Manifest über die Zustände und Tendenzen in der Neuapostolischen Gemeinde

 Am Sonntag, dem 13. Juni 1954, wurde in den neuapostolischen Gemeinden der Schweiz, im Anschluß an den Gottesdienst, folgende Mitteilung vorgelesen:

Unsere lieben Brüder und Geschwister!
Dem Euch allen bekannten Otto Güttinger, Zofingen, ist allseits großes Vertrauen geschenkt worden. Leider hat er dieses Vertrauen in schmählicher Weise mißbraucht und nun dadurch sein Amt eingebüßt. Man hat das Beste getan, um den Mann retten und bewahren zu können. Er ließ sich jedoch weder von unserem lieben Stammapostel, noch von uns zurechtbringen.

Es ist zu befürchten, daß durch Leute, die sich bereits als Feinde Christi geoffenbart haben, versucht wird, eine Spaltung zu erzeugen. Wir bitten Euch dringend, alles, was nicht von uns kommt, auf das Entschiedenste von Euch zu weisen, damit Ihr auf dem Wege zur herrlichen Heimat nicht noch in letzter Stunde zu Schanden werdet. Wir folgen weiterhin in unwandelbarer Treue unserem Stammapostel, denn nur so können wir vollendet werden. Wer einem Ungetreuen folgt, geht verloren.

Wenn es sich als notwendig erweisen sollte, werden wir später noch weitere Mitteilungen machen. Bleibt vor allen Dingen in diesen bewegten Tagen ruhig, besonnen, treu und betet viel.

Herzliche Grüße senden Euch Eure in enger Verbindung mit dem Stammapostel stehenden Diener
Ernst Streckeisen
Josef Baur
Hermann Hänni

Diese Bekanntgabe war für viele wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Bei der Menge der Uneingeweihten rief dieser sonderbare «Hirtenbrief» Bestürzung und vielerorts tiefe Traurigkeit hervor. Daß ein Apostel «sein Amt einbüßt», weil er das in ihn gesetzte Vertrauen «in schmählicher Weise mißbraucht hat», ist für die neuapostolische Gemeinde ein Ereignis, das aufhorchen läßt und vielen Fragen ruft. Zu Hunderten kamen denn auch Briefe, Telephon-Anrufe und Besucher, die ihrem Gram oder Fragehunger Ausdruck gaben und sich mit der offiziellen Mitteilung nicht zufrieden geben konnten. Dieses Manifest (= öffentliche Erklärung) richtet sich deshalb an die Gläubigen neuapostolischen Bekenntnisses, um den Unwissenden die Tatsachen darzutun und die zum Teil verschleierten Hintergründe zu lüften. Als Sendbote und Diener der Wahrheit fühle ich mich verpflichtet, den Wahrheitsliebenden zu dokumentieren, wie es dazu kam, daß ein Apostel in der neuapostolischen Gemeinde im dreizehnten Jahr seiner Amtstätigkeit, während welcher er im In- und Auslande getreu und im Segen wirkte, «sein Amt einbüßte».

 

Die Geschehnisse der jüngsten Vergangenheit

Auf Freitagabend, den 4. Juni 1954 (Freitag vor dem Pfingstfest), wurden die Bezirksämter in ein Hotel nach Zürich berufen, um dort in aller Heimlichkeit zu tagen. Bezirksapostel Streckeisen überließ die Leitung dieses Ketzertribunals den Aposteln Baur und Hänni; er selbst war abwesend. Der angeklagte Apostel wurde dazu schon gar nicht eingeladen. - Außer zwei Männern, dem Bezirksältesten Gysel aus St. Gallen und dem Bezirksevangelisten Kindler aus Zürich, unterzeichneten die übrigen Bezirksämter der Schweiz das folgende Schreiben:

Lieber Apostel Otto Güttinger!

Unser Stammapostel hat am 23. Mai 1954 in wunderbarster, göttlicher Weise das Volk Gottes in der Schweiz bedient und am Nachmittag des gleichen Tages uns Amtsträgern noch einen besondern und gewaltigen Dienst erwiesen. Dabei hat er in seiner großen Liebe noch eimnal allen, die sich vom Wege des Lebens entfernt haben, die Hand der Hilfe geboten.

Wir haben erwartet, daß Sie als Erster die dargebotene Gnadenhand unseres Stammapostels ergreifen würden. Sie haben das jedoch nicht getan — im Gegenteil: Neuerdings haben Sie es gewagt, gegen unsern Stammapostel und unsern Bezirksapostel aufzustehen. Damit haben Sie aufs neue den Kampf gegen die Einheit des Werkes Gottes in der Schweiz eröffnet. Sie beweisen uns dadurch, welchen Entscheid Sie in Ihrem Herzen getroffen haben.

Nunmehr stellen wir uns geschlossen wie ein Mann hinter unsern Stammapostel und Bezirksapostel E. Streckeisen. Wir müssen Sie deshalb für die Zukunft auf das Entschiedenste ablehnen und erwarten, daß Sie keinen Schritt mehr in die uns anvertrauten Bezirke und Gemeinden tun, denn die Sorge um das Wohl der uns anvertrauten Seelen läßt dies nicht mehr zu.

Alle Unterzeichneten erwarten hiermit, daß Sie ohne Zögern, das heißt bis spätestens am 9. Juni 1954 das Apostelamt zu Füßen des Stammapostels niederlegen, denn wir können Sie als Amtsträger unmöglich mehr anerkennen. Dieser unser Entschluß ist endgültig; wir werden daran nichts mehr ändern.

Sie werden es in erster Linie zu Ihrem eigenen Vorteil und zum Segen des ganzen Apostelbezirkes tun, wenn Sie diesem Beschluß der Delegierten des Apostelbezirkes Schweiz in der vorerwähnten Weise nachkommen. Wir möchten Ihnen gerne die Schande einer Amtsenthebung ersparen. Sie können auch unmöglich im Hinblick auf das Ansehen des Werkes nach außen anders handeln, als in der bezeichneten und empfohlenen Weise.

Wenn Sie sofort und ohne jeden Versuch zu einer Gegenaktion unsern Wünschen entsprechen, soll Ihnen für die Zukunft ein angemessenes Entgegenkommen erwiesen werden. Wir wollen nämlich nicht Ihren Ruin, sondern eine Lösung, die für Sie tragbar und für den ganzen Bezirk ein Segen ist. Ein Entgegenkommen ist aber nur dann diskutabel, wenn Sie unsern Wünschen in vollem Umfange Rechnung tragen. Trotz der uns bereiteten bitteren Enttäuschung wünschen wir Ihnen Glück. Vor allem tragen wir den Wunsch im Herzen, daß Sie Ihr Seelenheil noch schaffen können.

Mit freundlichen Grüßen!
(Nun folgen die Unterschriften.)

Aus diesem Schriftstück erhellt, daß keine vierzehn Tage vorher der Stammapostel in der Schweiz weilte und dabei allen Gnade und Vergebung schenkte und die Hand der Hilfe bot. Wenn also der Oberhirte am 23. Mai 1954 allen, Gliedern und Ämtern, die Absolution (= Sündenvergebung) erteilte, so hätte nach apostolischer Auffassung niemand ein Recht, über vergebene Dinge zu sprechen. Den Vorwurf, ich hätte die Gnadenhand des Stammapostels nicht ergriffen, weise ich energisch zurück, ebenso die niederträchtige Anklage, ich hätte es «neuerdings gewagt, gegen den Stammapostel und gegen den Bezirksapostel aufzustehen und hätte damit den Kampf gegen die Einheit des Werkes Gottes in der Schweiz aufs neue eröffnet». Wer solches zu behaupten und zu schreiben wagt, begeht ein Verbrechen!

Im Anschluß an den Ämterdienst des Stammapostels in Zürich (vom 23. Mai 1954) wohnte ich abends noch einem Gottesdienste in Zofingen bei, den Apostel Hahn aus Stuttgart leitete. Es dienten mit die Apostel Abicht und Gerke aus Australien und Apostel Herrmann aus Süddeutschland. Anderntags fuhr ich mit dem Auto auf eine Missionsreise nach Italien, in Begleitung des Ältesten Giovanni Plüß aus Mailand. Nach acht vollen Reisetagen, die sehr strapaziös waren und mich bis Rom, Neapel und der Insel Ischia brachten, kehrte ich am Dienstag, 1. Juni, wieder wohlbehalten zurück. — In dieser Zeitspanne konnte ich also unmöglich «gegen den Stammapostel und Bezirksapostel mich erheben und den Kampf wider die Einheit eröffnen». Wer das sagt, der lügt.

Zu meinem nicht geringen Schrecken aber erfuhr ich, daß in der Zeit meiner Abwesenheit Apostel Streckeisen in den mir anvertrauten Gemeinden diverse Amtsenthebungen und Ausschlüsse aus der Gemeinde vorgenommen hatte, für «Delikte», die vor dem Stammapostelbesuch, dem Tag des Gnadenaktes, begangen wurden. Ferner teilte man mir mit, daß die Apostel Baur und Hänni zur Zeit meiner Italienreise in Gemeinden meines Bezirkes weilten und dabei ihren Mitapostel (in Olten im Kreise der Sänger und in Kölliken im Schoße der Amtsträger) in ein mehr als zweifelhaftes Licht stellten. — Dem im Ausland abwesenden Apostel aber wird laut Bezirksämter-Versammlungs-Diktat nachgesagt, er habe in jenen Tagen «den Kampf gegen die Einheit des Werkes Gottes in der Schweiz eröffnet».

Wo ist da Logik und Gerechtigkeit? Wer will dies vor Gott verantworten? Man stempelt wohl einen zum Schuldigen; wer aber untersucht die Anklage? — In Apostelgeschichte 25, 16 steht geschrieben: «Es ist der Römer Weise nicht, däß ein Mensch übergeben werde, ihn umzubringen, ehe denn der Verklagte seine Kläger gegenwärtig habe und Raum empfange, sich auf die Anklage zu verantworten.»

In der am südlichsten Punkte liegenden Station, die ich anläßlich der Italienreise bediente, sah während des reichgesegneten Gottesdienstes des Auffahrtstages 1954 die zur Versiegelung gelangende Person in einer Vision Jesus Christus hinter dem sprechenden Apostel stehen, was sie nach der Feier allen Anwesenden mit Freuden bezeugte. Auch ich freute mich an diesem Zeugnis, denn: Wenn Jesus hinter mir steht (und davon bin ich überzeugt!) so haben weder ich, noch die mir folgen, etwas zu fürchten.

Dem Ansinnen der Bezirksämterversammlung, mein Apostelamt niederzulegen, konnte ich unmöglich entsprechen, weil dies einer Schuldanerkennung gleichgekommen wäre. Auch die nahe an eine Erpressung hinreichende Offerte hinsichtlich eines (finanziellen) Entgegenkommens, falls ich den Herren in «allen Wünschen und in vollem Umfange Rechnung trage», konnte für mich nicht in Frage kommen. Ein Apostel ist unbestechlich und unkäuflich. Läßt er sich kaufen, dann ist er oder war er kein Apostel Jesu. Der Dienst an der Wahrheit, der Dienst am Evangelium, der Liebesdienst an unsterblichen Seelen, steht über allem, selbst auf die Gefahr hin, einsam und unverstanden zu werden.

Zweieinhalb Tage nach Empfang des Schriftstückes der ominösen Bezirksämterversammlung in Zürich erlitt ich eine sehr gefährliche gesundheitliche Attacke, die sofort ärztliche Hilfe verlangte. Wenige Stunden darauf, es war am Pfingst-Dienstag-Nachmittag, erschienen in meiner Wohnung die Apostel Streckeisen, Baur und Hänni in Begleitung der Ältesten Keller-Basel und Küng-Zürich. Der behandelnde Arzt wurde gerufen. Da der Bezirksapostel Streckeisen sich weigerte, mit seinem schwer erkrankten Mitapostel alleine zu sprechen, wurde letztlich vereinbart, daß er in Begleitung von Baur und Hänni das Krankenzimmer betrete. Streckeisen stellte an mich die Frage, was ich nun zu tun gedenke. Ich antwortete ihm nur kurz und mühsam, daß ich mich an den Stammapostel wenden wolle. Bald darauf verabschiedeten sich die drei Krankenbesucher. — Wieder zweieinhalb Tage darauf, am Freitag nach Pfingsten, morgens früh, erhielt ich per eingeschriebenen Expreßbrief das folgende Schriftstück:

 

Mein lieber Apostel Otto Güttinger!
Bei unserem Besuche bei Dir vom 8. d. M. hast Du dem Unterzeichneten in Gegenwart der Apostel Baur und Hänni mitgeteilt, daß Du Dich auf den Brief des Vorstandes und der Delegierten hin (vom 5. Juni 1954) an den Stammapostel wenden willst. Ein anderer Entschluß ist mir von Deiner Seite seither nicht bekanntgegeben worden.

Daraus geht hervor, daß Du Dich nicht entschließen kannst, den Vorschlag und Beschluß der Bezirksämter (Delegierten) zu respektieren und sofort freiwillig zurückzutreten. Dieser Beschluß Deinerseits ist bedauerlich, denn er ist Dir nicht zum Vorteil.

Ich habe den Mitgliedern des Vorstandes hievon Mitteilung gemacht. Allseits wurde der großen Enttäuschung Ausdruck gegeben, daß Du Dich nicht einmal vor einem derart eindeutigen Entscheid beugen willst. In unserem demokratischen Staatswesen weiß jeder Amtsinhaber, daß er seinen Platz ohne weiteres zu räumen hat, wenn er nur eine Stimme zu wenig bekommt. Das war bis heute in Deinen Augen immer richtig. Warum willst Du es nicht auch annehmen, wenn es Dich angeht?

Nachdem die Delegierten-Versammlung mit überwältigender Mehrheit und der Vorstand einstimmig erklärt haben, daß sie Dich als Amtsträger nicht mehr anerkennen können, Du aber nicht freiwillig zurücktreten willst, habe ich gar keine andere Möglichkeit mehr, als Dich eben hiermit und mit sofortiger Wirkung

 

Deines Amtes zu entheben.

Ich stütze mich dabei auf § 10 der Statuten von 1943. Nach dieser heute gültigen Kirchensatzung ist keine Möglichkeit gegeben, noch eine andere Instanz anrufen zu können. Vermutlich hast Du ja seinerzeit bei der Bearbeitung dieser Satzungen mitgeschafft und weißt ja damit genau Bescheid.

Die Übergabe aller Akten, die irgendwie mit dem geführten Amte und der Kirche zusammenhangen, findet heute in meinem Auftrage statt. Ich bitte Dich, meinen Beauftragten auch alle Akten auszuhändigen, die sich allenfalls außerhalb Deiner Büros befinden sollten. Im Behinderungsfalle wären sie berechtigt, ohne weiteres behördliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Ich habe doch noch gehofft, Du würdest so klug sein und einsehen, daß Du am besten wegkommst, wenn Du auf den Vorschlag der Delegierten-Versammlung eingehen würdest. Nun hast Du auch das wieder verscherzt.

Leider hast Du es nicht über Dich gebracht, nach dem Erhalt unseres Briefes Dich ruhig zu verhalten. Auch das ist nicht klug, mein lieber Freund. Merkst Du nicht, daß Du Dir dabei schadest? Ich erlaube mir nochmals, Dich eindringlich zu warnen, doch ja in keiner Weise gegen uns zu arbeiten. Jedenfalls tust Du gut, auch jene Freunde von Dir, die im Dunkeln arbeiten, von einer solchen Arbeit zurückzuhalten. Es ist schmutzige Arbeit mit schlechtem Lohn. Mein lieber Otto, glaube mir wenigstens diesmal noch, wenn Du mir vorher nicht geglaubt hast und über die manchen guten Ratschläge einfach weggegangen bist. Glaube mir noch heute, daß Du nicht noch größeren Schaden leidest als dies jetzt schon der Fall ist.

Über die weiteren mit Deiner Entlassung zusammenhängenden Fragen, wie Terminräumung Deiner Dienstwohnung im Güetli in Zofingen, wie weit wir noch zu finanziellen Leistungen verpflichtet sind usw., werde ich nächstens den Vorstand anhören. Es wird Dir zur gegebenen Zeit darüber Nachricht zukommen.

Ich hoffe, daß Du Dich von Deiner Krankheit bald erholen wirst, wozu ich alles Gute wünsche und grüße freundlich

als Dein E. Streckeisen.
Für den Vorstand:
Jos. Baur
Hänni

Aus diesem dokumentarischen Brief geht hervor, daß ich mit sofortiger Wirkung von Streckeisen des Amtes enthoben werde, weil ich mich, statt dem Diktat der Bezirksämterversammlung zu beugen, noch an den Stammapostel wenden wollte. Daß an jener Bezirksämterversamlung einseitig und tendenziös orientiert wurde und der verklagte Apostel keine Möglichkeit hatte, sich zu verteidigen, das ist und bleibt vor Gott ein Unrecht. Unserem schweizerischen demokratischen Rechtsempfinden wirkt es wie ein Faustschlag, ja, jeden gerecht denkenden Menschen muß es zutiefst verletzen. Kein irdischer Richter darf urteilen, ehe er beide Parteien angehört hat. Selbst dem Schwerverbrecher wird, wenn nötig von Staates wegen, ein Verteidiger gestellt. Aber ein Apostel, der sich keiner schweren Verfehlung bewußt ist, soll ohne weiteres «aufgehängt» werden? Eidgenossen, hütet euch am Morgarten! — Wenn sich der Briefschreiber verwundert, daß ich nach Erhalt des Schreibens der unheilvollen Bezirksämterversammlung mich nicht «ruhig verhalten habe», dann liegt es wohl an mir, mich zu wundern, daß er so etwas erwartet hatte, ging es doch um mein Amt, meine Ehre, meine Zukunft, um schreiendes Unrecht, an dem selbst mein physisches Herz beinahe zerbrach. Als ich das Schreiben am Vorabend vor Pfingsten erhielt und beim Abendbrot vor der Familie und einem anwesenden Freunde vorlas, da hob ein Weinen an, wie ich es noch nie zuvor hörte. Das Weinen meines Weibes und das Schreien meiner Kinder, die um den Opferweg und die Hingebung des Mannes und Vaters wußten, das drang vor Gott. Der anwesende Freund geriet in heiligen Zorn und gelobte, für das Recht und für seinen Apostel und Freund zu kämpfen. Dieser Mann heißt Rudolf Plüß.

Tiefgreifender aber noch ist die Tatsache, daß über den Statuten des «Vereins der Neuapostolischen Gemeinde der Schweiz» (von denen die wenigsten Glaubensgenossen überhaupt Kenntnis haben) noch ein Apostelstatut besteht, wonach die Abberufung eines Apostels Sache des Stammapostels ist, wobei laut Paragraph 4 der Statuten des Apostelkollegiums einem Mitglied vorher Gelegenheit gegeben werden muß, zu den gegen ihn vorgebrachten Anklagen Stellung zu nehmen. — Ich hoffe, daß wenn man die Bezirksämter an jenem Abend hierüber orientiert hätte, sich keine Mehrheit gefunden haben würde, um unter das Todesurteil eines Apostels die Unterschrift zu setzen.

* * *

Nach Bekanntgabe der «Amtsenthebung» an die Gemeinden (vom 13. Juni) versuchte eine Anzahl Brüder, als Delegierte ihres kranken Apostels, an den Stammapostel zu gelangen. Ein Eilbrief ging dieserhalb nach Frankfurt. Der Stammapostel antwortete, man möge das Anliegen schriftlich einreichen. Die Delegation sandte darauf unterm 17. Juni 1954 folgendes Schreiben an den Stammapostel:

Unser herzlich geliebter Stammapostel!
Wir bestätigen den Erhalt Ihres Telegramms vom 16.6.54 mit folgendem Inhalt:
«Eilbrief eingegangen. Unterredung unmöglich. Bitte Anliegen mir schriftlich einreichen. Gruß.»

Die unterzeichneten Männer, Glieder der Neuapostolischen Gemeinde, gestatten sich hiermit, ihre Anliegen in Kürze schriftlich darzulegen.

Unser Apostel Otto Güttinger ist seit zehn Tagen krank, bettlägerig und unter ärztlicher Kontrolle stehend. Seit heute wurde noch ein Spezialarzt zugezogen. Zufolge dieser Umstände haben die Unterzeichneten sich bereit gefunden, als Delegierte ihres kranken Apostels nach Frankfurt zu fahren, um dessen Sache Ihnen vorzutragen..

Lieber Stammapostel!
Wir bezeugen Ihnen, daß seit geraumer Zeit ein gehässiges, organisiertes Kesseltreiben wider unseren Apostel O.Güttinger durchgeführt wurde. Bischof Zimmermann war in Gemeinde und Bezirk hierin führend. Er war in der Beeinflussung von Ämtern und Gliedern wider den Apostel äußerst aktiv und vergiftete mit seinen Diensten ganze Gemeinden. Die bitterste Feststellung ist die, daß E.Zimmermann in seiner niederträchtigen Arbeit von Bezirksapostel E.Streckeisen unterstützt und gefördert wurde. E.Zimmermann beteuerte an Dutzenden von Orten:

«Wenn ihr mir nicht glauben wollt, dann wendet Euch an den Bezirksapostel Streckeisen.» — Der Bezirksapostel hat auch tatsächlich erfolgreich eingegriffen und zögernde Brüder zu Feinden unseres Apostels gemacht.

Auf Freitag vor Pfingsten (4.6.54) wurde eine Bezirksämterversammlung nach Zürich einberufen. Diese wurde von den Aposteln Baur und Hänni geleitet. Ohne daß sich Apostel Güttinger verteidigen konnte, wurde den Bezirksämtern Anklage um Anklage wider unsern Apostel vorgetragen. (Apostel Güttinger wurde zu dieser Versammlung nicht eingeladen.) Mehrheitlich unterzeichneten die Männer ein Schreiben, darin er aufgefordert wird, bis zum 9.6.54 sein Amt niederzulegen. Gram und Seelenpein halfen mit, daß Apostel Güttinger am Dienstag, den 8.6.54, eine schwere gesundheitliche Störung erlitt. Der sofort hinzugezogene Arzt befürchtete das Schlimmste und verordnete eine mehrwöchige Bettruhe, ja er erwog sogar die sofortige Einlieferung in das Kantonsspital.

Am selben Tag, nachmittags, kamen die Apostel Streckeisen, Baur und Hänni, mit Bezirksältesten Keller-Basel und Küng-Zürich. Der Arzt machte auf die Folgen einer erneuten Aufregung aufmerksam. Dessen ungeachtet begaben sich Streckeisen, Baur und Hänni ins Krankenzimmer unseres Apostels. —Apostel Streckeisen fragte Otto Güttinger: «Was willst Du tun?» — Apostel Güttinger antwortete nur: «Ich werde mich an den Stammapostel wenden.» Bald darauf verließen die Besucher den schwerkranken Mitapostel. Unterm 10.6.54 erhielt unser Apostel ein Schreiben aus Zürich, worin ihm u.a. mitgeteilt wurde, er habe ihm (Apostel Streckeisen) geäußert, er werde sich an den Stammapostel wenden. Damit ignoriere er den Willen der Delegierten-Versammlung, und er (Streckeisen) enthebe ihn ab sofort seines Amtes.

Lieber Stammapostel! Mag Streckeisen sich auch auf einen Paragraphen aus den Schweizer Statuten, die zur Kriegszeit entstunden, stützen wollen, so steht darüber doch die Satzung des Apostelkollegiums, wonach einem Apostel, der abberufen werden soll, vorher genügend Gelegenheit gegeben werden muß, von den gegen ihn geltend gemachten Abberufungsgründen Kenntnis zu nehmen und sich mündlich oder schriftlich gegenüber dem Apostelkollegium zu verantworten und zu rechtfertigen. Die Apostelversammlung entscheidet hierauf über den Antrag durch Dreiviertel-Mehrheitsbeschluß.

Im weiteren entbehrt es jeder menschlichen, rechtlichen Auffassung, einen Mann zu verurteilen, ohne ihm vorher Gelegenheit gegeben zu haben, sich zu verteidigen. Daß dieser Beschluß von Streckeisen am letzten Sonntag (13.6.54) bereits allen Gemeinden der Schweiz bekanntgegeben wurde, entrüstet jeden Gerechtdenkenden.

 

Lieber Stammapostel! Wir bezeugen, daß unser Apostel die Verbindung mit Ihnen nach wie vor aufs herzlichste wünscht.

Es hieße sich an einer Katastrophe am Werke Gottes mitschuldig machen, diese Feststellung zu überhören. Wir bezeugen sie mit N a c h d r u c k, als Delegierte unseres Apostels. Wir kennen sein Herz und seine Gesinnung seit 15 Jahren.

Wir schlagen vor, daß das von Ihnen in Holland angewandte Beispiel auch in der Schweiz zur Lösung der brennenden Probleme geprüft werde: Zwei Gruppen, die sich beide an e i n Haupt, an den Stammapostel halten!

Zum Schlusse wiederholen wir die bereits vorgetragene Bitte, so bald wie möglich nach Frankfurt zu einer Besprechung kommen zu dürfen!

Mit den herzlichsten Grüßen unseres lieben Apostels Güttinger verbinden wir die unsrigen:
(Es folgten die Namen der Delegierten.)

Am 19./20. Juni kamen der Stammapostel und viele der Apostel in Berlin zusammen. Am Samstagabend, den 19. Juni, war Apostelversammlung. Bezirksapostel Streckeisen war dort auch nicht zugegen. Er leitete an diesem Tage einen Gottesdienst in St. Gallen. Die Apostel Baur und Hänni orientierten in Berlin den Stammapostel und die Mitapostel. Es soll sich diese Versammlung an die drei Stunden hingezogen haben. Danach sei zu Protokoll genommen worden:

Die Apostelversammlung habe, nach Anhören der beiden Apostel aus der Schweiz, von den dortigen Zuständen der Amtsenthebung des Apostels Güttinger durch Bezirksapostel Streckeisen Kenntnis genommen. — So ungefähr habe es geheißen. Auf alle Fälle soll kein eigentlicher Beschluß gefaßt worden sein.

Aber auch hier, Gott sei es geklagt, werden der Stammapostel und die Apostel nur von e i n e r Seite her orientiert. Der «Angeklagte» aber erhält noch nicht einmal Gelegenheit, sich durch Delegierte Gehör zu verschaffen.

Da von Frankfurt her nach der Apostelversammlung alles still blieb, sandten die Delegierten am 22. Juni 1954 erneut ein Telegramm an den Stammapostel: «Delegierte des Herrn Otto Güttinger erbitten vordringliche Besprechung und erwarten Einberaumung von Zeit und Ort. Herzlichst grüßen: Die Delegierten.» Vierundzwanzig Stunden später trifft aus Frankfurt die telegraphische Antwort ein: «Lehne Besprechung mit Delegierten ab: Gruß: Bischoff.»

Einer der Delegierten, Diakon Ernst Haupt, von Beruf Notar, wandte sich anderntags (unterm 24. Juni 1954) mit folgendem Brief an den Stammapostel:

 

In Christo geliebter Stammapostel!
Ich bestätige den Empfang Ihres Telegramms an Apostel Otto Güttinger vom 23. 6. 1954 folgenden Inhalts:
«Lehne Besprechung mit Delegierten ab. Gruß: Bischoff.»
Im Auftrage der Brüder, die als Delegierte unseres Apostels bei Ihnen dringend vorzusprechen wünschen, erlaube ich mir, Ihnen unser tiefstes Befremden über Ihre Ablehnung auszusprechen. Unser Apostel ist krank und demzufolge nicht imstande, sich mit Ihnen schriftlich oder mündlich auseinanderzusetzen. Was kein weltlicher Richter tut, das versagt man ihm: Sich gegen die unhaltbaren Anklagen persönlich oder der Umstände wegen durch Vertreter verteidigen oder zum mindesten sich dazu äußern zu können. Ein solches Vorgehen muß jeden gerecht denkenden Menschen vor den Kopf stoßen.

Lieber Stammapostel! Ich bin nur ein einfacher Diakon, aber ich habe mich stets bemüht, den Richtlinien für die Amtsbrüder entsprechend zu handeln und insbesondere allen Gliedern gegenüber gerecht zu sein, wie das in Ziff. 3 festgehalten ist. Die in diesen Richtlinien aufgeführten apostolischen Wahrheiten sind Ihnen ja bekannt, weshalb ich mich darauf beschränke, nur noch Ziff. 6 — weil hier eindringlich zur Sache sprechend — zu zitieren: «Beurteile und verurteile niemand, bevor du ihm Gelegenheit zur Rechtfertigung gegeben und seine Sache völlig unparteiisch untersucht hast!»

Es erscheint mir daher unglaubhaft, daß Sie als Stammapostel und verantwortlicher Führer des Werkes Gottes den um ihren Apostel bangenden großen Teil der Kinder Gottes hierzulande nicht einmal anzuhören wünschen. Es muß hier irgendwo ein Irrtum vorliegen.

Nach Rücksprache mit Apostel Güttinger am Krankenbett muß ich Ihnen von Berufes wegen folgendes mitteilen:

Apostel Güttinger ignoriert die von Apostel Streckeisen ausgesprochene Amtsenthebung, unter Berufung auf § 4 des Apostelstatuts. Juristisch wirkt dieses Statut bindend, d. h. sowohl Sie als auch die Apostelversammlung haben sich an die darin enthaltenen Grundsätze zu halten. Die Schweizer Statuten sind intern nicht maßgebend, sondern nur gegen außen, im Verkehr mit Dritten. Das Apostelkollegium hat sich an die Satzungen zu halten, die es sich selbst gegeben hat; es kann darüber nicht kurzerhand hinweggehen. Unser Apostel wünscht nach seiner Genesung, entsprechend der in den erwähnten Satzungen festgelegten Bestimmungen, sich vor Ihnen und dem Apostelkollegium verteidigen zu können, wonach dann die Apostelversammlung mit 3/4 -Mehrheitsbeschluß entscheidet.

Lieber Stammapostel! Ich bitte Sie mit aller Herzlichkeit: Lassen Sie uns oder unsern Apostel vor sich kommen, damit Sie wenigstens beide Teile angehört haben. Entscheiden Sie bitte nicht vorher! Von Ihrem Entschluß hängen Wohl und Wehe von einer erschreckend großen Anzahl Seelen ab!

In der Hoffnung auf Ihre baldige ausführliche Antwort begrüße ich Sie, in der Liebe Jesu verbunden, als Ihr:

Ernst Haupt

Mit Datum vom 28. Juni 1954 erhielt Bruder Haupt folgende Antwort aus Frankfurt:

Sehr geehrter Herr Notar!
Auf Ihre verschiedenen Anfragen, insbesondere auf Ihr letztes Schreiben vom 24. Juni, in der Angelegenheit des Herrn Otto Güttinger teile ich Ihnen folgendes mit:

Die Inanspruchname von delegierten Vertretern oder juristischer Hilfe ist in den Angelegenheiten des Apostelkollegiums nicht üblich. Ich lehne es ab, in der Angelegenheit des Herrn Otto Güttinger mit Delegierten zu verhandeln.

Ihre Vorwürfe, daß Herrn Güttinger versagt sei, sich «gegen unhaltbare Anklagen zu verteidigen» oder sich dazu äußern zu können, treffen nicht zu. Ich muß eine solche Unterstellung zurückweisen.

Durch viele Jahre hindurch hat Herr Güttinger Gelegenheit gehabt, sich stets gegen die erhobenen Vorwürfe zu rechtfertigen. Er hat solche Gelegenheiten unausgesetzt mißbraucht, indem er hochtönende Treue-Versicherungen abgab und sich darnach entgegengesetzt verhielt. Er hatte also nicht nur ausreichende Gelegenheiten, sich zu rechtfertigen, er hatte auch die Möglichkeit, sich umzustellen, was mir in diesem Zusammenhang viel wichtiger erscheint.

Ob Herr Güttinger, wie Sie mir nun von Berufes wegen mitteilen, seine Amtsenthebung ignoriert oder nicht, mag seine persönliche Angelegenheit bleiben, die ohne sachliche Wirkung ist.

Zu Ihrer Ansicht über die Satzung der Neuapostolischen Gemeinde sei Ihnen nur gesagt, daß seit dem Jahre 1943 die zur Zeit in der Schweiz gültige Satzung die rechtlich gültige ist, nach der die Neuapostolischen Gemeinden in der Schweiz seit nunmehr 11 Jahren geleitet werden. Warum sie im Augenblick nicht gelten soll, ist unverständlich.

Die Statuten des Apostelkollegiums sehen lediglich vor, daß bei der Abberufung eines Mitgliedes dem Betreffenden vorher Gelegenheit gegeben wird, zu den gegen ihn vorgebrachten Anklagen Stellung zu nehmen, was nach der Genesung des Herrn Otto Güttinger geschehen kann. Von einer Verteidigung vor dem Stammapostel und dem Apostelkollegium und einer Beschlußfassung mit Dreivierteis-Mehrheit ist in § 4 (Verlust der Mitgliedschaft) keine Rede.

Ich glaube, Ihnen hiermit erschöpfend dargetan zu haben, wie die Angelegenheit des Herrn Otto Güttinger von der Seite des Apostelkollegiums aus angesehen wird. Weitere Schritte Ihrerseits in dieser Angelegenheit werde ich nicht mehr beachten können.

Wenn Sie glauben, daß Ihrem Mandanten Unrecht geschehen ist, dann ersuche ich Sie, sich an den Hauptleiter der Neuapostolischen Gemeinde der Schweiz, Herrn Ernst Streckeisen, Zürich, zu wenden.

Hochachtungsvoll
G. Bischoff

 

Daß einer der Delegierten eines erkrankten Apostels von Beruf Notar ist, sollte doch kein Hinderungsgrund sein, dem Stammapostel schreiben zu dürfen. Da dieser Bruder als «einfacher Diakon» sich vorstellte und den Adressaten als «geliebter Stammapostel» anredete, dürfte die Anrede des Antwortschreibens «Sehr geehrter Herr Notar!» eher etwas kühl und befremdend klingen. Auch sei bei diesem Anlaß daran erinnert, daß ein nichtapostolischer Rechtsberater (Herr Dr. Moog) in einer andern Streitfrage sogar an einer Apostelversammlung teilgenommen hat und dort ausgiebig zu Worte gekommen ist.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß das mir vorliegende Apostelstatut von 1949 unter Paragraph 4 noch von der Dreiviertels-Mehrheit redet. In den Statuten von 1951 wurde dieser Passus weggelassen.

Ob allerdings die Neuapostolische Gemeinde der Schweiz nach den seit 1943 gültigen Statuten «geleitet werde», bleibe dahingestellt. Laut Paragraph 10 der Statuten steht geschrieben: «Der Hauptleiter (Bezirksapostel) bestellt seinen Nachfolger, welcher von den Bezirksleitern zu bestätigen ist.» — In der Nachfolgefrage Anno 1951 wurde dieser Artikel nicht beachtet. Gut, das war soweit in Ordnung, denn in der Apostelversammlung vom 6. und 7. Februar 1950 sagte der Stammapostel laut Protokoll jenes Konziliums: «Es hat kein Apostel das Recht, seinen Nachfolger zu bestimmen, weil dadurch die Ordnung, wie sie in der gesamten Neuapostolischen Kirche besteht, durchbrochen wurde.» Nach dem Tode Eschmanns (im Jahre 1953) wurde im Gegensatz zum Worte des Stammapostels gehandelt: «Es hat kein Apostel das Recht, seinen Nachfolger zu bestimmen.» Dort sagte der Stammapostel: Apostel Eschmann hat zu seinem Nachfolger Apostel Streckeisen bestimmt.

Als Auswirkung der Apostelversammlung in Berlin wurde mir, datiert vom 28. Juni 1954, vom Stammapostel folgendes Schriftstück zugesandt.:

Lieber Freund!
Nachdem der Hauptleiter der Neuapostolischen Gemeinde der Schweiz, Bezirksapostel Ernst Streckeisen, Sie mit Schreiben vom 10. Juni 1954 gemäß § 10 der für die Neuapostolische Gemeinde der Schweiz geltenden Statuten Ihres Amtes als Apostel der Neuapostolischen Gemeinde der Schweiz enthoben hat, teile ich Ihnen hiedurch in meiner Eigenschaft als Stammapostel und Hauptleiter sämtlicher Neuapostolischen Kirchen und Gemeinden den Beschluß der Apostelversammlung vom 19. Juni 1954 in Berlin-Steglitz mit, nach dem gemäß § 4 der Satzung des Apostelkollegiums Ihre Mitgliedschaft im Apostelkollegium der Neuapostolischen Kirche, Sitz Frankfurt a.M., mit sofortiger Wirkung erloschen ist.

Ihre Amtsenthebung durch den Bezirksapostel Streckeisen wurde nach § 4 der Satzung des Apostelkollegiums von den anwesenden 25 Aposteln als wichtiger Grund angesehen, welcher Anlaß zu diesem Schreiben ist.

Mit freundlichem Gruß
G. Bischoff

 

Nach diesem juristisch gewundenen Schreiben, das von Klarheit nicht gerade strotzt, wäre ich also «de jure» von Rechts wegen), laut Statuten und Paragraphen kein Apostel mehr. Die Frage ist nun allerdings mehr als berechtigt:

 

 

Ist ein Apostel ein bloßer Vereinsfunktionär?

Wäre ein Apostel nur ein Angestellter eines Vereins, in unserm Fall ein Funktionär des Vereins der NAG (= Neuapostolische Gemeinde), dann könnte allerdings dessen Vereinspräsident, Herr Streckeisen, einen Vereinsfunktionär laut Paragraph soundso entlassen und ihn seiner Funktionen entheben. Es würde dem abgesetzten Vereinsmitglied dann immerhin noch, laut Zivilgesetzbuch, die Möglichkeit der Berufung offenstehen. — Ein Apostel muß aber mehr sein als nur ein Vereinsangestellter, sonst ist er kein Apostel Jesu. Ein Botschafter an Christi Statt (2. Korinther 5, 20) kann nicht von einem andern Botschafter seiner «Funktionen» enthoben werden. Dies würde allein jenem Souverän zustehen, der den Botschafter sandte. Bei einem Botschafter «an Christi Statt» ist unschwer festzustellen, wer Sender-, Macht- und Auftraggeber ist. — In der heiligen Schrift steht nirgends zu lesen, daß einer der urchristlichen Apostel den andern seines Amtes enthob, vielleicht gar mit der Begründung, er sei mit ihm zu wenig «verbunden» gewesen.

* * *

Tage bevor der Stammapostel das vorerwähnte Schriftstück vom 28. Juni an mich sandte, ließ er den folgenden Brief in Zirkularform an viele Geschwister zugehen (datiert vom 23. Juni 1954):

Meine lieben Brüder und Geschwister des Apostelbezirkes Schweiz!

In den vergangenen Wochen habe ich verschiedene Briefe von Brüdern und Geschwistern, in der Hauptsache aus dem Bezirk Zofingen, erhalten; es war mir aber infolge Arbeitsüberhäufung unmöglich, alle diese Briefe im einzelnen beantworten zu können.

Über die Sache selbst will ich nunmehr durch nachfolgendes Schreiben die nötige Aufklärung geben, damit jedes Einzelne einen klaren Einblick in die ganze Angelegenheit bekommt. Ich führe nur einen kleinen Teil von all dem Unguten hier an, was mit Otto Güttinger durchlebt wurde. Daß ich hierbei niemandem zuliebe und niemandem zuleide schreibe, dürft Ihr versichert sein, denn ich habe nur das Wohl Eurer unsterblichen Seele im Auge. Was ich schreibe, beruht auf Tatsachen.

Schon gegen Ende des Jahres 1947 hat Otto Güttinger durch sein Verhalten bewiesen, daß er im geheimen gegen mich gearbeitet hat. Den Brüdern und Geschwistern gegenüber hat er sich in der größten Freundlichkeit gezeigt. Ich ging über all dies hinweg in der Hoffnung, unter Anwendung von Geduld ihm dennoch zu helfen. Der Geist jedoch, der in ihm Wohnung genommen hatte, setzte die einmal begonnene Arbeit fort.

Im Jahre 1951 wurde Otto Güttinger schon deutlicher, wie dies aus dem folgenden Schreiben von Apostel Higelin hervorgeht. Apostel Higelin schreibt u.a. an mich:

Mein herzlich geliebter Stammapostel!

Als ich laut Auftrag den Apostel Abicht von Mulhouse nach Strasbourg begleitete, wo sich die überseeischen Apostel trafen, um gemeinsam die Reise nach Frankfurt fortzusetzen, fuhren wir, der Bezirksälteste Schnoering und ich mit Apostel Otto Güttinger nach Mulhouse zurück. —Auf dem Weg war von so manchem die Rede, dann kam der Kern, um den es ging.

Apostel Otto Güttinger sagte u.a.: «Es werden oft viele Fehler gemacht, die man vermeiden könnte, wenn einer zum andern ehrlich und aufrichtig wäre, es kann ja jedem ergehen, wie es Apostel Schall, diesem treuen Gottesknecht, erging vor kurzem. Ich habe erfahren, daß gegen den Apostel Schall in Frankfurt eine böse Sache im Gange sei; sofort habe ich Apostel Schall benachrichtigt, er sei in Frankfurt schwarz gemacht worden und sei in Gefahr. Apostel Schall ging der Sache nach und hat Stellung bezogen und konnte rechtzeitig das gegen ihn Geplante abwenden. — Er hat sich nachher bei mir herzlich bedankt.»

Dies, mein lieber Stammapostel, wurde zu uns, Aeltester Schnoering und mir, gesagt am 14. August 1951 auf dem Weg von Strasbourg nach Mulhouse.

Obiges habe ich zur Klarstellung dem Apostel Schall mitgeteilt, der mir u. a. folgendes schrieb:

«Ihr Brief vom 14. Juni, den ich soeben erhalten habe, versetzt mich in nicht geringes Staunen. Von dem, was Sie schreiben, und Otto Güttinger zu Apostel Higelin gesagt, haben soll, weiß ich absolut nichts. Das, was Otto Güttinger den Genannten gegenüber gedichtet hat, ist ein Beweis, daß es bei dem Manne nicht stimmen kann. Ich freue mich, daß Sie mir in der Sache offen geschrieben haben, und ich versichere Sie, daß ich mit dem Mann keinerlei Verbindung pflegte. Ich habe ihm jahrelang lediglich zu Geburtstag und Neujahr eine kurze Gratulation, soviel ich weiß, meist mit einer Karte, geschickt.

Ich habe mit dem Mann, ohne daß Sie es wissen, keinen Verkehr gepflegt. Erstens ist mir nicht bekannt, daß ich bei Ihnen schwarz gemacht worden sein soll, ferner wissen Sie auch, daß ich nie Stellung bezogen habe, um das angeblich gegen mich Geplante abzuwenden.

Mein lieber Stammapostel, Sie kennen mich. Ich kenne nichts anderes als unbedingte Treue zu Ihnen. Wer mich kennt, der weiß, daß ich es nur ehrlich meine, und in jeder Hinsicht treu zu Ihnen wie auch gläubig zu Ihrer Botschaft in bezug auf das Kommen des Herrn stehe. Sie haben mir in 47 Jahren meiner Amtstätigkeit immer nur Liebe, weitgehendes Verstehen und Nachsicht werden lassen. Sie gaben mir Lehre und Mahnung, wo es nötig war, und dies immer in edelster und vornehmster Weise im Sinne Christi. Ihr Vertrauen war mir immer die Kraft zu der vielen Arbeit, die ich mit Gottes Hilfe tun konnte. Ich schreibe ja alles der göttlichen Gnade zu, und niemals könnte mich etwas von Ihnen abwenden. Ich habe die Zuversicht, daß Sie mir Ihre Liebe und Vertrauen auch weiter schenken werden.»

Außerdem teilte mir der Bezirksevangelist Hans Sulzer aus Basel u.a. folgendes mit:

«Am 21. April 1951 wurde ich von Apostel O.Güttinger telephonisch nach Zofingen gerufen. Im Laufe des Gespräches sind wir auf Sie, lieber Stammapostel, zu sprechen gekommen. und dabei äußerte sich Apostel O.Güttinger mir gegenüber, daß eben in Frankfurt manches nicht mehr stimme, er könne sich aber nicht näher aussprechen darüber. Der Stammapostel sei nun auch ein alter Mann und leide zudem an Arterienverkalkung.

Auch möchte er mir sagen, daß nicht der Stammapostel das Haupt sei, sondern die Aposteleinheit bilde das Haupt. — Von jener Stunde an war ich innerlich gelöst von Apostel Otto Güttinger. Ich habe dann aber doch über alles geschwiegen, bis sich das Verhalten von O.Güttinger im Bezirk Basel zur Unerträglichkeit und zu einer großen Gefahr auswirkte. Es erfolgte ja dann auch die Abtrennung des Bezirkes Basel von Zofingen.

Ferner hat der Bezirksälteste Giovanni Plüß aus Mailand am 2. Juni 1954 an den Bezirksapostel Streckeisen u.a. wie folgt geschrieben:

 

Mein von Herzen geliebter Bezirksapostel!
Der große Tag des Stammapostelbesuches ist vorbei. Doch bleibt uns der geschaffene Segen. Die Arbeit des lieben Stammapostels wirkt sich aus. Die Morgenröte steigt herauf.

Mit bangem Herzen trat ich die Reise mit Apostel Güttinger an. Doch hielt ich mich an Ihr Wort, und alles ist gut verlaufen. Apostel Güttinger wollte schon am ersten Tage von den Spannungen reden. Doch wies ich dies ab, denn ich wollte ihm ja offen entgegentreten. Um der Arbeit willen hielt ich aber zurück. Dann blieb alles still bis zum letzten Tage. Wo ich dann selber den Anstoß gab, ließ Apostel Güttinger dann reden. Er konnte ja nicht wissen, daß ich ganz gegen ihn war. Er nahm Stellung für die Herren im Saarland und damit gegen den Stammapostel und die mit ihm verbundenen Apostel (Streckeisen, Bischoff, Rockenfelder, Hahn u.a.), sprach auch von Holland. Ich rügte dann, daß Apostel Kamphuis den vorher Abgefallenen wiederum Lokale zur Verfügung gestellt hat, nahm sofort auch für den Stammapostel und für Apostel Streckeisen Stellung. Auf einmal sagte Otto Güttinger: «Mit Ihnen rede ich nichts mehr.» Damit war die Brücke abgebrochen, was mir recht war. Er hatte natürlich durch seinen Ausruf eher meinen «Umfall» erwartet, doch schwieg ich beharrlich. Es lag nicht an mir, die Brücke wieder herzustellen mit einem Apostel, der wohl vor den Gemeinden von Verbindung nach oben redet, welcher aber im Herzen längst abgefallen ist.

Schon aus dem Inhalt dieser angeführten Briefe geht klar und deutlich die Stellung von Otto Güttinger hervor. Er verstand es, die Menschen durch ein liebenswürdiges Benehmen an sich zu ziehen. Dabei aber war er in seinem Herzen längst mein erbittertster Gegner. Er führte somit ein Doppelspiel. In der Öffentlichkeit redete er vom Stammapostel und hat sogar die Dreistigkeit besessen, den Brüdern und Geschwistern zu sagen, daß er mit mir aufs engste verbunden sei, was jedoch durch die Tatsachen als Unwahrheit bewiesen ist.

Ich habe in den verflossenen Jahren oft versucht, ihm zu helfen, und hatte ihm sogar die Pflege der Seelen im Saarland anvertraut. Damals sagte ich ihm, er solle zwischen den dort bestehenden zwei Parteien wie ein Fels stehen, der sich weder nach der einen noch nach der anderen Seite neigt. Er hatte den Auftrag, ohne Rücksicht auf die seelische Einstellung der vorhandenen beiden Parteien das Evangelium zu verkündigen. Ich habe ihn angewiesen, er solle in diesen Verhältnissen keine Versiegelung halten, und dann habe ich ihm geraten, mit dem damaligen Vorstand Schmidt zu sprechen, daß dieser freiwillig von seinem Amt und als Vorstand zurücktreten möchte. Otto Güttinger hat von diesen drei Aufträgen nicht einen erfüllt, sondern er hat sich zu der Seite von Herbert Schmidt und Anhängern gehalten, und die treuen Brüder und Geschwister der anderen Seite als Rotte Korah bezeichnet. Er hat weiter, trotz meiner Ermahnung, Versiegelungen gehalten, und mit Herbert Schmidt hat er überhaupt nicht gesprochen, daß er zurücktreten solle.

Dies gab mir dann Veranlassung, den ihm gewordenen Auftrag im Saarland zurückzunehmen und ihn wieder im Apostelbezirk Schweiz zu verwenden.

Nachdem die Apostel Ernst Güttinger und Rudolf Schneider in den Ruhestand getreten waren, wurde Apostel Eschmann als Bezirksapostel für die Gemeinden in der Schweiz eingesetzt. Nach kurzer Zeit erkrankte Apostel Eschmann. Er hatte aber zuvor den Apostel Streckeisen zu seinem Nachfolger und Bezirksapostel bestimmt, wie dies die Satzung vorsieht.

Ich verkenne nicht, daß Otto Güttinger in beiden Fällen eine gewisse Enttäuschung erlebte, da er nicht Bezirksapostel wurde. Hierbei kommt es aber nicht auf den menschlichen Willen an, sondern auf den Willen Gottes; denn wir bitten doch: Dein Wille geschehe! Den Willen Gottes aber zu tun, war in den verflossenen 57 Jahren meines Apostolischseins für mich höchstes Gesetz. Ich habe dabei keinen Schaden an meiner Seele gelitten.

Apostel Streckeisen hatte kaum das Bezirksapostelamt empfangen, als schon im geheimen der Kampf gegen diesen Mann einsetzte. — Es wird auch Euch vielleicht noch in Erinnerung sein, daß bei seiner Einsetzung als Bezirksapostel der Geist die Worte erweckte: «Nun soll Apostel Streckeisen das Bezirksapostelamt empfangen, um als solcher den Bezirk bedienen zu können. Er soll aber auch, was ich nicht verbergen kann, die damit verbundene Last auf sich nehmen.»

Ich habe eine Reihe von Briefen hier liegen, woraus deutlich der Kampf von Otto Güttinger gegen den Bezirksapostel Streckeisen ersichtlich ist. —

Dann kam die Einsetzung des Bischofs Zimmermann. Da begann erst recht der Kampf gegen diesen Mann von seiten Otto Güttingers und seiner Anhänger.

Dieser Kampf wurde ununterbrochen im geheimen, aber auch zum Teil öffentlich fortgesetzt, so daß es nunmehr soweit kam, daß der Bezirksapostel Streckeisen sowie die Apostel Baur und Hänni tätlich angegriffen, ja, sogar an den Haaren gezerrt wurden.

Meine lieben Brüder und Geschwister, stellt Euch dieses Ungeheuerliche vor! In den fast 57 Jahren meiner Amtstätigkeit habe ich aber immer die Beobachtung gemacht, daß manche Amtsträger und Geschwister, die im Werke Gottes mitgeholfen und gesucht haben, Seelen zu retten, nachher so tief gefallen sind, daß ihre Arbeit nicht mehr in der Errettung, sondern in der Zerstörung des Seelenlebens bei Brüdern und Geschwistern bestand. An Stelle der rettenden Liebe war dann ein vernichtender Haß getreten. Wer hat in die Herzen solcher Geschwister und Brüder diese Aussaat gemacht? Bezirksapostel Streckeisen und die mit ihm verbundenen Apostel Baur und Hänni haben versucht, die Seelen im Bezirk Zofingen zu retten. Eine andere Absicht war nicht vorhanden. —

Ich bedaure die ganze Angelegenheit aufs tiefste; denn ich habe Otto Güttinger oft ermahnt, als er wiederholt bei mir zu Besuch war, und ich habe immer versucht, ihm zu helfen. Ich habe ihm auch gesagt, daß er mir mehr Arbeit mache als alle Apostel zusammen. Er hat dann von seiner Treue zu mir usw. geschrieben, aber in seinem Herzen sah es total anders aus. Daß die Sache eines Tages zum Bruch kommen mußte, war mir längst bekannt. Daß ein solcher Mann nicht mehr im Amte bleiben konnte, ergibt sich aus den angeführten Tatsachen, so daß Bezirksapostel Streckeisen infolge der inzwischen eingetretenen Zustände gezwungen war, den Apostel Otto Güttinger am 10. Juni 1954 seines Amtes als Apostel zu entheben, zumal sämtliche Bezirksämter der Schweizer Gemeinden (mit Ausnahme des Bezirksältesten Gysel und des Bezirksevangelisten Kindler) mit Schreiben vom 5. Juni ihm mitgeteilt haben, daß sie erwarten, daß er (Otto Güttinger) ohne Zögern das Apostelamt zu Füßen des Stammapostels niederlege, denn sie könnten ihn als Amtsträger unmöglich mehr anerkennen. Außerdem wurde eine Anzahl Amtsträger ihres Amtes enthoben, weil sie mit demselben Geiste erfüllt sind. Leider mußten auch einige Ausschließungen aus der Gemeinde vorgenommen werden.

Mit diesem Schreiben habe ich Euch einen Einblick in etliche von vielen Ursachen gegeben, die zu dem gegenwärtigen Zustand geführt haben. Es steht Euch nun, liebe Brüder und Geschwister, selbstverständlich frei, ob Ihr die Führung Eurer Seele dem Bezirksapostel Streckeisen und den mit ihm verbundenen treuen Brüdern anvertrauen wollt, oder ob Ihr es vorzieht, anders zu handeln. Gott hat jedem Menschen seinen freien Willen gegeben, um über sich selbst zu entscheiden.

Euch fernerhin das Beste wünschend, grüßt herzlich,

Euer Euch liebender
G. Bischoff

 

Solch ein Schreiben vom obersten Seelenhirten der Neuapostolischen Gemeinde muß für den kindlich Gläubigen niederschmetternd wirken und den letzten Funken Liebe, Zuneigung, Vertrauen oder Hochachtung für den gebrandmarkten Apostel erlöschen lassen. Ich selbst bin betrübt, vom Stammapostel solch eine Schmähschrift unterschrieben zu sehen. Es fällt mir aber nicht schwer, darauf Red und Antwort zu stehen.

Zunächst erwähnt der Stammapostel, daß ich «schon gegen Ende des Jahres 1947 im geheimen gegen ihn gearbeitet habe». Ich bin über solch eine derartige Äußerung erstaunt. Weder mein Herz noch mein Hirn registrieren aus jenen Jahren etwas gegen den Stammapostel. Die Taschenagenda und das Tagebuch jenes Jahres durchblättere ich umsonst nach etwaigen Äußerungen oder «Delikten». Im Gegenteil: Alles ist auf Hosiannah und Jubelton gestimmt meinem Stammapostel gegenüber!

Liebesgaben-Aktionen wurden gestartet für die Geschwister aus Deutschland. Nach Holland fuhren die Apostel der Schweiz in jenem Jahr und kämpften wie die Löwen für den Stammapostel und die Apostel-Einheit! Die überseeischen Apostel waren zugegen. Der damalige Stammapostel-Helfer Schlaphoff lud mich im Hause an der Bernusstraße 7 zu Frankfurt, in Gegenwart des Sohnes des Stammapostels ein, zwei Jahre später nach Afrika zu kommen für einige Monate, wozu der Stammapostel die Einwilligung gab. Nein, diese erste Bemerkung von 1947 muß ein Irrtum sein, vielleicht eine Zeitungs-«Ente» von irgendeinem sonderlichen «Tagblatt».

Der Briefwechsel von Higelin/Schall hat dann allerdings ein Körnchen Wahrheit. Ich halte auch für möglich und nehme das vorweg, daß der edle, gottvolle Apostel Schall sich dieses Gespräches nicht mehr erinnert und sein Satz «das was Güttinger den Genannten gegenüber gedichtet hat, ist ein Beweis, daß es bei dem Manne nicht stimmen kann», darf meines Erachtens nicht so ausgelegt werden, als wolle er einen heute angeschwärzten Mitapostel verleugnen. — Es war so: Im August 1950 war ich mit meiner Familie bei Apostel Schall eingeladen für einige Ferientage, woselbst wir selige, unvergeßliche Stunden erlebten, in Gottesdiensten und im Familienkreis; es war ein schattenloses Glück. Von dort fuhr ich mit meiner Familie nach Frankfurt zum Stammapostel, der die große Güte hatte, speziell wegen meines angemeldeten Kommens den Wochengottesdienst auf den Dienstagabend zu verlegen; das hatte mich sehr gefreut. — Anläßlich der privaten Besprechungen erwähnte der Stammapostel seine großen Sorgen wegen Schall; er unterbreitete mir auch ein Zirkular, das Schall an seine Ämter gerichtet hatte und darin er den damaligen Stammapostelhelfer Kuhlen in die Herzen einbaute. Das empfand J. G. Bischoff als nicht in Ordnung. Ich sagte darauf dem Stammapostel, daß ich soeben von Apostel Schall komme und bezeugen könne, daß ich Schall immer nur in Hochachtung und Ergebenheit vom Stammapostel reden hörte. Kurz darauf kam der Sohn des Stammapostels, der damalige Bezirksälteste Fritz Bischoff, herein und nahm an den Besprechungen teil. Der Vater (der Stammapostel) erzählte dem Sohn, daß ich eigentlich gute Nachricht gebracht habe betreffend Apostel Schall. Darauf der Sohn: «Na ja, Apostel Schall gehört eben auch zu den Menschen, bei denen man nie weiß, woran man ist.» — Am 24. August 1950 traf ich mit Helfer Kuhlen, Apostel Schall und Apostel Schmidt in Saarbrücken zusammen und erzählte Apostel Schall im Hotelzimmer von dem Vorkommnis, was er mir brüderlich verdankte, weil er sich nun entsprechend einstellen könne. —

Daß ich acht Tage nach dem 5. August 1951, dem Tag, wo die Apostel E.Güttinger und Schneider «zur Ruhe gesetzt» wurden, einen Hinweis gab auf gewisse Vorkommnisse, entspricht der Tatsache. Immerhin hatte der damalige Hirte Higelin das Gespräch im Auto nicht stenographiert und sind Abweichungen vom Gesprochenen vor Jahren zu verstehen.

Die Äußerungen von wegen einer möglichen Arterienverkalkung bekamen seither schon Hunderttausende zu Gehör. Hans Sulzere Brief wird wohl geschichtlichen Raritätswert bekommen. Ich kann dazu nur sagen, daß ich damals in der Möglichkeitsform sprach, und daß es zum mindesten schon vorgekommen sein soll und medizinisch absolut denkbar ist, daß Leute in den Achtzigerjahren von solch einem Leiden befallen werden können. Zudem war damals die «Botschaft» des Stammapostels noch nicht dogmatisiert (= als Glaubenslehre aufgestellt), was sehr zu beachten ist.

Das vom Stammapostel erwähnte Schreiben von Giovanni Plüß ist ein Meisterstück in der Verdrehungskunst. Die Entstellung der Tatsachen ist derart vollkommen, daß das von Plüß Geschriebene zur Unwahrheit wird. Psychologisch aber ist es verständlich, wenn dieser Bezirksälteste aus Mailand an Streckeisen schreibt: «Güttinger konnte ja nicht wissen, daß ich ganz gegen ihn war.» Wenn ein Nachbar ganz gegen seinen Nachbar ist, ein Sohn ganz gegen seinen Vater Stellung bezieht, ein Amtsträger sich ganz gegen seinen Apostel aufwiegeln läßt, dann ist allerdings viel Leid im Gefolge und die Äußerungen sind entsprechend mit Vorsicht aufzunehmen. — Als der Älteste Plüß und ich am 25. Mai dieses Jahres Richtung Rom fuhren und beim Abendsonnenlicht jener Stadt ansichtig wurden, da sprachen wir von Paulus und den ersten Christen und von der geschichtlichen Tatsache, daß nun wieder in aller Schlichtheit ein Apostel unserer Zeit in jene «ewige Stadt» einziehe. Im Rückblick auf die zwei Tage zuvor durchgeführte Ämterversammlung in Zürich, die der Stammapostel hielt und wo er von vorbereiteter Spaltung redete, die bis Ende 1955 / Anfang 1956 eintreten werde und daß bereits ein Stammapostelhelfer in Aussicht genommen sei usw., da sagte ich: Bruder Plüß, dies war mir so neu zu hören, wie Ihnen. Ich wollte Ihnen dies nur sagen, nicht daß Sie beim Dienen heute in Rom in Ihrem Herzen denken: Bist du, Güttinger, vielleicht derjenige? Dadurch würde die Arbeit erschwert und der Erfolg gemindert. Auf der Heimfahrt, Richtung Mailand, suchte Giovanni, der «ganz gegen mich war» (mir zwar Liebe und Freundlichkeit vorheuchelte), das Gespräch in die von ihm gewünschte Bahn zu lenken. Ich sprach dann von den Spannungen, die zum Teil wider mich gerichtet seien: einesteils werfe man mir vor, ich würde nicht an die Wiederkunft Christi glauben, zumindest nicht daran, daß der Stammapostel lebe bis zum Tage des Herrn. Ich sagte, daß ich beides glaube und lehre. Der einzige Unterschied bestehe darin, daß ich nicht in jedem Gottesdienst die Hälfte bis Dreiviertel der Zeit von diesem selben Thema rede. Im weitern, so führte ich an, würde mir auch angekreidet, ich hätte mit Afrika und Holland Verbindung. (Vom Saarland war nicht die Rede!) Plüß entgegnete, daß dies zu Recht bestehe, da weder Apostel Schlaphoff, Afrika, noch Apostel Kamphuis, Holland «in Ordnung» seien. Auch vom neueingesetzten Apostel Bischoff, Holland, wußte er die sonderlichsten Dinge zu erzählen. Darauf fragte ich ihn erstaunt, woher er, der doch in Mailand wohne, solche Dinge wüßte, das sei mir, als Apostel, völlig neu. Er flunkerte dann etwas von «man höre eben allerlei, wenn man nach Zürich komme» usw. Das «Ungeheuerlichste» (nach seinem Dafürhalten) wußte er von Kamphuis, Holland, zu berichten, weil er Kirchen, die «uns» gehörten, den Abgefallenen Hollands verkaufte und damit jene unterstützte. Darauf antwortete ich ihm, daß meines Wissens in einer holländischen Stadt sechs bis sieben große apostolische Kirchenlokale bestanden hätten, daß nach der Spaltung «uns» noch etwa siebzig Seelen verblieben seien. Apostel Kamphuis habe dann die leerstehenden Lokale vermietet und könne jederzeit darüber verfügen, falls wir sie benötigten. Die Vermietung bringe der Gemeinde monatlich eine hübsche Summe ein. Plüß blieb stur. Ich frug: «Oder wäre es besser gewesen, man hätte diese Kirchengebäude leerstehen und zugrunde gehen lassen oder gar abgerissen ?» Worauf von Plüß in fanatischer Art die Antwort kam: «Lieber das!» Hinsichtlich soviel sich ereifernder Engstirnigkeit konnte ich nur sagen: «Über diesen Punkt reden wir nicht mehr miteinander.» — Eine Weile blieb es drückend still im Wagen. Etwas später begann ich das Lied 515 unseres Gesangbuches zu singen, erst leise nur, wie für mich allein, in der Folge die Stimme erhebend als es im Liede hieß: «In die Herrlichkeit möchte ich gehn, wo die Heilgen sich recht verstehn, wo nicht Irrtum und Zwist unter Brüdern mehr ist, weil sie alle auf Jesus sehn.» Bei einem weiteren Lied von Jesus als Freund brummte auch Giovanni ein wenig mit. Wir aßen vor den Toren Mailands noch gemeinsam zu Mittag, ich führte den Mitbruder in seine Wohnung und wir waren ganz frohen Mutes und sogar sehr freundlich miteinander als wir uns verabschiedeten. Noch wußte ich ja nicht, daß dieser Mann «ganz gegen mich war.. . »

Wenn der Stammapostel in seinem Zirkular seinerseits an die dreifache Versündigung erinnert, die ich im Saarland begangen haben soll, dann möchte ich ihn an meinen Besuch vom 20. November 1953 in Frankfurt erinnern. Als ich dem Stammapostel dort vortrug, daß Streckeisen und mit ihm viele Ämter und «Partisanen» mit diesem Argument wider mich operierten, da sprang der Stammapostel damals auf und sagte dem anwesenden Stenographen (Bischof Weine): «Notieren Sie das, darüber darf doch nicht gesprochen werden; teilen Sie das Apostel Streckeisen mit.» Und nun, Monate darnach, hält der Stammapostel dies selber fest in einem Brief an einfache Glieder.

Wenn der Stammapostel ferner in dramatischer Weise davon spricht, ich sei «sein erbittertster Gegner» gewesen, dann rufe ich hier Gott zum Zeugen auf. Ich habe um die Gunst und Liebe beim Stammapostel gefleht, gebetet, geschrien und, menschlich gesprochen, fast gewinselt. Jeder Mensch hat ein Ehrgefühl, dessen Kränkung und Verletzung ein bestimmtes Maß nicht überschreiten darf.

 

 

Die Vorspiele zu den Tragödien

Die geschichtlichen Vorgänge der Nachkriegszeit seien nur in knappen Zügen angedeutet, aber sie tragen mit bei, die Zusammenhänge und Entwicklung der Dinge besser zu verstehen. — Im Anschluß an den jüngsten Weltbrand entstand in den apostolischen Gemeinden von

 

 

Holland

ein gefährliches Schisma (= Kirchenspaltung). Dem dortigen Apostel van Oosbree wurde zur Last gelegt, er habe mit dem Stammapostel zu wenig Verbindung, gehe in der Lehre vielfach eigene Wege usw. Dazu kam der unselige Krieg, der Überfall Deutschlands auf das friedliebende Holland, die vielen Jahre Besetzung, Konzentrationslager mit dem dadurch verständlichen Haß gegen alles, was deutsch war. Von Deutschland her war deshalb Einreise und Hilfe für die holländischen Gemeinden undenkbar. Im Auftrage des Stammapostels fuhren die Apostel der Schweiz (die Apostel Ernst Güttinger und Otto Güttinger) nach den Niederlanden, wenige Tage nur nach dem Tode des Apostels van Oosbree. Dieser über achtzig Jahre alte, erfolgreiche Apostel, der seit dem Jahre 1910 im Apostelamte stund, hinterließ ein sogenanntes geistliches Testament, worin er im Falle seines Todes seinen Nachfolger bestimmte. Seit dem Jahre 1939 war aber bereits in Holland ein zweiter Apostel, und zwar Apostel Jochems. Das «geistliche Testament» van Oosbrees bestimmte aber nicht Jochems, sondern den Bezirksältesten Slok zu seinem Nachfolger. Die erdrückende Mehrheit der Ämter und Geschwister stellte sich hinter Slok (über 20 000 Seelen!), weil sie in der Willensäußerung ihres Apostels van Oosbree den Willen Gottes glaubten zu erkennen. Mit unendlich viel Mühen und Opfern gelang es im Laufe von Jahren etwa 5000 bis 6000 Seelen für den Stammapostel und die Aposteleinheit zu gewinnen. Apostel Jochems wurde in den Ruhestand gesetzt. An seine Stelle trat Apostel Paasman (im Jahre 1946), der nach zwei Jahren Amtszeit von Gott abberufen wurde. An Stelle von Apostel Paasman wurde Apostel Kamphuis berufen (am 15. Augut 1948), der noch heute in Holland als Bezirksapostel im Segen dient. — Nach jahrelangen Prozeßverfahren, die bis zum höchsten Landesgericht Hollands führten, wurden auf Grund der Vereinsstatuten die Lokale und das Vermögen der Gemeinde dem kleineren, mit der Einheit verbundenen Gemeindeteil zuerkannt. — Die kluge, zielstrebige Arbeit des früheren Bezirksapostels der Schweiz in diesen holländischen Angelegenheiten brachte ihm aber wenig Dank ein. Im Gegenteil! Der Stammapostel war zuinnerst gegen diese Prozesse. Dem damaligen Apostel Jochems riet er:

Lieber in kleinen Mietlokalen wieder von vorn anfangen: Stuhl um Stuhl, Altar um Altar anschaffen, Gemeinde um Gemeinde aufbauen. — Die großzügige, weitsichtige Art der zum Kampfe neigenden Kräfte, dazu auch in hervorragendem Maße der frühere Stammapostelhelfer Schlaphoff und holländische Ämter gehörten, trugen den Sieg davon und erbrachte Seelen, Lokale, Gelder und Ansehen.

 

Im Anschluß an die Kriegszeit ergaben sich auch im

 

Saarland

Verhältnisse, die die seelsorgerliche Betreuung von Deutschland aus nicht mehr ermöglichten, so daß der Stammapostel dem früheren Bezirksapostel der Schweiz Auftrag gab, die dortigen Gemeinden zu bedienen. Das Saarland wurde ja schon lange vor dem letzten Krieg von der Schweiz aus bedient. Apostel Hölzel (aus Zürich, gestorben 1933) ging schon vor Jahrzehnten viel und gern nach dem Saarland. Zur Zeit Hitlers wurden die saarländischen Gemeinden dann von Deutschland aus bedient. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches kamen die Apostel aus der Schweiz wieder nach der Saar. Selbst dem katholischen Bischof zu Trier, zu dessen Diözese die Saar gehörte, wurde nicht mehr gestattet, in die Saar zu gehen; so hörte ich selbst den Herrn Kultusminister des Saarlandes sagen. «Nur den Neuapostolischen scheint es noch nicht klar zu sein, daß wir keine Beeinflussung von Deutschland her mehr wünschen», fügte der hohe Staatsbeamte bei. Es war nämlich sonderbar, daß mit der Übernahme des Saarlandes durch die Schweizer Apostel sich sofort eine Opposition bildete, die gegen die Bedienung aus der Schweiz Stellung nahm. Diese kleine Untergrundbewegung wurde von Leuten außerhalb der Saar genährt, gestützt und geleitet. Apostel Schneider, Hüntwangen, klagte schon oft: «Hätten wir Schweizer nur die Saar nie mehr gesehen, es wären uns viel Kummer und Leid erspart geblieben !» O, es war eine entsetzliche Zeit! Die Untergrundbewegung richtete sich wider die Apostel aus der Schweiz, auch wider den Stammapostelhelfer Kuhlen, ebenso ließ sie sich von Apostel Schall nicht zurechtbringen. Die sehr aktive Gruppe brachte Unruhe und Verwirrung in die Gemeinden. Die Behörde mußte intervenieren. Ein hochstehender Regierungsbeamter erklärte: «Wenn die Apostolischen eine Änderung in der Leitung in der Saar wünschen, so sind wir nicht dagegen; es muß dies aber langsam und in Ruhe vorbereitet werden. Die derzeitigen Machenschaften aber sind verwerflich, das ist nazistischer Abklatsch (!)» — Der Stammapostel hat dann die Apostel Ernst Güttinger und Rudolf Schneider zurückberufen von der Saar und mich mit der Leitung jener Gemeinden betraut. Er sagte dazu: «Übernehmen Sie die saarländischen Gemeinden; Sie werden es erleben, daß dies Gottes Wille ist.» Damit richteten sich jene Höllengeister wider mich. Die Gemeinden selbst waren zu 95 bis 98 Prozent glücklich und zufrieden, ja, selig. Aber die Wühler, die mit Nazi-Methoden arbeiteten, trieben ihr verheerend Unwesen weiter; sie fanden in der Person von Apostel Rockenfelder (ihrem früheren Bischof) gute Stütze. Diese Rebellen waren über alle Vorgänge im Werke und im Apostelkreise orientiert. Diese Unversöhnlichen erhielten Briefe und Besuche vom Reich; geheime Zusammenkünfte wurden abgehalten. Als dann eines Tages mich der Stammapostel bat, in der Saar keine Versiegelungen mehr zu halten und keine Ämter mehr einzusetzen, dann sagte ich allerdings: «Lieber Stammapostel, Ihrem Wunsch gemäß werde ich keine Ämter mehr einsetzen; wenn ich aber keine Versiegelungsverhandlungen mehr durchführen soll, dann wird die Opposition triumphierend sagen: Seht, das ist doch kein Apostel; er darf nicht einmal mehr versiegeln!» Der Stammapostel gab sich damit zufrieden. —Daß ich nicht beiden Gruppen gleichsam dienen konnte, so sehr ich es versuchte und es mir zur Sorge werden ließ, war darin begründet, weil die eine Gruppe sagte: «Apostel, sagen Sie, was wir tun sollen, wir machen alles, was Sie wünschen.» Die Opponenten aber wollten zuerst so und so viel zum Amt und zur Gemeinde hinausgeschmissen haben, bevor sie mit sich reden lassen wollten. Alle Bezirksämter sollten erst «erledigt» werden. — Es konnte so nicht weitergehen; mit Schreiben vom 19. April 1951 bat ich den Stammapostel, jemand anders nach der Saar zu beordern. Apostel Schall wurde hierzu ausersehen. Dieser hochstehende Apostel der Liebe vermochte die mit Gift erfüllten Männer auch nicht zu versöhnen. Die rebellierenden Brüder kamen nicht einmal an die große Ämterversammlung, die Apostel Schall auf den 24. Juni 1951 in Saarbrücken anberaumte, und tags zuvor, nach dem Gottesdienste des Apostels Schall in Sulzbach, lieferten sie dem Apostel eine heftige Disputation voll Gift und Lieblosigkeit. — Es nahte der 5. August 1951, wobei unter anderem Dauber aus Metz zum Apostel eingesetzt wurde und das Saarland übernahm. Die Tragödie einer Spaltung in der Saar war die Folge.

 

 

Luxemburg

Inmitten der Wirren im Saarland wurden die ebenfalls von der Schweiz aus bedienten Gemeinden im Großherzogtum Luxemburg in einem dem Geist und Wesen Christi hohnsprechenden Verfahren vom Apostelbezirk Schweiz getrennt. Unterm 9. April 1951 schrieb «der Vorstand der Neuapostolischen Gemeinden des Großherzogtums Luxemburg» (Bezirksevangelist Lucien. Bouquet) folgenden Brief an seinen Bezirksapostel in Zürich:

Seit geraumer Zeit macht der unterzeichnete Vorstand der Neuapostolischen Gemeinde des Großherzogtums Luxemburg die besorgniserregende Beobachtung, daß die von Ihnen verkündete Lehre sich in zunehmendem Maße von der durch den Stammapostel und die mit ihm in der Einheit verbundenen Apostel verkündeten Lehre Jesu Christi entfernt.

Auch aus den von Ihnen herausgegebenen Zeitschriften: «Brot des Lebens», «Christi Jugend» und «Ich sende Euch» sowie der Broschüre «Goldkörner» spricht eine fremde Lehre. Unsere anfängliche Annahme, es handle sich hier nur um ungewollte Entgleisungen, die eingesehen und korrigiert würden, hat sich nicht bestätigt Im Gegenteil bewiesen uns die immer deutlicher hervortretenden Irrlehren, daß hier ein Abfall begonnen hat, den die Unterzeichneten nicht mitzumachen gedenken. Insbesondere hat die mit Ihnen, im Beisein der Herren Seidel, Martig und Ehl am 25. März 1951 in Düdelingen stattgefundene Unterredung unzweifelhaft und unwiderrufbar bewiesen, daß Sie und die Ihnen unterstellten Amtsträger im vollen Bewußtsein Ihrer Handlungsweise von der Lehre des Stammapostels abgewichen sind und eine Trennung im Werke Gottes beabsichtigen.

In diesem, durch nichts widerrufbaren und durch keine Verhandlungen und Korrespondenzen abzuschwächenden oder umzudeutenden Verhalten erblickt der unterzeichnete Vorstand die größte Gefahr für das Glaubensleben der von ihm vertretenen Neuapostolischen Gemeinden des Großherzogtums Luxemburg. Aus diesem Grunde hat der Vorstand in seiner Sitzung vom 9. April 1951 auf Grund des Artikels 11, Absatz 1, der Satzung einstimmig beschlossen:

1. Die Neuapostolische Gemeinde des Großherzogtums Luxemburg unterstellt sich mit sofortiger Wirkung der geistlichen Leitung des Stammapostels in seiner Eigenschaft als Hauptleiter aller Neuapostolischen Gemeinden der Erde.

2. Die Bedienung der Gemeinden und die geistliche Pflege durch die Herren E.Güttinger, O.Güttinger und R.Schneider sowie durch die Ihnen unterstehenden Amtsträger werden abgelehnt. Zu diesem Zweck wird den genannten Personen das Betreten der von der Neuapostolischen Gemeinde des Großherzogtums Luxemburg ermieteten oder ihr gehörenden Grundstücke und Versammlungsräume untersagt.

3. Die Zeitschriften «Brot des Lebens», «Christi Jugend» und «Ich sende Euch» werden wegen ihres verwirrenden Inhaltes nicht mehr als Schriften zur Glaubensstärkung anerkannt. Sie sind nicht mehr die kirchenamtlichen Zeitschriften in dem durch den unterzeichneten Vorstand verwalteten Gebiet.

4. Der Vorstand erklärt, daß er sich nach Lage der Dinge außerstande sieht, mit den unter 2. genannten Personen mündliche oder schriftliche Verhandlungen über den Gegenstand dieses Beschlusses zu führen und weist alle derartigen Ansinnen im vorhinein und nachdrücklich zurück.

5. Der unterzeichnete Vorstand der Neuapostolischen Gemeinde des Großherzogtums Luxemburg erklärt hiermit feierlich, in unwandelbarer Treue und gewissenhafter Nachfolge zum Stammapostel und den ihm gehorsamen Aposteln und zu dem Werke Gottes zu stehen und mit allen Kräften zu wirken, daß die ihm Anvertrauten auf unser herrliches Glaubensziel zubereitet werden.

Der Vorstand der Neuapostolischen
Gemeinden des Großherzogtums Luxemburg
sowie sämtliche Amtsträger:
(Es folgten die Unterschriften)

 

Bezirksapostel Ernst Güttinger wandte sich am 13. April 1951 an die Amtsträger des Bezirks Luxemburg. Das Zirkular hat folgenden Wortlaut:

 

 

An die Amtsträger des Bezirkes Luxemburg

Meine lieben Brüder!
Mit Bestürzung habe ich heute das von Euch unterzeichnete Schreiben vom 9.4.51 zur Kenntnis genommen. Ich bin entsetzt zu vernehmen, daß der Bezirksevangelist Bouquet und die mitunterzeichneten Aemter mir und den Mitaposteln aus der Schweiz, als den bisherigen Segensträgern und Gesandten Gottes, die Türe weisen, ja, daß Ihr uns «jedes Betreten der Grundstücke und Versammlungsräume untersagt».

Als Begründung wird angeführt, daß ich mich von der Lehre des Stammapostels entferne und eine fremde Lehre verkündige, ja, Ihr bezichtigt mich der Irrlehre und des Abfalls. Als Höhepunkt wird die Behauptung aufgestellt, ich würde eine Trennung im Werke Gottes beabsichtigen.

Ihr Männer, liebe Brüder! Meine Seele blutet, so etwas lesen zu müssen! Wer hat Euere Sinne bezaubert, daß ihr zu solcher Ansicht gelangtet? Habt Ihr bereits vergessen, alle an Euch erwiesene Liebe, alle für Euch gebrachten Opfer, alle Euch gewordenen seligen Stunden und himmlischen Segnungen? Wer glaubt, daß sich mein Herz gewandelt habe, der irrt. Ich und die beiden Mitapostel wie Bischof Seidel stehen in unveränderter Herzensgesinnung und Liebe mit dem Stammapostel und den Aposteln Jesu verbunden.

Es ist betrübend, daß ein Bezirksevangelist die für ihn zuständigen Apostel und den gesetzten Bischof verwirft, ihnen mit lieblosen Worten die Türe weist, und erklärt, daß ein anderer Apostel nun die Führung übernehme. Nach göttlicher Ordnung wäre es Sache des Stammapostels, dies zu regeln und mir davon Kenntnis zu geben. Der Stammapostel hingegen hat mit einem Brief, mit selbem Datum wie Euer Schreiben, mir unter anderem geschrieben:

«Mein lieber Freund und Apostel Güttinger! Ihre Bitte, daß Ihnen von dem Inhalt meiner Blätter Bürstenabzüge zugesandt werden, habe ich an meinen Sohn weitergegeben. Er wird Ihrer Bitte entsprechen. Auch die übrigen Sachen werden Ihnen bald zugehen (in Sachen Verlagsrechte). — Was den Besuch der Apostel aus Übersee in der Schweiz betrifft, so werde ich Ihnen einen Plan zusenden, sobald derselbe endgültig festgelegt ist, damit Sie die Reisen entsprechend einteilen können.

Ihnen fernerhin das Beste wünschend, grüßt herzlich,

Ihr Sie liebender
J. G. Bischoff»

 

Daraus erhellt, daß ich mit dem Stammapostel in Verbindung bin und daß alles andere Gerede nicht aus dem Geiste der Wahrheit ist. Ich versichere, ja, ich beschwöre Euch, daß ich mit keinem Gedanken mich vom Stammapostel und der Aposteleinheit zu trennen gedenke. Wer etwas anderes sagt und lehrt, tut dies im Widerspruch zur Wahrheit!

Meine lieben Brüder! Es tut mir unendlich weh, daß es dem Fürsten der Finsternis gelang, uns zu trennen. Meine Seele weint.

Ich liebe Euch noch immer. Verbunden mit den. Mitaposteln und dem Bischof Seidel, die um des Vorgefallenen willen ebenfalls zutiefst betrübt sind, grüße ich Euch in Jesu herzlichst

als Euer
E. Güttinger

 

Apostel Schneider schrieb am 14. April 1951 einen Notschrei an den Stammapostel. Er erwähnte unter anderem: «Der höchst traurige Brief aus dem Bezirk Luxemburg entspricht niemals der Wahrheit. Es kann kaum sein, daß die Brüder von Luxemburg ihn aufgesetzt haben. Denken Sie sich, was wird aus unserem Schweizer Bezirk, wenn solche Gerüchte und Unwahrheiten hierher kämen! Nun verbieten uns die Brüder von Luxemburg das Betreten der dortigen Gemeinden. Denken Sie sich in unsere Lage! Ich war bei den ersten Anfängen und habe die ersten Versiegelungen gehalten im Lande Luxemburg, und nun hält man mich als Abgefallener. Bewahre Gott unsere Grenzen, daß solche Kunde nicht in unser Land dringt. — Ach bitte, verhüten Sie das Schwerste, Sie können‘s! Helfen Sie uns in Ihrer großen Liebe, daß das Unglück von der Schweiz kann abgewendet werden. In Ihrer Hand liegt es, das Schwerste, das Unglück zu verhüten.»

Auch ich schrieb einen Hilferuf an den Stammapostel. Bischof Seidel, Bezirksältester Martig und Bezirksevangelist Ehl richteten ihrerseits ein gemeinsames Schreiben an die Luxemburger Ämter, worin sie unter anderem festhalten:

In dem von Euch unterzeichneten Schreiben vom 9.4.1951 des Vorstandes der Neuapostolischen Gemeinden des Großherzogtums Luxemburg an Herrn Ernst Güttinger, Zürich, wird unter anderem folgendes erwähnt: «Insbesondere hat die mit Ihnen, im Beisein der Herren Seidel, Martig und Ehl am 25. März 1951 in Düdelingen stattgefundene Unterredung unzweifelhaft und unwiderrufbar bewiesen, daß Sie und die Ihnen unterstellten Amtsträger im vollen Bewußtsein ihrer Handlungsweise von der Lehre des Stammapostels abgewichen sind und eine Trennung im Werke Gottes beabsichtigen.»

Diese Behauptung müssen wir nachdrücklich und mit aller Bestimmtheit zurückweisen, da sie absolut auf Unwahrheit beruht. Weder bei Gesprächen in Düdelingen, noch je zuvor oder nachher, sind weder von uns noch vom Bezirksapostel Worte gefallen, die zu einer derart ungeheuerlichen Anklage Anlaß geben könnten. Mit gutem Gewissen können wir bestätigen, daß es niemals unsere Absicht war, uns von der Lehre des Stammapostels zu entfernen oder gar eine Spaltung im Werke Gottes herbeizuführen.

Im vollen Bewußtsein, Gegenstand einer völlig ungerechtfertigten, ja niederträchtigen Anklage zu sein, sehen wir uns in berechtigter Entrüstung genötigt, die aufgestellte Behauptung zu widerlegen.

Das Ende des Dramas: Der Bezirk Luxemburg wurde dem Apostel Rockenfelder unterstellt. — Letzterer war auch der treibende Geist in dem unrühmlichen «Handstreich». Das ganze Vorgehen und Gebaren aber entspricht mehr dem Geist der geheimen Staatspolizei irgendeines totalitären Staates, als dem Geiste Gottes, der ein Geist der Liebe ist.

 

 

Bezirk Basel

Was Apostel Schneider im Geiste zum voraus kommen sah, das trat ein: Der Geist des Zerstörens kam auch in die Schweiz, mit denselben Methoden und durch dieselben Drahtzieher im Hintergrund. Der Älteste Keller aus Basel, hatte an der Dreiländer-Ecke schon immer sehr gute «Verbindungen» mit Bewohnern jenseits der Grenzpfähle. Aus unterschiedlichen Motiven pflegte er den Kontakt mit Brüdern dies- und jenseits der Grenze. — Am 10. März 1952 wiederholte sich das Beispiel Luxemburgs im Bezirk Basel: Keller versammelte die Amtsträger hinter verschlossenen Türen, ließ dort einen Schreibebrief an Bezirksapostel Eschmann unterzeichnen, worin der Wunsch zum Ausdruck kam, sie wollten «Los von Zofingen», also los von Ihrem Apostel werden. Die vor der Unterzeichnung vorgebrachten Verdächtigungen und Verleumdungen waren infam und in einer Überfülle. Keller ließ sich von nördlich des Rheins gelegenen Bazillenträgern infizieren und steckte damit die armen Brüder, die um ihn waren, gründlich an. Über die Person dieses zum Teil vergotteten Arthurs (Keller) möchte ich mich für diesmal nicht äußern. Die Feder sträubt sich dagegen ... Jener Brief jedoch, den ich in dieser Sache am 12. März 1952 an den Stammapostel sandte, sei hier wiedergegeben:

 

Mein von Herzen geliebter Stammapostel!
Vielen Dank für Ihren Brief vom 22.2.52. Diese Zeilen sind mir sehr wertvoll und wegleitend.
Nun hat sich in jüngsten Tagen hierzulande etwas ereignet, wovon Sie durch Apostel Eschmann bereits orientiert wurden. Freund Keller aus Basel hat sämtliche priesterlichen Ämter seines Bezirkes auf vergangenen Sonntagabend einberufen und ihnen nahegelegt, ein bereits vorliegendes Schriftstück zu unterzeichnen, wonach der Wille kund wird, nicht mehr von mir bedient zu werden. — Als Hauptgrund wurde dabei betont, ich sei mit Ihnen nicht mehr verbunden und würde Ihre Lehre nicht lehren.

Mir wurde von diversen Brüdern, im unmittelbaren Anschluß an jene Zusammenkunft in Basel mitgeteilt, daß die Ämter durch die beiden Bezirksämter Keller und Sulzer gegen mich derart aufgehetzt worden seien, daß eine direkte Auflehnung gegen mich dadurch entflammt wurde. — In der Versammlung äußerte sich u.a. einer der Priester, daß, wenn dies alles wahr sei, dann müßte doch der Stammapostel eingreifen und mich absetzen, denn dies sei allein Sache des Stammapostels. — Ein weiterer Priester aber ermahnte schlicht, daß das Apostelamt immerhin ein hohes Amt sei und man hier GOTT walten lassen sollte; dieser Bruder wurde aber überschrien: Nein, jetzt wird gehandelt! — Einzelne Priester berichteten mir, sie hätten zwar auch unterschrieben, aber nur weil sie befürchteten, in der Folge durch Keller kaltgestellt zu werden. Andere Brüder sind mit zerrissener Seele aus jener, dem Geiste Christi sicher nicht entsprechenden Versammlung heimgegangen.

Lieber Stammapostel! Das Vorgefallene tut mir außerordentlich leid. Ich sah wohl, daß Keller je länger je mehr sich von mir innerlich löste, gegen mich arbeitete und auch mit Ap. Eschmann keine Verbindung hatte. Ein jüngster Gottesdienst vom Bezirksapostel wurde von der Basler Opposition heftigst angegriffen. — Ich versuchte mit allen Kräften, Keller, den ehemaligen Freund, wieder zu gewinnen. Anläßlich meines Besuches in Basel, vom 5./6. Januar 1952 sagte ich Keller unter vier Augen, es sei mein ehrlichstes Bestreben, das frühere herzliche Verhältnis zu ihm wieder herzustellen und zu erhalten, zum Segen des Ganzen und zur gegenseitigen Seligkeit. Keller gab mir darauf unvermittelt einen festen Kuß ... und heute! (War‘s ein Judaskuß?)

Zum Hauptgrund selber kann ich nur schlicht, aber wahrheitsgetreu sagen: Sie, lieber Stammapostel, sind für mich der Führer und das Haupt des Werkes Gottes auf Erden. Ihr Glaube an die baldige Wiederkunft Christi ist auch mein Glaube. Daß Sie den Herrn täglich erwarten, tue und lehre auch ich. In meinen täglichen Gebeten zu Hause und in jedem Gottesdienst bitte ich auch herzlich für Sie als meinen geliebten Stammapostel. — Ich weiß fernerhin, daß mein Bezirksapostel sich enge mit Ihnen verbunden hält. Deshalb halte ich meinerseits wiederum innige Verbindung mit ihm. Damit glaube ich in der Segenslinie zu stehen. Es schmerzt mich aber sehr, daß gewisse Geister nicht ruhen und einen Abfall konstruieren möchten, wo keiner ist.

Ob ich auch weiterhin den Bezirk Basel bediene oder nicht, ist für mich von untergeordneter Bedeutung. Ich hielte es sogar als das Beste, wenn dieser durch die Machenschaften gewisser Geister beunruhigte Bezirk vorerst direkt unter die Hand des Bezirksapostels Eschmann gestellt würde, denn nach den drei jüngsten Aussprachen mit Ap. Eschmann haben Keller und Sulzer, laut ihren eigenen Worten vom letzten Sonntagabend, nun volles Vertrauen zu Ap. Eschmann gefaßt.

Mit tiefer Sorge sehe ich allerdings der großen Gefahr entgegen, wenn das gegen mich in Basel Ausgestreute in die angrenzenden Bezirke gerät. Wir rufen damit Geistern, welche die Zerstörung des Werkes Gottes im Auge haben!

Ich vertraue Ihrer weisen Entscheidung in dieser Sache, unterstelle mich Ihrem Worte und grüße Sie in herzlicher Liebe,

als Ihr:
Otto Güttinger

 

Das Ende vom Liede: Die Meuterei gelang. Der Bezirk Basel wurde von Zofingen getrennt und dem damaligen Bischof Ernst Streckeisen aus St. Gallen unterstellt. — Die Wühlgeister frohlockten und buchten einen neuen Erfolg.

 

 

Der fremde Geist

Woher kommt es, daß dieser fremde, teuflische Geist in die Reihen der Neuapostolischen Gemeinde, vor allem in deren Führerschicht drang? Diese frommen Leute sollten doch ein Herz und eine Seele sein? — Ja, die bösen Kräfte haben der Gemeinde von außen her nichts zu schaden vermocht, aber als sie sich mitten in die Gemeinde, ja, selbst in den Apostelkreis, einzuschleichen vermochten, da kam viel bös Ding mit im Gefolge. Um der Wahrheit willen wage ich es hier öffentlich auszusprechen: Ehemals aktive Nationalsozialisten wurden nach dem Zusammenbruch des verkürzten Tausendjährigen Reiches eines Adolf Hitlers nur sehr schlecht «entbräunt». Sie wechselten zwar das braune Hemd mit einem Weißen, aber die Gesinnung der Braunhemden, die blieb. Es kamen deren einige in die höchsten Ämter der NAG und wurden zum Teil Umgebung und Einflußsphäre des Stammapostels. Hierin liegt die Ursache des Unglücks. — Der Eingeweihte, hellsichtige und hellhörige Beobachter, der das Denken nicht nur den Pferden überlassen will, weil sie den größern Kopf haben, kann ohne Mühe, und zwar an den Früchten, die Wahrheit des Gesagten prüfen. Es ist ein Jammer und das Unheil schreit zum Himmel, aber es bleibt doch Tatsache, daß an den jüngsten Erscheinungen in der NAG irgendeine Gestapo-Parteigröße noch hinzulernen könnte.

In der NAG-Presse, die Rockenfelder in der Hauptsache redigiert, wird in feiner und oft plumper Weise der fremde Geist enthüllt. Stilblüten hierüber ergäben eine Manifest-Sonderausgabe. Wer die Presse hat, besitzt eine ungeheure Macht.

Dann wurde ein neues Lehrbuch herausgegeben. Die Apostelversammlung übertrug die Neufassung dieses «Frage- und Antwortbuches» dem damaligen Stammapostelhelfer Kuhlen. Des Stammapostels Sohn, der damals Bezirksältester war, zerschlug diesen Apostelversammlungsbeschluß. Er, Fritz Bischoff, werde diesen Lehr-Katechismus bearbeiten. So geschah es auch. — Das neue Fragen- und Antwortbuch hat wesentliche Abweichungen vom bisherigen. Die Worte Gnade und Liebe wurden mehrheitlich mit Überwinden und Glaubensgehorsam (rein arische Begriffsvorstellungen) ersetzt. — Das Apostelkollegium hat an Wert enorm eingebüßt. Die Apostel sind zu Gehilfen des Stammapostels degradiert worden, dafür wurde der Autoritätsgedanke, das «Führerprinzip» im Stammapostel mächtig gefördert.

Ein abgewandelt Sprichwort sagt: Fürs bloße Denken, könne man einen nicht henken... In der NAG geht die Gesinnungsschnüffelei aber viel weiter. Auch wenn du sagst: «Ich glaube», so glaubt man dir noch lange nicht, denn es kommt doch, so sagt man, darauf an, was einer «in seinem Herzen denkt». Wenn die Pharisäer und Schriftgelehrten vor 1900 Jahren auf Jesus Christus lauerten, «und suchten, ob sie etwas erjagen könnten aus seinem Munde, daß sie eine Sache wider ihn hätten» (Lukas 11, 53—54), so waren das sicher nur Amateure gegenüber jener raffinierten, diabolischen NAG-Gestapo. Hier geht es nach dem bekannten Wort: «Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein!» Man verdreht einem das Wort im Munde, man rapportiert Geschautes, Erlauschtes und Erdichtetes nach «oben», und wenn «oben» mal einer unangenehm aufgefallen ist, dann hat er nichts mehr zu lachen. Er mag dann nach «oben» mit gefalteten Händen kriechen, er wird mit geballten Fäusten von dannen gehen. Die Laurer und Berichterstatter und Spione aber werden gedeckt, bemuttert und gefördert; es wird ihnen alles geglaubt. Durch solche Beförderungen im Amte ergeben sich dann meistens sonderbare Heilige (sogenannte «Eisheilige», weil kalt und lieblos).

Anno 1951 wurden verschiedene anonyme Briefe an die Apostel versandt. Oft sehr geharnischten Inhaltes. Ich lasse hier jenen vom 1. März 1951 als unerfreuliches Muster folgen:

 

 

Gesicht der Endzeit
Die Frankfurter Maske fällt

Deutschland, den 1. März 1951
Geliebter Stammapostel!
Es ist seit Jahren den meisten Aposteln und Brüdern bekannt, daß Sie nicht mehr allein Leiter des Werkes Christi auf Erden sind. Der Schattenregent ist Ihr Sohn Friedrich Bischoff mit seinen Helfershelfern.

Unter den Brüdern des Frankfurter Bezirkes ist es ein offenes Geheimnis, daß Sie diesem Judas Ischariot der Endzeit seit einem Jahr nun völlig verfallen sind. Mit großer Sorge wird die Zerstörung an heiliger Stätte beobachtet. Ein Apostelkollegium besteht praktisch nicht mehr. Die Apostel waren in den letzten Jahren nur noch Puppen und in den Augen Ihres Sohnes, die meisten von ihnen, Dummköpfe und einfältige Spießbürger. Alles, was beschlossen wurde und nicht in die Mammonpläne dieses Judas hineinpaßte, wußte er zu verhindern. Ihre tiefe, reine, kindliche Herzenseinstellung hat dieser Luzifer (so nennt man ihn in Württemberg) reichlich ausgenützt, um seine Machtstellung auszubauen. Die apostolische Presse ist ein Machtinstrument in seiner Hand. Es wird kontrolliert von Ihnen oder auch nicht, nur das geschrieben, was er gutheißt. Seine Helfer, Meyer-Geweke, der Wiederaufgenommene, und Ap. Rockenfelder, der von ihm bezahlte, spielen sich als Apostellehrer auf. Einige andere, die Ihm Geld gepumpt haben, oder mit Schmeicheleien nach der Spitze greifen, sind noch Günstlinge. Alle übrigen müssen sich auf alles gefaßt machen.

Es besteht ein Weißbuch über seine eigennützigen Schandtaten seit 1932, von denen Ihnen nicht der zehnte Teil bekannt ist, welche die Apostel und Brüder aus Ehrfurcht vor Ihnen getragen und ausgeglichen haben.

 

Soll das so weiter gehen?

Ihre Leichtgläubigkeit und Blindheit dem eigenen Blut gegenüber hat Ihre Stellung im Werke Christi schon schwerstens erschüttert.

Beweisführung: Brudersinn wird wohl von den Geschwistern gefordert, ist aber im Apostelkreis nicht mehr zu Hause. Aussprachen werden verhindert. Maßregelungen, selbst der treuesten Gesalbten des Herrn, werden durch Ihren Sohn diktiert. Alle Dinge, selbst die geheimsten aus dem Apostelkreis, sind einem Evangelisten, späteren Aeltesten, durch Sie oder seinem Helfer, ihm zugänglich gemacht worden. Wer es mit Ihrem Sohn verdirbt, erhält ganz sicher von Ihnen bald den geistigen Genickschuß ohne sich rechtfertigen zu dürfen. Das Einsetzen und Absetzen von Aposteln scheint auch schon in seiner Hand zu liegen, denn alle Anzeichen deuten darauf hin. Für die Belange des Verlags und seine Gewinne werden Apostel und, wenn nötig, Tausende von Geschwistern geopfert. Die Braut blutet schon aus tausend Wunden. Der Richterstuhl steht in Frankfurt und teilt schon jetzt die Braut auf, in Kluge und Törichte, treue und böse Knechte, selbst das Sonnenweib ist schon bekannt. Spaltungen, kleinerer und größerer Art waren und würden weiterhin die Folge sein.

Die herrlichste Hoffnung des Volkes Gottes, die Wiederkunft Christi, wird heute von diesen Geistern als Kampf- und Denunzierungsmittel benutzt. Die Worte des Propheten Amos, Kap. 5, 5. 21, schweben über Ihrem engsten Beraterkreis. Gesichte und Visionen aller Art und Herkunft triumphieren über der Apostellehre. Die Welt horcht schon auf, um im gegebenen Moment zuzuschlagen.

Dieses Dokument ist keine Anklageschrift, sondern der verzweifelte Hilferuf eines Sehenden.

Retten Sie Ihren Namen und Ihre geleistete Arbeit.
Retten Sie die Brautgemeinde.

Noch ist es Zeit. Setzen Sie sich mit den Aposteln zusammen und besprechen Sie alles im Geiste brüderlicher Liebe.

 

Die Apostel müssen jetzt sprechen und der Wahrheit die Ehre geben, sonst sind sie alle mitschuldig am Niedergang des Werkes.

Dieses Schreiben stammt von keinem Apostel und ist auch von keinem Apostel der Erde angeregt oder gefördert worden.

Alle europäischen Apostel haben es mit Datum von heute erhalten. Sollten Sie weiterhin, nach Rücksprache mit Ihrem Sohn, diese ernste Gefahr durch Telephongespräche oder ein diktiertes Rundschreiben bagatellisieren, werden alle Aeltesten, Bischöfe und, wenn nötig, alle Vorsteher eine Abschrift erhalten. Dann würde die apostolische Geschichte der Endzeit folgendes schreiben: Krebs, der Einende. Niehaus, der große Baumeister. Bischoff, der Spalter. Es tut mir tief in der Seele weh, Ihnen solche Schmerzen bereiten zu müssen; aber die Schmerzen der Braut sind größer und das Werk Christi und seine Vollendung steht mir über Ihrer Person und Familie.

Mit herzlichem Gruß:
Einer Ihrer Mitbrüder,
der auch nur selig werden will

 

Dies anonyme Schreiben, das man Schmähschrift nennen mag, wirft ein sehr bedenkliches Licht auf gewisse Zustände des Werkes Gottes. Sicher sind anonyme Briefe nicht gutzuheißen. Im Geschriebenen jedoch verbirgt sich viel Wahrheit. Nun wurde dieses Pamphlet aber dem Schweizer Apostel, Vater Güttinger (oder seinem Sohn) in die Schuhe geschoben, obwohl es in Deutschland zur Post gebracht wurde. Alle gegenteiligen Beteuerungen, ja, Beschwörungen, halfen nichts. Für den alten Güttinger war jetzt einfach ein Strick fällig, und dieser anonyme Brief lieferte, wieder ein paar Fasern dazu. — Nach über drei Jahren erst erfuhr ich den Verfasser dieser Briefe. O weh, die NAG-Gestapo hatte in diesem Punkt bös daneben getippt! Es war weder ein Güttinger noch ein anderer Schweizer. — Aber das Unheil, die Lüge, das Mißtrauen ist gesät und nicht wieder gutzumachen, denn Mißtrauen ist ein abscheulich Teufelsding.

Im Herbst 1952 erwähnte ich mal in einem Gottesdienst, daß man Apostel Paulus drei Jahre lang nicht anerkannt habe. (Galater 1, 18.) Unterm 2. Oktober 1952 erhielt ich einen Brief vom Stammapostel, worin geschrieben stund: «Ich bitte Sie, in Zukunft die Bemerkung; daß man Paulus drei Jahre lang nicht anerkannt habe, zu unterlassen. Ich weiß genau, was Sie damit sagen lassen.»

In Zofingen wurde, im vollen Einverständnis mit dem damaligen Bezirksapostel Eschmann, ein Hauspflegeverein gegründet. Der hiezu ins Leben gerufene Verein und freiwillige Spenden, machten das humanitäre Werk von den Opfergeldern unabhängig. Als ich mit Apostel Eschmann am 7. Juni 1952 nach Frankfurt kam, wurde ich von wegen diesem Hauspflegeverein ziemlich unsanft behandelt: Was ich denn da gemacht habe; ein Apostel sei doch nicht dazu da, um Finanzgeschäfte zu tätigen; wenn man sich um Vereinssachen bekümmern müsse und Zahlen im Kopf zu wälzen habe, könne man seiner Mission nicht mehr obliegen usw. usw. — Ich machte dem Stammapostel klar, daß ich ja damit gar nichts zu tun habe, und daß diese Sache ein großer Segen sei in der Gemeinde. Es half alles nichts. Sang- und klanglos mußte man das höchst segensvolle Werk christlicher, tätiger Nächstenliebe beerdigen...

Dazu kommt, daß einer auf den andern aufpaßt. Versteckt und offen, wurde gelehrt: Paß auf deinen Vordermann, paß sogar auf deinen Apostel auf, ob er mit dem Stammapostel «verbunden» ist und genau lehrt, was vorgeschrieben wird! — Dies wurde in meinem Bezirk mit besonderem Nachdruck getan. Die «fünfte Kolonne», die zur Aufgabe hatte, langsam aber sicher den Apostel zu «erledigen», machte ein oft widerliches Geschrei: Nur Bezirksapostel und nur Stammapostel! Der Apostel wurde nicht mehr erwähnt. Dafür bis zum Leerlauf: Bezirksapostel — Stammapostel. Es wurde zum Beispiel «gepredigt» mit Wiederholungen: Wenn der Stammapostel einen Schritt nach vorn macht, so macht unser Bezirksapostel auch einen nach vorn. Macht der Stammapostel aber zwei Schritte vorwärts, so macht auch der Bezirksapostel zwei Schritte vorwärts. Geht der Stammapostel aber einen Schritt zurück, so geht auch der Bezirksapostel einen Schritt zurück. Macht aber der Stammapostel keinen Schritt vorwärts und keinen zurück, so bleibt auch der Bezirksapostel stehen... So geht das dann eine Viertelstunde lang im Kreise herum. Das nennen gewisse Leute: «Verbindung» und «Vollenderarbeit». — Neuzeitliche Apostel sagen dazu beschwörend: Nicht denken — nur glauben!

In der Heiligen Schrift steht zu lesen: «Draußen sind die Hunde!» Das will sagen, daß Menschen, welche die Gesinnung, die Art und den Trieb eines Hundes haben, nicht ins Reich Gottes gelangen. — Hunde sind Lebewesen, die vor ihrem Herrn wedeln, in Liebe dienen, wenn nötig kriechen, sklavisch sich benehmen, was sie gespien wieder fressen, kalte, große Schnauzen haben, bellen und beißen, in der Regel zwar sehr treu sind, und doch werden sie mal «draußen sein».

 

 

Apostel Ernst Güttinger

war der erste Schweizerbürger, der noch vor der Jahrhundertwende versiegelt wurde. Im Jahre 1923 wurde er zum Apostel berufen und diente als hervorragender Pionier. Er war ein volksverbundener, ein kluger Glaubensheld, dessen Gottesdienste bereicherten und zündeten und viele zum Glauben und Gotteserlebnis führten. Aus seinen Lebenserinnerungen wissen wir, daß er im Laufe seiner Amtstätigkeit über 26 000 Seelen versiegelte. Er war ein schöpferischer Diener und liebte eine offene Sprache. Kein Wunder, daß er in den Jahren nach dem Krieg immer mehr in Ungnade fiel. — Wenige Jahre nach dem Weltkrieg wurde ein neues Apostelstatut geschaffen. Jeder Apostel konnte hierzu Vorschläge machen. Was tat der alte Bezirksapostel? Zusammen mit seinem Anwalt entwarf er als Apostel und Schweizer den Gedanken, der Stammapostel sollte alle paar Jahre wieder wählbar sein, wie etwa der Präsident eines demokratischen Staates. Damit griff er in ein Wespennest, obwohl er ja nur im Apostelkreis einen Vorschlag machte, und als er überstimmt wurde, sich wortlos fügte. Aber dieser Vorschlag war schon des Guten zuviel. Man rechnete es ihm als Ketzerei an. Selbst der Stammapostel verzieh es ihm nicht. Noch drei Jahre danach schrieb er ihm unter anderem (am 15. Februar 1951): «Mein lieber Apostel Güttinger, ich muß auf Grund der in den letzten Jahren gemachten Erfahrungen leider annehmen, daß ich für Sie so überflüssig geworden bin wie der Rost am Messer.» — Dem Bezirksältesten Sulzer in Schaffhausen schrieb der Stammapostel am 9. Mai 1951 unter anderem:

Was die Ereignisse in den letzten Monaten im dortigen Bezirk betrifft, so ist das für mich tief traurig, denn es könnte anders sein. Apostel Güttinger hat schon vor etwa 3 Jahren geschrieben: Stammapostel kann jeder werden, indem alle 2—3 Jahre ein neuer gewählt wird. — Damit hat er zu erkennen gegeben, daß das Stammapostolat für ihn nicht mehr eine Gabe Gottes ist, sondern ein Produkt menschlicher Wahl. Voriges Jahr hat er an das Apostelkollegium den Antrag gestellt, mich zur Ruhe zu setzen. Die Apostel haben natürlich über ein derartiges Ansinnen gelacht. Auch in der letzten Apostelversammlung in Frankfurt hat er nochmals darauf hingewiesen, wo ich ihm sagte, ich sei laut Satzungen vom Stammapostel Niehaus auf Lebenszeit eingesetzt. Daran ist nichts zu ändern.

Apostel Ernst Güttinger war an Ostern in Luxemburg und hat derart ungünstig über mich gesprochen, daß der dortige Bezirksvorsteher im Verbundensein mit den Brüdern an Apostel Güttinger schrieb, daß sie sich von ihm gelöst haben und direkt unter meine Hand stellten und haben ihm sogar das Betreten der Lokale in Luxemburg verboten, wie Sie aus beiliegendem Schreiben ersehen. Daraus geht hervor, wie sinnlos dieser Mann handelt und sich dadurch selbst die Grube gräbt. Er darf sich auch nicht der Meinung hingeben, daß die Bischöfe und Bezirksvorsteher in der Schweiz zu allem, was er tut, Ja und Amen sagen. Wie lange diese Männer noch zusehen und sich gefallen lassen, daß der Mann so abfällig über den Stammapostel spricht, wird die Zukunft lehren.

Einem jungen Bruder aus Schaffhausen (Hans Mathys) antwortete der Stammapostel unterm 9. Mai 1951 unter anderem:

Antwort: Er hat vor ca. 3 Jahren an die Apostel geschrieben, daß jeder Apostel Stammapostel werden könne, indem alle 2—3 Jahre ein neuer gewählt wird. Damit gab Apostel Güttinger zu erkennen, daß er das Stammapostelamt nicht mehr als eine Gabe Gottes ansieht, sondern als ein Produkt menschlicher Wahl.

3. Kann er uns an das baldige Ziel bringen?
Antwort: Das ist nur einzig und allein dem Geist des Herrn möglich. Und wo eben der Geist Christi nicht tätig sein kann, sind andere Geister an der Arbeit. Das aber könnt ihr noch viel besser unterscheiden, weil ich ja nicht in der Schweiz bin und nicht direkt Hörer seiner Worte bin. Jedenfalls ist das Ziel, an das wir glauben, auf das wir hoffen und wonach wir streben, so wichtig, daß wir unmöglich Menschen zuliebe irregehen können. Hier handelt es sich um das Heil unserer Seele; entweder wir erreichen das Ziel oder wir erreichen es nicht. Der Herr hat aber verheißen, daß die Ehrlichen, Aufrichtigen und Getreuen das Ziel erreichen werden.

Als Bruder Mathys in Schaffhausen mit diesem Brief zu «hausieren» begann, gab es hohe Wellen, nicht nur in Schaffhausen, denn Abschriften dieses Briefes machten ihren Weg durch große Teile der Schweiz. Als ein Bruder dieserhalb an den Stammapostel schrieb, antwortete er diesem unter anderem (12. Juni 1951): «Ich bedaure sehr, daß der Inhalt meines Briefes an Bruder Mathys auch anderen zugängig gemacht wurde, für die er nicht bestimmt war. Wenn mir ein Bruder schreibt, dann gilt meine Antwort nur ihm und nicht anderen Geschwistern.»

Der Stammapostel schrieb mir vor Zeiten, ich würde ihm von allen Aposteln am meisten Sorgen bereiten. Dieser Ausspruch war auf schnellstem Wege durch die Untergrundbewegung in Hunderten von kleinen Kanälen weitergegeben. Woher kam das? Der Brief war doch nur an mich gerichtet? Ich gab es nicht weiter. — Zum Trost vieler möchte ich hier aber festhalten, daß ich den Stammapostel den selben Ausspruch auch hinsichtlich anderer Apostel schon machen hörte.

Am 25. Mai 1951 schrieb der Stammapostel dem Bezirksapostel Ernst Güttinger unter anderem:
Auf Grund einer mit den Aposteln gehabten Besprechung ist nun mein Plan folgender:

1. Am 5. August werden alle Apostel der Erde in Frankfurt a.M. zusammenkommen. Es wird nie wieder vorkommen, daß alle Apostel der Erde in einem Gottesdienst vereinigt sind. Aus diesem Grunde möchte ich auch sämtliche Bischöfe und Bezirksältesten in Europa zu diesem Gottesdienst miteinladen, damit sie Zeugen für kommende Zeiten sein können.

2. Am Ende des Gottesdienstes würde ich bekanntgeben, daß Sie und Apostel Schneider wegen Überschreitung der Dienstaltersgrenze in den Ruhestand treten. Diese Handlung möchte ich in der ehrbarsten Weise vornehmen und dabei alles Gute anerkennen, was Ihr in den vergangenen Jahrzehnten im Werke Gottes getan habt.

Entsprechend diesem Schreiben wurden am 5. August 1951 die Apostel Ernst Güttinger und Rudolf Schneider, vor über 12 000 Seelen, in der ehrbarsten, feierlichsten Weise in den Ruhestand versetzt. — Trotz der Feierlichkeit der Zur-Ruhe-Setzung meiden es aber seine Amtsnachfolger geflissentlich, auch nur seinen Namen, geschweige denn seine Worte oder Taten zu erwähnen, und die Untergrundbewegung wird nicht müde, bis in die jüngste Zeit hinein, die Fehler und die «Lehr-Entgleisungen» des im Ruhestand befindlichen Apostels zu kolportieren.

 

 

Apostel Ernst Eschmann

übernahm am 5. August 1951 das Steuer des Schiffes, genannt «Schweizer Bezirk». Es war eine sturmbewegte Zeit. Die Geister, die man rief, wurde man nicht mehr los. Auch Apostel Eschmann war diesen übertünchten Totengräbern nicht genehm. Er war ihnen zu wenig «liniengetreu». Diesem dem Parteijargon (Jargon = Sondersprache, Kauderwelsch) der Diktatoren entnommenen Ausdruck bin ich eh und je gram. Der Befehl zu «Linientreue» verlangt Uniformierung des Denkens und bringt Unduldsamkeit in den Dingen, die einem freien Menschen teuer sind und das Leben lebenswert machen — Apostel Eschmann war ein edler und weiser Gottesknecht, den ich liebte und hochschätzte. Er war mir ein väterlicher Freund. Das paßte der Gestapo der NAG nicht ins Konzept. «Deutschlandreisende» kamen im August 1952 aus Frankfurt mit der Flüstertonmeldung: Eschmann habe dem Stammapostel schon zweimal widerstanden... Andere Superfromme sagten: Wie Eschmann lehrt, ist keine Manier; mit dem, was er sagt, sind wir (Nazi-Apostolische) nicht einverstanden. Als er irgendwo Konfirmation hielt, kam so ein N-Apostolischer und raunte in der Nähe und Ferne: «Wir fragen uns allen Ernstes, ob so eine Konfirmation vor Gott überhaupt noch Gültigkeit besitze...» — Als ich am 19. Februar 1953 vom Stammapostel zurückkam und dem Apostel Eschmann melden konnte, daß zwischen dem Stammapostel und mir kein Hauch der Trübung bestehe und daß wir dies, nach dem Willen des Stammapostels, in allen Gemeinden und Ämterdiensten sagen sollen, da freute sich Apostel Eschmann mit mir. «Das kommt mir jetzt sehr gelegen; ich gehe nun noch etwas zur Erholung fort, aber nachher werde ich ,diesen Herren‘ ihre ewige Stänkererarbeit zu legen wissen», sagte der vielgeplagte Gottesknecht. Er kam nicht mehr dazu. Der Herr rief den Treuen zu sich und «jene Herren», die Eschmann meinte, wurden von seinem Nachfolger gehätschelt und im Amt befördert... und was noch nicht ist, wird noch werden, denn die Richtung ist eingeschlagen und die nötigen Geister werden auf den «Thron» kommen, auf daß erfüllt werde, was im Bereiche der finstern Mächte beschlossen ist. — Dem Apostel Eschmann wurde selbst nach seinem Tode von höchsten Ämtern nachgesagt, er habe «müssen gehen», denn er sei auch nicht ganz in der «Linie» gewesen und habe die Botschaft des Stammapostels nicht recht zu glauben vermocht. Der Herr habe ihn abberufen, daß er nicht noch mehr Schaden habe anrichten können... — Immerhin, dem Apostel Eschmann wurde ein «Staatsbegräbnis» zuteil, schön und feierlich in allen Ehren. — Als der Kranz des Stammapostels im Trauerhaus zur Sprache kam, sagte einer der Söhne:

«Der Kranz des Stammapostels ist bedeutungsvoll, insonderheit für jene, die da sagten, mein Vater sei nicht ,in der Linie‘ geblieben...» und dann weinte der Sohn bittere Herzenstränen.

 

 

Die Hypotheken des Vaters...

müssen Sie eben tragen, bekam ich viele Male zu hören. Es ist dies zwar nicht biblisch, doch jene «fremden Geister» sagten schon im Jahre 1951:

«Jetzt kommt der alte Güttinger dran, in einem Jahr ist auch der Sohn in Zofingen so weit (wie der Alte), und dessen Bruder, der in der Verwaltung in Zürich sitzt, muß auch weg» (ist unterm 15. Juli 1954 bereits geschehen, ja, er wurde sogar aus der Gemeinde ausgeschlossen, weil er, am 24. Juni 1954 an meine Adresse 25 Chorliederbücher lieferte, die umgehend bezahlt wurden). Mit fremdem Geist erfüllte neuapostolische Christen flüsterten in der Untergrundbewegung: Jetzt wird mit der «Güttinger-Dynastie» aufgeräumt! So sagten selbst hohe Ämter. (Nebenfrage: Ist das nicht ein «fremder Geist» unter dem Deckmantel der Frömmigkeit?)

Es ging zwar länger als ein Jahr, bis man das teuflische Ziel erreichte; es ging drei Jahre. Aber auch hier hat der Nazi-Geist gesiegt. Den «Zofinger» suchte man jahrelang hinauszuekeln. Als dies nicht gelang, wurde zur «Tat» geschritten. Die Vorarbeiten wurden gründlich bewerkstelligt. — Es fragte mal ein Bruder den andern: «Was habt ihr eigentlich wider die Güttinger?» da antwortete jener: «Nichts! Aber wir wollen einfach keinen Güttinger mehr ! »

Als ich am 13. November 1953 mit Apostel Streckeisen sprach und ihn eindringlichst fragte: «Was hast du eigentlich wider mich?», da antwortete der Gefragte polternd und hieb mit der Faust auf den Tisch: «Daß du dich zu deinem Vater hieltest bis zuletzt, das habe ich wider dich und werde ich dir nie vergessen!» — Was wird Gott, was wird Jesus dazu sagen? War mein Vater nicht auch mein Bezirksapostel? Wurde er nicht «hochfeierlich, in allen Ehren» zur Ruhe gesetzt? Was würden jene selben Geister heute sagen, wenn ich meinen Vater und Bezirksapostel bis zuletzt bekämpft hätte? — Vor dem ewigen Richter und vor jedem sauberen, geradedenkenden Christen stehe ich einwandfrei da, mag es einer gewissen Sorte Leute nicht gefallen. Gott ist Richter und bleibt im Regimente.

 

Es wird mir vorgeworfen, ich hätte Fehler gemacht

Das Gegenteil wurde von mir noch nie behauptet. Wer ohne Fehler ist, der hebe den ersten Stein. Wer aber sagt, er habe keine Sünde, der verführt sich selbst und die Wahrheit ist nicht in ihm, schreibt Johannes, der Jünger der Liebe (1, Joh. 1, 8). Außer Christus ist noch kein Sündloser über die Erde gegangen. Der Mensch, der es allen recht machen kann, ist noch nicht geboren. Selbst Christus konnte es nicht allen recht machen. Jener aber, der seine Hand wider einen Apostel des Herrn erhebt, ihn beschmutzt, verleumdet, ja, ihn zu ertöten sucht, der wird einst vom Sender Jesu hören: das alles hast du m i r getan!

«Wenn nur zehn Prozent wahr sind

von dem, was dem Apostel Güttinger vorgeworfen wird, so ist dessen Absetzung gerechtfertigt»... kommentieren höhere Amtsträger, und gläubige Seelen nicken dazu und trösten damit ihr Gewissen. Ein menschlich vulgäres Sprichwort sagt: «Nur feste drauflos gelogen, etwas bleibt immer hängen!» Durch böse Zungen ist schon manch ein Wald entzündet worden, schon manche Familie zerrissen, manch ein Krieg entfacht und manch ein Märtyrer an den Galgen gekommen. Übrigens dürften sich solch biedere Leutchen überlegen: Ja, wenn wirklich 90 % Verdrehung und Lüge wäre, würde das in Ordnung gehen? Dann wäre ja 90 Prozent Gutes an diesem Menschen! Und wenn solche Lügenfabrikanten auf dem Gebiete des Glaubens und der Lehre auch würden zu 90 Prozent lügen und verdrehen? Wäre das dann noch göttlich? Würdest du das akzeptieren und weiterhin Gefolgschaft leihen? Würdest du dich trösten: Nun ja, 10 Prozent Wahrheit sind immerhin noch dabei! Einem Freund der Wahrheit genügen zehn Prozent Wahrheit nicht. Und nun die Kardinalfrage: Hättest du bei der Verurteilung Jesu dein Spießbürger-Gewissen auch beschwichtigt und gesagt: Wenn nur zehn Prozent der Anklagen wider diesen Sektierer stimmen, so rechtfertigt dies schon dessen Kreuzigung!? Hättest du wohl so gedacht?

 

 

«Nächster Herr, bitte...

so tönt es etwa beim Coiffeur, wenn einer «fertig» wurde und ein anderer an die Reihe kommt, eingeseift zu werden. Das ist ein Bild aus dem Alltag. Wenn aber in der NAG ein Apostel «fertig» ist und dann der nächste an die «Reihe» kommt und ein weiterer bereits «eingeseift» wird, dann darf man dazu nicht stille sein. Man darf der Tatsache gegenüber auch nicht die Augen schließen und Vogel-Strauß-Politik treiben im blinden Glauben. Dies müßte sich einmal bitter rächen. — Seitdem der «fremde Geist» eingedrungen ist, wird die Atmosphäre durch Intrigen ( hinterlistig angelegte Ränkespiele) und durch Indiskretionen (= Vertrauensbruch und Taktlosigkeit) vergiftet; es entsteht überall Mißtrauen, dies erzeugt böses Blut, wodurch sich unabsehbares Elend entwickelt. Wie schlimm ist es, wenn Erste und Größte plötzlich als Verräter gelten und gestürzt werden, wenn Freunde sich belauern und nach einem Haken suchen, um den Strick daran zu befestigen! — Es muß in die Welt hinausgeschrien werden, daß auch den Wölfen im Schafspelz das Zittern ankommt: Es geht nicht nur um den «Fall Güttinger» und um den «Fall Eschmann», der ja auch nicht in der «Linie» war. Es gibt auch einen «Fall Schlaphoff und Malan und Erasmus» (die drei Apostel aus Afrika) mit etwa 50000 Seelen. Es gibt auch einen «Fall Kamphuis und Bischoff aus Holland». Man hat mir vorgeworfen, weil ich mit Schlaphoff-Afrika und Kamphuis-Holland brieflichen Kontakt gehabt hätte, sei ich nicht mehr «in Ordnung». Da ich Anno 1949 für drei Monate in Mrika weilte und in den Nachkriegsjahren viel mit Holland zu tun hatte (dort diente, kämpfte und litt), deshalb hatte ich in großen Abständen mit den beiden Aposteln mal Briefe gewechselt. Ist das denn nicht in Ordnung ? Wer will das verbieten? Ja, sollen denn die Apostel als Brüder und Freunde sich nicht lieben und Kontakt pflegen und Gedanken austauschen? Wem ist das zuwider? Etwa dem Heiligen Geist? — Während ich diese Zeilen schreibe, vernehme ich, die drei Apostel aus Afrika hätten ihr Amt niedergelegt. Eine andere Meldung besagt, sie hätten mit «Deutschland» gebrochen. Zur Zeit der Drucklegung dieser Schrift fehlen mir die präzisen Unterlagen, aber daß das Amt dieser drei Apostel nur noch «an einem Faden hängt», wie die Gestapo der NAG sich ausdrückt, das ist ohne Zweifel. — Einem Schreiben aus dem Bezirk Südafrika entnehme ich, daß ein Amtsbruder von dort «eine besondere Mission hätte, im direkten Auftrag vom Stammapostel. Die Zeit, um loszuschlagen (!!!), sei noch nicht da; es könne aber nicht mehr lange dauern; aufzuhalten sei es nicht mehr... Also geschrieben mit Datum vom 22. April 1954. Ist die Zeit, um «loszuschlagen», für Afrika nun schon gekommen? Sind solche Taktiken und Redensarten etwa aus Christi Geist? Ist das nicht ein «fremder Geist»?

Soll man dazu schweigen? Man würde sich ja mitschuldig machen! Jesus würde einmal sagen: Das hast du gewußt und hast feige geschwiegen; weiche von mir; ich kenne dich nicht! — Übrigens: Wurde nicht Schlaphoff am 5. August 1951 öffentlich als der «zweite Mann» in der NAG erklärt? Der Stammapostel hatte damals vom «Ausreißen der Grenzpfähle am Aequator» gesprochen, denn er brauche diesen Mann als seinen Helfer auch in der nördlichen Erdhalbkugel — obwohl der Stammapostel schon damals genau Bescheid wußte hinsichtlich der liberaleren Auffassung Schlaphoffs. — Kaum verließ das Schiff, darin dieser «zweitgrößte Mann» der NAG sich befand, den englischen Hafen Southampton, als auch schon die Apostel nach Frankfurt berufen wurden. Als Schlaphoff in Afrika ankam, war er nicht mehr Stammapostelhelfer... — Und in Holland? Nach der großen Spaltung der Nachkriegszeit hat sich die Gemeinde in diesem Jahr erneut getrennt. Auch dort war der «fremde Geist» tätig, wie in der Saar, wie in der Schweiz, wie in Afrika, wie in andern Ländern. Ein Apostel aus Deutschland (Apostel Walter Schmidt aus Westfalen) betreut nun jene Gruppe, die einen eigenen «Verein» bildet (und sich wirklich bereits als besonderer Verein mit anderem Namen konstitutionierte). Der Stammapostel hat dies sanktioniert: zwei Völker, mit je einem «König» unter einem Haupt, dem Stammapostel. — Nun aber sind die beiden Apostel Hollands (Kamphuis und Bischoff) offiziell noch in Amt und Ehren. Die Untergrundbewegung, von fremdem Geist und Feuer getrieben, brandmarkt sie aber bereits als nicht in Ordnung. — Bei meinem letzten Beisammensein mit dem Stammapostel am 22. Mai 1954 an der Gemeindestraße 32 in Zürich hörte ich den Stammapostel höchst bedenkliche Aeußerungen tun über Apostel Kamphuis/Holland. — Apostel Bischoff/Holland wird zur Zeit wohl «eingeseift». Nächster Herr, bitte...!

Dies verheerende Kapitel könnte noch um vieles erweitert werden. Fall Kuhlen und andere «Fälle» sind Schandflecken in der «Apostelgeschichte der Endzeit». Darüber vielleicht einmal später. Es dürfte genügen, darauf hinzuweisen, daß der Stammapostel, laut offiziellem Bericht der großen Ämterversammlung in Zürich vom 23. Mai 1954 unter anderem sagte: «Die Bezirksapostel, d.h. sofern sie mit mir gleichen Schritt halten, bekommen von mir Anweisungen, daß sie von nun an gegen Quertreiber und Spaltungserzeuger ganz energisch vorgehen. Wir haben lange zugesehen; jetzt ist Schluß.» Das tönt ganz imperativ und unheimlich, erweckt aber auch die ernste Frage: «Gibt es denn Bezirksapostel, die mit dem Stammapostel nicht gleichen Schritt halten?» Wieviele mögen das sein? Erhalten diese vom Stammapostel demnach keine Anweisungen, um gegen «Quertreiber» vorzugehen? Warum nicht? — Liegt die Schuld all dieser Erscheinungen denn nur bei den Aposteln? Könnte sie nicht auch beim Stammapostel selbst oder bei seinen Ratgebern liegen?

 

 

Die Botschaft des Stammapostels

An Weihnachten 1951 verkündete der Stammapostel in Gießen (Deutschland) offiziell zum ersten Mal, daß der Herr Jesus ihn «habe wissen lassen», daß er noch zu seiner Lebzeit komme. Er erwähnte auch in jenem Dienst, daß wir nun in die Zeit hineingekommen seien, wo man nicht mit Wochen, Monaten oder gar Jahren zu rechnen habe, sondern wir seien jetzt so weit, daß man den Herrn stündlich erwarten könne. Diese «Botschaft», wie man sie seither nennt, ist in der NAG zum Lehrdogma und Hauptgegenstand des Glaubens und Gottesdienstes geworden. Wer daran zweifelt oder auch nur den Gedanken an die Möglichkeit in sich trägt, der Stammapostel J.G.Bischoff könnte vielleicht doch, trotz allem, noch eines natürlichen Todes sterben, der ist zum vornherein von der Teilnahme an der Ersten Auferstehung ausgeschlossen, er gehört zu den «Törichten», kommt im besten Fall noch zum sogenannten «Sonnenweib», und wird durch die derzeitige Lehrmeinung disqualifiziert. Der Lehrkörper aber, vom Diakon bis zum Apostel, hat strenge Weisung, diese «Botschaft» in den Mittelpunkt eines jeden Gottesdienstes zu stellen. Eine Viertelstunde zum mindesten muß in jeder Predigt davon gesprochen werden, als der größten Gottesoffenbarung seit Christus. Jedem Amtsträger wird nahegelegt, daß er sein Amt niederlegen soll, falls er noch leise Zweifel an der Erfüllung dieser «Botschaft» hege. Die Behandlung dieses Hauptgegenstandes ist in den Gottesdiensten recht unterschiedlich. Der eine tut es mit Weisheit, Takt und Liebe, der andere mit fanatischem Eifer und Drohungen: «Wehe, wenn du nicht glaubst, wenn du auch nur einen Moment Zweifel hegst, dann bist du ewig verloren! » - Apostel Streckeisen gibt Rat und Auftrag, daß wenn zum Beispiel ein Vorsteher zu wenig von der «Botschaft» spreche, er von den andern Ämtern einfach überrannt werden soll. Es dürfe nicht mehr gepredigt werden wie vor fünf oder zehn Jahren. Der «neue Kurs» sei unbedingt einzuhalten. - Apostel Josef Baur sagte seinen Zuhörern in der Silvesterpredigt 1953: «Wer diese Botschaft nicht als Hauptsache eines jeden Dienstes verkündet, den laßt noch nicht einmal zum Lokal hinaus, sondern geht auf ihn zu, packt ich am Ärmel und sagt: ,Mensch, du hast deine Arbeit schlecht gemacht!’» - Apostel Hänni sagte jüngst an einer Jugendtagung: «Das Maximum des lebendigen Glaubens ist das Ergreifen der Botschaft des Stammapostels. Dieser Glaube hat Vollenderkraft. Dazu müssen wir aber den menschlichen Verstand total ausschalten. Darum hütet euch vor den Keimen des menschlichen Verstandes!» Apostel Bischoff, Frankfurt, im Juni 1953: «Das Kommen Jesu kann jeden Augenblick erwartet werden. Ob der Herr noch einige Monate verzögert, kann wohl möglich sein, nicht aber mit Bestimmtheit angenommen werden.» - Ein anderer deutscher Apostel erwähnte in einer Predigt, er sei mit dem Stammapostel nach Berlin geflogen. Dabei sei ihm der Gedanke gekommen, daß, wenn das Flugzeug verunglückte, die Lehre des Stammapostels sich nicht erfüllen würde. Er habe aber diesen Gedanken-Teufel zum Flugzeug hinausgeworfen und habe sich gesagt: Würde das Flugzeug verunglücken, so käme der Herr Jesus noch bevor die Maschine am Boden zerschellt.

Der Glaube an die Wiederkunft Christi ist auf Grund der Worte Jesu selbst und auf Grund der Apostelbriefe der Urkirche und der Worte des Bibelbuches überhaupt, eine mit zum christlichen Glauben gehörende Frohbotschaft. Man kann vor allem nicht apostolisch sein, ohne an diese Verheißung Jesu zu glauben. Einmal wird sie sich erfüllen! Wer dies für ausgeschlossen hält, kann seine Bibel verbrennen. Wer an die Heilige Schrift glaubt, muß auch an die Wiederkunft Christi, an die erste Auferstehung glauben, sich darauf vorbereiten, sich darauf freuen und täglich bereit sein. Daß ferner der Herr, Jesus Christus, nicht einem seiner Knechte sagen könnte: «Hör mal, ich komme noch, solange du im Fleische bist . . .» das ist für mich außer Zweifel, wenn es auch im Widerspruch steht zu den Worten: «Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht.» (1.Thess. 5, 2; 2.Petr. 3,10 usw.)

Ein Dieb kommt unerwartet und unangemeldet. Auch sagte Jesus: «Es gebührt euch nicht, zu wissen Zeit oder Stunde, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat.» (Apostelgeschichte 1,7).

Was hingegen manchen Ehrlichen, Ernstdenkenden und manchen verantwortungsbewußten Diener Gottes bei dieser «Botschaft», daß der Herr zu Lebzeiten des Menschen J.G.Bischoff wiederkommen werde, hie und da etwas bange werden läßt, liegt in folgenden Überlegungen:

Warum hat der Stammapostel nie gesagt: «An dem und dem Tag ist mir der Herr da und da erschienen und hat zu mir dies oder jenes gesagt?» Die Erscheinung Jesu auf dem Berg der Verklärung ist laut Matthäus 17, 1- 13, in alle Details beschrieben, wie sie vor sich gegangen war und was dabei gesprochen wurde. Auch als Gott dem Mose begegnete im feurigen Busch, hat Mose klar und deutlich kundgetan, wie dies vor sich gegangen ist (2.Mose 3). Dazu könnten noch Dutzende andere Exempel Erwähnung finden. - Oder ist es vielleicht so, daß dieser Glaube des Stammapostels «auf seinen Knien errungen wurde», so quasi als eine Glaubensgeburt, wie dies aus Gottesdiensten und Druckschriften abgeleitet werden könnte? In Nr.3 von «Christi Jugend» (1.Februar 1954) schreibt zum Beispiel ein Ältester Gehring aus Deutschland «Unserm Stammapostel zum 83.Geburtstag», unter Verwendung von viel Weihrauch unter anderem: «Wissen wir, daß durch den einmaligen, auf den Knien errungenen Glauben (des Stammapostels) uns die Vollendung erst möglich wird? Niemand von uns würde je den Ruf vernommen haben: «Komm, Herr Jesus, komm !», wenn dieser Ruf nicht über eine 56jährige, auf den Knien erworbene Glaubenskraft in ihm hätte ausreifen können.» — Ist der Glaube an diese «Botschaft» selbst langsam reif geworden? Oder hat irgendwer etwas geträumt oder visionär gesehen oder gehört oder ist Jesus dem Stammapostel direkt erschienen? Diese Fragen wurden mir, der ich doch seit dreizehn Jahren zu diesem Apostel-Gremium gehöre, nie geklärt. Mancher der Mitapostel hätte, so gerne wie ich, erfahren, auf welche Weise der Herr den Stammapostel «hat wissen lassen», daß er zu seiner Lebzeit komme. Um solche wichtige Dinge braucht‘s doch keine Geheimnistuerei!

Eine weitere Gedankenfolge ist die: Unser Stammapostel hat schon vor dem letzten Weltkrieg (1939—1945) gesagt, gelehrt, gepredigt: Der Herr kommt vor diesem Krieg! Als junger Bezirksevangelist habe ich damals dies geglaubt und in glühendem Eifer gepredigt. Es wackelte dann allerlei, als der Krieg doch ausbrach und der Herr nicht kam. — Als während des Krieges die apostolischen Druckschriften in Deutschland nicht mehr gedruckt werden durften (auf Druck von oben), da sagte der Stammapostel: «Diese Schriften werden nicht mehr erscheinen, der Herr kommt vorher.» Der Krieg ging vorbei und die Schriften kommen schon längst wieder heraus, mit demselben, längst entnazifizierten Verleger und Redaktor. — Als die deutschen Städte durch die Bombardierungen während des Krieges zu großen Teilen zerstört wurden, und damit auch ein Großteil der apostolischen Kirchen und Kapellen in Schutt und Asche sanken, da sagte der Stammapostel: «Diese Lokale werden nicht mehr aufgebaut; der Herr kommt vorher.» Es ist wohl keine Kapelle mehr, die nicht aufgebaut wäre, doch der Herr kam bishher nicht. — Als kurz nach Ende des Krieges ein apostolischer Bruder aus der Schweiz in seiner Eigenschaft als Beamter des diplomatischen Dienstes nach Frankfurt reiste und einen kurzen Besuch beim Stammapostel machte, da erklärte ihm der oberste Seelenhirte der NAG: «Wir haben geglaubt, der Herr komme während dieses Krieges.» Er kam nicht. — Anno 1946 sagte der Stammapostel zu einem Bezirksältesten der Schweiz: «Wir müssen auf keine Erfüllungen mehr hoffen; es hat sich alles erfüllt; der Herr kann jeden Tag kommen.» Es sind jetzt acht Jahre her. — Im Jahre 1947, als ich nach Afrika eingeladen wurde von Apostel Schlaphoff, für zwei Jahre später, da sagte mir der Stammapostel: «Lassen wir die Afrikaner planen; die haben die Ausgießung der siebten Zornschale nicht erlebt, wie wir. Bereiten Sie sich ruhig auf die Afrikareise vor. Ich aber denke, daß der Herr vorher kommt.» Zwei Jahre später flog ich programmgemäß nach Kapstadt. — Aus einem Gottesdienstbericht des Stammapostels vom 27. Juni 1948 für die Gemeinde Frankfurt entnehme ich den für mich unerklärlichen Satz:

«Der neue Zeitabschnitt, in dem wir uns seit Sonntag befinden, hat bei manchen Schwankungen erzeugt, und schon sind Gedanken geäußert worden: Nun wird der Herr doch noch nicht kommen; wir hatten doch so und so gedacht!» Was war dies für ein neuer Zeitabschnitt, der mit Juni 1948 begonnen haben soll ? —

Im Oktober des Jahres 1951 sagte Apostel Hahn zu einem einwandfreien Gewährsmann: «Sie werden es sehen und erleben, daß der Herr noch in diesem Jahre, dem Jahr 1951, kommen wird; das sagt und glaubt auch der Stammapostel.» — Am 7. Juni 1952 war ich beim Stammapostel in Frankfurt. Bei diesem Anlaß sagte er: «Der Entschlafenen-Dienst werde auf den 6. Juli vorverlegt, weil nicht damit zu rechnen ist, daß es noch bis November ,geht‘.» Seitdem erlebten wir schon zum zweiten Male November. — Tags darauf wurde Bischof Streckeisen zum Apostel eingesetzt. Der Stammapostel erwähnte dabei: «Apostel Streckeisen ist der hundertste Apostel der Endzeit. Wir haben Grund zur Annahme, ja, ich glaube und hoffe und wünsche, daß es mit dem hundertsten fertig sei.» — Seit Streckeisen wurden schon wieder 13 (dreizehn!) weitere Apostel eingesetzt.

Der Stammapostel wird «als der größte Prophet aller Zeiten» bezeichnet. Wenn eines «Propheten» Verheißung aber in so und so vielen Fällen n i c h t zutrafen, soll es denn «Todsünde» sein (ja, es wird sogar als «Sünde wider den Heiligen Geist» bezeichnet), wenn einer an der «Botschaft» leise Bedenken äußert?

 

 

Was soll nun geschehen?

Die dem «fremden Geist» blind verfallenen Eiferer haben es fertig gebracht, unter Verwendung von Vereinsparagraphen den Apostel Otto Güttinger seiner «Vereinsfunktionen» und Beamtung in der NAG zu entheben. Der Stammapostel hat dem Vereinspräsidenten Ernst Streckeisen hierzu seine Zustimmung gegeben, wie dies an der Berliner Apostelversammlung vom 20. Juni1954 zum Ausdruck kam. Die Apostel selbst haben diese Amtsenthebung protokollarisch zur Kenntnis genommen. Der Vereinspräsident Streckeisen teilt schriftlich den Mitgliedern seines Vereins mit: Das Apostelkollegium hat den Namen Otto Güttinger gestrichen! Offiziell wird das so sein. Ich weiß ja um die Art, wie man dies «macht», ich kenne aber auch das Herz und die Gesinnung der Mitapostel — mit einigen Ausnahmen der jüngsten Apostel-Garnitur, die sich in den letzten Jahren stark vermehrte. (Seit 1951 erfolgten 22 neue Berufungen!) — Im Land und Bezirk wird Streckeisen, der schon im Kampfe wider den alten Bezirksapostel Güttinger der bestgetarnte Widersacher war, seine Attacken zynisch weiterreiten wider das erkorene und totgeglaubte Opfer. Er hat gute Helfershelfer, die über Leichen zu schreiten gewohnt sind. Diese werden keine Mittel scheuen, um ihre Arbeit im «fremden Geist» weiterzuführen und zu vollenden. Alle, die mit dem verfemten Apostel Kontakt nehmen, werden mit Ausschluß und Bannbullen zu rechnen haben. Man wird in überpäpstlicher Art ewige Verdammnis androhen und mit den Knien auf die Seelen treten. Der Geist, dem man dient, hat ja Erfahrung im Gesinnungsterror und in Sachen Unduldsamkeit in Glaubensfragen.

 

 

Ich aber gehe meinen Weg als Apostel Jesu weiter

Im Sinne eines Apostels Paulus, der das Haupt nicht in Petrus, sondern in Christus erkannte, gehe ich, getrieben und gesegnet von Jesus meinen Weg. «Lasset uns aber rechtschaffen sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus» (Eph. 4, 15), denn C h r i s t u s ist das Haupt seiner Gemeinde (Kolosser 1, 18 etc.).

Der Stammapostel bleibt für mich das, was Petrus dem Paulus war, nicht mehr und nicht weniger. — Wenn zum Beispiel ein alter Vater durch Verhetzung, Verblendung und Ärger einen Sohn von sich stößt, so kann der Vater doch nicht verhindern, daß der Sohn ihm dies Unrecht verzeiht und ihn dennoch liebt. Der Sohn denkt und tröstet sich damit, daß dem alten Vater eines Tages die «Binde vor den Augen» weggenommen wird und dann zu erkennen vermag, daß die Ohrenbläser ihn schlecht beraten hatten. — Die Apostel, sofern sie sich durch ihre Arbeit, ihre Worte und Taten als solche ausweisen, bleiben meine Brüder. Wer aber statt Erlöserdienste und Liebeswerken (Jesu-Arbeit) die Taten eines Brudermörders, also Kains-Arbeit verrichtet, wer Haß statt Liebe, Mißtrauen statt Vertrauen pflanzt, der ist weder mein Bruder, noch ein Bruder Jesu, mag er dann Titulationen haben, wie er will. Nur wer die Wahrheit redet, spricht Gottes Worte!

 

Veränderungen der Lehre

Die Lehre Frankfurts, und damit die Lehre der Neuapostolischen, hat sich in den wesentlichen Zügen von der biblischen, neutestamentlichen, also der ur-apostolischen Lehre und Auffassung enfernt; sie wurde verändert und entstellt. Wenn die NAG ehrlich und konsequent wäre, müßte sie ihr Glaubens-Bekenntnis ändern. Das Wort Stammapostel kommt im Glaubensbekenntnis der NAG überhaupt nicht vor; in der Bibel auch nicht. Auch in keinem der Lieder des Gemeinde-Gesangbuches. Was aber hat man aus dem Stammapostelamt gemacht, respektive was hat der Stammapostel aus sich machen lassen! Ehrlicherweise müßte man das NAG-Glaubensbekenntnis ändern. Über den Stammapostel sollte man dann etwa schreiben: «Ich glaube an den Stammapostel, als den größten Menschen, der je über die Erde ging; ich glaube, daß er der Prophet aller Propheten und Zeiten ist, daß er Unsterblichkeit hat, Haupt und Weinstock der Gemeinde des Herrn ist, daß es außer ihm kein Heil gibt, daß die Apostel nur seine Gehilfen sind, daß er die Braut heimführt und daß, wer nur in Gedanken wider dessen unfehlbare Lehre ist, ewig verloren geht und sich der Sünde wider den Heiligen Geist teilhaftig macht.»

Es mag manchen kindlich Gläubigen befremden, wenn er solche Dinge liest. Aber entspricht denn die Super-Führer-Figur des ersten Dieners in der NAG dem Willen Jesus? Christus sagte doch zu seinen Aposteln: «Einer ist euer Meister: Christus; ihr aber seid alle Brüder.» (Matth. 23, 8.)

Mögen wir auch gezwungen sein, uns neu zu organisieren, einen andern Namen zu führen (Apostolische Gemeinde), so bleibt doch der alte, bewährte Glaube in reiner, freier, apostolischer Art. Das Apostolikum (= apostolisches Glaubensbekenntnis) bleibt im Zentrum des Glaubens und der Wortverkündigung, frei von Menschen-Vergötterung, aber auch von Furcht- und Drohpredigten. Die seligmachende Erlöserarbeit, die dem Evangelium innewohnt, wird glückliche, erlöste, friedvolle Gottmenschen hervorbringen. — Der Glaube an die Erste Auferstehung ist unverrückbar. Als apostolische Tatchristen wollen wir so leben, daß wir alle Tage hierzu bereit sind. Mit bloßen Worten und Glaubens-Fanatismus ist es nicht getan.

Mögen mit fremdem Geist und Feuer erfüllte Lehrer und Angehörige der NAG auch mit Gift und Galle und Bosheit, mit Drohung und Schreckgespenstern, oder auch mit erheuchelter Liebe, dir deiner Seele Seligkeit streitig machen wollen, dich von der Teilnahme an der Ersten Auferstehung ausschließen wollen (sie haben ja das Mandat nicht dazu), so halte dir vor Augen: Die Voraussetzungen, um an der Auferstehhung teilnehmen zu können, bestehen laut bekannter biblischer, apostolischer Ordnung kurzgefaßt darin:

1. Wiedergeburt: «Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht ins Reich Gottes kommen.» (Joh. 3, 5.)

2. «So der Geist des, der Jesum von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird auch derselbe, der Christum von den Toten auferweckt hat, eure sterblichen Leiber lebendig machen, um deswillen, daß sein Geist in euch wohnt.» (Römer 8, 11.)

3. Der Besitz an Öl ist laut Jesu Gleichnis, der Garant, um eingehen zu, können zur Hochzeit, wenn der Bräutigam kommt. (Matth. 25, 1-10.) Öl haben oder keines haben, ist entscheidend.

In diesem biblischen, bedeutsamen Gleichnis ist Öl das Bild von Geist und Liebe. Öl ist ein Produkt der Frucht des Ölbaums (Christus).

Gerade im Mangel an Öl ist die Ursache des Unglücks im gegenwärtigen Schisma der NAG zu suchen. Wenn man Apostel ertötet (erinnern wir uns an das Kapitel «Nächster Herr, bitte !»), wenn Brüder des Amtes enthoben werden, nur auf Angeberei hin, Geschwister aus der Gemeinde ausgeschlossen werden, ohne daß man mit ihnen redete, wenn Nazi-Methoden triumphieren, die neutestamentliche Ordnung in der Kirche verlassen wird, dann ist das ein Alarmsignal, daß das Öl (= Geist und Leben und Liebe aus Christus) am Ausgehen ist. In der NAG sucht man die «Törichten» am falschen Ort! — Wer aber in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm! (1. Joh. 4, 16.) Ein ausgesprochener Nazi-Apostolischer äußerte sich mir und andern gegenüber in frivoler (leichtfertiger) Art: «Man hat jetzt lange genug von der Liebe und in der Liebe (?) gepredigt, jetzt muß anders geredet werden!» Wenn einer s o spricht, dann ist ein solcher und die ihm anhangen, nicht mehr in Gott und Gott ist nicht in ihnen, denn: Gott ist die Liebe! — Ein anderer «frommer Bruder», den ich ermahnte, man möge den Heiligen Geist mehr zur Entfaltung kommen lassen, ereiferte sich und schnauzte mich an: «Was Heiliger Geist? Sie reden immer vom Heiligen Geist! Die ,Botschaft vom Stammapostel‘ wollen wir hören, aber keine Reden vom Heiligen Geist!» Ob Frömmlern, die so töricht schwatzen, die den Himmel bereits für sich gepachtet zu haben wähnen, nicht schon bereits das «Öl» am Ausgehen ist?!

 

Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?

Ja, ist Gott für uns, wenn wir vom offiziellen Verband der NAG «exkommuniziert» (aus der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen) werden? Ich stelle die brennend-ernste Gegenfrage: Ist Gott noch mit einer Kirchen-Organisation, die sich andauernd Schuld auf Schuld, Unrecht auf Unrecht häuft? Ist es nicht ein Unrecht, wenn man eine Verschwörer-Versammlung einberuft, wider einen Apostel zu Gericht sitzt, sich Unkontrollierbares auftischen läßt und ein Urteil unterschreibt, wobei der Gebrandmarkte nicht einmal die Möglichkeit hat, sich zu verteidigen? — In Berlin setzten sich 25 Apostel um einen Tisch, hören sich die e i n e Seite an und nehmen den vollzogenen Todesstoß «zur Kenntnis». — Ist das nicht ein Unrecht? Ich stelle diese Gewissensfrage auch dem Stammapostel und den Mitaposteln. — Ist es recht, daß man Methoden duldet, die einem Diktatoren-Regime ihren höllischen Stempel aufdrückten, für eine Gemeinde Christi aber eine Schande sind? Darf man den einen Bezirksaposteln Sonderanweisungen geben und andern nicht? Wehrt sich keines Apostels Gewissen, wenn man «Sondermissionen» in Auftrag gibt, um bald «loszuschlagen»? Wie viele Apostel sollen noch geopfert werden? Wessen Gewissen regt sich da nicht? Oh, Gott wird zu all diesem Unrecht nicht schweigen — er läßt durch die «Abgesetzten» sich hören, denn sonst müßten die Steine schreien ! Auf alle Fälle wendet sich Gott ab vor solchem Tun. Die Frage: Ist Gott noch mit solchem «Verein»? muß man, gemäß meiner innersten Überzeugung, mit einem großen Fragezeichen versehen, denn Gott ist die Gerechtigkeit und haßt das Unrecht.

Die Verabreicher von Beruhigungspillen sagen: Es geht nicht ums Recht-Haben, sondern um die Erhaltung der Einheit! Nein, es geht nicht darum, eine «Einheit» mit Krücken zu stützen, sondern es geht darum «ob Gott noch mit einem ist!» Gott interessiert eine «Einheit» nicht, wenn sein Geist der Wahrheit und Gerechtigkeit und Liebe daraus fliehen muß oder darin geknebelt wird.

Man mag mir alle Schandnamen anhängen (und sie tun‘s, von den lieben Amtsbrüdern weg bis zum einfachsten Nachschwätzer), man mag mich aller Gemeinheiten beschuldigen (und die frommen NAG-Brüder tun‘s bis zum Maximum; ein einfacher apostolischer Priester sagte mir: «Es fehlt nur noch, daß man Ihnen nachredet, Sie hätten eine Kuh aus einem leeren Stall gestohlen!»), die Hauptsache aber ist: Gott ist mit mir! Daß dies der Fall ist, dessen bin ich mir bewußt. Hätte ich auch nur einen Teil des Blutes derer, die Brüder erwürgen, an meinen Händen, so hätte ich die Offerte der dubiosen Bezirksämterversammlung stille angenommen, hätte mich an dem «Entgegenkommen» gefreut und mir das geruhsame Leben eines «Früh-Pensionierten» geleistet. — Dies aber wäre ein Verleugnen Jesu, ein Ächten der Wahrheit gewesen! Gott ist mit uns und sollte er uns mit Christus nicht alles schenken (Römer 8, 31—32). Darum kann ich getrost als Apostel mit Pauli Worten sagen: «Seid meine Nachfolger, gleichwie ich Christi.» (1. Kor. 11, 1; 1. Kor. 4, 16.) — Wenn die Urchristen nicht auf den «hohen» Apostel Petrus, sondern auf Christus hinwiesen, so tue auch ich es im vollen Bewußtsein der Sendung und des Apostolates, denn ich bin Christi Diener und bleibe es bis ans Ende.

Auf ewig bei dem Herrn soll meine Losung sein.
Zofingen, den 1. August 1954.

Otto Güttinger

Vorliegende Schrift entstand in den letzten Tagen des dem Verfasser vom Arzt diktierten Kur- und Genesungsaufenthaltes. Mit dem Manifest galt es, den Freunden der Wahrheit die Geschehnisse und Hintergründe zu beleuchten, die zum Ziele hatten, einen Apostel mundtot zu machen.

Mit dem Versuch solch frevelhaften Erwürgens war aber auch der Augenblick gekommen, das Seil im Wächterturm zu ergreifen, um die Sturmglocke zu läuten, damit auf die eingetretene Katastrophen-Not aufmerksam gemacht, die Würgengel mit Pferdefüßen erkannt und die blind Gläubigen aus ihrer Wartsaal-Stimmung aufgerüttelt würden.

Ja, der Herr kommt!, aber von diesen Zerstörern am Heiligtum samt ihren mit «fremdem Geist» tätigen Hintermännern und Helfershelfern würde deren keiner den Herrn sehen, falls er jetzt käme. Wenn diese Zerstörer ihre Arbeit vollendet haben, werden auch sie zerstört werden. (Jesaja 33, 1.)

Es war dies Läuten erstmals das grelle Glöcklein, das bei Feuersnot ertönt. Die großen, schweren Glocken (Brocken!) bleiben noch in Reserve. Hoffentlich müssen sie nicht in Anwendung kommen, denn ihr dumpfes Klingen würde zum Grabe läuten.

Nicht um zu richten, sondern zu helfen und der Wahrheit zu dienen, habe ich geschrieben. Mein Herz ist frei von Haß und Rachegefühlen. Auch an den Stammapostel und die Apostel geht je ein Exemplar dieser Schrift. Damit habe ich geschrieben, was man mir zu sprechen nicht erlaubte. — Die Wahrheit erhielt dadurch eine Gasse.

Das Sendungsbewußtsein schenkt riesenhaft:
Löwenmut, Freudigkeit, Gotteskraft.

 

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