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Ich fürchte, die Kritiker und die Kirche reden da gern aneinander vorbei,
lieber Stammapostel. Die Kritiker meinen etwas Anderes, etwas
Spezifischeres, wenn ich das richtig verstanden habe. Exklusiv ist die
Kirche im Hinblick auf die Erste Auferstehung. Seit der Lehrerweiterung
von Pfingsten 2003 muss man das ja etwas präzisieren: sie ist exklusiv im
Hinblick auf das "heimholende Wiederkommen Christi" und der "Hochzeit im
Himmel". Denn nur, wer durch einen neuapostolischen Apostel versiegelt
wurde, erhält eine Einladung zu diesem Event.
Gut, zumindest gilt das für alle Seelen seit dem urkirchlichen
Pfingstfest. Denn wenn ich den jüngsten UF-Artikel in "Lehre & Erkenntnis"
recht gelesen habe, sind Sie sich ja nicht mehr so sicher, ob die
Menschen, die zur Zeit des "Alten Bundes" lebten, nicht vielleicht auch
ohne Versiegelung "dabei sein" können. Ist
Kritiker wissen, dass Gott
auch nach NAK-Verständnis
allen Menschen hilft
das tatsächlich möglich, lieber Stammapostel? Ist das nicht ein bisschen
ungerecht? Ich meine, da es in der "Ewigkeit" keine Zeit gibt, schweben da
doch parallel Seelen, die der Versiegelung bedürfen und welche, die ihrer
vielleicht nicht bedürfen — nur weil sie, als es noch so etwas wie Zeit
gab, vor Christus lebten? Überhaupt, wenn es in der Ewigkeit keine Zeit
gibt, wie können wir dann sagen, sie sei ewig?
Damit das alles nicht zu verwirrend wird, beschränken wir uns vielleicht
vorläufig auf die Zeit zwischen Christi Himmelfahrt und Christi
heimholenden Wiederkommen, zumindest, bis die jüngsten Ergebnisse der
relevanten Projektgruppe auf dem Dienstweg auch bei uns angekommen sind.
Ich glaube, die Kritiker der NAK stellen gar nicht in Abrede, dass auch
nach neuapostolischem Verständnis letztendlich allen Menschen geholfen
werden soll. Es ist ein Teil dieses Weges zu diesem Ziel, der als exklusiv
erlebt und verstanden wird.
Wenn
Gottes Geist zwar wirken kann, wo er will, aber er durch Versiegelung
"verfügbar" nur in der NAK ist, dann ist das exklusiv.
Wenn
Gottes bevollmächtigte Geistlichkeit auf Erden ausschließlich aus den
neuapostolischen Aposteln und ihren beauftrag-ten Amtsträgern besteht,
dann ist das exklusiv.
Wenn
man ein Gotteskind nur werden kann durch die Wiedergeburt aus Wasser und
Geist, vollzogen durch die Apostel der NAK, dann ist das exklusiv. [→]
Wenn
Gottes Heilswerkzeug zur Errettung aller Menschen aus einer erwählten
Schar besteht, die durch ihre Versiegelung eine geschlossene Gesellschaft
bildet, auch wenn man ihr ja jederzeit gerne beitreten kann, dann ist das
exklusiv.
und
endlich: wenn allein neuapostolische Christen an der Hochzeit des Lammes
teilnehmen können und (zusammen mit den unabschüttelbaren
Trübsalsmärtyrern) das königliche Priestertum bilden und schon tausend
Jahre vor dem Rest den ewigen Auferstehungsleib empfangen, dann ist das
exklusiv!
Es ist dieses Grundkonstrukt, das neuapostolische Geist-, Amts- und
Kirchenverständnis, das immanent den exklusiven Charakter in sich trägt.
Daran ändert auch nichts die etwas bemühte Komponente von "Gottes
Souveränität", die eine scheinbare Systemoffenheit suggerieren soll.
Einerseits, und das ist ja die Crux, versäumen Sie, lieber Stammapostel,
mit den Aposteln es nicht, uns neuapostolischen Christen detailliert zu
erklären, wie Gott in seiner Souveränität bereits entschieden hat (!), wie
sein göttlicher Heilsfahrplan ablaufen soll. Andererseits möchten Sie als
Kirchenführer aber auch nicht auf den von Ihnen geschilderten Ablauf
festgelegt werden — aus genau demselben Grund, weil Gott ja souverän ist!
Mir erscheint das, mit Verlaub, etwas widersprüchlich.
Entweder hat Gott sich tatsächlich offenbart in der Lehre der
Neuapostolischen Kirche — dann muss diese unveränderlich als Gottes Wort
gelten, ohne vage Zusätze und theologische "Notausgänge". Oder aber wir
erkennen, dass Gott der Souverän in allen Dingen ist, dann ist es
vielleicht an der Zeit, sich als christliche Kirche zu bescheiden und
darauf zu verzichten, Gottes Heilsplan in detaillierter Form darzustellen
und sich als auserwählte Gemeinschaft unter den Menschen zu begreifen. Ich
glaube, lieber Stammapostel, das muss keinen Verlust bedeuten. Unsere
neuapostolische Identität ist zwar deutlich geprägt von dem
Erwählungskonzept — aber das braucht in Zukunft nicht so zu bleiben. Ich
glaube, dass geistige Potenzial der neuapostolischen Christen ist groß
genug, um eine Reformation des Glaubens zu tragen, eine "Wiederbelebung
der Glaubenskünste", wie Sie das so schön auf der Apostelversammlung in
Leipzig 2001 ausgedrückt haben.
Dass eine apostolische Gemeinschaft eine Hilfe für die Christenheit sein
soll im göttlichen Plan, das war bereits die Grundüberzeugung der
katholisch-apostolischen Christen. Vielleicht können wir uns auf diese
Wurzeln besinnen, lieber Stammapostel, und erkennen, dass aus diesem
allgemein-christlichen Konzept durch Schisma eine exklusive und
hierarchische Kirche entstanden ist, die nicht mehr nur
Die NAK leistet keine Hilfe
auf dem Weg — Sie ist der Weg
Hilfestellung auf dem Weg leisten möchte, sondern sich selbst als den Weg
begreift? Ist es nicht auch ein etwas widersprüchliches Konzept, nicht
weniger als die gesamte Menschheit dadurch zu Gott kommen lassen zu
wollen, dass man eine verschwindend kleine Minderheit erwählt und
privilegiert? Ist das das Konzept eines souveränen und gerechten Gottes?
Und wenn wir tatsächlich zu einer als Werkzeug auserwählten Schar gehören
— wie kommt es, dass die Neuapostolische Kirche in Lehre und Gemeindeleben
hauptsächlich um sich selbst kreist, statt sich engagierter um die
Mitmenschen zu kümmern, sowohl in karitativer als auch seelsorgerischer
Hinsicht?
Solange wir uns in unserer Kirche nicht selbstkritisch mit unserem
Geistes- und Kirchenverständnis auseinandersetzen, solange, fürchte ich,
werden Kritiker und Kirche weiterhin oft aneinander vorbei reden. Während
die Kritiker mit der Exklusivität den Mikrokosmos des Konzepts der
Auserwähltheit und des Geistesbesitzes hinterfragen, kontert die Kirche
gern mit dem Makrokosmos des göttlichen Willens zur Errettung aller
Menschen. Beide haben recht — und reden dabei über verschiedene Dinge.
Apostel Drave mahnte am Sonntag in Paderborn in seiner Co-Predigt, das
Bewusstsein der Auserwähltheit dürfe nicht zu Hochmut, sondern müsse zu
Demut führen. Das ist nicht einfach, lieber Stammapostel, betonen Sie doch
in vielen Gottesdiensten immer wieder, dass die Gotteskindschaft das
Größte ist, was wir in unserem Leben je erreichen können, wir sie "hoch
halten" sollen und im Grunde nur eines letztlich wichtig sei: dass wir
"dabei" seien. Ich fürchte, wer sich so auffällig fokussiert aufs
(diffuse) "Dabeisein", verliert zu leicht den Blick für seine Mitmenschen.
Und die Mitmenschen, die waren doch ursprünglich mal der eigentliche Grund
für die eigene Erwählung ... ?
Das bestehende Verständnis der eigenen Exklusivität haben Sie uns am
Sonntag während des Entschlafenen-Gottesdienstes ergänzt, lieber
Stammapostel.
Exklusiv, das sei, wenn alle anderen Menschen außerhalb der eigenen
Glaubensgemeinschaft buchstäblich zum Teufel gingen, die neuapostolische
Erwähltheit dagegen sei eine besondere Form der Exklusivität, sei nämlich
"göttlich exklusiv"!
Ich kann mir nicht helfen, in meinen Ohren klingt das doch sehr
antagonistisch, diese beiden Worte in einem Satz: "göttlich exklusiv".
Eine Formel, die sich durch die beiden gegensätzlichen Attribute in den
Gehörgängen sperrt. Ich fürchte, lieber Stammapostel, dass auch dieser
neue Ansatz nicht den Vorwurf der Exklusivität wird entkräften können.
Vielmehr darf diese Neudefinition als schwächelnder Versuch verstanden
werden, die Exklusivität durch den Zusatz des Attributs "göttlich"
unerreichbar für irdische Kritik zu machen. Durch diese "Weihung" rückt
das unveränderte Modell der Exklusivität in höhere, göttliche Sphären auf
und entzieht sich so jeder menschlichen Kritik. — Welcher Ignorant wollte
schon etwas hinterfragen, das nicht menschlichen, sondern göttlichen
Ursprungs ist?
Mir scheint, hier verschiebt sich nur die Kausalität auf den Schöpfer hin,
ein Ansatz, der ja in der Tat gar nicht so neu ist. Verschiedent-lich
äußerten Sie und andere Apostel sich dergestalt, die neuapostolische
Exklusivität fuße auf dem Ausschließlichkeitsprinzip der Jesu-Worte "Ich
bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn
durch mich." (Joh 14, 6). Diese Argumentation funktioniert natürlich so
nur dann, wenn man sich an diese "Kette" Vater-Sohn anklinkt und die
Apostel als Repräsentanten Christi und die eigene Gemeinschaft als
Offenbarungsstätte des göttlichen Willens begreift.
Vielleicht, lieber Stammapostel, können wir uns wieder unserer Wurzeln
besinnen, der katholisch-apostolischen als auch der christlichen im
Allgemeinen und jenes exklusive "Ich bin der Weg", dass so lange unser
Kirchenverständnis geprägt hat, zurück in die Hände von Jesus Christus
legen und gemeinsam mit unseren MitchristInnen in der Welt bekennen, dass
es nur einen liebenden Gott gibt und das es für uns als Christen nur einen
Weg gibt: Jesus Christus!
Wir neuapostolische Christen würden uns vielleicht von dem einen oder
anderen "Eckwert des Evangeliums" in der Form trennen müssen, aber ich bin
der festen Überzeugung, dass dieser Verlust kein "Gesichtsverlust" wäre,
sondern auf lange Sicht eine
Neue Nuancen für die
weltweite Kirche Christi
Stärkung des neuapostolischen Profils darstellte. Neuapostolische Christen
haben viel einzubringen in die weltweite Kirche Christi, viel Engagement,
ein lebendiges Gemeindeleben, viele für Andere neue Nuancen christlichen
Lebens, wie etwa die Fürbitte im Entschlafenenwesen. Eine Reformation
unseres Glaubens bedeutet eine Stärkung der neuapostolischen Identität und
würde die Glaubwürdigkeit der Kirche enorm steigern.
Diese Reformation des Glaubens zu wagen, zu der auch Sie die Gläubigen
ermutigen, würde ich unserer Kirche wünschen! Und das Problem der
Exklusivität, das würde sich dann so nebenbei von selbst erledigen, lieber
Stammapostel ...
Ihr
Michael Vollmer |