für die Mitglieder der "Apostolischen
Gemeinde"
und für deren Freunde
Liebe Geschwister!
Es ist Euch inzwischen bekannt geworden, was auf der Apostelversammlung zu Frankfurt am Main, am 23. Januar 1955, vorgegangen ist.
Die Apostel, Bischöfe und Bezirksältesten des Apostelbezirks Düsseldorf wurden daselbst beschuldigt, in grundsätzlichen Glaubensanschauungen von der Lehre des Stammapostels abzuweichen und hierin gegen ihn gearbeitet zu haben, sowie ihm gegenüber ungehorsam gewesen zu sein.
In einer kurzgefassten Ansprache habe ich dazu namens meiner Mitbrüder wie folgt Stellung genommen:
"Da zu einer wirklich gründlichen Orientierung über das Entstehen und die Entwicklung der Verhältnisse bis zum gegenwärtigen Zustand in unserem Bezirk eine eingehende Schilderung der Ursachen, die hierzu geführt haben, notwendig wäre, dieses aber viele Stunden Zeit erfordern würde, erwähnen wir nur einiges von dem, was zur Sache spricht:
Seit langer Zeit mehren sich die Fälle, dass besonders von Amtsbrüdern Klagen gegen uns an den Stammapostel geschrieben wurden. Hauptpunkt der Anklagen dieser Briefschreiber war das Argument, dass wir die vom Stammapostel seit einigen Jahren verkündigte Botschaft, dass der Herr Jesus noch während des Stammapostels Lebzeit wiederkäme, nicht verkündigten, sondern nur - wie von jeher - auf das zu jeder Stunde mögliche Kommen des Herrn und die stete Bereitschaft auf sein Erscheinen hinwirken.
Bemerkt sei noch, dass diese Anklagebriefe uns durchwegs nicht zur Stellungnahme zugesandt worden sind und dass wir auch die Antwortschreiben des Stammapostels nicht zur Kenntnisnahme erhielten.
In manchen der uns zu Gesicht gekommenen Antwortschreiben des Stammapotels an diese Verkläger wurde jenen mitgeteilt, dass sie keinem Amtsträger mehr folgen brauchten, der nicht die erwähnte Botschaft verkündige. Und da wir solches nicht in der von den Briefschreibern gewünschten Form taten, wurde von denselben überall unter Vorzeigen der Stammapostelbriefe Misstrauen und Widerstreben gegen uns verbreitet.
In letzter Zeit sind dann - angeregt durch entsprechende Artikel in den Zeitschriften der Neuapostolischen Kirche und unterstützt durch die Besitzer erwähnter Stammapostelbriefe - in mehr und mehr Gemeinden Brüder und Geschwister dazu übergegangen, uns zu erklären, sie lehnten uns ab, sie folgten uns nicht mehr, weil wir nicht fest zu der bekannten Stammapostelbotschaft ständen. Das hat zu sehr schlimmen Zuständen geführt, die allmählich so furchtbar wurden, dass ziemlich zum gleichen Zeitpunkte - gewissermassen schlagartig - von uns gefordert wurde, wir sollten die Botschaft von der Wiederkunft Christi zu des Stammapostels Lebzeit verkündigen oder abtreten.
In höchster Gewissensnot haben wir dann jenes Schreiben an den Stammapostel gerichtet, welches die Begründung enthält, warum wir uns nicht zu der Verkündigung einer solchen Botschaft verstehen können. Dieser Brief wurde am 6. Januar 1955 verfasst, am 7. Januar 1955 an den Stammapostel abgesandt, am 9. Januar 1955 allen Gemeindevorstehern vorgelesen, am 14. Januar 1955 allen Amtsbrüdern ausgehändigt und am 16. Januar 1955 an die Gemeindeglieder unseres Bezirks zur Verteilung gebracht.
In den Gemeinden wurde am 16. Januar 1955 ausserdem ein Schreiben vorgelesen, worin über gewisse Vorkommnisse innerhalb etlicher Gemeinden berichtet wurde.
Der Stammapostel schrieb dann am 13. Januar 1955 einen Brief, wonach die nicht mehr im Amte befindlichen Brüder Arenz, Haering und andere wieder in ihrem Amt zu bestätigen seien und Apostel Schmidt die seelische Pflege der Brüder und Geschwister übernehmen würde, die nicht mehr unter unserer Hand bleiben wollten.
Am Abend des 15. Januars 1955 erhielten wir dann ein Telegramm vom Stammapostel, womit er vor der Verteilung unseres (mit Datum vom 6. Januar 1955 an den Stammapostel gerichteten) Schreibens an die Gemeindeglieder ernstlich warnte und uns evtl. Gegenmassnahmen androhte. Die Stellungnahme zu dem Brief des Stammapostels vom 13. Januar 1955 und weshalb wir die Verteilung der Briefe an die Gemeindeglieder trotz des hiervor warnenden Telegramms vorgenommen haben, ist in einem Schreiben vom 17. Januar 1955 an den Stammapostel niedergelegt.
Noch einmal betonen wir, dass die Verteilung des bekannten Briefes an die Gemeindeglieder unsererseits ein Akt bitterster Notwehr war, da beim Empfang des Telegramms bereits einschneidende Massnahmen gegen uns im Gange waren und wir keine andere Möglichkeit mehr sahen, unsern Glaubensstandpunkt zu rechtfertigen.
Abschliessend erklären wir, dass wir uns an dem gegenwärtig eingetretenen Zustand äusserster Spannung unter Amtsbrüdern und Geschwistern unseres Bezirkes unschuldig fühlen; denn wir haben nichts anderes getan, als uns in unserer Lehrverkündigung an die Glaubensartikel der Neuapostolischen Kirche und die für immer gültige Lehre Christi zu halten, ohne davon etwas abzutun, noch hinzuzufügen."
Nach dieser kurzgefassten Verteidigung wurden wir ersucht, uns für einige Zeit in einen andern Raum zu begeben, wo wir etwa eine Stunde warten mussten, bis zuerst wir Apostel zur Entgegennahme des Urteilsspruchs hereingerufen wurden. Apostel Hahn, als in jener Versammlung fungierender Schriftführer, las uns dann den Beschluss des Stammapostels und des Apostelkollegiums vor, wonach wir wegen grundsätzlicher Meinungsverschiedenheit gegenüber der Glaubenslehre des Stammapostels und wegen groben Ungehorsams gegen seine Anordnung, als Apostel und Mitglieder des Apostelkollegiums untragbar geworden seien und unseres Amtes enthoben werden müssten. Das Apostelkollegium empfahl uns, freiwillig vom Amte zurückzutreten.
Auf diese Empfehlung des Apostelkollegiums konnten wir nicht eingehen, da wir uns keiner Schuld bewusst sind.
Nach unserem Weggang wurde dann beschlossen, dass wir Apostel unseres Amtes enthoben und aus der Neuapostolischen Kirche ausgeschlossen seien.
Den Bischöfen und Bezirksältesten unseres Bezirks wurde eröffnet, sie seien vorerst von ihrem Amte suspendiert mit der Massgabe, dass sie unter Umständen unter der Leitung des Apostels Walter Schmidt weiterhin in ihrem Amte dienen könnten.
Noch vor unserer Heimfahrt schrieben die Bischöfe und Bezirksältesten im Bahnhofwartesaal zu Frankfurt (Main) einen eingeschriebenen Brief an den Stammapostel, dass sie nach wie vor zu den Aposteln Kuhlen, Dehmel und Dunkmann und zu der von ihnen verkündeten lauteren Lehre Christi ständen und es ablehnten, unter der Hand des Apostels Walter Schmidt zu dienen.
Am Montag, dem 24. Januar 1955, waren wir dann in Düsseldorf zusammen, um über den nunmehr eingetretenen Zustand und über das für die Zukunft Notwendige zu beraten. Dabei kamen wir zu dem einmütigen Entschluss, weiterhin getreu unserem göttlichen Sendungsauftrag für Jesum und die Seinen zu wirken.
Unser Zusammensein war gleichzeitig die Gründungsversammlung für die "Apostolische Gemeinde" mit dem Sitz in Düsseldorf. In dieser wahrhaft "Apostolischen Gemeinde" werden wir Apostel schaffen als Botschafter an Christi Statt und mit allen Dienern des Gotteshauses, die nicht wanken und weichen wollen von den ewig unabänderlichen Grundlagen unseres Glaubens, wie solche in der Heiligen Schrift verankert sind, arbeiten zur Ehre Gottes, zur Verherrlichung des Namens Jesu, zu erquickender Liebesarbeit im Geiste Christi für alle Mühseligen und Beladenen und zur ernsten Bereitmachung auf den nahen Tag der Vereinigung mit dem Seelenbräutigam Jesus, unserm Herrn.
Nun aber kommen in vielen Herzen bange Fragen auf, ob denn jemand noch als Apostel wirken könne, wenn er durch den Stammapostel seines Amtes enthoben ist, ob denn ein Gelöstsein vom Stammapostel nicht den Tod nach sich ziehe, ob der Stammapostel denn hinsichtlich der Lehre nicht ausschlaggebend wäre usw. usw.
Hierzu einige Erläuterungen: Der entsetzliche Kampf in den Seelen, die nunmehr vor schwerste innere Entscheidungen gestellt werden, hat zum sehr grossen Teil seine Ursache darin, dass seit vielen Jahren langsam aber sicher aus der ursprünglichen Lehre Christi, der lauteren Apostellehre gemäss den Evangelien der Heiligen Schrift innerhalb der Neuapostolischen Kirche eine Stammapostellehre geworden ist. Die Verirrung ist darin so weitgehend, dass uns in letzter Zeit von vielen Brüdern und Geschwistern der Vorwurf gemacht wurde, wir predigten Jesulehre anstatt Stammapostellehre. Diese Rügen empfinden wir freilich als Anerkennung dafür, dass wir nicht gewichen sind von dem einmal gelegten Grund, welcher ist Christus!
Von vielen kaum bemerkt wurde in der Neuapostolischen Kirche der Einfluss der Apostel immer geringer und statt dessen zielbewusst ein "Einmannsystem" aufgebaut, welches dem Stammapostel eine Machtstellung zuspricht, die durchaus nicht mehr dem entspricht, was einst einem Petrus von seinem Herrn als Aufgabe geworden ist. Der Stammapostel wurde praktisch an die Stelle von Jesu gesetzt, wurde zu einer Gottähnlichkeit erhoben, die absolut unbiblisch ist und die zur Folge hat, dass der Stammapostel gewissermassen als unfehlbar gilt und auch der leiseste Zweifel an seinem Wort und an seiner Lehre den ewigen Tod zur Folge haben würde.
Dass gar der Stammapostel sich seit längerer Zeit als das Haupt des Leibes Christi bezeichnet, ist ein gründlicher Irrtum, was nachstehende Bibelstellen deutlich machen:
"Christus ist das Haupt der Gemeinde und er ist seines Leibes Heiland" (Epheser 5, 23).
"Lasset uns aber rechtschaffen sein in der Liebe, und wachsen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus" (Epheser 4, 15)!
"Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde, er, welcher ist der Anfang und der Erstgeborene von den Toten, auf dass er in allen Dingen den Vorrang habe" (Kolosser 1, 18).
Wenn der Stammapostel weiterhin behauptet, er sei der Weinstock und die Apostel seien die Reben, dann steht das in krassem Widerspruch zu den Worten Jesu: "Ich bin der rechte Weinstock" (Johannes 15, 1), und "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben" (Johannes 15, 5). Mit diesen Worten wurden alle Apostel einschliesslich Petrus als Reben an ihm, dem Weinstock, bezeichnet.
Wenn heute in der Neuapostolischen Kirche gelehrt wird, dass Petrus als Stammapostel unter den Aposteln der Urkirche dieselbe Funktion innegehabt habe wie gegenwärtig der Stammapostel, so ist hierzu zu sagen, dass Petrus zu seiner Zeit sich niemals berufen fühlte, Apostel zu senden und Apostel abzuberufen; denn das gehörte nicht zu seinem Auftrag. Apostel sind Gesandte Jesu und nicht Gesandte des Stammapostels, was aus zahlreichen Schriftstellen klar hervorgeht. Es seien deren einige erwähnt:
"Gott hat gesetzt in der
Gemeinde aufs erste die Apostel . . ." (1. Kor. 12, 28).
"Und Er hat etliche zu Aposteln gesetzt . . ." (Epheser 4, 11).
" Diese Zwölf sandte Jesus" (Matth. 10, 5).
"Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe" (Matth. 10,
16).
Nirgend in der Heiligen Schrift lesen wir: "Ich sende einen Stammapostel, und dieser wird dann die Apostel senden."
Der grosse Völkerapostel Paulus, dessen Apostolat Christi wohl kein gläubiger Christ bestreitet, sagte diesbezüglich von sich: "Paulus, ein Apostel nicht von Menschen, auch nicht durch Menschen, sondern durch Jesum Christum und Gott, den Vater, der ihn auferweckt hat von den Toten" (Galater 1, 1). Dieser grosse Apostel unseres Herrn und Heilandes hat sein Apostelamt nicht durch Petri Hand emfangen und hat dem mehrfach von Jesu Lehre abweichenden Petrus sogar heftig widerstanden und widersprochen, ohne dass Petrus deshalb den Paulus seines Apostelamtes enthoben hätte; denn dazu hatte Petrus weder Macht noch Befugnis.
Wenn in der Neuapostolischen Kirche so gerne des Stammapostels Amt und Wirken mit dem Aufrag Petri durch Christum verglichen wird, so ist dem folgendes entgegenzuhalten:
Petrus ist nie absolut regierender und alleinlehrender, befehlender und in allen Dingen der Kirche Christi entscheidender Stammapostel im Sinne heutiger neuapostolischer Auffassung gewesen, vielmehr war er unter seinen Mitaposteln der "Primus inter pares", das heisst: Der Erste unter Gleichen!
Jesus sagte zu seinen Jüngern: "Einer ist euer Meister, Christus!, ihr aber seid alle Brüder" (Matth. 23, 8).
Jesus hat dem Apostel Petrus einst die Verpflichtung auferlegt: "Stärke deine Brüder" (Lukas 22, 32), also seinen Mitaposteln eine Hilfe zu sein in Schwachheit, ihnen beizustehen in Sorgen und Nöten, unter ihnen einigend und den Brudersinn fördernd zu wirken; aber niemals war es Petri Auftrag, einen seiner Mitapostel als Apostel abzusetzen oder aus der Kirche auszuschliessen.
Wie aber ist es gegenwärtig in der Neuapostolischen Kirche? Hat dort der Stammapostel nicht päpstliche Alleinherrschaft erlangt? Ja, mehr als das?
Hierzu sei ein Beispiel aus jüngster Geschichte der römisch-katholischen Kirche angemerkt: Vor einiger Zeit hat der Papst zu Rom die leibliche Himmelfahrt der Maria zum Dogma erklärt. Vorher galt wohl innerhalb der römisch-katholischen Kirche die Himmelfahrt Marias als wahrscheinlich und wurde gläubig für wahr gehalten; jedoch bestand bis dahin nicht die Lehre, dass Marias Himmelfahrt eine absolut gewisse Sache sei. Der Papst hat dann sein Vorhaben zur Dogmaerklärung der Himmelfahrt Marias sämtlichen Kardinälen auf der ganzen Erde zur Stellungnahme vorgelegt. Und in aller Freiheit des Gewissens haben die Kardinäle dem Papst ihre Glaubensansicht übermittelt. Nach Zeitungsberichten zu urteilen, sprach sich damals eine Mehrheit der Kardinäle für dieses Dogma aus, aber anderseits erhob auch ein sehr grosser Prozentsatz der Kardinäle Bedenken, ja, äusserte sich teils sehr entschieden dagegen. Auf Grund der Mehrheitsansicht der Kardinäle hat der Papst dann die Himmelfahrt Marias zum Dogma der römisch-kartholischen Kirche erhoben. Jedoch hat wohl noch niemand gelesen, dass irgendeiner der Kardinäle, welche dem Papst in aller Offenheit ihre Bedenken und ihre widersprechende Ansicht kundtaten, wegen solch offenen Bekenntnisses seines Amtes als Kardinal verlustig gegangen wäre. Und von den hunderttausenden Geistlichen der römisch-katholischen Kirche ist auch nicht ein einziger seines Amtes entsetzt worden, weil er dieses neue Dogma nicht gepredigt, sondern mit Schweigen übergangen hat.
In der Neuapostolischen Kirche aber hat sich folgendes zugetragen: Weihnachten 1951 hat der Stammapostel - ohne vorher seinen Mitaposteln solches vorgetragen oder sie gar um ihre Ansicht hierüber befragt zu haben - in der Gemeinde zu Giessen die neue Botschaft verkündigt, dass der Herr Jesus noch zu seiner Lebzeit wiederkommen und er nicht mehr sterben werde. Erst mehrere Wochen nach der Verkündigung einer solchen Botschaft vor den Geschwistern der Gemeinde zu Giessen wurde den Aposteln der stenographische Bericht über die in Giessen vom Stammaspostel gemachten Ausführungen "als Drucksache" ohne jedes Anschreiben und ohne irgendeine Anweisung, was damit zu geschehen habe, zugestellt. Danach hat der eine Apostel direkt, der andere etwas später und noch ein anderer sehr viel später diesen Gottesdienstbericht in seinem Bezirk veröffentlicht.
Diese Stammapostelbotschaft, von welcher der Stammapostel in mehreren grossen Gottesdiensten sagte, er habe keine Veranlassung, Näheres darüber zu sagen, wurde dann mit zunehmender Eindringlichkeit gepredigt, in den neuapostolischen Zeitschriften als das Wichtigste in unserem Glaubensleben hingestellt und von dem Glauben oder Nichtglauben an dieselbe die Annahme oder Verwerfung beim Erscheinen Christi abhängig gemacht.
Die Botschaft des Stammapostels, dass er nicht mehr sterben würde, ist mittlerweile das A und das O neuapostolischer Predigt geworden. Zahlreiche Amtsbrüder sind, weil sie die Botschaft nicht lehrten, ihres Amtes enthoben worden. Selbst Apostel sind leiblich und seelisch zusammengebrochen, weil man sie unter gewaltigen Gewissensdruck setzte und ihnen vorwarf, sie hätten die Stammapostelbotschaft nicht, oder nicht nachdrücklich genug, oder erst sehr verspätet, verkündigt. Und neuerdings wird von höchsten Autoritäten der Neuapostolischen Kirche in aller Schärfe gelehrt und geschrieben, dass die Gemeindeglieder keinem Apostel und Amtsträger mehr folgen sollen, der nicht die bekannte Botschaft predigt. Ein Apostel hat sich kürzlich in seiner Ansprache im Gottesdienst sogar zu der Äusserung hinreissen lassen: "Wer diese Botschaft nicht lehren will, der soll hinter dem Altar verschwinden!" Andere Apostel lehren in unbarmherziger Weise, dass nur solche unter die Gnade kommen, welche an die Botschaft des Stammapostels glauben.
Geht es bei den Neuapostolischen also nicht unduldsamer zu als in irgend einer anderen Kirche? Und ist nicht der Stammapostel in seinem Handeln absolutistischer und päpstlicher als der Papst?
Viele Apostel de Neuapostolischen Kirche sagen bei der Freisprache nach dem von der Gemeinde gebeteten "Unser Vater": "Im Auftrage des Stammapostels sind euch eure Sünden vergeben." Und gleichfalls führen solche Apostel die Versiegelung durch: "Im Auftrage des Stammapostels". Ist das in Ordnung? Oder ist es richtig, wie Paulus schrieb: "So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott." (2. Kor. 5, 20).
Es ist irreführend, wenn der Stammapostel als der Lehrer bezeichnet wird, nach dessen Lehre sich alle anderen Apostel auszurichten hätten; denn Jesus sagte zu allen Aposteln: "Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende" (Matth. 28, 19-20). Jesus hat seinen Sendungsbefehl und Lehrauftrag nicht an einen Apostel gerichtet, sprach er doch ganz klar in der Mehrheit zu allen seinen Aposteln.
Zu sämtlichen Aposteln sagte Christus: "Ihr seid das Licht der Welt" (Matth. 5, 14), demzufolge ist das Licht der Erkenntnis nicht allein bei einem Apostel.
Paulus schrieb von dem Amt der Klahrheit, das den Geist gibt (2. Kor. 3, 8) und meinte damit die allen Aposteln gegebene Klarheit und die Macht, den Heiligen Geist zu spenden.
In Lukas 10, 16 steht immer noch geschrieben: "Wer euch hört, der hört mich", womit alle Apostel angesprochen wurden und woraus hervorgeht, dass der Herr nicht nur durch einen Apostel redet.
Es stimmt auch nicht, dass nur der Stammapostel Löse- und Bindegewalt vom Herrn empfangen hat, denn in Matthäus 18, 18 lautet es ganz klar: "Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein." Solches sprach Jesus zu allen seinen Aposteln.
Die Macht, Sünden zu vergeben, ist ebenfalls nicht nur einem Gesandten des grossen Sünderheilandes Jesus gegeben worden, lesen wir doch in Johannes 20, 23: "Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten." Alle Apostel Jesu Christi tragen also das Amt der Gnade und sind ausgerüstet, die Freisprache von Sünden und die erlösende Liebestat Christi zu spenden.
Nicht allein ein Apostel hat von dem Seelenbräutigam Jesus den Auftrag, die Brautgemeinde zuzubereiten auf die Hochzeit mit Christo im Himmel, denn desgleichen war schon die Tätigkeit der Apostel der Urkirche, wie auch Paulus schrieb: "Ich eifere um Euch mit göttlichem Eifer; denn ich habe euch vertraut einem Manne, dass ich eine reine Jungfrau Christo zubrächte" (2. Kor. 11, 2).
Wie sehr ist man doch bei den Neuapostolischen allmählich von der biblisch festgelegten klaren Linie abgewichen, und wie gründlich hat sich doch die in keiner Weise vertretbare Auffassung durchgesetzt: "Der Stammapostel hat immer recht", so dass ein menschliches Irren beim Stammapostel als ausgeschlossen gilt, während ähnliches von keinem Apostel der Urkirche auch nur im entferntesten in der Heiligen Schrift behauptet wurde.
Zu einer nüchternen Glaubensentscheidung sind unzählige Neuapostolische gar nicht mehr fähig, da sie es als Sünde ansehen, auch nur den leisesten Zweifel an der Richtigkeit eines Stammapostelwortes zu hegen. Das ist die Folge der Predigt, dass man einfach glauben müsse, ohne zu überlegen. Die These, die einer der Apostel zu Neujahr vorigen Jahres an viele Freunde als Gruss richtete: "Nicht denken, nicht meinen, nur glauben!" ist so recht dazu angetan, das Gewissen zum Einschlummern zu bringen. Es gibt manche Amtsbrüder, die erklären, sie lehrten die Botschaft von der Wiederkunft Christi zur Lebzeit des Stammapostels ganz beruhigt, weil ihr Apostel ihnen die Verantwortung dafür abgenommen habe.
So haben es sich viele Neuapostolische sehr bequem gemacht und bedenken nicht, dass jeder an seinem Teile für sein Tun verantwortlich ist und keiner an der Entscheidung für oder gegen die Wahrheit vorbeikommt.
Weshalb ist es nicht gestattet, Näheres über die Art und Weise, wie Jesus dem Stammapostel geoffenbart haben soll, dass der Herr zu seiner Lebzeit käme und er nicht mehr sterben würde, zu erfragen? Warum ist eine eingehende Prüfung dieser Botschaft auf ihren göttlichen Ursprung nicht erlaubt? Wie vereinbart sich solches Verbieten des ernstlichen Nachprüfens mit den Worten der Heiligen Schrift: "Prüfet aber alles, und das Gute behaltet." (1. Tess.1, 21), oder : "Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind." (1. Joh. 4, 1)?
Belehrte der Paulus Apostel nicht die Gemeinde mit den Worten: "So selbst ein Engel vom Himmel würde euch Evangelium predigen anders, denn das wir euch gepredigt haben, der sei verflucht." (Gal. 1, 8)? Und hat er damit nicht ausdrücklich zur Überprüfung aller Botschaften, selbst wenn sie von einem Engel gepredigt werden, ermahnt und aufgefordert?
Was würde im übrigen jeder logisch denkende Mensch davon halten, wenn ein Kaufmann Ware anbietet und dieselbe in höchsten Lobtönen preist, dann aber die Bitte des Kaufwilligen, die Ware doch einmal näher in Augenschein nehmen zu dürfen, erwiderte: "Man muss mir halt glauben, dass die Ware gut ist, eine Nachprüfung kann ich nicht gestatten!"? Oder, falls jemand einen Bericht über Erlebtes schilderte und auf die Fragen der Zuhörer nach näheren Einzelheiten antwortete: "Ich habe keine Veranlassung, hierzu Näheres zu sagen.", so würde solches Verhalten Zweifel an der Echtheit des Berichtes auslösen.
Alles wahrhaft Gute und Echte braucht doch wirklich keine genaue Untersuchung zu fürchten.
In der Neuapostolischen Kirche wird - was früher anders war - blinder Gehorsam gefordert und ernstes Nachdenken darüber, ob es sich wohl also verhält, wie der Stammapostel lehrt, als Unglaube gebrandmarkt. So ist eine unsagbare Furcht in den Reihen der Neuapostolischen entstanden, bei nicht absolutem Glauben an des Stammapostels Botschaft das ewige Leben zu verlieren. Jeder wiegt sich dabei in dem Gedanken ein: "Wenn ich alles einfältig glaube, was der Stammapostel sagt, dann komme ich an das verheissene Glaubensziel."
Ist das nun wirklich war? Gehört zur Vereinigung mit Christo in der Herrlichkeit nicht mehr als der Glaube, dass der Herr Jesus zur Lebzeit des Stammapostels wiederkomme? Muss nicht jeder Gewissenhafte sich selbst hindurchringen zu der Klarheit, was Gott oder Menschen gefällig ist?
Nach der jetzt herrschenden Lehre in der Neuapostolischen Kirche wäre Apostel Schwarz, der grosse Pionier der Neuapostolischen Kirche, bestimmt ein Erzketzer gewesen; denn dieser klarblickende Gottesmann hat als damaliger Bischof der Apostolischen Kirche unter den englischen Aposteln das Tun der ihm vorgesetzten Apostel als im Widerspruch zu Gottes Willen stehend erkannt und ganz entgegen dem beharrlichen Festhalten der englischen Apostel an der Meinung, es sei eine weitere Aussonderung von Aposteln nicht mehr nötig, den sicher heute von allen Neuapostolischen anerkannten Standpunkt vertreten, dass das Apostelamt bleiben und wenn ein Träger des Apostelamtes heimgehe, dann ein anderer von Gott Berufener solches übernehmen müsse.
Als der Herr trotz der menschlichen Haltung und des Irrtums der englischen Apostel durch Prophetenmund neue Männer ins Apostelamt und zur Fortführung seines Erlösungswerkes berief, weigerten sich die englischen Apostel, diese von Jesu erwählten Männer als Apostel anzuerkennen. Erzbischof Rothe aus Berlin, dem Bischof Schwarz zu jener Zeit unterstellt war, forderte von Bischof Schwarz und dem Propheten Geyer, zu erklären, dass die Rufung Rosochaskys zum Apostel Teufelswerk sei. Darauf erwiderte Bischof Schwarz: "Wir werden die Tat nie als Teufelswerk erklären; denn wir wollen nicht die Sünde wider den Heiligen Geist begehen."
Danach wurden Bischof Schwarz und Prophet Geyer aufgefordert, in der Sakristei vor dem Apostel Woodhouse zu erscheinen. Beide wurden nach nichts gefragt. Woodhouse las ihnen die Ausschliessung aus dem Amte vor, und sie waren damit abgefertigt.
Nach heutigen neuapostolischen Begriffen wäre das Vorgehen des Bischofs Schwarz und die von ihm fest und bestimmt vertretene Haltung ein krasser Widerspruch zu der Glaubensanschauung der damaligen Apostel und grober Ungehorsam gegen den Apostel Woodhouse gewesen. Sein Ausschluss wäre nach der Meinung, die heute beim Stammapostel und den meisten Aposteln der Neuapostolischen Kirche vorhanden ist, unbedingt richtig gewesen.
War das Tun des Bischofs Schwarz tatsächlich verkehrt? War seine Weigerung, Gottes Tat für Teufelswerk zu erklären, wirklich Ungehorsam? Mitnichten! Schwarz handelte nach tiefgründiger Gewissensforschung und Klarheit über den göttlichen Willen. Die Zukunft hat seinem Handeln recht gegeben, während das Werk der englischen Apostel zusammenschmolz und infolge deren starrer, im Unfehlbarkeitsglauben befangener Haltung sicherem Untergang entgegenging.
Ein von seinem Apostel wegen grundsätzlicher Verschiedenheit in der Glaubensauffassung und wegen groben Ungehorsams ausgeschlossener Bischof wurde aber danach als ein Apostel des Herrn gerufen und hat sicherlich überaus viel zur Rettung des Werkes Christi in der Endzeit beigetragen. Nach jetzt geltender neuapostolischer Auffassung ist es gänzlich ausgeschlossen, dass ein Mann, der sich so gegenüber dem Stammapostel und den Aposteln verhält, wie Schwarz gegenüber den englischen Aposteln, jemals könnte ein Werkzeug in Gottes Hand sein.
Wir Apostel im Rheinland haben es nun gewagt, hinsichtlich der Botschaft des Stammapostels, dass er nicht sterben und Jesus noch zu seiner Lebzeit wiederkommen werde, eine grundsätzlich andere Glaubensanschauung zu vertreten als der Stammapostel und haben uns darüber hinaus geweigert, diese unsere Glaubensüberzeugung den anvertrauten Seelen vorzuenthalten. Die Antwort auf unsere aus ernster Gewissensforschung hervorgegangenen Haltung war unser Ausschluss aus dem Amte und aus der Neuapostolischen Kirche.
Hat derartiges Vorgehen des Stammapostels und der Apostel der Neuapostolischen Kirche wohl vor Gott Gültigkeit? Nie und nimmer! Sondern ebenso wie sich der Allerhöchste damals zum Tun des Bischofs Schwarz bekannte und er diesen Mann noch zum auserwählten, besonderen Rüstzeug werden liess, wird der Herr seines Werkes uns den Segen zum ferneren Wirken in der nun neu gegründeten "Apostolischen Gemeinde" reichlich schenken. Wir werden das Evangelium von Christo, die frohe Botschaft von seiner erlösenden Opfer- und Liebestat und die herrliche Verheissung seiner Wiederkehr, um uns zu sich zu nehmen, rein und unverfälscht verkündigen und uns als Träger des Amtes der Versöhnung finden lassen in der Sünder selig machenden Gnadenwirksamkeit. Mühselige und Beladene werden in der "Apostolischen Gemeinde" durch den Geist des Trostes Erquickung finden, wir werden niemanden hinausstossen, sondern allen Anklopfenden, Bittenden und Heilsverlangenden eine Hilfe sein kraft des uns von Jesu und nicht von Menschen gewordenen Sendungsauftrages.
Der Weg, den wir nunmehr gehen müssen, wird sehr schmal sein; denn wir sind aller natürlichen Güter beraubt, unsere Kirchen sind uns genommen, schöne Orgeln und Harmonien besitzen wir nicht mehr, der natürliche Reichtum ist dahin; aber wir werden als die Armen viele reich machen und sind gewiss, dass mit dem Dahinschwinden einer grossartigen äusseren Fassade, wie solche bei der Neuapostolischen Kirche vorhanden ist, in der "Apostolischen Gemeinde" der Reichtum wahrer Bruderliebe, harmonischer Gemeinschaft untereinander, inniger Gebetsgemeinschaft und gläubigen Festhaltens an der reinen Jesu- und Apostellehre uns wieder recht froh und glücklich werden lassen wird.
Sind die Apostel Dehmel, Dunkmann und ich nun auch durch unbarmherzige Unduldsamkeit aus der Neuapostolischen Kirche ausgeschlossen worden und gelten wir auch vielen, die wir als Brüder und Schwestern lieb gehabt haben, nicht mehr als Apostel des Herrn, so sagen wir mit dem Apostel Paulus: "Bin ich anderen nicht ein Apostel, so bin ich doch euer Apsotel."
Und nun: Vorwärts in Jesu Namen! Christi Werk darf nicht stille stehen! Tobt gegenwärtig auch der Sturm ums Glaubensschiff, so sei erinnert an die Worte, die Stammapostel Niehaus mir an meinem Hochzeitstag vor 33 Jahren zum Geleite gab:
"In Sturm und Wetter ist Gott dein Retter!"
Dieses Wort gilt allen, die bereit sind, Wind und Wellen zu trotzen und gläubig und vertrauend auf den zu sehen, der allem Sturm gebieten kann und die mit uns hoffnungsfroh dem Hafen der herrlichen Himmelsheimat entgegensteuern wollen.
Im Verbundensein mit den Aposteln Dehmel und Dunkmann und allen in Freud und Leid bewährten Mitarbeitern am schönen Werke Christi grüsse ich Euch mit dem Gruss des Friedens und der Liebe als Euer Bruder in dem Herrn.
Düsseldorf, den 29. Januar 1955.
Peter Kuhlen
Nachschrift
Da wir jetzt in natürlicher Weise sehr arm geworden sind, sind grosse Opfer erforderlich, um allen dringenden Bedürfnissen der neu gegründeten "Apostolischen Gemeinde" gerecht zu werden. Ich bitte Euch darum sehr herzlich, in Treue dem Herrn Eure Opfer zu bringen. Gewissenhafte Brüder werden die Opfergelder getreulich verwalten.
Am Tage nach unserer Rückkehr aus Frankfurt haben wir uns mit den Aposteln Ernst und Otto Güttinger aus der Schweiz, denen es in jüngster Zeit gleich uns ergangen ist, in Verbindung gesetzt. Seit einiger Zeit stehen tausende Seelen in der Schweiz und im Saarland unter der Seelenpflege dieser Apostel, welche in ihrem Bereich als Apostel der "Apostolischen Gemeinde" wirken.
Apostel Otto Güttinger hat eine Zeitschrift für die Mitglieder der "Apostolischen Gemeinde" herausgegeben, welche jetzt auch von uns bezogen werden kann. Ich empfehle Euch allen sehr, diese Zeitschrift, "Der Herold" genannt, zu abonnieren. Der Bezugspreis ist bei Sammelabonnierung durch die Gemeindevosteher 1,50 DM für das Halbjahr. Ich bitte also, sofort in allen Gemeinden Listen für den Bezug des "Herold" für das erste Halbjahr 1955 aufzulegen und hierfür bis zum 15. Februar 1955 bei dazu beauftragten Amtsbrüdern 1,50 DM zu zahlen. Die bisher für 1955 erschienen Herolde werden jedem Abonennten nachgeliefert.
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