De Nieuw Apostolische Kerk in de jaren 1938 tot 1955 ontwikkelingen en problemen.

 

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De Nieuw Apostolische Kerk in de jaren 1938 tot 1955, ontwikkelingen en problemen.

Neuapostolische Kirche

International



Een verhandeling over de over de strijd der kerkmacht Oftewel…hoe een kerkgenootschap ontspoorde in een tragedie 

Die niets met Jezus Christus van doen had of heeft. Of juist alles(…)

 

En nog steeds is deze strijd niet in het voordeel van Jezus Christus beslecht.

Onderstaande is dan ook een verhandeling die de werkelijke geschiedenis geweld aandoet. Iets krachtiger…Het komt neer op Godslastering!

 

Redactie apostolischeobserver.nl


 Embleem van de Nieuw Apostolische Kerk.

 

 

 

 

New Apostolic Church

 

Die Neuapostolische Kirche

von 1938 bis 1955

 

Entwicklungen und Probleme

 

– Zusammenschau –

 

Stand: 6. November 2007

 

© Neuapostolische Kirche International

 


 

 

Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Inhalt

 

Vorwort ........................................................................................................................ 3

 

 

1.

Die historischen und die theologischen Wurzeln , die vor und während des

Zweiten Weltkriegs zu Spannungen innerhalb der Kirchenleitung führten ........ 7

 

1.1

Die Dienstaltersbegrenzungsthematik 1938 ............................................................................................. 7

 

 

1.2

Die Verlagsthematik 1939 – 1940 ............................................................................................................. 10

 

 

1.3

Die Nachfolgerthematik: Erster Versuch einer Regelung der Stammapostelnachfolge (ca.1942) ........... 13

 

 

2.

Die neuapostolische Kirchenleitung nach dem Zweiten Weltkrieg ..................... 15

 

 

2.1

Die historisch-politischen Rahmenbedingungen als Hintergrund entstehender Spannungen .................. 15

 

 

2.2

Ernst Güttingers Kampf gegen das Stammapostelamt seit 1945 ............................................................. 17

 

 

2.3

Die Wahl Kuhlens zum Stammapostelhelfer und Nachfolger im Stammapostelamt 1948 ....................... 21

 

 

2.4

Ein neues Modell von Kirchenleitung: Die Apostelstatuten vom 1. Januar 1950 die

Installierung des Kollegialitätsprinzips ................................................................................................ 24

 

3.

Die Beendigung des Konflikts um die Kirchenleitung (1950 – 1955) ................... 27

 

 

3.1

Neue Apostelrufungen seit 1950 ............................................................................................................... 27

 

 

3.2

Rücktritt Kuhlens vom Stammapostelamt und -helferamt (November 1950) ............................................ 28

 

 

3.3

Die neuen Apostelstatuten vom 6. August 1951 – das wiederhergestellte exklusive Verständnis

vom Stammapostelamt ............................................................................................................................. 31

 

3.4

Kirchenausschlüsse: Ernst und Otto Güttinger (1954) und Kuhlen (1955) ............................................... 32

 

 

4.

Die Rolle der Botschaft des Stammapostels aus dem Jahr 1950/1951 im

Zusammenhang mit den Kirchenausschlüssen von 1954 und 1955 ................... 41

 

5.

Das Verhalten des Stammapostels Bischoff während der Konflikte mit

den Aposteln Ernst und Otto Güttinger und Kuhlen ............................................. 47

 

6.

Zusammenfassung ................................................................................................... 53

 

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Vorwort

 

In den Medien und in der Literatur wird gegenwärtig negativ über die Geschichte der

Neuapostolischen Kirche berichtet, insbesondere über geschichtliche Ereignisse in der

Nachkriegszeit und die in dieser Phase sich konkretisierende „Botschaft“ des Stammapostels

Bischoff.

 

Glaubt man den Positionen, wie sie von einigen Internetseiten unkritisch und unkommentiert

kolportiert werden, dann sind der Stammapostel Bischoff und seine Botschaft als die

Ursachen für zum Teil bis in die Gegenwart hineinreichende Missstände zu betrachten.

 

Hierzu einige Beispiele von den Webseiten „NAKtuell“ und „Glaubenskultur“:

 

In einem Interview vom 4. Januar 2005 behauptet Gerrit J. Sepers gegenüber NAKtuell, dass

das Stammapostelamt und die Botschaft an den unheilvollen Vorkommnissen der Vergangenheit

(Fehlentscheidungen der Kirchenleitung, Kirchenausschlüssen, Abspaltungen)

die alleinige Schuld trügen und Ursache dafür seien, dass auch gegenwärtig „das Vertrauen“

in die Neuapostolischen Kirche „verloren“ gegangen sei (S. 14f.). Die Botschaft sei nicht

christologisch fundiert und habe keinen göttlichen Charakter, sondern stelle die Fortsetzung

von „nationalsozialistische[m] Gedankengut“ dar; der „Traum“ vom „`Neuen Reich`, das

Ariertum, das Bewusstsein: `Wir sind es!`, hatte sich bei uns hineingeschlichen“, so Sepers,

und trotz des verlorenen Krieges sei dieser „Traum weitergeführt worden (...) durch die

Botschaft von Stammapostel Bischoff“ (S. 18). Die Botschaft stelle „Opium für das Volk“1 dar,

so Sepers, und er fordert:

 

„Öffentlich zugeben, dass wir große Fehler gemacht haben. Das heißt sich versöhnen und damit

abschließen. Und die Rausschmisse und Exkommunikationen der Leute müssen rückgängig gemacht

werden. Wenn man Rockenfelder sen. beinahe in den Himmel preist oder fast schon selig erklärt, dann

muss man auch darüber nachdenken, dass Peter Kuhlen und andere Leute2 vielleicht auch so etwas

verdienen“.3

 

Mit Blick auf einen – undatierten – Bericht von Kuhlen (in dem dieser seine Version vom

Rücktritt vom Stammapostelhelferamt darlegt) resümiert Sepers schließlich:

 

„Es sei `tatsächlich a) erschütternt und b) wenn nur 10% davon wahr ist, ist das Ansehen dieser Kirche

100% geschädigt, endgültig! (...) Es passt wohl in meine Anschauungsweise, die ich entwickelt habe über

die Geschichte dieser Kirche:

 

1.

Die Botschaft war wie Opium für das einfache Volk und diente als Deckmantel für die Machtpolitik

Rockenfelders und F(riedrich) Bischoffs.

2.

Der Streit zwischen den Individualisten und die Kollektivisten wurde auch in dieser Kirche

ausgefochten: einerseits Kuhlen, Dehmel und Güttinger und anderseits die Erwähnten aus Punkt 1.

3.

Auch in dem Kreis der Bezirksaposteln waren viele Schlappschwänzen“.4

1 Glaubenskultur, Die Bischoff-Connection. 14. November 2005.

2 Hier sind wohl der ehemalige Bezirksapostel Ernst Güttinger und dessen Sohn Apostel Otto Güttinger aus der

 

 

Schweiz gemeint.

3 NAKtuell, Interview vom 4. Januar 2005, 1-35, hier 20f.

4 Zitat aus: Glaubenskultur, Die Bischoff-Connection. 14. November 2005.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Kritik kommt jedoch nicht nur von einem ehemaligen Apostel.

 

Andreas Fincke von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen äußerte

sich in der Vergangenheit in mehreren Artikeln, zuletzt in seinem Artikel „Werk Gottes in der

Vollendungszeit? Die Neuapostolische Kirche heute“5 ebenfalls negativ über den Stammapostel

Bischoff und dessen Botschaft. Die Botschaft bezeichnet Fincke als „unselige

Vorhersage“, deren „Irrtum“ durch den Tod des Stammapostels und das Nichteintreten der

Verheißung als ungöttlich bewiesen sei (S. 446). Als „unselig“ sieht Fincke die Botschaft

deshalb an, weil sie „viel Verwirrung und Leid verursacht“ habe. In ihrer Folge kam es zum

Ausschluss und zur Abspaltung ganzer Gemeinden“ (S. 446). Belege, z.B. Quellen, die seine

Thesen überzeugend und plausibel machen, führt Fincke nicht an, sodass seine Ausführungen

als unwissenschaftlich zu charakterisieren sind. Stattdessen verweist Fincke auf

die in der Schweiz diesen Jahres (2005) initiierte Versöhnungsthematik der neuapostolischen

Gebietskirche Schweiz mit den Mitgliedern der Güttinger-VAC und verbindet

damit die Aufforderung, in Deutschland ebensolche Schritte folgen zu lassen (S. 446f.).6

 

Stammapostel Leber ging während einer Pressekonferenz am 18. Mai 2005 auf die oben

erwähnten Themen ein und bemerkte:

 

„Wir sind im Moment dabei, unsere Geschichte aufzubereiten. Das ist natürlich eine sehr aufwendige

Sache, wenn man es wirklich seriös machen will – und das wollen wir! Aber das braucht Zeit. Wir wollen

auf der Grundlage dessen, was wir dort herausfinden und dann an Ergebnissen haben werden, gerne die

Kommunikation und die Verbindung suchen und stehen auch zu eventuellen Fehlern, die in der

Vergangenheit begangen worden sind“.7

 

Die AG „Geschichte der Neuapostolischen Kirche“ (GNK) wurde am 21. Oktober 1999 von

Stammapostel Fehr gegründet; ihr Auftrag lautet:

 

„Die Geschichte der NAK historisch einwandfrei nachvollziehbar darstellen und auch solche Aspekte

aufnehmen, die für die Kirche unbequem sein könnten. Die Darstellung soll objektiv sein und alle Fragen

tabufrei beleuchten. Dabei soll der Gedanke berücksichtigt werden: Wenn wir diese Aufgabe nicht

wahrnehmen, werden andere es tun“.8

 

Gemäß diesem Auftrag hat die AG in den vergangenen Jahren einige Ausarbeitungen zu

den oben angeschnittenen Themenkomplexen (Kuhlens Trennung von der NAK, Saarlandkonflikt,

Otto Güttinger und die Botschaftsthematik) vorgelegt. Neu hinzugekommen sind

Ausarbeitungen zu Kuhlen und der Helferthematik sowie zu Ernst Güttinger und seinem

Kirchenausschluss, sodass die Konfliktthemen aus diesen Jahren nun nahezu vollständig

historisch aufbereitet vorliegen.

 

Grundlage dieser Arbeiten sind umfangreiche Quellenstudien (Korrespondenzen der Stammapostel,

der Apostel und Betroffenen, Protokolle von Apostelversammlungen, Publikationen

aus dem Bischoff-Verlag sowie Schriften der verschiedenen Abspaltungsgruppen usw.). Die

Sammlung und die Auswertung der Quellen waren sehr zeitintensiv, da unsere Kirche nicht

 

5 Andreas Fincke, Werk Gottes in der Vollendungszeit? Die Neuapostolische Kirche heute. In: Materialdienst.

Zeitschrift für Religions-und Weltanschauungsfragen. 68 (2005), Dezember-Heft, 443-450.

6 Vgl. zu dieser Thematik auch: Andreas Fincke, Erste Schritte zur Versöhnung. In: Materialdienst. Zeitschrift für

 

Religions-und Weltanschauungsfragen. 68 (2005), Juni-Heft, 231-232.

7 Stammapostel Leber, in: NAKtuell, VAG übermittelt Glück-und Segenswünsche. 22. Mai 2005.

8 Neuapostolische Kirche International, Projekt-Management NAKI, Auftrag an die Arbeitsgruppe „Geschichte

 

der NAK“, Zürich 21. Oktober 1999, 1-7, hier 2.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

über ein Zentralarchiv verfügt und die Archive der Gebietskirchen zum Teil nur mit

Schwierigkeiten zugänglich waren und sind. Die Erkenntnisse und Ergebnisse der AG

basieren auf den zur Verfügung gestellten Quellen und Dokumenten, die in den Anhängen

der jeweiligen Ausarbeitungen aufgeführt sind.

 

Noch einmal sei festgehalten: Die abgelieferten Untersuchungen basieren unter Beachtung

und Anwendung geschichtswissenschaftlicher Verfahrensweisen auf Quellenbefunden; die

vorgestellten Ergebnisse und Thesen sind somit sorgfältig und quellenkritisch belegt und

resultieren nicht aus „Geschichte vom Hörensagen“ oder vorgefassten Urteilen. Sollten

andere als die nachfolgend vorgestellten Ergebnisse geltend gemacht werden, so sind diese

vor dem Hintergrund der genannten Ausarbeitungen bzw. der Quellenlage zu beurteilen.

 

Worum geht es nun in dieser Ausarbeitung, die eine „Zusammenschau“ von Einzeluntersuchungen

der AG GNK zu verschiedenen Themenkomplexen jener Zeit darstellt?

 

Im Titel dieser Zusammenschau kommt zum Ausdruck, dass es bereits vor dem Beginn des

Zweiten Weltkriegs, und zwar seit dem Jahr 1938, zu Spannungen innerhalb der neuapostolischen

Kirchenleitung gekommen ist.

 

Die Konflikte aus jener Zeit führten schließlich in der Nachkriegszeit zu Abspaltungen von

der Neuapostolischen Kirche (Kuhlen/Düsseldorf, Güttinger/Schweiz, Schmidt/Saarland).

Nachträglich wurden die Abspaltungen von den Betreffenden mit Glaubenskonflikten

begründet, die im Wesentlichen ihre Ursache in der Botschaft von Stammapostel Bischoff

gehabt haben sollen.

 

Die zeitliche Bestimmung der nachfolgend beschriebenen Vorgänge macht deutlich, dass die

„Botschaft“ nicht als Ursache für die damaligen Verhältnisse geltend gemacht werden kann,

da Stammapostel Bischoff diese erst Ende 1951 offiziell zu verkündigen begann. Zwischen

dem Beginn der seit 1938 auftretenden Probleme und dem Beginn der Botschaftsverkündigung

liegen 13 Jahre!

 

Der Gegenstand der Auseinandersetzung war vielmehr eine Fragestellung ganz

anderer Art:

 

Im Kern des Konflikts ging es also nicht um irgendwelche Offenbarungen oder um

persönliche Animositäten und zwischenmenschliche Konflikte, sondern um gegensätzliche

Sichtweisen des kirchenleitenden Amtes – die theologisch-christologische des Stammapostels

Bischoff auf der einen Seite (das Amt gründet in Christus und verweist auf ihn) und

die eher funktionale Sichtweise einiger Apostel auf der anderen Seite (das Amt ist kirchliches

Leitungsinstrument). Zugespitzt formuliert ging es um die Frage, ob das Stammapostelamt

oder das Apostelamt bzw. die Summe aller Apostel (= Apostelkollegium) die kirchenleitende

Instanz sein sollte.

 

Von Apostel Ernst Güttinger nachhaltig betrieben bestand die Konzeption, dass das

Apostelkollegium die entscheidende Autorität inne haben solle. Der Stammapostel hingegen

ging von einem theologisch-seelsorgerischen Verständnis aus (Analogie zur Stellung des

Petrus). Dieses wurde von Ernst Güttinger – allerdings erst in den letzten Jahren seiner

Amtstätigkeit – als undemokratisch und faschistoid missverstanden.

 

Zum Konflikt konnte diese Fragestellung erst führen, nachdem einige Apostel die tendenziell

absolute Position des Stammapostelamtes – wie sie sich aus der Tradition und der

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Geschichte dieses Amtes ableiten lässt – in Relationen zu rücken bzw. in Frage zu stellen

versuchten mit dem Ziel, Teilhabe an der Leitungsgewalt der Kirche zu erlangen.

 

Diese Versuche begannen schon vor dem Zweiten Weltkrieg und entzündeten sich an drei

Themen:

 

· Dienstaltersgrenze

· Verlag

· Stammapostelnachfolge

Die Quellenauswertung ergab, dass die Ereignisse Ende der 1940er/Anfang der 1950er

Jahre nicht als Glaubenskonflikte zu betrachten sind, sondern Ausdruck eines Strukturproblems

waren, das das kirchenleitende Amt betraf.

 

Resümierend über die zurückliegende Zeit schreibt der Stammapostel den Aposteln am 14.

Juli 1951:

 

„Die in den letzten Jahren durchlebten unguten Verhältnisse im Werke Gottes haben mich anhand vielseitiger

Erfahrungen erkennen lassen, dass die Ursache zu all dem vielen Leid darin liegt, dass man im Kreis der Apostel

die Grundsätze der Theokratie (Gottesherrschaft) verlassen hat und die kirchliche Führung nach demokratischen

Grundsätzen ausgeübt wissen wollte.“

 

Zu einer solchen inhaltlichen Feststellung über das Apostelkollegium sah sich der

Stammapostel in dem in dieser Arbeit vorgestellten Zeitraum nicht nur einmal veranlasst.

Knapp zwei Jahre zuvor (21. November 1950) z.B. schrieb er den Aposteln:

 

„(...) dass der derzeitige Zustand innerhalb des Apostelkollegiums nicht der Lehre Christi und

seinem heiligen Willen entspricht. Euch, meine lieben Mitapostel, auf diese Tatsache hinzuweisen,

halte ich für das Gebot der Stunde.“

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

1.

Die historischen und die theologischen Wurzeln, die

vor und während des Zweiten Weltkriegs zu

Spannungen innerhalb der Kirchenleitung führten

Der Versuch einiger Männer aus dem Apostelkreis, das Stammapostelamt zu relativieren, ist

bereits für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg anhand einiger Aktionen nachweisbar.

 

1. 1

Die Dienstaltersbegrenzungsthematik 1938

Grundsätzlich gab es gemäß Satzung des Apostelkollegiums von 1922 keine Dienstaltersbegrenzung

für Apostel (und andere Amtsträger), wobei in der Satzung ausdrücklich nur für

den Inhaber des Stammapostelamtes die Formulierung „in der Regel auf Lebenszeit“ benutzt

wurde.

 

Am 4. April 1938 beschließen Stammapostel Bischoff und die Apostel auf einer Apostelversammlung

in Hamburg gemäß Punkt 4 des Protokolls: „Die Dienstaltersgrenze für

sämtliche Amtsträger wird auf 65 Jahre festgesetzt. Bis 31. Dezember 1939 ist dies

durchzuführen. Die Beschlussfassung erfolgte einstimmig.“ Der Stammapostel und 16

Apostel haben das Protokoll genehmigt und unterschrieben.

 

Danach hätte Stammapostel Bischoff, der zu jener Zeit 67 Jahre alt war, gut 1½ Jahre

später sein Amt niederlegen müssen.

 

Es ist aufgrund der für diesen Themenbereich spärlichen Quellenlage nicht eindeutig erkennbar,

welche Motive und Absichten diesem Beschluss zugrunde lagen. So bleibt lediglich festzustellen,

dass die Apostel (incl. dem Stammapostel) mit ihrer freiwillig verordneten Dienstaltersbegrenzung

ihre persönlichen Handlungsspielräume für die Zukunft erheblich einschränkten

und dass es zukünftig in viel stärkerem Maße als bisher auf die jüngeren Kräfte

im Apostolat ankommen musste. Die Entscheidung begünstigte also die jüngeren Apostel,

während die älteren ihrem baldigen Amtsende entgegenzusehen hatten.

 

Nachdem Stammapostel Bischoff das Ausmaß dieses Beschlusses so richtig bewusst

geworden war, wendet er sich schon einige Tage später an die Apostel. Ohne eine

Apostelversammlung einberufen zu haben, treffen sich der Stammapostel und die Apostel

am Montagvormittag, dem 25. April 1938, in Berlin, um über die Dienstaltersbegrenzungsthematik

zu sprechen. Die Besprechung verläuft ergebnislos, es konnte „keine Einigkeit

erzielt werden“, so der Stammapostel. Es wird verabredet, dass der Stammapostel seine

Gedanken zu diesem Themenkomplex den Aposteln noch einmal schriftlich mitteilen solle.

 

Die Sache spitzt sich jedoch noch in Berlin zu, nachdem etliche Apostel den Stammapostel

erleben ließen, dass sie zu einem Sinneswandel bei dieser Thematik nicht bereit sind:

 

„Am Montagnachmittag und auch am Dienstagvormittag habe ich aus dem Kreis der Apostel erfahren,

dass der weitaus größte Teil sagt, für sie bleibe der Beschluß vom 4. April bestehen. Die Apostel haben

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

also, ohne mein Schreiben abzuwarten, bereits ihr Urteil gefällt. Demzufolge würde sich eigentlich mein

Schreiben in dieser Sache erübrigen.“9

 

Dennoch wendet sich der Stammapostel am 30. April 1938 in einem fünfseitigen Brief an die

Apostel. „Es ist Gottes Werk, an dem wir stehen, und nicht ein menschliches Unternehmen.“

Vor diesem Hintergrund geht der Stammapostel ausführlich auf Veränderungsprozesse im

Werke Gottes ein, prangert Vetternwirtschaft an und beklagt, dass die Einsetzung der

Männer Zander und Brandes zu Aposteln „ein Fehlgriff“ gewesen sei, um dann auf den Kern

seines Anliegens, der offensichtlich geübten Kritik an seiner Person und seinem Amt, zu

kommen:

 

„Jesus hatte einst die Wahl seiner Apostel persönlich vorgenommen und Petrus als Haupt gesetzt (...)

Was meine Erwählung betrifft, so möge folgendes zur Kenntnis dienen: (...) Die Zahl der Mitglieder war im

Werke Gottes vor 40 Jahren noch sehr klein. Im Jahre 1898 bekam Vater Krebs das Geisteszeugnis über

mich, dass er mir das Bischofsamt gab, und 1899 ein Zeugnis, dass ich zum Apostel ausgesondert würde.

Die beiden Zeugnisse haben sich erfüllt, indem ich im Jahre 1903 von Vater Krebs das Bischofsamt und

im Jahre 1906 von Vater Niehaus das Apostelamt empfing.

 

Als sich zur Zeit der Stammapostel Niehaus nach seinem Nachfolger umsah, wurden ihm von vielen

Seiten unaufgefordert Zeugnisse zugesandt, die einheitlich auf mich als den von Gott zum Nachfolger des

Stammapostels erwählten Apostel hinwiesen. Selbst aus Afrika kamen Zeugnisse, worin mein Name

genannt wurde. Ihr wisst alle, dass der Stammapostel Niehaus damals einen anderen Apostel als seinen

Nachfolger im Auge hatte [gemeint ist der Dresdener Bezirksapostel Brückner]. Jedoch hat es sich mit der

Zeit erwiesen, dass er diesen seinen Gedanken nicht ausführen konnte, weil die Voraussetzungen dazu

fehlten. Außer diesen genannten Zeugnissen stand ihm, dem Stammapostel, ein zweites Zeugnis zur

Verfügung, und zwar mein Bezirk (...) Somit hatte der Stammapostel Niehaus ein Doppelzeugnis, auf das

hin er meine Aussonderung zu seinem Nachfolger vornehmen konnte.

 

Ende Januar 1930 erlitt der Stammapostel [Niehaus] den Unfall. Er wurde am 20. September 1930 in den

Ruhestand versetzt, und ich wurde als der von ihm eingesetzte Nachfolger von dem Apostelkollegium

einstimmig anerkannt. Der Zuwachs betrug dann (...) 106.118 Seelen, ein Beweis, dass der Segen

Gottes, nachdem ich die Leitung des Werkes übernommen hatte, auch weiterhin offenbar wurde. Aus dem

Angeführten können die Apostel ersehen, dass meine Erwählung zum Dienste im Werke Gottes nicht aus

menschlichem Geiste hervorging.“

 

Folgerichtig schlägt Stammapostel Bischoff für die nächste Apostelversammlung zur

erneuten Beschlussfassung für die Apostel die von ihnen gewünschte Dienstaltersbegrenzung,

für sich jedoch eine Amtstätigkeit auf Lebenszeit vor.

 

Welche Strategie des Stammapostels lässt sich nun u.a. aus seinem Brief ableiten?

 

1.

Der Stammapostel geht zunächst in seiner Argumentation theologisch vor, wenn er

sich und sein Amt in eine Linie mit Petrus einordnet. So wie Petrus von Jesus

Christus zum „Haupt“ der Apostel eingesetzt wurde, so sei auch er letztlich von Gott

und dessen Sohn zum „Haupt“ der Apostel eingesetzt. Und so wie Petrus bis zu

seinem Tod im Werke Gottes gearbeitet habe, so solle auch ihm diese Möglichkeit

bis zu seinem Lebensende erhalten bleiben. Stammapostel Bischoff bietet den

Aposteln mit diesem Argument eine Brücke an, über die sie eine Rückzugsmöglichkeit

von ihren Positionen erhalten.

Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 30. April 1938.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

2.

Zugleich geht der Stammapostel in seinem Brief aber auch formaljuristisch vor, wenn

er die Apostel mit Bezug auf die Satzung des Apostelkollegiums an die Rechtsgrundlage

ihrer Handlungsmöglichkeiten erinnert. Mit dem Verweis auf die § 3 und 6 steht

dem Stammapostel die Ausübung seines Amtes bis zum Lebensende ja ausdrücklich

zu. Er stärkt somit seine eigene Position bzw. das Stammapostelamt.

Am 7. Mai 1938 kommt es nun auf der Apostelversammlung in Hannover zu einer

Ergänzung des Beschlusses vom 4. April. Lapidar heißt es im Protokoll:

 

„Die Mitgliederversammlung wurde mit der Tagesordnung vertraut gemacht. Nach Erörterung des

Gegenstands wurden folgende Beschlüsse gefasst: Punkt 1: Punkt 4 des Beschlusses vom 4. April 1938

wird wie folgt ergänzt: In besonders gelagerten Fällen hat in Bezug auf die Apostel, der Stammapostel, für

die übrigen Amtsbrüder der Bezirksapostel das Recht, die Dienstzeit über das 65. Lebensjahr hinaus von

Jahr zu Jahr (jeweils für ein Kalenderjahr) zu verlängern. Die Beschlussfassung erfolgte einstimmig. Die

Erschienenen stellten mehr als drei Viertel der Mitglieder des Apostelkollegiums dar.“

 

Dieser Kurzkommentar – und bei dem Zitat handelt es sich um den ganzen Protokollinhalt –

wirft einige Fragen auf. Die Versammlung dauerte zwei Stunden. Das Thema der

Dienstaltersgrenze war der einzige Tagesordnungspunkt. Das ist im Vergleich zu anderen

Apostelversammlungsprotokollen eher ungewöhnlich, dass über ein Thema so lange

diskutiert wurde. Welche Brisanz und Dringlichkeit das Thema darstellte, erhellt sich auch

daraus, dass zur letzten Apostelversammlung erst ein Monat vergangen war – eine so

schnelle Aufeinanderfolge hatte es in der Geschichte der Apostelversammlungen bis dahin

noch nie gegeben.

 

Nun könnte man zu der Meinung tendieren, dass Stammapostel Bischoff nur einen Teilerfolg

errungen habe, seine Amtstage gezählt und insgesamt seine Position und sein Amt

geschwächt worden waren, da die ausdrückliche Bestätigung ausblieb. Es scheint jedoch

eher so zu sein, dass die Amtsführung des Stammapostels auf Lebenszeit gar keiner

ausdrücklichen Bestätigung bedurfte, da ja genau dieser Aspekt in dem rechtlichen Grundlagendokument

des Apostelkollegiums, der Satzung von 1922, festgeschrieben ist und

dementsprechend sich auch in seinem Anstellungsvertrag niedergeschlagen hat. Zumindest

der Stammapostel selber scheint es so gesehen zu haben und aus den uns vorliegenden

Quellen ist nicht erkennbar, dass die Apostel ihm diese Sichtweise fernerhin streitig gemacht

hätten.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

1. 2 Die Verlagsthematik 1939 -1940

Um es vorwegzunehmen: Bezirksapostel Ernst Güttinger (Schweiz) instrumentalisierte die

Verlagsthematik, um Selbständigkeitsbestrebungen vorzubereiten und die Relativierung des

Stammapostelamtes zu provozieren.

 

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 teilt Ernst Güttinger dem Stammapostel mit, dass er

künftig zunächst die Zeitschriften „Wächterstimme“ und „Der Jugendfreund“ in der Schweiz

drucken lassen werde.

 

Der Stammapostel wandte sich gegen Güttingers Vorhaben, da er gegen eine Dezentralisierung

des neuapostolischen Pressewesens war.

 

Zu diesem Motiv des Stammapostels ist grundsätzlich folgendes zu bedenken: Zeitschriften

sind das Veröffentlichungsorgan der Herausgeber. Über Zeitschriften hatte insbesondere

der Stammapostel die Möglichkeit, den Mitgliedern seine Glaubensvorstellungen

zukommen zu lassen. Wenn Friedrich Bischoff darum kämpfte, dass für den Schweizer

Bereich (mit Frankreich) weiterhin der Verlag in Deutschland als Herausgeber zuständig

bleiben sollte, dann hat es zum einen auch damit zu tun, dass dem Stammapostel über die

Zeitschriften Äußerungs-und Einflussmöglichkeiten, vielleicht sogar ein Meinungsmonopol

erhalten bleiben sollten, zumal die gegenwärtigen kriegerischen Verhältnisse in Deutschland

künftig die Reise-und Handlungsfreiheit des Stammapostels erheblich einzuschränken

drohten; zum anderen wollte Friedrich Bischoff – und mit ihm der Stammapostel – in jedem

Falle verhindern, dass Ernst Güttinger genau diese Meinungsplattform als Herausgeber von

eigenen Zeitschriften in der Schweiz zukünftig zur Verfügung steht. Er hätte dann, so ihre

Befürchtungen, für seine Ziele (Selbstständigkeitsbestrebungen mit der Folge von möglicher

Spaltung und Dezentralisation sowie die Relativierung des Stammapostelamtes) ein

geeignetes Mittel zur Verwirklichung seiner Pläne in der Hand.10

 

10

Ein Negativbeispiel war dem Stammapostel sicherlich noch gut in Erinnerung:

Kurz vor dem Ausschluss Bezirksapostels Brückner (Dresden) aus der Neuapostolischen Kirche im April 1921

ordnete Stammapostel Niehaus an, dass die von Brückner herausgegebene Zeitschrift „Neuapostolische

Rundschau“ ab 1. Januar 1921 nicht mehr erscheinen dürfe; an ihre Stelle sollte eine von ihm unter dem Titel

„Wächterstimme aus Zion“ herausgegebene Zeitschrift treten. Brückner wollte sich jedoch die Vorherrschaft im

Pressewesen der Neuapostolischen Kirche nicht nehmen lassen, so dass er gegen den Willen des

Stammapostels die „Neuapostolische Rundschau“ weiter erscheinen ließ. Dieses oppositionelle Verhalten

Brückners gegenüber dem Stammapostel war mit ausschlaggebend für seine kurz darauf erfolgte

Amtsenthebung und seinen Kirchenausschluss.

Die Verlagsthematik war nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahre 1950/1951 noch einmal Gegenstand der

Auseinandersetzung im Apostelkreis, da Ernst Güttinger abermals und mit denselben Zielen dieses Thema zu

instrumentalisieren wusste, um letztlich das Stammapostelamt zu diskreditieren. Vgl. hierzu den Brief des

Stammapostels Bischoff an Ernst Güttinger vom 15. Februar 1951:

„Beim Lesen Ihres Briefes vom 1.2.51 wurde ich an ein Sprichwort erinnert: `Auf den Sack wird geklopft,

aber der Esel ist gemeint!` Mir ist der Sinn Ihres Antrages an das Apostelkollegium nicht verborgen

geblieben. Sie wissen ganz gut, daß die meisten im Verlag meines Sohnes erscheinenden Veröffentlichungen

von mir stammen; denn ich bin ja der Herausgeber (...) Überdies sind in der Zeitschrift `Unsere Familie`

Berichte von meinen Reisen und an den verschiedenen Orten von mir gehaltenen Gottesdiensten. Wenn Sie

nun die Arbeit des Verlages aufteilen und zersplittern wollen, dann liegen die Folgen so auf der Hand, daß

man schon sagen kann, sie sind beabsichtigt. (...) Sie klopfen auf den Verlag und meinen den

Stammapostel. (...) und diese Absicht deckt sich mit Ihrem vorjährigen Antrag, mit dem Sie mich als

Stammapostel beseitigen wollten. Konnten Sie damals Ihre Absicht nicht verwirklichen, so suchen Sie heute

auf einem Umweg zu erreichen, was Ihnen im Vorjahr versagt blieb, nämlich die Stellung des Stammapostels

zu untergraben. Mein lieber Apostel Güttinger, ich muß auf Grund der in den letzten Jahren gemachten

Erfahrungen leider annehmen, daß ich für Sie so überflüssig geworden bin, wie der Rost am Messer. Wie

haben Sie sich mir gegenüber betragen, als im Vorjahr die Angelegenheit mit der Altersgrenze zur Sprache

kam (...) Trotz allem habe ich das Gelöbnis, welches ich bei meiner Einsetzung als Stammapostel dem

damaligen Stammapostel Niehaus gab, auch Ihnen gegenüber gehalten und Sie in Geduld getragen. (...) Was

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Frühzeitig war das Apostelkollegium über die eigentlichen Hintergründe von Ernst Güttingers

Strategie informiert. In zwei ausführlichen Briefen (vom 24. Oktober 1939 und 14. Dezember

1939) entlarvt Friedrich Bischoff die Argumente Güttingers als Scheinargumente. Güttingers

Aktion passe in das Bild von Selbstständigkeitsbestrebungen mit den möglichen Folgen von

Spaltung und Dezentralisation, welches er seit mehreren Jahren beobachte. Darüber hinaus

habe Güttinger den ausdrücklichen Willen des Stammapostels, in der ganzen Angelegenheit

die Verhandlungen mit den deutschen Behörden abzuwarten, missachtet und somit einen

Konflikt provoziert, der offensichtlich Teil seiner Selbstständigkeitsbestrebungen ist.

 

Damit das Apostelkollegium sich nicht passiv verhalte, spitzt Friedrich Bischoff mit Blick auf

den Ungehorsam Ernst Güttingers gegenüber dem Stammapostel die Sachlage noch einmal

zu: Die Selbstständigkeitsbestrebungen Güttingers beschränkten „sich nicht nur auf

das sachliche Gebiet der Zeitschriftenfragen (...). Vielmehr sind hier ernste Anzeichen

einer tiefgehenden Spaltung zu erblicken, die dem Apostelkollegium nicht gleichgültig

sein dürfte“.11

 

Es wurde bereits erwähnt, dass Ernst Güttinger gegen alle Widerstände und Drohungen von

Seiten Friedrich Bischoffs seit Anfang Januar 1940 drei Zeitschriften in Eigenverantwortung

in der Schweiz hatte drucken und herausgegeben lassen. Über die Reaktionen des Stammapostels,

des Apostelkollegiums und Friedrich Bischoffs geben die uns vorliegenden Quellen

keine Auskunft. Offensichtlich hatte Ernst Güttinger keine Konsequenzen und Sanktionen

hinnehmen müssen. Er konnte sich in seinem Kurs jedenfalls von Teilen des Apostelkollegiums

bestätigt fühlen. Dies kann also als ein weiterer Hinweis gewertet werden, dass

es im Apostelkreis schon vor dem Zweiten Weltkrieg zu divergierenden Meinungen

gekommen sein muss.

 

Mit Blick auf das Verhältnis der Akteure zueinander lässt sich abschließend für diese Phase

folgende zusammenfassende Wertung festhalten:

 

1.

Ernst Güttinger missachtete die Satzung des Apostelkollegiums von 1922 und den

Vertrag zwischen dem Apostelkollegium und dem Bischoff-Verlag vom 29. April 1932,

indem er ohne die Zustimmung des Stammapostels, der Apostel und des Verlegers

Friedrich Bischoff sich seit Ende 1939 aus dem gemeinsamen Pressewesen verabschiedete

und eigene Zeitschriften in der Schweiz seit Januar 1940 herausgab.

Ernst Güttinger praktizierte gegenüber Stammapostel Bischoff Ungehorsam, wenn er

dessen Ablehnung seiner Pläne einer Verlagsgründung in der Schweiz ignorierte.

Dabei nutzte Güttinger die historische Situation aus (Deutschland beginnt den

Zweiten Weltkrieg; Stammapostel nur eingeschränkt handlungsfähig), um seine

bestand doch früher zwischen uns ein schönes Verhältnis! Und heute? Wer hat dies zerstört? Worin habe ich

Ihnen Unrecht getan, daß Sie eine solche Stellung gegen mich einnehmen und alles daranzusetzen bemüht

sind, um mich zu beseitigen oder aber mich im Kreis der Apostel und auch in Ihrem Bezirk unwert zu machen?

(...) Möge der Herr Ihnen Gnade schenken zu erkennen, was zu Ihrem Heil und Frieden dient, bevor es zu spät

ist. Ihnen das Beste wünschend, grüßt Ihr Sie immer noch liebhabender (gez.) J.G. Bischoff“ (Hervorhebung

durch Fettdruck von AG GNK).

Zu dem vom Stammapostel erwähnten Antrag siehe auch den Brief des Apostels Gottfried Rockenfelder an

Bezirksapostel Weinmann vom 12. Februar 1951: „Man hat dort [in Zürich, gemeint sind Ernst und Otto

Güttinger] nach Rücksprache mit K. [Kuhlen] vor allen Dingen eines ausgeheckt. Die neuapostolische Presse

soll in andere Hände, damit der Stammapostel nicht mehr so absolut sein Gedankengut in das Volk Gottes

hinein bringen kann, und das große Ziel, das man erstrebt, ist letzten Endes die Ausschaltung des

Stammapostels selbst. (...) und nach dem Zusammensein von O.G. [Otto Güttinger] und K. wurde die Sache

fixiert, und E.G. [Ernst Güttinger] eignet sich ja am Besten zum Steine schmeißen (...).“

 

11 Brief Friedrich Bischoffs an das Apostelkollegium vom 14. Dezember 1939.

 

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Pläne zu verwirklichen. Güttinger untergräbt letztlich die Stellung des Stammapostels

und gefährdet die Einheit des Apostelkreises.

 

2.

Ernst Güttinger gefährdete durch seine Aktivitäten die neuapostolischen

Gemeinden und den Bischoff-Verlag im nationalsozialistischen Deutschland in

nicht unerheblichem Maße (Stichwort Deviseneinbußen des Deutschen Reiches

und ihre Folgen), um – wie er behauptete – Bezugskosten der Schweizer Glaubensgeschwister

so gering wie möglich zu halten. Drohende Repressalien für die

deutschen Gemeinden und den Verlag scheinen ihn nicht interessiert zu haben bzw.

er ordnete sie den eigenen Vorteilen und Zielen unter.

3.

Letztlich diente Ernst Güttinger die Verlagsthematik, seine Selbstständigkeitsbestrebungen

voranzutreiben. Er riskierte damit aber auch eine mögliche Spaltung

innerhalb des Werkes Gottes.

4.

Auch dürfen bei Ernst Güttinger persönliche und materielle Erwägungen nicht außer

Acht gelassen werden; es ist nicht auszuschließen, dass er in dem neu zu

gründenden Verlag seinem offensichtlich lange Zeit arbeitslosen Sohn Otto, der

gelernter Schriftsetzer war, eine gute Stellung verschaffen wollte.

5.

Der ausgebrochene Konflikt war aber nicht nur eine Angelegenheit zwischen

Güttinger und dem Stammapostel bzw. dessen Sohn Friedrich Bischoff. Er betraf

auch das Verhältnis zwischen dem Stammapostel und dem Apostelkollegium.

Die Apostel waren ja ausdrücklich aufgefordert, sich aktiv an der Konfliktlösung zu

beteiligen. Es ging um das gemeinsame Verlags-und Pressewesen, das drohte

dezentralisiert zu werden, und um die Bedeutung des Stammapostelamtes, das

drohte durch den konsequenzlosen Ungehorsam Güttingers seinen hohen

Stellenwert als kirchenleitendes Amt einzubüßen.

Da die uns vorliegenden Quellen über die Motivlage der Beteiligten in diesem Zusammenhang

keine Aussagen und auch keine Andeutungen machen, müssen wir uns hier eines

wertenden Urteils enthalten. Es bleibt jedoch der Eindruck einer unklaren und konturlosen

Grundstimmung im Apostolat, da eine eindeutige Stellungnahme für den Stammapostel

ausblieb. Sicherlich spielte die historische Gesamtsituation eine nicht unerhebliche Rolle

(man befand sich im Krieg). Es ist aber nicht auszuschließen, dass der Stammapostel

meinte den Konflikt mit Güte am besten zu entschärfen und deshalb auf Sanktionen

gegenüber Güttinger verzichtete (vgl. hierzu Kap. 5).

 

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1. 3

Die Nachfolgerthematik: Erster Versuch einer Regelung der

Stammapostelnachfolge (ca. 1942)

Während des Zweiten Weltkriegs (ca. 1942) kam es erstmals zu einem Konflikt im Apostelkollegium

hinsichtlich der Nachfolgeregelung im Stammapostelamt.

 

Zeitgenössische Quellen liegen leider nicht mehr vor. In Briefen und Berichten erinnern sich

jedoch aus der Rückschau der Stammapostel Bischoff und die Bezirksapostel Knigge,

Kuhlen und Schall – im Wesentlichen übereinstimmend – an jenes Ereignis.

 

Die Bezirksapostel Schall und Knigge berichten Stammapostel Schmidt im Jahre 1962 auf

dessen Wunsch hin, was sich in der Zeit um 194212 zu der genannten Thematik ereignet

hatte. Von Kuhlen ausgehend (so Schall) – später behauptete Kuhlen, dass Bezirksapostel

Landgraf der Initiator gewesen sei13 -, habe Stammapostel Bischoff dem Wunsch der Apostel

nachgegeben, einen Stammapostelnachfolger wählen zu lassen; dieser Vorgang fand wohl

nicht anlässlich einer Apostelversammlung statt14 , sondern vermutlich durch schriftliche

Äußerung der Apostel per Brief.15 Das Ergebnis der Vorschläge der Apostel (nach Bezirksapostel

Knigge wurden in Übereinstimmung mit den Aufzeichnungen Kuhlens die Apostel

Landgraf, Kuhlen und Schall als Nachfolger im Stammapostelamt vorgeschlagen) habe den

 

Stammapostel zu der Äußerung veranlasst, „daß dieses doch niemals des Herrn Wille

sei, sonst wären wir alle eines Sinnes gewesen“.16 Die befürchtete Wirkung dieser von

Stammapostel Bischoff nicht gewünschten Nachfolgebestimmungen lässt sich aus dem

weiteren Bericht Bezirksapostels Knigge ablesen:

 

12

Zur Datierung des Versuches der Apostel die Nachfolge im Stammapostelamt zu regeln folgende Über

legungen, da zeitgenössische Quellen fehlen: Bezirksapostel Knigge konnte sich zwar nicht an den genauen

Zeitpunkt dieses Ereignisses erinnern, in jedem Falle war es aber „schon vor dem Jahre 1943“. Gestützt wird

diese Angabe durch die Tatsache, dass Bezirksapostel Magney sen., dessen Einschätzung er ja genau

erinnert und wiedergibt, zu jenem Zeitpunkt noch gelebt hatte (er starb am 5. Mai 1943). Dieses Ereignis noch

vor 1943 anzusiedeln, kann also einige Wahrscheinlichkeit beanspruchen, zumal auch Kuhlen in seinen

Aufzeichnungen von den Jahren „1940 oder 1941“ spricht. In einem Schreiben des Stammapostels Bischoff an

die Apostel vom 30. November 1950 datiert der Stammapostel diesen Vorgang ebenfalls auf das Jahr 1942.

 

13

Peter Kuhlen, Akten-Aufzeichnungen über die Gründe meines am 25. November 1950 erfolgten Rücktritts als

Stammapostelhelfer und Nachfolger im Stammapostelamte. Ohne Jahr, 1-19, hier 1.

 

14

Bezirksapostel Schall meinte sich zu erinnern, dass anlässlich einer Apostelversammlung noch vor 1943 in

Berlin eine Wahl stattgefunden habe. Dies ist nachweislich falsch, da es vor 1943 nur eine einzige

Apostelversammlung gab, und die fand in Dortmund am 8. Mai 1939 statt (in Berlin tagte man zuletzt 1937 und

dann erst wieder 1954).

 

15

Peter Kuhlen berichtet hierzu: „Dann hat Apostel Landgraf im Jahre 1940 oder 1941 dem Stammapostel die

Bitte um Aussonderung eines Nachfolgers im Stammapostelamte nahegelegt. Daraufhin schrieb der

Stammapostel an die damals erreichbaren Apostel – es war Krieg, und ging die Anfrage nur an die deutschen

Apostel, sie möchten ihm, ohne daß einer mit dem andern Rücksprache nehmen solle, damit keiner den

andern menschlich beeinflussen könne, den in ihrem Geiste zu dem hohen Amte eines Stammapostels

erweckten Mann, nennen. Kurze Zeit danach schrieb dann der Stammapostel, daß das Ergebnis seiner

Rundfrage sei, es hätten 4 Apostel den Apostel Landgraf, 4 Apostel den Apostel Schall und 4 Apostel den

Apostel Kuhlen vorgeschlagen.“ (in: Peter Kuhlen, Akten-Aufzeichnungen über die Gründe meines am 25.

November 1950 erfolgten Rücktritts als Stammapostelhelfer und Nachfolger im Stammapostelamte. Ohne

Jahr, 1-19, hier 1) Stammapostel Bischoff schreibt den Aposteln am 30. November 1950: „Vier Apostel

benannten den Apostel Kuhlen, vier den Apostel Landgraf und drei den Apostel Schall. Apostel Buchner

schrieb mir, der Herr habe in ihm keinen erweckt.“ Abweichungen gibt es also nur in Bezug auf die

Stimmenanzahl auf Apostel Schall.

 

16

Brief Bezirksapostels Knigge an Stammapostel Schmidt vom 20. Juni 1962. Vgl. auch den Brief

Bezirksapostels Schall an Stammapostel Schmidt vom 12. Mai 1962.

 

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„Nach der Apostel-Versammlung kam Apostel Magney [sen.] zu mir und sagte ungefähr folgendes: Bruder

Knigge, was haben wir nur gemacht? Wo ist die schöne Einheit? Jetzt haben wir 3 Stammapostel, wenn

der Stammapostel Bischoff von uns genommen würde. Das ist doch nicht richtig. Es ist das sehr traurig“.17

 

Aber nicht nur für die Zukunft des Werkes Gottes, sondern auch für den Stammapostel

selber hatten die Apostel mit der Nachfolgeregelung eine Notlage herbeigeführt, die das

Vertrauensverhältnis zwischen ihnen und dem Stammapostel in erheblicher Weise belastete

und zu Misstrauen und Spannungen führen konnte. Gut zehn Jahre später erinnerte sich der

Stammapostel noch lebhaft an dieses Ereignis:

 

„Seit 1943 wurde hinter meinem Rücken gearbeitet. Die Apostel hatten mich gezwungen, zu handeln. In

meiner Not gab mir der liebe Gott das Wort Jesaja 8,10.18 Wenn ich nach der Meinung der Apostel

gehandelt hätte, dann hätte ich drei Stammapostel einsetzen müssen. Ich will damit nur sagen, daß nicht

ich die Ursache gab, sondern die Apostel. Apostel Güttinger bat mich, das Material nicht herauszugeben.

Ich will das auch nicht, wenn man mich nicht dazu zwingt“.19

 

In dem schon erwähnten grundlegenden Schreiben an die Apostel vom 30. November 1950

(anlässlich des Rücktritts von Kuhlen vom Stammapostelamt und Stammapostelhelferamt)

resümiert und bewertet der Stammapostel Bischoff den ersten Versuch einer

Bestimmung eines Stammapostelnachfolgers in seiner Amtszeit wie folgt:

 

„Im Jahre 1942 haben die Apostel mir nahegelegt, einen Nachfolger zu bestimmen. Ich habe daraufhin die

Apostel aufgefordert, mir den Namen des Apostels mitzuteilen, der in ihrem Geiste als mein Nachfolger

erweckt sei. Vier Apostel benannten den Apostel Kuhlen, vier den Apostel Landgraf und drei den Apostel

Schall. Apostel Buchner schrieb mir, der Herr habe in ihm keinen erweckt. Ich habe darauf den Aposteln

geschrieben: `Seht ihr, der Herr war nicht mit euch; denn Gott ist ein einiger Gott und kein

zertrennter. Er wird mir zur rechten Zeit den Mann zeigen, der als mein Nachfolger in Frage

kommt.` Apostel Landgraf schrieb mir darauf, es sei besser, wenn ich meinen Nachfolger

bestimmen würde; denn das sei doch schließlich des Stammapostels Sache.“

 

17 Brief Bezirksapostels Knigge an Stammapostel Schmidt vom 20. Juni 1962.

 

18

„Beschließt einen Rat, und es werde nichts daraus; beredet euch, und es bestehe nicht; denn hier ist

Immanuel.“ (Jesaja 8,10 nach der Bibelausgabe von 1912; Immanuel ist nicht Name, sondern Aussage: „Denn

mit uns ist Gott!“)

 

19

Besprechung zwischen dem Stammapostel und dem Priester Rudolf Plüss am Montag, 23. November 1953,

von 10-12 Uhr in Frankfurt/M. Niederschrift des wichtigsten Inhalts der Besprechung. Stenographiert von

Bischof Weine, 1-4, hier 2.

 

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2. Die neuapostolische Kirchenleitung nach dem Zweiten

Weltkrieg

2. 1

Die historisch-politischen Rahmenbedingungen als

Hintergrund entstehender Spannungen

Es ist nicht auszuschließen, und dafür gibt es auch einige Anzeichen, dass die Apostel in

ihren Bezirken bedingt durch die Zeitverhältnisse (Nazi-Zeit20, Zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit)

über viele Jahre autonom entscheiden mussten, da der Stammapostel als

„Führer“ einer Kirche von den nationalsozialistischen Kräften und ihrer Gesetzgebung in

seiner Handlungs-und Entscheidungsfreiheit in besonderem Maße und erheblich eingeschränkt

worden war, und somit sich möglicherweise zumindest einige Apostel an eine

gewisse Selbstständigkeit gewöhnt hatten, die sie nicht ohne weiteres wieder

aufzugeben bereit waren.

 

Während des Krieges bestand außer auf brieflichem Weg kaum Kontakt zwischen dem

Stammapostel und den Aposteln. Stammapostel Bischoff unternahm nur wenige Reisen,

allenfalls in die nähere Umgebung Frankfurts. Im Wesentlichen waren die Apostel auf sich

allein gestellt. Sie versuchten nach Möglichkeit die Arbeit, die sie in der Vorkriegszeit unter

dem totalitären System verrichtet hatten, fortzusetzen und die Gemeinden zu versorgen.

 

Die Umstände hatten dazu geführt, dass während des Krieges kaum Kontakt zu den

Aposteln des Auslands bestand. Auch der Briefverkehr unterlag der staatlichen Kontrolle.

Das wiederum bedingte eine Eigenständigkeit der Apostel außerhalb Deutschlands. Ein

direkte Lenkung durch den Stammapostel fand nicht statt. Der Zusammenhalt war

abhängig von der Bereitschaft der Apostel, die geistige Verbindung aufrecht zu erhalten. Da

die verantwortlichen Apostel bereits viele Jahre im Amt waren, sorgte die persönliche

Verbindung, die sie zum Stammapostel unterhielten, für eine gewisse Stabilisierung.

 

Hielten der Stammapostel und die Apostel vor dem Zweiten Weltkrieg im Jahr zwei bis drei

Mal Apostelversammlungen ab (die letzte am 8. Mai 1939 in Dortmund), gab es während des

Zweiten Weltkriegs gemäß den uns vorliegenden Protokollen nur eine Apostelversammlung

 

20

Vgl, den Brief Stammapostels Bischoff an Ernst Güttinger vom 17. Februar 1947: „Die Neuapostolischen

Gemeinden hatten unter der Nazi-Regierung sehr viel zu leiden und einen sehr schweren Kampf um ihren

Bestand zu führen. Im Juni 1933 wurden sämtliche Neuapostolische Gemeinden verboten. Nachdem die zum

Verbot angeführten Gründe sich als Irrtum erwiesen hatten, wurde das Verbot aufgehoben. Im Laufe der Zeit

wurden jedoch immer wieder einzelne Gemeinden geschlossen. Nur unter größten Schwierigkeiten gelang es,

einen Teil dieser Verbote rückgängig zu machen. Die Absicht aber war offenkundig, die Neuapostolischen

Gemeinden in ihrer Gesamtheit zu vernichten. Dies beweisen auch die anderen gegen uns ergriffenen Maß

nahmen: Die Nazi-Regierung hat uns mit ungewöhnlich hohen Steuern belastet, die Betreuung der Jugend

wurde unterdrückt, der Kauf von Grundstücken und der Bau von Kapellen abgelehnt, die Opfer durften nicht

mehr erhoben werden, das Erscheinen unserer Zeitschriften wurde verboten, Bibeln und Gesangbücher

durften nicht mehr gedruckt werden. Der durch die Nazis auf uns ausgeübte Druck war ungeheuerlich. Das

Festhalten an dem christlichen Glauben brachte uns die erbitterte Feindschaft des Nazismus, zumal wir die

zur Gemeinde gehörenden Mitglieder jüdischer Abstammung nicht von uns gestoßen, sondern in jeder nur

möglichen Weise unterstützt haben.“

Eine Ausarbeitung über die Geschichte der Neuapostolischen Kirche von 1933-1945 ist von der AG GNK

geplant.

 

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(26. Juni 1943) – und die dauerte lediglich eine ½ Stunde.21 Die nächste Apostelversammlung

fand erst am 21. Mai 1948 in Frankfurt a.M. statt.

 

Der Mangel an gemeinsamen Versammlungen – im Grunde genommen fand neun Jahre

lang keine Apostelversammlung statt – ist sicherlich eine Ursache für die defizitäre

Einheit im Apostelkreis und die erfolgten Mahnungen des Stammapostels.

 

Der Kreis der Apostel am Ende des Zweiten Weltkriegs setzte sich wie folgt zusammen:

 

van Oosbree, Niederlande ordiniert 1910

Hartmann, Karlsruhe ordiniert 1922

Schall, Stuttgart ordiniert 1923

Güttinger, E, Schweiz ordiniert 1923

Lembke, Hamburg ordiniert 1925

Landgraf, Berlin ordiniert 1927

Faassen, Niederländisch-Indien ordiniert 1928

Schlaphoff, Südafrika ordiniert 1928

Buchner, Frankfurt ordiniert 1931

Knigge, Hannover ordiniert 1933

Rockstroh, Leipzig ordiniert 1933

Kuhlen, Düsseldorf ordiniert 1935

de Vries, Südafrika ordiniert 1935

Schneider, sen., Schweiz ordiniert 1935

Ludwig, Stuttgart ordiniert 1938

Jochems, Niederlande ordiniert 1939

Gantner, Argentinien ordiniert 1939

Güttinger, O., Schweiz ordiniert 1941

Toplisek, Argentinien ordiniert 1944

Fendt, USA ordiniert 1944

 

 

Diese Aufstellung zeigt, dass in Europa die Bezirksapostel langjährige Wegbegleiter des

Stammapostels waren, unter denen Kuhlen der dienstjüngste war.

 

Als nun der Stammapostel nach dem Krieg begann, den Kontakt zu den Bezirksaposteln

wieder aufzunehmen und neue Akzente der Führung zu setzen, bedeutete dieses für die

Apostel eine Neuorientierung.

 

Die Quellen lassen den Schluss zu, dass die Ausrichtung auf den Stammapostel durchaus

unterschiedlich erfolgte. Aus verschiedenen Gründen ergaben sich erhebliche Differenzen

zwischen dem Stammapostel und den Bezirksaposteln van Oosbree, Ernst Güttinger und

Kuhlen.

 

21 Es waren nur deutsche Apostel anwesend. Einziger Tageordnungspunkt war die Nachfolgeregelung für den

 

Apostelbezirk Dortmund (Apostel Schüring wurde Nachfolger des verstorbenen Bezirksapostels Hermann

 

Magney sen.).

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

2. 2

Ernst Güttingers Kampf gegen das Stammapostelamt seit

1945

Ernst Güttinger wurde am 16. September 1923 in das Apostelamt (durch Stammapostel

Niehaus) und am 14. Februar 1933 in das Bezirksapostelamt (durch Stammapostel Bischoff)

eingesetzt. Aus den Quellen ist nicht zu erkennen, dass Ernst Güttinger bereits vor 1938 mit

dem jeweiligen Stammapostel ein gespanntes und konfliktbeladenes Verhältnis gehabt hätte.

Auch mit Stammapostel Bischoff hatte Ernst Güttinger zumindest bis zu diesem Zeitpunkt ein

unproblematisches, ja herzliches Verhältnis.

 

Erkennbare Spannungen ergaben sich erst im Zusammenhang mit den oben geschilderten

Themen Dienstaltersbegrenzung (1938) und Verlagsangelegenheiten (1939).

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg – und zwar in etwa zeitgleich mit der Verkündigung eigener

Lehrvorstellungen, mit denen er sich deutlich in Opposition zum Stammapostel begab –

verkündete Ernst Güttinger in einer Ämterversammlung mit Frauen am 30. Dezember 1945

seine Vorstellungen über das Stammapostelamt:

 

„Das Himmelreich ist keine Diktatur, sondern eine Demokratie. Wir wissen, wo Diktatur hinführt. (...) Die

Apostel kamen einst in Jerusalem zusammen und haben beraten und beschlossen. So wird es auch heute

gemacht. Vor dem Krieg kamen alle Apostel von Zeit zu Zeit zusammen, um zu beraten und zu

beschließen. Der Stammapostel befiehlt nichts – sondern er führt als Präsident aus, was die

Apostelversammlung beschließt; er ist das Haupt; die höchste Autorität aber ist die Apostelversammlung,

wie in der Schweiz die Bundesversammlung“.22

 

Ernst Güttinger bricht also bewusst mit der Tradition der Kirche, die das Stammapostelamt

und nicht das Apostelamt bzw. die Summe aller Apostel (Apostelversammlung) als kirchenleitendes

Amt bzw. Organ ansah, und begibt sich somit bewusst in Opposition zum Stammapostel.

 

 

Im Jahr 1948 ging Ernst Güttinger zum entscheidenden Angriff auf das Stammapostelamt

und seinen Inhaber über.

 

Am 4. Mai 1948 leitete Stammapostel Bischoff einen Antrag Ernst Güttingers vom 3. März

1948, wonach der Stammapostel „wie jeder Regierungspräsident nur eine zwei-bis

dreijährige Amtsdauer haben“ solle, an die Apostel weiter.

 

Der Antrag Güttingers wird im Protokoll der Apostelversammlung nicht erwähnt, auch ist er,

soweit wir sehen, nie wieder auf die Tagesordnung gekommen. Es ist deshalb zu vermuten,

dass die Apostel zwar ein Interesse an einer geregelten Nachfolge im Stammapostelamt,

aber kein Interesse an einem rotierenden System von Stammaposteln und den damit

verbundenen Folgen eines Verlustes der Amtsautorität hatten. Offensichtlich waren die

theologischen Bedenken bei den Aposteln hinsichtlich des Antrages von Güttinger so groß,

dass sie durch die Abwehr eben dieses Antrages bewusst die traditionelle Stellung des

Stammapostelamtes als (in der Regel auf Lebenszeit auszuübendes) kirchenleitendes Amt

gesichert sehen wollten – nicht zuletzt Kuhlen dürfte daran als soeben vom Apostelkollegium

gewählter Stammapostelnachfolger (1948) ein Interesse gehabt haben.

 

22 Bericht über die Aemterversammlung mit Frauen gehalten von Bezirksapostel Ernst Güttinger am 30.

 

Dezember 1945 in Zürich-Hottingen. In: Ernst Güttinger (Hrsg.): Goldkörner. Zürich 1946, 24. Hervorhebung

 

durch Fettdruck von AG GNK.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Zur Vorbereitung auf die Apostelversammlung vom 2. August 1948 in Quelle (bei Bielefeld)

erhielten die Apostel die Aufgabe, Stellung zu der von Stammapostelhelfer Kuhlen überarbeiteten

Satzung für das Apostelkollegium von 1922 zu beziehen. Ernst Güttinger ergriff

sofort die Gelegenheit, den Satzungsentwurf in eine von ihm favorisierte Richtung umzuarbeiten.

An den Stammapostel und die Apostel gewandt bemerkte er:

 

„Wir sahen sofort, dass diese hochwichtige, weltumfassende Sache von keinem Juristen bearbeitet wurde.

Mein Sohn Otto und ich haben nun die Sache unserm sehr tüchtigen Juristen unterbreitet und haben sie

miteinander ausgearbeitet. Es mag Euch, liebe Brüder, vielleicht das eine oder andere befremden, aber

ich möchte Euch bitten, die Sache ernstlich durchzugehen (...)“.23

 

Der Satzungsentwurf Ernst Güttingers macht abermals deutlich, dass er bestrebt ist, dass

Stammapostelamt auf das Niveau des Apostelamtes zu reduzieren und die einzigartige

Stellung dieses Amtes unter Ausblendung seiner Geschichte zu untergraben. Der Satzungsentwurf

Güttingers ist also als ein weiterer gezielter Versuch zu werten, das Stammapostelamt

als das kirchenleitende Amt abzuschaffen und ihm lediglich die Rolle

eines Vollzugsorgans der Beschlüsse der Apostelversammlungen zuzugestehen.24

 

Gegenüber dem Sohn Otto Güttinger bemerkte der Stammapostel nur:

 

„Was nun die Ansichten Ihres Vaters betrifft, so hat er in seinem Vornehmen den Kampf gegen den

Herrn aufgenommen, indem er dem Stammapostel einen anderen Platz anzuweisen sucht, als dies

der Herr getan hat (...)“.25

 

Ein letztes Ereignis aus dem Jahre 1948 sei hier noch erwähnt, da es zur Sache spricht.

Ernst Güttinger hatte vom Stammapostel den Auftrag erhalten, den Bezirksältesten

Kamphuis in das Apostelamt für Holland zu setzen. Dies geschah am 15. August 1948. Sein

Sohn Otto Güttinger, der an diesem Gottesdienst teilnahm, berichtet von der Amtshandlung

seines Vaters:

 

„Bei der Ansprache zur Amtseinsetzung sprach Vater eindrücklich davon, das die APOSTEL in ihrer

Gesamtheit den `Stamm` bildeten. – Als der Amsterdamer-Chor das Schlusslied sang, bat mich mein

Vater, dies noch in holländischer Sprache zu wiederholen und allen deutlich zu machen, dass nicht der

Stammapostel, sondern die Apostel der `Stamm` seien. Ich fühlte dabei aber einen derartigen innerlichen

Widerspruch es zu tun, dass ich ihn bat, es nicht tun zu müssen – weil er es ja schon gesagt habe. Und es

wurde dann auch unterlassen“.26

 

23 Brief Ernst Güttingers an Stammapostel Bischoff und die Apostel vom 23. Juli 1948.

 

24

Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf Ernst Güttingers Zustimmung zu dem Satzungsentwurf des

Bezirksevangelisten Schmidt (der zu jener Zeit Kirchenvorstand war) im Saarland 1948, der ebenfalls auf eine

nahezu vollständige Entmachtung des Stammapostels hinauslief.

 

25

Brief Stammapostels Bischoff an Otto Güttinger vom 20. September 1948. Dass man letztlich nicht gegen ihn,

sondern gegen den Herrn kämpfte, wenn man das Stammapostelamt angreifen würde, äußerte Stammapostel

Bischoff gegenüber den Aposteln bereits Anfang 1946 in einem ausführlichen Schreiben (Brief Stammapostels

Bischoff an die Apostel und Bezirksvorsteher vom 10. April 1947, zuerst erschienen am 4. Januar 1946).

 

26

Brief Otto Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 26. August 1948. Vgl. auch den Gottesdienstbericht

(Schlussteil) in: Brot des Lebens. Nr. 22 vom 15. November 1948, 174-176, hier 174f. Siehe zu dieser

Thematik auch das abschätzige Urteil Stammapostels Bischoff in seinem Brief an die Apostel vom 13. Juni

1950: „Die Apostel sind nicht der Stamm. Sie sind nach Jesu Worten die Reben, die aus dem Stamm

hervorgehen. Die Apostel sind aus dem Stammapostel geboren.“ Und auch die Bemerkung Ernst Güttingers

während der Amtseinsetzung des Apostels Kamphuis („Du bist nicht aus dir hervorgegangen, sondern der Herr

Jesus in den Aposteln ist dein Sender (...). Bleibe unter unserer Hand, die wir noch weiter hier in Holland den

Bezirk bedienen und leiten (...)“, zitiert aus dem bereits erwähnten Gottesdienstbericht) kommentiert der

Stammapostel abschätzig: „Die Apostel können einen Mann zum Apostel vorschlagen; die Einsetzung

geschieht durch den Stammapostel oder durch einen von ihm beauftragten Apostel.“

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Energie Ernst Güttinger seine Vorbehalte

gegenüber dem Stammapostelamt nun auch in die Öffentlichkeit trug – und das

anlässlich einer Apostelordination.

 

Der Quellenbefund ergibt also eindeutig, dass Ernst Güttinger ab 1945/1946 gezielt damit

begann, seine Kraft und Energie systematisch gegen Stammapostel Bischoff und gegen das

Stammapostelamt zu wenden, um unabhängig vom Stammapostel und selbstbestimmt

„seinen“ Apostelbezirk in der Schweiz führen zu können mit der Option, völlige Selbstständigkeit

zu erlangen.

 

Anstrengungen dieser Art lassen sich bei Ernst Güttinger jedoch nicht nur in direkten

Attacken gegenüber dem Stammapostel und in Anträgen zur Nivellierung des Stammapostelamtes

im Sinne eines „primus inter pares“-Konzeptes beobachten, sondern auch auf

anderen Sachgebieten.

 

Ernst Güttinger produzierte z.B. massive Lehrabweichungen (hinsichtlich der Eschatologielehre:

die Sterne sind die künftigen Wohnungen der Gotteskinder, das Himmelreich ist

eine Demokratie, die erste Auferstehung dauert 1000 Jahre, das Sonnenweib – das von

zurückbleibenden Aposteln und anderen Amtsträgern versorgt wird -ist als höherwertiger

gegenüber dem Knäblein zu betrachten, die Errettung des Sonnenweibes findet mit

Flugzeugen statt; aber auch hinsichtlich des Tauf-und Erbsündenverständnisses oder des

Versiegelungsverständnisses: der Heilige Geist wird auch durch das Wort der Predigt

empfangen; hinsichtlich des Weissagungsverständnisses etc.) und begab sich somit in

Opposition zum Stammapostel Bischoff, der für sich beanspruchte, alleinige Lehrautorität

zu sein.

 

In diesem Sinne gelang es Ernst Güttinger insbesondere in der Nachkriegszeit auch eher

formal erscheinende Themen wie die Dienstaltersgrenze und die Regelung der Verlagsund

Presseangelegenheiten sowie die amtstheologisch brisante Fragestellung der Stammapostelnachfolger-

und Stammapostelhelferthematik zu instrumentalisieren, um auf

breiter Front die Stellung Stammapostels Bischoff und die Autorität dessen Amtes zu

untergraben und in Frage zu stellen.

 

Um seiner Strategie Nachhaltigkeit zu verleihen, versuchte Ernst Güttinger frühzeitig seinen

 

Einflussbereich auf andere Länder auszudehnen (Holland, Luxemburg, Deutschland /

Saarland, Frankreich, Österreich); sein Engagement im Saarland, in Luxemburg und

Holland scheiterte mit Blick auf die eigene Zielsetzung – für den dort entstanden Schaden in

den Gemeinden ist er im Wesentlichen (mit)verantwortlich.

 

Schließlich versuchte Ernst Güttinger im Sommer 1951 ein letztes Mal den Stammapostel zu

brüskieren, indem er im Sinne einer maßlos erscheinenden Vetternwirtschaft „sein“

Bezirksapostelamt ausschließlich seinem Sohn Otto Güttinger zukommen lassen wollte, was

jedoch ohne Erfolg blieb.

 

Es gibt Anhaltspunkte in den Quellen, die deutlich machen, dass Ernst Güttinger offensichtlich

versuchte Opfergelder zu veruntreuen; um größeren Schaden zu vermeiden,

strengte die NAK Schweiz diesbezüglich einen erfolgreichen Prozess an.

 

Sämtliche Aktionen Ernst Güttingers von 1945-1951 hätten nicht annähernd zu dem Ausmaß

an Irritationen in der Frage der Kirchenleitung beitragen können, wenn nicht Teile des

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Apostelkollegiums ihn wohlwollend hätten gewähren lassen bzw. ihn sogar

unterstützt und sich damit ebenfalls gegen den Stammapostel gestellt hätten.

 

Es ist jedoch – bei aller wahrnehmbaren inhaltlichen Nähe einiger Apostel mit

Güttinger in Teilbereichen – grundsätzlich festzuhalten, dass die Gesamtheit der

Apostel spätestens nach Überwindung der problematischen Zeit von 1948-1951 in der

Frage der Kirchenleitung, aber punktuell auch schon während des Konflikts (ablesbar

 

z.B. an ihrer Ablehnung des von Güttinger im Jahre 1948 favorisierten Rotationsprinzips

im Stammapostelamt), nicht gewillt war, das Stammapostelamt als kirchenleitendes

Amt in Frage zu stellen oder es gar abzuschaffen – dazu sahen sie sich

weder von der Geschichte ihrer Kirche noch von den biblischen und amtstheologischen

Begründungen dieses Amtes in der Lage. Güttinger war diesen Schritt

allein gegangen.

Es mutet schon merkwürdig an, wenn man sich vor diesem Hintergrund folgende Empörung

Güttingers gegenüber dem Stammapostel vor Augen führt:

 

„Nun wundere ich mich allerdings sehr, wie Sie oder jemand anders auf den Gedanken oder zu der

Annahme kommen konnte, es stimme bei mir etwas nicht und es bestände die Gefahr, ich würde

abschwenken (...) wer kann mich einer Irrlehre zeihen? Sie sagten, meine Frau sei im Traume erschienen

und hätte gesagt die Trennung sei beschlossen, oder bereitet. Lieber Stammapostel, von so etwas weiss

meine Seele nichts, es ist für mich unfassbar, woher solche Lügen, Verdrehungen und Verleumdungen

kommen.“27

 

Die Ergebnisse der Quellenauswertungen haben deutlich werden lassen, dass Ernst

Güttinger in hohem Maße Selbstständigkeitsbestrebungen und Eigenständigkeit vom

Stammapostel verfolgte, ja durch sein Verhalten und seine Sonderlehren sich geradezu in

Opposition zum Stammapostel verhielt. Insofern ist seine Verwunderung, wie er sie in

seinem Brief an den Stammapostel ausdrückte, als unaufrichtig zu charakterisieren.

 

Der sachliche Gehalt des Quellenbefunds, wie er sich uns heute darstellt, war im Kern

im Übrigen den damals Beteiligten bekannt; schon im Jahre 1949 konfrontierte Otto

Güttinger seinen Vater mit dem Vorwurf:

 

„Diese Freiheit [gemeint ist die Vertretung einer anderen Meinung als die des ranghöheren Amtsträgers]

erlaubst Du Dich auch dem Stammapostel gegenüber, und machst davon sehr ausgiebig Gebrauch; in

den Apostelversammlungen, denen ich beiwohnte, tratest Du geradezu als `Oppositionsführer`

auf“.28

 

27 Brief Ernst Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 25. Mai 1949.

28 Brief Otto Güttingers an Ernst Güttinger vom 26. August 1948. Hervorhebung durch Fettdruck von AG GNK.

 

 

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2. 3

Die Wahl Kuhlens zum Stammapostelhelfer und Nachfolger im

Stammapostelamt 1948

Oppositionelles Verhalten gegenüber dem Stammapostel wurde jedoch nicht nur von Ernst

Güttinger praktiziert.

 

Tradition und Geschichte des Stammapostelamtes seit 1897 belegen, dass das Stammapostelamt

das kirchenleitende Amt unserer Kirche ist. In der Apostelsatzung von 1922 ist

diese absolute Position des Stammapostels darüber hinaus sogar rechtsverbindlich festgeschrieben.

Zum alleinigen Aufgabenbereich des Stammapostels gehörte es – wenn er es

für nötig hielt –, sich einen Helfer zu erwählen bzw. seinen Nachfolger zu bestimmen und zu

ordinieren.

 

Bis zu seinem Tod finden sich beim Stammapostel Bischoff der Glaube und die Überzeugung,

dass der Herr ihm keinen Nachfolger gezeigt habe. Er lebte der Gewissheit, dass

er beauftragt sei, das Werk des Herrn zu vollenden.

 

Trotzdem ordinierte der Stammapostel am 1. August 1948 in Bielefeld den Bezirksapostel

Kuhlen zum Stammapostel, bestimmte ihn zu seinem Nachfolger und übertrug ihm das

Stammapostelhelferamt, obwohl er das nicht wollte und die ganze Handlung als ungöttlich

ansah.

 

Vier Tage vor dem Rücktritt Kuhlens vom Stammapostelamt und vom Stammapostelhelferamt

resümierte der Stammapostel Bischoff in einem Brief an die Apostel am 21.

November 1950 die für ihn wohl niederschmetterndste Erfahrung29 wie folgt:

 

„Schon in den Jahren vor und nach dem Krieg zeigte sich deutlich und klarer werdend das Streben

und Verlangen einzelner Apostel, einen Nachfolger für mich zu bestimmen. Jch habe zu keiner Zeit

einem solchen Streben zugestimmt und sah mich eines Tages plötzlich der Tatsache

gegenübergestellt, dass es durch geheime Zusammenkünfte hinter meinem Rücken gelungen war,

die Apostel in Europa zu beeinflussen, so dass es gegen meine ausdrücklichen Vorstellungen und

gegen meine ausdrücklichen Warnungen zu der Wahl des Stammapostelhelfers Kuhlen kam. Jch

stand in jener Zeit den Aposteln gegenüber allein und war gezwungen worden zu handeln. Den

einzigen, mir übrig gebliebenen Weg ging ich, indem ich die Handlung im Namen und Auftrag des

Apostelkollegiums vollzog, da ich sie im Namen und Auftrag des dreieinigen Gottes nicht

vollziehen konnte. Ich habe den Aposteln gegenüber stets zum Ausdruck gebracht und betone dies

heute nochmals, dass ich die ganzen Vorgänge niemals als göttlich anerkennen werde“.30

 

29

„Die letzten fünf Monate war die schwerste Zeit meines apostolischen Lebens. Der Herr wird weiterhelfen;

denn er wird sein Werk vollenden zu seiner Ehre und zu unserem Heil“, so Stammapostel Bischoff in einem

Brief an den von ihm sehr geschätzten Apostel Schneider sen. (Schweiz) vom 24. März 1948.

 

30

Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 21. November 1950.

Nur neun Tage später schrieb der Stammapostel den Aposteln am 30. November 1950 abermals zu dieser

Thematik -inzwischen war Kuhlen vom Helferamt zurückgetreten: „Ich erklärte den Aposteln (...), dass ich

in diesen Vorgängen nicht die Arbeit des Heiligen Geistes, sondern die Arbeit eines fremden Geistes

sehe (...) Die Apostel hatten gegen die göttliche Ordnung gehandelt, denn der Herr bestimmt den

zukünftigen Stammapostel (...) Außerdem stand das Vornehmen der Apostel im Widerspruch zu der

Satzung des Apostelkollegiums, wonach der Stammapostel das Recht hat, während seiner Amtsdauer

unter Zustimmung der Apostel einen Nachfolger oder Vertreter vorzuschlagen und auszusondern. Alle

von mir vorgebrachten Bedenken wurden im Unglauben und Ungehorsam abgewiesen und ignoriert.“

Und an einer anderen Stelle: „Trotz meiner (...) wiederholten Einsprüche haben mich die Apostel (...)

gezwungen, eine Wahl vorzunehmen (...) Das Schlimmste dabei war aber, dass die Apostel auch den

lieben Gott beiseite setzten (...)“ (Stammapostel Bischoff: Bericht ‚Wie Kuhlen Stammapostelhelfer wurde’,

o.D., o.O., S.2).

Diese Zitate reflektieren die Ereignisse aus einem zeitlichen Abstand von ca. 2 ½ Jahren. Wie sehr den

Stammapostel das Verhalten der Apostel seinerzeit belastete, schildern unabhängig voneinander die Apostel

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Die Quellen aus dieser Zeit machen deutlich, dass Kuhlen der Initiator dieser Vorgänge

war (die in das Jahr 1946 zurückreichen), und er die Apostel für seine

Bestrebungen, Stammapostelhelfer und Nachfolger des Stammapostels zu werden,

instrumentalisierte.

 

Am 21. Mai 1948 wurde Kuhlen während einer Apostelversammlung also gegen den

Wunsch des Stammapostels von den Aposteln zum Stammapostelnachfolger und –helfer

gewählt.

 

Der Stammapostel hatte die Wahl grundsätzlich als ungöttlich angesehen – zumal die Wahl

Kuhlens erst im zweiten Wahlgang Einstimmigkeit hergestellt hatte. Rückblickend auf diese

Zeit fasste der Stammapostel seine Empfindungen so zusammen:

 

„Die Wahl des Apostels Kuhlen zum Helfer geschah ohne Gottes Willen. Dafür gibt es kein

Gegenstück im Werke Gottes. Ich mußte vorübergehend stille sein. Alle Apostel in Europa waren

gegen mich. (...) Das Recht, einen Stammapostelhelfer zu bestimmen, stand mir alleine zu“.31

 

Ohne jegliches Unrechtsbewusstsein stellte Kuhlen die Autorität des Stammapostels in

Frage. Trotz der Ablehnung durch den Stammapostel hielt er unbeirrt an seinem Ziel fest

und sah sich durch die Wahl des Apostelkollegiums in seinem Amt hinreichend legitimiert.

Machtstreben und Ehrgeiz waren die Motive seines Verhaltens, sein strategisches und

rhetorisches Geschick verhalfen ihm zum Erfolg.

 

Auch bei den Aposteln, besonders bei denen eines engeren Kreises um Kuhlen, stellen wir

ein erhebliches Fehlverhalten fest: Sie agierten hinter dem Rücken des Stammapostels und

respektierten nicht dessen ablehnende Haltung in der Frage der Nachfolgeregelung. Sie

setzten sich gegen den erklärten Widerstand des Stammapostels und gegen die Richtlinien

der Satzung durch.

 

Es würde ihrem Verhalten nicht gerecht, wenn wir sie lediglich als Mitläufer Kuhlens und als

dessen verführte Opfer betrachteten. Einige Apostel haben offensichtlich nach dem

Krieg den Führungsauftrag des Stammapostels nicht mehr vollständig akzeptiert und

diesem die in ihren Augen legitime Mitverantwortung und damit Mitentscheidung im

Werke Gottes gegenübergestellt. Trotz dieser Feststellungen wollen wir ihnen die grundsätzlich

aufrichtige Sorge32 um den Fortbestand des Werkes Gottes nicht absprechen.

 

Schmidt und Kuhlen: Der Stammapostel solle sehr stark erschüttert gewesen sein und heftig geweint

haben, sodass die Apostel Buchner, Hartmann, Ludwig und Schall, die die Dokumente dem Stammapostel

übergeben hatten, ihre Unterschriften zunächst zurückgezogen haben.

 

31 Stammapostel Bischoff, in: Besprechung zwischen dem Stammapostel und Apostel O. Güttinger am Freitag,

 

20. November 1953, 14.30 Uhr in Frankfurt a.M. Niederschrift des wichtigsten Inhalts der Besprechung.

Stenographiert von Bischof Weine, 1-5, hier 1; Hervorhebung durch Fettdruck von AG GNK.

Das Recht, einen Stammapostelhelfer zu bestimmen, hatte in der Tat gemäß der damals gültigen

Apostelsatzung von 1922 nur der Stammapostel. Offensichtlich konnte er dem Druck – der ja für ihn

unerwartet kam – nicht standhalten; eine Verweigerungshaltung hätte einen Eklat und unabsehbare Folgen

nach sich gezogen, und genau deshalb unternahmen ja die Apostel unter Federführung Kuhlens dieses

überraschende Unternehmen.

32

Die im Übrigen -bei allen amtstheologischen Vorbehalten -der Stammapostel im gewissen Sinne verstehen

konnte, denn am 18. Februar 1948 schreibt er Apostel Schneider sen. (Schweiz): „In diesem Schriftsatz teilten

mir die Apostel mit, daß sie den Apostel Kuhlen als meinen Nachfolger erwählt haben. Ich kann die Apostel in

dieser Hinsicht verstehen; denn mit vollendetem 77. Lebensjahr ist man kein Jüngling mehr. In diesem Alter ist

man dem Tag, an dem einem der Herr Feierabend machen heißt, näher, als wenn man 40 oder 50 Jahre alt

ist.“

 

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Anders als die Apostel macht der Stammapostel sich hinsichtlich der Nachfolge im Stammapostelamt

keine Sorgen um die Zukunft des Werkes Gottes. Das wird auch in den

folgenden Worten deutlich:

 

„(...) der Herr bestimmt den zukünftigen Stammapostel. Er hat stets zur rechten Zeit den Mann gezeigt,

den er zur Führung seines Werkes ausersehen hat.“ (Brief des Stammapostels an die Apostel vom 30.

November 1950).

 

Der Stammapostel war überzeugt von den Worten des Psalmisten: „Wo der Herr nicht das

Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen“ (Ps. 127,1).

 

Aus diesem Grund war ihm auch klar, dass das Verhalten der Apostel nicht von dem Segen

Gottes begleitet werden konnte. Diese hatten nicht nach dem Willen Gottes gefragt, sondern

aus Vernunftgründen eine Regelung der Nachfolge in Gang gesetzt. Vielleicht könnte man

so weit gehen, zu behaupten, die Apostel haben die Frage der zukünftigen Führung im

Werk Gottes zu einer Frage der Organisation, der vernunftgesteuerten Regelung von

Führung, gemacht.

 

Der Stammapostel war gewiss nicht nur wegen des konspirativen Vorgehens der Apostel

enttäuscht, nicht nur wegen der Missachtung seiner Amtsautorität in dieser Frage, sondern

auch wegen der mangelnden Erkenntnis einiger Apostel in göttliches Walten und göttliche

Vorsehung.

 

Hätten die Apostel nicht gegen den Stammapostel konspiriert und ihn nicht mit vollendeten Tatsachen

konfrontiert, sondern hätten sie sich offenherzig und in aufrichtigem Dialog mit ihrem Anliegen der

Nachfolgerregelung dem Stammapostel zugewandt, dann wäre wohl zumindest eine Zuspitzung des Konflikts

im Apostelkreis vermieden worden. Davon zeugt eine Äußerung des Stammapostels, die er wiederum

gegenüber dem Apostel Schneider sen. in einem Brief vom 24. März 1948 gemacht hat: „Nun war gestern

Apostel Schmidt hier. Er ist zwar im Amte der jüngste Apostel, aber ein sehr ruhiger, sachlicher Mann. Ich

habe ihm erst meine Stellung in klaren Ausführungen zur Kenntnis gebracht, und dann hat auch er mir in

ruhiger Weise die Stellung der Apostel geschildert, was natürlich ein anderes Bild ergab, wie mir dies

bisher nur in Bruchstücken zur Kenntnis gekommen war. Ich werde nun am 17. April [1948] nach

Düsseldorf fahren und dort mit den Aposteln Lembke, Kuhlen, Knigge, Weinmann und Schmidt nochmals die

ganze Sache besprechen.“

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

2. 4

Ein neues Modell von Kirchenleitung: Die Apostelstatuten

vom 1. Januar 1950 – die Installierung des

Kollegialitätsprinzips

Als Ergebnis eines längeren Prozesses (seit Sommer 1948) treten die „Statuten des Apostelkollegiums

der Neuapostolischen Kirche“ am 1. Januar 1950 in Kraft. Der Stammapostel und

alle Apostel der Erde haben dieses Dokument unterschrieben.

 

Diese Statuten bringen im Kern – zum ersten Mal in der Geschichte der Neuapostolischen

Kirche seit Bestehen des Stammapostelamtes – ein neues Modell von Kirchenleitung

zum Ausdruck. Während es bisher das Stammapostelamt war, das die Kirche

leitete, sollte nun nach dem Kollegialitätsprinzip die Summe aller Apostel in den

Apostelversammlungen die Geschicke der Kirche leiten.

 

Zwar wurde der Stammapostel „als Haupt der Kirche“ noch immer als „Hauptleiter“

bezeichnet (§ 3), doch lassen wesentliche Änderungen und Ergänzungen der neuen

Statuten ein neues Bild von Kirchenleitung erkennen:

 

•

Der Stammapostel wird nicht mehr auf Lebenszeit sein Amt ausführen und ist wie

jedes Mitglied abrufbar (§ 4).

•

Das Vorschlagsrecht für Apostelberufungen steht nun jedem Mitglied des Apostelkollegiums

zu (§ 3).

•

Das Gelöbnis eines neuordinierten Apostels musste „vor Gott, dem Stammapostel

und dem Apostelkollegium“ abgelegt werden und er hatte seinen Dienst gemäß den

Bestimmungen dieser neuen Statuten auszuführen, womit eine Anbindung an das

Apostelkollegium und nicht direkt an das Stammapostelamt verbunden war (§ 3).

•

Apostelversammlungen musste der Stammapostel künftig bereits auch dann

einberufen, wenn wenigstens 50% -und nicht wie bisher 75% -der Apostel dies

wünschten. Eine Beschlussfähigkeit konnte jetzt ebenfalls mit einer geringeren

Prozentzahl als vorher hergestellt werden.

•

Der Stammapostel wird nicht mehr von seinem Vorgänger bestimmt, sondern von

den Aposteln gewählt.

•

Das Vorschlagsrecht für die Wahl eines Stammapostelnachfolgers und –helfers liegt

nun nicht mehr allein beim Stammapostel, sondern bei allen Aposteln (§ 6).

•

Ein zu Lebzeiten eines Stammapostels einmal gewählter Stammapostelnachfolger

tritt ohne weitere Wahl – wie dies jedoch in der Satzung von 1922 noch vorgesehen

war – das Amt des Stammapostels an (§ 6). (Dies war ein für Kuhlen sehr wichtiger

Aspekt, da er mit Inkrafttreten dieser Statuten am 1. Januar 1950 noch immer Nachfolger

im Stammapostelamt war und somit seine Position als künftiger Stammapostel

als unantastbar ansehen durfte!)

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

•

Abänderungen oder Ergänzungen der neuen Statuten bedurften der Zustimmung des

Apostelkollegiums und nicht allein des Stammapostels (§ 11).

•

Bei Meinungsverschiedenheiten über die Auslegung der Statuten entscheidet die

Apostelversammlung und nicht der Stammapostel allein (§ 12).

Noch vor Inkrafttreten dieser neuen Apostelstatuten erscheinen bis Ende 1949 in der

neuapostolischen Presse Artikel, die die absolute Position des Stammapostelamtes betonen.

Diese Form von Willensbildung bleibt jedoch erfolglos. Es bleibt deshalb festzuhalten, dass

im Apostelkreis um 1950 (aber nicht bei den Kirchenmitgliedern) für eine solche die Exklusivität

des Stammapostelamtes betonende Sichtweise zu jener Zeit keine Mehrheit vorhanden

war.

 

Anders ausgedrückt – da wir über Zahl und personelle Stärke der verschiedenen Fraktionen

und Meinungsführer zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu wenig wissen –, es

scheint im Apostelkreis dominierende Kräfte gegeben zu haben, die es vermochten,

die traditionelle Position des Stammapostelamtes in Frage zu stellen, um die Frage

der Kirchenleitung neu zu regeln. Ausdruck und Erfolg eines solchen Bestrebens sind

dann die Statuten von 1950.

 

Im Sommer 1951 scheint sich das Blatt gewendet zu haben.

 

Am 6. August 1951 treten neue Apostelstatuten (siehe Kapitel 3.3) mit einem wiederhergestellten

exklusiven Verständnis vom Stammapostelamt in Kraft.

 

Resümierend auf die zurückliegende Zeit schreibt der Stammapostel den Aposteln am 14.

Juli 1951:

 

„Die in den letzten Jahren durchlebten unguten Verhältnisse im Werke Gottes haben mich anhand

vielseitiger Erfahrungen erkennen lassen, dass die Ursache zu all dem vielen Leid darin liegt, dass

man im Kreis der Apostel die Grundsätze der Theokratie (Gottesherrschaft) verlassen hat und die

kirchliche Führung nach demokratischen Grundsätzen ausgeübt wissen wollte.

 

Damit unliebsame Vorkommnisse wie in der Vergangenheit künftighin vermieden werden, ergab

sich die Notwendigkeit, die Statuten des Apostelkollegiums vom 1. Januar 1950 grundlegend zu

ändern. Ein neuer Entwurf der Statuten geht Ihnen hiermit zu mit der Bitte, denselben genau

durchzusehen und evtl. Änderungsvorschläge oder Ergänzungen mir bis spätestens 23. Juli

zukommen zu lassen“.33

 

33 Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 14. Juli 1951. Hervorhebung durch Fettdruck von AG GNK.

Siehe auch den bereits am 20. März 1951 verfassten Brief Stammapostels Bischoff an den Bezirksältesten

Keller (Schweiz): „Nun will ich Ihnen noch etwas ganz besonderes zusenden. Anbei 2 vervielfältigte Schreiben.

Lesen Sie bitte erst die Abschrift des anonymen Briefes und dann mein Schreiben vom 16.3.51 an die Apostel.

Da werden Sie staunen, was die Geister gegenwärtig hinter meinem Rücken hervorbringen, um den

Stammapostel allmählich zu beseitigen. Es liegt ja im Zuge der Zeit: Erst wurden Kaiser und Könige

weggefegt, damit sich das Wort des Herrn erfüllte: Laodicea (d.i. Volksherrschaft). Dieser Geist ist nun auch

bemüht, die Autorität des Stammapostels zu beseitigen. Wenn dieser Geist das erreichen würde, so wäre das

Werk Gottes am Ende. Die Lebensgemeinschaft mit Christo ist keine Autokratie (Diktatur), auch keine

Demokratie (Volksherrschaft), sondern Theokratie (Gottesherrschaft)“ (S. 2). Hervorhebungen durch

Kursivdruck von AG GNK.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Die enge Terminierung zeigt, dass der Stammapostel keinen Aufschub duldet. Und tatsächlich

treten die neuen Statuten am 6. August 1951 in Kraft. Offensichtlich hatten sich die

Kräfteverhältnisse im Apostelkreis zugunsten des Stammapostels derart verschoben, dass

eine Debatte über ein so überaus wichtiges Dokument nicht mehr stattgefunden zu haben

scheint.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

3. Die Beendigung des Konflikts um die Kirchenleitung

(1950 – 1955)

3. 1 Neue Apostelrufungen seit 1950

Im Jahr 1950 wurden neue Männer in das Apostelamt berufen: Apostel G. Rockenfelder (im

Februar), Apostel Volz (im April) und Apostel Hahn (im September). Diese Apostel verstanden

sich als treue Nachfolger des Stammapostels. Auf sie hat Kuhlen keinen Einfluss ausüben

können.

 

Dann ergab sich, dass die Apostel Schmidt und Weinmann, die 1948 noch zu dem Kreis der

den Stammapostelhelfer Kuhlen unterstützenden Apostel gehörten, eine Änderung ihrer

Position vorgenommen hatten, nicht zuletzt weil Kuhlens bestimmende und wenig einfühlsame

Art sie brüskiert hatte.

 

Die Motive der Apostel lassen sich im Wesentlichen reduzieren auf die Ablehnung seiner

Person und seines Auftretens, auf die Einschätzung der Funktion, die Kuhlen ausübte,

nämlich mehr Vertreter als Helfer des Stammapostels zu sein, und auch in der Besorgnis,

dass ihre Eigenständigkeit in ihren Apostelbezirken eingeschränkt würde. Im Kern aber

empfanden sie, dass Kuhlen herrschen und nicht dienen wollte.34

 

34

Bezirksapostel Weinmann stellt in seinem Bericht („Wie Kuhlen Stammapostelhelfer wurde“. 1952) fest, dass

er seit längerem eine Kluft zwischen sich und Kuhlen empfunden habe und zeigt die Entwicklung auf, die zum

Bruch mit Kuhlen führte:

„Ich habe [mir] auch Gedanken gemacht darüber, woher wohl diese wachsende Antipathie kommen mochte,

nachdem man mich früher doch so sehr umworben hatte. (...) Nach dem Abendbrot im Atlantik-Hotel [während

der Baubesichtigungsreise im April 1950] wurden vom Aeltesten Schmohl [er diente unter Kuhlen im Bezirk

Düsseldorf] Zigarren angeboten, jedoch rauchte keiner von uns. Schnell kam nun das beliebte Thema der

Polemisierung unserer (...) Nichtraucher-Aktion in Gang [mit dieser Aktion wollte der Apostel Weinmann in der

Nachkriegszeit u.a. den Wiederaufbau der zerstörten Kirchen finanzieren]. Es wurde vom „Helfer“ Kuhlen und

Aeltesten Schmohl alles höchst lächerlich hingestellt. (...) Es war ein furchtbarer Abend. (...) Ich persönlich

wurde von den beiden Herren auf das schändlichste diffamiert, alles was ich sagte, wurde mit brüllendem

Hohngelächter beantwortet, (...) man hat mich regelrecht zwei Stunden lang intensiv gereizt (...).“

Und an einer anderen Stelle dieses Berichts schreibt Bezirksapostel Weinmann über den Pfingst Sonntag

abend:

„(...) ich selbst wurde vor den Geschwistern so lächerlich gemacht (...), dass man vermuten konnte, (...) ich

verkündigte eine tote und fade Lehre. Nach einer Stunde Klingenkreuzens mit dem sauberen `Helfer` Kuhlen

und dessen noch saubereren Helfer Schmohl (...) stand ich auf und sagte zu den Anwesenden: `Ihr lieben

Geschwister, alles, was hier vom Helfer und von Schmohl gesagt wurde, ist nicht (...) nach dem Willen unseres

Stammapostels (...)`. Ich zitterte vor Erregung, denn auf solche Weise das Gastrecht zu missbrauchen, das

würde keinem Wilden einfallen (...). Für mich war der Mann fortan kein `Helfer` mehr, sondern ich bewertete

ihn als (...) einen schlimmen Fuchs im Weinberg, der denselben verdirbt (...) Ich habe den Stammapostel

gebeten, mir den Mann niemals mehr in den Bezirk zu schicken. (...) Endlich war nun der Bann gebrochen und

ich konnte nun ohne Scheu über diese heiklen Dinge zum Stammapostel sprechen.“

Mit der Abwendung von Kuhlen erfolgte bei Bezirksapostel Weinmann eine verstärkte Zuwendung zum

Stammapostel.

Eine ähnliche Entwicklung stellen wir bei Apostel Schmidt (Bericht vom 8. September 1952, S. 3f.) fest. Er

berichtet:

„Sein Ziel [die Einsetzung als Stammapostelhelfer] war nun erreicht, aber es begann ein Abschnitt, in dem die

Apostel über ihr Handeln [die Wahl zum Stammapostelhelfer] eines anderen belehrt wurden. (...) Ich empfand

immer mehr, dass Apostel Kuhlen als Organisator befähigt sei, seine Gottesdienste und seine seelsorgerische

Tätigkeit aber mehr einer Evangelisation gleichzustellen seien. (...) Inzwischen entwickelten sich die

Verhältnisse in der Schweiz und im Saarland (...) man konnte beobachten, wie Apostel Ernst Güttinger und

sein Sohn Otto Güttinger starken Einfluss auf Apostel Kuhlen ausübten. Dieser Einfluß wurde auch auf Apostel

Kamphuis übertragen (...). Als wir im Juni 1950 mit dem Stammapostel und den anderen Aposteln von Holland

 

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Gegen Ende des Jahres 1950 hatte sich die Zahl der Apostel, die Kuhlen unterstützten, bis

auf wenige reduziert: Ernst und Otto Güttinger (Schweiz), Kamphuis (Holland) und Dehmel

(Rheinland/Deutschland). Unstrittig wird damit deutlich, dass der Apostelkreis keine Einheit

bildete.

 

Am 5. August 1951 ordinierte der Stammapostel zudem acht weitere Apostel, die ihm treu

zur Seite standen: die Bezirksapostel Eschmann (Schweiz), Dauber (Frankreich und Saarland)

und Tan Bian Sing (Indonesien) sowie die Apostel Friedrich Bischoff (Frankfurt a.M.),

Schiwy (Herne), Hermann Schumacher (Bremen), Tiedt (Berlin) und Wintermantel

(Pforzheim).

 

So hatten sich die Verhältnisse innerhalb des Apostelkreises zugunsten des Stammapostels

seit Sommer 1950 (langsam beginnend) bis August 1951 wesentlich

verändert.

 

3. 2

Rücktritt Kuhlens vom Stammapostelamt und -helferamt

(November 1950)

Die Zeit Kuhlens als Stammapostelhelfer ist gekennzeichnet von drei Faktoren, die auch als

die entscheidende Ursache für seinen Rücktritt gesehen werden können:

 

•

Mangelnde Kommunikation zwischen Kuhlen und dem Stammapostel,

•

Aktivitäten Kuhlens, die von vielen Aposteln als ein sie in ihrer Kompetenz

beschneidendes persönliches Machtstreben verstanden wurde,

•

und schließlich das von Stammapostel Bischoff vertretene theologische Argument,

Kuhlen sei nicht von Gott zu diesem Amt erwählt gewesen.

Das Stammapostelhelferamt war, ausgehend von den Satzungen und einschlägigen

schriftlichen Verlautbarungen, wenig präzis beschrieben. Die inhaltliche Füllung dieser

hervorgehobenen Aufgabe hätte in klaren Absprachen zwischen dem Stammapostel und

dem Helfer vorgenommen werden können. Das geschah offensichtlich nicht. Erst relativ spät

 

– als Reaktion auf Entwicklungen – umriss der Stammapostel die Aufgabe des Helfers.

Folgende Tätigkeitsschwerpunkte Kuhlens lassen sich aus den Quellen ableiten:

 

Kuhlen hatte den Auftrag, die Satzungen zu aktualisieren. Es ist aus den Quellen nicht klar

erkennbar, welchen Einfluss er auf die jeweiligen Entwürfe und Beschlüsse hatte. Die

verabschiedete Fassung vom 1. Januar 1950 scheint mehr ein Produkt der individuellen

 

zurückkehrten, hat mich Apostel Kuhlen verärgert am Nachmittag in Düsseldorf auf der Straße stehen lassen,

weil ich es konsequent ablehnte, am Abend an einem Gottesdienste teilzunehmen, in dem Apostel Ernst

Güttinger zugegen sein würde (...).“

Apostel Weinmann schreibt, dass er auf der Hollandreise vom 15.-20.Juni 1950 Apostel Schmidt näher

gekommen sei: „Ich habe mich gefreut, dass Apostel Schmidt ebenso dachte, wie ich. Wir hatten das ewige

Intrigenspiel satt und nahmen uns vor, zusammen-und zum Stammapostel zu halten.“

 

 

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Vorstellungen der Apostel im Sinne eines Kompromisses zu sein, als dass sie seine

Handschrift trüge.

 

Am 7. Februar 1950 erhielt der Stammapostelhelfer Kuhlen von der Apostelversammlung

den Auftrag, die Glaubensartikel einer Prüfung zu unterziehen. Nach von ihm zögerlich

vorgestellten Ergebnissen – die Apostelversammlung stellte die Änderungsinitiative am 3.

Juli 1950 zurück – wurde ihm vom Stammapostel die Aufgabe aus den Händen genommen

und dem Bezirksältesten Friedrich Bischoff übertragen.

 

Auch das Lehrbuch „Fragen und Antworten“ sollte von Kuhlen überarbeitet werden. Ein entsprechender

Entwurf blieb Anfang Juli 1950 unbeachtet, und der Auftrag wurde vom Stammapostel

wiederum in die Hände seines Sohnes gelegt.35

 

Neben diesen mehr konzeptionellen Arbeiten Kuhlens oblag ihm – zumindest war dieses

seinem Selbstverständnis entsprechend – die Gestaltung einiger bezirksübergreifender

Aktionen. Sein organisatorisches Geschick kollidierte bisweilen mit der auf Eigenständigkeit

ausgerichteten Vorgehensweise einzelner Bezirksapostel.

 

In der Zeit der Tätigkeit Kuhlens als Stammapostelhelfer fiel unter anderem die offene Opposition

des Bezirksapostels Ernst Güttinger aus der Schweiz gegenüber dem Stammapostel

Bischoff. Die Konflikte bezogen sich auf Lehraussagen, auf die Festlegung der Dienstaltersgrenze,

auf das Verlags-und Pressewesen und speziell auf die Einschätzung der Stellung

des Stammapostelamtes.

 

Die Auswertung der Quellen ergibt, dass Kuhlen es nicht als notwendig angesehen

hat, Ernst Güttinger in seine Grenzen zu weisen und den Stammapostel zu stützen.

 

Als Stammapostelhelfer bemühte sich Kuhlen des Weiteren um die Beilegung der Konflikte,

die in Holland und im Saarland entstanden waren. Dabei vertrat er in seiner Vorgehensweise

nicht von vornherein die Position des Stammapostels, sondern bemühte sich –

im Sinne einer Mediation – um den Ausgleich unter den beteiligten Parteien. Weder

gelang ihm eine zutreffende Analyse der jeweiligen Konfliktsituation, noch erwog er

selbstkritisch Möglichkeiten und Grenzen des Einflusses seiner Person.

 

Insgesamt offenbaren die Quellen, dass Kuhlen mehr um unterstützenden Kontakt zu den

Aposteln bemüht war als um die Übereinstimmung bewirkende Feinabstimmung mit dem

Stammapostel. Dieser brachte im August 1950 sein Missfallen darüber zum Ausdruck, dass

Kuhlen sich als Mittler zwischen die Apostel und den Stammapostel geschaltet hatte. Er

signalisierte, dass Kuhlen seine Kompetenzen überschritten habe.

 

Nach anfänglicher Unterstützung durch die Apostel im August 1948 anlässlich der Wahl zum

Stammapostelhelfer hatte sich Ende des Jahres 1950 die Zahl der Apostel, die noch hinter

Kuhlen standen, bis auf wenige reduziert. (Die Motive der Apostel für eine Ablehnung

Kuhlens wurden bereits im vorigen Kapitel genannt.)

 

35

Das Verhältnis zwischen Friedrich Bischoff und Kuhlen kann als Konkurrenzverhältnis mit feindlichen Zügen

charakterisiert werden. Die nachweisbare Option Kuhlens, über den Verlag zu verfügen, bot ebenso

Konfliktstoff wie die Tatsache, dass Kuhlen Mitte des Jahres 1953 viele Gemeinden aus seinem Apostelbezirk

an den neugegründeten Apostelbezirk Mainz abgeben musste – und diesem neuen Apostelbezirk stand der

neuordinierte Friedrich Bischoff als Bezirksapostel vor.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Damit war seine Stellung als Stammapostelhelfer jedoch fragwürdig geworden, denn

das Apostelkollegium, das ihn gewählt und legitimiert hatte, hatte sich inzwischen

mehrheitlich von ihm abgewandt.

 

Im Verlauf des Jahres 1950 erschienen in der neuapostolischen Presse einige Artikel, die als

Angriff auf die Position und Legitimation des Helfers Kuhlen verstanden werden können.

Initiatoren waren im Wesentlichen Apostel Rockenfelder und Friedrich Bischoff. Die Intention

war die Stärkung der Stellung des Stammapostels, und es spricht etliches dafür, dass dieses

Vorgehen eine Strategie war.

 

Als durch den Anlass einer problematischen Publikation in dem Kalender „Unsere Familie“

1951 – sie wurde den Aposteln im November 1950 bekannt – die grundsätzliche Frage der

Legitimation des Stammapostelhelferamtes aufgeworfen und indirekt damit die Stellung

Kuhlens hinterfragt wurde, musste Kuhlen mit einer etwaigen Abwahl durch das

Apostelkollegium rechnen. Dieser Gefahr begegnete er mit seinem Rücktritt am 25.

November 1950, nicht zuletzt auch mit der Absicht, seine Position als Bezirksapostel

zu halten.

 

Es ist anzunehmen, dass der Stammapostel Bischoff zu der Überzeugung gelangt war, dass

eine Abberufung bzw. Abwahl Kuhlens in Übereinstimmung mit Gottes Willen stehe, eben

weil dessen Berufung nicht göttlich war.

 

Die Konflikte im Apostelkollegium waren mit Kuhlens Demission nicht beendet, vielmehr

setzten sie sich fort. In den Folgemonaten zeigte sich allerdings eine deutliche Tendenz zur

Stabilisierung der Stellung des Stammapostels, die besonders in den neuen Apostelstatuten

von 1951 ihren Niederschlag fand.

 

Kuhlen scheiterte als Stammapostelhelfer, weil es ihm nicht gelang, das Vertrauen des

Stammapostels zu erlangen. Sein Handeln im Amt hinterließ den Eindruck, dass er sich

weniger dienend einbrachte,36 sondern dass er populistisch, opportunistisch und

machtorientiert agierte. Dass er grundsätzlich dem Werk Gottes nützen wollte, wird damit

nicht in Frage gestellt. Reaktionen des Stammapostels und aus dem Kreis der Apostel und

des Verlags führten dazu, dass er zunehmend mehr isoliert wurde. Als er zurücktrat, fühlte er

sich zutiefst gedemütigt und als Opfer. Das allerdings ist dem offiziellen Wortlaut über seine

Entscheidung zurückzutreten nicht zu entnehmen. Es heißt in der von ihm selbst verfassten

Verlautbarung, dass er sich der Schwere der zukünftigen Aufgabe eines Stammapostels

nicht gewachsen fühle.

 

36

Zum Umgang Kuhlens mit der aus seinem Amt als Stammapostelhelfer resultierenden Macht, die zunehmend

von immer mehr Aposteln – je länger Kuhlen als Helfer tätig war – als Machtmissbrauch wahrgenommen

wurde, siehe die Ausführungen und Beispiele im vorigen Kapitel; die Beispiele dort werden durch etliche

weitere Quellen gestützt.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

3. 3

Die neuen Apostelstatuten vom 6. August 1951 – das wiederhergestellte

exklusive Verständnis vom Stammapostelamt

Im Sommer 1951 haben sich die Machtverhältnisse im Apostelkreis zugunsten des

Stammapostels verschoben (vgl. hierzu Kap. 3.1 dieser Ausarbeitung).

 

Dies findet seinen Niederschlag in den neuen internationalen Apostelstatuten vom 6. August

1951, die die erst am 1. Januar 1950 verabschiedeten Apostelstatuten ablösen.

 

Zwei Themen rücken bei den neuen Apostelstatuten von 1951 in den Mittelpunkt:

 

•

ein exklusives Kirchenverständnis37 und

•

ein exklusives Amtsverständnis vom Stammapostelamt als dem allein kirchenleitenden

Amt.38

Zusammenfassend kann festgehalten werden:

 

Die Apostelstatuten 1951 sind eine Antwort auf die Konflikte der neuapostolischen Kirchenleitung

in den Jahren 1948 bis 1951. Sie sind der Versuch des Stammapostels und der

offensichtlich überwiegenden Mehrheit der Apostel, „die in den letzten Jahren durchlebten

unguten Verhältnisse im Werke Gottes“, deren Ursache „zu all dem vielen Leid darin liegt,

dass man im Kreis der Apostel die Grundsätze der Theokratie (Gottesherrschaft) verlassen

hat und die kirchliche Führung nach demokratischen Grundsätzen ausgeübt wissen wollte“,39

zu überwinden, indem man mit Hilfe der neuen rechtsrelevanten Apostelstatuten 1951 das

traditionelle Modell von Kirchenleitung – das das Stammapostelamt und nicht das Apostelkollegium

als kirchenleitendes Amt bzw. Organ definierte – wieder installierte.

 

Stammapostel Bischoff sah in der „grundlegenden“ Neufassung der Apostelstatuten 1951

eine „Notwendigkeit“, damit „unliebsame Vorkommnisse wie in der Vergangenheit künftighin

vermieden werden“.40

 

37

„Die Neuapostolische Kirche ist die Kirche Jesu Christi, sie ist sein einziges Gnaden-und Erlösungswerk auf

der Erde, ist von ihm selbst gegründet und wird von seinem Heiligen Geiste regiert und geführt. Die

Neuapostolische Kirche ist kein Abbild und keine Nachahmung der ersten apostolischen Kirche, die Jesus

persönlich unter die Leitung des Petrus und seiner Mitapostel stellte, sie ist als das wiederaufgerichtete

Erlösungswerk unseres Gottes im geistigen Sinn die direkte und unmittelbare Fortsetzung der ersten

apostolischen Kirche, mit der sie die alleinige Kirche Christi bildet und Gottes Volk ist.“ (Einleitung, S. 1).

 

38

„Auf Grund dieses Glaubens ist der Stammapostel als das sichtbare Haupt der Kirche in allen Angelegenheiten

oberste Instanz. Da er von allen Mitgliedern der Neuapostolischen Kirche als der Repräsentant des Herrn auf

der Erde angesehen wird und er sich selbst stets als Gehilfe des Glaubens seiner Brüder und Geschwister

weiß, ist in seiner einzigartigen Stellung kein Keim autoritärer Herrschaft über die Kirche zu sehen (...).“

(Einleitung, S. 1).

 

39 Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 14. Juli 1951.

 

40 Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 14. Juli 1951.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

3. 4

Kirchenausschlüsse: Ernst und Otto Güttinger (1954) und

Kuhlen (1955)

Zur Beendigung der Probleme um die Kirchenleitung trugen die Kirchenausschlüsse der

Schweizer Apostel Ernst und Otto Güttinger sowie des Düsseldorfer Bezirksapostels Kuhlen

bei.

 

Ernst und Otto Güttinger (1954)

 

Als erster von den in der Überschrift Genannten wurde Otto Güttinger aus der Kirche

ausgeschlossen, und zwar am 15. Juli 1954.

 

Es heißt, er habe mit dem Stammapostel Bischoff (autokratischer Führungsstil) und

insbesondere mit dessen Botschaft (keine göttliche Offenbarung, nicht biblisch) derartige

Probleme gehabt, dass er dies mit seinem Gewissen nicht habe vereinbaren

können, und dass er sich deshalb zu Stammapostel Bischoff in Opposition begeben

habe, die ihm dann schließlich den Kirchenausschluss einbrachte.

 

Ursache von Amtsenthebung und Kirchenausschluss Otto Güttingers sei also dessen

Botschaftsungläubigkeit, so die Kritiker unserer Kirche.

 

Welche Informationen bieten die zeitgenössischen Quellen zu diesen Thesen?

 

Zunächst einmal offenbaren die Quellen ein geradezu krankhaftes Streben Otto

Güttingers nach dem Bezirksapostelamt für die Schweiz.

 

Spätestens seit 1942 plante Ernst Güttinger mit seinem Sohn Otto als Nachfolger im Bezirksapostelamt

für die Schweiz.

 

Als Ernst Güttinger 1951 in den Ruhestand treten musste, waren außer ihm nur noch Rudolf

Schneider sen. und Otto Güttinger als Apostel in der Schweiz tätig. Da mit Ernst Güttinger

auch Apostel Schneider sen. altersbedingt in den Ruhestand treten sollte, kam – so schien

es – nur Otto Güttinger für die Nachfolge im Bezirksapostelamt in Frage. Dies war von allen,

insbesondere von Otto Güttinger auch so erwartet – zumal der Stammapostel anfangs ihm

Aussichten auf die Nachfolge als Bezirksapostel gemacht hatte.

 

Nachdem die Wahl jedoch auf den rangniedrigeren Bischof Eschmann fiel, war Otto

Güttinger „sehr niedergeschlagen“.

 

Von Stammapostel Bischoff erfahren wir:

 

„Als Ap. Schall im Beisein von Ap. Ludwig und Volz dem Ap. Otto Güttinger eröffnete, dass sich alle

Apostel für den Bischof Eschmann zum Bezirksapostel entschieden haben war er erst sehr

niedergeschlagen, doch hat er sich, wie es scheint, allmählich innerlich beruhigt, obwohl ich denke, dass

ihm das noch manchen Kampf kosten wird“ (Brief an Apostel Schneider sen. vom 21. Juli 1951).

 

Die tiefe Betroffenheit des Nichtberücksichtigten kommt auch in einem zwei Tage später (23.

Juli 1951) an den Stammapostel abgefassten Brief Otto Güttingers zum Ausdruck:

 

„Offen gestanden hat mich diese Nachricht überrascht, weil Sie mir vor noch gar nicht langer Zeit

in Frankfurt erklärten, (...) dass kein anderer als ich als Bezirksapostel in Frage komme (...) Es tut

mir allerdings sehr leid, dass Sie mir Ihr Vertrauen nicht mehr schenken konnten.“

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Trotz aller Niedergeschlagenheit legte Otto Güttinger auf der einen Tag nach der Ordination

Bezirksapostels Eschmann stattgefundenen Apostelversammlung (6. August 1951) ein

Treuegelöbnis zum Stammapostel ab, vermutlich ein ähnliches Gelöbnis, wie er es bereits

am 19. April 1951 anlässlich seiner Abgabe des Saarlandes an den Stammapostel getan

hatte.41

 

Wie sehr ihn die Nichtberücksichtigung seiner Person verletzte und ihn scheinbar auch auf

Dauer beschäftigte, geht schließlich aus einem einen Monat später verfassten Arbeitsbericht

Otto Güttingers hervor:

 

„Apostelversammlung in Frankfurt [gemeint ist die vom 6. August 1951]. Der Stammapostel schrieb mir

darauf u.a.: Was an dieser Apostelversammlung hörbar wurde, hat auf mich einen derart

niederschmetternden Eindruck gemacht, dass ich darob erkrankte. – Von mir selbst will ich hierüber

schon gar nicht reden; das Durchlebte hat sich in meine Seele eingebrannt; wenn ich heute noch

daran denke, so fühle ich die Wunde in unsagbar heftiger Weise“.42

 

Otto Güttinger, das zeigen viele Dokumente, bereitete trotz seines Treuegelöbnisses

Bezirksapostel Eschmann viel Arbeit und große Sorgen. Gegenüber dem Stammapostel

hatte sich Bezirksapostel Eschmann über Otto Güttinger bitter beklagt.

 

Nachdem Bezirksapostel Eschmann gut 1 ½ Jahre später starb, wurde der gerade ins

Apostelamt eingesetzte Ernst Streckeisen zum Bezirksapostel ordiniert. Wieder einmal ging

die Wahl an Otto Güttinger vorbei, was abermals bei ihm tiefe Enttäuschung hervorrief.

In einem Brief an Stammapostel Bischoff vom 16. April 1953 schreibt er:

 

„Der neue Bezirksapostel ist mir bekannt. Man hat mir sogar den Wunsch vorgetragen, ich soll mit einem

Schreiben an Sie zum Ausdruck bringen, dass es mein Wunsch und meine Bitte sei, Sie möchten doch

den Apostel Streckeisen zum Bezirksapostel setzen. Aus Gründen der Ehrlichkeit und Sauberkeit konnte

ich diesem Ansinnen allerdings nicht entsprechen (...) Dass diese zweite Abfuhr meiner Person in der

Nachfolgefrage viel bösem Gerede rufen wird, werden Sie leicht verstehen (...) Jene wenigen Rebellen,

die versteckt oder offen (...) sagten: Apostel Otto Güttinger ist ein Judas, er ist nicht in Ordnung, er ist mit

dem Stammapostel nicht verbunden usw.usw., die triumphieren bereits heute und höhnen: So jetzt seht

ihr, der Stammapostel hat kein Vertrauen zu Ap. Güttinger“.

 

Stammapostel Bischoff geht in seinem Brief vom 22. April 1953 an Otto Güttinger ausführlich

auf dessen Enttäuschung und Vorhaltungen ein. Er schreibt unter anderem:

 

„Mein lieber Apostel Güttinger, sind Sie apostolisch geworden, um selig zu werden, oder um ein Amt zu

empfangen? Ich bin apostolisch geworden, um das Heil meiner Seele zu erlangen, aber nicht um dieses

oder jenes Amt zu tragen. Vater Krebs sagte früher: Wenn jemand nach einem höheren Amte strebt, der

hat die Schwere seines Amtes noch nicht erkannt“.

 

41

„ (...) aber u n t r e u werden und eine T r e n n u n g im Werke Gottes beabsichtigen, liegen meinem Herzen

fern. (...) ich will und ich werde t r e u bleiben! Jeden andern Gedanken hielte ich für ein Verbrechen (...). Zur

Treue dem Werke Gottes gegenüber gehört nicht nur die Treue zu Gott und dem Worte des Herrn, sondern

auch zum Stammapostel und zu den Mitaposteln“ (Brief Otto Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 19.

April 1951). Die weitere Lebensgeschichte Otto Güttingers zeigt, dass er dieses Treuegelöbnis nicht gehalten

hat.

 

42

Otto Güttinger: „Bericht über die Arbeit im Monat August 1951“ vom 4. September 1951. Hervorhebung durch

Fettdruck von AG GNK. Auch nach seinem Kirchenausschluss (Juli 1954) hatte Otto Güttinger noch immer

nicht verwunden, bei der Besetzung des Bezirksapostelamtes nicht berücksichtigt worden zu sein; vgl. den

Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 8. September 1954 und den Brief an Bezirksapostel

Streckeisen vom 9. September 1954.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Die „zweite Abfuhr“ seiner Person bei der Besetzung des Bezirksapostelamtes stellt

den endgültigen Bruch mit dem Stammapostel dar und ließ Otto Güttinger erstmals

Spekulationen über eine Trennung von der Neuapostolischen Kirche anstellen.

 

In einem Gespräch mit Bezirksapostel Streckeisen am 19. August 1953 droht Otto

Güttinger unverhohlen mit Spaltungsabsichten:

 

„Schliesslich meinte Apostel Güttinger, ich [Ernst Streckeisen] soll aufpassen, dass wir nicht

auseinander kommen. Es wäre schade, wenn Zehntausende unglücklich werden sollten. Er sehe,

dass ich mit dem Stammapostel verbunden sei. Er möchte so mit mir verbunden sein. Er drückte mich an

seine Brust und umarmte mich. – Ich aber habe in den Abgrund hineinblicken müssen, der im Herzen

dieses Mannes ist. Möge Gott gnädig sein und alles zum besten lenken“.

 

Das zweimalige Ignorieren seiner Person bei der Besetzung des Bezirksapostelamtes ließ

ihn seine Beteuerungen aus der Vergangenheit vergessen. Am 19. April 1951 hatte er noch

vehement und geradezu pathetisch Untreue zum Stammapostel und damit verbundene

Spaltungsbemühungen als völlig undenkbar zurückgewiesen:

 

„Im weiteren aber beengt mich eine noch viel grössere Sorge. Es betrifft dies die Vorgänge in Luxemburg. (...) ja

man wirft uns vor, `im vollen Bewusstsein eine Trennung im Werke Gottes zu beabsichtigen`. Mein geliebter

Stammapostel, ich habe schon manche harten und schmerzvollen Lebenserfahrungen gemacht. Kein

Seelenschmerz aber kommt auch nur annährnd jenem gleich, den ich heute empfinde. Mir schwindelt fast, wenn

ich das Ungeheuerliche fassen will! – Es mag hinter uns liegen was da will, (...) aber u n t r e u werden und

eine T r e n n u n g im Werke Gottes beabsichtigen, liegen meinem Herzen fern. So wenig wie Feuer und

Wasser sich ertragen, so wenig ertrüge ich den Gedanken, untreu zu werden. Es ist für mich qualvoll, denken zu

müssen, dass mein Stammapostel mich solcher Gesinnung für fähig hielte! Stammapostel, ich flehe Sie an und

bitte unter Herzenstränen, in Seelennot und –pein: Glauben Sie mir, so wahr Gott lebt, ich will und ich werde

t r e u bleiben! Jeden andern Gedanken hielte ich für ein Verbrechen; denn wer das Werk Gottes zerstört,

den wird Gott zerstören! Zur Treue dem Werke Gottes gegenüber gehört nicht nur die Treue zu Gott und

dem Worte des Herrn, sondern auch zum Stammapostel und zu den Mitaposteln. Ich bin von einer

apostolischen Mutter geboren und habe den apostolischen Glauben, wie man zu sagen pflegt, schon mit der

Muttermilch getrunken. Die Eltern haben mich in Gottesfurcht und Liebe zum Erlösungswerke Christi erzogen und

eine Hochachtung sondergleichen vor den Amtsgaben in mich hineingelegt. Die Krone der Ehrfurcht galt dem

Stammapostelamte und den mit ihm verbundenen Aposteln Jesu. Das hat sich in mir nicht geändert! --

Eher lasse ich mich schlachten, als dass ich meinen Herrn verriete und das Werk Gottes zerstörte.

Niemals kommt so etwas in Frage. Die Zukunft wird den Beweis hierfür liefern“.43

 

Doch keine zwei Jahre (19. Februar 1953) später musste der Stammapostel ihn erneut in die

Schranken weisen und ihn an den Inhalt seines Briefes vom 19. April 1951 erinnern.44

 

Genau ein halbes Jahr später (19. August 1953) drohte jedoch Otto Güttinger, wie gesehen,

Bezirksapostel Streckeisen mit einer großen Spaltung.

 

Viele Dokumente aus jener Zeit belegen, dass auch engste Mitarbeiter und Freunde Otto

Güttinger Karriereambitionen und Spaltungsabsichten unterstellen.

 

Der hier angesprochene Ehrgeiz und das ausgesprochen stark ausgebildete Geltungsbedürfnis45

Otto Güttingers drohten bereits Ende 1950 in Vermessenheit zu entarten.

 

43 Brief Otto Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 19. April 1951:

44 In einem Gespräch mit Otto Güttinger, in dem es um die Oppositionsarbeit desselben ging, las der

 

 

Stammapostel längere Passagen aus dem Brief Otto Güttingers vom 19. April 1951 vor und verband dies mit

 

der Aufforderung, künftig deutlicher positiv Stellung zum Stammapostelamt zu beziehen, was dieser auch

 

versprach (siehe den „Kurz-Bericht über die Unterredung zwischen dem Stammapostel und Apostel Otto

 

Güttinger in Frankfurt a.M. vom 19. Februar 1953, 1-3).

45 Siehe hierzu u.a. den Brief Stammapostels Bischoff an Bezirksältesten Plüss vom 24. Juni 1954: „Otto

 

Güttinger hatte doch ein so großes Arbeitsfeld, um seine Seligkeit zu schaffen zu können. Aber sein

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Nachdem der Stammapostel das Rücktrittsgesuch Kuhlens vom Stammapostelhelferamt am

 

29. November 1950 angenommen hatte und die Botschaft des Stammapostels sich langsam

zu verbreiten begann, brachte Otto Güttinger sich im Dezember 1950 als nächsten

Stammapostel ins Spiel, indem er zum einen den verbliebenen Stammapostelhelfer

Schlaphoff negativ charakterisierte (schlechter Seelenhirte, alkoholabhängig, spekuliere auf

die Stammapostelnachfolge) und zum anderen auf zwei Traumgesichte verwies, die zwei

Priester unabhängig von einander – der eine in Südfrankreich und der andere in Zürich –

erlebt haben sollen und zum Inhalt die Berufung Otto Güttingers zum Stammapostel

hatten.46 Er selber weist diese Traumgesichte zwar als „Kunstwerke der Teufel“ zurück – und

trotzdem entsteht der wohl auch von Güttinger beabsichtigte Eindruck, er wäre ein

geeigneter Nachfolger im Stammapostelamt. Dies musste vor der beginnenden

Botschaftsverkündigung geradezu als absurd erscheinen.

Und schließlich sei in diesem Zusammenhang noch auf eine Begebenheit hingewiesen, die

schlaglichtartig den Charakter Otto Güttingers beleuchtet. Er äußerte einmal (25. September

1953) gegenüber dem Stammapostel, nachdem dieser ihn für mannigfache Konflikte in den

letzten Jahren verantwortlich gemacht hatte, er habe aus „verletztem Gerechtigkeits-und

Ehrgefühl und damit in gewissem Sinn in Notwehr“ gehandelt.47 Ob diese Verhaltensweisen

als ethisch wertvollere Motive charakterisiert werden können, sei dahingestellt.

In jedem Falle wird deutlich, dass Güttingers Maßstäbe nicht von einem

christologisch geprägtem Amtsverständnis abgeleitet sind und damit leider ideale

Voraussetzungen für innerkirchliche Konflikte darstellen.

 

Im Jahre 1954 endete die Amtstätigkeit Otto Güttingers nach knapp 13-jähriger Aposteltätigkeit

in der Neuapostolischen Kirche. Am 10. Juni 1954 wurde Otto Güttinger im Einvernehmen

mit Stammapostel Bischoff und dem Apostelkollegium durch Bezirksapostel

Streckeisen wegen Ungehorsams amtsenthoben.48

 

Gegenüber Bezirksapostel Schlaphoff äußerte sich der Stammapostel am 17. September

1953 einmal grundsätzlich zum Ungehorsam Otto Güttingers im Saarland:

 

„Ganz besondere Sorgen und viele schlaflose Stunden hat mir das Verhalten von Apostel Otto Güttinger bereitet.

Ich hatte ihm damals die Betreuung der Seelen im Saarland anvertraut und ihm gesagt, daß er stehen solle wie

ein Fels, weder nach der einen, noch nach der anderen Seite sich neigend. Es dauerte keine sechs Wochen, da

hatte er gerade die Männer als Vorbild hingestellt, die absolut keine Vorbilder waren. Dann hatte ich ihm gesagt,

er möge in diesem Durcheinander die Versiegelungen unterlassen. Darauf sagte er mir ganz schnippisch: `Ich bin

doch Apostel.` Auch sagte ich ihm, er möge mit dem Vorstand Schmidt sprechen, daß derselbe freiwillig

zurücktrete. Das hat er überhaupt nicht getan. Ich wollte Schmidt schonen und ihn nicht vor Gericht bringen.

 

Geltungsbedürfnis trieb ihn immer mehr dazu, die Personen, von denen er meinte, daß sie ihm im Wege

ständen, dadurch zu beseitigen, daß er Mißtrauen in die Herzen säte.“ So auch Bezirksapostel Streckeisen,

wenn er resignierend feststellt, dass alle Bemühungen um Otto Güttinger letztlich an dessen „krankhaften

Ehrgeiz und dem unnatürlichen Geltungsbedürfnis“ gescheitert waren (Aktennotiz von Bezirksapostel

Streckeisen für seinen Anwalt Dr. Fritz Zimmermann vom 28. Juni 1954, 1-3, hier 2). Einblicke erhalten wir

auch von einer Selbstauskunft Otto Güttingers: „Was mich in jüngster Zeit aber insbesondere belastete war die

Feststellung, dass ich selbst im Kreise der `fünf Grossen` im Lande [gemeint ist die Schweizer Kirchenleitung]

nur noch so als Nebensächlichkeit behandelt werde. Einesteils ist dies menschlich verständlich – wills äbe

mänscheled! Man sucht Gunst und Ehre und strebt ein Strebertum, das nicht ganz rein ist. Nun, Gott sei mir

und meinen Brüdern gnädig!“ (Brief Otto Güttingers an Bezirksapostel Eschmann vom 12. Dezember 1952).

 

46 Brief Otto Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 12. Dezember 1950.

 

47 Brief Otto Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 25. September 1953.

 

48

Aufgrund der für den Apostelbezirk Schweiz geltenden Statuten war es dem Stammapostel nicht möglich, die

Amtsenthebung selbst auszusprechen. Dies oblag allein dem Bezirksapostel der Schweiz als Hauptleiter (in

Verbindung mit der Bezirksämterversammlung). Stammapostel Bischoff und die Apostel bestätigten jedoch die

Amtsenthebung Otto Güttingers auf der Apostelversammlung in Berlin-Steglitz am 19. Juni 1954.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Nachdem Apostel Güttinger in diesen Fällen versagt hatte, waren wir gezwungen, das weltliche Gericht

anzurufen, um durch dasselbe die von Schmidt vorgenommene Fälschung der Satzung feststellen zu lassen. Das

geschah auch, und Schmidt wurde wegen Urkundenfälschung rechtskräftig verurteilt. Die Tätigkeit des Apostels

Güttinger im Saarland war natürlich erledigt. Einem Manne, der mir dreimal den Gehorsam verweigerte,

konnte ich die Seelen nicht weiter anvertrauen“ (Hervorhebung durch Kursivdruck von AG GNK).

 

Die Stellungnahme des Stammapostels zu dem Verhalten Otto Güttingers zeigt, dass nicht

seine Botschaft als Ursache für das Oppositionsverhalten und die spätere Trennung Otto

Güttingers verantwortlich gemacht werden kann; vielmehr wird aus den Äußerungen deutlich,

dass die Opposition Otto Güttingers gegenüber dem Stammapostel eine grundsätzliche

war. Stammapostel Bischoff berücksichtigte Otto Güttinger für das Bezirksapostelamt

deshalb nicht, weil er ihm gegenüber einen ständigen Ungehorsam praktiziert und damit das

Vertrauensverhältnis zerstört hatte und nicht wegen eventuell fehlender oder nur schwach

entwickelter Botschaftsgläubigkeit (siehe hierzu im Einzelnen das nächste Kapitel).

 

Otto Güttinger reagierte auf seine Amtsenthebung mit der Gründung einer eigenen religiösen

Gruppierung, der sog. VAC (= Vereinigte Apostolische Christen der Schweiz). Der Ausschluss

Otto Güttingers aus der Neuapostolischen Kirche erfolgte erst am 15. Juli 1954; er

ist eine Reaktion auf die Gründung der VAC durch Otto Güttinger.

 

Ernst Güttinger, Otto Güttingers Vater, der ehemalige Bezirksapostel der Schweiz, hat mit

der Gründung der VAC seines Sohnes unmittelbar nichts zu tun; er befand sich seit dem 5.

August 1951 im Ruhestand. Ernst Güttingers langwierige und massive Oppositionsarbeit

(1945-1951) gegen den Stammapostel wurde bereits dargestellt; sie führte nicht zum

Kirchenausschluss, sondern lediglich zu dessen Zurruhesetzung im Jahre 1951. Erst nachdem

Ernst Güttinger sich der VAC seines Sohnes anschloss, wurde auch er aus der

Neuapostolischen Kirche am 9. November 1954 ausgeschlossen.

 

Zusammenfassend ergibt die Quellenauswertung also folgenden Befund:

 

Die eingangs erwähnte These, Stammapostel Bischoff wäre aufgrund eines „autokratisch

praktizierten Führungsstils“ und der Botschaftsverkündigung die Ursache für die Fehlentwicklungen

in der Schweiz (Amtsenthebung und Kirchenausschluss Otto Güttingers

sowie die Entstehung der VAC), entbehrt jeder Grundlage und basiert offensichtlich auf

„Geschichte vom Hörensagen“ und vorgefassten Urteilen, die zunächst von Otto Güttinger

nach seinem Ausschluss (allerdings erst ab März 1955, siehe hierzu Kap. 4 dieser

Ausarbeitung) gestreut und später von seinen Anhängern mit dem Ziel der Identitätsbildung

und der Legitimierung der Abspaltung benutzt wurde.

 

Die historischen uns vorliegenden zeitgenössischen Quellen widersprechen einer solchen

These fundamental und offenbaren – wie oben ausgeführt und im Zusammenhang mit der

Rolle der Botschaft noch zu zeigen sein wird (s. Kapitel 4) – eine andere Sachlage. Die

Ursache für die Fehlentwicklungen in der Schweiz liegt also bei Otto Güttinger und seinem

Jahre hindurch praktizierten Verhalten gegenüber dem Stammapostel und den Aposteln der

Schweiz (Bezirksapostel Eschmann und Bezirksapostel Streckeisen), denen vor diesem

Hintergrund kein anderer Handlungsspielraum blieb, als Otto Güttinger seines Amtes zu

entheben.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Peter Kuhlen (1955)

 

Die Quellen lassen den Schluss zu, dass Kuhlen eine Lösung von der Neuapostolischen

Kirche seit längerem gewollt und zuletzt aktiv betrieben hat.

 

Hatte Kuhlen noch im Juli 1954 der Amtsenthebung und dem Kirchenausschluss Otto

Güttingers zugestimmt, fühlte er sich zunehmend im Apostelkreis isoliert.

 

Nach der Apostelversammlung am 12. September 1954 hat er seine defensive Oppositionshaltung

gegen Stammapostel Bischoff aufgegeben und war bereit in die Offensive zu gehen.

 

Nachdem die Verhältnisse im Bezirk Düsseldorf aufgrund der Ausschreitungen in den

Gemeinden nicht mehr zu verbergen waren, hat Kuhlen den offenen und offensiven Brief

vom 6. Januar 1955 verfasst. Der Brief ist sowohl im Inhalt und Stil als auch in der Vorgehensweise

– er wird verschickt trotz Kenntnis vom Urlaub des Stammapostels – eine

bewusste Provokation einer dogmatischen Auseinandersetzung, die öffentlich ausgetragen

werden sollte.

 

Die Versicherung, man habe keinesfalls Trennungsabsichten, und der Appell an das

Verständnis des Stammapostels in dem Brief scheinen taktisch darauf abgestimmt, dass

Kuhlen im Falle eines für ihn ungünstigen Ausgangs in der Rolle des Opfers erscheint.

 

Nun könnte man in diesem Zusammenhang auf die Situation unserer Kirche in Holland

verweisen. Dort hatten sich im April 1954 mit Genehmigung des Stammapostels zwei

„eigenständige“ neuapostolische Kirchen aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen

zur Botschaft gebildet. Im Verlauf der Monate hatte es sich jedoch gezeigt, dass diese

Lösung zu erheblichen Spannungen und Konflikten führte und somit schlecht als Vorbild für

den Kuhlen-Bezirk taugte.

 

Hinzu kam ein Weiteres: Auf der schon erwähnten Apostelversammlung vom 12.

September 1954 in Stuttgart kamen unterschiedliche Meinungen der Apostel über die Frage

einer Verschärfung der „Dogmatisierung“ der Botschaft zum Ausdruck. Der Stammapostel

teilte mit, dass er künftig nur noch solche Männer in das Apostel-und Bischofsamt

setzen würde, die an seine Botschaft glaubten; er bat die Apostel, künftige Amtseinsetzungen

ebenfalls nur in diesem Sinne durchzuführen. Zugleich artikulierten die Apostel

den Wunsch nach einer Verknüpfung von Botschaftsglaube und Versiegelungssakrament.

Kuhlen sprach sich als einziger Apostel gegen den Wunsch aus, Gläubige nur dann zu

versiegeln, wenn diese zuvor auch ihre Botschaftsgläubigkeit bekannten; der Stammapostel

und viele Apostel waren jedoch dafür – trotzdem kam es nicht zu einer Beschlussfassung.

Stammapostel Bischoff beließ es zunächst bei der dringenden Empfehlung, „damit

anzufangen, die zur Versiegelung kommenden Seelen entsprechend vorzubereiten, so daß

sie vor ihrer Versiegelung ihren Glauben, daß der Herr zu unserer Lebzeit kommt, mit einem

Ja bezeugen können“.49

 

Kuhlen sah sich also abermals (wie schon kurz vor seinem Rücktritt vom Stammapostelhelferamt

1950) im Apostelkreis isoliert und vor eine Entscheidungssituation (September

1954) gestellt, die ihm drei Optionen bot:

 

49 Zusammenfassung der Inhalte der Apostelversammlung in Stuttgart vom 12. September 1954, 1-3, hier 3.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

· Glaubensgehorsam praktizieren und die Botschaft verkündigen,

· Rücktritt vom Amt, da er die Botschaft nicht glauben wollte,

· Trennung vom Stammapostel herbeiführen.

Kuhlen entschied sich für die letzte Variante und bereitete diese sorgfältig vor.

 

Mit der Versendung des Briefes vom 6. Januar 1955 an die Glaubensgeschwister im

Apostelbezirk Düsseldorf (die der Stammapostel ausdrücklich untersagt hatte) hat Kuhlen

die Trennung öffentlich werden lassen – denn in dem Brief lässt Kuhlen eine völlig andere

Auffassung zur Botschaft erkennen als der Stammapostel lehrt, und er begibt sich somit in

Opposition zu ihm; mit der Verteilung des Briefes hat er also die Trennung bewusst forciert

und provoziert.

 

Diese Maßnahme Kuhlens erhält vor dem Hintergrund, dass wir zwischen 1951 und 1954

keine einzige zeitgenössische Quelle besitzen, die explizit eine Botschaftsungläubigkeit

Kuhlens dokumentiert, erhebliches Gewicht und qualifiziert sie deshalb als einen bewussten

Akt, die Trennung vom Stammapostel und der Neuapostolischen Kirche herbeizuführen.

 

Im Zusammenhang mit den von Ernst Güttinger publizierten Sonderlehren äußerte sich

Kuhlen einmal gegenüber Otto Güttinger in bemerkenswerter Weise. In seinem Brief

kritisiert er ausdrücklich das Verhalten des Bezirksapostels Ernst Güttinger; zugleich offenbaren

seine Gedanken, unter welchen Maßstäben das Vertreten einer Sonderlehre im

Gegensatz zum Stammapostel zu beurteilen sind:

 

„Denken Sie einmal, wohin es führen müsste, wenn jeder Apostel – der eine über dieses, der andere

über jenes Glaubensgebiet – eine andere Lehre verkündigen würde. Das brächte den sicheren Zerfall

der Aposteleinheit und ohne die Einheit der Apostel, ohne deren Einssein in jeder Weise, wäre der

Nieder-und Untergang des Werkes Gottes unausbleiblich“.50

 

Kuhlen wusste also ganz genau, worauf er sich einließ, als er es wagte, öffentlich zum

Stammapostel eine andere Lehre zu verkündigen und gegen dessen ausdrückliche

Mahnung den Brief doch an alle neuapostolischen Haushalte verteilte. Kuhlen nahm bewusst

eine Spaltung und – um seine Terminologie zu benutzen – den „Nieder-und Untergang des

Werkes Gottes“ in Düsseldorf in Kauf; er stürzte somit einige tausend Gotteskinder in einen

Glaubenskampf und –zweifel, obwohl diese über seine Botschaftsungläubigkeit gar nichts

wissen wollten. Kuhlen hätte den ihm Anvertrauten alles Leid und Elend ersparen

können, wenn er zurückgetreten wäre. Da er jedoch eine andere Lösung präferierte,

muss er sich gefallen lassen, als Verführer gekennzeichnet zu werden.

 

Kuhlen ist zur Apostelversammlung nach Frankfurt (23. Januar 1955) gefahren mit der

Absicht, die Trennung abzuschließen. Da er nicht bereit war, dem Stammapostel zu

folgen, trägt er auch die Verantwortung für seine Amtsenthebung und den Ausschluss

aus der Neuapostolischen Kirche.

 

Nur am Rande vermerkt – aber auch dies belegen die Quellen: Noch bevor Kuhlen zur

entscheidenden Apostelversammlung nach Frankfurt fuhr, ließ er an etlichen Kirchen andere

 

50 Brief Kuhlens an Otto Güttinger vom 24. März 1947.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Schlösser einbauen, um (so sein Kalkül) im Falle eines Kirchenausschlusses mit neuem

Namen und eben neuen Kirchenschlüsseln an alten Wirkungsstätten weiterzumachen – was

rein rechtlich gesehen jedoch zum Scheitern verurteilt war.

 

In einem Gerichtsverfahren, das Kuhlen und die ehemaligen Apostel Dehmel und

Dunckmann sowie die Bischöfe und Bezirksältesten im Jahr 1955 gegen die NAK

angestrengt hatten, ging der Richter auf den für die Gesamtbewertung des Kirchenausschlusses

wichtigen Trennungsgrund ausführlich ein, sodass sein Urteilsspruch hier in

Auszügen wiedergegeben sei:

 

„Jedoch mussten er [Dehmel] und seine Anhänger sich darüber klar sein, dass durch die

Veröffentlichung des offenen Briefes an sämtliche Gemeindemitglieder der Beklagten eine

Situation herbeigeführt wurde, die zwangsläufig eine Entscheidung über ihre weitere Verwendung

als Religionsdiener der Beklagten notwendig machen würde. Wie aus dem eigenen Vortrag des

Klägers hervorgeht, hatte die Tatsache, dass ein Teil der Amtsträger der Beklagten die Botschaft des

Stammapostels verkündete, während der Kläger und seine Anhänger sich weigerten, diese zu lehren, zu

erheblichen Unruhen innerhalb der Glaubensgemeinschaft der Beklagten geführt. Dass die

Veröffentlichung des Briefes an die Gemeindemitglieder nur geeignet sein konnte, den vorhandenen

religiösen Zwiespalt zu vertiefen, bedarf keiner weiteren Begründung. Darüber hinaus konnten,

nachdem in diesem Brief (...) die Richtigkeit der vom Stammapostel verkündeten Botschaft

öffentlich in Zweifel gezogen wurde, die kirchlichen Behörden der Beklagten, sofern sie nicht die

Existenz der Kirche aufs Spiel setzen wollten, es bei dem bisherigen Zustand nicht mehr belassen.

Eine Weiterverwendung des Klägers als Religionsdiener hätte, nachdem durch die Entwicklung die

Dinge so auf die Spitze getrieben waren, nicht nur die Autorität des Stammapostels untergraben,

sondern auch die Einheit der Kirche gefährdet. (...) Der Kläger ist unmittelbar nach seinem Ausschluss

einer Religionsgemeinschaft beigetreten, die sich, wie die Dinge nun einmal liegen, zwangsläufig in einem

Gegensatz zur Beklagten befindet. Unter diesen Umständen kann er aber nicht verlangen, dass die

Beklagte ihn als Religionsdiener weiterbeschäftigt.“ 51

 

Die Urteile der Richter in den Arbeitsgerichtsprozessen stehen im Einklang mit dem von uns

dargestellten Sachverhalt, wie er sich aus den Quellen ergibt.

 

In einer Unterredung mit Geschwistern aus dem Jahr 1961 hat Kuhlen auf die Frage, ob es

denn für ihn keinen anderen Weg gegeben habe, geantwortet:

 

„Sollte ich mich denn in die Bank setzen? (...) Warten Sie erst einmal ab, wenn Sie so weit sind, ob Sie

das dann auch können.“52

 

In dieser Äußerung Kuhlens zeigt sich, dass die Trennung Kuhlens von der NAK auch im

Zusammenhang zu sehen ist mit dem Problem des Umgangs mit Macht. Im April 1947 hatte

Kuhlen dem Stammapostel noch geschrieben:

 

„Und was ist wohl die Ursache (für das Fehlverhalten von Aposteln)? Wenn jemand aus der Einfalt in

Christo weicht, wenn menschliches Geltungsbedürfnis in den Vordergrund gerückt wird.“ 53

 

Stammapostel Schmidt nennt in den Rundschreiben "Das ist die Wahrheit"54 als

Motive, die Kuhlen zu der Trennung bewogen haben: Unbefriedigter Ehrgeiz, Ärger,

 

51 Urteil Landesarbeitsgericht Düsseldorf verkündet am 06.12.1955, S.13ff. Hervorhebung durch Fettdruck von

 

AG GNK.

52 Bruder Anders, Brief an den Bezirksältesten Pack, 06.04.1961

53 Kuhlen, Brief an Stammapostel Bischoff, 22.04.1947

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Überheblichkeit, Besserwissen und egoistisches Machtstreben. Er zitiert den Rechtsanwalt

Dr. Siemsen, der für die NAK den Prozess gegen Kuhlen führte, mit den Worten:

 

"Ich habe den Eindruck, dass Herr Kuhlen diese Sache aus einem rein persönlichen Ehrgeiz heraus

unternommen hat, weniger aus Glaubensüberzeugung."

 

Kuhlen ist nicht „hinausgeworfen“ worden, sondern er ist von sich aus gegangen und

hat damit den Ausschluss selbst verursacht. Er vollzog die äußere Trennung, nachdem

die innere bereits stattgefunden hatte.

 

54

In sechs Folgen unterrichtet der Stammapostel Schmidt die Amtsträger vom Oktober 1960 bis Februar 1963

über die Ereignisse und Gründe, die zur Trennung Kuhlens führten.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

4.

Die Rolle der Botschaft des Stammapostels aus dem

Jahr 1950/1951 im Zusammenhang mit den Kirchenausschlüssen

von 1954 und 1955

Mit Blick auf die gegenwärtige im Internet geführte Schulddebatte und die in der Gebietskirche

der NAK Schweiz praktizierte Versöhnung mit der VAC von Otto Güttinger sei im

Folgenden besonders auf die Rolle der Botschaft in der Schweiz im Zusammenhang mit dem

Kirchenausschluss Otto Güttingers eingegangen.

 

Die Botschaft Stammapostels Bischoff ist zwar offiziell erst im Weihnachtsgottesdienst 1951

in Gießen verkündet worden, doch gibt es einige vorlaufende Aussagen des Stammapostels

diesbezüglich, sodass die Kerngedanken der Botschaft bereits im Herbst 1950 u. a. in der

Schweiz von Amtsträgern und Gemeindemitgliedern zur Kenntnis genommen worden sind.

 

Einige Schweizer Amtsträger hatten Gottesdienste des Stammapostels in Süddeutschland

miterlebt und dann von der Botschaft in ihren Heimatgemeinden berichtet.

 

Offensichtlich hatten die beiden Apostel Güttinger zunächst Probleme mit der Botschaftsverkündigung

in ihrem Land und wünschten, dass in der Schweiz die Botschaft nicht so

publik gemacht werde.

 

Anfang April 1951 eskalierte die Angelegenheit und eine Gruppe um den Bezirksältesten

Streckeisen – zu der auch Priester Hänni gehörte – stellte Ernst und Otto Güttinger zur

Rede. Als Ergebnis lässt sich festhalten: Beide Güttinger glauben an die Wiederkunft Christi,

jedoch haben sie Vorbehalte hinsichtlich einer Terminierung, wie sie nun neuerdings Stammapostel

Bischoff vorgenommen habe. Sie behaupten, dass der Stammapostel sich mit der

Botschaft geirrt habe und dass diese Botschaft im Apostelkreis umstritten sei (was der

Stammapostel jedoch bestreitet).

 

Von Otto Güttinger wird darüber hinaus berichtet, dass er am 20. Januar 1951 beim Stammapostel

in Frankfurt gewesen sei und ihn gefragt habe, ob die Botschaft „ein Lehrsatz sei.

Wenn ja, und wenn der Stammapostel es wünsche, so werde ich es in jedem Gottesdienst

predigen. Der Stammapostel hat aber nur gesagt, das sei sein persönlicher Glaube“.55

 

Offensichtlich macht die Botschaft Otto Güttinger in der Anfangsphase Schwierigkeiten,

wobei er jedoch generell bereit ist, sie zu verkündigen.

 

Ein Wandel in der Einstellung zur Botschaft scheint sich spätestens im Herbst 1953 zu

vollziehen. Zwar meint der Stammapostel noch am 31. August 1953, Otto Güttinger habe die

Botschaft bis „heute noch nicht voll und ganz ergriffen“ und wollte „es vielleicht auch nicht

ergreifen“.56

 

In seinem Antwortschreiben (25. September 1953) versichert Otto Güttinger dem Stammapostel

jedoch:

 

55 Zweite Unterredung zwischen Otto Güttinger und Priester Hänni am 3. April 1951; Protokoll der Unterredung

 

enthalten im Anhang des Briefes von Bezirksältesten Streckeisen an Stammapostel Bischoff vom 12. April

 

1951.

56 Brief Stammapostels Bischoff an Otto Güttinger vom 31. August 1953. Siehe auch das Protokoll der

 

Unterredung zwischen Otto Güttinger und Bezirksapostel Streckeisen sowie den Aposteln Baur und Hänni vom

 

13. November 1953.

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

„Was mich selbst anbetrifft, so bin ich vom Glauben an die Botschaft, dass der HERR b a l d kommt, ja

dass er ‚vor der Türe steht’, hundertprozentig erfüllt. Ich bereite mich und die Meinen mit hl. Eifer, IHM

täglich entgegengehen zu können“.57

 

Und am 12. Oktober 1953:

 

„Da ich mich aber treu zu Ihnen, zur frohen zeitgemässen Botschaft, zum Werke Gottes und zu den

Mitaposteln halte, so vertraue ich auf GOTT“.58

 

Und schließlich bekennt Otto Güttinger sich zum Stammapostel und dessen Botschaft

am 24. November 1953:

 

„Geliebter Stammapostel! Mit Ihnen und allen Aposteln des Herrn verbunden, ist es mir eine hl.

Amtspflicht, die E i n h e i t in Lehre und Gemeinschaft mit allen Kräften zu erhalten und dem Verderbnis

mit ganzer Geisteskraft Einhalt zu gebieten (...) Ich liebe meinen Herrn und Erlöser über alles (...) Diese

selbe Liebe und Hingabe gehören im weitern Ihnen, dem Stammapostel, ferner meinem Bezirksapostel,

den Mitaposteln (...) Ich unterstelle mich Ihnen wie bisher in selbstloser, dienender Liebe. Ich glaube an

die Ihnen vom HERRN gewordene Botschaft, ich erwarte den HERRN täglich und stelle mich

entsprechend ein“.59

 

Nach seiner Amtsenthebung (10. Juni 1954) und seinem Ausschluss aus der Neuapostolischen

Kirche (15. Juli 1954) nimmt Otto Güttinger eine (eigenartige) zweifache

Stellung zur Botschaft ein:

 

•

(Erstens) In dem nach seinem Kirchenausschluss verfassten Manifest60 vom 1.

August 1954, einer Kampfschrift gegen die Neuapostolische Kirche, macht Otto

Güttinger erstaunlicherweise deutlich, dass die Botschaft nicht der eigentliche

Grund seiner Amtsenthebung und seines Ausschlusses gewesen sei.

In Erwiderung einer Behauptung des Bezirksältesten Giovanni Plüß aus Mailand sagt

Güttinger in seinem Manifest:

 

„(...) einesteils werfe man mir vor, ich würde nicht an die Wiederkunft Christi glauben, zumindest

nicht daran, dass der Stammapostel lebe bis zum Tage des Herrn. Ich sagte, dass ich beides

glaube und lehre. Der einzige Unterschied bestehe darin, dass ich nicht in jedem Gottesdienst die

Hälfte bis Dreiviertel der Zeit von diesem selben Thema rede“ (S. 18).61

 

Diese Aussage machte Otto Güttinger Anfang Juni 1954 während einer Italienreise

mit Bezirksältesten Plüß. Nur einen Monat danach greift Otto Güttinger diese

Äußerung in seinem Manifest unverändert wieder auf, um sie der Öffentlichkeit mitzuteilen.

Bemerkenswert ist nun, dass Otto Güttinger seine botschaftsbefürwortende

Haltung während der Italienreise im Manifest weder korrigiert,

noch relativiert. Als ein wichtiges Zwischenergebnis muss deshalb fest

 

 

57

Brief Otto Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 25. September 1953. Hervorhebungen und Unter

streichung von Otto Güttinger.

 

58 Brief Otto Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 12. Oktober 1953.

 

59

Brief Otto Güttingers an Stammapostel Bischoff vom 24. November 1953. Hervorhebung durch Fettdruck von

AG GNK; alle anderen Hervorhebungen sind von Otto Güttinger.

 

60

Otto Güttinger: Manifest über die Zustände und Tendenzen in der Neuapostolischen Gemeinde. 1. August

1954, 1-48.

 

61 Hervorhebung durch Fettdruck von AG GNK.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

gehalten werden: Obwohl Otto Güttinger bei Abfassung seines Manifests

bereits seit gut zwei Wochen aus der Neuapostolischen Kirche ausgeschlossen

worden war, steht er unverändert zu seiner spätestens seit Herbst 1953

verkündeten, die Botschaft bejahenden Position („Ich sagte, dass ich beides

glaube und lehre“) -ansonsten hätte er ja diese Sichtweise in seinem Manifest

eliminieren können.

 

Einige Seiten später geht Otto Güttinger im Manifest noch einmal ausführlich in

einem eigenen Unterkapitel auf die Botschaftsthematik ein (S. 40-43). Er bekräftigt

seinen Glauben an die Wiederkunft Christi; man könne „nicht apostolisch sein, ohne

an diese Verheißung zu glauben (...) Wer an die Heilige Schrift glaubt, muß auch an

die Wiederkunft Christi, an die Erste Auferstehung glauben, sich darauf vorbereiten,

sich darauf freuen und täglich bereit sein“.

 

Und dann fährt er mit einer weiteren entscheidenden Passage fort:

 

„Daß ferner der Herr, Jesus Christus, nicht einem seiner Knechte könnte sagen: ‚Hör mal, ich komme

noch solange du im Fleische bist ...’ das ist für mich außer Zweifel, wenn es auch im Widerspruch steht

mit den Worten: ‚Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht.’ (1. Thess. 5,2; 2. Petr.

3,10 usw.)“ (S. 41).

 

Die Botschaft Stammapostels Bischoff als eine göttliche Offenbarung wird also

von Otto Güttinger in seinem Manifest ausdrücklich nicht angezweifelt, ja sogar

für möglich gehalten, obgleich er bereits vor gut sechs Wochen seines Amtes

enthoben worden war.

 

Otto Güttinger hat also nicht generell ein Problem mit der Tatsache außerbiblischer

Offenbarungen Gottes und auch nicht speziell mit der Botschaft des

Stammapostels: womit er ein Problem hat, ist die Art und Weise ihres

Empfangens und ihrer Kommunizierung innerhalb der Kirche62 und auch damit,

dass der Stammapostel in den letzten Jahren – angeblich -oft Terminvorhersagen für

die Wiederkunft Christi gemacht habe und diese sämtlich nicht eingetroffen seien (S.

42f.) – wobei Güttinger für seine Behauptungen die Belege schuldig bleibt. Stammapostel

Bischoff bestreitet, die von Otto Güttinger behaupteten Terminvorhersagen

geäußert zu haben.

 

•

(Zweitens) Eine totale Umkehr von den eben skizzierten Positionen lässt sich

bei Otto Güttinger erst einige Monate später feststellen (spätestens seit März

1955). Aufgrund eines von der Neuapostolischen Kirche der Schweiz erfolgreich

angestrengten Prozesses wegen der Namensrechte im Jahre 1955 gibt Otto

Güttinger über seinen Anwalt in einer Klageantwort vom 21. März 1955 überraschenderweise

die Botschaft als alleinigen Trennungsgrund an:

62

„Was hingegen manchen Ehrlichen (...) bei dieser ‚Botschaft’ (...) hie und da etwas bange werden lässt, liegt in

folgenden Überlegungen: Warum hat der Stammapostel nie gesagt: An dem und dem Tag ist mir der Herr da

oder da erschienen und hat zu mir dies oder jenes gesagt? (...) Mancher der Mitapostel hätte, so gerne wie

ich, erfahren, auf welche Weise der Herr den Stammapostel ‚hat wissen lassen’, dass er zu seiner Lebzeit

komme. Um solche wichtige Dinge braucht`s doch keine Geheimnistuerei!“ (Manifest, S. 41f.).

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

„Richtig ist, dass im Jahre 1954 in der Neuapostolischen Gemeinde der Schweiz Differenzen

entstanden. Diese Differenzen entstanden übrigens nicht nur in der Schweiz, sondern auch in anderen

Ländern und selbst in Deutschland (...) Tatsächlich verkündete Herr Bischoff, (...) der Herr habe ihn

wissen lassen, dass er noch zu seinen Lebzeiten wiederkommen werde. Wesentlich ist, dass diese

Botschaft des Stammapostels zum Dogma erhoben wurde, die Botschaft des Stammapostels ist zum

Glaubenssatz der Lehre der NAG erklärt worden, die Botschaft muss von sämtlichen Angehörigen der

NAG geglaubt werden (...) Da zahlreiche Anhänger der Klägerin [NAG] dieses Dogma nicht anerkennen

können, fand ihr Ausschluss statt oder sie verzichteten auf die weitere Angehörigkeit zur NAG. Richtig

ist, dass der bisherige Bezirksleiter der NAG, Otto Güttinger, mit den Ausgeschlossenen und

Dissidenten einen eigenen Verein gründeten, da sie, mit Ausnahme des genannten Dogmas des

Stammapostels, an der Lehre der NAG festhalten“.63

 

Die Äußerungen Otto Güttingers vom März 1955 über seinen Anwalt werfen drei Fragen auf:

 

1.

Warum vertritt Otto Güttinger nicht direkt nach seinem Kirchenausschluss im Juli

1954, sondern erst zu einem deutlich späteren Zeitpunkt (März 1955) die These,

dass die Botschaft des Stammapostels Bischoff alleinige Ursache seiner

Amtsenthebung und seines Kirchenausschlusses sei?

(Zur Erinnerung: Otto Güttinger hatte seine Botschaftsgläubigkeit in vielen Schriften

seit Herbst 1953 bezeugt; selbst unmittelbar nach dem für ihn demütigenden

Kirchenausschluss im Juli 1954 nimmt Otto Güttinger in seiner Kampfschrift „Das

Manifest“ keine neue Position hinsichtlich seines Glaubens an die Botschaft ein,

obwohl ihm diese Schrift im Zuge einer „Generalabrechnung“ mit der Neuapostolischen

Kirche durchaus die Möglichkeit geboten hätte.)

 

2.

Wieso behauptet Otto Güttinger, dass es in den schweizerischen Gemeinden erst

1954 zu „Differenzen“ gekommen sei, und wieso bringt er diese „Differenzen“ in

Verbindung mit der Botschaft, die doch offiziell schon seit 1951 verkündet wurde?

3.

Warum behauptet Otto Güttinger, dass der „wesentliche“ Grund für den Kirchenausschluss

im Juli 1954 in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der „Erhebung

der Botschaft zum Dogma“ und einer Nichtanerkennung dieser – angeblichen –

Dogmatisierung stehe?

(Zur Erinnerung: Erst zwei Monate nach Otto Güttingers Kirchenausschluss wurde

die Frage nach einer „Dogmatisierung“ der Botschaft – Stichwort: Durchführung von

Ordinationen und Versiegelungen sollen nur dann erfolgen, wenn die Betreffenden

ein Bekenntnis zur Botschaft ablegen – auf der Apostelversammlung vom 12.

September 1954 vom Stammapostel und den Aposteln erörtert. Aufgrund des

Widerstands von Kuhlen wurde die Frage auf Initiative des Stammapostels vertagt

und somit keiner endgültigen Entscheidung und Regelung zugeführt. Wenn nun Otto

Güttinger im Schreiben seines Anwalts vom März 1955 diesen Sachverhalt nicht für

die Zeit frühestens ab September 1954, sondern bereits für die Zeit seines Kirchenausschlusses

im Sommer 1954 unterstellt und geltend machen will, so muss dieser

Versuch als bewusste Geschichtsfälschung gewertet werden. Offensichtlich

versuchte Otto Güttinger mit diesem Verhalten seinen Mitgliedern in der VAC und der

 

63

Klageantwort von Dr. Arnold an das Bezirksgericht in Zofingen vom 21. März 1955, S. 2f. Hervorhebung durch

Kursivdruck und Unterstreichungen von AG GNK.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Nachwelt

machen.)

einen anderen als den tatsächlichen Trennungsgrund plausibel zu

Wie also ist eine solche KehrtwBotschaftsablehnung zu verstehen?

endung von der Botschaftsbefürwortung zur

Einen Hinweis gibt der zeitliche Kontext:

 

Das Manifest veröffentlichte Otto Güttinger im August 1954; die Äußerungen Güttingers über

seinen Anwalt an das Bezirksgericht in Zofingen datieren vom März 1955.

 

In der Zwischenzeit war in der Neuapostolischen Kirche in Düsseldorf eine lang schwelende

Krise zum Ausbruch gekommen: Stammapostel Bischoff und das Apostelkollegium mussten

Bezirksapostel Kuhlen, zwei weitere Apostel sowie etliche hochrangige Amtsträger ihres

Amtes entheben und aus der Kirche ausschließen, da sie eklatanten Ungehorsam gegenüber

dem Stammapostel praktiziert hatten – und nicht, wie die Kuhlengruppe später

aufgrund ihres Bestrebens nach einer Legendenbildung behaupten wird, weil sie Probleme

mit der Botschaft des Stammapostels gehabt hätte.

 

Aufgrund der langjährigen Verbindung Otto Güttingers mit Kuhlen (Stichwort „Verbündete“)

ist davon auszugehen, dass Güttinger über die Argumentationsstrategie der Kuhlengruppe

und deren vermeintlichen Erfolgsaussichten bestens informiert war (aufgrund seines sehr

hohen Alters war, so deren Spekulationen, mit dem baldigen Tod Stammapostel Bischoffs

und der möglichen Nichterfüllung der Botschaft zu rechnen, sodass viele Gemeindemitglieder

enttäuscht der Neuapostolischen Kirche den Rücken kehren und den rechtzeitig

von ihr getrennten kirchlichen Gemeinschaften in die Arme laufen würden).

 

Und um diese Strategie sich und seiner neugegründeten VAC nützlich zu machen,

wechselte Otto Güttinger seine Position zur Botschaftsthematik – und zwar grundlegend.

Sein Positionswechsel – und das ist wichtig zu beachten – vollzog sich

erstaunlicherweise nicht nach seinem Ausschluss aus der Neuapostolischen Kirche

im Juli 1954,64 sondern erst viele Monate später, und zwar frühestens Anfang 1955 mit

dem Ausschluss Kuhlens aus der Neuapostolischen Kirche. Seine spätere

Behauptung, die Botschaftsthematik sei der alleinige Grund der Trennung, entspricht

also nicht, wie oben dargelegt, dem historischen Sachverhalt.

 

Zusammenfassend ist festzuhalten:

 

Die Quellenbefunde ergeben, dass Otto Güttinger wegen seiner durch Ungehorsam gegenüber

Stammapostel Bischoff und Bezirksapostel Streckeisen gekennzeichneten Haltung

ausgeschlossen wurde. In den Ereignissen von 1954 kulminierte die innere Trennung, die

Otto Güttinger schon über Jahre mehr oder weniger offen – auch in Fortsetzung der

problematischen Haltung seines Vaters Ernst Güttinger65 – vollzog. Die Stellung Otto

 

64 Das im August 1954 erschienene Manifest Otto Güttingers hätte ihm ja eine glänzende Möglichkeit geboten,

 

seinen Standortwechsel in der Frage der Botschaftsthematik aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit als

 

notwendig vor Augen zu führen, was er jedoch unterließ – es entsprach ja auch nicht den historischen

 

Tatsachen.

65 Bereits im Mai 1951 bemerkte Stammapostel Bischoff: „Hoffentlich sieht Apostel O. Güttinger ein, daß er darin

 

Fehler machte, indem er sich von dem Geist seines Vaters beeinflussen ließ“ (Brief Stammapostel Bischoffs

 

an Apostel Schneider sen. vom 7. Mai 1951). Siehe auch den Brief vom 26. Mai 1951, in dem etliche

 

Amtsträger Stammapostel Bischoff schrieben: „Apostel [Otto] Güttinger ist uns als Bruder lieb und wert, als

 

Bezirksapostel aber könnten wir ihn nie annehmen. Wir wissen, dass er in den Fussstapfen seines Vaters

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

Güttingers zur Botschaft nimmt in diesem Zusammenhang wenn überhaupt einen

funktionalen und sekundären Rang ein und steht somit nicht in ursächlichem

Zusammenhang mit den innerkirchlichen Kontroversen der Neuapostolischen Kirche

in der Schweiz und der Trennung und Gründung der VAC durch Otto Güttinger. Erst

viele Monate nach der Trennung vom Stammapostel begann Otto Güttinger seine

neugewonnene Haltung zur Botschaft mit den oben dargelegten Absichten zu

instrumentalisieren, indem er behauptete, die Botschaft sei ein entscheidender und

berechtigter Grund der Trennung vom Stammapostel.

 

Eine solche Position widerspricht jedoch der Quellenlage bzw. der oben dargestellten

Chronologie der Ereignisse und muss deshalb als nachträglicher Versuch der

Geschichtsfälschung mit dem Ziel der Mythosbildung der eigenen Person einerseits

und der Negativdarstellung der Neuapostolischen Kirche andererseits angesehen

werden.

 

Auch im Zusammenhang mit dem Rücktritt Kuhlens als Stammapostelhelfer im November

1950 sowie mit der von ihm herbeigeführten Trennung von der Neuapostolischen Kirche im

Januar 1955 ergibt der Quellenbefund, dass die Ende 1950 sich konkretisierende Botschaft

des Stammapostels Bischoff nicht als Ursache für den Rücktritt und die Trennung

angesehen werden kann, allenfalls als beschleunigender Faktor. Uns liegen gegenwärtig

keine Quellen bzw. historischen Dokumente zwischen 1951 und 1954 vor, die ausdrücklich

belegen, dass Kuhlen die Botschaft ablehnte.

 

wandelt und hier haben wir im Laufe der Zeit zuviel Ungerechtigkeit erlebt und auch feststellen müssen, dass

sein Lehre oftmals von Ihrer Lehre abweicht.“ Hervorhebungen durch Kursivschrift von AG GNK.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

5.

Das Verhalten des Stammapostels Bischoff während

der Konflikte mit den Aposteln Ernst und Otto

Güttinger und Kuhlen

Das Verhalten des Stammapostels Bischoff in diesen Jahren ist gekennzeichnet durch ein

auf Christus bezogenes Amtsverständnis, eine resignative Haltung gegenüber einigen

Aposteln (insbesondere gegenüber Ernst und Otto Güttinger sowie Kuhlen), weil sie sich

nicht auf ihn ausrichteten, und eine auf Ausgleich, Einsicht und Versöhnung bauende

Seelsorge.

 

Gemäß § 2, Absatz 6 der Apostelsatzung von 1922 hatte das Apostelkollegium u.a. die

Aufgabe, „die Einheit der Kirche gegen auflösende Bestrebungen zu wahren“. Diese

Aufgabe nahm der Stammapostel als Kirchenoberhaupt für sich in Anspruch und beriet sich

allerdings bei solchen Angelegenheiten mit den Aposteln auf Apostelversammlungen.

Insofern war der Stammapostel durch die Apostelsatzung verpflichtet, bei Auflösungserscheinungen

eines Apostelbezirkes im Sinne der Apostelsatzung tätig zu werden. Aber

wann genau `Unruhen` in einem Apostelbezirk oder abweichendes Verhalten gegenüber

dem Stammapostel und der neuapostolischen Glaubenslehre als „auflösende Bestrebungen“

zu definieren sind und somit Handlungsbedarf (z.B. Führen von Aufklärungs-und

Schlichtungsgesprächen, Disziplinarmaßnahmen, Amtsenthebungen, Kirchenausschluss

oder Geduld, Versöhnlichkeit und Güte) durch den Stammapostel erforderlich wurde, war

nirgendwo im Einzelnen niedergelegt. Hier hatte der Stammapostel Einschätzungs-und

Beurteilungsspielräume, die es ihm erlaubten, den jeweiligen Einzelfall abzuwägen und erst

dann entsprechend zu reagieren.

 

Mit Blick auf den Güttingerkonflikt z.B. (1945-1954) entschied sich der Stammapostel, wie er

sich selber oft ausdrückte, `die Sache reifen zu lassen`. Diese Haltung ist bei Stammapostel

Bischoff nicht gleichzusetzen mit einem unverantwortlichen Wegschieben von Problemen.

Auch wenn die Nachkriegszeit ihm mehr Entscheidungs-und Handlungsspielräume zur

Verfügung gestellt hätte, wäre nicht auszuschließen, dass Stammapostel Bischoff gegenüber

Güttinger sich genauso (scheinbar) abwartend verhalten hätte, wie er es in der konkreten

historischen Situation getan hatte. Kennzeichnend für seine Amtseinstellung war, dass er

Gott und dessen Sohn grenzenlos vertraute und nur dann in ihrem Namen etwas unternahm,

wenn er auch ganz sicher war, dass es im Willen des Herrn liege. Und wenn er in einer

konkreten historischen Situation nicht diese Gewissheit hatte, unternahm er auch nichts, da

er nie seinen persönlichen, sondern nur den Willen Jesu zur Geltung bringen wollte. Eine

solche Haltung brachte ihm auf den ersten Blick betrachtet manchmal persönliche Nachteile,

die er aber um Christi Willen auf sich zu nehmen bereit war. Auch wenn er aufgrund seiner

Amtsbefugnisse nahezu unbegrenzte Regelungs-und Entscheidungsmöglichkeiten besaß

(außer in der Zeit vom 1. Januar 1950 bis 6. August 1951, Stichwort Satzungsänderungen),

so war er doch nur dann gewillt diese Machtfülle einzusetzen, wenn er damit meinte den

Willen des Herrn zu verwirklichen.

 

Stammapostel Bischoff ließ sich also in seiner Amtsführung allein vom Evangelium, von

Jesus Christus leiten und offenbart somit ein (extrem) christologisches Amtsverständnis. Die

Bergpredigt Jesu und dessen Verhalten in allen Lebenslagen wählte der Stammapostel zum

 

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Maßstab seines Handelns (auch im Bereich des Disziplinarischen). Zu einem solchen

Verhalten entschloss sich der Stammapostel bewusst. Güte und Versöhnlichkeit sind dann

prägende Eigenschaften, die jedoch das Umfeld unter Umständen als Handlungspassivität

wahrzunehmen geneigt ist.

 

Hierzu einige Beispiele:

 

1.

Im Zusammenhang mit der Dienstaltersbegrenzungsthematik führt der Bezirksapostel

Kuhlen (vermutlich) im Jahre 1948 in einem Schreiben an die Apostel aus,

„dass unser Stammapostel mit seinem weichen Herzen es gar nicht fertig bringt, einem Apostel, der

nach seinem Dafürhalten nicht mehr recht seine Arbeit tun kann, zu sagen, dass er in den Ruhestand

treten müsste. Einem Apostel van Oosbree gegenüber wäre ja eine solche Sprache und Handlung

schon vor über einem Jahrzehnt nötig gewesen. (...) Und wenn ich sagte, dass unser Stammapostel im

gegebenen Falle zu solchem Handeln nur schwerlich sich durchringen könnte, dann soll das kein

Vorwurf sein“.66

 

2.

In seinem „Manifest“ (1. August 1954) beschreibt Otto Güttinger die Entscheidungsträger

im Zusammenhang mit der großen Abspaltung der holländischen Gemeinden

in der Nachkriegszeit wie folgt:

„Nach jahrelangen Prozessverfahren, die bis zum höchsten Landesgericht Hollands führten, wurden auf

Grund der Vereinsstatuten die Lokale und das Vermögen der Gemeinde dem kleineren, mit der Einheit

[dem Stammapostel] verbundenen Gemeindeteil zuerkannt. – Die kluge, zielstrebige Arbeit des früheren

Bezirksapostels der Schweiz [Ernst Güttinger] in diesen holländischen Angelegenheiten brachte ihm

aber wenig Dank ein. Im Gegenteil! Der Stammapostel war zuinnerst gegen diese Prozesse. Dem

damaligen Apostel Jochems riet er: Lieber in kleinen Mietlokalen wieder von vorn anfangen:

Stuhl um Stuhl, Altar um Altar anschaffen, Gemeinde um Gemeinde aufbauen. – Die großzügige,

weitsichtige Art der zum Kampfe neigenden Kräfte [gemeint sind Ernst Güttinger und Kuhlen], dazu auch

in hervorragendem Maße der frühere Stammapostelhelfer Schlaphoff und holländische Ämter gehörten,

trugen den Sieg davon und erbrachte Seelen, Lokale, Gelder und Ansehen“ (S. 21f.).

 

Es verwundert doch sehr, wenn man vor diesem Hintergrund sich die (allerdings nicht

belegten) Behauptungen von Helmut Obst vergegenwärtigt, wonach Stammapostel

Bischoff einen autoritären Führungsstil gepflegt und mit Oppositionellen kurzen

Prozess gemacht habe.67 Aus den Beschreibungen der immerhin dem Stammapostel nicht

gerade gewogenen, ehemaligen Apostel Kuhlen und Otto Güttinger geht klar hervor, dass

Stammapostel Bischoff eben kein autokratischer Herrscher, sondern ein Seelsorger mit

einem zutiefst christologischen Amtsverständnis war.

 

Es wäre also vorschnell, wollte man das Verhalten des Stammapostels als entscheidungsunfreudig

charakterisieren.

 

Eine wesentliche Rolle bei allen Entscheidungen spielte das eigene Amtsverständnis, das

den Stammapostel prägte. Er verstand sich als Diener für die Gemeinde und alle Amtsträger.

 

66

Peter Kuhlen: „Gedanken zum Antrag des Apostels Hartmann, den Apostelbeschluss, wonach sämtliche

Amtsträger der Neu Apostolischen Kirche bei Vollendung des 65. Lebensjahres in den Ruhestand treten,

aufzuheben“. Nach Aussage einer Aktennotiz von Bezirksapostel Weinmann hat Kuhlen sein Schreiben allen

Aposteln vor Beginn der am 2. August 1948 stattfindenden Apostelversammlung in Quelle ausgehändigt.

 

67

Helmut Obst: Neuapostolische Endzeitkirche – eine exklusive Endzeitkirche? Neukirchen-Vluyn 1996, 50-64;

Helmut Obst: Apostel und Propheten der Neuzeit. Gründer christlicher Religionsgemeinschaften des 19. und

 

20. Jahrhunderts. Göttingen, 4., stark erw. und aktualisierte Aufl., 2000, 104-114, 208-217.

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Er wollte die Brautgemeinde des Herrn sammeln, schmücken und dem Herrn entgegenführen

(„Nimm sie alle“).

 

Bei Konflikten – selbst gegen sein eigenes Amt – war er nie geneigt vorschnell zu agieren.

Stammapostel Bischoff ging Konflikte von der Warte des Glaubens an (Stichwort: Teilhabe

an den Leiden seiner Amtsvorgänger,68 letztlich aber Teilhabe am Leiden Christi); er dachte

auch im Zusammenhang mit Konflikten gegenüber dem Stammapostel theologisch und nicht

primär aus der Warte persönlicher Betroffenheit. So wie Paulus seinerzeit meinte lediglich

die ersten Christen zu verfolgen, letztlich jedoch den auferstandenen Herrn verfolgte („Saul,

Saul, was verfolgst du mich? (...) Ich bin Jesus, den du verfolgst“69), so empfand der

Stammapostel auch die eigentlich gegen ihn gerichteten Attacken Güttingers: „Was nun die

Ansichten Ihres Vaters betrifft, so hat er in seinem Vornehmen den Kampf gegen den Herrn

aufgenommen, indem er dem Stammapostel einen anderen Platz anzuweisen sucht, als dies

der Herr getan hat (...)“.70 So vertraute er dem Herrn und überließ es Jesus, für ihn einzutreten

und die Angelegenheit zu regeln. Äußerungen vom Stammapostel wie: „es muss

alles reifen“, „das überlassen wir dem Herrn“ finden sich in der Korrespondenz häufig.

 

Sein Selbstverständnis von seinem Amt drückte der Stammapostel zum anderen mal in der

Schrift „Die göttliche Haushaltung“ von 1946 und 1947 aus:

 

„Ich habe nicht geherrscht, sondern gedient. Der jeweilige Stammapostel ist dessen ungeachtet Bruder

unter Brüdern, wie er auch Bruder unter den Geschwistern ist. Er hat den Auftrag, allen zu dienen, ohne

Ansehen der Person und ohne Rücksicht auf die Nationalität oder Rasse des Einzelnen“.71

 

Ob z.B. Ernst und Otto Güttinger, Kuhlen und einige andere Apostel diesen dienenden

Führungsstil des Stammapostels richtig verstanden haben, scheint aufgrund ihres

Verhaltens fraglich. Während Stammapostel Niehaus absoluten Gehorsam von den Aposteln

gegenüber seiner Person und seinem Amt nicht nur zu erwarten, sondern auch einzufordern

schien,72 ist der Führungsstil Stammapostels Bischoff als Dienen am Nächsten am besten zu

charakterisieren. Es fiel ihm schwer, streng durchzugreifen, und so konnte er auch nach 21

Jahren Amtszeit (1951) zu Recht behaupten: „Ich habe bis heute noch keinen Apostel

abgesetzt“.73

 

Neben den amtstheologischen Aspekten verdienen auch andere Aspekte Aufmerksamkeit

bei der Beurteilung des Verhaltens des Stammapostels. Oben wurde bereits geschildert, wie

kompliziert, ja eigentlich unmöglich es war, in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur

sowie in der Nachkriegszeit Verbindung und Einheit unter den Aposteln herzustellen.

Darüber hinaus war Stammapostel Bischoff offensichtlich immer häufiger krank geworden,

 

68 „Vater Krebs hat solches durchlebt, Vater Niehaus ebenfalls, und ich erwarte nicht, daß es mir in dieser

 

Hinsicht besser gehen soll als meinen Vätern“ (so Stammapostel Bischoff in einem Brief an die Apostel und

 

Bezirksvorsteher vom 10. April 1947).

 

69 Apg 9, aus 4f.; Hervorhebung des Kursivdrucks durch AG GNK.

70 Brief Stammapostels Bischoff an Otto Güttinger vom 20. September 1948.

71 Stammapostel Bischoff: Die göttliche Hausordnung. Als Brief an die Apostel und Bezirksvorsteher am 10. April

 

 

1947 (zuerst erschienen am 4. Januar 1946).

72 Stammapostel Bischoff berichtete Stammapostelhelfer Schlaphoff einmal von Otto Güttinger, dass dieser ihm

 

einen „Brief mit äußerst verletzendem Inhalt geschrieben“ habe. „Wenn das ein Apostel dem Vater Niehaus

 

gegenüber getan hätte, der hätte ihn sofort seines Amtes enthoben“ (Brief vom 17. September 1953, S. 3,

 

zugleich an alle Apostel versandt am 21. September 1953).

73 Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 16. März 1951.

 

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auch war er mittlerweile fast 80 Jahre alt. Schon kurz vor dem Zweiten Weltkrieg74 und auch

danach75 wandte sich Stammapostel Bischoff immer häufiger an die Apostel mit dem

Gedanken: „Grosse Sorgen um die Einheit der Apostel erfüllen mich gegenwärtig“.76

 

Es ist in diesem Zusammenhang auf die Spannungen im Apostolat zu verweisen. In dieser

Zeit wurde zum Teil kontrovers über die Frage der Kirchenleitung und damit verbunden über

eine neue Verhältnisbestimmung von Stammapostelamt und Apostelamt im Apostelkreis sich

auseinandergesetzt. Vorläufiger Höhepunkt dieser Auseinandersetzung waren die Apostelstatuten

1950, die die Position des Stammapostelamtes kirchenrechtlich betrachtet erheblich

schwächten. In dieser Situation war also der Handlungsspielraum des Stammapostels

erheblich eingeengt.

 

Der Stammapostel fühlte sich auch gegenüber den ausländischen Aposteln in seinem

Handlungsspielraum teilweise stark eingeschränkt. Gegenüber Otto Güttinger erwähnte er

am 6. Januar 1950:

 

„Ich stehe all diesen im Ausland vorhandenen Verhältnissen machtlos gegenüber. Nur durch mein Vorbild

kann ich wirken. Was kann ich machen, wenn Ihr Vater angeordnet hat, daß am 31. Dezember abends

kein Abendmahl gereicht wird?“.77

 

In persönlichen Seelsorgebriefen versuchte Stammapostel Bischoff den betroffenen

Glaubensgeschwistern und Amtsträgern, wenn sie sich in ihrer Not an ihn wandten, Halt und

Orientierung zu geben. So schrieb er z.B. dem Bezirksevangelisten Zimmermann

(Zofingen/Schweiz):

 

„Lassen sie sich durch keine Redereien in Ihrem Glauben, Hoffen und Lieben beirren. Wenn Sie mit mir

Verbindung halten und ihr Leben nach meinen Worten einstellen, dann erreichen Sie das Ziel“.78

 

Hinzu kam ein Helfer an seiner Seite, den er nicht akzeptierte: Kuhlen war gegen den Willen

des Stammapostels von 1948-1950 Stammapostelhelfer, und er verstand es, sich den

Aposteln als die geeignete Alternative zur Führung des Werkes Gottes neben dem Stammapostel

zu empfehlen. Mit der Wahl Kuhlens hatte der Stammapostel darüber hinaus ein

theologisches Problem, da der Herr ihm ja noch keinen Nachfolger gezeigt, die Apostel sich

jedoch hinter seinem Rücken auf Kuhlen verständigt hatten.

 

Stammapostel Bischoff hatte zu jener Zeit also keinen uneingeschränkten Rückhalt im

Apostelkreis. Dies änderte sich zwar merklich mit den neuen internationalen Apostelstatuten

1951 (6. August 1951), die das exklusive Verständnis vom Stammapostelamt wiederherstellten

und rechtsverbindlich festschrieben; grundlegend veränderte sich seine Position

jedoch erst 1954/1955 mit den Kirchenausschlüssen der Apostel Ernst und Otto Güttinger

(Sommer bzw. Herbst 1954) und Kuhlens (Anfang 1955).

 

74 Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 30. April 1938.

75 Stammapostel Bischoff: Die göttliche Hausordnung. Als Brief an die Apostel und Bezirksvorsteher am 10. April

 

 

1947 (zuerst erschienen am 4. Januar 1946).

76 Brief Stammapostels Bischoff an die Apostel vom 13. Juni 1950.

77 Brief Stammapostels Bischoff an Otto Güttinger vom 6. Januar 1950.

78 Brief Stammapostels Bischoff an Bezirksevangelist Ernst Zimmermann vom 23. Juni 1951.

 

Zur Vorstellung, dass ein Verbleiben beim Stammapostel die Erlangung des Glaubenszieles garantiere siehe

auch den Brief Stammapostels Bischoff an den Schweizer Bezirksältesten Arthur Keller vom 7. August 1954:

„Wer aus dem von mir gesteuerten Glaubensschiff aussteigen will, mag es tun. Die im Schiffe bleiben, werden

das Ziel erreichen“.

 

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Obwohl Stammapostel Bischoff seit 1938 immer wieder einmal Konflikte mit einigen Aposteln

hatte, war der Stammapostel bereit, z.B. für die Güttingerzeit einen Schlussstrich unter die

spannungs-und konfliktreichen Jahre der Vergangenheit zu ziehen und Güte und

Vergebungsbereitschaft zu praktizieren und somit Versöhnung stattfinden zu lassen:

 

„Inzwischen habe ich über alles reiflich nachgedacht und halte es für besser, wenn ich, nachdem wir den

großen Dienst am 5. August [1951] erlebt haben, das Dahintenliegende nicht mehr berühre. Ich habe die

Worte gesprochen, daß allen, die ihre Sünden erkennen, bereuen und unterlassen, volle Gnade zuteil

werden soll. Dementsprechend möchte ich über das Zurückliegende nicht mehr schreiben, sondern auf

dem neu gebahnten Weg in herzlicher Liebe zueinander weitergehen, um ein Segen für das Volk Gottes

zu sein und das Ziel zu erreichen. (...) Ich hoffe bestimmt, daß sich jetzt alles zum Besten wenden wird,

sofern die Apostel auf mein Wort achten und sich entsprechend einstellen“.79

 

Kennzeichnend für diese Einstellung des Stammapostels ist auch dessen in den Quellen

überlieferte Reaktion im Januar 1955 hinsichtlich des Wunsches aller Apostel, Kuhlen

aufgrund seines jahrelangen Fehlverhaltens nicht nur des Amtes zu entheben, sondern ihn

und die mit ihm Verbundenen auch aus der Kirche auszuschließen. Bezirksapostel

Weinmann berichtet, dass der Stammapostel auf der entscheidenden Apostelversammlung

in Frankfurt am 23. Januar 1955 gesagt habe:

 

„Nein, nicht ausschließen, denn so haben sie immer noch die Möglichkeit, zum Gottesdienst zu gehen und

unter das Wort zu kommen“.80

 

Bezirksapostel Rockenfelder – damals noch Bischof – drängte den Stammapostel

wiederholt, Güttinger in die Schranken zu weisen und gegen die Verantwortlichen im

Saarland juristische Schritte einzuleiten, für die er detaillierte anwaltliche Gutachten vorlegte,

doch der Stammapostel unternahm nichts dergleichen. In einem Brief an Geschwister im

Saarland schrieb er einmal:

 

„Ich habe in den 51 Jahren meiner Amtstätigkeit derart viel Unrecht dulden müssen, habe mich dabei aber

immer an das Wort des Psalmisten gehalten: `Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft` (Psalm 62,2). Ich

hätte manchmal diejenigen, die mir Unrecht zugefügt hatten, vor Gericht bringen können, habe es aber

nicht getan, weil ich von jeher überzeugt war, dass Jesus die Angelegenheiten der Seinen vertritt.“

 

Diese Einsicht war nicht das Resultat ermüdender Kämpfe der Vergangenheit, sondern sie

entsprang letztlich dem Amtsverständnis des Stammapostels vom Stammapostelamt.

 

Einheit mit ihm und seinem Amt verbürgte die Sicherheit, das Glaubensziel zu erreichen.81

Hingegen führten die Missachtung oder die Verwerfung des Stammapostelamtes zu

existentiellen Bedrohungen aller Betroffener.82 Und um dieses zu vermeiden, d.h. die folgen

 

 

79 Brief Stammapostels Bischoff an Otto Güttinger vom 22. August 1951.

80 Brief Bezirksapostels Weinmann an Stammapostel Schmidt vom 27. Oktober 1967.

81 „Wenn Sie mit mir Verbindung halten und ihr Leben nach meinen Worten einstellen, dann erreichen Sie das

 

 

Ziel“ (so Stammapostel Bischoff in einem Brief an Bezirksevangelist Zimmermann vom 23. Juni 1951).

 

82

„Der Ap. Güttinger von heute ist nicht mehr der Ap. Güttinger von vor 20 Jahren. Er hat in Holland den Geist

Oosbrees übernommen, der auch sagte: Ich dulde niemand über mir und niemand neben mir. Wie es Ap.

Güttinger die letzte Zeit machte, so haben alle Apostel begonnen, die gefallen sind. So hat es Klibbe in

Südafrika gemacht, dann Ap. Niemeier, Brückner und van Oosbree. Die Verwerfung des Stammapostels und

die persönliche Gleichstellung mit demselben hat für alle zum Tode geführt, und mit ihnen sind die Tausende

ins Verderben gerissen worden“ (so Stammapostel Bischoff in einem Brief an Bezirksältesten Keller vom 3.

März 1951; Hervorhebung durch Kursivdruck von der AG GNK). Und in einem Brief an Apostel Schneider sen.

führte der Stammapostel am 7. Mai 1951 aus: „Der Kampf gegen den Stammapostel ist von vornherein

 

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schweren Konsequenzen für abzufallende Apostel und deren Anvertrauten abzuwenden,

entschloss sich der Stammapostel zu der Praxis der Versöhnung und Güte, zu der er trotz

aller persönlicher Verunglimpfung bereit war.

 

Der Stammapostel selbst bezahlte für den jahrelang schwelenden und später offen

ausgetragenen Konflikt einen hohen persönlichen Preis: etliche schwere Nervenzusammenbrüche

und Schwächeanfälle beeinträchtigten seinen Gesundheitszustand über viele Jahre.

 

Seinen Grundsatz, „Ich bin stille und lasse den lieben Gott arbeiten“, sah der Stammapostel

nicht im Widerspruch zu einer oft praktizierten Vorgehensweise: Gegenüber den

Geschwistern, die sich Hilfe suchend an ihn wandten, machte er durch seine freimütigen

Äußerungen den Dissens zwischen sich und einigen Aposteln öffentlich. Damit unterstützte

er ungewollt z.B. den Prozess der Spaltung in „Stammaposteltreue“ und Anhänger

Güttingers in den saarländischen Gemeinden. Mit dem Argument, sie hätten schriftliche

Beweise des Stammapostels, dass dieser nicht mit Kuhlen und dem Apostelkollegium eins

sei, heizten etliche der „Gegner“ Güttingers im Saarland und später auch die „Gegner“

Kuhlens im Bezirk Düsseldorf den Konflikt an.

 

verloren. Das sollte sich jeder Apostel tief ins Herz schreiben, um bewahrt zu bleiben.“ Hervorhebung durch

Kursivdruck von der AG GNK.

 

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6. Zusammenfassung

Die oben geschilderten Konflikte sind nicht isoliert zu betrachten, sondern im historischen

Kontext einer insgesamt kritischen Situation unserer Kirche nach 1945.

 

Die Kombination von strukturellen Problemen und persönlichem Fehlverhalten führte in jener

Zeit zu den beschriebenen Spannungen, die schließlich zu einigen Abspaltungen führten

(Kuhlen/AG, Güttinger/VAC und Schmidt im Saarland).83

 

Als wesentliche strukturelle Probleme jener Zeit sind zu nennen:

 

•

Beschränkung der Handlungsvollmacht des Stammapostels durch das Kirchenrecht;

•

Unklarheit über die Rolle des kirchenleitenden Amts;

•

mangelnde Einsicht in den Offenbarungscharakter der Botschaft des Stammapostels

und die damit verbundene Missachtung der Amtsautorität des Stammapostels;

•

unzureichende Einsicht in den dienenden Führungsstil des Stammapostels; mangelnde

Bereitschaft einiger Apostel, die Wertvorstellungen des Stammapostels zu übernehmen

(Stichwort inflatorischer Gebrauch von Wertvorstellungen);

•

Mangel an Konsens und Kommunikation zwischen dem Stammapostel und den

Aposteln;

•

widerstreitende Interessen und das Ringen um Einflusssphären in einer Umbruchsphase

der Kirche; unzulässige Vermengung von persönlichen Interessen (Profilierungssucht

egozentrischer Persönlichkeiten) und der Ausübung des Amtes mit dem

Ziel der Ausübung von Macht und dem Ergebnis von Machtmissbrauch;

•

Mangel an Konzepten zur Eindämmung von Konflikten auf der kirchlichen Leitungsebene;

•

Verselbstständigungstendenzen in einzelnen Apostelbezirken unter Ausnützung politischer

Gegebenheiten.

Die Konflikte jener Zeit zeigen, dass das Verhältnis zwischen dem Stammapostel und den

Aposteln in der Nachkriegszeit so angespannt war, dass Differenzen nicht offen

angesprochen und im persönlichen Gespräch ausgeräumt werden konnten. Auch in den

Apostelversammlungen scheint es nicht zu klärenden Gesprächen über die unterschiedlichen

Standpunkte gekommen zu sein. In der Regel dauerten die Versammlungen

nicht länger als zwei bis drei Stunden, und dies bei meist umfangreicher Tagesordnung, die

neben administrativen Fragen auch so schwerwiegende Themen wie die Konflikte in Holland

und im Saarland, die Frage der Dienstaltersgrenze und der Verlags-und Presseangelegenheiten

sowie die strittigen Satzungsentwürfe für das Apostelkollegium enthielt.

Vielsagend ist die Tatsache, dass die Apostel in einer der Apostelversammlungen (27. März

1951) es offensichtlich für notwendig hielten, dem Stammapostel (den sie zuvor bei nahezu

allen Konfliktthemen überstimmt hatten) ihr Vertrauen auszusprechen und dies als

schriftliche Erklärung dem Protokoll beizufügen.

 

83

Die Konflikte in Holland und Südafrika sowie die Botschaftsthematik mussten ausgeklammert werden, da die

AG GNK diese Themen noch nicht aufbereiten konnte.

 

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Im Zusammenhang mit dem Autoritätsverlust des Stammapostels bei einigen Aposteln (nicht

bei den Kirchenmitgliedern!) in der Nachkriegszeit sind verschiedene Faktoren zu nennen.

 

Zu den persönlichen Faktoren zählen das fortgeschrittene Alter des Stammapostels und sein

angegriffener Gesundheitszustand, der von einigen Aposteln als Zeichen von Schwäche

interpretiert wurde.

 

Als innerkirchlicher Faktor ist die kriegsbedingte Stärkung der Rolle der Apostel zu nennen.

Während des Krieges hatte der Stammapostel seine Leitungsfunktion nur eingeschränkt

wahrnehmen können. Die so gewonnene Selbstständigkeit und gewachsene Verantwortung

der Apostel führte nach dem Krieg zu einer stärkeren Betonung der Rolle des Apostelkollegiums.

 

 

Die politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse in der Nachkriegszeit begünstigten zudem die

Forderung nach Ablösung von Führungspersönlichkeiten, die während der Zeit des

Nationalsozialismus Verantwortung getragen hatten. Diese Tendenzen griff Ernst Güttinger

mit seinen Forderungen auf, das Apostelkollegium als quasi „demokratisches“ Führungsorgan

an die Stelle des Stammapostels zu setzen bzw. die Amtszeit des Stammapostels

zeitlich zu befristen und das Amt im Sinne eines Rotationsprinzips neu zu besetzen. Zwar

wurden diese Gedanken in ihrer Radikalität von der Mehrheit der Apostel abgelehnt, doch

Überlegungen einer Verlagerung von Führungskompetenzen auf die Apostel war man

grundsätzlich nicht abgeneigt. Insofern ist Ernst Güttinger in gewissem Sinn als extremer

Exponent einer unklaren und konturlosen Grundstimmung im Apostolat zu sehen. Für diese

Annahme spricht die Tatsache, dass Güttingers Angriffe auf den Stammapostel bei den

übrigen Aposteln nicht auf entschiedenen Widerspruch stießen und man Ernst Güttinger im

Apostolat nicht isolierte. Die stillschweigende Billigung seines Vorgehens z.B. im Saarland

durch das Apostelkollegium ist einer der Gründe dafür, dass sich der Konflikt zu einer

Spaltung ausweiten konnte.

 

Ernst Güttinger benützte u.a. den Saarlandkonflikt, um seine Einflusssphäre zu erweitern;

Kuhlen nützte ihn, um sich als vermeintlich überparteilicher Versöhner und Schlichter zu

profilieren, seine Führungsqualitäten herauszustellen und sich als der geeignete Mann an

der Spitze zu empfehlen. Objektiv begünstigte er Ernst und Otto Güttinger und unterstützte

deren Opposition zum Stammapostel, wie dies auch auf anderen Konfliktfeldern zu

beobachten war.

 

Das Verhalten des Stammapostels in diesen Jahren zeigt klar, dass das vielfach von

Stammapostel Bischoff gezeichnete Bild eines autokratischen Herrschers ein Zerrbild ist,

das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Weder pflegte Stammapostel Bischoff einen

„autoritären Führungsstil“, noch machte er mit Oppositionellen „kurzen Prozess“, wie

fälschlicherweise bis heute in einschlägiger Literatur behauptet wird.84 Wenn z.B. Kurt Hutten

(1901-1979, evangelischer Theologe und Leiter der Evangelischen Zentralstelle für

Weltanschauungsfragen) zu der Schlussfolgerung kommt, das Vorgehen des Stammapostels

gegen die „Saar-Opposition“ sei beispielhaft für die gnadenlose Härte J.G. Bischoffs

im Umgang mit Andersdenkenden85, so stellt dies die Geschichte geradezu auf den Kopf.

Stattdessen zeigt sich uns Stammapostel Bischoff nicht nur im Konfliktfall Saarland als

äußerst duldsamer, auf Ausgleich, Einsicht und Versöhnung bauender Seelsorger, der

 

84 H. Obst, Neuapostolische Kirche – die exklusive Endzeitkirche?, Neukirchen-Fluyn 1996, S. 61.

85 K. Hutten, Brandherd im Saarland, Materialdienst Nr. 5/1956 S. 49 ff, Stuttgart 1956.

 

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Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955, Entwicklungen und Probleme

 

seinen Führungsauftrag primär geistlich verstand und von der ihm gegebenen Amtsmacht

nur verhalten Gebrauch machte.

 

Die fehlende Ausrichtung einiger Apostel am Stammapostel ist deshalb als eine der

tieferen Ursachen der Konflikte zu betrachten.

 

Dass die Apostel im Gegensatz zum Stammapostel über einen erstaunlich langen Zeitraum

die Verhältnisse in den verschiedenen Konflikten falsch einschätzten und fortgesetzt verkehrte

Entscheidungen trafen, ist glaubensmäßig als vermutlich unvermeidliche Konsequenz

ihres fehlenden Einsseins mit dem Stammapostel zu betrachten.

 

Die Botschaft des Stammapostels Bischoff – das sei abschließend noch einmal festgehalten

– ist nicht die Ursache für die oben beschriebenen Probleme. Die Botschaft wurde

von Kuhlen und Otto Güttinger (bei ihm allerdings erst nach dem Kirchenausschluss!) mit

dem Ziel instrumentalisiert, ihre Trennung von der Kirche zu begründen.

 

Die Verantwortlichkeit für die Entwicklung und Probleme sowie die daraus resultierenden

Folgen der Neuapostolischen Kirche von 1938 bis 1955 tragen im Wesentlichen einige

Apostel, deren Ausrichtung auf den Stammapostel und deren Zusammenarbeit mit ihm

defizitär waren. Zu ihnen gehörten maßgeblich die Apostel Ernst und Otto Güttinger und

Apostel Kuhlen.

 

Zürich, 06.11.2007

 

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