 , sondern
vermutlich durch schriftliche
Äußerung der Apostel per Brief.15 Das Ergebnis der Vorschläge
der Apostel (nach Bezirksapostel
Knigge wurden in Übereinstimmung mit den Aufzeichnungen Kuhlens
die Apostel
Landgraf, Kuhlen und Schall als Nachfolger im Stammapostelamt
vorgeschlagen) habe den
Stammapostel zu der Äußerung veranlasst, „daß dieses doch
niemals des Herrn Wille
sei, sonst wären wir alle eines Sinnes gewesen“.16 Die
befürchtete Wirkung dieser von
Stammapostel Bischoff nicht gewünschten Nachfolgebestimmungen
lässt sich aus dem
weiteren Bericht Bezirksapostels Knigge ablesen:
12
Zur Datierung des Versuches der Apostel die Nachfolge im
Stammapostelamt zu regeln folgende Über
legungen, da zeitgenössische Quellen fehlen: Bezirksapostel
Knigge konnte sich zwar nicht an den genauen
Zeitpunkt dieses Ereignisses erinnern, in jedem Falle war es
aber „schon vor dem Jahre 1943“. Gestützt wird
diese Angabe durch die Tatsache, dass Bezirksapostel Magney
sen., dessen Einschätzung er ja genau
erinnert und wiedergibt, zu jenem Zeitpunkt noch gelebt hatte
(er starb am 5. Mai 1943). Dieses Ereignis noch
vor 1943 anzusiedeln, kann also einige Wahrscheinlichkeit
beanspruchen, zumal auch Kuhlen in seinen
Aufzeichnungen von den Jahren „1940 oder 1941“ spricht. In einem
Schreiben des Stammapostels Bischoff an
die Apostel vom 30. November 1950 datiert der Stammapostel
diesen Vorgang ebenfalls auf das Jahr 1942.
13
Peter Kuhlen, Akten-Aufzeichnungen über die Gründe meines am 25.
November 1950 erfolgten Rücktritts als
Stammapostelhelfer und Nachfolger im Stammapostelamte. Ohne
Jahr, 1-19, hier 1.
14
Bezirksapostel Schall meinte sich zu erinnern, dass anlässlich
einer Apostelversammlung noch vor 1943 in
Berlin eine Wahl stattgefunden habe. Dies ist nachweislich
falsch, da es vor 1943 nur eine einzige
Apostelversammlung gab, und die fand in Dortmund am 8. Mai 1939
statt (in Berlin tagte man zuletzt 1937 und
dann erst wieder 1954).
15
Peter Kuhlen berichtet hierzu: „Dann hat Apostel Landgraf im
Jahre 1940 oder 1941 dem Stammapostel die
Bitte um Aussonderung eines Nachfolgers im Stammapostelamte
nahegelegt. Daraufhin schrieb der
Stammapostel an die damals erreichbaren Apostel – es war Krieg,
und ging die Anfrage nur an die deutschen
Apostel, sie möchten ihm, ohne daß einer mit dem andern
Rücksprache nehmen solle, damit keiner den
andern menschlich beeinflussen könne, den in ihrem Geiste zu dem
hohen Amte eines Stammapostels
erweckten Mann, nennen. Kurze Zeit danach schrieb dann der
Stammapostel, daß das Ergebnis seiner
Rundfrage sei, es hätten 4 Apostel den Apostel Landgraf, 4
Apostel den Apostel Schall und 4 Apostel den
Apostel Kuhlen vorgeschlagen.“ (in: Peter Kuhlen,
Akten-Aufzeichnungen über die Gründe meines am 25.
November 1950 erfolgten Rücktritts als Stammapostelhelfer und
Nachfolger im Stammapostelamte. Ohne
Jahr, 1-19, hier 1) Stammapostel Bischoff schreibt den Aposteln
am 30. November 1950: „Vier Apostel
benannten den Apostel Kuhlen, vier den Apostel Landgraf und drei
den Apostel Schall. Apostel Buchner
schrieb mir, der Herr habe in ihm keinen erweckt.“ Abweichungen
gibt es also nur in Bezug auf die
Stimmenanzahl auf Apostel Schall.
16
Brief Bezirksapostels Knigge an Stammapostel Schmidt vom 20.
Juni 1962. Vgl. auch den Brief
Bezirksapostels Schall an Stammapostel Schmidt vom 12. Mai 1962.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
„Nach der Apostel-Versammlung kam Apostel Magney [sen.] zu mir
und sagte ungefähr folgendes: Bruder
Knigge, was haben wir nur gemacht? Wo ist die schöne Einheit?
Jetzt haben wir 3 Stammapostel, wenn
der Stammapostel Bischoff von uns genommen würde. Das ist doch
nicht richtig. Es ist das sehr traurig“.17
Aber nicht nur für die Zukunft des Werkes Gottes, sondern auch
für den Stammapostel
selber hatten die Apostel mit der Nachfolgeregelung eine Notlage
herbeigeführt, die das
Vertrauensverhältnis zwischen ihnen und dem Stammapostel in
erheblicher Weise belastete
und zu Misstrauen und Spannungen führen konnte. Gut zehn Jahre
später erinnerte sich der
Stammapostel noch lebhaft an dieses Ereignis:
„Seit 1943 wurde hinter meinem Rücken gearbeitet. Die Apostel
hatten mich gezwungen, zu handeln. In
meiner Not gab mir der liebe Gott das Wort Jesaja 8,10.18 Wenn
ich nach der Meinung der Apostel
gehandelt hätte, dann hätte ich drei Stammapostel einsetzen
müssen. Ich will damit nur sagen, daß nicht
ich die Ursache gab, sondern die Apostel. Apostel Güttinger bat
mich, das Material nicht herauszugeben.
Ich will das auch nicht, wenn man mich nicht dazu zwingt“.19
In dem schon erwähnten grundlegenden Schreiben an die Apostel
vom 30. November 1950
(anlässlich des Rücktritts von Kuhlen vom Stammapostelamt und
Stammapostelhelferamt)
resümiert und bewertet der Stammapostel Bischoff den ersten
Versuch einer
Bestimmung eines Stammapostelnachfolgers in seiner Amtszeit wie
folgt:
„Im Jahre 1942 haben die Apostel mir nahegelegt, einen
Nachfolger zu bestimmen. Ich habe daraufhin die
Apostel aufgefordert, mir den Namen des Apostels mitzuteilen,
der in ihrem Geiste als mein Nachfolger
erweckt sei. Vier Apostel benannten den Apostel Kuhlen, vier den
Apostel Landgraf und drei den Apostel
Schall. Apostel Buchner schrieb mir, der Herr habe in ihm keinen
erweckt. Ich habe darauf den Aposteln
geschrieben: `Seht ihr, der Herr war nicht mit euch; denn Gott
ist ein einiger Gott und kein
zertrennter. Er wird mir zur rechten Zeit den Mann zeigen, der
als mein Nachfolger in Frage
kommt.` Apostel Landgraf schrieb mir darauf, es sei besser, wenn
ich meinen Nachfolger
bestimmen würde; denn das sei doch schließlich des Stammapostels
Sache.“
17 Brief Bezirksapostels Knigge an Stammapostel Schmidt vom 20.
Juni 1962.
18
„Beschließt einen Rat, und es werde nichts daraus; beredet euch,
und es bestehe nicht; denn hier ist
Immanuel.“ (Jesaja 8,10 nach der Bibelausgabe von 1912; Immanuel
ist nicht Name, sondern Aussage: „Denn
mit uns ist Gott!“)
19
Besprechung zwischen dem Stammapostel und dem Priester Rudolf
Plüss am Montag, 23. November 1953,
von 10-12 Uhr in Frankfurt/M. Niederschrift des wichtigsten
Inhalts der Besprechung. Stenographiert von
Bischof Weine, 1-4, hier 2.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
2. Die neuapostolische Kirchenleitung nach dem Zweiten
Weltkrieg
2. 1
Die historisch-politischen Rahmenbedingungen als
Hintergrund entstehender Spannungen
Es ist nicht auszuschließen, und dafür gibt es auch einige
Anzeichen, dass die Apostel in
ihren Bezirken bedingt durch die Zeitverhältnisse (Nazi-Zeit20,
Zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit)
über viele Jahre autonom entscheiden mussten, da der
Stammapostel als
„Führer“ einer Kirche von den nationalsozialistischen Kräften
und ihrer Gesetzgebung in
seiner Handlungs-und Entscheidungsfreiheit in besonderem Maße
und erheblich eingeschränkt
worden war, und somit sich möglicherweise zumindest einige
Apostel an eine
gewisse Selbstständigkeit gewöhnt hatten, die sie nicht ohne
weiteres wieder
aufzugeben bereit waren.
Während des Krieges bestand außer auf brieflichem Weg kaum
Kontakt zwischen dem
Stammapostel und den Aposteln. Stammapostel Bischoff unternahm
nur wenige Reisen,
allenfalls in die nähere Umgebung Frankfurts. Im Wesentlichen
waren die Apostel auf sich
allein gestellt. Sie versuchten nach Möglichkeit die Arbeit, die
sie in der Vorkriegszeit unter
dem totalitären System verrichtet hatten, fortzusetzen und die
Gemeinden zu versorgen.
Die Umstände hatten dazu geführt, dass während des Krieges kaum
Kontakt zu den
Aposteln des Auslands bestand. Auch der Briefverkehr unterlag
der staatlichen Kontrolle.
Das wiederum bedingte eine Eigenständigkeit der Apostel
außerhalb Deutschlands. Ein
direkte Lenkung durch den Stammapostel fand nicht statt. Der
Zusammenhalt war
abhängig von der Bereitschaft der Apostel, die geistige
Verbindung aufrecht zu erhalten. Da
die verantwortlichen Apostel bereits viele Jahre im Amt waren,
sorgte die persönliche
Verbindung, die sie zum Stammapostel unterhielten, für eine
gewisse Stabilisierung.
Hielten der Stammapostel und die Apostel vor dem Zweiten
Weltkrieg im Jahr zwei bis drei
Mal Apostelversammlungen ab (die letzte am 8. Mai 1939 in
Dortmund), gab es während des
Zweiten Weltkriegs gemäß den uns vorliegenden Protokollen nur
eine Apostelversammlung
20
Vgl, den Brief Stammapostels Bischoff an Ernst Güttinger vom 17.
Februar 1947: „Die Neuapostolischen
Gemeinden hatten unter der Nazi-Regierung sehr viel zu leiden
und einen sehr schweren Kampf um ihren
Bestand zu führen. Im Juni 1933 wurden sämtliche Neuapostolische
Gemeinden verboten. Nachdem die zum
Verbot angeführten Gründe sich als Irrtum erwiesen hatten, wurde
das Verbot aufgehoben. Im Laufe der Zeit
wurden jedoch immer wieder einzelne Gemeinden geschlossen. Nur
unter größten Schwierigkeiten gelang es,
einen Teil dieser Verbote rückgängig zu machen. Die Absicht aber
war offenkundig, die Neuapostolischen
Gemeinden in ihrer Gesamtheit zu vernichten. Dies beweisen auch
die anderen gegen uns ergriffenen Maß
nahmen: Die Nazi-Regierung hat uns mit ungewöhnlich hohen
Steuern belastet, die Betreuung der Jugend
wurde unterdrückt, der Kauf von Grundstücken und der Bau von
Kapellen abgelehnt, die Opfer durften nicht
mehr erhoben werden, das Erscheinen unserer Zeitschriften wurde
verboten, Bibeln und Gesangbücher
durften nicht mehr gedruckt werden. Der durch die Nazis auf uns
ausgeübte Druck war ungeheuerlich. Das
Festhalten an dem christlichen Glauben brachte uns die
erbitterte Feindschaft des Nazismus, zumal wir die
zur Gemeinde gehörenden Mitglieder jüdischer Abstammung nicht
von uns gestoßen, sondern in jeder nur
möglichen Weise unterstützt haben.“
Eine Ausarbeitung über die Geschichte der Neuapostolischen
Kirche von 1933-1945 ist von der AG GNK
geplant.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
(26. Juni 1943) – und die dauerte lediglich eine ½ Stunde.21 Die
nächste Apostelversammlung
fand erst am
21. Mai 1948 in Frankfurt a.M. statt.
Der Mangel an gemeinsamen Versammlungen – im Grunde genommen
fand neun Jahre
lang keine Apostelversammlung statt – ist sicherlich eine
Ursache für die defizitäre
Einheit im Apostelkreis und die erfolgten Mahnungen des
Stammapostels.
Der Kreis der Apostel am Ende des Zweiten Weltkriegs setzte sich
wie folgt zusammen:
van Oosbree, Niederlande ordiniert 1910
Hartmann, Karlsruhe ordiniert 1922
Schall, Stuttgart ordiniert 1923
Güttinger, E, Schweiz ordiniert 1923
Lembke, Hamburg ordiniert 1925
Landgraf, Berlin ordiniert 1927
Faassen, Niederländisch-Indien ordiniert 1928
Schlaphoff, Südafrika ordiniert 1928
Buchner, Frankfurt ordiniert 1931
Knigge, Hannover ordiniert 1933
Rockstroh, Leipzig ordiniert 1933
Kuhlen, Düsseldorf ordiniert 1935
de Vries, Südafrika ordiniert 1935
Schneider, sen., Schweiz ordiniert 1935
Ludwig, Stuttgart ordiniert 1938
Jochems, Niederlande ordiniert 1939
Gantner, Argentinien ordiniert 1939
Güttinger, O., Schweiz ordiniert 1941
Toplisek, Argentinien ordiniert 1944
Fendt, USA ordiniert 1944
Diese Aufstellung zeigt, dass in Europa die Bezirksapostel
langjährige Wegbegleiter des
Stammapostels waren, unter denen Kuhlen der dienstjüngste war.
Als nun der Stammapostel nach dem Krieg begann, den Kontakt zu
den Bezirksaposteln
wieder aufzunehmen und neue Akzente der Führung zu setzen,
bedeutete dieses für die
Apostel eine Neuorientierung.
Die Quellen lassen den Schluss zu, dass die Ausrichtung auf den
Stammapostel durchaus
unterschiedlich erfolgte. Aus verschiedenen Gründen ergaben sich
erhebliche Differenzen
zwischen dem Stammapostel und den Bezirksaposteln van Oosbree,
Ernst Güttinger und
Kuhlen.
21 Es waren nur deutsche Apostel anwesend. Einziger
Tageordnungspunkt war die Nachfolgeregelung für den
Apostelbezirk Dortmund (Apostel Schüring wurde Nachfolger des
verstorbenen Bezirksapostels Hermann
Magney
sen.).
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2. 2
Ernst Güttingers Kampf gegen das Stammapostelamt seit
1945
Ernst Güttinger wurde am 16. September 1923 in das Apostelamt
(durch Stammapostel
Niehaus) und am 14. Februar 1933 in das Bezirksapostelamt (durch
Stammapostel Bischoff)
eingesetzt. Aus den Quellen ist nicht zu erkennen, dass Ernst
Güttinger bereits vor 1938 mit
dem jeweiligen Stammapostel ein gespanntes und konfliktbeladenes
Verhältnis gehabt hätte.
Auch mit Stammapostel Bischoff hatte Ernst Güttinger zumindest
bis zu diesem Zeitpunkt ein
unproblematisches, ja herzliches Verhältnis.
Erkennbare Spannungen ergaben sich erst im Zusammenhang mit den
oben geschilderten
Themen Dienstaltersbegrenzung (1938) und Verlagsangelegenheiten
(1939).
Nach dem Zweiten Weltkrieg – und zwar in etwa zeitgleich mit der
Verkündigung eigener
Lehrvorstellungen, mit denen er sich deutlich in Opposition zum
Stammapostel begab –
verkündete Ernst Güttinger in einer Ämterversammlung mit Frauen
am 30. Dezember 1945
seine Vorstellungen über das Stammapostelamt:
„Das Himmelreich ist keine Diktatur, sondern eine Demokratie.
Wir wissen, wo Diktatur hinführt. (...) Die
Apostel kamen einst in Jerusalem zusammen und haben beraten und
beschlossen. So wird es auch heute
gemacht. Vor dem Krieg kamen alle Apostel von Zeit zu Zeit
zusammen, um zu beraten und zu
beschließen. Der Stammapostel befiehlt nichts – sondern er führt
als Präsident aus, was die
Apostelversammlung beschließt; er ist das Haupt; die höchste
Autorität aber ist die Apostelversammlung,
wie in der Schweiz die Bundesversammlung“.22
Ernst Güttinger bricht also bewusst mit der Tradition der
Kirche, die das Stammapostelamt
und nicht das Apostelamt bzw. die Summe aller Apostel
(Apostelversammlung) als kirchenleitendes
Amt bzw. Organ ansah, und begibt sich somit bewusst in
Opposition zum Stammapostel.
Im Jahr 1948 ging Ernst Güttinger zum entscheidenden Angriff auf
das Stammapostelamt
und seinen
Inhaber über.
Am 4.
Mai 1948 leitete
Stammapostel Bischoff einen Antrag Ernst Güttingers vom 3. März
1948, wonach der Stammapostel „wie jeder Regierungspräsident nur
eine zwei-bis
dreijährige Amtsdauer haben“ solle, an die Apostel weiter.
Der Antrag Güttingers wird im Protokoll der Apostelversammlung
nicht erwähnt, auch ist er,
soweit wir sehen, nie wieder auf die Tagesordnung gekommen. Es
ist deshalb zu vermuten,
dass die Apostel zwar ein Interesse an einer geregelten
Nachfolge im Stammapostelamt,
aber kein Interesse an einem rotierenden System von
Stammaposteln und den damit
verbundenen Folgen eines Verlustes der Amtsautorität hatten.
Offensichtlich waren die
theologischen Bedenken bei den Aposteln hinsichtlich des
Antrages von Güttinger so groß,
dass sie durch die Abwehr eben dieses Antrages bewusst die
traditionelle Stellung des
Stammapostelamtes als (in der Regel auf Lebenszeit auszuübendes)
kirchenleitendes Amt
gesichert sehen wollten – nicht zuletzt Kuhlen dürfte daran als
soeben vom Apostelkollegium
gewählter Stammapostelnachfolger (1948) ein Interesse gehabt
haben.
22 Bericht über die Aemterversammlung mit Frauen gehalten von
Bezirksapostel Ernst Güttinger am 30.
Dezember 1945 in Zürich-Hottingen. In: Ernst Güttinger (Hrsg.):
Goldkörner. Zürich 1946, 24. Hervorhebung
durch Fettdruck von AG GNK.
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Probleme
Zur Vorbereitung auf die Apostelversammlung vom 2. August 1948
in Quelle (bei Bielefeld)
erhielten die Apostel die Aufgabe, Stellung zu der von
Stammapostelhelfer Kuhlen überarbeiteten
Satzung für das Apostelkollegium von 1922 zu beziehen. Ernst
Güttinger ergriff
sofort die Gelegenheit, den Satzungsentwurf in eine von ihm
favorisierte Richtung umzuarbeiten.
An den Stammapostel und die Apostel gewandt bemerkte er:
„Wir sahen sofort, dass diese hochwichtige, weltumfassende Sache
von keinem Juristen bearbeitet wurde.
Mein Sohn Otto und ich haben nun die Sache unserm sehr tüchtigen
Juristen unterbreitet und haben sie
miteinander ausgearbeitet. Es mag Euch, liebe Brüder, vielleicht
das eine oder andere befremden, aber
ich möchte Euch bitten, die Sache ernstlich durchzugehen
(...)“.23
Der Satzungsentwurf Ernst Güttingers macht abermals deutlich,
dass er bestrebt ist, dass
Stammapostelamt auf das Niveau des Apostelamtes zu reduzieren
und die einzigartige
Stellung dieses Amtes unter Ausblendung seiner Geschichte zu
untergraben. Der Satzungsentwurf
Güttingers ist also als ein weiterer gezielter Versuch zu
werten, das Stammapostelamt
als das kirchenleitende Amt abzuschaffen und ihm lediglich die
Rolle
eines Vollzugsorgans der Beschlüsse der Apostelversammlungen
zuzugestehen.24
Gegenüber dem Sohn Otto Güttinger bemerkte der Stammapostel nur:
„Was nun die Ansichten Ihres Vaters betrifft, so hat er in
seinem Vornehmen den Kampf gegen den
Herrn aufgenommen, indem er dem Stammapostel einen anderen Platz
anzuweisen sucht, als dies
der Herr getan hat (...)“.25
Ein letztes Ereignis aus dem Jahre 1948 sei hier noch erwähnt,
da es zur Sache spricht.
Ernst Güttinger hatte vom Stammapostel den Auftrag erhalten, den
Bezirksältesten
Kamphuis in das Apostelamt für Holland zu setzen. Dies geschah
am 15. August 1948. Sein
Sohn Otto Güttinger, der an diesem Gottesdienst teilnahm,
berichtet von der Amtshandlung
seines Vaters:
„Bei der Ansprache zur Amtseinsetzung sprach Vater eindrücklich
davon, das die APOSTEL in ihrer
Gesamtheit den `Stamm` bildeten. – Als der Amsterdamer-Chor das
Schlusslied sang, bat mich mein
Vater, dies noch in holländischer Sprache zu wiederholen und
allen deutlich zu machen, dass nicht der
Stammapostel, sondern die Apostel der `Stamm` seien. Ich fühlte
dabei aber einen derartigen innerlichen
Widerspruch es zu tun, dass ich ihn bat, es nicht tun zu müssen
– weil er es ja schon gesagt habe. Und es
wurde dann auch unterlassen“.26
23 Brief Ernst Güttingers an Stammapostel Bischoff und die
Apostel vom 23. Juli 1948.
24
Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf Ernst Güttingers
Zustimmung zu dem Satzungsentwurf des
Bezirksevangelisten Schmidt (der zu jener Zeit Kirchenvorstand
war) im Saarland 1948, der ebenfalls auf eine
nahezu vollständige Entmachtung des Stammapostels hinauslief.
25
Brief
Stammapostels Bischoff an Otto Güttinger vom 20.
September 1948. Dass man
letztlich nicht gegen ihn,
sondern gegen den Herrn kämpfte, wenn man das Stammapostelamt
angreifen würde, äußerte Stammapostel
Bischoff gegenüber den Aposteln bereits Anfang 1946 in einem
ausführlichen Schreiben (Brief Stammapostels
Bischoff an die Apostel und Bezirksvorsteher vom 10. April 1947,
zuerst erschienen am 4. Januar 1946).
26
Brief Otto Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 26. August
1948. Vgl. auch den Gottesdienstbericht
(Schlussteil) in: Brot des Lebens. Nr. 22 vom 15. November 1948,
174-176, hier 174f. Siehe zu dieser
Thematik auch das abschätzige Urteil Stammapostels Bischoff in
seinem Brief an die Apostel vom 13. Juni
1950: „Die Apostel sind nicht der Stamm. Sie sind nach Jesu
Worten die Reben, die aus dem Stamm
hervorgehen. Die Apostel sind aus dem Stammapostel geboren.“ Und
auch die Bemerkung Ernst Güttingers
während der Amtseinsetzung des Apostels Kamphuis („Du bist nicht
aus dir hervorgegangen, sondern der Herr
Jesus in den Aposteln ist dein Sender (...). Bleibe unter
unserer Hand, die wir noch weiter hier in Holland den
Bezirk bedienen und leiten (...)“, zitiert aus dem bereits
erwähnten Gottesdienstbericht) kommentiert der
Stammapostel abschätzig: „Die Apostel können einen Mann zum
Apostel vorschlagen; die Einsetzung
geschieht durch den Stammapostel oder durch einen von ihm
beauftragten Apostel.“
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Energie Ernst Güttinger
seine Vorbehalte
gegenüber dem Stammapostelamt nun auch in die Öffentlichkeit
trug – und das
anlässlich einer Apostelordination.
Der Quellenbefund ergibt also eindeutig, dass Ernst Güttinger ab
1945/1946 gezielt damit
begann, seine Kraft und Energie systematisch gegen Stammapostel
Bischoff und gegen das
Stammapostelamt zu wenden, um unabhängig vom Stammapostel und
selbstbestimmt
„seinen“ Apostelbezirk in der Schweiz führen zu können mit der
Option, völlige Selbstständigkeit
zu erlangen.
Anstrengungen dieser Art lassen sich bei Ernst Güttinger jedoch
nicht nur in direkten
Attacken gegenüber dem Stammapostel und in Anträgen zur
Nivellierung des Stammapostelamtes
im Sinne eines „primus inter pares“-Konzeptes beobachten,
sondern auch auf
anderen Sachgebieten.
Ernst Güttinger produzierte z.B. massive Lehrabweichungen
(hinsichtlich der Eschatologielehre:
die Sterne sind die künftigen Wohnungen der Gotteskinder, das
Himmelreich ist
eine Demokratie, die erste Auferstehung dauert 1000 Jahre, das
Sonnenweib – das von
zurückbleibenden Aposteln und anderen Amtsträgern versorgt wird
-ist als höherwertiger
gegenüber dem Knäblein zu betrachten, die Errettung des
Sonnenweibes findet mit
Flugzeugen statt; aber auch hinsichtlich des Tauf-und
Erbsündenverständnisses oder des
Versiegelungsverständnisses: der Heilige Geist wird auch durch
das Wort der Predigt
empfangen; hinsichtlich des Weissagungsverständnisses etc.) und
begab sich somit in
Opposition zum Stammapostel Bischoff, der für sich beanspruchte,
alleinige Lehrautorität
zu sein.
In diesem Sinne gelang es Ernst Güttinger insbesondere in der
Nachkriegszeit auch eher
formal erscheinende Themen wie die Dienstaltersgrenze und die
Regelung der Verlagsund
Presseangelegenheiten sowie die amtstheologisch brisante
Fragestellung der Stammapostelnachfolger-
und Stammapostelhelferthematik zu instrumentalisieren, um auf
breiter Front die Stellung Stammapostels Bischoff und die
Autorität dessen Amtes zu
untergraben und in Frage zu stellen.
Um seiner Strategie Nachhaltigkeit zu verleihen, versuchte Ernst
Güttinger frühzeitig seinen
Einflussbereich auf andere Länder auszudehnen (Holland,
Luxemburg, Deutschland /
Saarland, Frankreich, Österreich); sein Engagement im Saarland,
in Luxemburg und
Holland scheiterte mit Blick auf die eigene Zielsetzung – für
den dort entstanden Schaden in
den Gemeinden ist er im Wesentlichen (mit)verantwortlich.
Schließlich versuchte Ernst Güttinger im Sommer 1951 ein letztes
Mal den Stammapostel zu
brüskieren, indem er im Sinne einer maßlos erscheinenden
Vetternwirtschaft „sein“
Bezirksapostelamt ausschließlich seinem Sohn Otto Güttinger
zukommen lassen wollte, was
jedoch ohne Erfolg blieb.
Es gibt Anhaltspunkte in den Quellen, die deutlich machen, dass
Ernst Güttinger offensichtlich
versuchte Opfergelder zu veruntreuen; um größeren Schaden zu
vermeiden,
strengte die NAK Schweiz diesbezüglich einen erfolgreichen
Prozess an.
Sämtliche Aktionen Ernst Güttingers von 1945-1951 hätten nicht
annähernd zu dem Ausmaß
an Irritationen in der Frage der Kirchenleitung beitragen
können, wenn nicht Teile des
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Probleme
Apostelkollegiums ihn wohlwollend hätten gewähren lassen bzw.
ihn sogar
unterstützt und sich damit ebenfalls gegen den Stammapostel
gestellt hätten.
Es ist jedoch – bei aller wahrnehmbaren inhaltlichen Nähe
einiger Apostel mit
Güttinger in Teilbereichen – grundsätzlich festzuhalten, dass
die Gesamtheit der
Apostel spätestens nach Überwindung der problematischen Zeit von
1948-1951 in der
Frage der Kirchenleitung, aber punktuell auch schon während des
Konflikts (ablesbar
z.B. an ihrer Ablehnung des von Güttinger im Jahre 1948
favorisierten Rotationsprinzips
im Stammapostelamt), nicht gewillt war, das Stammapostelamt als
kirchenleitendes
Amt in Frage zu stellen oder es gar abzuschaffen – dazu sahen
sie sich
weder von der Geschichte ihrer Kirche noch von den biblischen
und amtstheologischen
Begründungen dieses Amtes in der Lage. Güttinger war diesen
Schritt
allein gegangen.
Es mutet schon merkwürdig an, wenn man sich vor diesem
Hintergrund folgende Empörung
Güttingers gegenüber dem Stammapostel vor Augen führt:
„Nun wundere ich mich allerdings sehr, wie Sie oder jemand
anders auf den Gedanken oder zu der
Annahme kommen konnte, es stimme bei mir etwas nicht und es
bestände die Gefahr, ich würde
abschwenken (...) wer kann mich einer Irrlehre zeihen? Sie
sagten, meine Frau sei im Traume erschienen
und hätte gesagt die Trennung sei beschlossen, oder bereitet.
Lieber Stammapostel, von so etwas weiss
meine Seele nichts, es ist für mich unfassbar, woher solche
Lügen, Verdrehungen und Verleumdungen
kommen.“27
Die Ergebnisse der Quellenauswertungen haben deutlich werden
lassen, dass Ernst
Güttinger in hohem Maße Selbstständigkeitsbestrebungen und
Eigenständigkeit vom
Stammapostel verfolgte, ja durch sein Verhalten und seine
Sonderlehren sich geradezu in
Opposition zum Stammapostel verhielt. Insofern ist seine
Verwunderung, wie er sie in
seinem Brief an den Stammapostel ausdrückte, als unaufrichtig zu
charakterisieren.
Der sachliche Gehalt des Quellenbefunds, wie er sich uns heute
darstellt, war im Kern
im Übrigen den damals Beteiligten bekannt; schon im Jahre 1949
konfrontierte Otto
Güttinger seinen Vater mit dem Vorwurf:
„Diese Freiheit [gemeint ist die Vertretung einer anderen
Meinung als die des ranghöheren Amtsträgers]
erlaubst Du Dich auch dem Stammapostel gegenüber, und machst
davon sehr ausgiebig Gebrauch; in
den Apostelversammlungen, denen ich beiwohnte, tratest Du
geradezu als `Oppositionsführer`
auf“.28
27 Brief Ernst Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 25. Mai
1949.
28 Brief Otto Güttingers an Ernst Güttinger vom 26. August 1948.
Hervorhebung durch Fettdruck von AG GNK.
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Probleme
2. 3
Die Wahl Kuhlens zum Stammapostelhelfer und Nachfolger im
Stammapostelamt 1948
Oppositionelles Verhalten gegenüber dem Stammapostel wurde
jedoch nicht nur von Ernst
Güttinger praktiziert.
Tradition und Geschichte des Stammapostelamtes seit 1897
belegen, dass das Stammapostelamt
das kirchenleitende Amt unserer Kirche ist. In der
Apostelsatzung von 1922 ist
diese absolute Position des Stammapostels darüber hinaus sogar
rechtsverbindlich festgeschrieben.
Zum alleinigen Aufgabenbereich des Stammapostels gehörte es –
wenn er es
für nötig hielt –, sich einen Helfer zu erwählen bzw. seinen
Nachfolger zu bestimmen und zu
ordinieren.
Bis zu seinem Tod finden sich beim Stammapostel Bischoff der
Glaube und die Überzeugung,
dass der Herr ihm keinen Nachfolger gezeigt habe. Er lebte der
Gewissheit, dass
er beauftragt sei, das Werk des Herrn zu vollenden.
Trotzdem ordinierte der Stammapostel am 1. August 1948 in
Bielefeld den Bezirksapostel
Kuhlen zum Stammapostel, bestimmte ihn zu seinem Nachfolger und
übertrug ihm das
Stammapostelhelferamt, obwohl er das nicht wollte und die ganze
Handlung als ungöttlich
ansah.
Vier Tage vor dem Rücktritt Kuhlens vom Stammapostelamt und vom
Stammapostelhelferamt
resümierte der Stammapostel Bischoff in einem Brief an die
Apostel am 21.
November 1950 die für ihn wohl niederschmetterndste Erfahrung29
wie folgt:
„Schon in den Jahren vor und nach dem Krieg zeigte sich deutlich
und klarer werdend das Streben
und Verlangen einzelner Apostel, einen Nachfolger für mich zu
bestimmen. Jch habe zu keiner Zeit
einem solchen Streben zugestimmt und sah mich eines Tages
plötzlich der Tatsache
gegenübergestellt, dass es durch geheime Zusammenkünfte hinter
meinem Rücken gelungen war,
die Apostel in Europa zu beeinflussen, so dass es gegen meine
ausdrücklichen Vorstellungen und
gegen meine ausdrücklichen Warnungen zu der Wahl des
Stammapostelhelfers Kuhlen kam. Jch
stand in jener Zeit den Aposteln gegenüber allein und war
gezwungen worden zu handeln. Den
einzigen, mir übrig gebliebenen Weg ging ich, indem ich die
Handlung im Namen und Auftrag des
Apostelkollegiums vollzog, da ich sie im Namen und Auftrag des
dreieinigen Gottes nicht
vollziehen konnte. Ich habe den Aposteln gegenüber stets zum
Ausdruck gebracht und betone dies
heute nochmals, dass ich die ganzen Vorgänge niemals als
göttlich anerkennen werde“.30
29
„Die letzten fünf Monate war die schwerste Zeit meines
apostolischen Lebens. Der Herr wird weiterhelfen;
denn er wird sein Werk vollenden zu seiner Ehre und zu unserem
Heil“, so Stammapostel Bischoff in einem
Brief an den von ihm sehr geschätzten Apostel Schneider sen.
(Schweiz) vom 24. März 1948.
30
Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 21. November
1950.
Nur neun Tage später schrieb der Stammapostel den Aposteln am
30. November 1950 abermals zu dieser
Thematik -inzwischen war Kuhlen vom Helferamt zurückgetreten:
„Ich erklärte den Aposteln (...), dass ich
in diesen Vorgängen nicht die Arbeit des Heiligen Geistes,
sondern die Arbeit eines fremden Geistes
sehe (...) Die Apostel hatten gegen die göttliche Ordnung
gehandelt, denn der Herr bestimmt den
zukünftigen Stammapostel (...) Außerdem stand das Vornehmen der
Apostel im Widerspruch zu der
Satzung des Apostelkollegiums, wonach der Stammapostel das Recht
hat, während seiner Amtsdauer
unter Zustimmung der Apostel einen Nachfolger oder Vertreter
vorzuschlagen und auszusondern. Alle
von mir vorgebrachten Bedenken wurden im Unglauben und
Ungehorsam abgewiesen und ignoriert.“
Und an einer anderen Stelle: „Trotz meiner (...) wiederholten
Einsprüche haben mich die Apostel (...)
gezwungen, eine Wahl vorzunehmen (...) Das Schlimmste dabei war
aber, dass die Apostel auch den
lieben Gott beiseite setzten (...)“ (Stammapostel Bischoff:
Bericht ‚Wie Kuhlen Stammapostelhelfer wurde’,
o.D., o.O., S.2).
Diese Zitate reflektieren die Ereignisse aus einem zeitlichen
Abstand von ca. 2 ½ Jahren. Wie sehr den
Stammapostel das Verhalten der Apostel seinerzeit belastete,
schildern unabhängig voneinander die Apostel
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Probleme
Die Quellen aus dieser Zeit machen deutlich, dass Kuhlen der
Initiator dieser Vorgänge
war (die in das Jahr 1946 zurückreichen), und er die Apostel für
seine
Bestrebungen, Stammapostelhelfer und Nachfolger des
Stammapostels zu werden,
instrumentalisierte.
Am 21. Mai 1948 wurde Kuhlen während einer Apostelversammlung
also gegen den
Wunsch des Stammapostels von den Aposteln zum
Stammapostelnachfolger und –helfer
gewählt.
Der Stammapostel hatte die Wahl grundsätzlich als ungöttlich
angesehen – zumal die Wahl
Kuhlens erst im zweiten Wahlgang Einstimmigkeit hergestellt
hatte. Rückblickend auf diese
Zeit fasste der Stammapostel seine Empfindungen so zusammen:
„Die Wahl des Apostels Kuhlen zum Helfer geschah ohne Gottes
Willen. Dafür gibt es kein
Gegenstück im Werke Gottes. Ich mußte vorübergehend stille sein.
Alle Apostel in Europa waren
gegen mich. (...) Das Recht, einen Stammapostelhelfer zu
bestimmen, stand mir alleine zu“.31
Ohne jegliches Unrechtsbewusstsein stellte Kuhlen die Autorität
des Stammapostels in
Frage. Trotz der Ablehnung durch den Stammapostel hielt er
unbeirrt an seinem Ziel fest
und sah sich durch die Wahl des Apostelkollegiums in seinem Amt
hinreichend legitimiert.
Machtstreben und Ehrgeiz waren die Motive seines Verhaltens,
sein strategisches und
rhetorisches Geschick verhalfen ihm zum Erfolg.
Auch bei den Aposteln, besonders bei denen eines engeren Kreises
um Kuhlen, stellen wir
ein erhebliches Fehlverhalten fest: Sie agierten hinter dem
Rücken des Stammapostels und
respektierten nicht dessen ablehnende Haltung in der Frage der
Nachfolgeregelung. Sie
setzten sich gegen den erklärten Widerstand des Stammapostels
und gegen die Richtlinien
der Satzung durch.
Es würde ihrem Verhalten nicht gerecht, wenn wir sie lediglich
als Mitläufer Kuhlens und als
dessen verführte Opfer betrachteten. Einige Apostel haben
offensichtlich nach dem
Krieg den Führungsauftrag des Stammapostels nicht mehr
vollständig akzeptiert und
diesem die in ihren Augen legitime Mitverantwortung und damit
Mitentscheidung im
Werke Gottes gegenübergestellt. Trotz dieser Feststellungen
wollen wir ihnen die grundsätzlich
aufrichtige Sorge32 um den Fortbestand des Werkes Gottes nicht
absprechen.
Schmidt und Kuhlen: Der Stammapostel solle sehr stark
erschüttert gewesen sein und heftig geweint
haben, sodass die Apostel Buchner, Hartmann, Ludwig und Schall,
die die Dokumente dem Stammapostel
übergeben hatten, ihre Unterschriften zunächst zurückgezogen
haben.
31 Stammapostel Bischoff, in: Besprechung zwischen dem
Stammapostel und Apostel O. Güttinger am Freitag,
20. November 1953, 14.30 Uhr in Frankfurt a.M. Niederschrift des
wichtigsten Inhalts der Besprechung.
Stenographiert von Bischof Weine, 1-5, hier 1; Hervorhebung
durch Fettdruck von AG GNK.
Das Recht, einen Stammapostelhelfer zu bestimmen, hatte in der
Tat gemäß der damals gültigen
Apostelsatzung von 1922 nur der Stammapostel. Offensichtlich
konnte er dem Druck – der ja für ihn
unerwartet kam – nicht standhalten; eine Verweigerungshaltung
hätte einen Eklat und unabsehbare Folgen
nach sich gezogen, und genau deshalb unternahmen ja die Apostel
unter Federführung Kuhlens dieses
überraschende Unternehmen.
32
Die im Übrigen -bei allen amtstheologischen Vorbehalten -der
Stammapostel im gewissen Sinne verstehen
konnte, denn am 18. Februar 1948 schreibt er Apostel Schneider
sen. (Schweiz): „In diesem Schriftsatz teilten
mir die Apostel mit, daß sie den Apostel Kuhlen als meinen
Nachfolger erwählt haben. Ich kann die Apostel in
dieser Hinsicht verstehen; denn mit vollendetem 77. Lebensjahr
ist man kein Jüngling mehr. In diesem Alter ist
man dem Tag, an dem einem der Herr Feierabend machen heißt,
näher, als wenn man 40 oder 50 Jahre alt
ist.“
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Anders als die Apostel macht der Stammapostel sich hinsichtlich
der Nachfolge im Stammapostelamt
keine Sorgen um die Zukunft des Werkes Gottes. Das wird auch in
den
folgenden Worten deutlich:
„(...) der Herr bestimmt den zukünftigen Stammapostel. Er hat
stets zur rechten Zeit den Mann gezeigt,
den er zur Führung seines Werkes ausersehen hat.“ (Brief des
Stammapostels an die Apostel vom 30.
November 1950).
Der Stammapostel war überzeugt von den Worten des Psalmisten:
„Wo der Herr nicht das
Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen“ (Ps. 127,1).
Aus diesem Grund war ihm auch klar, dass das Verhalten der
Apostel nicht von dem Segen
Gottes begleitet werden konnte. Diese hatten nicht nach dem
Willen Gottes gefragt, sondern
aus Vernunftgründen eine Regelung der Nachfolge in Gang gesetzt.
Vielleicht könnte man
so weit gehen, zu behaupten, die Apostel haben die Frage der
zukünftigen Führung im
Werk Gottes zu einer Frage der Organisation, der
vernunftgesteuerten Regelung von
Führung, gemacht.
Der Stammapostel war gewiss nicht nur wegen des konspirativen
Vorgehens der Apostel
enttäuscht, nicht nur wegen der Missachtung seiner Amtsautorität
in dieser Frage, sondern
auch wegen der mangelnden Erkenntnis einiger Apostel in
göttliches Walten und göttliche
Vorsehung.
Hätten die Apostel nicht gegen den Stammapostel konspiriert und
ihn nicht mit vollendeten Tatsachen
konfrontiert, sondern hätten sie sich offenherzig und in
aufrichtigem Dialog mit ihrem Anliegen der
Nachfolgerregelung dem Stammapostel zugewandt, dann wäre wohl
zumindest eine Zuspitzung des Konflikts
im Apostelkreis vermieden worden. Davon zeugt eine Äußerung des
Stammapostels, die er wiederum
gegenüber dem Apostel Schneider sen. in einem Brief vom 24. März
1948 gemacht hat: „Nun war gestern
Apostel Schmidt hier. Er ist zwar im Amte der jüngste Apostel,
aber ein sehr ruhiger, sachlicher Mann. Ich
habe ihm erst meine Stellung in klaren Ausführungen zur Kenntnis
gebracht, und dann hat auch er mir in
ruhiger Weise die Stellung der Apostel geschildert, was
natürlich ein anderes Bild ergab, wie mir dies
bisher nur in Bruchstücken zur Kenntnis gekommen war. Ich werde
nun am 17. April [1948] nach
Düsseldorf fahren und dort mit den Aposteln Lembke, Kuhlen,
Knigge, Weinmann und Schmidt nochmals die
ganze Sache besprechen.“
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
2. 4
Ein neues Modell von Kirchenleitung: Die Apostelstatuten
vom 1. Januar 1950 – die Installierung des
Kollegialitätsprinzips
Als Ergebnis eines längeren Prozesses (seit Sommer 1948) treten
die „Statuten des Apostelkollegiums
der Neuapostolischen Kirche“ am 1. Januar 1950 in Kraft. Der
Stammapostel und
alle Apostel der Erde haben dieses Dokument unterschrieben.
Diese Statuten bringen im Kern – zum ersten Mal in der
Geschichte der Neuapostolischen
Kirche seit Bestehen des Stammapostelamtes – ein neues Modell
von Kirchenleitung
zum Ausdruck. Während es bisher das Stammapostelamt war, das die
Kirche
leitete, sollte nun nach dem Kollegialitätsprinzip die Summe
aller Apostel in den
Apostelversammlungen die Geschicke der Kirche leiten.
Zwar wurde der Stammapostel „als Haupt der Kirche“ noch immer
als „Hauptleiter“
bezeichnet (§ 3), doch lassen wesentliche Änderungen und
Ergänzungen der neuen
Statuten ein neues Bild von Kirchenleitung erkennen:
•
Der Stammapostel wird nicht mehr auf Lebenszeit sein Amt
ausführen und ist wie
jedes Mitglied abrufbar (§ 4).
•
Das Vorschlagsrecht für Apostelberufungen steht nun jedem
Mitglied des Apostelkollegiums
zu (§ 3).
•
Das Gelöbnis eines neuordinierten Apostels musste „vor Gott, dem
Stammapostel
und dem Apostelkollegium“ abgelegt werden und er hatte seinen
Dienst gemäß den
Bestimmungen dieser neuen Statuten auszuführen, womit eine
Anbindung an das
Apostelkollegium und nicht direkt an das Stammapostelamt
verbunden war (§ 3).
•
Apostelversammlungen musste der Stammapostel künftig bereits
auch dann
einberufen, wenn wenigstens 50% -und nicht wie bisher 75% -der
Apostel dies
wünschten. Eine Beschlussfähigkeit konnte jetzt ebenfalls mit
einer geringeren
Prozentzahl als vorher hergestellt werden.
•
Der Stammapostel wird nicht mehr von seinem Vorgänger bestimmt,
sondern von
den Aposteln gewählt.
•
Das Vorschlagsrecht für die Wahl eines Stammapostelnachfolgers
und –helfers liegt
nun nicht mehr allein beim Stammapostel, sondern bei allen
Aposteln (§ 6).
•
Ein zu Lebzeiten eines Stammapostels einmal gewählter
Stammapostelnachfolger
tritt ohne weitere Wahl – wie dies jedoch in der Satzung von
1922 noch vorgesehen
war – das
Amt des Stammapostels an (§ 6).
(Dies war ein für Kuhlen
sehr wichtiger
Aspekt, da er mit Inkrafttreten dieser Statuten am 1. Januar
1950 noch immer Nachfolger
im Stammapostelamt war und somit seine Position als künftiger
Stammapostel
als unantastbar ansehen durfte!)
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
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•
Abänderungen oder Ergänzungen der neuen Statuten bedurften der
Zustimmung des
Apostelkollegiums und nicht allein des Stammapostels (§ 11).
•
Bei Meinungsverschiedenheiten über die Auslegung der Statuten
entscheidet die
Apostelversammlung und nicht der Stammapostel allein (§ 12).
Noch vor Inkrafttreten dieser neuen Apostelstatuten erscheinen
bis Ende 1949 in der
neuapostolischen Presse Artikel, die die absolute Position des
Stammapostelamtes betonen.
Diese Form von Willensbildung bleibt jedoch erfolglos. Es bleibt
deshalb festzuhalten, dass
im Apostelkreis um 1950 (aber nicht bei den Kirchenmitgliedern)
für eine solche die Exklusivität
des Stammapostelamtes betonende Sichtweise zu jener Zeit keine
Mehrheit vorhanden
war.
Anders ausgedrückt – da wir über Zahl und personelle Stärke der
verschiedenen Fraktionen
und Meinungsführer zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu wenig wissen
–, es
scheint im Apostelkreis dominierende Kräfte gegeben zu haben,
die es vermochten,
die traditionelle Position des Stammapostelamtes in Frage zu
stellen, um die Frage
der Kirchenleitung neu zu regeln.
Ausdruck und
Erfolg eines solchen Bestrebens sind
dann die Statuten von 1950.
Im Sommer 1951 scheint sich das Blatt gewendet zu haben.
Am 6. August 1951 treten neue Apostelstatuten (siehe Kapitel
3.3) mit einem wiederhergestellten
exklusiven Verständnis vom Stammapostelamt in Kraft.
Resümierend auf die zurückliegende Zeit schreibt der
Stammapostel den Aposteln am 14.
Juli 1951:
„Die in den letzten Jahren durchlebten unguten Verhältnisse im
Werke Gottes haben mich anhand
vielseitiger Erfahrungen erkennen lassen, dass die Ursache zu
all dem vielen Leid darin liegt, dass
man im Kreis der Apostel die Grundsätze der Theokratie
(Gottesherrschaft) verlassen hat und die
kirchliche Führung nach demokratischen Grundsätzen ausgeübt
wissen wollte.
Damit unliebsame Vorkommnisse wie in der Vergangenheit
künftighin vermieden werden, ergab
sich die Notwendigkeit, die Statuten des Apostelkollegiums vom
1. Januar 1950 grundlegend zu
ändern. Ein neuer Entwurf der Statuten geht Ihnen hiermit zu mit
der Bitte, denselben genau
durchzusehen und evtl. Änderungsvorschläge oder Ergänzungen mir
bis spätestens 23. Juli
zukommen zu lassen“.33
33 Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 14. Juli
1951. Hervorhebung durch Fettdruck von AG GNK.
Siehe auch den bereits am 20. März 1951 verfassten Brief
Stammapostels Bischoff an den Bezirksältesten
Keller (Schweiz): „Nun will ich Ihnen noch etwas ganz besonderes
zusenden. Anbei 2 vervielfältigte Schreiben.
Lesen Sie bitte erst die Abschrift des anonymen Briefes und dann
mein Schreiben vom 16.3.51 an die Apostel.
Da werden Sie staunen, was die Geister gegenwärtig hinter meinem
Rücken hervorbringen, um den
Stammapostel allmählich zu beseitigen. Es liegt ja im Zuge der
Zeit: Erst wurden Kaiser und Könige
weggefegt, damit sich das Wort des Herrn erfüllte: Laodicea
(d.i. Volksherrschaft). Dieser Geist ist nun auch
bemüht, die Autorität des Stammapostels zu beseitigen. Wenn
dieser Geist das erreichen würde, so wäre das
Werk Gottes am Ende. Die Lebensgemeinschaft mit Christo ist
keine Autokratie (Diktatur), auch keine
Demokratie (Volksherrschaft), sondern Theokratie
(Gottesherrschaft)“ (S. 2). Hervorhebungen durch
Kursivdruck von AG GNK.
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Die enge Terminierung zeigt, dass der Stammapostel keinen
Aufschub duldet. Und tatsächlich
treten die neuen Statuten am 6. August 1951 in Kraft.
Offensichtlich hatten sich die
Kräfteverhältnisse im Apostelkreis zugunsten des Stammapostels
derart verschoben, dass
eine Debatte über ein so überaus wichtiges Dokument nicht mehr
stattgefunden zu haben
scheint.
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3. Die Beendigung des Konflikts um die Kirchenleitung
(1950 – 1955)
3. 1 Neue Apostelrufungen seit 1950
Im Jahr 1950 wurden neue Männer in das Apostelamt berufen:
Apostel G. Rockenfelder (im
Februar),
Apostel Volz (im April) und Apostel Hahn (im September).
Diese Apostel verstanden
sich als treue Nachfolger des Stammapostels. Auf sie hat Kuhlen
keinen Einfluss ausüben
können.
Dann ergab sich, dass die Apostel Schmidt und Weinmann, die 1948
noch zu dem Kreis der
den Stammapostelhelfer Kuhlen unterstützenden Apostel gehörten,
eine Änderung ihrer
Position vorgenommen hatten, nicht zuletzt weil Kuhlens
bestimmende und wenig einfühlsame
Art sie brüskiert hatte.
Die Motive der Apostel lassen sich im Wesentlichen reduzieren
auf die Ablehnung seiner
Person und seines Auftretens, auf die Einschätzung der Funktion,
die Kuhlen ausübte,
nämlich mehr Vertreter als Helfer des Stammapostels zu sein, und
auch in der Besorgnis,
dass ihre Eigenständigkeit in ihren Apostelbezirken
eingeschränkt würde. Im Kern aber
empfanden sie, dass Kuhlen herrschen und nicht dienen wollte.34
34
Bezirksapostel Weinmann stellt in seinem Bericht („Wie Kuhlen
Stammapostelhelfer wurde“. 1952) fest, dass
er seit längerem eine Kluft zwischen sich und Kuhlen empfunden
habe und zeigt die Entwicklung auf, die zum
Bruch mit Kuhlen führte:
„Ich habe [mir] auch Gedanken gemacht darüber, woher wohl diese
wachsende Antipathie kommen mochte,
nachdem man
mich früher doch so sehr umworben hatte.
(...) Nach dem Abendbrot
im Atlantik-Hotel [während
der Baubesichtigungsreise im April 1950] wurden vom Aeltesten
Schmohl [er diente unter Kuhlen im Bezirk
Düsseldorf] Zigarren angeboten, jedoch rauchte keiner von uns.
Schnell kam nun das beliebte Thema der
Polemisierung unserer (...) Nichtraucher-Aktion in Gang [mit
dieser Aktion wollte der Apostel Weinmann in der
Nachkriegszeit u.a. den Wiederaufbau der zerstörten Kirchen
finanzieren]. Es wurde vom „Helfer“ Kuhlen und
Aeltesten Schmohl alles höchst lächerlich hingestellt. (...) Es
war ein furchtbarer Abend. (...) Ich persönlich
wurde von den beiden Herren auf das schändlichste diffamiert,
alles was ich sagte, wurde mit brüllendem
Hohngelächter beantwortet, (...) man hat mich regelrecht zwei
Stunden lang intensiv gereizt (...).“
Und an einer anderen Stelle dieses Berichts schreibt
Bezirksapostel Weinmann über den Pfingst Sonntag
abend:
„(...) ich selbst wurde vor den Geschwistern so lächerlich
gemacht (...), dass man vermuten konnte, (...) ich
verkündigte eine tote und fade Lehre. Nach einer Stunde
Klingenkreuzens mit dem sauberen `Helfer` Kuhlen
und dessen noch saubereren Helfer Schmohl (...) stand ich auf
und sagte zu den Anwesenden: `Ihr lieben
Geschwister, alles, was hier vom Helfer und von Schmohl gesagt
wurde, ist nicht (...) nach dem Willen unseres
Stammapostels (...)`. Ich zitterte vor Erregung, denn auf solche
Weise das Gastrecht zu missbrauchen, das
würde keinem Wilden einfallen (...). Für mich war der Mann
fortan kein `Helfer` mehr, sondern ich bewertete
ihn als (...) einen schlimmen Fuchs im Weinberg, der denselben
verdirbt (...) Ich habe den Stammapostel
gebeten, mir den Mann niemals mehr in den Bezirk zu schicken.
(...) Endlich war nun der Bann gebrochen und
ich konnte nun ohne Scheu über diese heiklen Dinge zum
Stammapostel sprechen.“
Mit der Abwendung von Kuhlen erfolgte bei Bezirksapostel
Weinmann eine verstärkte Zuwendung zum
Stammapostel.
Eine ähnliche Entwicklung stellen wir bei Apostel Schmidt
(Bericht vom 8. September 1952, S. 3f.) fest. Er
berichtet:
„Sein Ziel [die Einsetzung als Stammapostelhelfer] war nun
erreicht, aber es begann ein Abschnitt, in dem die
Apostel über ihr Handeln [die Wahl zum Stammapostelhelfer] eines
anderen belehrt wurden. (...) Ich empfand
immer mehr, dass Apostel Kuhlen als Organisator befähigt sei,
seine Gottesdienste und seine seelsorgerische
Tätigkeit aber mehr einer Evangelisation gleichzustellen seien.
(...) Inzwischen entwickelten sich die
Verhältnisse in der Schweiz und im Saarland (...) man konnte
beobachten, wie Apostel Ernst Güttinger und
sein Sohn Otto Güttinger starken Einfluss auf Apostel Kuhlen
ausübten. Dieser Einfluß wurde auch auf Apostel
Kamphuis übertragen (...). Als wir im Juni 1950 mit dem
Stammapostel und den anderen Aposteln von Holland
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Probleme
Gegen Ende des Jahres 1950 hatte sich die Zahl der Apostel, die
Kuhlen unterstützten, bis
auf wenige reduziert: Ernst und Otto Güttinger (Schweiz),
Kamphuis (Holland) und Dehmel
(Rheinland/Deutschland). Unstrittig wird damit deutlich, dass
der Apostelkreis keine Einheit
bildete.
Am 5. August 1951 ordinierte der Stammapostel zudem acht weitere
Apostel, die ihm treu
zur Seite standen: die Bezirksapostel Eschmann (Schweiz), Dauber
(Frankreich und Saarland)
und Tan Bian
Sing (Indonesien) sowie die Apostel Friedrich Bischoff
(Frankfurt a.M.),
Schiwy
(Herne), Hermann Schumacher (Bremen), Tiedt (Berlin) und
Wintermantel
(Pforzheim).
So hatten
sich die Verhältnisse innerhalb des Apostelkreises zugunsten des
Stammapostels
seit Sommer 1950 (langsam beginnend) bis August 1951 wesentlich
verändert.
3. 2
Rücktritt Kuhlens vom Stammapostelamt und -helferamt
(November 1950)
Die Zeit Kuhlens als Stammapostelhelfer ist gekennzeichnet von
drei Faktoren, die auch als
die entscheidende Ursache für seinen Rücktritt gesehen werden
können:
•
Mangelnde Kommunikation zwischen Kuhlen und dem Stammapostel,
•
Aktivitäten Kuhlens, die von vielen Aposteln als ein sie in
ihrer Kompetenz
beschneidendes persönliches Machtstreben verstanden wurde,
•
und schließlich das von Stammapostel Bischoff vertretene
theologische Argument,
Kuhlen sei nicht von Gott zu diesem Amt erwählt gewesen.
Das Stammapostelhelferamt war, ausgehend von den Satzungen und
einschlägigen
schriftlichen Verlautbarungen, wenig präzis beschrieben. Die
inhaltliche Füllung dieser
hervorgehobenen Aufgabe hätte in klaren Absprachen zwischen dem
Stammapostel und
dem Helfer vorgenommen werden können. Das geschah offensichtlich
nicht. Erst relativ spät
–
als Reaktion auf Entwicklungen – umriss der Stammapostel die
Aufgabe des Helfers.
Folgende Tätigkeitsschwerpunkte Kuhlens lassen sich aus den
Quellen ableiten:
Kuhlen hatte den Auftrag, die Satzungen zu aktualisieren. Es ist
aus den Quellen nicht klar
erkennbar, welchen Einfluss er auf die jeweiligen Entwürfe und
Beschlüsse hatte. Die
verabschiedete Fassung vom 1. Januar 1950 scheint mehr ein
Produkt der individuellen
zurückkehrten, hat mich Apostel Kuhlen verärgert am Nachmittag
in Düsseldorf auf der Straße stehen lassen,
weil ich es konsequent ablehnte, am Abend an einem Gottesdienste
teilzunehmen, in dem Apostel Ernst
Güttinger zugegen sein würde (...).“
Apostel Weinmann schreibt, dass er auf der Hollandreise vom
15.-20.Juni 1950 Apostel Schmidt näher
gekommen sei: „Ich habe mich gefreut, dass Apostel Schmidt
ebenso dachte, wie ich. Wir hatten das ewige
Intrigenspiel satt und nahmen uns vor, zusammen-und zum
Stammapostel zu halten.“
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Probleme
Vorstellungen der Apostel im Sinne eines Kompromisses zu sein,
als dass sie seine
Handschrift trüge.
Am 7. Februar 1950 erhielt der Stammapostelhelfer Kuhlen von der
Apostelversammlung
den Auftrag, die Glaubensartikel einer Prüfung zu unterziehen.
Nach von ihm zögerlich
vorgestellten Ergebnissen – die Apostelversammlung stellte die
Änderungsinitiative am 3.
Juli 1950 zurück – wurde ihm vom Stammapostel die Aufgabe aus
den Händen genommen
und dem Bezirksältesten Friedrich Bischoff übertragen.
Auch das Lehrbuch „Fragen und Antworten“ sollte von Kuhlen
überarbeitet werden. Ein entsprechender
Entwurf blieb Anfang Juli 1950 unbeachtet, und der Auftrag wurde
vom Stammapostel
wiederum in die Hände seines Sohnes gelegt.35
Neben diesen mehr konzeptionellen Arbeiten Kuhlens oblag ihm –
zumindest war dieses
seinem Selbstverständnis entsprechend – die Gestaltung einiger
bezirksübergreifender
Aktionen. Sein organisatorisches Geschick kollidierte bisweilen
mit der auf Eigenständigkeit
ausgerichteten Vorgehensweise einzelner Bezirksapostel.
In der Zeit der Tätigkeit Kuhlens als Stammapostelhelfer fiel
unter anderem die offene Opposition
des Bezirksapostels Ernst Güttinger aus der Schweiz gegenüber
dem Stammapostel
Bischoff. Die Konflikte bezogen sich auf Lehraussagen, auf die
Festlegung der Dienstaltersgrenze,
auf das Verlags-und Pressewesen und speziell auf die
Einschätzung der Stellung
des Stammapostelamtes.
Die Auswertung der Quellen ergibt, dass Kuhlen es nicht als
notwendig angesehen
hat, Ernst Güttinger in seine Grenzen zu weisen und den
Stammapostel zu stützen.
Als Stammapostelhelfer bemühte sich Kuhlen des Weiteren um die
Beilegung der Konflikte,
die in Holland und im Saarland entstanden waren. Dabei vertrat
er in seiner Vorgehensweise
nicht von vornherein die Position des Stammapostels, sondern
bemühte sich –
im Sinne einer Mediation – um den Ausgleich unter den
beteiligten Parteien. Weder
gelang ihm eine zutreffende Analyse der jeweiligen
Konfliktsituation, noch erwog er
selbstkritisch Möglichkeiten und Grenzen des Einflusses seiner
Person.
Insgesamt offenbaren die Quellen, dass Kuhlen mehr um
unterstützenden Kontakt zu den
Aposteln bemüht war als um die Übereinstimmung bewirkende
Feinabstimmung mit dem
Stammapostel. Dieser brachte im August 1950 sein Missfallen
darüber zum Ausdruck, dass
Kuhlen sich als Mittler zwischen die Apostel und den
Stammapostel geschaltet hatte. Er
signalisierte, dass Kuhlen seine Kompetenzen überschritten habe.
Nach anfänglicher Unterstützung durch die Apostel im August 1948
anlässlich der Wahl zum
Stammapostelhelfer hatte sich Ende des Jahres 1950 die Zahl der
Apostel, die noch hinter
Kuhlen standen, bis auf wenige reduziert. (Die Motive der
Apostel für eine Ablehnung
Kuhlens wurden bereits im vorigen Kapitel genannt.)
35
Das Verhältnis zwischen Friedrich Bischoff und Kuhlen kann als
Konkurrenzverhältnis mit feindlichen Zügen
charakterisiert werden. Die nachweisbare Option Kuhlens, über
den Verlag zu verfügen, bot ebenso
Konfliktstoff wie die Tatsache, dass Kuhlen Mitte des Jahres
1953 viele Gemeinden aus seinem Apostelbezirk
an den neugegründeten Apostelbezirk Mainz abgeben musste – und
diesem neuen Apostelbezirk stand der
neuordinierte Friedrich Bischoff als Bezirksapostel vor.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Damit war seine Stellung als Stammapostelhelfer jedoch
fragwürdig geworden, denn
das Apostelkollegium, das ihn gewählt und legitimiert hatte,
hatte sich inzwischen
mehrheitlich von ihm abgewandt.
Im Verlauf des Jahres 1950 erschienen in der neuapostolischen
Presse einige Artikel, die als
Angriff auf die Position und Legitimation des Helfers Kuhlen
verstanden werden können.
Initiatoren waren im Wesentlichen Apostel Rockenfelder und
Friedrich Bischoff. Die Intention
war die Stärkung der Stellung des Stammapostels, und es spricht
etliches dafür, dass dieses
Vorgehen eine Strategie war.
Als durch den Anlass einer problematischen Publikation in dem
Kalender „Unsere Familie“
1951 – sie wurde den Aposteln im November 1950 bekannt – die
grundsätzliche Frage der
Legitimation des Stammapostelhelferamtes aufgeworfen und
indirekt damit die Stellung
Kuhlens hinterfragt wurde, musste Kuhlen mit einer etwaigen
Abwahl durch das
Apostelkollegium rechnen. Dieser Gefahr begegnete er mit seinem
Rücktritt am 25.
November 1950, nicht zuletzt auch mit der Absicht, seine
Position als Bezirksapostel
zu halten.
Es ist anzunehmen, dass der Stammapostel Bischoff zu der
Überzeugung gelangt war, dass
eine Abberufung bzw. Abwahl Kuhlens in Übereinstimmung mit
Gottes Willen stehe, eben
weil dessen Berufung nicht göttlich war.
Die Konflikte im Apostelkollegium waren mit Kuhlens Demission
nicht beendet, vielmehr
setzten sie sich fort. In den Folgemonaten zeigte sich
allerdings eine deutliche Tendenz zur
Stabilisierung der Stellung des Stammapostels, die besonders in
den neuen Apostelstatuten
von 1951 ihren Niederschlag fand.
Kuhlen scheiterte als Stammapostelhelfer, weil es ihm nicht
gelang, das Vertrauen des
Stammapostels zu erlangen. Sein Handeln im Amt hinterließ den
Eindruck, dass er sich
weniger dienend einbrachte,36 sondern dass er populistisch,
opportunistisch und
machtorientiert agierte. Dass er grundsätzlich dem Werk Gottes
nützen wollte, wird damit
nicht in Frage gestellt. Reaktionen des Stammapostels und aus
dem Kreis der Apostel und
des Verlags führten dazu, dass er zunehmend mehr isoliert wurde.
Als er zurücktrat, fühlte er
sich zutiefst gedemütigt und als Opfer. Das allerdings ist dem
offiziellen Wortlaut über seine
Entscheidung zurückzutreten nicht zu entnehmen. Es heißt in der
von ihm selbst verfassten
Verlautbarung, dass er sich der Schwere der zukünftigen Aufgabe
eines Stammapostels
nicht gewachsen fühle.
36
Zum Umgang Kuhlens mit der aus seinem Amt als Stammapostelhelfer
resultierenden Macht, die zunehmend
von immer mehr Aposteln – je länger Kuhlen als Helfer tätig war
– als Machtmissbrauch wahrgenommen
wurde, siehe die Ausführungen und Beispiele im vorigen Kapitel;
die Beispiele dort werden durch etliche
weitere Quellen gestützt.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
3. 3
Die neuen Apostelstatuten vom 6. August 1951 – das
wiederhergestellte
exklusive Verständnis vom Stammapostelamt
Im Sommer 1951 haben sich die Machtverhältnisse im Apostelkreis
zugunsten des
Stammapostels verschoben (vgl. hierzu Kap. 3.1 dieser
Ausarbeitung).
Dies findet seinen Niederschlag in den neuen internationalen
Apostelstatuten vom 6. August
1951, die die erst am 1. Januar 1950 verabschiedeten
Apostelstatuten ablösen.
Zwei Themen rücken bei den neuen Apostelstatuten von 1951 in den
Mittelpunkt:
•
ein exklusives Kirchenverständnis37 und
•
ein exklusives Amtsverständnis vom Stammapostelamt als dem
allein kirchenleitenden
Amt.38
Zusammenfassend kann festgehalten werden:
Die Apostelstatuten 1951 sind eine Antwort auf die Konflikte der
neuapostolischen Kirchenleitung
in den Jahren 1948 bis 1951. Sie sind der Versuch des
Stammapostels und der
offensichtlich überwiegenden Mehrheit der Apostel, „die in den
letzten Jahren durchlebten
unguten Verhältnisse im Werke Gottes“, deren Ursache „zu all dem
vielen Leid darin liegt,
dass man im Kreis der Apostel die Grundsätze der Theokratie
(Gottesherrschaft) verlassen
hat und die kirchliche Führung nach demokratischen Grundsätzen
ausgeübt wissen wollte“,39
zu überwinden, indem man mit Hilfe der neuen rechtsrelevanten
Apostelstatuten 1951 das
traditionelle Modell von Kirchenleitung – das das
Stammapostelamt und nicht das Apostelkollegium
als kirchenleitendes Amt bzw. Organ definierte – wieder
installierte.
Stammapostel Bischoff sah in der „grundlegenden“ Neufassung der
Apostelstatuten 1951
eine „Notwendigkeit“, damit „unliebsame Vorkommnisse wie in der
Vergangenheit künftighin
vermieden werden“.40
37
„Die Neuapostolische Kirche ist die Kirche Jesu Christi, sie ist
sein einziges Gnaden-und Erlösungswerk auf
der Erde, ist von ihm selbst gegründet und wird von seinem
Heiligen Geiste regiert und geführt. Die
Neuapostolische Kirche ist kein Abbild und keine Nachahmung der
ersten apostolischen Kirche, die Jesus
persönlich unter die Leitung des Petrus und seiner Mitapostel
stellte, sie ist als das wiederaufgerichtete
Erlösungswerk unseres Gottes im geistigen Sinn die direkte und
unmittelbare Fortsetzung der ersten
apostolischen Kirche, mit der sie die alleinige Kirche Christi
bildet und Gottes Volk ist.“ (Einleitung, S. 1).
38
„Auf Grund dieses Glaubens ist der Stammapostel als das
sichtbare Haupt der Kirche in allen Angelegenheiten
oberste Instanz. Da er von allen Mitgliedern der
Neuapostolischen Kirche als der Repräsentant des Herrn auf
der Erde angesehen wird und er sich selbst stets als Gehilfe des
Glaubens seiner Brüder und Geschwister
weiß, ist in seiner einzigartigen Stellung kein Keim autoritärer
Herrschaft über die Kirche zu sehen (...).“
(Einleitung, S. 1).
39 Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 14. Juli
1951.
40 Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 14. Juli
1951.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
3. 4
Kirchenausschlüsse: Ernst und Otto Güttinger (1954) und
Kuhlen (1955)
Zur Beendigung der Probleme um die Kirchenleitung trugen die
Kirchenausschlüsse der
Schweizer Apostel Ernst und Otto Güttinger sowie des
Düsseldorfer Bezirksapostels Kuhlen
bei.
Ernst und Otto Güttinger (1954)
Als erster von den in der Überschrift Genannten wurde Otto
Güttinger aus der Kirche
ausgeschlossen, und zwar am 15. Juli 1954.
Es heißt, er habe mit dem Stammapostel Bischoff (autokratischer
Führungsstil) und
insbesondere mit dessen Botschaft (keine göttliche Offenbarung,
nicht biblisch) derartige
Probleme gehabt, dass er dies mit seinem Gewissen nicht habe
vereinbaren
können, und dass er sich deshalb zu Stammapostel Bischoff in
Opposition begeben
habe, die ihm dann schließlich den Kirchenausschluss einbrachte.
Ursache von
Amtsenthebung und Kirchenausschluss Otto Güttingers sei also
dessen
Botschaftsungläubigkeit, so die Kritiker unserer Kirche.
Welche Informationen bieten die zeitgenössischen Quellen zu
diesen Thesen?
Zunächst einmal offenbaren die Quellen ein geradezu krankhaftes
Streben Otto
Güttingers nach dem Bezirksapostelamt für die Schweiz.
Spätestens seit 1942 plante Ernst Güttinger mit seinem Sohn Otto
als Nachfolger im Bezirksapostelamt
für die Schweiz.
Als Ernst Güttinger 1951 in den Ruhestand treten musste, waren
außer ihm nur noch Rudolf
Schneider sen. und Otto Güttinger als Apostel in der Schweiz
tätig. Da mit Ernst Güttinger
auch Apostel Schneider sen. altersbedingt in den Ruhestand
treten sollte, kam – so schien
es – nur Otto Güttinger für die Nachfolge im Bezirksapostelamt
in Frage. Dies war von allen,
insbesondere von Otto Güttinger auch so erwartet – zumal der
Stammapostel anfangs ihm
Aussichten auf die Nachfolge als Bezirksapostel gemacht hatte.
Nachdem die Wahl jedoch auf den rangniedrigeren Bischof Eschmann
fiel, war Otto
Güttinger „sehr niedergeschlagen“.
Von Stammapostel Bischoff erfahren wir:
„Als Ap. Schall im Beisein von Ap.
Ludwig und
Volz dem Ap. Otto
Güttinger eröffnete, dass sich alle
Apostel für den Bischof Eschmann zum Bezirksapostel entschieden
haben war er erst sehr
niedergeschlagen, doch hat er sich, wie es scheint, allmählich
innerlich beruhigt, obwohl ich denke, dass
ihm das noch manchen Kampf kosten wird“ (Brief an Apostel
Schneider sen. vom 21. Juli 1951).
Die tiefe Betroffenheit des Nichtberücksichtigten kommt auch in
einem zwei Tage später (23.
Juli 1951) an den Stammapostel abgefassten Brief Otto Güttingers
zum Ausdruck:
„Offen gestanden hat mich diese Nachricht überrascht, weil Sie
mir vor noch gar nicht langer Zeit
in Frankfurt erklärten, (...) dass kein anderer als ich als
Bezirksapostel in Frage komme (...) Es tut
mir allerdings sehr leid, dass Sie mir Ihr Vertrauen nicht mehr
schenken konnten.“
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Probleme
Trotz aller Niedergeschlagenheit legte Otto Güttinger auf der
einen Tag nach der Ordination
Bezirksapostels Eschmann stattgefundenen Apostelversammlung (6.
August 1951) ein
Treuegelöbnis zum Stammapostel ab, vermutlich ein ähnliches
Gelöbnis, wie er es bereits
am 19. April 1951 anlässlich seiner Abgabe des Saarlandes an den
Stammapostel getan
hatte.41
Wie sehr ihn die Nichtberücksichtigung seiner Person verletzte
und ihn scheinbar auch auf
Dauer beschäftigte, geht schließlich aus einem einen Monat
später verfassten Arbeitsbericht
Otto Güttingers hervor:
„Apostelversammlung in Frankfurt [gemeint ist die vom 6. August
1951]. Der Stammapostel schrieb mir
darauf u.a.: Was an dieser Apostelversammlung hörbar wurde, hat
auf mich einen derart
niederschmetternden Eindruck gemacht, dass ich darob erkrankte.
– Von mir selbst will ich hierüber
schon gar nicht reden; das Durchlebte hat sich in meine Seele
eingebrannt; wenn ich heute noch
daran denke, so fühle ich die Wunde in unsagbar heftiger
Weise“.42
Otto Güttinger, das zeigen viele Dokumente, bereitete trotz
seines Treuegelöbnisses
Bezirksapostel Eschmann viel Arbeit und große Sorgen. Gegenüber
dem Stammapostel
hatte sich Bezirksapostel Eschmann über Otto Güttinger bitter
beklagt.
Nachdem Bezirksapostel Eschmann gut 1 ½ Jahre später starb,
wurde der gerade ins
Apostelamt eingesetzte Ernst Streckeisen zum Bezirksapostel
ordiniert. Wieder einmal ging
die Wahl an Otto Güttinger vorbei, was abermals bei ihm tiefe
Enttäuschung hervorrief.
In einem Brief an Stammapostel Bischoff vom 16. April 1953
schreibt er:
„Der neue Bezirksapostel ist mir bekannt. Man hat mir sogar den
Wunsch vorgetragen, ich soll mit einem
Schreiben an Sie zum Ausdruck bringen, dass es mein Wunsch und
meine Bitte sei, Sie möchten doch
den Apostel Streckeisen zum Bezirksapostel setzen. Aus Gründen
der Ehrlichkeit und Sauberkeit konnte
ich diesem Ansinnen allerdings nicht entsprechen (...) Dass
diese zweite Abfuhr meiner Person in der
Nachfolgefrage viel bösem Gerede rufen wird, werden Sie leicht
verstehen (...) Jene wenigen Rebellen,
die versteckt oder offen (...) sagten: Apostel Otto Güttinger
ist ein Judas, er ist nicht in Ordnung, er ist mit
dem Stammapostel nicht verbunden usw.usw., die triumphieren
bereits heute und höhnen: So jetzt seht
ihr, der Stammapostel hat kein Vertrauen zu Ap. Güttinger“.
Stammapostel Bischoff geht in seinem Brief vom 22. April 1953 an
Otto Güttinger ausführlich
auf dessen Enttäuschung und Vorhaltungen ein. Er schreibt unter
anderem:
„Mein lieber Apostel Güttinger, sind Sie apostolisch geworden,
um selig zu werden, oder um ein Amt zu
empfangen? Ich bin apostolisch geworden, um das Heil meiner
Seele zu erlangen, aber nicht um dieses
oder jenes Amt zu tragen. Vater Krebs sagte früher: Wenn jemand
nach einem höheren Amte strebt, der
hat die Schwere seines Amtes noch nicht erkannt“.
41
„
(...) aber u n t r e u werden und eine T r e n n u n g im Werke
Gottes beabsichtigen, liegen meinem Herzen
fern. (...) ich will und ich werde t r e u bleiben! Jeden andern
Gedanken hielte ich für ein Verbrechen (...). Zur
Treue dem Werke Gottes gegenüber gehört nicht nur die Treue zu
Gott und dem Worte des Herrn, sondern
auch zum Stammapostel und zu den Mitaposteln“ (Brief Otto
Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 19.
April 1951). Die weitere Lebensgeschichte Otto Güttingers zeigt,
dass er dieses Treuegelöbnis nicht gehalten
hat.
42
Otto Güttinger: „Bericht über die Arbeit im Monat August 1951“
vom 4. September 1951. Hervorhebung durch
Fettdruck von AG GNK. Auch nach seinem Kirchenausschluss (Juli
1954) hatte Otto Güttinger noch immer
nicht verwunden, bei der Besetzung des Bezirksapostelamtes nicht
berücksichtigt worden zu sein; vgl. den
Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 8. September
1954 und den Brief an Bezirksapostel
Streckeisen vom 9. September 1954.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
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Die „zweite Abfuhr“ seiner Person bei der Besetzung des
Bezirksapostelamtes stellt
den endgültigen Bruch mit dem Stammapostel dar und ließ Otto
Güttinger erstmals
Spekulationen über eine Trennung von der Neuapostolischen Kirche
anstellen.
In einem Gespräch mit Bezirksapostel Streckeisen am 19. August
1953 droht Otto
Güttinger unverhohlen mit Spaltungsabsichten:
„Schliesslich meinte Apostel Güttinger, ich [Ernst Streckeisen]
soll aufpassen, dass wir nicht
auseinander kommen. Es wäre schade, wenn Zehntausende
unglücklich werden sollten. Er sehe,
dass ich mit dem Stammapostel verbunden sei. Er möchte so mit
mir verbunden sein. Er drückte mich an
seine Brust und umarmte mich. – Ich aber habe in den Abgrund
hineinblicken müssen, der im Herzen
dieses Mannes ist. Möge Gott gnädig sein und alles zum besten
lenken“.
Das zweimalige Ignorieren seiner Person bei der Besetzung des
Bezirksapostelamtes ließ
ihn seine Beteuerungen aus der Vergangenheit vergessen. Am 19.
April 1951 hatte er noch
vehement und geradezu pathetisch Untreue zum Stammapostel und
damit verbundene
Spaltungsbemühungen als völlig undenkbar zurückgewiesen:
„Im weiteren aber beengt mich eine noch viel grössere Sorge. Es
betrifft dies die Vorgänge in Luxemburg. (...) ja
man wirft uns vor, `im vollen Bewusstsein eine Trennung im Werke
Gottes zu beabsichtigen`. Mein geliebter
Stammapostel, ich habe schon manche harten und schmerzvollen
Lebenserfahrungen gemacht. Kein
Seelenschmerz aber kommt auch nur annährnd jenem gleich, den ich
heute empfinde. Mir schwindelt fast, wenn
ich das Ungeheuerliche fassen will! – Es mag hinter uns liegen
was da will, (...) aber u n t r e u werden und
eine T r e n n u n g im Werke Gottes beabsichtigen, liegen
meinem Herzen fern. So wenig wie Feuer und
Wasser sich ertragen, so wenig ertrüge ich den Gedanken, untreu
zu werden. Es ist für mich qualvoll, denken zu
müssen, dass mein Stammapostel mich solcher Gesinnung für fähig
hielte!
Stammapostel, ich flehe Sie an und
bitte unter
Herzenstränen, in Seelennot und –pein: Glauben Sie mir, so wahr
Gott lebt, ich will und ich werde
t
r e u bleiben! Jeden andern Gedanken hielte ich für ein
Verbrechen; denn wer das Werk Gottes zerstört,
den wird Gott zerstören! Zur Treue dem Werke Gottes gegenüber
gehört nicht nur die Treue zu Gott und
dem Worte des Herrn, sondern auch zum Stammapostel und zu den
Mitaposteln. Ich bin von einer
apostolischen Mutter geboren und habe den apostolischen Glauben,
wie man zu sagen pflegt, schon mit der
Muttermilch getrunken. Die Eltern haben mich in Gottesfurcht und
Liebe zum Erlösungswerke Christi erzogen und
eine Hochachtung sondergleichen vor den Amtsgaben in mich
hineingelegt. Die Krone der Ehrfurcht galt dem
Stammapostelamte und den mit ihm verbundenen Aposteln Jesu. Das
hat sich in mir nicht geändert! --
Eher lasse ich mich schlachten, als dass ich meinen Herrn
verriete und das Werk Gottes zerstörte.
Niemals kommt so etwas in Frage. Die Zukunft wird den Beweis
hierfür liefern“.43
Doch keine zwei Jahre (19. Februar 1953) später musste der
Stammapostel ihn erneut in die
Schranken weisen und ihn an den Inhalt seines Briefes vom 19.
April 1951 erinnern.44
Genau ein halbes Jahr später (19. August 1953) drohte jedoch
Otto Güttinger, wie gesehen,
Bezirksapostel Streckeisen mit einer großen Spaltung.
Viele Dokumente aus jener Zeit belegen, dass auch engste
Mitarbeiter und Freunde Otto
Güttinger Karriereambitionen und Spaltungsabsichten
unterstellen.
Der hier angesprochene Ehrgeiz und das ausgesprochen stark
ausgebildete Geltungsbedürfnis45
Otto Güttingers drohten bereits Ende 1950 in Vermessenheit zu
entarten.
43 Brief
Otto Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 19. April 1951:
44 In einem Gespräch mit Otto Güttinger, in dem es um die
Oppositionsarbeit desselben ging, las der
Stammapostel längere Passagen aus dem Brief Otto Güttingers vom
19. April 1951 vor und verband dies mit
der Aufforderung, künftig deutlicher positiv Stellung zum
Stammapostelamt zu beziehen, was dieser auch
versprach (siehe den „Kurz-Bericht über die Unterredung zwischen
dem Stammapostel und Apostel Otto
Güttinger in
Frankfurt a.M. vom 19.
Februar 1953, 1-3).
45 Siehe hierzu u.a. den Brief Stammapostels Bischoff an
Bezirksältesten Plüss vom 24. Juni 1954: „Otto
Güttinger hatte doch ein so großes Arbeitsfeld, um seine
Seligkeit zu schaffen zu können. Aber sein
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Nachdem der Stammapostel das Rücktrittsgesuch Kuhlens vom
Stammapostelhelferamt am
29. November 1950 angenommen hatte und die Botschaft des
Stammapostels sich langsam
zu verbreiten begann, brachte Otto Güttinger sich im Dezember
1950 als nächsten
Stammapostel ins Spiel, indem er zum einen den verbliebenen
Stammapostelhelfer
Schlaphoff negativ charakterisierte (schlechter Seelenhirte,
alkoholabhängig, spekuliere auf
die Stammapostelnachfolge) und zum anderen auf zwei
Traumgesichte verwies, die zwei
Priester unabhängig von einander – der eine in Südfrankreich und
der andere in Zürich –
erlebt haben sollen und zum Inhalt die Berufung Otto Güttingers
zum Stammapostel
hatten.46 Er selber weist diese Traumgesichte zwar als
„Kunstwerke der Teufel“ zurück – und
trotzdem entsteht der wohl auch von Güttinger beabsichtigte
Eindruck, er wäre ein
geeigneter Nachfolger im Stammapostelamt. Dies musste vor der
beginnenden
Botschaftsverkündigung geradezu als absurd erscheinen.
Und schließlich sei in diesem Zusammenhang noch auf eine
Begebenheit hingewiesen, die
schlaglichtartig den Charakter Otto Güttingers beleuchtet. Er
äußerte einmal (25. September
1953) gegenüber dem Stammapostel, nachdem dieser ihn für
mannigfache Konflikte in den
letzten Jahren verantwortlich gemacht hatte, er habe aus
„verletztem Gerechtigkeits-und
Ehrgefühl und damit in gewissem Sinn in Notwehr“ gehandelt.47 Ob
diese Verhaltensweisen
als ethisch wertvollere Motive charakterisiert werden können,
sei dahingestellt.
In jedem Falle wird deutlich, dass Güttingers Maßstäbe nicht von
einem
christologisch geprägtem Amtsverständnis abgeleitet sind und
damit leider ideale
Voraussetzungen für innerkirchliche Konflikte darstellen.
Im Jahre 1954 endete die Amtstätigkeit Otto Güttingers nach
knapp 13-jähriger Aposteltätigkeit
in der Neuapostolischen Kirche. Am 10. Juni 1954 wurde Otto
Güttinger im Einvernehmen
mit Stammapostel Bischoff und dem Apostelkollegium durch
Bezirksapostel
Streckeisen wegen Ungehorsams amtsenthoben.48
Gegenüber Bezirksapostel Schlaphoff äußerte sich der
Stammapostel am 17. September
1953 einmal grundsätzlich zum Ungehorsam Otto Güttingers im
Saarland:
„Ganz besondere Sorgen und viele schlaflose Stunden hat mir das
Verhalten von Apostel Otto Güttinger bereitet.
Ich hatte ihm damals die Betreuung der Seelen im Saarland
anvertraut und ihm gesagt, daß er stehen solle wie
ein Fels, weder nach der einen, noch nach der anderen Seite sich
neigend. Es dauerte keine sechs Wochen, da
hatte er gerade die Männer als Vorbild hingestellt, die absolut
keine Vorbilder waren. Dann hatte ich ihm gesagt,
er möge in diesem Durcheinander die Versiegelungen unterlassen.
Darauf sagte er mir ganz schnippisch: `Ich bin
doch Apostel.` Auch sagte ich ihm, er möge mit dem Vorstand
Schmidt sprechen, daß derselbe freiwillig
zurücktrete. Das hat er überhaupt nicht getan. Ich wollte
Schmidt schonen und ihn nicht vor Gericht bringen.
Geltungsbedürfnis trieb ihn immer mehr dazu, die Personen, von
denen er meinte, daß sie ihm im Wege
ständen, dadurch zu beseitigen, daß er Mißtrauen in die Herzen
säte.“ So auch Bezirksapostel Streckeisen,
wenn er resignierend feststellt, dass alle Bemühungen um Otto
Güttinger letztlich an dessen „krankhaften
Ehrgeiz und dem unnatürlichen Geltungsbedürfnis“ gescheitert
waren (Aktennotiz von Bezirksapostel
Streckeisen für seinen Anwalt Dr. Fritz Zimmermann vom 28. Juni
1954, 1-3, hier 2). Einblicke erhalten wir
auch von einer Selbstauskunft Otto Güttingers: „Was mich in
jüngster Zeit aber insbesondere belastete war die
Feststellung, dass ich selbst im Kreise der `fünf Grossen` im
Lande [gemeint ist die Schweizer Kirchenleitung]
nur noch so als Nebensächlichkeit behandelt werde. Einesteils
ist dies menschlich verständlich – wills äbe
mänscheled! Man sucht Gunst und Ehre und strebt ein Strebertum,
das nicht ganz rein ist. Nun, Gott sei mir
und meinen Brüdern gnädig!“ (Brief Otto Güttingers an
Bezirksapostel Eschmann vom 12. Dezember 1952).
46 Brief Otto Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 12.
Dezember 1950.
47 Brief Otto Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 25.
September 1953.
48
Aufgrund der für den Apostelbezirk Schweiz geltenden Statuten
war es dem Stammapostel nicht möglich, die
Amtsenthebung selbst auszusprechen. Dies oblag allein dem
Bezirksapostel der Schweiz als Hauptleiter (in
Verbindung mit der Bezirksämterversammlung). Stammapostel
Bischoff und die Apostel bestätigten jedoch die
Amtsenthebung Otto Güttingers auf der Apostelversammlung in
Berlin-Steglitz am 19. Juni 1954.
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Neuapostolische Kirche International
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Nachdem Apostel Güttinger in diesen Fällen versagt hatte, waren
wir gezwungen, das weltliche Gericht
anzurufen, um durch dasselbe die von Schmidt vorgenommene
Fälschung der Satzung feststellen zu lassen. Das
geschah auch, und Schmidt wurde wegen Urkundenfälschung
rechtskräftig verurteilt. Die Tätigkeit des Apostels
Güttinger im Saarland war natürlich erledigt. Einem Manne, der
mir dreimal den Gehorsam verweigerte,
konnte ich die Seelen nicht weiter anvertrauen“ (Hervorhebung
durch Kursivdruck von AG GNK).
Die Stellungnahme des Stammapostels zu dem Verhalten Otto
Güttingers zeigt, dass nicht
seine Botschaft als Ursache für das Oppositionsverhalten und die
spätere Trennung Otto
Güttingers verantwortlich gemacht werden kann; vielmehr wird aus
den Äußerungen deutlich,
dass die Opposition Otto Güttingers gegenüber dem Stammapostel
eine grundsätzliche
war. Stammapostel Bischoff berücksichtigte Otto Güttinger für
das Bezirksapostelamt
deshalb nicht, weil er ihm gegenüber einen ständigen Ungehorsam
praktiziert und damit das
Vertrauensverhältnis zerstört hatte und nicht wegen eventuell
fehlender oder nur schwach
entwickelter Botschaftsgläubigkeit (siehe hierzu im Einzelnen
das nächste Kapitel).
Otto Güttinger reagierte auf seine Amtsenthebung mit der
Gründung einer eigenen religiösen
Gruppierung, der sog. VAC (= Vereinigte Apostolische Christen
der Schweiz). Der Ausschluss
Otto Güttingers aus der Neuapostolischen Kirche erfolgte erst am
15. Juli 1954; er
ist eine Reaktion auf die Gründung der VAC durch Otto Güttinger.
Ernst Güttinger, Otto Güttingers Vater, der ehemalige
Bezirksapostel der Schweiz, hat mit
der Gründung der VAC seines Sohnes unmittelbar nichts zu tun; er
befand sich seit dem 5.
August 1951 im Ruhestand. Ernst Güttingers langwierige und
massive Oppositionsarbeit
(1945-1951) gegen den Stammapostel wurde bereits dargestellt;
sie führte nicht zum
Kirchenausschluss, sondern lediglich zu dessen Zurruhesetzung im
Jahre 1951. Erst nachdem
Ernst Güttinger sich der VAC seines Sohnes anschloss, wurde auch
er aus der
Neuapostolischen Kirche am 9. November 1954 ausgeschlossen.
Zusammenfassend ergibt die Quellenauswertung also folgenden
Befund:
Die eingangs erwähnte These, Stammapostel Bischoff wäre aufgrund
eines „autokratisch
praktizierten Führungsstils“ und der Botschaftsverkündigung die
Ursache für die Fehlentwicklungen
in der Schweiz (Amtsenthebung und Kirchenausschluss Otto
Güttingers
sowie die Entstehung der VAC), entbehrt jeder Grundlage und
basiert offensichtlich auf
„Geschichte vom Hörensagen“ und vorgefassten Urteilen, die
zunächst von Otto Güttinger
nach seinem Ausschluss (allerdings erst ab März 1955, siehe
hierzu Kap. 4 dieser
Ausarbeitung) gestreut und später von seinen Anhängern mit dem
Ziel der Identitätsbildung
und der Legitimierung der Abspaltung benutzt wurde.
Die historischen uns vorliegenden zeitgenössischen Quellen
widersprechen einer solchen
These fundamental und offenbaren – wie oben ausgeführt und im
Zusammenhang mit der
Rolle der Botschaft noch zu zeigen sein wird (s. Kapitel 4) –
eine andere Sachlage. Die
Ursache für die Fehlentwicklungen in der Schweiz liegt also bei
Otto Güttinger und seinem
Jahre hindurch praktizierten Verhalten gegenüber dem
Stammapostel und den Aposteln der
Schweiz (Bezirksapostel Eschmann und Bezirksapostel
Streckeisen), denen vor diesem
Hintergrund kein anderer Handlungsspielraum blieb, als Otto
Güttinger seines Amtes zu
entheben.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
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Peter Kuhlen (1955)
Die Quellen lassen den Schluss zu, dass Kuhlen eine Lösung von
der Neuapostolischen
Kirche seit längerem gewollt und zuletzt aktiv betrieben hat.
Hatte Kuhlen noch im Juli 1954 der Amtsenthebung und dem
Kirchenausschluss Otto
Güttingers zugestimmt, fühlte er sich zunehmend im Apostelkreis
isoliert.
Nach der
Apostelversammlung am 12. September 1954 hat er seine defensive
Oppositionshaltung
gegen Stammapostel Bischoff aufgegeben und war bereit in die
Offensive zu gehen.
Nachdem die Verhältnisse im Bezirk Düsseldorf aufgrund der
Ausschreitungen in den
Gemeinden nicht mehr zu verbergen waren, hat Kuhlen den offenen
und offensiven Brief
vom 6. Januar 1955 verfasst. Der Brief ist sowohl im Inhalt und
Stil als auch in der Vorgehensweise
–
er wird verschickt trotz Kenntnis vom Urlaub des Stammapostels –
eine
bewusste Provokation einer dogmatischen Auseinandersetzung, die
öffentlich ausgetragen
werden sollte.
Die Versicherung, man habe keinesfalls Trennungsabsichten, und
der Appell an das
Verständnis des Stammapostels in dem Brief scheinen taktisch
darauf abgestimmt, dass
Kuhlen im Falle eines für ihn ungünstigen Ausgangs in der Rolle
des Opfers erscheint.
Nun könnte man in diesem Zusammenhang auf die Situation unserer
Kirche in Holland
verweisen. Dort hatten sich im April 1954 mit Genehmigung des
Stammapostels zwei
„eigenständige“ neuapostolische Kirchen aufgrund
unterschiedlicher Vorstellungen
zur Botschaft gebildet. Im Verlauf der Monate hatte es sich
jedoch gezeigt, dass diese
Lösung zu erheblichen Spannungen und Konflikten führte und somit
schlecht als Vorbild für
den Kuhlen-Bezirk taugte.
Hinzu kam ein Weiteres: Auf der schon erwähnten
Apostelversammlung vom 12.
September 1954 in Stuttgart kamen unterschiedliche Meinungen der
Apostel über die Frage
einer Verschärfung der „Dogmatisierung“ der Botschaft zum
Ausdruck. Der Stammapostel
teilte mit, dass er künftig nur noch solche Männer in das
Apostel-und Bischofsamt
setzen würde, die an seine Botschaft glaubten; er bat die
Apostel, künftige Amtseinsetzungen
ebenfalls nur in diesem Sinne durchzuführen. Zugleich
artikulierten die Apostel
den Wunsch nach einer Verknüpfung von Botschaftsglaube und
Versiegelungssakrament.
Kuhlen sprach sich als einziger Apostel gegen den Wunsch aus,
Gläubige nur dann zu
versiegeln, wenn diese zuvor auch ihre Botschaftsgläubigkeit
bekannten; der Stammapostel
und viele Apostel waren jedoch dafür – trotzdem kam es nicht zu
einer Beschlussfassung.
Stammapostel Bischoff beließ es zunächst bei der dringenden
Empfehlung, „damit
anzufangen, die zur Versiegelung kommenden Seelen entsprechend
vorzubereiten, so daß
sie vor ihrer Versiegelung ihren Glauben, daß der Herr zu
unserer Lebzeit kommt, mit einem
Ja bezeugen können“.49
Kuhlen sah sich also abermals (wie schon kurz vor seinem
Rücktritt vom Stammapostelhelferamt
1950) im Apostelkreis isoliert und vor eine
Entscheidungssituation (September
1954) gestellt, die ihm drei Optionen bot:
49 Zusammenfassung der Inhalte der Apostelversammlung in
Stuttgart vom 12. September 1954, 1-3, hier 3.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
·
Glaubensgehorsam praktizieren und die Botschaft verkündigen,
·
Rücktritt vom Amt, da er die Botschaft nicht glauben wollte,
·
Trennung vom Stammapostel herbeiführen.
Kuhlen entschied sich für die letzte Variante und bereitete
diese sorgfältig vor.
Mit der Versendung des Briefes vom 6. Januar 1955 an die
Glaubensgeschwister im
Apostelbezirk Düsseldorf (die der Stammapostel ausdrücklich
untersagt hatte) hat Kuhlen
die Trennung öffentlich werden lassen – denn in dem Brief lässt
Kuhlen eine völlig andere
Auffassung zur Botschaft erkennen als der Stammapostel lehrt,
und er begibt sich somit in
Opposition zu ihm; mit der Verteilung des Briefes hat er also
die Trennung bewusst forciert
und provoziert.
Diese Maßnahme Kuhlens erhält vor dem Hintergrund, dass wir
zwischen 1951 und 1954
keine einzige zeitgenössische Quelle besitzen, die explizit eine
Botschaftsungläubigkeit
Kuhlens dokumentiert, erhebliches Gewicht und qualifiziert sie
deshalb als einen bewussten
Akt, die Trennung vom Stammapostel und der Neuapostolischen
Kirche herbeizuführen.
Im Zusammenhang mit den von Ernst Güttinger publizierten
Sonderlehren äußerte sich
Kuhlen einmal gegenüber Otto Güttinger in bemerkenswerter Weise.
In seinem Brief
kritisiert er ausdrücklich das Verhalten des Bezirksapostels
Ernst Güttinger; zugleich offenbaren
seine Gedanken, unter welchen Maßstäben das Vertreten einer
Sonderlehre im
Gegensatz zum Stammapostel zu beurteilen sind:
„Denken Sie einmal, wohin es führen müsste, wenn jeder Apostel –
der eine über dieses, der andere
über jenes Glaubensgebiet – eine andere Lehre verkündigen würde.
Das brächte den sicheren Zerfall
der Aposteleinheit und ohne die Einheit der Apostel, ohne deren
Einssein in jeder Weise, wäre der
Nieder-und Untergang des Werkes Gottes unausbleiblich“.50
Kuhlen wusste also ganz genau, worauf er sich einließ, als er es
wagte, öffentlich zum
Stammapostel eine andere Lehre zu verkündigen und gegen dessen
ausdrückliche
Mahnung den Brief doch an alle neuapostolischen Haushalte
verteilte. Kuhlen nahm bewusst
eine Spaltung und – um seine Terminologie zu benutzen – den
„Nieder-und Untergang des
Werkes Gottes“ in Düsseldorf in Kauf; er stürzte somit einige
tausend Gotteskinder in einen
Glaubenskampf und –zweifel, obwohl diese über seine
Botschaftsungläubigkeit gar nichts
wissen wollten. Kuhlen hätte den ihm Anvertrauten alles Leid und
Elend ersparen
können, wenn er zurückgetreten wäre. Da er jedoch eine andere
Lösung präferierte,
muss er sich gefallen lassen, als Verführer gekennzeichnet zu
werden.
Kuhlen ist zur Apostelversammlung nach Frankfurt (23. Januar
1955) gefahren mit der
Absicht, die Trennung abzuschließen. Da er nicht bereit war, dem
Stammapostel zu
folgen, trägt er auch die Verantwortung für seine Amtsenthebung
und den Ausschluss
aus der Neuapostolischen Kirche.
Nur am Rande vermerkt – aber auch dies belegen die Quellen: Noch
bevor Kuhlen zur
entscheidenden Apostelversammlung nach Frankfurt fuhr, ließ er
an etlichen Kirchen andere
50 Brief
Kuhlens an Otto Güttinger vom 24. März 1947.
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Schlösser
einbauen, um (so sein Kalkül) im Falle eines Kirchenausschlusses
mit neuem
Namen und eben neuen Kirchenschlüsseln an alten Wirkungsstätten
weiterzumachen – was
rein rechtlich gesehen jedoch zum Scheitern verurteilt war.
In einem Gerichtsverfahren, das Kuhlen und die ehemaligen
Apostel Dehmel und
Dunckmann sowie die Bischöfe und Bezirksältesten im Jahr 1955
gegen die NAK
angestrengt hatten, ging der Richter auf den für die
Gesamtbewertung des Kirchenausschlusses
wichtigen Trennungsgrund ausführlich ein, sodass sein
Urteilsspruch hier in
Auszügen wiedergegeben sei:
„Jedoch mussten er [Dehmel] und seine Anhänger sich darüber klar
sein, dass durch die
Veröffentlichung des offenen Briefes an sämtliche
Gemeindemitglieder der Beklagten eine
Situation herbeigeführt wurde, die zwangsläufig eine
Entscheidung über ihre weitere Verwendung
als Religionsdiener der Beklagten notwendig machen würde. Wie
aus dem eigenen Vortrag des
Klägers hervorgeht, hatte die Tatsache, dass ein Teil der
Amtsträger der Beklagten die Botschaft des
Stammapostels verkündete, während der Kläger und seine Anhänger
sich weigerten, diese zu lehren, zu
erheblichen Unruhen innerhalb der Glaubensgemeinschaft der
Beklagten geführt. Dass die
Veröffentlichung des Briefes an die Gemeindemitglieder nur
geeignet sein konnte, den vorhandenen
religiösen Zwiespalt zu vertiefen, bedarf keiner weiteren
Begründung. Darüber hinaus konnten,
nachdem in diesem Brief (...) die Richtigkeit der vom
Stammapostel verkündeten Botschaft
öffentlich in Zweifel gezogen wurde, die kirchlichen Behörden
der Beklagten, sofern sie nicht die
Existenz der Kirche aufs Spiel setzen wollten, es bei dem
bisherigen Zustand nicht mehr belassen.
Eine Weiterverwendung des Klägers als Religionsdiener hätte,
nachdem durch die Entwicklung die
Dinge so auf die Spitze getrieben waren, nicht nur die Autorität
des Stammapostels untergraben,
sondern auch die Einheit der Kirche gefährdet. (...) Der Kläger
ist unmittelbar nach seinem Ausschluss
einer Religionsgemeinschaft beigetreten, die sich, wie die Dinge
nun einmal liegen, zwangsläufig in einem
Gegensatz zur Beklagten befindet. Unter diesen Umständen kann er
aber nicht verlangen, dass die
Beklagte ihn als Religionsdiener weiterbeschäftigt.“ 51
Die Urteile der Richter in den Arbeitsgerichtsprozessen stehen
im Einklang mit dem von uns
dargestellten Sachverhalt, wie er sich aus den Quellen ergibt.
In einer Unterredung mit Geschwistern aus dem Jahr 1961 hat
Kuhlen auf die Frage, ob es
denn für ihn keinen anderen Weg gegeben habe, geantwortet:
„Sollte ich mich denn in die Bank setzen? (...) Warten Sie erst
einmal ab, wenn Sie so weit sind, ob Sie
das dann auch können.“52
In dieser Äußerung Kuhlens zeigt sich, dass die Trennung Kuhlens
von der NAK auch im
Zusammenhang zu sehen ist mit dem Problem des Umgangs mit Macht.
Im April 1947 hatte
Kuhlen dem Stammapostel noch geschrieben:
„Und was ist wohl die Ursache (für das Fehlverhalten von
Aposteln)? Wenn jemand aus der Einfalt in
Christo weicht, wenn menschliches Geltungsbedürfnis in den
Vordergrund gerückt wird.“ 53
Stammapostel Schmidt nennt in den Rundschreiben "Das ist die
Wahrheit"54 als
Motive, die Kuhlen zu der Trennung bewogen haben: Unbefriedigter
Ehrgeiz, Ärger,
51 Urteil Landesarbeitsgericht Düsseldorf verkündet am
06.12.1955, S.13ff. Hervorhebung durch Fettdruck von
AG GNK.
52 Bruder Anders, Brief an den Bezirksältesten Pack, 06.04.1961
53 Kuhlen, Brief an Stammapostel Bischoff, 22.04.1947
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
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Überheblichkeit, Besserwissen und egoistisches Machtstreben. Er
zitiert den Rechtsanwalt
Dr. Siemsen, der für die NAK den Prozess gegen Kuhlen führte,
mit den Worten:
"Ich habe den Eindruck, dass Herr Kuhlen diese Sache aus einem
rein persönlichen Ehrgeiz heraus
unternommen hat, weniger aus Glaubensüberzeugung."
Kuhlen ist nicht „hinausgeworfen“ worden, sondern er ist von
sich aus gegangen und
hat damit den Ausschluss selbst verursacht. Er vollzog die
äußere Trennung, nachdem
die innere bereits stattgefunden hatte.
54
In sechs Folgen unterrichtet der Stammapostel Schmidt die
Amtsträger vom Oktober 1960 bis Februar 1963
über die Ereignisse und Gründe, die zur Trennung Kuhlens
führten.
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4.
Die Rolle der Botschaft des Stammapostels aus dem
Jahr 1950/1951 im Zusammenhang mit den Kirchenausschlüssen
von 1954 und 1955
Mit Blick auf die gegenwärtige im Internet geführte
Schulddebatte und die in der Gebietskirche
der NAK Schweiz praktizierte Versöhnung mit der VAC von Otto
Güttinger sei im
Folgenden besonders auf die Rolle der Botschaft in der Schweiz
im Zusammenhang mit dem
Kirchenausschluss Otto Güttingers eingegangen.
Die Botschaft Stammapostels Bischoff ist zwar offiziell erst im
Weihnachtsgottesdienst 1951
in Gießen verkündet worden, doch gibt es einige vorlaufende
Aussagen des Stammapostels
diesbezüglich, sodass die Kerngedanken der Botschaft bereits im
Herbst 1950 u. a. in der
Schweiz von Amtsträgern und Gemeindemitgliedern zur Kenntnis
genommen worden sind.
Einige Schweizer Amtsträger hatten Gottesdienste des
Stammapostels in Süddeutschland
miterlebt und dann von der Botschaft in ihren Heimatgemeinden
berichtet.
Offensichtlich hatten die beiden Apostel Güttinger zunächst
Probleme mit der Botschaftsverkündigung
in ihrem Land und wünschten, dass in der Schweiz die Botschaft
nicht so
publik gemacht werde.
Anfang April 1951 eskalierte die Angelegenheit und eine Gruppe
um den Bezirksältesten
Streckeisen – zu der auch Priester Hänni gehörte – stellte Ernst
und Otto Güttinger zur
Rede. Als Ergebnis lässt sich festhalten: Beide Güttinger
glauben an die Wiederkunft Christi,
jedoch haben sie Vorbehalte hinsichtlich einer Terminierung, wie
sie nun neuerdings Stammapostel
Bischoff vorgenommen habe. Sie behaupten, dass der Stammapostel
sich mit der
Botschaft geirrt habe und dass diese Botschaft im Apostelkreis
umstritten sei (was der
Stammapostel jedoch bestreitet).
Von Otto Güttinger wird darüber hinaus berichtet, dass er am 20.
Januar 1951 beim Stammapostel
in Frankfurt gewesen sei und ihn gefragt habe, ob die Botschaft
„ein Lehrsatz sei.
Wenn ja, und wenn der Stammapostel es wünsche, so werde ich es
in jedem Gottesdienst
predigen. Der Stammapostel hat aber nur gesagt, das sei sein
persönlicher Glaube“.55
Offensichtlich macht die Botschaft Otto Güttinger in der
Anfangsphase Schwierigkeiten,
wobei er jedoch generell bereit ist, sie zu verkündigen.
Ein Wandel in der Einstellung zur Botschaft scheint sich
spätestens im Herbst 1953 zu
vollziehen. Zwar meint der Stammapostel noch am 31. August 1953,
Otto Güttinger habe die
Botschaft bis „heute noch nicht voll und ganz ergriffen“ und
wollte „es vielleicht auch nicht
ergreifen“.56
In seinem Antwortschreiben (25. September 1953) versichert Otto
Güttinger dem Stammapostel
jedoch:
55 Zweite
Unterredung zwischen Otto Güttinger und Priester Hänni am 3.
April 1951; Protokoll der Unterredung
enthalten im Anhang des Briefes von Bezirksältesten Streckeisen
an Stammapostel Bischoff vom 12.
April
1951.
56 Brief
Stammapostels Bischoff an Otto Güttinger vom 31. August 1953.
Siehe auch das Protokoll der
Unterredung zwischen Otto Güttinger und Bezirksapostel
Streckeisen sowie den Aposteln Baur und Hänni vom
13. November 1953.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
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„Was mich selbst anbetrifft, so bin ich vom Glauben an die
Botschaft, dass der HERR b a l d kommt, ja
dass er ‚vor der Türe steht’, hundertprozentig erfüllt. Ich
bereite mich und die Meinen mit hl. Eifer, IHM
täglich entgegengehen zu können“.57
Und am 12. Oktober 1953:
„Da ich mich aber treu zu Ihnen, zur frohen zeitgemässen
Botschaft, zum Werke Gottes und zu den
Mitaposteln
halte, so vertraue ich auf GOTT“.58
Und schließlich bekennt Otto Güttinger sich zum Stammapostel und
dessen Botschaft
am 24. November 1953:
„Geliebter Stammapostel! Mit Ihnen und allen Aposteln des Herrn
verbunden, ist es mir eine hl.
Amtspflicht, die E i n h e i t in Lehre und Gemeinschaft mit
allen Kräften zu erhalten und dem Verderbnis
mit ganzer Geisteskraft Einhalt zu gebieten (...) Ich liebe
meinen Herrn und Erlöser über alles (...) Diese
selbe Liebe und Hingabe gehören im weitern Ihnen, dem
Stammapostel, ferner meinem Bezirksapostel,
den Mitaposteln (...) Ich unterstelle mich Ihnen wie bisher in
selbstloser, dienender Liebe. Ich glaube an
die Ihnen vom HERRN gewordene Botschaft, ich erwarte den HERRN
täglich und stelle mich
entsprechend ein“.59
Nach seiner Amtsenthebung (10. Juni 1954) und seinem Ausschluss
aus der Neuapostolischen
Kirche (15. Juli 1954) nimmt Otto Güttinger eine (eigenartige)
zweifache
Stellung zur Botschaft ein:
•
(Erstens) In dem nach seinem Kirchenausschluss verfassten
Manifest60 vom 1.
August 1954, einer Kampfschrift gegen die Neuapostolische
Kirche, macht Otto
Güttinger erstaunlicherweise deutlich, dass die Botschaft nicht
der eigentliche
Grund seiner Amtsenthebung und seines Ausschlusses gewesen sei.
In Erwiderung einer Behauptung des Bezirksältesten Giovanni Plüß
aus Mailand sagt
Güttinger in seinem Manifest:
„(...) einesteils werfe man mir vor, ich würde nicht an die
Wiederkunft Christi glauben, zumindest
nicht daran, dass der Stammapostel lebe bis zum Tage des Herrn.
Ich sagte, dass ich beides
glaube und lehre. Der einzige Unterschied bestehe darin, dass
ich nicht in jedem Gottesdienst die
Hälfte bis Dreiviertel der Zeit von diesem selben Thema rede“
(S. 18).61
Diese Aussage machte Otto Güttinger Anfang Juni 1954 während
einer Italienreise
mit Bezirksältesten Plüß. Nur einen Monat danach greift Otto
Güttinger diese
Äußerung in seinem Manifest unverändert wieder auf, um sie der
Öffentlichkeit mitzuteilen.
Bemerkenswert ist nun, dass Otto Güttinger seine
botschaftsbefürwortende
Haltung während der Italienreise im Manifest weder korrigiert,
noch relativiert. Als ein wichtiges Zwischenergebnis muss
deshalb fest
57
Brief Otto Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 25. September
1953. Hervorhebungen und Unter
streichung von Otto Güttinger.
58 Brief Otto Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 12.
Oktober 1953.
59
Brief Otto Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 24. November
1953. Hervorhebung durch Fettdruck von
AG GNK; alle anderen Hervorhebungen sind von Otto Güttinger.
60
Otto Güttinger: Manifest über die Zustände und Tendenzen in der
Neuapostolischen Gemeinde. 1. August
1954, 1-48.
61 Hervorhebung durch Fettdruck von AG GNK.
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gehalten werden: Obwohl Otto Güttinger bei Abfassung seines
Manifests
bereits seit gut zwei Wochen aus der Neuapostolischen Kirche
ausgeschlossen
worden war, steht er unverändert zu seiner spätestens seit
Herbst 1953
verkündeten, die Botschaft bejahenden Position („Ich sagte, dass
ich beides
glaube und lehre“) -ansonsten hätte er ja diese Sichtweise in
seinem Manifest
eliminieren können.
Einige Seiten später geht Otto Güttinger im Manifest noch einmal
ausführlich in
einem eigenen Unterkapitel auf die Botschaftsthematik ein (S.
40-43). Er bekräftigt
seinen Glauben an die Wiederkunft Christi; man könne „nicht
apostolisch sein, ohne
an diese Verheißung zu glauben (...) Wer an die Heilige Schrift
glaubt, muß auch an
die Wiederkunft Christi, an die Erste Auferstehung glauben, sich
darauf vorbereiten,
sich darauf freuen und täglich bereit sein“.
Und dann fährt er mit einer weiteren entscheidenden Passage
fort:
„Daß ferner der Herr, Jesus Christus, nicht einem seiner Knechte
könnte sagen: ‚Hör mal, ich komme
noch solange du im Fleische bist ...’ das ist für mich außer
Zweifel, wenn es auch im Widerspruch steht
mit den Worten: ‚Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in
der Nacht.’ (1. Thess. 5,2; 2. Petr.
3,10 usw.)“ (S. 41).
Die Botschaft Stammapostels Bischoff als eine göttliche
Offenbarung wird also
von Otto Güttinger in seinem Manifest ausdrücklich nicht
angezweifelt, ja sogar
für möglich gehalten, obgleich er bereits vor gut sechs Wochen
seines Amtes
enthoben worden war.
Otto Güttinger hat also nicht generell ein Problem mit der
Tatsache außerbiblischer
Offenbarungen Gottes und auch nicht speziell mit der Botschaft
des
Stammapostels: womit er ein Problem hat, ist die Art und Weise
ihres
Empfangens und ihrer Kommunizierung innerhalb der Kirche62 und
auch damit,
dass der Stammapostel in den letzten Jahren – angeblich -oft
Terminvorhersagen für
die Wiederkunft Christi gemacht habe und diese sämtlich nicht
eingetroffen seien (S.
42f.) – wobei Güttinger für seine Behauptungen die Belege
schuldig bleibt. Stammapostel
Bischoff bestreitet, die von Otto Güttinger behaupteten
Terminvorhersagen
geäußert zu haben.
•
(Zweitens) Eine totale Umkehr von den eben skizzierten
Positionen lässt sich
bei Otto Güttinger erst einige Monate später feststellen
(spätestens seit März
1955). Aufgrund eines von der Neuapostolischen Kirche der
Schweiz erfolgreich
angestrengten Prozesses wegen der Namensrechte im Jahre 1955
gibt Otto
Güttinger über seinen Anwalt in einer Klageantwort vom 21. März
1955 überraschenderweise
die Botschaft als alleinigen Trennungsgrund an:
62
„Was hingegen manchen Ehrlichen (...) bei dieser ‚Botschaft’
(...) hie und da etwas bange werden lässt, liegt in
folgenden Überlegungen: Warum hat der Stammapostel nie gesagt:
An dem und dem Tag ist mir der Herr da
oder da erschienen und hat zu mir dies oder jenes gesagt? (...)
Mancher der Mitapostel hätte, so gerne wie
ich, erfahren, auf welche Weise der Herr den Stammapostel ‚hat
wissen lassen’, dass er zu seiner Lebzeit
komme. Um solche wichtige Dinge braucht`s doch keine
Geheimnistuerei!“ (Manifest, S. 41f.).
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Probleme
„Richtig ist, dass im Jahre 1954 in der Neuapostolischen
Gemeinde der Schweiz Differenzen
entstanden. Diese Differenzen entstanden übrigens nicht nur in
der Schweiz, sondern auch in anderen
Ländern und selbst in Deutschland (...) Tatsächlich verkündete
Herr Bischoff, (...) der Herr habe ihn
wissen lassen, dass er noch zu seinen Lebzeiten wiederkommen
werde. Wesentlich ist, dass diese
Botschaft des Stammapostels zum Dogma erhoben wurde, die
Botschaft des Stammapostels ist zum
Glaubenssatz der Lehre der NAG erklärt worden, die Botschaft
muss von sämtlichen Angehörigen der
NAG geglaubt werden (...) Da zahlreiche Anhänger der Klägerin
[NAG] dieses Dogma nicht anerkennen
können, fand ihr Ausschluss statt oder sie verzichteten auf die
weitere Angehörigkeit zur NAG. Richtig
ist, dass der bisherige Bezirksleiter der NAG, Otto Güttinger,
mit den Ausgeschlossenen und
Dissidenten einen eigenen Verein gründeten, da sie, mit Ausnahme
des genannten Dogmas des
Stammapostels, an der Lehre der NAG festhalten“.63
Die Äußerungen Otto Güttingers vom März 1955 über seinen Anwalt
werfen drei Fragen auf:
1.
Warum vertritt Otto Güttinger nicht direkt nach seinem
Kirchenausschluss im Juli
1954, sondern erst zu einem deutlich späteren Zeitpunkt (März
1955) die These,
dass die Botschaft des Stammapostels Bischoff alleinige Ursache
seiner
Amtsenthebung und seines Kirchenausschlusses sei?
(Zur Erinnerung: Otto Güttinger hatte seine
Botschaftsgläubigkeit in vielen Schriften
seit Herbst 1953 bezeugt; selbst unmittelbar nach dem für ihn
demütigenden
Kirchenausschluss im Juli 1954 nimmt Otto Güttinger in seiner
Kampfschrift „Das
Manifest“ keine neue Position hinsichtlich seines Glaubens an
die Botschaft ein,
obwohl ihm diese Schrift im Zuge einer „Generalabrechnung“ mit
der Neuapostolischen
Kirche durchaus die Möglichkeit geboten hätte.)
2.
Wieso behauptet Otto Güttinger, dass es in den schweizerischen
Gemeinden erst
1954 zu „Differenzen“ gekommen sei, und wieso bringt er diese
„Differenzen“ in
Verbindung mit der Botschaft, die doch offiziell schon seit 1951
verkündet wurde?
3.
Warum behauptet Otto Güttinger, dass der „wesentliche“ Grund für
den Kirchenausschluss
im Juli 1954 in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der
„Erhebung
der Botschaft zum Dogma“ und einer Nichtanerkennung dieser –
angeblichen –
Dogmatisierung stehe?
(Zur Erinnerung: Erst zwei Monate nach Otto Güttingers
Kirchenausschluss wurde
die Frage nach einer „Dogmatisierung“ der Botschaft – Stichwort:
Durchführung von
Ordinationen und Versiegelungen sollen nur dann erfolgen, wenn
die Betreffenden
ein Bekenntnis zur Botschaft ablegen – auf der
Apostelversammlung vom 12.
September 1954 vom Stammapostel und den Aposteln erörtert.
Aufgrund des
Widerstands von Kuhlen wurde die Frage auf Initiative des
Stammapostels vertagt
und somit keiner endgültigen Entscheidung und Regelung
zugeführt. Wenn nun Otto
Güttinger im Schreiben seines Anwalts vom März 1955 diesen
Sachverhalt nicht für
die Zeit frühestens ab September 1954, sondern bereits für die
Zeit seines Kirchenausschlusses
im Sommer
1954 unterstellt und geltend machen will, so muss dieser
Versuch als bewusste Geschichtsfälschung gewertet werden.
Offensichtlich
versuchte Otto Güttinger mit diesem Verhalten seinen Mitgliedern
in der VAC und der
63
Klageantwort von Dr. Arnold an das Bezirksgericht in Zofingen
vom 21. März 1955, S. 2f. Hervorhebung durch
Kursivdruck und Unterstreichungen von AG GNK.
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Probleme
Nachwelt
machen.)
einen anderen als den tatsächlichen Trennungsgrund plausibel zu
Wie also ist eine solche KehrtwBotschaftsablehnung zu verstehen?
endung von der Botschaftsbefürwortung zur
Einen Hinweis gibt der zeitliche Kontext:
Das Manifest veröffentlichte Otto Güttinger im August 1954; die
Äußerungen Güttingers über
seinen Anwalt an das Bezirksgericht in Zofingen datieren vom
März 1955.
In der Zwischenzeit war in der Neuapostolischen Kirche in
Düsseldorf eine lang schwelende
Krise zum Ausbruch gekommen: Stammapostel Bischoff und das
Apostelkollegium mussten
Bezirksapostel Kuhlen, zwei weitere Apostel sowie etliche
hochrangige Amtsträger ihres
Amtes entheben und aus der Kirche ausschließen, da sie
eklatanten Ungehorsam gegenüber
dem Stammapostel praktiziert hatten – und nicht, wie die
Kuhlengruppe später
aufgrund ihres Bestrebens nach einer Legendenbildung behaupten
wird, weil sie Probleme
mit der Botschaft des Stammapostels gehabt hätte.
Aufgrund der langjährigen Verbindung Otto Güttingers mit Kuhlen
(Stichwort „Verbündete“)
ist davon auszugehen, dass Güttinger über die
Argumentationsstrategie der Kuhlengruppe
und deren vermeintlichen Erfolgsaussichten bestens informiert
war (aufgrund seines sehr
hohen Alters war, so deren Spekulationen, mit dem baldigen Tod
Stammapostel Bischoffs
und der möglichen Nichterfüllung der Botschaft zu rechnen,
sodass viele Gemeindemitglieder
enttäuscht der Neuapostolischen Kirche den Rücken kehren und den
rechtzeitig
von ihr getrennten kirchlichen Gemeinschaften in die Arme laufen
würden).
Und um diese Strategie sich und seiner neugegründeten VAC
nützlich zu machen,
wechselte Otto Güttinger seine Position zur Botschaftsthematik –
und zwar grundlegend.
Sein Positionswechsel – und das ist wichtig zu beachten –
vollzog sich
erstaunlicherweise nicht nach seinem Ausschluss aus der
Neuapostolischen Kirche
im Juli 1954,64 sondern erst viele Monate später, und zwar
frühestens Anfang 1955 mit
dem Ausschluss Kuhlens aus der Neuapostolischen Kirche. Seine
spätere
Behauptung, die Botschaftsthematik sei der alleinige Grund der
Trennung, entspricht
also nicht, wie oben dargelegt, dem historischen Sachverhalt.
Zusammenfassend ist festzuhalten:
Die Quellenbefunde ergeben, dass Otto Güttinger wegen seiner
durch Ungehorsam gegenüber
Stammapostel Bischoff und Bezirksapostel Streckeisen
gekennzeichneten Haltung
ausgeschlossen wurde. In den Ereignissen von 1954 kulminierte
die innere Trennung, die
Otto Güttinger schon über Jahre mehr oder weniger offen – auch
in Fortsetzung der
problematischen Haltung seines Vaters Ernst Güttinger65 –
vollzog. Die Stellung Otto
64 Das im August 1954 erschienene Manifest Otto Güttingers hätte
ihm ja eine glänzende Möglichkeit geboten,
seinen Standortwechsel in der Frage der Botschaftsthematik
aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit als
notwendig vor Augen zu führen, was er jedoch unterließ – es
entsprach ja auch nicht den historischen
Tatsachen.
65 Bereits im Mai 1951 bemerkte Stammapostel Bischoff:
„Hoffentlich sieht Apostel O. Güttinger ein, daß er darin
Fehler machte, indem er sich von dem Geist seines Vaters
beeinflussen ließ“ (Brief Stammapostel Bischoffs
an Apostel
Schneider sen. vom 7.
Mai 1951). Siehe auch den
Brief vom 26. Mai 1951, in dem etliche
Amtsträger Stammapostel Bischoff schrieben: „Apostel [Otto]
Güttinger ist uns als Bruder lieb und wert, als
Bezirksapostel aber könnten wir ihn nie annehmen. Wir wissen,
dass er in den Fussstapfen seines Vaters
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Neuapostolische Kirche International Seite 45 von 55
Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Güttingers zur Botschaft nimmt in diesem Zusammenhang wenn
überhaupt einen
funktionalen und sekundären Rang ein und steht somit nicht in
ursächlichem
Zusammenhang mit den innerkirchlichen Kontroversen der
Neuapostolischen Kirche
in der Schweiz und der Trennung und Gründung der VAC durch Otto
Güttinger. Erst
viele Monate nach der Trennung vom Stammapostel begann Otto
Güttinger seine
neugewonnene Haltung zur Botschaft mit den oben dargelegten
Absichten zu
instrumentalisieren, indem er behauptete, die Botschaft sei ein
entscheidender und
berechtigter Grund der Trennung vom Stammapostel.
Eine solche Position widerspricht jedoch der Quellenlage bzw.
der oben dargestellten
Chronologie der Ereignisse und muss deshalb als nachträglicher
Versuch der
Geschichtsfälschung mit dem Ziel der Mythosbildung der eigenen
Person einerseits
und der Negativdarstellung der Neuapostolischen Kirche
andererseits angesehen
werden.
Auch im Zusammenhang mit dem Rücktritt Kuhlens als
Stammapostelhelfer im November
1950 sowie mit der von ihm herbeigeführten Trennung von der
Neuapostolischen Kirche im
Januar 1955 ergibt der Quellenbefund, dass die Ende 1950 sich
konkretisierende Botschaft
des Stammapostels Bischoff nicht als Ursache für den Rücktritt
und die Trennung
angesehen werden kann, allenfalls als beschleunigender Faktor.
Uns liegen gegenwärtig
keine Quellen bzw. historischen Dokumente zwischen 1951 und 1954
vor, die ausdrücklich
belegen, dass Kuhlen die Botschaft ablehnte.
wandelt und hier haben wir im Laufe der Zeit zuviel
Ungerechtigkeit erlebt und auch feststellen müssen, dass
sein Lehre oftmals von Ihrer Lehre abweicht.“ Hervorhebungen
durch Kursivschrift von AG GNK.
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Neuapostolische Kirche International Seite 46 von 55
Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
5.
Das Verhalten des Stammapostels Bischoff während
der Konflikte mit den Aposteln Ernst und Otto
Güttinger und Kuhlen
Das Verhalten des Stammapostels Bischoff in diesen Jahren ist
gekennzeichnet durch ein
auf Christus bezogenes Amtsverständnis, eine resignative Haltung
gegenüber einigen
Aposteln (insbesondere gegenüber Ernst und Otto Güttinger sowie
Kuhlen), weil sie sich
nicht auf ihn ausrichteten, und eine auf Ausgleich, Einsicht und
Versöhnung bauende
Seelsorge.
Gemäß § 2, Absatz 6 der Apostelsatzung von 1922 hatte das
Apostelkollegium u.a. die
Aufgabe, „die Einheit der Kirche gegen auflösende Bestrebungen
zu wahren“. Diese
Aufgabe nahm der Stammapostel als Kirchenoberhaupt für sich in
Anspruch und beriet sich
allerdings bei solchen Angelegenheiten mit den Aposteln auf
Apostelversammlungen.
Insofern war der Stammapostel durch die Apostelsatzung
verpflichtet, bei Auflösungserscheinungen
eines Apostelbezirkes im Sinne der Apostelsatzung tätig zu
werden. Aber
wann genau `Unruhen` in einem Apostelbezirk oder abweichendes
Verhalten gegenüber
dem Stammapostel und der neuapostolischen Glaubenslehre als
„auflösende Bestrebungen“
zu definieren sind und somit Handlungsbedarf (z.B. Führen von
Aufklärungs-und
Schlichtungsgesprächen, Disziplinarmaßnahmen, Amtsenthebungen,
Kirchenausschluss
oder Geduld, Versöhnlichkeit und Güte) durch den Stammapostel
erforderlich wurde, war
nirgendwo im Einzelnen niedergelegt. Hier hatte der Stammapostel
Einschätzungs-und
Beurteilungsspielräume, die es ihm erlaubten, den jeweiligen
Einzelfall abzuwägen und erst
dann entsprechend zu reagieren.
Mit Blick auf den Güttingerkonflikt z.B. (1945-1954) entschied
sich der Stammapostel, wie er
sich selber oft ausdrückte, `die Sache reifen zu lassen`. Diese
Haltung ist bei Stammapostel
Bischoff nicht gleichzusetzen mit einem unverantwortlichen
Wegschieben von Problemen.
Auch wenn die Nachkriegszeit ihm mehr Entscheidungs-und
Handlungsspielräume zur
Verfügung gestellt hätte, wäre nicht auszuschließen, dass
Stammapostel Bischoff gegenüber
Güttinger sich genauso (scheinbar) abwartend verhalten hätte,
wie er es in der konkreten
historischen Situation getan hatte. Kennzeichnend für seine
Amtseinstellung war, dass er
Gott und dessen Sohn grenzenlos vertraute und nur dann in ihrem
Namen etwas unternahm,
wenn er auch ganz sicher war, dass es im Willen des Herrn liege.
Und wenn er in einer
konkreten historischen Situation nicht diese Gewissheit hatte,
unternahm er auch nichts, da
er nie seinen persönlichen, sondern nur den Willen Jesu zur
Geltung bringen wollte. Eine
solche Haltung brachte ihm auf den ersten Blick betrachtet
manchmal persönliche Nachteile,
die er aber um Christi Willen auf sich zu nehmen bereit war.
Auch wenn er aufgrund seiner
Amtsbefugnisse nahezu unbegrenzte Regelungs-und
Entscheidungsmöglichkeiten besaß
(außer in der Zeit vom 1. Januar 1950 bis 6. August 1951,
Stichwort Satzungsänderungen),
so war er doch nur dann gewillt diese Machtfülle einzusetzen,
wenn er damit meinte den
Willen des Herrn zu verwirklichen.
Stammapostel Bischoff ließ sich also in seiner Amtsführung
allein vom Evangelium, von
Jesus Christus leiten und offenbart somit ein (extrem)
christologisches Amtsverständnis. Die
Bergpredigt Jesu und dessen Verhalten in allen Lebenslagen
wählte der Stammapostel zum
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Neuapostolische Kirche International
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Maßstab seines Handelns (auch im Bereich des Disziplinarischen).
Zu einem solchen
Verhalten entschloss sich der Stammapostel bewusst. Güte und
Versöhnlichkeit sind dann
prägende Eigenschaften, die jedoch das Umfeld unter Umständen
als Handlungspassivität
wahrzunehmen geneigt ist.
Hierzu einige Beispiele:
1.
Im Zusammenhang mit der Dienstaltersbegrenzungsthematik führt
der Bezirksapostel
Kuhlen (vermutlich) im Jahre 1948 in einem Schreiben an die
Apostel aus,
„dass unser Stammapostel mit seinem weichen Herzen es gar nicht
fertig bringt, einem Apostel, der
nach seinem Dafürhalten nicht mehr recht seine Arbeit tun kann,
zu sagen, dass er in den Ruhestand
treten müsste. Einem Apostel van Oosbree gegenüber wäre ja eine
solche Sprache und Handlung
schon vor über einem Jahrzehnt nötig gewesen.
(...) Und
wenn ich sagte, dass unser Stammapostel im
gegebenen Falle zu solchem Handeln nur schwerlich sich
durchringen könnte, dann soll das kein
Vorwurf sein“.66
2.
In seinem „Manifest“ (1. August 1954) beschreibt Otto Güttinger
die Entscheidungsträger
im Zusammenhang mit der großen Abspaltung der holländischen
Gemeinden
in der Nachkriegszeit wie folgt:
„Nach jahrelangen Prozessverfahren, die bis zum höchsten
Landesgericht Hollands führten, wurden auf
Grund der Vereinsstatuten die Lokale und das Vermögen der
Gemeinde dem kleineren, mit der Einheit
[dem Stammapostel] verbundenen Gemeindeteil zuerkannt. – Die
kluge, zielstrebige Arbeit des früheren
Bezirksapostels der Schweiz [Ernst Güttinger] in diesen
holländischen Angelegenheiten brachte ihm
aber wenig Dank ein. Im Gegenteil! Der Stammapostel war
zuinnerst gegen diese Prozesse. Dem
damaligen Apostel Jochems riet er: Lieber in kleinen Mietlokalen
wieder von vorn anfangen:
Stuhl um Stuhl, Altar um Altar anschaffen, Gemeinde um Gemeinde
aufbauen. – Die großzügige,
weitsichtige Art der zum Kampfe neigenden Kräfte [gemeint sind
Ernst Güttinger und Kuhlen], dazu auch
in hervorragendem Maße der frühere Stammapostelhelfer Schlaphoff
und holländische Ämter gehörten,
trugen den Sieg davon und erbrachte Seelen, Lokale, Gelder und
Ansehen“ (S. 21f.).
Es verwundert doch sehr, wenn man vor diesem Hintergrund sich
die (allerdings nicht
belegten) Behauptungen von Helmut Obst vergegenwärtigt, wonach
Stammapostel
Bischoff einen autoritären Führungsstil gepflegt und mit
Oppositionellen kurzen
Prozess gemacht habe.67 Aus den Beschreibungen der immerhin dem
Stammapostel nicht
gerade gewogenen, ehemaligen Apostel Kuhlen und Otto Güttinger
geht klar hervor, dass
Stammapostel Bischoff eben kein autokratischer Herrscher,
sondern ein Seelsorger mit
einem zutiefst christologischen Amtsverständnis war.
Es wäre also vorschnell, wollte man das Verhalten des
Stammapostels als entscheidungsunfreudig
charakterisieren.
Eine wesentliche Rolle bei allen Entscheidungen spielte das
eigene Amtsverständnis, das
den Stammapostel prägte. Er verstand sich als Diener für die
Gemeinde und alle Amtsträger.
66
Peter Kuhlen: „Gedanken zum Antrag des Apostels Hartmann, den
Apostelbeschluss, wonach sämtliche
Amtsträger der Neu Apostolischen Kirche bei Vollendung des 65.
Lebensjahres in den Ruhestand treten,
aufzuheben“. Nach Aussage einer Aktennotiz von Bezirksapostel
Weinmann hat Kuhlen sein Schreiben allen
Aposteln vor Beginn der am 2. August 1948 stattfindenden
Apostelversammlung in Quelle ausgehändigt.
67
Helmut Obst: Neuapostolische Endzeitkirche – eine exklusive
Endzeitkirche? Neukirchen-Vluyn 1996, 50-64;
Helmut Obst: Apostel und Propheten der Neuzeit. Gründer
christlicher Religionsgemeinschaften des 19. und
20. Jahrhunderts. Göttingen, 4., stark erw. und aktualisierte
Aufl., 2000, 104-114, 208-217.
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Neuapostolische Kirche International
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Er wollte die Brautgemeinde des Herrn sammeln, schmücken und dem
Herrn entgegenführen
(„Nimm sie alle“).
Bei Konflikten – selbst gegen sein eigenes Amt – war er nie
geneigt vorschnell zu agieren.
Stammapostel Bischoff ging Konflikte von der Warte des Glaubens
an (Stichwort: Teilhabe
an den Leiden seiner Amtsvorgänger,68 letztlich aber Teilhabe am
Leiden Christi); er dachte
auch im Zusammenhang mit Konflikten gegenüber dem Stammapostel
theologisch und nicht
primär aus der Warte persönlicher Betroffenheit. So wie Paulus
seinerzeit meinte lediglich
die ersten Christen zu verfolgen, letztlich jedoch den
auferstandenen Herrn verfolgte („Saul,
Saul, was verfolgst du mich? (...) Ich bin Jesus, den du
verfolgst“69), so empfand der
Stammapostel auch die eigentlich gegen ihn gerichteten Attacken
Güttingers: „Was nun die
Ansichten Ihres Vaters betrifft, so hat er in seinem Vornehmen
den Kampf gegen den Herrn
aufgenommen, indem er dem Stammapostel einen anderen Platz
anzuweisen sucht, als dies
der Herr getan hat (...)“.70 So vertraute er dem Herrn und
überließ es Jesus, für ihn einzutreten
und die Angelegenheit zu regeln. Äußerungen vom Stammapostel
wie: „es muss
alles reifen“, „das überlassen wir dem Herrn“ finden sich in der
Korrespondenz häufig.
Sein Selbstverständnis von seinem Amt drückte der Stammapostel
zum anderen mal in der
Schrift „Die göttliche Haushaltung“ von 1946 und 1947 aus:
„Ich habe nicht geherrscht, sondern gedient. Der jeweilige
Stammapostel ist dessen ungeachtet Bruder
unter Brüdern, wie er auch Bruder unter den Geschwistern ist. Er
hat den Auftrag, allen zu dienen, ohne
Ansehen der Person und ohne Rücksicht auf die Nationalität oder
Rasse des Einzelnen“.71
Ob z.B. Ernst und Otto Güttinger, Kuhlen und einige andere
Apostel diesen dienenden
Führungsstil des Stammapostels richtig verstanden haben, scheint
aufgrund ihres
Verhaltens fraglich. Während Stammapostel Niehaus absoluten
Gehorsam von den Aposteln
gegenüber seiner Person und seinem Amt nicht nur zu erwarten,
sondern auch einzufordern
schien,72 ist der Führungsstil Stammapostels Bischoff als Dienen
am Nächsten am besten zu
charakterisieren. Es fiel ihm schwer, streng durchzugreifen, und
so konnte er auch nach 21
Jahren Amtszeit (1951) zu Recht behaupten: „Ich habe bis heute
noch keinen Apostel
abgesetzt“.73
Neben den amtstheologischen Aspekten verdienen auch andere
Aspekte Aufmerksamkeit
bei der Beurteilung des Verhaltens des Stammapostels. Oben wurde
bereits geschildert, wie
kompliziert, ja eigentlich unmöglich es war, in der Zeit der
nationalsozialistischen Diktatur
sowie in der Nachkriegszeit Verbindung und Einheit unter den
Aposteln herzustellen.
Darüber hinaus war Stammapostel Bischoff offensichtlich immer
häufiger krank geworden,
68 „Vater Krebs hat solches durchlebt, Vater Niehaus ebenfalls,
und ich erwarte nicht, daß es mir in dieser
Hinsicht besser gehen soll als meinen Vätern“ (so Stammapostel
Bischoff in einem Brief an die Apostel und
Bezirksvorsteher vom 10. April 1947).
69 Apg 9, aus 4f.; Hervorhebung des Kursivdrucks durch AG GNK.
70 Brief
Stammapostels Bischoff an Otto Güttinger vom 20.
September 1948.
71 Stammapostel Bischoff: Die göttliche Hausordnung. Als Brief
an die Apostel und Bezirksvorsteher am 10. April
1947 (zuerst erschienen am 4. Januar 1946).
72 Stammapostel Bischoff berichtete Stammapostelhelfer
Schlaphoff einmal von Otto Güttinger, dass dieser ihm
einen „Brief mit äußerst verletzendem Inhalt geschrieben“ habe.
„Wenn das ein Apostel dem Vater Niehaus
gegenüber getan hätte, der hätte ihn sofort seines Amtes
enthoben“ (Brief vom 17. September 1953, S. 3,
zugleich an alle Apostel versandt am 21. September 1953).
73 Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 16. März
1951.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
auch war er mittlerweile fast 80 Jahre alt. Schon kurz vor dem
Zweiten Weltkrieg74 und auch
danach75 wandte sich Stammapostel Bischoff immer häufiger an die
Apostel mit dem
Gedanken: „Grosse Sorgen um die Einheit der Apostel erfüllen
mich gegenwärtig“.76
Es ist in diesem Zusammenhang auf die Spannungen im Apostolat zu
verweisen. In dieser
Zeit wurde zum Teil kontrovers über die Frage der Kirchenleitung
und damit verbunden über
eine neue Verhältnisbestimmung von Stammapostelamt und
Apostelamt im Apostelkreis sich
auseinandergesetzt. Vorläufiger Höhepunkt dieser
Auseinandersetzung waren die Apostelstatuten
1950, die die Position des Stammapostelamtes kirchenrechtlich
betrachtet erheblich
schwächten. In dieser Situation war also der Handlungsspielraum
des Stammapostels
erheblich eingeengt.
Der Stammapostel fühlte sich auch gegenüber den ausländischen
Aposteln in seinem
Handlungsspielraum teilweise stark eingeschränkt. Gegenüber Otto
Güttinger erwähnte er
am 6. Januar 1950:
„Ich stehe all diesen im Ausland vorhandenen Verhältnissen
machtlos gegenüber. Nur durch mein Vorbild
kann ich wirken. Was kann ich machen, wenn Ihr Vater angeordnet
hat, daß am 31. Dezember abends
kein Abendmahl gereicht wird?“.77
In persönlichen Seelsorgebriefen versuchte Stammapostel Bischoff
den betroffenen
Glaubensgeschwistern und Amtsträgern, wenn sie sich in ihrer Not
an ihn wandten, Halt und
Orientierung zu geben. So schrieb er z.B. dem
Bezirksevangelisten Zimmermann
(Zofingen/Schweiz):
„Lassen sie sich durch keine Redereien in Ihrem Glauben, Hoffen
und Lieben beirren. Wenn Sie mit mir
Verbindung halten und ihr Leben nach meinen Worten einstellen,
dann erreichen Sie das Ziel“.78
Hinzu kam ein Helfer an seiner Seite, den er nicht akzeptierte:
Kuhlen war gegen den Willen
des Stammapostels von 1948-1950 Stammapostelhelfer, und er
verstand es, sich den
Aposteln als die geeignete Alternative zur Führung des Werkes
Gottes neben dem Stammapostel
zu empfehlen. Mit der Wahl Kuhlens hatte der Stammapostel
darüber hinaus ein
theologisches Problem, da der Herr ihm ja noch keinen Nachfolger
gezeigt, die Apostel sich
jedoch hinter seinem Rücken auf Kuhlen verständigt hatten.
Stammapostel Bischoff hatte zu jener Zeit also keinen
uneingeschränkten Rückhalt im
Apostelkreis. Dies änderte sich zwar merklich mit den neuen
internationalen Apostelstatuten
1951 (6. August 1951), die das exklusive Verständnis vom
Stammapostelamt wiederherstellten
und rechtsverbindlich festschrieben; grundlegend veränderte sich
seine Position
jedoch erst 1954/1955 mit den Kirchenausschlüssen der Apostel
Ernst und Otto Güttinger
(Sommer bzw. Herbst 1954) und Kuhlens (Anfang 1955).
74 Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 30. April
1938.
75 Stammapostel Bischoff: Die göttliche Hausordnung. Als Brief
an die Apostel und Bezirksvorsteher am 10. April
1947 (zuerst erschienen am 4. Januar 1946).
76 Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 13. Juni
1950.
77 Brief Stammapostels Bischoff an Otto Güttinger vom 6. Januar
1950.
78 Brief Stammapostels Bischoff an Bezirksevangelist Ernst
Zimmermann vom 23. Juni 1951.
Zur Vorstellung, dass ein Verbleiben beim Stammapostel die
Erlangung des Glaubenszieles garantiere siehe
auch den Brief Stammapostels Bischoff an den Schweizer
Bezirksältesten Arthur Keller vom 7. August 1954:
„Wer aus dem von mir gesteuerten Glaubensschiff aussteigen will,
mag es tun. Die im Schiffe bleiben, werden
das Ziel erreichen“.
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Neuapostolische Kirche International Seite 50 von 55
Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Obwohl Stammapostel Bischoff seit 1938 immer wieder einmal
Konflikte mit einigen Aposteln
hatte, war der Stammapostel bereit, z.B. für die Güttingerzeit
einen Schlussstrich unter die
spannungs-und konfliktreichen Jahre der Vergangenheit zu ziehen
und Güte und
Vergebungsbereitschaft zu praktizieren und somit Versöhnung
stattfinden zu lassen:
„Inzwischen habe ich über alles reiflich nachgedacht und halte
es für besser, wenn ich, nachdem wir den
großen Dienst am 5. August [1951] erlebt haben, das
Dahintenliegende nicht mehr berühre. Ich habe die
Worte gesprochen, daß allen, die ihre Sünden erkennen, bereuen
und unterlassen, volle Gnade zuteil
werden soll. Dementsprechend möchte ich über das Zurückliegende
nicht mehr schreiben, sondern auf
dem neu gebahnten Weg in herzlicher Liebe zueinander
weitergehen, um ein Segen für das Volk Gottes
zu sein und das Ziel zu erreichen. (...) Ich hoffe bestimmt, daß
sich jetzt alles zum Besten wenden wird,
sofern die Apostel auf mein Wort achten und sich entsprechend
einstellen“.79
Kennzeichnend für diese Einstellung des Stammapostels ist auch
dessen in den Quellen
überlieferte Reaktion im Januar 1955 hinsichtlich des Wunsches
aller Apostel, Kuhlen
aufgrund seines jahrelangen Fehlverhaltens nicht nur des Amtes
zu entheben, sondern ihn
und die mit ihm Verbundenen auch aus der Kirche auszuschließen.
Bezirksapostel
Weinmann berichtet, dass der Stammapostel auf der entscheidenden
Apostelversammlung
in Frankfurt am 23. Januar 1955 gesagt habe:
„Nein, nicht ausschließen, denn so haben sie immer noch die
Möglichkeit, zum Gottesdienst zu gehen und
unter das Wort zu kommen“.80
Bezirksapostel Rockenfelder – damals noch Bischof – drängte den
Stammapostel
wiederholt, Güttinger in die Schranken zu weisen und gegen die
Verantwortlichen im
Saarland juristische Schritte einzuleiten, für die er
detaillierte anwaltliche Gutachten vorlegte,
doch der Stammapostel unternahm nichts dergleichen. In einem
Brief an Geschwister im
Saarland schrieb er einmal:
„Ich habe in den 51 Jahren meiner Amtstätigkeit derart viel
Unrecht dulden müssen, habe mich dabei aber
immer an das Wort des Psalmisten gehalten: `Meine Seele ist
stille zu Gott, der mir hilft` (Psalm 62,2). Ich
hätte manchmal diejenigen, die mir Unrecht zugefügt hatten, vor
Gericht bringen können, habe es aber
nicht getan, weil ich von jeher überzeugt war, dass Jesus die
Angelegenheiten der Seinen vertritt.“
Diese Einsicht war nicht das Resultat ermüdender Kämpfe der
Vergangenheit, sondern sie
entsprang letztlich dem Amtsverständnis des Stammapostels vom
Stammapostelamt.
Einheit mit ihm und seinem Amt verbürgte die Sicherheit, das
Glaubensziel zu erreichen.81
Hingegen führten die Missachtung oder die Verwerfung des
Stammapostelamtes zu
existentiellen Bedrohungen aller Betroffener.82 Und um dieses zu
vermeiden, d.h. die folgen
79 Brief
Stammapostels Bischoff an Otto Güttinger vom 22.
August 1951.
80 Brief Bezirksapostels Weinmann an Stammapostel Schmidt vom
27. Oktober 1967.
81 „Wenn Sie mit mir Verbindung halten und ihr Leben nach meinen
Worten einstellen, dann erreichen Sie das
Ziel“ (so Stammapostel Bischoff in einem Brief an
Bezirksevangelist Zimmermann vom 23. Juni 1951).
82
„Der Ap. Güttinger von heute ist nicht mehr der Ap. Güttinger
von vor 20 Jahren. Er hat in Holland den Geist
Oosbrees übernommen, der auch sagte: Ich dulde niemand über mir
und niemand neben mir. Wie es Ap.
Güttinger die letzte Zeit machte, so haben alle Apostel
begonnen, die gefallen sind. So hat es Klibbe in
Südafrika gemacht, dann Ap. Niemeier, Brückner und van Oosbree.
Die Verwerfung des Stammapostels und
die persönliche Gleichstellung mit demselben hat für alle zum
Tode geführt, und mit ihnen sind die Tausende
ins Verderben gerissen worden“ (so Stammapostel Bischoff in
einem Brief an Bezirksältesten Keller vom 3.
März 1951; Hervorhebung durch Kursivdruck von der AG GNK). Und
in einem Brief an Apostel Schneider sen.
führte der Stammapostel am 7. Mai 1951 aus: „Der Kampf gegen den
Stammapostel ist von vornherein
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
schweren Konsequenzen für abzufallende Apostel und deren
Anvertrauten abzuwenden,
entschloss sich der Stammapostel zu der Praxis der Versöhnung
und Güte, zu der er trotz
aller persönlicher Verunglimpfung bereit war.
Der Stammapostel selbst bezahlte für den jahrelang schwelenden
und später offen
ausgetragenen Konflikt einen hohen persönlichen Preis: etliche
schwere Nervenzusammenbrüche
und Schwächeanfälle beeinträchtigten seinen Gesundheitszustand
über viele Jahre.
Seinen Grundsatz, „Ich bin stille und lasse den lieben Gott
arbeiten“, sah der Stammapostel
nicht im Widerspruch zu einer oft praktizierten Vorgehensweise:
Gegenüber den
Geschwistern, die sich Hilfe suchend an ihn wandten, machte er
durch seine freimütigen
Äußerungen den Dissens zwischen sich und einigen Aposteln
öffentlich. Damit unterstützte
er ungewollt z.B. den Prozess der Spaltung in „Stammaposteltreue“
und Anhänger
Güttingers in den saarländischen Gemeinden. Mit dem Argument,
sie hätten schriftliche
Beweise des Stammapostels, dass dieser nicht mit Kuhlen und dem
Apostelkollegium eins
sei, heizten etliche der „Gegner“ Güttingers im Saarland und
später auch die „Gegner“
Kuhlens im Bezirk Düsseldorf den Konflikt an.
verloren. Das sollte sich jeder Apostel tief ins Herz schreiben,
um bewahrt zu bleiben.“ Hervorhebung durch
Kursivdruck von der AG GNK.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
6. Zusammenfassung
Die oben geschilderten Konflikte sind nicht isoliert zu
betrachten, sondern im historischen
Kontext einer insgesamt kritischen Situation unserer Kirche nach
1945.
Die Kombination von strukturellen Problemen und persönlichem
Fehlverhalten führte in jener
Zeit zu den beschriebenen Spannungen, die schließlich zu einigen
Abspaltungen führten
(Kuhlen/AG,
Güttinger/VAC und Schmidt im Saarland).83
Als wesentliche strukturelle Probleme jener Zeit sind zu nennen:
•
Beschränkung der Handlungsvollmacht des Stammapostels durch das
Kirchenrecht;
•
Unklarheit über die Rolle des kirchenleitenden Amts;
•
mangelnde Einsicht in den Offenbarungscharakter der Botschaft
des Stammapostels
und die damit verbundene Missachtung der Amtsautorität des
Stammapostels;
•
unzureichende Einsicht in den dienenden Führungsstil des
Stammapostels; mangelnde
Bereitschaft einiger Apostel, die Wertvorstellungen des
Stammapostels zu übernehmen
(Stichwort
inflatorischer Gebrauch von Wertvorstellungen);
•
Mangel an Konsens und Kommunikation zwischen dem Stammapostel
und den
Aposteln;
•
widerstreitende Interessen und das Ringen um Einflusssphären in
einer Umbruchsphase
der Kirche; unzulässige Vermengung von persönlichen Interessen
(Profilierungssucht
egozentrischer Persönlichkeiten) und der Ausübung des Amtes mit
dem
Ziel der Ausübung von Macht und dem Ergebnis von
Machtmissbrauch;
•
Mangel an Konzepten zur Eindämmung von Konflikten auf der
kirchlichen Leitungsebene;
•
Verselbstständigungstendenzen in einzelnen Apostelbezirken unter
Ausnützung politischer
Gegebenheiten.
Die Konflikte jener Zeit zeigen, dass das Verhältnis zwischen
dem Stammapostel und den
Aposteln in der Nachkriegszeit so angespannt war, dass
Differenzen nicht offen
angesprochen und im persönlichen Gespräch ausgeräumt werden
konnten. Auch in den
Apostelversammlungen scheint es nicht zu klärenden Gesprächen
über die unterschiedlichen
Standpunkte gekommen zu sein. In der Regel dauerten die
Versammlungen
nicht länger als zwei bis drei Stunden, und dies bei meist
umfangreicher Tagesordnung, die
neben administrativen Fragen auch so schwerwiegende Themen wie
die Konflikte in Holland
und im Saarland, die Frage der Dienstaltersgrenze und der
Verlags-und Presseangelegenheiten
sowie die strittigen Satzungsentwürfe für das Apostelkollegium
enthielt.
Vielsagend ist die Tatsache, dass die Apostel in einer der
Apostelversammlungen (27. März
1951) es offensichtlich für notwendig hielten, dem Stammapostel
(den sie zuvor bei nahezu
allen Konfliktthemen überstimmt hatten) ihr Vertrauen
auszusprechen und dies als
schriftliche Erklärung dem Protokoll beizufügen.
83
Die Konflikte in Holland und Südafrika sowie die
Botschaftsthematik mussten ausgeklammert werden, da die
AG GNK diese Themen noch nicht aufbereiten konnte.
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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
Im Zusammenhang mit dem Autoritätsverlust des Stammapostels bei
einigen Aposteln (nicht
bei den Kirchenmitgliedern!) in der Nachkriegszeit sind
verschiedene Faktoren zu nennen.
Zu den persönlichen Faktoren zählen das fortgeschrittene Alter
des Stammapostels und sein
angegriffener Gesundheitszustand, der von einigen Aposteln als
Zeichen von Schwäche
interpretiert wurde.
Als innerkirchlicher Faktor ist die kriegsbedingte Stärkung der
Rolle der Apostel zu nennen.
Während des Krieges hatte der Stammapostel seine
Leitungsfunktion nur eingeschränkt
wahrnehmen können. Die so gewonnene Selbstständigkeit und
gewachsene Verantwortung
der Apostel führte nach dem Krieg zu einer stärkeren Betonung
der Rolle des Apostelkollegiums.
Die politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse in der
Nachkriegszeit begünstigten zudem die
Forderung nach Ablösung von Führungspersönlichkeiten, die
während der Zeit des
Nationalsozialismus Verantwortung getragen hatten. Diese
Tendenzen griff Ernst Güttinger
mit seinen Forderungen auf, das Apostelkollegium als quasi
„demokratisches“ Führungsorgan
an die Stelle des Stammapostels zu setzen bzw. die Amtszeit des
Stammapostels
zeitlich zu befristen und das Amt im Sinne eines
Rotationsprinzips neu zu besetzen. Zwar
wurden diese Gedanken in ihrer Radikalität von der Mehrheit der
Apostel abgelehnt, doch
Überlegungen einer Verlagerung von Führungskompetenzen auf die
Apostel war man
grundsätzlich nicht abgeneigt. Insofern ist Ernst Güttinger in
gewissem Sinn als extremer
Exponent einer unklaren und konturlosen Grundstimmung im
Apostolat zu sehen. Für diese
Annahme spricht die Tatsache, dass Güttingers Angriffe auf den
Stammapostel bei den
übrigen Aposteln nicht auf entschiedenen Widerspruch stießen und
man Ernst Güttinger im
Apostolat nicht isolierte. Die stillschweigende Billigung seines
Vorgehens z.B. im Saarland
durch das Apostelkollegium ist einer der Gründe dafür, dass sich
der Konflikt zu einer
Spaltung ausweiten konnte.
Ernst Güttinger benützte u.a. den Saarlandkonflikt, um seine
Einflusssphäre zu erweitern;
Kuhlen nützte ihn, um sich als vermeintlich überparteilicher
Versöhner und Schlichter zu
profilieren, seine Führungsqualitäten herauszustellen und sich
als der geeignete Mann an
der Spitze zu empfehlen. Objektiv begünstigte er Ernst und Otto
Güttinger und unterstützte
deren Opposition zum Stammapostel, wie dies auch auf anderen
Konfliktfeldern zu
beobachten war.
Das Verhalten des Stammapostels in diesen Jahren zeigt klar,
dass das vielfach von
Stammapostel Bischoff gezeichnete Bild eines autokratischen
Herrschers ein Zerrbild ist,
das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Weder pflegte
Stammapostel Bischoff einen
„autoritären Führungsstil“, noch machte er mit Oppositionellen
„kurzen Prozess“, wie
fälschlicherweise bis heute in einschlägiger Literatur behauptet
wird.84 Wenn z.B. Kurt Hutten
(1901-1979, evangelischer Theologe und Leiter der Evangelischen
Zentralstelle für
Weltanschauungsfragen) zu der Schlussfolgerung kommt, das
Vorgehen des Stammapostels
gegen die „Saar-Opposition“ sei beispielhaft für die gnadenlose
Härte J.G. Bischoffs
im Umgang mit Andersdenkenden85, so stellt dies die Geschichte
geradezu auf den Kopf.
Stattdessen zeigt sich uns Stammapostel Bischoff nicht nur im
Konfliktfall Saarland als
äußerst duldsamer, auf Ausgleich, Einsicht und Versöhnung
bauender Seelsorger, der
84 H. Obst, Neuapostolische Kirche – die exklusive Endzeitkirche?,
Neukirchen-Fluyn 1996, S. 61.
85 K. Hutten, Brandherd im Saarland, Materialdienst Nr. 5/1956
S. 49 ff, Stuttgart 1956.
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Neuapostolische Kirche International Seite 54 von 55
Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und
Probleme
seinen Führungsauftrag primär geistlich verstand und von der ihm
gegebenen Amtsmacht
nur verhalten Gebrauch machte.
Die fehlende Ausrichtung einiger Apostel am Stammapostel ist
deshalb als eine der
tieferen Ursachen der Konflikte zu betrachten.
Dass die Apostel im Gegensatz zum Stammapostel über einen
erstaunlich langen Zeitraum
die Verhältnisse in den verschiedenen Konflikten falsch
einschätzten und fortgesetzt verkehrte
Entscheidungen trafen, ist glaubensmäßig als vermutlich
unvermeidliche Konsequenz
ihres fehlenden Einsseins mit dem Stammapostel zu betrachten.
Die Botschaft des Stammapostels Bischoff – das sei abschließend
noch einmal festgehalten
–
ist nicht die Ursache für die oben beschriebenen Probleme. Die
Botschaft wurde
von Kuhlen und Otto Güttinger (bei ihm allerdings erst nach dem
Kirchenausschluss!) mit
dem Ziel instrumentalisiert, ihre Trennung von der Kirche zu
begründen.
Die Verantwortlichkeit für die Entwicklung und Probleme sowie
die daraus resultierenden
Folgen der Neuapostolischen Kirche von 1938 bis 1955 tragen im
Wesentlichen einige
Apostel, deren Ausrichtung auf den Stammapostel und deren
Zusammenarbeit mit ihm
defizitär waren. Zu ihnen gehörten maßgeblich die Apostel Ernst
und Otto Güttinger und
Apostel Kuhlen.
Zürich, 06.11.2007
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