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Aus der Geschichte der Neuapostolischen Kirche
Gesammeltes
historisches Quellenmaterial
Lutz, die Irvingianer, die
'Londoner Prophetenschule', Thiersch, die neuen Apostel –
frühe Anfänge, Abspaltung und falsche Prophetie; Geld, viel
Geld, Geldrafferei und Bereicherung und
’fromme Sosse’ drum herum. –
Die Neu-Apostel, spiritistische Tricks: stets mit Kritik
umwittert.
Allgemeine
Deutsche Biographie.
Neunzehnter Band
v. Littrow – Lysura.
Auf Veranlassung
Seiner Majestät des Königs
von Bayern
herausgegeben
durch die historische
Commission
bei der
Königl. Akademie der
Wissenschaften.
Neudruck der 1. Auflage von
1884
DUNCKER &
HUMBLOT / BERLIN
Lutz:
Johann Evangelist Georg L., katholischer Geistlicher,
geb. am 12. März 1801 zu Burg bei Thannhausen in Bayern, + am 9.
Juli 1882 zu Esslingen. L. erhielt seine Ausbildung auf dem
Gymnasium und in dem damals unter der Leitung von J. B.
Gerhauser (s. Bd. VIII, 783) stehenden Seminar zu Dillingen.
Einige seiner Lehrer waren Geistesverwandte von Sailer, und
dieser übte durch seine Schriften und durch persönlichen Verkehr
einen bedeutenden Einfluss auf ihn. Am 7. Juni 1823 zum Priester
geweiht, wurde L. zunächst zum Vikar in Grimoldsried bei
Schwabmünchen, 1826 zum Pfarrvikar in der Kolonie Karlshuld im
Donaumoose bei Ingolstadt ernannt. Hier bemühte er sich eifrig
und erfolgreich für die Verbesserung der materiellen
Verhältnisse der armen Moosbewohner; er erhielt dafür das
goldene Civil-Verdienst-Ehrenzeichen. Durch die Lektüre der
Schriften von Martin Boos (s. Bd. III, 138) geriet er in die
"mystische" Richtung und wirkte, 1828 "erweckt", seitdem im
Gossner'schen Sinne ( s. Bd. IX, 407 "Geschichtliche Notizen
über die bürgerlichen und religiösen Verhältnisse der Kolonie
Karlshuld auf dem Donaumoose", 1830). Im J. 1830 wurde er, von
benachbarten Geistlichen denunziert, von dem Augsburger
Ordinariate vorgeladen, gab aber befriedigende Erklärungen ab
und wurde nur ermahnt, fortan alles Ungewöhnliche und Aufsehen
Erregende zu vermeiden, und unter die Aufsicht eines
benachbarten Pfarrers gestellt. Er fuhr indes fort in der
bisherigen Weise zu wirken und hielt namentlich gegen den Willen
des Ordinariates mit den "Erweckten" in seiner Gemeinde
besondere Andachtsstunden. Im Oktober 1831 sollte er auf eine
Pfarrei in der Münchener Diözese versetzt werden, weigerte sich
aber Karlshuld zu verlassen und erklärte mit einem grossen Teil
seiner Gemeinde zunächst im Dezember 1831 seinen Austritt aus
dem römisch-katholischen Kirchenverbande, dann, da die Bildung
einer "eigenen, für sich bestehenden apostolisch-christlichen
Gemeinde" von dem Ministerium nicht gestattet wurde, im Februar
1832 seinen
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Übertritt zur evangelischen
Kirche. Er veröffentlichte nun eine neue Bearbeitung der
"geschichtlichen Notizen" und das "Bekenntnis der christlichen
Wahrheit, wie solche in der Pfarrei Karlshuld erkannt und
geglaubt wird". Aber in der Hoffnung als protestantischer
Geistlicher in Karlshuld bleiben und die Gemeinde nach seinen
Anschauungen von altchristlicher Disziplin und altchristlichem
Kultus organisieren zu können, sah er sich getäuscht. Auch das
protestantische Oberkonsistorium hielt seine Entfernung von
Karlshuld für nötig und ernannte ihn zum Pfarrverweser in
Wassertrudingen. Schon im Juni 1832 äusserte L. mündlich, in den
folgenden Monaten wiederholt schriftlich, dass er seinen
Übertritt als eine Übereilung bereue, und bat um Wiederaufnahme
in die katholische Kirche. Diese erfolgte, nachdem er einen
Widerruf geleistet und das tridentinische Glaubensbekenntnis
abgelegt, am 16. Nov. 1832. Er bewog auch den grössten Teil
seiner Anhänger in Karlshuld, sich der katholischen Kirche
wieder anzuschliessen ("Ausschreiben des Ordinariats Augsburg
über Wiederaufnahme des J. G. Lutz" vom 5. Dez. 1832,
abgedruckt in Benkert's Religions- und Kirchenfreund 1833, Bem.
1). – Nachdem L. einige Zeit als Privatgeistlicher in
Unterroth gelebt, wurde er im September 1834 zum Pfarrer in
Tafertshofen im Kapitel Oberroth ernannt. Im J. 1839
veröffentlichte er mit Approbation des Ordinariats Augsburg
"Zeugnisse von Christo, dargelegt in einigen Erbauungsreden",
bald darauf aber anonym und ohne Approbation "Feierstunden des
Christen", 3 Bde., 1839 – 41, und "Früchte des Geistes Jesu", 2
Bändchen, 1842. Diese letzteren Schriften wurden in der
Augsburger "Sion" als "aftermystisch" angegriffen; L. antwortete
in den Broschüren: "Sendschreiben an die Redaktion der Sion, Dr.
Wittmann und Dr. Herbst", 1843, "Letztes Wort an Dr. Patritz
Wittmann und die Sion", 1845. Der Bischof von Augsburg, Peter v.
Richarz, ernannte L. trotz dieser Angriffe 1843 zum Kammerer und
einige Jahre später zum Dekan des Kapitels Oberroth. – Im J.
1844 befreundete sich L. mit dem Schotten William Renny Caird,
der sich als Missionar der Irvingianer in Bayern aufhielt. Unter
dessen Mitwirkung veröffentlichte er anonym eine Deutung der
Bibel im Sinne der Irvingianischen Eschatologie: "Über den
Ratschluss Gottes mit der Menschheit und der Erde", 2 Bde.,
1847, dann selbständig gleichfalls anonym, die Schriften "Prüfet
die Geister, ob sie aus Gott sind" (1848 – 54, drei Auflagen),
"Die Hoffnungen der Kirche Christi und des Volkes Israel in der
Gegenwart", 2 Hefte, 1848, 1849, und "Das prophetische Wort des
Herrn und unsere Zeit oder Betrachtungen über Matth. 24 und 25",
1849. Im November 1854 wurde in Augsburg eine Untersuchung wider
ihn eingeleitet. Er legte 1855 das tridentinische
Glaubensbekenntnis ab und erklärte, er verwerfe alles, was in
dem "Ratschluss" den Lehren der katholischen Kirche
widerstreitendes enthalten sein möge. Er wurde zunächst vom
Dekanate enthoben und die erwähnten vier Schriften verboten (der
"Ratschluss" wurde am 6. Dez. 1855 auch in Rom auf den Index
gesetzt). Nach dem Tode des Bischofs Richarz, während der
Dompropst Allioli Bistumsverweser war, wurde er im Februar 1856
als des Irvingianismus verdächtigt zu einem zeitweiligen
Aufenthalte im Pönitenzhause zu Villingen verurteilt, dann
aufgefordert, sieben Sätze zu unterschreiben. Da er die
Unterzeichnung der Sätze: die katholische Kirche ist die allein
seligmachende; die angeblichen Apostel der Irvingianer sind
entweder Betrüger oder Betrogene, verweigerte, wurde er 1859
exkommuniziert. – In diesen Jahren veröffentlichte L.
"Beleuchtung einiger religiöser Streitfragen. Ein Wort der
Beruhigung an meine Freunde und Nichtfreunde", 1856; "Gottes
Werk in unserer Zeit, dargelegt vor dem Domkapitel des Bistums
Augsburg in der Untersuchungssache des J. G. L.". 1857; "Notwehr
wider ungleiche Waffen. Eine Verteidigungsschrift gegen ein
Generale des Ordinariates Augsburg über Gottes Werk in unserer
Zeit", 1858. Mit L. wurden vier gleichgesinnte Geistliche und
etwa 50 Laien exkommuniziert und dann auch polizeilich bedrängt
("Bitte exkommunizierter Laien in Schwaben und Franken und fünf
exkommunizierter katholischer Priester der Diözese Augsburg an
die Kammer der Abgeordneten, Schutz gegen Verfolgung und
religiöse Freiheit betreffend", 1859). Einige fanden in
Württemberg ein Asyl, L. in der Schweiz; er war 1857 – 69 an der
irvingianischen Gemeinde in Zürich und Bern tätig. Im J. 1861
erhielten die Irvingianer durch ein Rescript des Königs
Maximilian II. die Rechte einer Privatkirchengesellschaft. L.
kehrte aber erst 1870 nach Deutschland zurück (in diesem Jahre
veröffentlichte er "Wahrheit in Sachen der apostolischen
Gemeinden zur Erwiderung auf einen Artikel im Berner 'Bund' über
das sog. Irvingianertum"). Er wirkte seitdem als "Evangelist" an
verschiedenen Orten in Bayern und Württemberg, zuletzt in
Nürnberg.
Ein württembergischer Pfarrer
Josef Lutz hat 1846 "Chrysostomus und die übrigen
berühmtesten kirchlichen Redner" und später einige andere
homiletische Schriften veröffentlicht: s. Thesaurus librorum rei
catholicae, 1850, S. 506.
H. Schmid,
Gesch. der kath. Kirche, 1872, I, 311. Hist.-polit. Bl. 39, Bd.
(1857), S. 508. B. Thalhofer, Beiträge zu einer
Geschichte des Aftermysticismus und insbesondere des
Irvingianismus im Bistum Augsburg, 1857. – Briefliche
Mitteilungen von Prof. Hnr. Thiersch in
Basel.
Reusch
Quellenmaterial Seite 2
Wetzer und
Welte's
Kirchenlexikon
oder
Encyklopädie der
katholischen Theologie und ihrer Hülfswissenschaften.
Zweite Auflage,
in neuer Bearbeitung, unter
Mitwirkung vieler katholischen Gelehrten
begonnen von
Joseph
Cardinal
Hergenröther,
fortgesetzt von
Dr. Franz Kaulen,
Professor der Theologie in Bonn.
Mit Approbation des Hochw.
Herrn Erzbischofs von Freiburg.
Sechster Band.
Himmelfahrt Christi
bis
Juvencus.
Freiburg im
Breisgau.
Herder'sche
Verlagshandlung.
1889
Zweigniederlassungen in
Strassburg, München
und
St. Louis, Mo.
Wien I, Wollzeile 33: B.
Herder, Verlag.
Irving,
Eduard,
schottischer Prädicant [=Prediger bzw. Hilfsprediger], der
Haupturheber der nach ihm benannten chiliastischen Secte der
Irvingianer. Bekanntlich machte sich schon in den ersten
Decennien unseres Jahrhunderts in der episcopalen Kirche
Englands sowohl als in der presbyterialen Kirche Schottlands
gegenüber der Versumpfung im Staatskirchentum und dem
eingedrungenen Rationalismus eine grossartige, von Geistlichen
und eifrigen Laien unterstützte Reaction geltend, die auf
Umgestaltung der bestehenden kirchlichen Verhältnisse, auf
lebendiges Christenthum, auf Bereicherung der Liturgie und auf
fleissigeren Gebrauch der christlichen Gnadenmittel
hinarbeitete. Unbefriedigt durch das Bestehende, fingen auch
gelehrte Theologen der Universität Oxford an, gründliche Studien
über das christliche Alterthum zu machen, die Schriften der
Kirchenväter, sodann mit besonderer Vorliebe die alten Liturgien
zu studieren und die gewonnenen Resultate in einer Reihenfolge
(1833 – 1841) wissenschaftlicher Tractate, nach welchen sie den
Namen Tractarianer erhielten, zu veröffentlichen. Auch
entstanden zahlreiche Gebetsvereine, deren Mitglieder angesichts
des ungeheuren religiösen Abfalls in England und Schottland um
eine erneute Ausgiessung des heiligen Geistes behufs einer
durchgreifenden Umgestaltung der kirchlichen Verhältnisse in
England und Schottland mit grossem Eifer flehten. Während nun
die Tractarianer und ihre zahlreichen Anhänger das erwähnte Ziel
einer Reform nach altkirchlichem Muster gründlich, consequent
und ohne Schwärmerei anstrebten und in Folge dessen vielfach zur
katholische Kirche förmlich übertraten oder doch der
katholischen Glaubenslehre und Disciplin sich in erfreulicher
Weise annäherten, liessen Andere sich durch den Anblick der
traurigen Zeitverhältnisse zu religiöser Schwärmerei verleiten
und gelangten auf dem Wege ihrer Reformbestrebungen – wiewohl
auch in vielen Punkten der katholischen Kirche näher kommend –
zu einem pietistisch-chiliastischen Lehrsystem. Hierher gehören
in erster Reihe die Irvingianer, die sich selber gewöhnlich als
die "heilige, apostolisch-katholische" Kirchengemeinschaft
bezeichnen.
Eduard Irving
wurde als Sohn eines Lohgerbers im Städtchen Annan in Schottland
am 4. August 1792 geboren, machte die höheren Studien an der
Universität Edinburgh und war, nachdem er mit besonderer
Vorliebe mathematischen Studien sich gewidmet hatte, zunächst an
verschiedenen Orten Lehrer der Mathematik. Gründliche,
einheitliche und zusammenhängende theologische Studien
scheint er nie gemacht zu haben; gleichwohl wandte er sich
später dem Predigtamte zu, ward 1815 für dasselbe ordiniert und
verwaltete es einige Jahre hindurch in Glasgow als Gehilfe
Chalmers'. Im J. 1822 wurde er an die kleine "caledonische
Kirche" in
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London berufen. Hier predigte der
riesig grosse Mann, welcher gewinnende Schönheit und ein
gewaltiges Organ besass, meist zwei bis drei Stunden lang mit
solchem Erfolge, dass im J. 1827 für die grossen Massen seiner
Zuhörer eine neue Kirche am Regentsquare erbaut werden musste.
Vom grössten Einflusse auf die specifischen Anschauungen, welche
er in seinen Predigten mit hinreissender Beredsamkeit vertrat,
waren die Conferenzen, welche der reiche Londoner Banquier
Drummond seit 1825 alljährlich je eine Woche lang auf seinem
Landsitze Albury Park mit einer grösseren (bis auf 40 sich
belaufenden) Anzahl von Männern abhielt. Diese befassten sich
ganz speciell mit Meditation und Studium der prophetischen
Schriften und Stellen des Alten und des Neuen Testamentes, zu
dem Zwecke, aus der Bibel zu beweisen, dass die Wiederkunft des
Herrn und die Herrschaft des Antichrists, auf welche das
tausendjährige Reich folge, in nächster Nähe sei. Behufs der
Vorbereitung der Gläubigen auf diese Wiederkunft, behufs ihrer
Sammlung aus den verschiedenen christlichen Confessionen, die
alle vom ursprünglichen apostolischen Ideal der Kirche
abgefallen seien, müsse eine neue Ausgiessung des heiligen
Geistes, ein erneutes Pfingstwunder erfolgen und eine zweite
apostolische Kirche mit den ursprünglichen Ämtern ins Leben
treten. Aus diesen Conferenzen, an denen Irving mit besonderem
Eifer sich beteiligte, stammten, wie gesagt, die bewegenden
Gedanken seiner Predigten und stammten überhaupt die
specifischen Lehren des Irvingianismus. Auch das Sprachenwunder
(Apg. 2, 4. 1 Cor. 14, 1 ff),durch welches der mitgeteilte
heilige Geist seinen Willen kundgeben und die für das neue
Rettungswerk tauglichen Organe bezeichnen sollte, durfte bei dem
erneuten Pfingstwunder nicht fehlen. Daher gestattete auch
Irving den angeblich vom heiligen Geiste Ergriffenen (Männern
und Frauen), zuerst nur in privaten, nachmals aber auch in den
öffentlichen gottesdienstlichen Versammlungen, "in Zungen zu
reden" und selbst seine Predigtvorträge zu unterbrechen. Um
seine Zuhörer zu desto zuversichtsvollerer Nachahmung Jesu
anzueifern, lehrte Irving, dass Jesus gleich den übrigen
Menschen mit der Erbsünde behaftet gewesen sei, aber keine
actuelle Sünde begangen habe. Diese offenbar häretische Doctrin
und die durch häufiges und tumultuöses Zungenreden veranlassten
Scandale beim öffentlichen Gottesdienste hatten (1832) die
Absetzung Irvings von seinem Predigtamte durch das Presbyterium
in London zur Folge. Nunmehr beschaffte Drummond, welcher fort
und fort für die irvingianische Sache grosse Geldopfer brachte,
mit seinen reichen Anhängern für Irving ein eigenes Kirchlein in
London, in welchem er an hierarchischen Ämtern und an
gottesdienstlichen Formen einrichten konnte, was ihm und seinem
klein gewordenen Häuflein getreuer Anhänger als in Gottes Wort
begründet erschien. Um seinen fixen Ideen von der nahen
Wiederkunft des Herrn u.s.w. in weiteren Kreisen Eingang zu
verschaffen, begab er sich, obschon seine Kraft durch
fortwährende fieberhafte Geistesaufregung bereits gebrochen und
der gewaltige Mann zu einer fast bis zur Unkenntlichkeit
verunstalteten Ruine geworden war, im Herbst 1834 von London
nach Schottland; hier starb er aber, erst 42 Jahre alt, mit
Hinterlassung einer Witwe und dreier Kinder am 8. Dezember 1834
in Glasgow gebrochenen Herzens.
Durch die am
meisten specifische Lehre der Anhänger Irvings von der nahen
Widerkunft des Herrn war ihr Kirchenbegriff wesentlich bedingt.
Der Herr soll nämlich die Kirche, welche im Katholicismus und
noch mehr im Protestantismus durch Abweichen von der
ursprünglichen apostolischen Ordnung zum Babel der Apocalypse
(18, 2) geworden ist, bei seiner Wiederkunft bereits
restauriert, soll sie als die makellose Braut finden, welche mit
Sehnsucht auf seine Ankunft harrt und würdig ist, von ihm vor
dem Losbruch der Greuel des Antichrists (2 Thess. 2, 3
ff)weggerückt zu werden (1 Thess. 4, 16), mit ihm alsdann im
1'000jährigen Reiche (Offenb. 20, 3) auf Erden und darnach am
Ende aller Zeit im Himmel (Offenb. 21, 1 ff) zu herrschen. Um
nun seine in so tiefen Verfall geratene Kirche noch vor der
Wiederkunft zu restaurieren, um die empfänglichen Gläubigen aus
der ganzen Christenheit in diese neue ("heilige, katholische",
d.i. irvingianische) Kirche zu sammeln, beruft der Herr nochmals
zwölf Apostel, welche mit den zwölf ersten Aposteln die 24
Ältesten der Apocalypse (4, 4) ausmachen, für die
wiederhergestellten ursprünglichen Kirchenämter (Eph. 4, 11)
geeignete, durch Prophetenmund bezeichnete Personen mittels
Handauflegung zu ordinieren und die oberste (Binde- und Löse-)
Gewalt in der neuen Kirche auszuüben haben. Zwei dieser Apostel
(Cardale und Drummond) wurden noch zu Lebzeiten Irvings in
gottesdienstlicher Versammlung durch Prophetenmund bezeichnet
und sofort als unmittelbar von Christus bestellt anerkannt. Auf
dem Londoner Concil zu Weihnachten 1835 erschienen bereits alle
zwölf Apostel und erliessen ein Manifest an die geistlichen und
weltlichen Häupter der drei britischen Reiche, auf dem Concil
von 1836 sodann ein solches an die gesamte Kirche (Papst,
weltliche Fürsten u.s.w.). Ein Apostel (Cardale) blieb in
England, einer erhielt als Missionsgebiet Amerika, die übrigen
Zehn teilten sich in den europäischen Continent; als Apostel für
Süddeutschland wurde Carlyle bestellt. Ausser den Aposteln waren
für die Verbreitung der von ihnen auctoritativ festgestellten
Lehre besonders die sogen. Evangelisten tätig. Aber der Erfolg
dieser gesamten Missionstätigkeit, welche unter Katholiken und
Protestanten ganz im Stillen geübt wurde [Anmrkung: Ein
Versuch der Ausbreitung durch leise Unterwanderung ?], war
anfangs unbedeutend; erst seit dem Jahre 1848 gewannen die
irvingianischen Missionare, zumal in Deutschland, mehr Boden.
Sie erklärten nämlich die damaligen revolutionären
Erschütterungen in Europa als die sicheren Vorboten des
Antichrists und behaupteten auf's Bestimmteste, dass nur
diejenigen, welche an die nahe Wiederkunft des Herrn glaubten
und in die neue apostolische Kirche einträten, vor dem
Losbruch der Greuel des Antichrists lebendigen Leibes dem
kommenden Heiland entgegen von der Welt hinweggerückt und in der
Wegrückung verwandelt würden, eine Lehre, die auf ängstliche
Gemüter vielfach hinreissend wirkte. Sehr förderlich war für
die irvingianische
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Sache sodann auch, dass am 18.
Dezember 1849 der gelehrte Marburger Theologieprofessor Dr.
Heinrich Thiersch zur "apostolischen Gemeinde" übertrat und
fortan als (vom Apostel Carlyle) ordinierter Evangelist in Wort
und Schrift für dieselbe tätig war. Am meisten Anhang gewann die
Secte unter den Protestanten Norddeutschlands, besonders in
Berlin, dessen grosse irvingianische Gemeinde aber schon um die
Mitte der fünfziger Jahre sehr zusammengeschwunden war. In
Süddeutschland (mit dem Missionszentrum in Basel) fand der
Irvingianismus ein günstiges Terrain fast nur im Bistum
Augsburg; denn hier war durch die katholischen Priester Martin
Boos, Joh. Gossner, Ignaz Lindl und Martin Völk seit Ende des
vorigen Jahrhunderts eine aftermystische Richtung begründet und
nachmals durch den Decan Joh. Ev. Lutz und andere Priester
erhalten und gepflegt worden (vgl. Thalhofer, Beiträge zur
Geschichte des Aftermysticismus und insbesondere des
Irvingianismus im Bisthum Augsburg, Regensburg 1857). Genannter
Decan Lutz, welcher schon im J. 1832 förmlich zum
Protestantismus übergetreten, dann wieder in die katholische
Kirche zurückgekehrt war, und bei welchem sich bereits um die
Mitte der vierziger Jahre der Evangelist Renny William Caird aus
Montrose in Schottland wiederholt längere Zeit aufhielt, gab
zugleich mit demselben (in erster Auflage 1847 anonym, in
dritter Auflage mit Nennung der Namen) die vielverbreitete
Schrift "Über den Rathschluss Gottes mit der Menschheit und der
Erde" (2 Bände), ein dogmatisch-exegetisches Handbuch des
Irvingianismus, und ausserdem unter dem Deckmantel der
Anonymität noch mehrere kleinere Schriften heraus, durch welche
er weit über die Grenzen seiner Pfarrei (Oberroth) und die
Diöcese Augsburg hinaus die Verbreitung des Irvingianismus
förderte. Als endlich nach der Mitte der fünfziger Jahre die
oberhirtliche Stelle in Augsburg die wahre Sachlage erkannte und
gegen das geheime Treiben der irvingianisierenden Priester
einschritt, wurden Decan Lutz nebst fünf anderen
Diöcesanpriestern (darunter Domvicar Spindler) und nahezu 100
Laien aus verschiedenen Pfarreien öffentlich excommuniciert,
worauf dieselben sich offen zum Irvingianismus bekannten und
förmliche "apostolische Gemeinden" mit öffentlichem Gottesdienst
nach irvingianischem Ritus (in Augsburg und Hürben) bildeten.
Seitdem hat die Secte im Bistum Augsburg wie auch anderwärts
keinen Zuwachs mehr gewonnen, und selbst in England ist die
Zahl ihrer Anhänger auf etliche Tausend zusammengeschwunden; in
Italien, Frankreich, Belgien, Holland, Russland und Amerika
hatte sie von Anfang an nur ganz vereinzelte Aufnahme gefunden.
Vom
Protestantismus unterscheidet sich der Irvingianismus
vorteilhaft dadurch, dass er eine sichtbare Kirche lehrt,
welcher man nicht durch die sola fides, sondern durch das ex
opere operato wirkende Sacrament der Taufe mittels ganz realer,
positiver Rechtfertigung eingegliedert werde. Die Ämter dieser
sichtbaren Kirche (das Amt der Apostel, Propheten, Evangelisten
und Lehrer für die gesamte Kirche, das Amt des Engels oder
Bischofs, der Ältesten oder Priester, der Diaconen und der
Diaconissen (!) für die einzelnen Gemeinden) seien von
Christus eingesetzt; ihre Träger sind also keineswegs Delegierte
der Gemeinde, sondern haben hierarchischen, mittlerischen
Charakter, der ihnen durch sacramentale Weihe verliehen werde.
Ausser der Taufe und Ordination gelten sodann den Irvingianern
auch die Firmung (Versiegelung) und die Krankenölung als
eigentliche Sacramente; desgleichen legen sie die Busse (mit
facultativer Privatbeichte und mit Lossprechung) und der Ehe,
die nach ihnen unauflöslich ist, sacramentalen Charakter bei. Da
sie ein über das Volkspriestertum erhabenes mittlerisches
Priestertum lehren, so erscheint consequent auch ihr
Gottesdienst nicht als blosses Tun der Gemeinde, sondern ist
mittlerischer Natur. Als Centrum des öffentlichen
Gottesdienstes, zu dem auch liturgische Gebetsstunden (Matutin
[=nächtliches Stundengebet], Terz [=Gebet des Breviers um die
dritte Tagesstunde, 9 Uhr], Non [=Stundengebet zur neunten
Tagesstunde um 3 Uhr nachm.], Vesper [=abendliche
Gebetsstunde/Gottesdienst um 6 Uhr]) gehören, betrachten sie
consequent die eucharistische Feier (Liturgie), bei welcher die
Liturgen reiche, denen der Katholiken ähnliche Kultgewänder
tragen. Sie nennen es eine folgenschwere Verirrung des
Protestantismus, dass er den Opfercharakter der Eucharistie
verworfen hat, und erklären ihre eucharistische Feier
nachdrucksamst als Opfer, leugnen aber dessen Sühnecharakter und
Identität mit dem Kreuzesopfer; den Opfercharakter verlegen sie
hauptsächlich in einen Akt, der in Wirklichkeit nur als Oblation
[=Liebesgabe der Gemeinde], nicht aber als Opfer im eigentlichen
Sinne gelten kann, nämlich in die liturgische (unserem Supplices
te rogamus entsprechende) Darbietung des in der Consecration
gegenwärtig gewordenen Fleisches und Blutes Christi an die
göttliche Majestät. Die Transsubstantiation (=Wesens-verwandlung
von Brot und Wein in Leib und Blut Christi) leugnen sie und
nehmen an, dass Christi Fleisch und Blut zugleich mit Brot und
Wein gegenwärtig sei (Impanation). Ihre Gottesdienstordnung,
welche im J. 1842 durch die zwölf Apostel festgestellt wurde,
ist aus Bestandteilen griechischer Liturgien, des römischen
Messbuches, des englischen Common Prayer Book und aus
zahlreichen selbstgemachten Gebeten zusammengesetzt, in welch
letzteren die specifisch irvingianischen Anschauungen am
deutlichsten hervortreten. Ursprünglich in englischer Sprache
verfasst, ist diese Gottesdienstordnung durch Professor Thiersch
auch in deutscher Sprache veröffentlicht worden unter dem Titel
"Die Liturgie (=eucharistische Feier) und andere Gottesdienste
der Kirche" (2 Bde., Basel 1866 – 1872). Die zu London in
englischer Sprache gehaltenen Vorlesungen über die gesamte
Gottesdienstordnung der Irvingianer wurden von Richthofen und
Anderen gleichfalls in's Deutsche übersetzt, worüber des
Verfassers diesbezügliche Anzeige in der Liter. Rundschau (9.
Jahrg., Nr. 12) näheren Aufschluss gibt. Entgegen den
Protestanten verwerfen die Irvingianer entschieden die sogen.
freie Schriftforschung und fordern für die Auslegung der Bibel
eine lebendige, untrügliche Auctorität, die sie in ihren
Aposteln und Propheten erblicken. Im Hinweis auf das Alte
Testament und Hebr. 7, 4 haben sie den
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Zehnten (vom sämtlichen
Einkommen) wieder eingeführt:
derselbe ist zum Unterhalte der Amtsträger und für die
Armen bestimmt.
(Vgl. noch Mrs. Oliphant, The Life of E. Irving,
3. ed., London 1865; Edw. Miller, The History and Doctrine of
the Irvingianism, 2 vols., London 1878; Michael Hohl,
Bruchstücke aus dem Leben und den Schriften Irvings, 2.
Aufl., St. Gallen 1850
(der Verfasser, ein schweizerischer Arzt, war Augenzeuge der
neuen Kirchenbildung in London, Freund und Bewunderer Irvings);
J. F. Jörg, Der Irvingianismus, Abdruck aus den Histor.-polit.
Blättern, München 1856; Jacobi, Die Lehre der Irvingiten, 2.
Aufl., Berlin 1868. Als eine Art offizieller Dogmatik der
Irvingianer erscheint Charles J. T. Böhms "Schatten und Licht in
dem gegenwärtigen Zustand der Kirche", Frankfurt 1855, mit
Vorwort von Thiersch, in dessen Büchlein Über christl.
Familienleben (Frankf. 1854) die Moral der Irvingianer, speciell
ihre Lehre von der Ehe zur Darstellung kommt; die irvingianische
Cultus- und Opfertheorie hat bündig und schwungvoll behandelt
Karl Rothe, Das Opfer unseres Herrn Jesu Christi am Kreuze und
das Opfer der Kirche im heiligen Sacrament des Altars, 2. Aufl.,
Frankf. 1854).
Thalhofer
Realencyklopädie
für protestantische
Theologie und Kirche
Begründet
von J. J. Herzog
In dritter
verbesserter und vermehrter Auflage
unter Mitwirkung
vieler Theologen und
anderer Gelehrten
herausgegeben
von
D. Albert Hauck
Professor in Leipzig
Neunter
Band
Jesus Christus –
Kanon Muratori
Leipzig
J. C.
Hinrichs'sche Buchhandlung
1901
Irving,
Edward
(gest. 1834) und
der Irvingianismus.
W. Jones, Biographical Sketch of the Rev. Edward
Irving with Extracts from and Remarks on his principal
Publications, London 1835; W. Wilks, Edward Irving: An
ecclesiastical and literary biography, London 1854; Mrs. O. W.
Oliphant, The Life of Edward Irving, Minister of the National
Scotch Church, London: Illustrated by his Journals and
Correspondence 2 vol., London 1862, New Edition 1864 (dagegen
David Ker, Observations on Mrs. Oliphants "life of Edward
Irving" etc., Edinburgh 1863; J. N. Köhler, Het Irvingisme.
Eene
historisch-critische proeve. S'Gravenhage 1876 (hier auf S. 413
– 443 eine nach bestimmten Gesichtspunkten geordnete wertvolle
Übersicht über die reiche Irvingianerliteratur); Edward Miller,
The history and doctrines of Irvingism or of the so called
catholic and apostolic church, London 1878, 2 vol.; Thomas
Carlyle, Edward Irving in des Verf.s Reminiscences. Edited by
Charles Elliot Norton, II. vol., London 1887; daraus deutsch in
Lebenserinnerungen von Thomas Carlyle. Übersetzt von Paul Jäger,
Göttingen 1897; M. Hohl, Bruchstücke aus dem Leben Irvings, St.
Gallen 1838, zweite Ausgabe 1850; E. Ad. Rossteuscher, der
Aufbau der Kirche Christi auf den ursprünglichen Grundlagen,
Basel 1871, 2. Aufl., 1886 (dies die offizielle Geschichte der
Bewegung); J. Köstlin Art. Irving. In der zweiten Aufl. dieses
Werkes; Th. Kolde, Edward Irving, ein biographischer Essay,
Leipzig 1901.
Edward Irwing
wurde am 4. Aug. 1792 in dem Städtchen Annan in der Grafschaft
Dumfries im südlichen Schottland geboren, wo sein
verhältnismässig wohlhabender Vater das Gewerbe eines Gerbers
betrieb. Dort konnte der Knabe schon den ersten höheren
Schulunterricht haben, zeigte aber keine sonderliche
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Lernbegierde, ausser für die
Mathematik. Auch auf der Universität in Edinburgh, wohin er erst
dreizehnjährig geschickt wurde, um zunächst die unseren oberen
Gymnasialklassen entsprechenden unteren Kurse durchzumachen und
sich später durch allerlei philosophische Studien bis zum
Fachstudium der Theologie hindurchzuarbeiten, stand neben der
Neigung für alle körperlichen Übungen die für die Mathematik
oben an, die dem siebzehnjährigen auf Empfehlung seines Lehrers,
Professor Leslie, die Stelle eines Lehrers der Mathematik an der
höheren Schule in dem Städtchen Haddington eintrug. Ein Jahr
später vertauschte er sie mit der eines Rektors der
neugegründeten, sich "Akademie" nennenden Schule zu Kirkaldy,
blieb dabei aber Studierender der Theologie und besuchte, wenn
auch unregelmässig, die meist auf wenige Wintermonate sich
erstreckenden Universitätskurse. In jenen Aufenthalt in Kirkaldy
fällt auch die Freundschaft mit dem grösseren Landsmann, dem
späteren Weisen von Chelsea, Thomas Carlyle, der gleichfalls
daselbst ein Lehramt bekleidete. Des letzteren Erinnerungen
lassen uns leider keinen Einblick in Irvings Entwicklung tun.
Ein regelrechtes, methodisches Studieren war schwerlich seine
Sache, doch verstand es der zweifellos ungemein begabte Mann,
sich mühelos ein nicht ungewöhnliches Wissen auf vielen Gebieten
zu erwerben. Am wenigsten wissen wir von seiner religiösen
Entwicklung, nur dass er, um den berühmtesten Prediger des
Landes, Dr. Chalmers von Glasgow (s. d. A. Bd. III, 777) zu
hören, keinen Weg scheute. Nachdem er die vorgeschriebenen, sehr
umständlichen Examina (vgl. Th. Kolde S. 8) bestanden, erhielt
er 1815 von dem Presbyterium (Kreissynode) zu Kirkaldy die
Predigterlaubnis. Aber seine Predigten wurden nicht gern gehört.
Sein Pathos, die gesuchte Erhabenheit seiner Sprache fand man
gespreizt, ja schauspielerisch. Im Jahre 1818 ging er, nachdem
er 3 Jahre vergeblich eine Verwendung im Kirchendienst erstrebt
hatte, des Schulmeisterlebens müde, nach Edinburgh und
beschäftigte sich mit allerlei sprachlichen und
naturwissenschaftlichen Studien. Aber erst ein Jahr später, als
er, weil niemand in der Heimat ihn haben wollte, schon ernstlich
daran dachte, als Missionar nach Persien zu gehen, war es
Chalmers in Glasgow, der ihn im Oktober 1819 als Predigtgehilfe
annahm. Aber, wie Treffliches er auch als Seelsorger, namentlich
unter den Arbeitern leistete, neben dem berühmten Chalmers
konnte er, wenn er auch nach einiger Zeit einen kleinen Kreis
von Verehrern um sich gesammelt hatte, nicht aufkommen. Das Gros
der Gemeinde mied seine Predigten und trug ihre Geringschätzung
offen zur Schau, aber in stolzem Bewusstsein seiner Kraft und
der Richtigkeit seiner Methode, sah er darin nur den Widerspruch
der grossen Menge, gegen die, welche die ausgetretenen Pfade
verlassen haben, um den umfassenden Bedürfnissen der Welt
gerecht zu werden. Da war es eine Art Erlösung, als er durch die
Vermittlung von Chalmers im Jahre 1822 zum Minister der kleinen,
damals ca. 50 Seelen umfassenden nationalschottischen (sog.
kaledonischen) Gemeinde, die mit einem kleinen schottischen
Krankenhause in Hatton Garden in London zusammenhing, erwählt
wurde. Das Presbyterium in Annan erteilte ihm die Ordination.
Mit einer fulminanten Abschiedspredigt, in der er die Forderung
ganz neuer Predigtmethoden aufstellte, um die Welt unter die
Autorität Christi zu bringen (beinahe vollständig bei Wilks S.
17), schied er von Glasgow. Man müsse die Sache ganz anders
anfangen, als es bisher geschehen, das Christentum müsse in
einem mehr heroischen Stile getrieben werden, so schrieb er um
dieselbe Zeit (Oliphant S. 73) an den Rektor Martin in Kirkaldy,
dessen Tochter Isabel er Herbst 1823 als seine Gattin in sein
Haus führte.
Und wirklich
schien es nur der Übersiedlung nach London bedurft zu haben, um
ihn zu Ruf und Ansehen zu bringen. Schon bei seinen
Probepredigten erregte er Aufsehen. Eindrucksvoll oder
wenigstens auffallend war schon seine äussere Erscheinung. Er
war über sehs Fuss hoch, seine schwarzen, fast bis zu den
Schultern herabfallenden Locken umrahmten ein bleiches Gesicht
mit dunklen Augen, von denen das eine sehr stark, je nach dem
Urteile vieler in unheimlicher Weise schielte. Wer ihn sah und
hörte, mit welcher Sicherheit er auftrat, hatte den Eindruck
einer Herrscherpersönlichkeit, die sich ihrer Kraft bewusst war.
Man fand auch in London, dass seine Gestikulation heftig und
ungraziös war, aber sie war eindrücklich. Die ausgetretenen
Pfade der damaligen Homiletik ging er in der Tat nicht. Immer
strebte er danach, etwas besonderes zu sagen, in blumenreicher
Sprache zu reden, die Dichter seines Volkes oder die Heroen der
puritanischen Literatur heranzuziehen und ungewöhnliche Bilder
zu gebrauchen. Sein grosser Landsmann Walter Scott vermisste in
seiner Predigtweise eine gewisse Keuschheit und Ausgeprägtheit
des Charakters; sie war ihm zu hochfliegend und ekstatisch und
legte zu viel Wert auf eleganten Ausdruck. So werden manche
geurteilt haben, aber sie waren vereinzelt. Vielmehr hatte die
Beredsamkeit des schottischen Predigers nach ganz kurzer Zeit
eine bisher unerhörte Zuhörerschaft um sich gesammelt. Es kam
vor, dass die Menge der Menschen, die sich zu seiner Kirche
drängten, den öffentlichen Verkehr störte. Bald konnte man nur
auf Grund von Eintrittskarten Einlass erhalten. Man musste eine
neue Kirche bauen, die dann in Regent-Square errichtet wurde.
Dass auch die gute Gesellschaft auf ihn aufmerksam wurde, war
der Erfolg einer gelegentlichen Äusserung des Ministers Canning,
der bei einer die Kirche betreffenden Bill auf die Beredsamkeit
des in den allerbescheidensten Verhältnissen wirkenden Irving
hingewiesen hatte. Bald war es der eigenartige Mann selbst und
was er sagte, was eine ganz ungewöhnliche Anziehungskraft
ausübte. Irving war der Modeprediger Londons geworden, aber
nicht nur das, auch ein Erweckungsprediger, gerade unter den
Gebildeten, wie es deren wenig gegeben hat. Und mit dem Erfolg
wuchs das Bewusstsein seiner Kraft und der Wunsch, noch
grösseres zu leisten.
Den bisher von
der Kirche gröblich Vernachlässigten, den Gebildeten, die noch
draussen stehen, den Erfindern, den Politikern, den Juristen,
den Männern der Wissenschaft, die die Welt in der Hand haben,
die
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Wahrheit nahe zu bringen mit den
Mitteln der Bildung und einer blumenreichen Rhetorik war auch
die Tendenz seiner ersten Druckschrift (For the oracles of God,
four orations. For Judgement to come, An Argument in nine parts,
London 1823) wenigstens im ersten Teil, während er im zweiten
bedeutenderen, zu dem er durch die damals viel besprochenen
frivolen Gedichte "Vision of judgement" von Southey und Byron
(Näheres darüber bei Th. Kolde, a.a.O. S. 24) angeregt wurde,
darauf ausging, "nicht als Theologe, sondern als Mensch, nicht
als Kirchenmann, sondern als Christ", Gottes Recht, die
Menschheit zur Verantwortung zu ziehen und die Notwendigkeit des
Gerichts vor dem Forum der Vernunft zu erweisen suchte. Beifall
und scharfer Widerspruch, die sich im ganzen die Waage hielten,
erhöhten nur seine schon übergrosse Popularität und zur bangen
Sorge seiner Freunde das immer massloser werdende Selbstgefühl
des Predigers, der sich immer mehr in die Rolle eines in
besonderer Weise berufenen untrüglichen Propheten seines Volkes
hineinlebte, und auch die wohlmeinenden Warnungen der von ihm
scharf angegriffenen evangelischen Partei verächtlich
zurückwies. Da war es seine Sucht, immer neues vorzubringen,
immer grössere Erfolge zu erzielen, die ihn einer Richtung
zutrieb, durch die sein Leben eine ganz andere Wendung nahm.
Wie vorübergehend
auch anderwärts hatte sich in England unter den Eindrücken der
französischen Revolution und der ihr folgenden Greuel und
Kriegsstürme ein Kreis von Frommen gebildet, die in Erwartung
des jüngsten Tages sich in apokalyptische Studien vertieften.
Daraus entstand eine stets breiter werdende apokalyptische
Literatur, aus der die Schriften von Hutley Frere und Lewis Way
(Näheres darüber bei Th. Kolde a.a.O. S. 30) hervorragten, die
in kühnen Berechnungen aus Apokalypse und Propheten die
Entwicklung des Gottesreiches und die Stadien der Endzeit zu
bestimmen suchten. Unter den für diese Gedanken gewonnenen war
bald keiner so eifrig als Henry Drummond, ein vielseitig
gebildeter Laie, ein reicher Londoner Bankier, der schon in
jungen Jahren als Parlamentsmitglied sich hervorgetan, auf
weiten Reisen sich in Welt und Kirche umgesehen hatte, und
dessen Zeit und Geld überall zu Gebote stand, wo es galt,
allgemein nützliches zu unterstützen oder gutes zu tun. So hatte
er die Continental Society, zur Hebung des geistlichen
Zustandes des Kontinents gegründet, im Jahre 1821 dem
Forschungsreisenden Dr. Joseph Wolff die Mittel zu seiner damals
Aufsehen erregenden Erforschung des inneren Asiens gegeben und
noch 1825 in Oxford eine Professur für Nationalökonomie (die
erste, die es überhaupt gab), gestiftet. Seitdem er von den
apokalyptischen Gedanken ergriffen worden, hatte er, obwohl er
später wieder und zwar bis an sein Lebensende (1860) im
englischen Parlament sass, kein höheres Streben, als die
Resultate der apokalyptischen Forschung zu allgemeiner
Anerkennung zu bringen. Da war es Hutley Frere, der in dem noch
kleinen Kreise, dessen Führer Drummond bald geworden war, auf
den Gedanken kam, im Interesse der grösseren Propaganda den
Versuch zu machen, den gefeiertsten Prediger der Hauptstadt,
Edward Irving, zu gewinnen. Es gelang überraschend schnell. Mit
der ihm eigenen Freude am neuen nahm er die wunderliche Exegese
jener Leute und ihre Gedankenwelt, die so vieles erklärte und
die dem Bussprediger in ihm ein neues Feld eröffnete, wirklich
wie neue Offenbarungen auf. Bald wurden sie wie bei jenen, der
Mittelpunkt seines Denkens und Redens.
In einer stundenlangen, später
in erweiterter Form gedruckten Predigt (Bapylon and Infidelity,
foredoomed of God: A discourse on the prophecies of Daniel and
the Apocalypse, which relate to these later times and until the
second advent.
Glasgow 1826, 2 vol. Vgl. darüber Th. Kolde a.a.O. S. 35 ff) bei
dem Jahresfeste der Continental Society im Jahre 1825
entwickelte er sie zum ersten male vor der grossen
Öffentlichkeit, zeigte an einzelnen Ereignissen seit 1793 das
Ausgiessen der sechs ersten Zornesschalen und stellte das Kommen
des Herrn und die Aufrichtung des tausendjährigen Reiches für
1864 in Aussicht. Zwei Jahre darauf erschien mit einer
zweihundert Seiten langen Einleitung seine Bearbeitung des 1816
pseudonym herausgekommenen Werkes des spanischen Exjesuiten
Lacunza unter dem Titel: The coming of Messiah in glory and
majesty, London 1827 (vgl. ebenda S. 38). Inzwischen hatte sein
Eintreten dafür wirklich den Erfolg gehabt, dass nicht wenige
hervorragende Geistliche und erweckte Laien der Londoner
"Prophetenschule", wie Irving zuerst die Apokalyptiker genannt
zu haben scheint, sich anschlossen. Auf Veranlassung von Lewis
Way kamen seit dem 1. Advent 1826 alljährlich auf Drummonds
Landsitz Albury unweit von Guildford in der Grafschaft Surrey
Leute aus verschiedenen Denominationen – die Zahl schwankte
zwischen 20 – 40 Personen, unter ihnen auch Irving – zu einer
Konferenz zusammen, um unter dem Ortspfarrer Hugh Mac Neil, der
übrigens wie mehrere andere sich dem späteren Irvingianismus
nicht anschloss, sondern als einer der angesehensten
Kanzelredner und Häupter der "evangelischen Partei" 1879 starb,
auf Grund ernster Forschung sich über die wichtigsten Fragen zu
einigen. Seit dem Jahre 1829 – 33 erschien auch ein eigenes
Organ auf Drummonds Kosten "The morning Watch, Journal of
Prophecy", welches von Mr. Tudor herausgegeben wurde. In dem
Meeting von 1829 wurde als einmütiges Ergebnis erklärt, seit der
Zeit Justinians I. bis zur französischen Revolution sei eine
grosse, in der heiligen Schrift angekündigte Periode von 1260
Jahren abgelaufen, auf welche jetzt die letzten Wehen, eine
Zerstörung der sichtbaren Kirchen, die Zurückführung der Juden
in ihr Land, dann die Parusie und das tausendjährige Reich
folgen werden, und es sei Pflicht aller, die dies glauben, diese
Erkenntnis aller Welt so eindrücklich als möglich zu verkündigen
(vgl. Miller I, 44 ff.). Damit verband sich alsbald ein
sektiererischer Zug. Wer nicht auf demselben Standpunkt
stand, wurde des völligen Abfalls geziehen. Ja die ganze
bisherige kirchliche Entwicklung, und nicht am wenigsten die
evangelische Partei im englischen Kirchentum, die auf die
Neubelebung evangelischen Glaubenslebens auch durch solche
Veranstaltungen, die man später innere Mission nannte, ausging,
traf diese Anklage. Seitdem das "fünffältige
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Amt der Apostel, Propheten,
Evangelisten, Hirten und Lehrer" aus der Kirche geschwunden
sind, die Irving schon 1824 als die ewigen Grundlagen der Kirche
bezeichnete, ist auch der heilige Geist aus ihr gewichen: "Über
Christus und der gläubigen Seele, - die ganze Summe unserer
Lehre und geistlichen Praxis – sind uns der heilige Geist, die
Gemeinschaft der Heiligen, die heilige katholische Kirche, zu
toten Buchstaben im Credo geworden –. Man lallt vom Glauben und
einfältigen Glauben und erkennt nicht oder will nicht erkennen,
was der ganze Inhalt unseres Glaubens ist, - die hochheilige
Dreieinigkeit und ihre Gaben, Ämter und Wirkungen zum Heile."
Schon zeigt sich auch der vielfach erst der späteren Sekte
zugeschriebene Syncretismus: "aus allen vorhandenen
Bekenntnissen und Glaubensparteien wird erst das Geschlecht
erstehen, die wahre Auswahl unter den Auserwählten, welches
unter seinem Josua in das langersehnte Kanaan eingehen wird"
(vgl. Rossteuscher S. 107 – 111).
Damit verband
sich bei Irving alsbald eine immer deutlicher werdende Abkehr
von grundlegenden Gedanken und Prinzipien des schottischen
Kirchentums, seiner Verfassung und seines Gottesdienstes, von
der Prädestination, wogegen er, in dieser Beziehung nicht
unbeeinflusst durch das Werk des hochkirchlichen Anglikaners
Richard Hooker (Ecclesiastical polity 1599) sich als Priester
fühlte und seiner Gemeinde und seinem Presbyterium gegenüber
priesterliches Ansehen und priesterliche Gewalt in Anspruch
nahm, worüber es sehr bald zu unliebsamen Erörterungen kam.
Grosses Aufsehen machte es, und es wurde bei weitem als die
schlimmste Heterodoxie empfunden, was man Ende 1827 von
eigentümlichen christologischen Auslassungen, die er auf der
Kanzel vortrüge, erfuhr, dass er von eines sinful substance des
Leibes Christi spreche. Deshalb interpelliert, schrieb er eine
grosse, wie immer mehr rhetorische als dogmatische Abhandlung
"über die Lehre von der Inkarnation" (Abschnitt III und IV
seiner Sermons, Lectures and Occasional Discourses, 3. Vol.,
London 1828), in der er offenbar im Interesse an der vollen
Menschheit Christi unter falscher Pressung das [griech.
Schriftzeichen] in dem paulinischen Ausdruck
[griech.Schriftzeichen] (Röm. 8,3) seine These begründet. Nur
wenn Christus wirklich unsere Natur angenommen hat, die
gefallene Menschennatur, konnte er unser Erlöser sein.. Da
seiner Mutter Substanz gewisslich gefallen, er aber seiner
Menschheit nach von der Substanz seiner Mutter war, so ist die
Natur, die er annahm, eine sündige gewesen. Eben deshalb fühlte
er, obwohl er an der Erbsünde nicht teilnahm und durch den ihm
immer beiwohnenden heiligen Geist vor jeder wirklichen Sünde
bewahrt wurde, in seinem natürlichen Willen eine Rebellion gegen
den Willen Gottes. Denn wenn er unter das Gesetz getan war, so
musste er nicht nur zugänglich, sondern für alles das geneigt
sein, was das Gesetz verbot. Ja, Irving geht so weit, zu sagen,
jede Art von Schlechtigkeit, die zur Tat geworden ist, oder zur
Tat werden konnte, gehörte zum Wesen seiner Natur, und eben in
der Grösse des Sieges über die in seiner Natur liegende Sünde
sieht Irving die Wahrheit der Erlösung der Menschennatur und
erklärt im Bewusstsein, damit die alte orthodoxe Lehre der
Kirche wiederzugeben, jede andere Auffassung als eine
pestilenzialische Häresie (Th. Kolde S. 50 ff).
Dies alles und
seine apokalyptischen Schwärmereien, die nicht wenige seiner
früheren Anhänger aus der grossen, für ihn erbauten und im
Frühjahr 1827 geweihten Kirche auf dem Regent-Square vertrieben,
erschütterten sein Ansehen in weiten Kreisen, besonders in
London. Gleichwohl gewann die eschatalogische, apokalyptische
Richtung, die sich mit einer neuen von Rev. J. Haldane Steward
angeregten Bewegung begegnete, die darauf ausging, alle Frommen
in allen Denominationen zum Gebete um eine neue machtvolle
Ausgiessung des Heiligen Geistes zu verbinden, in allen Teilen
Grossbritanniens immer mehr an Boden, besonders in Schottland.
Hier waren es Irvings Freunde, die Geistlichen Campbell, Story
und Alex. Scott, die in gleichem Sinne wirkten, und letzterer,
der eine Zeit lang Irvings Predigtassistent gewesen, sprach die
Hoffnung aus, dass mit der ersehnten neuen Ausgiessung des
Geistes auch die besonderen Gaben und Kräfte der Urkirche wieder
zur Erscheinung kommen würden. Die Erregung der Gläubigen wurde
noch gestärkt durch zwei grosse Predigtreisen Irvings in
Schottland in den Jahren 1828 und 1829, von denen besonders die
erste, die ausschliesslich der Verkündigung des neuen Advents
galt, einem wahren Triumphzuge glich, und mit kaum bezähmbarer
Ungeduld erwartete man die Ausgiessung des
Geistes.
Da vernahm man im
März 1830, dass sie in Fernicarry, einem Dörfchen an der Mündung
des Clyde, im Kirchspiel des schon erwähnten Pfarrers Robert
Story von Rosneath, erfolgt sei. Eine gewisse Mary Campbell,
eine Näherin, die nach aller Meinung sich im letzten Stadium der
Schwindsucht befand, gleichwohl aber im Bewusstsein, von Gott zu
Grossem berufen zu sein, an dem längstgehegten Gedanken, als
Missionarin nach den Südseeinseln zu gehen, festhielt, hatte
unter dem unmittelbaren Eindruck von Irvings Predigt, mit ganz
besonderer Energie die Sehnsucht nach Wiedererweckung der
apostolischen Geistesgaben in sich aufgenommen, vornehmlich der
Gabe der Heilung durch Gebet und des Redens in Zungen, worunter
sie die für ihren Missionsberuf besonders erwünschte Begabung
mit fremden heidnischen Zungen verstand. An einem Sonntage, dem
21. März 1830, hatte sie mit einer Schwester und einer Freundin
wiederum unter Fasten und Beten um die grosse Sache den Tag
zugebracht. Da am Abend, so wird behauptet, richtete sich die
Kranke, die seit Wochen unfähig war, sich zu erheben, plötzlich
auf und sprach mit verzücktem Angesicht eine Viertelstunde lang
in gänzlich unverständlichen, übrigens sofort notierten Lauten,
was sich am nächsten Sonntage wiederholte. Das ist die von den
Irvingianern behauptete Wiedererscheinung der Sprachengabe,
wobei sogleich bemerkt sein mag, dass, nachdem die Gelehrten von
Oxford und Cambridge erklärt hatten, dass jene Laute, entgegen
der Meinung
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der Campbell, mit keiner
menschlichen Sprache etwas zu tun hätten, man jenes verzückte
Reden einfach als Zungenreden deutete. Die Kunde davon machte
besonderen Eindruck in einer befreundeten Familie in dem nahen,
am anderen Ufer des Clyde gelegenen Ort Glasgow, wo zwei fromme
Schiffszimmerleute namens Macdonald mit ihrer Schwester Margaret
die Frommen zu Gebetsversammlungen in ihrem Hause zu versammeln
pflegten. Eines Tages im April 1830 brach die sterbenskranke
Margaret in stundenlangen Preis Gottes und schloss dann mit
einem heissen Gebet für ihren Bruder James, dass er in dieser
Stunde angetan werde mit der Kraft aus der Höhe, worauf dieser
der seit 18 Monaten an das Bett gefesselten Kranken gebot,
aufzustehen, was diese auch tat und am gemeinsamen Mahle
teilnahm. Und am folgenden Tage gebot J. Macdonald brieflich der
befreundeten M. Campbell, ebenfalls aufzustehen und über den
Fluss herüber zu kommen, welcher Aufforderung sie folgte. Damit
schien auch die Gabe der Krankenheilung, von deren weiteren
Anwendung man übrigens nichts hört, wieder erweckt zu sein. In
den zahlreichen Gebetsversammlungen, die auf diese Aufsehen
erregenden Ereignisse folgten, trat dem von M. Campbell geübten
Zungenreden auch die verständliche Sprache im Geiste in kurzen,
auf das Kommen des Herrn bezüglichen Ausrufen zur Seite, und wie
sehr man sich schon in Gedanken an das Wiederaufleben des
apostolischen Geistes hineingelebt hatte, zeigt die Nachricht,
dass in jenen Versammlungen vielmals der Ruf gehört wurde:
"Sende uns Apostel."
Die Londoner
Prophetenschule, die eine Kommission, in der der Rechtsanwalt
Cardale hervorragte, nach Schottland, wo immer mehrere vom
Geiste ergriffen wurden, geschickt hatte, bestätigte die
erwartete Erneuerung der Geistesgaben, was, wie begreiflich, für
die Beteiligten auch ein Erweis der Wahrheit der ganzen
apokalyptischen Predigt war. In Cardales Hause suchte man
nunmehr in Gebetsversammlungen dasselbe zu erreichen wie in
Schottland. Und hier begann im Frühjahr 1831 Cardales Frau mit
kurzen Ausrufen. Nun kam auch Mary Campbell, die inzwischen
einen Mr. Caird geheiratet hatte, nach London, und bald wurde
das Zungenreden und die Rede in verständlichen Lauten, die
"Prophetie" häufiger. Bei einem der Hausgottesdienste, die
Irving seit langem täglich bei sich zu halten pflegte, machte
sich zuerst mit seiner Mark und Bein durchdringenden Stimme ein
gewisser Taplin als Prophet bemerklich. Nochmehr Eindruck machte
auf Irving ein anderer Prophet Baxter, der freilich nach einiger
Zeit, wie die Prophetin Miss Hall, in einer eigenen Schrift
seine Weissagungen widerrief und alles auf Selbstbetrug
zurückführte (vgl. Oliphant S. 357, Ev. Kirchenztg. 1837 S.
437 ff), dessen Auslassungen aber gleichwohl in vieler Beziehung
für die Ordnungen und Einrichtungen der späteren Sekte
grundlegend wurden. Eine Zeit lang suchte Irving, wie sehr er
auch über die Manifestationen des Geistes erfreut war, das
Zungenreden aus dem eigentlichen Gottesdienst fern zu halten,
nur die Sakristei räumte er dazu ein, um gewissermassen das
Zungenreden zu üben und um die Wiederaufrichtung der längst als
notwendig erkannten sogenannten apostolischen Ämter, der Sendung
von Aposteln, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrern, die
vom hl. Geist gesalbt wären, und das betonte besonders Baxter,
nicht durch menschliche Berufung sondern durch den Geist selbst
ausgesondert werden sollten, in anhaltendem Gebete zu ringen.
Aber der einmal entfesselte Enthusiasmus war nicht mehr
aufzuhalten. Offenbarung drängte sich auf Offenbarung, und
Irving, der, seitdem er von der Echtheit dieser himmlischen
Stimmen sich überzeugt hatte, nichts mehr scheute, als dem
Wirken des Geistes entgegenzutreten, musste sich von den
Propheten sagen lassen, dass er, um der Schmach Christi zu
entgehen, den Geist dämpfen wolle. Da gab er nach. Mitte Oktober
1831 hielt der Enthusiasmus in stürmischer Weise seinen Einzug
in seine Kirche. Nur so viel hatte man ihm zugestanden,. dass
die Geistbewegten erst nach seiner Beendigung der
Schriftvorlesung und nach seiner Predigt, wozu er jedesmal eine
Pause machen wollte, sprechen sollten. Bald trat der Prediger
naturgemäss hinter den Trägern des Geistes zurück. Es kam nicht
selten zu aufregenden und lärmenden Szenen. Das musste zu einer
Scheidung in der Gemeinde führen. Die alten schottischen
Familien zogen sich zumeist zurück oder wurden von den
apokalyptischen Schwärmern, die bald in der Kirche zu Regent
Square ihren Mittelpunkt sahen, verdrängt. Als er im Jahre 1830
seiner Christologie wegen vor das Forum des Presbyteriums der
schottischen Gemeinden in London ( d.h. des über den
Kirchenvorständen der Einzelgemeinden stehenden
Gesamtpresbyteriums) gezogen wurde und diesen Gerichtshof
ablehnte und vielmehr an die schottische Generalsynode
appellierte, hatte er sein Presbyterium noch auf seiner Seite.
Jetzt verklagte es ihn vor derselben Behörde wegen Verletzung
der gottesdienstlichen Ordnung, weil er Männer, die nicht
Minister der schottischen Kirche seien und sogar Frauen in
seiner Kirche habe sprechen lassen. Das Urteil vom 2. Mai 1832
lautete auf Absetzung. Am 6. Mai begann er in einem Saale mit
seiner aus etwa 800 Kommunikanten bestehenden Gemeinde eigene
Gottesdienste, die im Oktober in ein zu einer Art Kirche
umgewandeltes Maleratelier auf der Newmanstreet verlegt wurden.
Jetzt schwanden die letzten Reste der schottischen
Gottesdienstordnung. Die Stimmen der Propheten drängten den
Prediger, der jetzt als "Engel" der Gemeinde (Apk 2,3), wie er
sich schon früher genannt hatte, fungierte, immer mehr in den
Hintergrund. Immer offenkundiger traten Cardale, Drummond und
der Prophet Taplin an die Spitze der Bewegung. Durch den
letzteren wurde Cardale, ein Mann von grosser Willenskraft und
grossem Organisationstalent am 31. Oktober und 7. November 1832
zum "Apostel" ausgerufen (näheres darüber Th. Kolde a.a.O. S. 71
ff), in erster Linie, um ein Organ zu haben, das den vom
"Geiste" zum Engel der Gemeinde in Albury erwählten Drummond
ordinieren könnte.
Damit begann die
sich sehr rasch vollziehende Organisation der neuen Kirche,
wobei allenthalben das Bestreben zu bemerken ist, das "Amt" als
solches in den Vordergrund treten zu lassen und dadurch den
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Enthusiasmus der einzelnen
einzudämmen. Taplin, der Hauptzungenredner, wurde auf Grund
einer Offenbarung zum Propheten (zwei Worte in griechischer
Schrift) ordiniert, denn von der blossen Gabe der Weissagung,
die von allen erstrebt werden sollte, sei das prophetische Amt
mit seiner Aufgabe, den "apostolischen Baumeistern das Licht des
Geistes in der prophetischen Form zuzuführen", zu unterscheiden,
denn der Herr habe nur "Etliche" zu Propheten eingesetzt. Auf
sein Prophetenwort hin wurden nunmehr (April 1833) sechs Älteste
berufen, die beim Gottesdienst auf der in der Kirche
eingerichteten Plattform zu Rechten und Linken des Engels
sitzend, den siebenarmigen Leuchter der Stiftshütte darzustellen
hatten, während der Prophet neben dem Apostel sass. Dazu kamen
(am 14. April) "Helfer" (helps = [Wort in griechischen
Schriftzeichen] 1. Ko 12, 28 vgl. Rossteuscher S. 368 f),
anfangs sechs, die gleichfalls Priester wie die Ältesten, diesen
unterworfen seien und in ihrer Gegenwart zu schweigen hätten.
Aber bald darauf erfuhr man, dass jeder Amtsträger seinen Helfer
haben solle, der Engel, der Älteste usw., und noch vor Ende der
Woche setzte man auch sieben Diakonen für die äusserlichen
kirchlichen Verhältnisse ein, und ein Jahr später unter Berufung
auf 1. Ko 12, 29 [Wort in griechischen Schriftzeichen] auch
Subdiakonen. Da nun schon Irving sogleich beim Beginne der
Separation "Evangelisten" ausgesandt hatte, die jetzt durch
apostolische Ordination zu wirklichen Amtsträgern erhoben
wurden, so war das "fünffältige" Amt, an dessen Vorhandensein
die Wirksamkeit des Geistes in der Kirche geknüpft wurde,
wiederhergestellt. Und wie der Geist es forderte, entstanden
bald noch sechs andere Gemeinden in London, mit derjenigen
Irvings eine Erneuerung der sieben apokalyptischen Gemeinden.
Nach ihrem Vorbild bildeten sich mit gleicher hierarchischer
Gliederung eine ganze Reihe anderer Gemeinden im ganzen Lande
vornehmlich in Schottland.
Irving hat das
alles, wenn ihm auch das eine oder das andere schwer wurde, weil
es vom Geiste zu kommen schien, gläubig und kritiklos
hingenommen. Freilich den Apostolat hatte er sich anders
gedacht, und er war der Meinung, dass "der Apostel zur
Amtshandlung des Wortes und des Regiments ausser in der
offenbaren Geisteskraft überhaupt nicht befung sei" und wollte
seine, des Engels, Selbstständigkeit innerhalb seiner Gemeinde
wahren. Aber derartige Versuche wurden zurückgewiesen, und wenn
er es wagte, auf das für ihn untrügliche Prophetenwort hin
selbstständig zu handeln, musste er sich sagen lassen, dass er
es nicht verstehe die Symbolik der Prophetie in die kirchliche
Praxis umzusetzen, was er ohne Widerrede demütig geschehen
liess. Und man benutzte jede Gelegenheit den doch bisweilen
unbequemen Mann mit seiner grossen Vergangenheit, an dessen
Persönlichkeit so viele dankbar hingen, zu demütigen. Als er von
dem Presbyterium zu Annan, dem schliesslich von der schottischen
Generalsynode die Untersuchung gegen ihn wegen Irrlehre
übertragen worden, von der schottischen Nationalkirche
ausgeschlossen und damit seines geistlichen Amtes entsetzt
worden war, gleichwohl aber im Bewusstsein, der von Gott zum
Engel berufene Hirt seiner Herde zu sein, nach London
zurückgekehrt, seine priesterlichen Funktionen weiter ausüben
und ein Kind taufen wollte, wurde ihm, dem wieder zum Laien
gewordenen, dies gewehrt. Er musste warten, bis er auf Anordnung
des Propheten von neuem und zwar jetzt durch den Apostel
ordiniert würde. Dadurch musste seine Stellung natürlich eine
ganz andere werden, aber nur das schmerzte ihn, dass die Kraft
von oben gerade auf ihn nicht kommen wollte. Längst schwer
leidend hatte er, obwohl erst wenig über vierzig Jahre alt, das
Aussehen eines Greises bekommen. Der Arzt verlangte im Herbst
1834 einen Aufenthalt im Süden, wenn er den Winter überleben
sollte. Gleichwohl folgte er freudig dem Befehl nach Schottland
zu gehen, weil ihm die Prophetenstimme dort Massenerfolge in der
Kraft des Geistes geweissagt hatte. Er kam bis Glasgow. Dort ist
er am 8. Dezember 1834 gestorben und liegt in der Krypta der
Kathedrale begraben (vgl. über seine letzten Tage Th.
Kolde a.a.O. S. 79 ff).
Inzwischen war die Zahl der
Apostel bis zum Sommer 1834, zu welcher Zeit Woodhouse
hinzugetan wurde, auf sechs gewachsen. Und mit ihrer Zahl und
namentlich nach dem Tode Irvings, mit dem in mancher Beziehung
ein Hemmnis gefallen war, wuchs ihr Stärkegefühl und das
Bestreben, die Organe nicht nur der Disziplin sondern auch der
Lehre zu sein. Das musste zur Einschränkung der Prophetie
führen. Cardale erklärte es jetzt für notwendig, dogmatische
Belehrungen an die Propheten zu richten, um das Weissagen [hier
fünf Worte in griechischen Buchstaben] (Rö 12, 7) zu fördern. In
der Praxis entwickelte sich die Sache so, dass die Apostel nur
diejenigen Äusserungen des Geistes anerkannten, die ihnen
gefielen, und sich, was freilich nicht ohne schwere Kämpfe mit
den zuerst vom Geist erleuchteten und auf ihre Selbstständigkeit
eifersüchtigen Schotten abging, die Macht in allen Dingen auch
in den einzelnen Gemeinden aneigneten. In einer wöchentlichen
Ratsversammlung, an der die Engel und Ältesten der Gemeinde
teilnahmen, entschieden sie über das Einzelne, während die
Prophetie abgesehen von allgemeinen Mahnungen an die Gemeinde,
wesentlich dazu diente, über die Männer, die zu Ämtern berufen
werden sollten, Zeugnis abzulegen, und über die Formen des
Gottesdienstes Offenbarung zu verbreiten. Taplin, der weil man
eine auf sein Prophetenwort vorgenommene kultische Neuordnung
Irvings (Rossteuscher S. 424 ff) verworfen hatte, sich ein Jahr
lang grollend zurückgezogen hatte, wurde, als er im Februar 1831
reumütig zurückkehrte, zum Säulen- oder Pfeilerpropheten
ernannt. Mit sechs anderen Propheten, die ihm beigegeben wurden,
sollte er eine gewisse Oberaufsicht über die ganze Prophetie
ausüben. Dieses Kollegium trat dem Apostelkollegium an die
Seite, nicht als Lehrer der Kirche, "sondern als Werkzeuge zur
Hervorbringung der verborgenen Geheimnisse Gottes, das Licht am
dunklen Orte, in dessen Scheine die Apostel wandeln und das Haus
ordnen sollten". Und letzteres, die Ausbildung des Kultischen im
weitesten Sinne des Wortes wurde, jetzt immer mehr die
Hauptsache, weshalb auch die Tätigkeit
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der Engel eine andere wurde; denn
der Geist offenbarte, nicht die Predigt, sondern die Anbetung
sei die Hauptsache ihres Dienstes. Sie wurden seit dieser Zeit,
namentlich seit dem Tode Irvings, des Predigers, wesentlich
Liturgen.
Immer weiter
schritt man in der symbolischen Ausdeutung der Einrichtungen der
Stiftshütte, deren wahres Abbild in dem nunmehr allmonatlich
zusammentretenden Konzil von Zion, den sieben Gemeinden Londons,
zur Erscheinung kommen sollte. Auf der oberen Stufe des Podiums
sollten sechs Apostel sitzen, hinter ihnen die sechs Propheten,
die ihnen zugeteilt waren, hindeutend auf das in der Stiftshütte
mit Brettern abgeschlossene Allerheiligste und dessen Geräte.
Dieser Doppelreihe gegenüber die vier Pfeiler des Amtes, der
erste der Apostel, der Propheten, der Evangelisten und der
Hirten (Engel) als die Säulen vor dem Allerheiligsten. Auf einer
niedrigeren Stufe zuerst die sieben Engel, und hinter dem Stuhle
eines jeden die sechs Ältesten seiner Gemeinde zusammen 42,
entsprechend den 42 Brettern, die die Seitenwände der Hütte
gebildet hatten. Die übrigen fünf Apostel sollten besonders
sitzen, quer zwischen der Reihe der sechs Apostel und der sieben
Engel mit ihren Ältesten, um die fünf durchgehenden Riegel
darzustellen, durch welche die ganze Umfassung der Hütte
zusammengehalten war. Etwas unterhalb der Engel der sieben
Gemeinden die fünf Hauptevangelisten als die Säulen am Eingang
des Heiligen, endlich rings um die ganze Plattform her die jenen
untergeordneten 60 Evangelisten als die Säulen des Vorhofs
(Rossteuscher S. 452). Man zählte hiernach normalerweise 135
Amtsträger. So wurde das Konzil zum erstenmal am 17. Juni 1835
abgehalten, obwohl es damals noch einige Lücken gab, indem zwar
von Februar bis Mai vier neue Apostel berufen wurden, aber noch
zwei zu der längst als nötig erkannten Zwölfzahl fehlten. Nicht
ohne grosse Schwierigkeiten, - der Schotte Davis Dow, der sich
selbst einmal in Edinburg zum Apostel aufgeworfen hatte, und der
jetzt "durch den Geist berufen wurde", weigerte sich das Amt
anzunehmen, und man musste endlich zum Lose greifen – gelang es
einen elften und zwölften zu gewinnen, worauf am 14. Juli 1835
die sogenannte Aussonderung der Apostel stattfand (vgl.
Rossteuscher S. 465). Sie wird mit der Aussendung des Paulus und
Barnabas (AG 13,1) verglichen, sollte aber vielmehr eine
feierliche Anerkennung des Apostolats und eine Einweisung in den
spezifisch apostolischen Beruf für die gesamte Welt sein. Denn
mit ihnen, so hiess es jetzt, ist nach jenem ersten jüdischen
Apostolat, welches der Herr selbst eingesetzt hat, der Apostolat
der Heidenkirche eingetreten, denn Paulus war nur ein Anbruch,
wie er selbst sagt (1 Ko 15, 8), eine unzeitige Geburt gewesen.
Zur Vorbereitung
auf ihren besonderen Beruf begaben sich nunmehr die Apostel in
Begleitung der sieben Propheten der Ratsversammlung nach Albury,
um dort mittelst der Unterweisung durch die Propheten mit kurzen
Unterbrechungen ein Jahr lang (nicht 2 ½ Jahre, wie oft
angegeben wird; vgl. Rossteuscher S. 47) dem Studium der Schrift
obzuliegen, und dann "Gottes Volk auszuführen aus der grossen
Stadt der Verwirrung, der verbannten Stadt" (Rossteuscher S.
473). Ein erstes "Zeugnis", welches die Welt über ihre Mission
aufklären sollte, und Anfang 1836 ausging, richtete sich an die
Bischöfe der englischen Kirche, ein zweites an den König Wilhelm
IV. von England (beide bei Miller II 361 ff). Auf Grund einer
Drummond zu teil gewordenen Offenbarung, wonach der Herr die
Christenheit teilen wolle unter die zwölf Apostel, und jeder der
zwölf Fürsten des geistlichen Israels angesichts des nahen
Kommens des Herrn seinem Stamme zugeteilt werden solle, um
allenthalben die ursprünglichen Ordnungen aufzurichten und je
12'000 Versiegelte zu sammeln, wurde die Welt, richtiger
freilich Europa, als der eigentliche Sitz des grossen Königs,
und Amerika und die christlichen Kolonien, als die Vorstädte der
grossen Stadt am 15. Juli 1836 – d.h. dem Tage mit der alten
Bezeichnung Apostolorum divisio – verteilt. Cardale, der
Säulenapostel, ward für England bestimmt. Drummond erhielt
Schottland und die Schweiz, King-Church die Niederlande und
Dänemark, Perceval Italien, Armstrong Irland und die Kirchen
Griechenlands und des Orients, Woodhouse Süddeutschland und
Österreich, Tudor Polen und – Indien, Dalton Frankreich, Carlyle
Norddeutschland, Sittwill Spanien und Portugal, William Dow
Russland, Mackenzie Norwegen und Schweden. Nachdem man dann noch
in demselben Jahre 1836 ein langatmiges, beinahe 200 Seiten
umfassendes "Zeugnis" in englischer, französischer, deutscher
und lateinischer Sprache hatte ausgehen lassen (abgedruckt bei
Reinwald Acta hist. eccl. 1837 p. 793 – 867. Englisch bei Miller
I, 346 ff, deutsch bei Rossteuscher im Anhang) begaben sich die
Apostel mit Ausnahme Cardales, der daheim blieb, um die
Gemeinden Zions zu leiten, begleitet von je einem Propheten,
Evangelisten und Hirten auf die Reise zu ihren Stämmen (nach
Rossteuscher S. 490 Herbst 1836, nach Miller I, 185 erst Anfang
1838). Ihr Hauptzweck war dabei zu erforschen, was etwa noch von
reinem Golde übrig geblieben, das für die grosse Aufgabe, unter
Niederreissung der Schranken der verschiedenen Kirche eine
Gemeinde der Heiligen aufzurichten, zu brauchen wäre. Und
wiewohl sie allenthalben in regem Verkehr mit kirchlichen
Grossen und sonstigen hervorragenden Männern für die Anerkennung
ihrer apostolischen Würde warben, gingen sie doch vorsichtig zu
Werke, sodass sie selbst in dem damaligen Italien, Spanien und
Österreich von der Polizei unbehelligt blieben. Wie verabredet
trafen sie nach Ablauf der mystischen 1260 Tage (nach der
Aussonderung) Weihnachten 1938 wieder in Albury zusammen,
unternahmen dann 1839 eine zweite Reise, von der sie Cardale
vorzeitig zurückrufen musste, weil es zu schwerwiegenden
Differenzen im Konzil zu Zion gekommen war. Die verschiedenen
Amtsträger waren es nämlich müde geworden, blosse Statisten in
den Konzilsversammlungen zu sein, und erklärten, unterstützt von
der Prophetie, unter Berufung auf AG 15 und die Geschichte aller
Zeiten, dass die Ältesten immer mitgewirkt, und die auf dem
Konzile Versammelten selbst die höchste Autorität einzunehmen
hätten, während die Apostel,
Quellenmaterial Seite 12
obwohl den ersten Rang
einnehmend, nur die Konzilsbeschlüsse ausführen sollten. Aber es
gelang dem wieder vollzählig versammelten Apostolat den Angriff
zurückzuweisen und, um ähnliche Vorkommnisse zu verhindern,
wurde das Konzil, für welches, wie erzählt, der Geist so
bestimmte Vorschriften bis zur Bestimmung der Plätze gegeben
hatte, und welches die Erfüllung der Stiftshütte sein sollte, in
der bisherigen Weise nicht mehr zusammen berufen und lebte nur
als Konferenz der sieben Engel Londons unter dem Vorsitz des
Apostels im Jahre 1877 wieder auf. Wichtiger war noch der auch
bei dieser Gelegenheit (Juni 1840) festgelegte Grundsatz, dass
weil ein unreines Gefäss kein reines Wasser bieten könne, in
jedem Fall die Reinheit des Propheten von den Aposteln geprüft
werden müsste, womit die absolute Superiorität des Apostolats,
aufs strikteste zum Ausdruck kam. Aber die glücklich überwundene
Krisis hatte ein schwerwiegendes Nachspiel, indem einer der
Apostel selbst, Duncan Mackenzie, der vergeblich nach der
Aussonderung auf eine neue Ausgiessung des Geistes gewartet
hatte, an seiner Apostelwürde irre wurde und sich gänzlich
zurückzog. Er starb in Kapland 1855.
Die übrigen
Apostel nahmen jetzt wieder ihren Wohnsitz in Albury, um an die
Verwertung der Resultate ihrer Missionsreise zu gehen.
Merkwürdig genug waren sie, nachdem sie nur wenig andere bekehrt
hatten, in gewissem Sinne selbst als Bekehrte zurückgekommen.
Bei der schon früher beobachteten Betonung des priesterlichen
Charakters der Amtsträger und der Anbetung im Kultus begreift
sich, dass, wie sie selbst bezeugt haben, eine genauere
Bekanntschaft mit dem Katholizismus in seinen Heimatgebieten,
auf diese Leute, die vielleicht auch schon vom Puseismus
angeregt waren, den grössten Einfluss haben konnte. Derselbe war
in der Tat so gross, dass man sagen darf, dass mit ihrer Reise
und bald darauf seit 1840 eine neue Periode der Bewegung
beginnt, die Romanisierung des Irvingianismus oder der
"apostolisch-katholischen Gemeinden", wie sie nunmehr offiziell
auf Geheiss des Geistes sich nannten. Alles was etwa noch an die
schottisch-presbyterianischen und englische, nonkonformistischen
Traditionen erinnerte, wurde jetzt wirklich ausgemerzt. Während
in den meisten irvingianischen Kirchen bis zum Jahre 1838 keine
Altäre waren, mussten jetzt solche errichtet werden, auch wurde
der Raum um den Altar (wie auch in der anglikanischen Kirche)
als sacrarium (screen) abgegrenzt, und empfingen nunmehr die
Kommunikanten an diesem knienend das Abendmahl. Direkt wurde das
Volk belehrt, dass die Eucharistie als Opfer aufzufassen sei
(vgl. über die frühen Anfänge der Opferidee Th. Kolde, Irving S.
75 ff), und zwar in dem Sinne, dass die konsekrierten und damit
durch den heiligen Geist in Christi Leib und Blut verwandelten
Elemente (Wein und ungesäuertes, gebrochenes Brot) Gott
dargebracht werden zur Erinnerung an Christi Tod, als
eine Handlung auf Erden, welche mit der Handlung des
Hohenpriesters im Himmel korrespondiert. Die Abweichung von der
römischen Auffassung, mit der sie die allerdings nicht überall
klar ausgedrückte Wandlungslehre und den Gedanken der
notwendigen priesterlichen Interzession gemein hat, liegt darin,
dass man keine Wiederholung des einmal vollgültig geschehenen
Versöhnungsopfers annimmt, es gleichwohl aber als Dank- und
Gedächtnisopfer Gott von neuem darbringt, es gewissermassen ihm
von neuem ins Gedächtnis ruft (so wird das [hier fünf Worte in
griechischen Buchstaben] 1. Ko 12, 26 gedeutet), wodurch es
versöhnend wirkt, weshalb denn auch an die das Opfern
symbolisierende Handlung der Elevation und des Brotbrechens
("für Euch") die Fürbitten angeschlossen werden (vgl. Karl
Rothe, Das Opfer unsers Herrn Jesu Christi am Kreuz und das
Opfer der Kirche im hl. Sakramente des Altars, 2. Aufl. Frankf.
1854). Dies und anderes, was die theoretisch kaum irgendwo klar
zusammengefassten Sondervorstellungen der Irvingianer
charakterisiert, kommt am klarsten zum Ausdruck in der seit 1842
eingeführten wesentlich von Cardale herrührenden
Gottesdienstordnung, in der man mit Vorliebe auf altkirchliche,
auch griechische Formeln zurückging und sichtlich die Tendenz
verfolgt, möglichst viel Abwechslungen hineinzubringen und die
einzelnen Akte an die verschiedenen Amtsträger, Engel. Älteste,
Propheten, Evangelisten zu verteilen (die Liturgie und andere
Gottesdienste der Kirche 1. Th. Nach der Übersetzung der engl.
Ausgabe von 1853 II. Aufl., Berlin 1860; vgl. namentlich das
Opfergebet S. 30). Zugleich schritt man zur Annahme von
Kultusgewändern, deren Notwendigkeit auf jener Missionsreise
einem Propheten in Rouen aufgegangen war. Sie sind wesentlich
dieselben, wie bei den Römern, Alba, Stola, Gürtel, Kasula und
die Dalmatica, das besondere Amtskleid des Engels, dabei macht
sich das Bestreben geltend, durch möglichste Prachtentfaltung
auf die Sinne zu wirken. Im Jahre 1847 wurde den Priestern ein
ausführliches Direktorium für die Ausführung der Liturgie in den
verschiedenen Gottesdiensten in die Hand gegeben (Über die
Funktionen der einzelnen Geistlichen im Gottesdienst, Miller I,
259). In demselben Jahre adoptierte man die letzte Ölung. Seit
1850 wurden die geweihten Abendmahlselemente wie bei den Römern
in einem Tabernakel aufbewahrt, aus dem sie bei den täglich
abzuhaltenden Morgen- und Abendgottesdiensten herausgenommen
und, ein Abbild der Schaubrote der Stiftshütte, ausgestellt
werden, nicht als Gegenstände der Adoration, sondern um die
Gemeinde der Gegenwart des Herrn und seiner fortwärenden
Interzession zu versichern. Im Jahre 1852 folgte die Aufstellung
von Kerzen, zwei auf dem Altar als Symbole der Gegenwart Gottes
in seinen beiden Zeugen, den Aposteln und Propheten, und des
siebenarmigen Leuchters, um des Herrn Gegenwart in dem Dienste
des siebenfältigen Ältestenamtes, des wahren Leuchters
anzudeuten. Zugleich kam die Anwendung des Weihrauches auf
(Miller I, 266), sehr viel später, obwohl es von einer Partei
schon früher gefordert worden war, nämlich erst 1868, die des
Weihwassers. Für den Unterhalt des natürlich wegen der Menge der
Priester sehr kostspieligen Kirchenwesens wurde schon seit dem
Jahre 1833 der Zehnte als Opfer erhoben und zwar geht die
Verpflichtung in der Tat dahin, den zehnten Teil des wirklichen
Einkommens [Hinweis des @btippers: Opfer vom Brutto-
Quellenmaterial Seite 13
Einkommen !] zu opfern.
Ihre originellste
Zeremonie ist die auf Cardales Veranlassung im Jahre 1847
aufgekommene Versie-gelung. Aus Apk 7,3 ff entnimmt man, dass
diejenigen, die gerettet werden sollten, versiegelt werden
müssten, um so der grossen Trübsal zu entgehen und mit dem Herrn
in seinem Gefolge zu erscheinen. Daraufhin wurde jetzt gelehrt,
dass es für die Auserwählten nötig sei, durch den Apostel, und
zwar allein durch diesen und nicht vor dem 20. Jahre durch
Handauflegung und Salbung mit Öl versiegelt zu werden, und, dass
um die mystische Zahl 144'000 voll zu machen, genau je 12'000
aus jedem Stamme zu versiegeln sein. Und obwohl zwei Apostel
sich weigerten, die Versiegelung vorzunehmen, also wohl nicht an
sie glaubten, ist es Tatsache, dass die Aussicht, durch diesen
Akt in die Reihen der Auserwählten aufgenommen zu werden,
namentlich unter den Frauen noch heutigen Tages einen besonderen
Anziehungspunkt des Irvingianismus ausmacht. Damit hängt die
Vorstellung zusammen, dass eben diese versiegelten Gläubigen dem
Herrn bei seinem Kommen, wie auf Grund von 1. Th 4,16 f gelehrt
wird, durch die Luft entgegengerückt werden (vgl. dagegen
Luthard, Lehre von den letzten Dingen, Leipzig 1861 S. 37ff).
Der teilweise
Widerspruch, den die geschilderten kultischen Neuerungen im
Kreise der neuen Gemeinschaft erfuhren, der Rücktritt des
Apostels Mackenzie, vor allem aber, dass die verschiedenen
Zeitpunkte, die man für das Kommen des Herrn in Aussicht
gestellt hatte, z.B. der 14. Juli 1835, Weihnachten 1838, 14.
Juli 1842 und ebenso 1845 verstrichen waren, ohne dass diese
Erwartung in Erfüllung gegangen, war der numerischen Enzwicklung
in England nicht förderlich gewesen. Ende März 1851 zählte man
daselbst an 4018 Anhänger mit 32 Kirchen, was gegen das erste
Aufflackern des Enthusiasmus um die Zeit von Irvings Tode
entschieden einen Rückgang bedeutete. Aber wenn die
Prophezeihungen fehlgeschlagen waren, konnte man sich, wie das
bis auf den heutigen Tag geschieht, immer darauf berufen, dass
man den Sinn des Herrn nicht ganz erkannt habe, und wie wenig
man sich gedrückt fühlte, zeigt, dass man gerade damals an die
Errichtung der 1853 vollendeten grossen Kirche in Gordon Square
als Zentralpunkt für die Gemeinschaft ging, die mit grosser
Pracht ausgestattet als eines der bemerkenswertesten neueren
kirchlichen Gebäude Londons bezeichnet werden muss.
Aber schon längst
war es der neuen Gemeinschaft gelungen, auch in anderen Ländern
festen Fuss zu fassen. Schon vor der ersten Missionsreise
hatten, wie scheint, ohne eigentlichen Auftrag irvingianische
Evangelisten in den Jahren 1835 und 1836 in Genf in dortigen
Theologiekreisen Eingang gefunden, ja sogar bei dem Professor
der Theologie Preiswerk, der deshalb abgesetzt wurde (sehr bald
aber sich wieder vom Irvingianismus abwandte und später
Professor in Basel wurde, vgl. Ev. Kirchenzeitung 1837 Nr. 54
ff). Im Jahre 1843 wurde von einzelnen Aposteln und ihren
Emissären die Mission offiziell wieder aufgenommen. Aber schon
zwei Jahre vorher 1841 hatte der Evangelist Caird, ein früherer
Schneider, der Witwer der ersten 1840 gestorbenen Zungenrednerin
M. Campbell, den der Apostel für Süddeutschland wahrscheinlich
seiner Zeit zurückgelassen, in Bayern angefangen Propaganda zu
machen. Nicht mit offener Predigt ihrer Lehre sondern heimlich
unter Berufung auf Josua und Caleb, das ist noch heute die Weise
der Irvingianischen Sendlinge, schlichen sie sich ein, um auf
Umwegen die Seelen zu gewinnen und ohne etwa den Austritt aus
der Kirche oder die Niederlegung eines kirchlichen Amtes zu
fordern, ihre Profelyten gleichwohl ihrer Sondergemeinschaft
zuzuführen. Da sie die konfessionelle Verschiedenheit der
"Kirchenabteilungen" überbrücken wollen, nehmen sie dabei, je
nach Bedürfnis, katholische oder evangelische Haltung an. So
schon jener Caird, dem es gelang, in der Diözese Augsburg seit
1844 einige ernst gesinnte katholische Geistliche zu gewinnen,
die teilweise schon verschiedene religiöse Phasen durchgemacht
hatten, wie den lange zwischen Katholizismus und Protestantismus
hin- und herschwankenden, dann als Schriftsteller der Sekte
angesehenen Dekan Georg Lutz (er schrieb u.a. über den
Ratschluss Gottes mit der Menschheit und der Erde 1847, 3. Aufl.
gemeinsam mit William Caird, Augsburg 1879. Über ihn Thalhofer,
Beiträge zu einer Geschichte des Aftermystizismus, Regensburg
1857 und L. W. Scholler [Irvingianer] Kirchengeschichtliches aus
dem deutschen Süden. Mitteilungen aus dem Leben von J.E.G. Lutz,
Basel 1891), dann den Domvikar Spindler (vgl. Spindler, Aktenm.
Darstellung d. offiz. Verh. über die Glaubensansichten in betr.
d. sog. Irvingianismus, Kaufbeuren 1857), und Augsburg,
vielleicht noch heute die grösste süddeutsche Gemeinde, dann
Basel wurden die Zentren der Propaganda im deutschen Süden,
wobei bemerkt zu werden verdient, dass ausser im ersten Anfange
die Sekte innerhalb des Katholizismus nirgends nennenswerte
Erfolge erzielt hat. Das grösste Aufsehen machte es aber, als
der damalige Erlanger Privatdozent, der spätere Marburger
Professor der Theologie Heinrich Thiersch (s.d.A.) sich gewinnen
liess und damit nicht wenige mit sich fortriss. Ihm folgte u.a.
der Marburger Privatdozent der Theologie Rossteuscher und der
lelehrte Botaniker Wigand.
Weit grösseren
Eifer entwickelte übrigens der Apostel für Norddeutschland, der
Schotte Thomas Carlyle, ein früherer Advokat (von ihm erschien
u.a. anonym "Das apostolische Amt, Berlin 1850; Blicke eines
Engländers in die kirchlichen und sozialen Zustände
Deutschlands, deutsch. Breslau 1870") und sein Evangelist Ch.
Böhm, der neben vielen anderen Traktaten in deutscher Sprache
über das Ganze des Irvingianismus eine Art Dogmatik geschrieben
hat u.d.T. "Schatten und Licht in dem gegenwärtigen Zustande der
Kirche u.s.w., 2.Aufl., Basel 1878". Durch sie wurden u.a. in
Berlin zwei evangelische Geistliche, der Pastor Köppen von der
Bethle-hemsgemeinde und C. Rothe bekehrt, und was fast noch
grösseres Aufsehen machte, der Kreuzzeitungsredakteur
Quellenmaterial Seite 14
Wagner. In Berlin wurde 1848 der
erste Gottesdienst eröffnet. Von ähnlichen Erfolgen hörte man
bald in Königsberg und Hamburg, namentlich waren es in
Deutschland die Kreise der kirchlich Positiven und politisch
Hochkonservativen, die angesichts der schier trostlos
aussehenden kirchlichen und politischen Lage und des drohenden
allgemeinen Umsturzes (vgl. dazu Köstlin in Gelzers prot.
Monatsbl. IX, Bd 1857, S. 262 f, S. 269 f, und Th. Kolde, N.
kirchl. Zeitschr. XI, S. 193 ff) in ihrem Hunger nach einer
vermeintlich völlige Sicherheit gebenden Autorität diese bei den
neuen Aposteln zu finden hofften, und es wurde natürlich für die
Propaganda sehr bedeutsam, dass verschiedene Adelige u.a. Max v.
Pochhammer, B. von Richthofen sich nicht nur der Bewegung
anschlossen, sondern sich und ihre Mittel in ihren Dienst
stellten und nicht wenige Standesgenossen herüberzogen. So kam
es, dass ein Netz kleiner Gemeinden sich über ganz Deutschland
ausbreitete, während der Erfolg in den übrigen Ländern ausser in
Holland, wo später (1865) namentlich der Übertritt des Dr. Isaak
Capadote, eines frommen Mannes, der ein hohes Amt im
Kolonialministerium bekleidete, viel von sich reden machte, ein
kaum nennenswerter war. Da erregte es nicht geringe Besorgnis,
dass nicht nur der neue Termin, den man für das Kommen des Herrn
in Aussicht gestellt hatte, Juli 1855 vorüberging, sondern gegen
alle bestimmt ausgesprochene Erwartung die Apostel starben wie
andere Menschen. So starben 1855 Mackenzie, Carlyle und W. Dow.
Manche fielen darüber ab. Die Mehrzahl wurde jedoch festgehalten
und es wirkte beruhigend, als die Prophetie eine Auferstehung
vor der "ersten" Offenb 20,5 erwähnten, nicht aller Heiligen,
aber einer erwählten Anzahl verkündete, unter ihnen der Apostel,
so dass sie doch als Lebende dem Herrn entgegen gehen könnten
(vgl. Köhler S. 131). Um der Sorge entgegenzutreten, was nach
dem Tode der Apostel aus den vielen werden würde, die nicht
versiegelt worden wären, – und die Versiegelung war bis
dorthin nur an verhältnismässig sehr wenigen vollzogen worden,
entwickelte sich auf Grund prophetischer Auslegung die Idee,
dass die Apostel auch nach ihrem Abscheiden nicht müssig seien
und an den Gläubigen die Versiegelung im Paradiese nachholen
würden, eine Theorie, die später (nach Miller I, 193) wieder
aufgegeben worden sein soll. Jedenfalls genügte sie, als die
immer wieder für bestimmte Zeiten angekündigte "Krisis" nicht
eintrat, und weitere Apostel starben (Perceval 1859, Drummond
1860, Tudor 1863, Sittwill 1866), 1862 war auch der
Säulenprophet Taplin gestorben – längst nicht allen, und schon
im Jahre 1860 rief bei einer Versammlung des Apostelkollegs in
Albury der Prophet Heinrich Geyer (vgl. Köhler S. 132 f.
nach Miller I, 315 wäre es, was unwahrscheinlich ist, Taplin
gewesen) "in the power" die früher erwähnten Charles Böhm und
Caird zu Aposteln aus, wurde aber dahin belehrt, dass es sich
nur um Koadjutor-Apostel handeln könne. Als solche, also nicht
als Ersatz für die Verstorbenen, sondern als Unterstützung für
die Lebenden, wurden die beiden anerkannt, und was hier sogleich
bemerkt sein soll, am 12. Januar 1870 wiederum auf prophetische
Anordnung neue Koadjutoren berufen. Aber Geyer war davon
nicht überzeugt und verkündete, als er das Jahr darauf im August
1861 mit dem Apostel Woodhouse in Königsberg war, dem dortigen
Ältesten Rogasatzki, dass der Herr diesen als Apostel
berufen. Dieser liess sich überzeugen, auch davon, dass diese
Berufung einstweilen noch geheim zu halten sei. Nicht also
deshalb, sondern weil er die Lehre, dass die Versiegelten vor
dem Erscheinen des Antichrists entrückt werden würden, leugnete,
wurde er 1862 exkommuniziert. Jetzt, nachdem er auf den
Hilfsengel Schwartz von der Hamburger Gemeinde zur
Anerkennung der Berufung Rogasatzkis bewogen hatte,
offenbarte er dieselbe. Und obwohl der neue Apostel bald reuig
Busse tat und jene Berufung als eine teuflische
bezeichnete, kam es zum Schisma. Geyer wurde Anfang 1863 in
Hamburg durch Schwartz zum Apostel ausgerufen, zehn Monate
später dieser selbst mit der besonderen Bestimmung für Holland,
worauf er seinen Wohnsitz in Amsterdam nahm. Die drei damals
noch lebenden englischen Apostel wollte man anerkennen, hielt
aber für notwendig, das Apostelkollegium auf die Zwölfzahl zu
ergänzen, weshalb man nach und nach in Hamburg sechs und drei in
Amsterdam berief. (So der Stand um 1875). Darüber kam es
natürlich zu heftiger Befehdung beider Parteien, die sich
gegenseitig Verrat und Betrug vorwarfen.
Im englischen
Irvingianismus trat mit dem Tode Taplins die Prophetie als
konstitutives Element immer mehr zurück. Von Bedeutung war
sie freilich längst nur dann gewesen, wenn man sie gerade
brauchte. [Anmerkung: Das gibt sehr zu denken!] Die Vorgänge
mit Geyer und Schwartz und was ihnen folgte, zeigten, wie
gefährlich sie werden konnte. Cardale gab ihr dann im Jahre
1868 den Todesstoss, indem in seinem Traktat Prophesying and the
Ministry of the Prophet in the Christian Church den Propheten
der Einzelgemeinde dem Engel unterordnete (vgl. die interessante
Begründung bei Miller I, 303). Seitdem ist das "Weissagen" mehr
nur eine Dekoration des Gottesdienstes, zumeist warnende Ausrufe
ohne irgendwelche Bedeutung. Mit Bestimmtheit hatte man auf das
Jahr 1866 gehofft, dann wurde auf den 14. Juli 1877 [2x7. 7.
1877; Zahlenmagie?] hingewiesen, an dem 42 Jahre [6x7 Jahre;
Zahlenmagie?] nach der Aussonderung verflossen wären. Aber was
allein geschah, war, dass vier Tage später am 18. Juli der
Säulenapostel Cardale starb. Und da Dalton schon 1871 gestorben,
Armstrong hoffnungslos gelähmt war, verkörperte sich der
Apostolat in Woodhouse und klammerte sich bei vielen die
Hoffnung daran, dass mit ihm der Apostolat erhalten bleiben
würde, bis der Herr komme. Aber auch wenn Woodhouse, der seit
langem ein altersschwacher Greis jetzt (Oktober 1900), beinahe
96 Jahre alt, in völliger Zurückgezogenheit in der
Apostelwohnung in Albury vegetiert, gestorben sein wird, ist ein
vollständiger Zusammenbruch der Sekte nicht zu erwarten. Mit
merkwürdiger Versatilität [= Beweg-lichkeit; Wandelbarkeit]
haben die Führer es immer verstanden, sich mit den Tatsachen
abzufinden und ihre Gläubigen mit neuen Hoffnungen zu erfüllen.
Schon Ende der siebziger Jahre fing man an,
die Gemüter
Quellenmaterial Seite 15
für eine neue Entwicklungsreihe
vorzubereiten,
indem man daran erinnerte, dass der Herr nach den 12 Aposteln
noch 70 Jünger ausgesandt habe. Warum sollte er jetzt nicht auch
noch 70 Koadjutoren aussenden? [Anmerkung: Spiel mit dem Glauben
vertrauender Seelen?] Um diesen Gedanken populär zu machen,
anders kann man es schwerlich auffassen, begannen um jene Zeit
die Propheten der Gesamtkirche in London ihre Auslassungen nicht
mehr mit der früheren Anrede "O ihr Zwölfe", sondern "O ihr
Zwölfe und ihr siebzig". Ob man wirklich zu diesem
Auskunftsmittel gegriffen hat oder noch greifen will, ist, da
die Geheimniskrämerei immer grösser geworden ist, bisher nicht
bekannt geworden. Sollte es so sein, dann hat man, bis die 70
alle gestorben sind, noch eine lange Zeit vor sich, in der die
Propheten wohl Rat schaffen werden (Miller I, 316).
Was die
Ausbreitung anlangt, so fehlen darüber alle offiziellen Angaben,
und auch bei offiziellen Religionsstatistiken hat
bekanntermassen nur ein kleiner Teil der Irvingianer ihre
Zugehörigkeit zur apostolisch-katholischen Gemeinde angegeben,
weil sie keine selbstständige Gesellschaft, sondern die
Auserwählten aus allen Gemeinschaften sein wollen und darum von
ihren Angehörigen fordern, so lange als irgend möglich, in ihrer
bisherigen Kirchengemeinschaft zu bleiben. Sicher ist, dass im
englischen Mutterlande der Bewegung kaum noch eine Bedeutung
zukommt. Der anglikanische Geistliche Dr. Maurice Davies weiss
in seinem Werke Unorthodox London (1875), von der Pracht des
Gottesdienstes in den sieben meist ansehnlichen Kirchen Londons
zu berichten, und dass in der grossen Hauptkirche in Gordon
Square im Sonntagsgottesdienste nahezu fünfzig Geistliche zu
gleicher Zeit ministrieren, wie in den täglichen Früh- und
Abendgottesdiensten in der Regel bis 14 Geistliche, dass aber in
den letzteren Gottesdiensten sich oft nur gegen 20
Gemeindeglieder zusammenfanden (Ev. Kirchenzeitung 1876 Nr. 21,
S. 268). Miller a.a.O. nahm 1878 für London ca. 3000 Mitglieder,
für das übrige England ca. 1700 mit im ganzen 37 selbstständigen
Gemeinden, für Schottland 800, für Irland 200, für England und
die englischen Kolonien 1500, was aber lediglich auf Schätzung
beruht. Der Erfolg der Propaganda in den romanischen Ländern war
immer ein minimaler. Das Hauptkontingent stellte noch immer
Deutschland, und ist die Meinung, dass, weil man weniger als
früher davon hört, die Sekte hier auch im Niedergang begriffen
wäre, eine durchaus irrige. Die Behauptung, dass, weil
vielleicht weniger als richtig ist von der christlichen Hoffnung
gepredigt wird, der Gemeinde dieses angebliche wichtigste
Lehrstück vorenthalten wird, wirbt noch immer Gläubige für die
apokalyptischen Schwärmereien, ebenso übt die Pracht des
Gottesdienstes, wie die Möglichkeit, selbsttätig dabei
mitzuwirken, auf viele die alte Anziehungskraft. In Preussen
allein zählte man, – wobei das früher über Ungenauigkeit der
betreffenden Angaben gesagte mit in Betracht zu ziehen ist –
1890: 16'081 und 1895 22'610 Irvingianer, davon im Stadtkreis
Berlin 3073, in der Provinz Brandenburg 3538, in Pommern 3125,
in den Rheinlanden 1384 (vgl. Statistisches Handbuch für den
preussischen Staat Bd III, Berlin 1898, S. 419). Eine erhebliche
Zunahme lässt sich auch in Bayern und namentlich in Sachsen, wo
Chemnitz ein Hauptsitz ist, konstatieren.
Ungleich
zahlreicher als die englischen Irvingianer dürften aber wie
in Holland so in Deutschland die "neuen Irvingianer"
sein, die in jenen Zahlen, soweit sie überhaupt gezählt sind,
miteinbegriffen sein werden, denn das Schisma dauert nicht nur
fort, sondern die deutsch-holländischen Dissidenten haben immer
mehr an Boden gewonnen. Mit völliger Klarheit lässt sich ihre
Entwicklung und ihre Eigenart bis jetzt nicht fixieren, doch
lässt sich immerhin einiges feststellen. Die Loslösung von
England hat im Laufe der Zeit bei entschiedenem Festhalten an
den apokalyptischen Schwärmereien, die unter dem Einfluss der
meist ganz ungebildeten Führer zu immer massiveren
Vorstellungen sich ausgebildet haben, zur Aufgabe des
Katholi-sierenden in Kultus und zur Anpassung an deutsche
Verhältnisse geführt. Apostel, Propheten und sonstige Geistliche
erscheinen in gewöhnlicher Tracht, an Stelle des Altars findet
man in den Versammlungs-lokalen einen einfachen Tisch. Dazu
kommt ein gewisser methodistischer Zug. Bildet auch das
Weissagen, auch aus den Reihen der Gläubigen, ein stehendes
Stück des Gottesdienstes, so tritt doch das anbetende Moment
zurück und ist die Bekehrung durch die Predigt und die Prophetie
und die Sammlung der Gläubigen angesichts des nahen Kommens des
Herrn die Hauptaufgabe. Ebendaselb tritt auch hier und da die
Sekte unter dem Namen apostol. Missionsgemeinde ("Apostolische
Mission" auch "allgemeine christl.-apostolische Mission") auf,
während ihr gewöhnlicher Name "Apostolische Gemeinde" ist, ubd
sie die "englische Partei" gewöhnlich als die sogenannten
Irvingianer bezeichnet. Während bei Beginn des Schismas die
Berufung neuer Apostel mit der Notwendigkeit der Zwölfzahl
begründet wurde, wird die Behauptung, dass es "zwölf" sein
müssten, jetzt als Buchstabendienst bezeichnet und nur die
Notwendigkeit des Fortbestehens des apostolischen Amts
betont, wogegen die Zahl der Apostel sich nach den Bedürfnisse
richten müsse, und augenblicklich (Oktober 1900) fungieren 14
als Apostel. Ebenso wird erklärt, dass neben den vier resp. fünf
vom Apostel Paulus an den bekannten Stellen aufgezählten Ämtern
auch andere errichtet werden könnten, was mit dem für die
Propaganda sehr wichtigen, dem Methodismus abgelernten Streben
zusammenhängt, möglichst viele in den unmittelbaren
Gemeindedienst hineinzuziehen. Die Lehre von der Unfehlbarkeit
der Apostel, die sie den Engländern zuschreiben, wird verworfen,
ebenso, dass die Gläubigen vor dem letzten Kampfe entrückt
würden. Grosser Wert wird auf die Versiegelung durch die Apostel
gelegt, und dürfte die Hauptspezialität dieser neuen Irvingianer
die sein, dass sie auch die Verstorbenen und zwar oft grosse
Massen versiegeln. Welches die Bedingungen sind und welche
Zeremonien dabei angewendet werden, habe ich bisher nicht
feststellen können. Ihre Propaganda ist eine sehr rührige und
ihr Erfolg allerdings im Gegensatz zu den englischen
Irvingianern in den unteren Volksschichten,
Quellenmaterial Seite 16
aus denen auch sämtliche jetzt
fungierenden Apostel zu stammen scheinen, ist in den letzten
Jahren ein auffallend grosser. Ihre Gemeinden und
Missionsstationen, deren Zentralsitze Braunschweig, Hamburg,
Berlin, Königsberg sind, breiten sich zur Zeit über ganz
Deutschland aus und die fortwährend auf Reisen befindlichen
Apostel versiegeln nach den offiziellen Berichten jeden Monat
Hunderte von Gläubigen. Ausser in Holland findet man sie,
abgesehen von Deutschland, neuerdings auch zahlreich in Nord-
und Südamerika (Buenos-Ayres) und in Australien, und nachdem es
ihnen im Jahre 1899 gelungen, einen eingeborenen Missionar
Sadrach auf Java zu bekehren, sollen ihrer Behauptung zufolge in
kurzer Zeit dort 15'000 (!) Eingeborene durch Versiegelung
aufgenommen worden sein. Ihr Organ war vom Oktober 1887 – 1888
(Früheres ist mir nicht bekannt geworden) das von H. Geyer in
Hamburg redigierte Monatsblatt "Der Prediger in der Wüste". Dann
erschienen auch in Hamburg vom 1. Januar 1891 an anderthalb
Jahrgänge eines Monatsblattes unter dem Titel: "Blitze, Donner
und Stimmen. Zeugnisse der Wahrheit an das christliche Volk."
Jetzt ist das Hauptorgan die im Verlag von H. Bornemann in
Iserlohn erscheinende und von dem Apostel Fr. Krebs,
einem früheren Bahnmeister, heute dem eigentlichen Führer der
Sekte, redigierte Monatsschrift "Wächterstimmen aus Ephraim" mit
der Beilage "Der Herold". In dem letzteren finden sich die
regelmässigen Berichte über die Reisen der Apostel und ihre
Erfolge mit den Zahlen der von ihnen
Versiegelten.
Th. Kolde
Realencyklopädie
für protestantische
Theologie
und Kirche
Begründet
von J. J. Herzog
In dritter
verbesserter und vermehrter Auflage
unter Mitwirkung
vieler Theologen und
anderer Gelehrten
herausgegeben
von
D.
Albert Hauck
Professor in Leipzig
Achtzehnter Band
Schwabacher Artikel
– Stephan II.
Leipzig
J. C. Hinrichs'sche
Buchhandlung
1906
Sektenwesen in
Deutschland. – Literatur:
Allgem. Kirchenblatt,
bes. in den Jahrgängen 1853, 1855, 1884, 1885 (Verhandlungen der
Eisenacher Kirchenkonferenz über die Sektenfrage);
Herm. Schmidt, Die Kirche.
Ihre biblische Idee und die Formen ihrer geschichtl. Erscheinung,
Leipzig 1884, bes. S. 189 ff.;
W. Rohnert,
Kirche, Kirchen und Sekten, Leipzig 1900;
Palmer, Die
Gemeinschaften und Sekten Württembergs, Tübingen 1877;
Dresbach, Die
prot. Sekten der Gegenwart, Barmen 1888;
E. Kalb,
Kirchen und Sekten der Gegenwart, Stuttagrt 1905, bes. S.
519 ff.;
Art. "Sekten" im Calwer Theol.
Handwörterbuch
Bd. II, 690 v.
Th. Hermann.
E.F. Koch, Allgem. Landrecht,
IV, 162 ff.;
H.F. Jacobson, Über die
religiösen Rechtsverhältnisse der Dissidenten in Preussen, in
ZKR
I, 392 ff.; ders., Ev.
Kirchenrecht des
Preuss. Staates,
Halle 1864, I, 124 f.; 132 ff.;
v. Rönne,
Staatsrecht der preuss. Monarchie, II, 2, 151 ff.;
Richter-Dove-Kahl,
Kirchenrecht,
S. 318 ff.
Zur Statistik: P. Pieper,
Kirchliche Statistik Deutschlands, Freiburg 1899, S. 90 ff.;
H.A. Krose,
Konfessionsstatistik Deutschlands, Freiburg 1904, S. 3 ff.;
Quellenmaterial Seite 17
v. Hirschfeld, Geschichte und
Statistik des Dissidententums im preuss. Staate,
in Zeitschr. des kgl. preuss. stat. Bureaus III (1863)
und IV (1864).
Nicht um die Entstehung,
geschichtliche Entwicklung und Eigentümlichkeit in Lehre und
Verfassung der verschiedenen Sekten soll es sich in diesem
Artikel handeln. Wer darüber Aufschluss sucht, findet in den
speziellen Artikeln das Erforderliche. Hier handelt es sich um
das Sektenwesen als Ganzes, indem versucht werden soll, über den
Begriff "Sekte", über die allgemeinen Entstehungsgründe für
dieselben, über die Stellung der staatlichen Gesetzgebung zu
ihnen und über die Mittel einer Gegenwirkung gegen sie von
seiten der Kirchen zu handeln.
1.
Wir
beginnen mit kurzen Bemerkungen über die Etymologie des
Wortes "Sekte". Die Lexikographen
leiten das Wort entweder von
sequor oder von seco ab, aber von seco nur, insofern seco =
sequor ist. In der klassischen Latinität bedeutet es die Denk-
und Handlungsweise oder die Lebensweise, dann speziell entweder
die politische Partei, der man angehört, oder die philosophische
Schule und Richtung, der man sich anschliesst. Die Vulgata
gebraucht das Wort zur Übersetzung von [hier ein Wort in
griechischen Schriftzeichen] AG 24,5 [hier vier Worte in
griechischen Schriftzeichen]; 26, 5 (Partei der Pharisäer); 28,
22 [hier drei Worte in griech. Schriftzeichen] als Bezeichnung
des Christentums in jüdischem Munde); AG 24, 14 wird [hier sechs
Worte in griech. Schriftzeichen] übersetzt: secundum sectam quam
dicunt haeresim. An diesen Stellen bezeichnet es einfach die
religiöse Richtung, die jemand erwählt hat. Etwas anders wird
der Sprachgebrauch in den Briefen des Neuen Testaments. Da
bezeichnet es in tadelndem Sinne die Rottenbildung innerhalb der
christlichen Gemeinde. So werden Ga 5,20 unter den Werken des
Fleisches auch [hier ein Wort in griech. Schriftzeichen], sectae
genannt, hier engstens verbunden mit rixae und dissensiones;
ferner 2 Pt 2,1: die Pseudopropheten [hier drei Worte in
griech. Schriftzeichen], sectas perditionis. An diesen
Sprachgebrauch des NTs hat sich der kirchliche Gebrauch des
Wortes angeschlossen; vgl. bei August. contra Faust.
Manich. XX. 3: "secta est
longe alia opinantem quam ceteri, alio etiam sibi ac longe
dissimili ritu divinitatis instituisse culturam." Die kath.
Kirche hat jedoch von dem Worte secta nicht viel Gebrauch
gemacht. Ihr
Kirchenrecht behält das griechische Wort haeresis, haeretici bei
und unterscheidet bei Trennungen, die sich von der Kirche
absondern, die beiden Kategorien der haeretici, die sich der
Lehrautorität der Kirche entzogen und neue Lehre aufgebracht
haben, und der schismatici, die sich der kirchlichen Hierarchie
nicht unterordnen: "haeresis perversum dogma habet, schisma
propter episcopalem dissensionen ab ecclesia pariter separat" c.
26 C. 24 q 3 (nach Hieronymus). Die mittelalterliche deutsche
Bibel übersetzte [hier ein Wort in griech. Schriftzeichen] an
den angezogenen Bibelstellen mit "irrtum" oder "ketzerei", oder
in AG 26, 5 mit "orden"; nur in 24, 14 haben einzelne Ausgaben:
"nach der sect, die sie heissen eine ketzerei". Luther dagegen
behielt in seiner Bibel das Wort bei: als Bezeichnung der
Christen in AG 24, 5: "Sekte der Nazarener", 24, 14: "dieser
Weg, den sie eine Sekte heissen"; 28, 22: "von dieser Sekte ist
uns kund, dass ihr wird an allen Enden widersprochen"; zur
Bezeichnung der Pharisäer AG 15, 5 und 26, 5; der Sadduzäer 5,
17; zur Bezeichnung endlich von Spaltungen innerhalb der
Christengemeinde 2 Pt 2, 1 "verderbliche Sekten"; im übrigen
bediente er sich zur Übersetzung von [hier ein Wort in griech.
Schriftzeichen] des Wortes "Rotten" Ga 5, 20: "Rotten, Hass,
Mord"; in 1 Ko 11, 19: "es müssen Rotten unter euch sein, auf
dass die, so rechtschaffen sind, offenbar unter euch werden".
Ebenso übersetzte er [hier zwei Worte in griech. Schriftzeichen]
Ju 19 mit "die da Rotten machen". Das Wörterbuch von Josua
Maaler (Pictorius) "Die Teütsch spraach", Zürich 1561, erklärt
S. 369 "Seckt": "Anhang, Meinung von vielen angenommen, weyss
und gestalt zeläben. Secta, Haeresis". Wenn in dieser Erklärung
das Wort "Sekte" noch in einem sehr allgemeinen Sinne nach
klassischem Vorbild genommen wird, so muss doch beachtet werden,
dass Luther im Sprachgebrauch seiner Schriften das Wort
wesentlich in dem Sinne gebrauchte, wie es in 2 Pt 2, 1 gemeint
ist. Er bildet die Zusammensetzung: "Schwärmer, Rotten und
Sekten" (z.B. Tischreden, Ausgb. Förstemann-Bindseil 3, 351),
"Secten, Ketzerei und Rotten" (EA 30, 17), "Secten und
Schwirmergeister (ebd. 40, 266), "Irrthumb, Rotten, Secten,
Ketzerei" (ebd. 41, 20), und sieht die Eigentümlichkeit des
Sektenmachens darin, dass man bei Anerkennung des Evangeliums
doch zugleich "etwas aufrichtet, das der Art nicht ist",
"Nebenlehre" einführt neben der "rechten Lehre" (EA 52, 237). In
diesem Sinne wird das Wort weiter Besitzstand des kirchlichen
Sprachgebrauches und Ausdruck für bestimmte kirchliche
Empfindungen und Urteile. Es muss nämlich u.E. der
staatsrechtliche und der kirchliche Sprachgebrauch unterschieden
werden. Staatsrechtlich ist der Gebrauch des Wortes orientiert
an dem Vorhandensein staatlich anerkannter und "aufgenommener"
Kirchen; jede religiöse Gemeinschaft, die nicht zu diesen
privilegierten Kirchen gehört, und neben ihnen Aufnahme oder
Duldung begehrt, ist staatsrechtlich eine Sekte, vgl. die
Bestimmung im Westfäl. Frieden § 7: praeter religiones supra
nominatas (kath., luth., ref.) nulla alia recipiatur vel
toleretur. Es fehlt in der Gegenwart nicht an Theologen, die das
Wort "Sekte" nur in diesem staatsrechtlichen Sinne zulassen
wollen; so Loofs, Symbolik I (1902), S. 74: "Der Begriff der
'Sekte' steht in unlöslicher Beziehung zu dem der Staatskirche
und ist nur von hier aus zu erfassen"; ähnlich Drews,
Kirchliches Leben im Königreich Sachsen 1902, S. 295: "Ich
acceptiere den Ausdruck Sekten, insofern als darunter die nicht
mit Korporationsrecht versehenen, staatlich nicht 'anerkannten'
Religionsgemeinschaften zu verstehen sind". Es fragt sich aber
doch, ob nicht neben diesem staatsrechtlichen Gebrauch des
Wortes ein näher definierbarer kirchlicher Gebrauch nachweisbar
ist.
Quellenmaterial Seite 18
Entschieden zurückweisen müssen
wir die Verwendung des Wortes, wie sie uns in der Schrift des
Amerikaners W.H.Lyon, A Study of the sects, Boston 1891, p. IV
entgegentritt, der dort sagt: Das Wort Sekte sei die passende
Bezeichnung für die Teile, in welche die christliche Kirche
tatsächlich geteilt oder zerschnitten sei (dissected), daher er
sämtliche Denominationen von der griechischen und römischen
Kirche an bis zu den Mormonen hin unter den Gattungsnamen
"Sekten" befasst. Dieser Sprachgebrauch stützt sich auf eine
falsche Etymologie, als wenn Sekte = Sektion wäre und auf die
Bedeutung "zerschneiden" für secare zurückgeführt werden müsste,
widerspricht ausserdem dem durch Luther unter uns verbreiteten
Sinn des Wortes. Der kirchliche Gebrauch des Wortes stimmt mit
dem staatsrechtlichen nicht durchaus überein, denn es gibt für
unser kirchliches Empfinden kirchliche Gemeinschaften neben und
unabhängig von den staatlich privilegierten Kirchen, die wir
durchaus nicht als Sekten bezeichnen. Wir könnten uns ferner
sehr wohl denken, dass das jetzt bestehende Verhältnis des
Staates zu den evangelischen Landeskirchen gelöst würde oder
dass der Staat den Unterschied zwischen den anerkannten Kirchen
und Sekten staatsrechtlich aufhöbe, und trotzdem würde es für
unser Empfinden noch Gemeinschaften geben, die wir mit dem
Sektennamen bezeichneten. Im kirchlichen Gebrauch des Wortes
liegt immer ein tadelndes Urteil bei seiner Anwendung
ausgesprochen. Es ist die Anklage darin enthalten, dass in
unberechtigter Weise der Friede der Kirche durch Absonderung
gestört werde, und dass der Geist, der zur Absonderung treibe,
ein der deutschen Reformation fremder, daher der Kirche
feindlicher, ihr entgegengesetzter sei; und zwar ist dabei die
Kirche nicht als Staatskirche oder vom Staate privilegierte
gedacht, wohl aber als Volkskirche, die kraft geschichtlicher
Entwicklung die Aufgabe religiöser und sittlicher Arbeit am
Volksganzen auf sich genommen hat. Wenn ich recht sehe, wird das
Urteil, dass eine Gemeinschaft "Sekte" sei und in ihr ein
"sektiererischer" Geist walte, wesentlich da angewendet, wo uns,
um es kurz auszudrücken, der donatistische Kirchenbegriff als
treibende Kraft entgegentritt, wo über der Forderung, die
heilige Gemeinde darzustellen, die Allgemeinheit der Kirche
zurückgestellt, die Volkskirche daher mehr oder weniger als ein
Babel angesehen wird, von dem man sich absondern müsse, und das
geschichtlich Gewordene an der Gestalt der Kirche gering
geachtet wird. Die Anwendung des Urteils, dass hier "Sekte" sei,
wird der einzelnen religiösen Gemeinschaft gegenüber oft etwas
Subjektives an sich tragen, in manchen Fällen wird unser Urteil
schwanken; aber es erhellt auch von hier aus, wie wir dazu
kommen, auch einzelne Mitglieder unserer Landeskirchen nach
ihrer Sinnesart und den Tendenzen, die sie verfolgen, als
"Sektierer" zu bezeichnen. Zum Vergleich seien folgende mehr
oder weniger abweichende Bestimmungen des Terminus "Sekte"
angeführt: Eisenachr Konferenz 1855: "Gemeinschaften, welche
unter Organisierung eines ihnen eigenen Lehramtes und
Regimentes, oder doch unter Trennung vom kirchlichen Regiment
und Lehramt, sich in Bezug auf Lehre und Bekenntnis mit keiner
der durch den westfälischen Frieden und nachher in Deutschland
öffentlich anerkannten Kirchen in Übereinstimmung befinden und
sich vom Bekenntnis dieser Kirchen losgesagt haben"
(Allg.Kirchenbl. 1855, S. 419 f.); Kliefoth: "Absonderung vom
Kirchenkörper auf Grund falscher Lehre" (ebd. 1884, S. 344);
Palmer: "Nur eine Gemeinschaft religiösen Glaubens und Lebens,
die imstande ist, ein ganzes Volksleben zu durchdringen und eine
weltgeschichtliche Potenz zu werden, kann als Kirche anerkannt
werden, alle übrigen, die sich um einzelne Häupter sammeln,
deren absonderliche Meinungen annehmen, die aber viel zu
kleinlich und subjektiv sind, um weltgeschichtlich und
volkstümlich zu werden, sind und bleiben Sekten" (Die
Gemeinschaften und Sekten Württembergs S. 10); Rohnert: "Sekte
ist eine meist kleine Religionsgesellschaft, welche bei
einseitigem Herausreissen und Betonen einzelner Lehrstücke von
der rechtgläubigen Kirche abweicht und sich von ihr durch
Irrlehren absondert, wobei fast immer das Bestreben hervortritt,
eine sichtbare Gemeinde von wahrhaft Wiedergeborenen
darzustellen, und eine den ökumenischen Charakter der Kirche
missachtende Engherzigkeit und Unduldsamkeit sich kundgibt"
(Kirche, Kirchen u. Sekten, S. 135 f.); H. Schmidt: "Unter
Sekten verstehen wir solche religiöse Gemeinschaften, welche im
Gegensatz zur Katholicität ausschliesslich in der Herstellung
eines heiligen Volkes das Ideal sehen, das sie anstreben" (Die
Kirche S. 192).
2.
Die
Gemeinschaften, die in Deutschland neben den evangelischen
Volks- und Landeskirchen existieren oder zeitweise existiert
haben, zerfallen in sehr verschiedene Gruppen:
a.
Zunächst
sind Gemeinschaften zu nennen, die, in anderen Territorien
verfolgt, hie und da Aufnahme
und Zuflucht gefunden haben und
dann in dem Gebiet, wo man sie aufnahm, ihr eigenes Kirchenwesen
aufrichten durften. Hierher gehören z.B. Wallonen und Franzosen
aus dem Gebiete des Calvinismus, Böhmische Brüder, die nach
Polen eingewandert waren, Waldenser in Württemberg. Hierher
gehören vor allem auch die Mennoniten (Taufgesinnten). Gemeinden
dieser Art, die Zuflucht suchend in evangelischen Territorien
aufgenommen wurden, sind meist von den entsprechenden
Landeskirchen allmählich angegliedert worden, so noch im 19.
Jahrhundert jene Böhmischen Brüder-Gemeinden in der Provinz
Posen als Unitätsgemeinden mit gewissen Sonderrechten von der
preuss. Landeskirche (Regl. v. 25. Aug. 1796 und Kab.O. v. 30.
Dez. 1831). Aber auch wo sie, wie die Mennoniten, aus Gründen
der Lehre und der Verfassung ihre Sonderexistenz behalten
mussten, und nicht mehr als eben Duldung fanden, wird man sie
nach kirchlichem Empfinden schwerlich als Sekten bezeichnen
wollen; denn sie sind nach ihrer Herkunft gar nicht
Absonderungen von unseren evangelischen Kirchen, neben denen sie
jetzt bestehen, und haben auch nie die Tendenz gehabt,
propagandistisch den Bestand dieser Kirchen zu gefährden. Sie
haben Zuflucht gesucht und begehren nur das eine, im Frieden
Quellenmaterial Seite 19
nach den Traditionen ihrer
Gemeinschaft leben zu können. In gewissem Sinne ist auch die
Herrenhutische Brüdergemeinde hierher zu rechnen, insofern die
Gründung von Herrenhut durch die Aufnahme und Ansiedelung von
Mährischen Brüdern veranlasst worden ist und Graf Zinzendorf in
seiner Gemeindeorga-nisation eine Erneuerung der alten
Brüderkirche erstrebte. Damit verband sich freilich der andere
Gedanke, innerhalb der evang. Volkskirche einzelne Gemeinden
durch eine besondere Gemeindeverfassung zu einem reicheren
Gemeinschaftsleben und damit zu Lebenszentren für das
Kirchenganze zu gestalten. Von der Kirche Kursachsens ist er
genötigt worden, diesen Versuch nicht innerhalb der Volkskirche,
sondern neben derselben zur Ausführung zu bringen. Damit war die
Möglichkeit gegeben, dass die Brüdergemeinde zur Sekte wurde,
und sie hat auch eine Zeit gehabt, in der diese Möglichkeit
Wirklichkeit werden wollte; aber diese Gefahr hat sie
überwunden, und ihre Stellung neben der Landeskirche ist daher
mehr und mehr die eines friedlichen Beisammenlebens in
gegenseitigem Austausch der Gaben geworden, so dass es uns
heutigentags völlig fern liegt, in ihr eine Sekte zu erblicken.
Den
Flüchtlingsgemeinden früherer Jahrhunderte, die um Aufnahme
baten, entsprechen unter veränderten Verhältnissen der Gegenwart
die Fremdlingsgemeinden, die sich besonders in den Grossstädten
gebildet haben, anglikanische, presbyterianische usw. Gemeinden,
mit dem Zweck, die in grossen Städten dauernd oder vorübergehend
sich aufhaltenden Kirchengenossen kirchlich zu bedienen. Es wird
niemand einfallen, derartige Gemeinden als Sekten zu beurteilen.
b.
Eine
andere Gruppe ist als die der Separationen zu bezeichnen.
Solcher Trennungen hat die Kirchenge-
schichte des 19. Jahrhunderts
eine ganze Reihe von grösserem oder kleinerem Umfange uns
gebracht. Unter diesen lassen sich zwei Arten unterscheiden: die
einen entstanden, sobald in einer Lamndeskirche auf dem Gebiete
der Verfassung oder des Ritus Veränderungen sich
vollzogen, indem eine Minorität in diesen Änderungen nicht eine
naturgemässe Fortentwicklung, sondern eine ihr Gewissen
bedrückende, die Grundlagen der Kirche alterierende Neuerung
sahen. So vor allem aus Anlass der Einführung der Union zwischen
lutherischen und reformierten Kirchen und der Einführung einer
Unionsagende (in Altpreussen) oder bei der Vereinigung der
Kirchenbehörden lutherischen und reformierten Charakters zu
einer einheitlichen Behörde (in Hessen). Aber auch weit
geringere Änderungen konnten zu Separationen Anlass geben, so
die Abänderung der Trauformel nach Einführung der bürgerlichen
Eheschliessung (in Hannover); sind doch sogar lokale
Absplitterungen einst erfolgt, als Schulbehörden die Bibel als
Lesebuch aus dem deutschen Unterricht der Volksschulen
entfernten und dafür ein deutsches Lesebuch einführten und nun
Gemeindeglieder sich nicht ausreden liessen, dass die
Landeskirche damit anfange "die Bibel abzuschaffen." Aber neben
den Separationen aus Anlass von Massnahmen, die eine ganze
Kirche betreffen, die daher auch die Tendenz in sich tragen, in
dem ganzen Kirchengebiete sich auszubreiten, stehen zahlreiche
Separationen rein lokalen und daher auch ephemeren Charakters,
meist dadurch hervorgerufen, dass ein einzelner Geistlicher mit
seiner Kirchenbehörde in Konflikt gerät, einer Anordnung aus
Gewissensgründen meint, den Gehorsam verweigern zu müssen, und
daher als renitent entlassen wird. Ist ein solcher eine
kraftvolle Persönlichkeit, dann wird es ihm wohl gelingen, einen
Teil der Gemeinde in seinen Widerstand mithineizuziehen und ein
eigenes Kirchlein aufzurichten. Häufig sucht dann ein solcher
seinen Anschluss bei einer bereits bestehenden Separation,
andernfalls wird sich eine solche Absplitterung nur kurze Zeit
halten können. Als eine Separation aus Anlass einer in der
Kirche sich vollziehenden Wandlung ist nach ihren Anfängen auch
die sog. "lichtfreundliche" Bewegung zu beurteilen, in welcher
die vom Rationalismus gross gezogene Aufklärung gewisser
Bürgerkreise unter Führung von freisinnigen Geistlichen sich
gegen den kirchlichen Geist, der in den preussischen
Kirchenbehörden wieder zur Herrschaft gelangt war, protestierend
erhob. Hier erfolgte aber nach dem Austritt aus der Kirche in
rapider Entwicklung ein so völliges Preisgeben der Grundlagen
alles Christentumes, dass diese Separation auf den Namen
einer christlichen nicht mehr Anspruch erheben konnte, daher
auch nicht etwa mehr als eine Sekte der evangelischen Kirche
bezeichnet werden kann.
Inwieweit
Separationen der vorbezeichneten Art unter den Begriff "Sekte"
fallen, ist sehr umstritten. Es kommt dabei in Betracht, ob man
ihrem Widerstande gegen die Fortentwicklung in der Kirche, um
deren willen sie sich trennten, ein (volles oder bedingtes)
Recht zuerkennt; und weiter, ob bei ihrem Ausscheiden ihr
Kirchenbegriff selbst eine Umbildung in der Richtung zum
Donatismus hin erfahren hat; ob sie auch nach ihrem Ausscheiden
noch den Sinn für die volkskirchliche Aufgabe sich bewahrt
haben; ferner ob sie noch im stande sind, an der theologischen
Fortarbeit der Zeit teilzunehmen, oder sich theologisch völlig
abschliessen und damit aus der geistigen Bewegung der
evangelischen Theologie ausscheiden und dadurch sektenhaft
werden. (Auch eine Landeskirche kann sich selbst zur Sekte
degradieren, sobald sie ihre Geistlichen von dem Konnex mit der
Fortentwicklung der Theologie absperrt.) Vgl. Dove:
"Separationen, welche auf dem Boden der deutschen Reformation
beharren, fallen nicht notwendig unter die für Sekten
massgebende Beurteilung." (Allgem. Kirchenblatt 1884, S. 344).
c.
Die
dritte Gruppe von Sonderbildungen, auf die unzweifelhaft die
Bezeichnung "Sekte" Anwendung
findet, ist unter uns entstanden
durch die Invasion englisch-amerikanischen
Dissidentenchristentums in die Volkskirchen der deutschen
Reformation. Hier handelt es sich nicht um Trennungen auf Grund
der inneren
Quellenmaterial Seite 20
Geschichte dieser Kirchen selbst,
sondern Vertreter eines anderen Kirchenbegriffs, anderer
Anschauungen über den Heilweg, anderer Frömmigkeitsideale sind
nach Deutschland herübergekommen, haben unsere Kirchen als ihr
Missionsgebiet angesehen, suchen für ihre Anschauungen erweckte
Glieder unserer Gemeinden zu gewinnen und gehen dann dazu über,
diese unsern Gemeinden abwendig zu machen und zu
Sondergemeinschaften zu vereinigen. Dies Hinüberwirken
englisch-amerikanischer Propaganda ist z.Z. für unsere Kirchen
die eigentliche Sektengefahr, mit der wir es zu tun haben. Und
zwar handelt es sich um eine Gefahr doppelter Art: einmal darum,
dass unsern Gemeinden lebendige Glieder entzogen werden, aber
daneben um die vielleicht noch grössere, dass weitere Kreise
gläubiger und kirchlich interessierter Gemeindeglieder von
gewissen Gedanken und Idealen jener Christentumsauffassung
beeinflusst werden und dadurch in unserer Kirche selbst ein den
evangelischen Volkskirchen fremder Geist hineingetragen wird und
als ein Element der Auflösung und Zersetzung in diesen wirksam
wird. Diese Gemeinschaften englisch-amerikanischen Ursprungs
weichen unter sich selbst mannigfach ab. Namentlich muss die
"Apostolische" Gemeinde der sog. Irvingianer als ein
Gebilde ganz eigener Art von denen unterschieden werden, die
unmittelbar oder mittelbar ihre geistige Physiognomie der
methodistischen Erweckung Englands im 18. Jahrhundert verdanken.
So sehr also auch Unterschiede gemacht werden müssen, so ist
doch das Gemeinsame eine von aussen her über uns
hereingebrochene Propaganda eines auf anderem Boden, bei anderem
Volkscharakter und unter anderen Verhältnissen entwickelten
Christentums. (Der Methodismus trägt in Amerika den Charakter
einer Kirche; das hindert nicht, dass er unter uns sich als
Sekte bemerkbar macht.)
3.
Wenn
man nach den Ursachen fragt, aus denen die Zuneigung
lebendiger Glieder unserer Gemeinden
zu der Propaganda des Sektentums
sich erklärt, so ist es m.E. ein Irrtum, wenn man, wie häufig
geschieht, dabei in erster Linie die etwa in Betracht kommenden
Sonderlehren der einzelnen Denominationen in Betracht
zieht. Die Anziehungskraft des Sektentums will viel tiefer
erfasst sein. Es darf nicht verkannt werden, dass in jedem
Volkskirchentum unvermeidlich eine starke Spannung vorhanden ist
zwischen dem religiösen Kirchenbegriff und dem empirischen
Zustand der Gemeinden. Die Volkskirche ist Erzieherin des
Geschlechts, unter dem sie besteht. Ihre Parochialgemeinden
[=zum Kirchenspiel gehörende Gemeinden] vereinigen kirchliche
und unkirchliche, lebendige und tote Glieder. Aus diesen
Verhältnissen lockt die Sekte gerade die lebendigen Glieder
heraus, indem sie ihnen eine Gemeinschaft von lauter lebendigen
Christen verlockend in Aussicht stellt. Die Volkskirche muss
auch auf den verschiedenen Stufen ihrer Verfassung Leute zur
Mitarbeit in den Gemeindekirchenräten oder Presbyterien, Synoden
usw. zulassen, die zwar einen gewissen Zusammenhang mit ihrer
Kirche nachweisen können, deren positiv geistliche Qualifikation
aber nicht untersucht wird und oft zweifelhaft ist. Natürgemäss
spielt in diesen Vertretungen die Zugehörigkeit zu den
Honorationen der Gemeinde oft eine grössere Rolle als die
Zugehörigkeit zu den Kindern Gottes.. Auch hier liegen Anstösse
vor, die der Propaganda des Sektentums zu statten kommen. In
hervorragendem Masse aber ist überall da für die Sekte ein
günstiger Boden, wo Pastoren einer Kirche von den erweckten
Gemeindegliedern nicht als geeignete Seelenführer anerkannt
werden, wo sie durch ihre Lehre oder durch ihre ganze
weltförmige Lebenshaltung oder durch Lässigkeit in ihrer
Amtsführung Anstoss geben. Dazu kommt das Bedürfnis vieler
Christen nach engerer Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und
Gleichgestimmten, das Verlangen nach einer reicheren
Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse, nach Gelegenheit zur
Aussprache über Fragen des inneren Lebens oder über das rechte
Verständnis von Worten der hl. Schrift. Diese Verhältnisse,
diese unbefriedigten Bedürfnisse bahnen den Sekten den Weg in
unsere Gemeinden hinein. Es ist dabei relativ nebensächlich, ob
nun die Männer, die solchen Gemeindegliedern in ihrem
Konventikel [=(heimliche)Zusammenkunft; private religiöse
Versammlung] die Befriedigung aller ihrer kirchlichen und
geistlichen Bedürfnisse anbieten, zugleich baptistische oder
methodistische Besonderheiten mitbringen, oder ob sie etwa
chiliastische [Chiliasmus = Lehre von der Erwartung des
Tausendjährigen Reiches Christi auf Erden nach seiner
Wiederkunft vor dem Weltende] und montanistische [=
schwärmerisch-, sittenstreng-sektiererisch] Sonderlehren
ausstreuen. Die Anzeihungskraft der Sekte ist in erster Linie
die enge geistliche Gemeinschaft, die sie bietet. Den genannten
hauptsächlichen Ursachen lassen sich als fernere Gründe zur
Absonderung, ganz abgesehen von den nur zu häufig mitspielenden
"unlauteren Motiven der Neuerungssucht, religiöser Mode- und
Genusssucht, geistlichen Hochmuts, der Überhebung über das
kirchlich geordnete Amt, Ehrgeiz und Rechthaberei" noch folgende
hinzufügen: Ungeduld und Unzufriedenheit gegenüber den Zuständen
in den Landeskirchen; Misstrauen in Bezug auf ihre aus dem
modernen politischen Leben entlehnten Verfassungsbestimmungen
sowie auf ihre bürokratischen Formen; Widerwille gegen die
Verflochtenheit der Kirche mit dem Staat und ihre mannigfaltige
Abhängigkeit von ihm; Unsicherheit oder befangene Ängstlichkeit
betreffs der Aufrechterhaltung des Bekenntnisses ("ihr habt
keine Lehrzucht !") oder der christlichen Disziplin in den
Landeskirchen ("ihr habt keine Kirchenzucht !"); der Anstoss,
den eine an die alte Inspirationslehre gebundene
Gemeindeorthodoxie an der Entwicklung der Theologie nimmt, daher
das Misstrauen gegen die auf den Universitäten von "ungläubiger"
Wissenschaft infizierten Geistlichen; Unkenntnis und
Missverständnis des evangelischen Heilsglaubens, namentlich der
Lehre von der Rechtfertigung, die mit der Heiligung vermischt
wird; methodistische Vorstellungen über den Heilsweg;
Unterschätzung der Bedeutung der Kirche, ihres Amtes, ihrer
Sakramente und Ordnungen bei Überschätzung
Quellenmaterial Seite 21
bestimmter christlicher
Lebensformen in pietistischer Prägung; mystische Art der
Frömmigkeit auf Kosten der evangelischen Einsicht, dass der
Christ schlicht an das Wort Gottes gewiesen ist, an diesem aber
auch die genugsame Quelle aller geistlichen Erkenntnis hat;
Missverständnisse und Missgriffe bei Auslegung und Anwendung der
hl. Schrift; Betonen einzelner namentlich aus dem AT und der
Offenbarung Johannis herausgerissener Bibelstellen (Vorstehendes
z.T. wörtlich nach dem Referat von v. Berlepsch auf der
Eisenacher Kirchenkonferenz 1884, das sich wiederum anschliesst
an Thesen von Klemm und Harnack auf der Oberhessischen
Pastoralkonferenz vom 8. August 1882; s. Allgem. Kirchenblatt
1884, S. 475).
4.
Die
Stellung der Staatsgesetzgebung zu den nicht durch
den Augsburger Religionsfrieden und den
Westfälischen Frieden
privilegierten, öffentlich aufgenommenen Religionsgesellschaften
hat im Lauf der Zeiten allerlei Wandlungen durchgemacht, die
hier wenigstens an der Entwicklung dieser Verhältnisbeziehungen
in Preussen kurz illustriet werden sollen. Jene Friedensschlüsse
erkannten ausser den Katholiken nur die Bekenner der
Augsburgischen Konfession und seit 1648 ausdrücklich auch die
Reformierten an. Diese ecclesiae receptae geniessen damit – noch
heute – den Vorzug, dass der Staat die geistlichen Ämter dieser
Kirchen als öffentliche Ämter ansieht, für die Vorbildung ihrer
Geistlichen auf den Staatsuniversitäten durch theologische
Fakultäten Fürsorge trifft, dass er ferner ihnen den weltlichen
Arm leiht zur Eintreibung von Abgaben und Leistungen, sodann
dass er den Festtagen dieser Kirchen durch Anordnungen Beachtung
und Schutz im öffentlichen Leben verschafft und ihnen Dotationen
oder Zuschüsse aus staatlichen Mitteln gewährt. Andere
Gemeinschaften sollten überhaupt nicht geduldet werden – eine
Ausnahme bildeten allein die Juden. Auch das Reformationsrecht
der Landesherren blieb auf diese rezipierten Kirchen beschränkt.
Aber dieser Rechtszustand wurde allmählich gelockert, Ausnahmen
wurden gemacht. Für den brandenburgisch-preussischen Staat war
von Bedeutung, dass das Herzogtum Preussen nicht zum deutschen
Reich gehörte. Hier waren schon 1548 böhmische Brüder (freilich
unter mancher Beschränkung ihrer Eigentümlichkeiten und mit der
Tendenz auf Angliederung an die Landeskirche) aufgenommen worden
(vgl. Tschackert in Publikationen aus den Preussischen
Staatsarchiven 43, 343 ff). Dann gewährte hier das Reskript
Friedrich Wilhelms I. vom 22. März 1722 den Mennoniten Duldung;
nach der Teilung Polens erhielten auch die Mennoniten in
Westpreussen durch das Privileg vom 29. März 1780 Zusicherung
ihrer Glaubensfreiheit. Faktischer Duldung erfreuten sich hier
sogar auch Socinianer. Französisch Reformierten war schon am 13.
März 1639 ein Patent erteilt worden; dann folgten nach der
Einwanderung der aus Frankreich flüchtenden Reformierten die
Privilegien vom 9. Oktober 1685 und 4. Mai 1694. Erheblich
weiter ging der Aufklärungskönig Friedrich II., der am 25.
Dezember 1742 und in mehreren nachfolgenden Erlassen
Ansiedlungen der herrenhutischen Brüdergemeinde konzessionierte,
aber auch den Schwenckfeldern am 8. März 1742 die preussischen
Lande öffnete und sogar den Socinianern am 28. Juni 1776 die
Erbauung eines Bethauses gestattete. So gab es jetzt neben
"öffentlich aufgenommenen" Kirchen auch "geduldete"
Kirchengesellschaften mit einem exercitium religionis privatum
und mit je nach dem Wortlaut der Konzession verschieden
bemessenen Rechten; am günstigsten gestellt war dabei die
Brüdergemeinde. Diesem Zustand entspricht sowohl das Wöllnersche
Religionsedikt vom 9. Juli 1788, das von "bisher öffentlich
geduldeten Sekten" redet, "welche unter landesherrlichem Schutz
ihre gottesdienstlichen Zusammenkünfte halten", wie auch das
Allgem. Landrecht T. II, Tit. XI, § 17 ff. mit der
Unterscheidung von "öffentlich aufgenommenen" und "geduldeten
Religionsgesellschaften." Aus letzterer Klasse ragten die
Herrenhuter insofern hervor und näherten sich den öffentlichen
privilegierten Kirchengesellschaften, als sie als "wahre
Augsburgische Konfessions-verwandte" anerkannt wurden, unter der
"Oberherrschaft und Protektion" des Königs standen, auch ihre
Bischöfe vom König bestätigt werden und den Treueid leisten
sollten. Doch waren ihnen nur Bethäuser ohne Glocken gestattet
und ihren Geistlichen fehlten die Privilegien der öffentlich
aufgenommenen Kirchen. Die bloss geduldeten
Religionsgesellschaften (so die Mennoniten, ferner die Quäker
{Kab.O. vom 16. Mai 1830}) mussten nach T. II, Tit. XI, § 489
die unter ihnen vorkommenden Geburten, Heiraten und Sterbefälle
dem Pfarrer des Kirchspiels, in dessen Bezirk sie wohnten, zur
Eintragung ins Kirchenbuch anzeigen. Ihre Glieder blieben der
landeskirchlichen Gemeinde in Bezug auf Kirchen- und Schullasten
und zur Zahlung der Stolgebühren (=Gebühren für bestimmte
Amtshandlungen des Geistlichen/Taufe, Trauung u.ä.)
verpflichtet, als wenn sie Kirchenglieder wären. Die
"vollkommene Glaubens- und Gewissensfreiheit", die T. II,
Tit.XI, § 2 allen Einwohnern im Staat gewährte, gestattete den
Anhängern einer nicht ausdrücklich tolerierten Religionspartei
doch nur das Hausvaterrecht häuslichen Gottesdienstes. Die um
der Union willen seit 1830 sich separierenden Lutheraner
bekamen, solange Friedrich Wilhelm III. regierte, die ganze
Schärfe des Verbots der "der christlichen Religion und dem
Staate schädlichen Conventicula" zu spüren. Erst die
Generalkonzession vom 23. Juli 1845 (Koch IV, 168 f) verlieh
ihnen ähnliche Rechte wie sie die Brüdergemeinde erhalten hatte.
(Dass sie aber auch heute nicht den privilegierten Kirchen
gleichgestellt sind, darüber vgl. das Erkenntnis des
Oberverwaltungsgerichts vom 29. Juni 1898, Allgem. Kirchenblatt
1899, S. 17 ff.). Ebenso erhielten die sich separierenden
Reformierten (Kohlbrüggianer) am 24. November 1849 eine
Generalkonzession, ZKR I, 416 ff. III, 358 f. Den inzwischen
(seit 1837) aufgetretenen Baptisten wurde durch die Kab.O. vom
19. Oktober 1841 zwar die formelle Duldung versagt, zugleich
aber wurde verfügt, dass nicht mit Strenge gegen sie verfahren
werden sollte. Die deutsch-katholische und die lichtfreundliche
Bewegung führten staatlicherseits zu neuen
Quellenmaterial Seite 22
Erwägungen über die Beglaubigung
der Geburten, Heiraten und Sterbefälle in solchen
Gemeinschaften, die mit dem Bekenntnis keiner der rezipierten
Kirchen in wesentlicher Übereinstimmung waren, und deren
Geistlichen oder Vorstehern man nicht geneigt war, die
Gerechtsame der Geistlichen der privilegierten Kirchen
beizulegen. Die Verordnung vom 30. März 1847 schuf für solche
eine bürgerliche Beglaubigung jener Akte durch die Ortsgerichte.
Eine weitere Fortentwicklung brachte die Verfassungsurkunde von
1848, resp. ihre revidierte Gestalt vom 31. Januar 1850 durch
die Bestimmung in Art. 12: "Die Freiheit des religiösen
Bekenntnisses, der Vereinigung zu Religionsgesellschaften und
der gemeinsamen häuslichen und öffentlichen Religionsübung wird
gewährleistet. Der Genuss der bürgerlichen und
staatsbürgerlichen Rechte ist unabhängig von dem religiösen
Bekenntnisse." Aber Art. 13 fügt hinzu, dass
Religionsgesellschaften, welche keine Korporationsrechte haben,
diese nur durch besondere Gesetze erlangen können. War damit die
Bildung von Religionsgesellschaften allgemein frei gegeben,
soweit nicht Sitte oder Staatsordnung gefährtdet erschien, und
konnten nun auch religiöse Versammlungen derselben einfach
unters Vereinsgesetz gestellt werden, so war doch die Erteilung
des Korporationsrechtes an einen Akt der Gesetzgebung gebunden.
Auf diesem Wege gelangten denn auch am 12. Juni 1874 die
Mennoniten (Koch IV, 169 f.) und am 7. Juli 1875 die Baptisten
(Koch IV, 170) in Preussen zu solchen Rechten. Erleichtert wurde
die Rechtslage der "Sekten" durch die Einführung der
Standesämter und der obligatorischen Zivilehe (9. März 1874 für
Preussen, 6. Februar 1875 fürs deutsche Reich), indem damit die
Vorrechte der privilegierten Kirchen in Bezug auf die
bürgerliche Rechtswirkung ihrer Trauhandlungen und ihrer
Beurkundungen des Personenstandes hinwegfielen, und für die
Angehörigen anderer Gemeinschaften der Ausnahmestand der
Notzivilehe. Endlich sind die Bestimmungen zu erwähnen, die der
Erlass des Bürgerlichen Gesetzbuches (1896) fürs ganze Reich
gebracht hat. Danach ist für den privatrechtlichen Erwerb der
Rechtsfähigkeit auch für Vereine mit religiösem Zweck der
einfache Weg gerichtlicher Eintragung vorgezeichnet; doch ist
für diese eine vorgängige Prüfung seitens der Staatsbehörde
vorbehalten, der damit Gelegenheit gegeben ist, sich auch mit
den landeskirchlichen Behörden darüber ins Benehmen zu setzen
und event. gegen die Eintragung Einspruch zu erheben (BGB. § 21
und 61). Damit aber Religionsgesellschaften Korporationsrechte
erlangen, bedarf es auch heutigen Tages noch eines Aktes der
Gesetzgebung (vgl. auch Einführungsgesetz Art. 81). Die
Forderung (in den Frankfurter Grundrechten), dass keine
Religionsgesellschaft vor anderen Vorrechte durch den Staat
geniessen solle, ist bisher in Deutschland nirgends
verwirklicht, ist auch nicht im Interesse des Staates. Kirchen,
die in einer Geschichte von Jahrhunderten massgebende Faktoren
des sittlichen und religiösen Volkslebens geworden sind und als
grosse Volkskirchen Erzieher des Volkes sind, müssen auch vom
Staat anders gewertet werden, als ephemere Assoziationen
[=kurzfristige Vereinigungen] kleiner Kreise, die da kommen und
gehen und sich noch nicht als Träger der religiösen und
sittlichen Kultur erwiesen haben. Gerechtigkeit ebenso wie
praktische Politik widerstreben hier in gleicher Weise den
Forderungen von Doktrinären, der Rechtsgleichheit für alle.
(vgl. Richter-Dove-Kahl, Kirchenrecht S. 324 f. und im Patent
vom 30. März 1847 bei Koch IV, 165 die feierliche Erklärung:
"Wir sind entschlossen, den in unseren Staaten geschichtlich und
nach Staatsverträgen bevorrechteten Kirchen, der evangelischen
und der römisch-katholischen, nach wie vor Schutz angedeihen zu
lassen und sie in dem Genusse ihrer besonderen Gerechtsame zu
erhalten".)
5.
Die
Gegenwirkung von kirchlicher Seite gegen das Vordringen
des Sektenwesens ergibt sich aus der
Erkenntnis der Ursachen dieser
Erscheinung. Darin ist man wohl einig geworden, dass die Kirchen
ihre Verteidigung gegen die Invasion der Sekten in der Regel und
prinzipiell nicht dadurch führen dürfen, dass sie den Staat um
polizeiliche Massregeln angehen. Die Erfahrung hat
gelehrt, dass die Gegenwirkung mit diesem Mittel niemals die
Propaganda aufhält, sondern nur Märtyrer schafft und die Sache
der Kirche schädigt. Nur offenbare Auswüchse, durch welche die
Ruhe und Ordnung gestört werden, sollten polizeilicher
Massregelung unterliegen. Die Gegenwirkung, die der Kirche
würdig ist, muss vor allem darin bestehen, dass sie das
religiöse Bedürfnis, das ihre Glieder den Sekten zuführt, von
sich aus mit ihren Mitteln ernstlich zu befriedigen bemüht ist.
Jedes Auftraten von Sekten ist eine Mahnung an die Kirche wegen
mancherlei Versäumnissen und wegen Missständen, die sich
wenigstens bis zu einem gewissen Grade abstellen lassen. Th.
Kolde hat den Satz formuliert, bei jeder Sektenbildung handle es
sich um "die einseitige Betonung eines an sich
berechtigten, von der Kirche zeitweilig vernachlässigten
Gedankens oder kirchlichen Handelns." (Die Heilsarmee,
Erlangen 1885, S. 117.) Die Wahrheit dieses Satzes lässt sich
nicht verkennen. Dann ist es aber Aufgabe der Kirche, die
allgemeinen und besonderen Ursachen zur Sektenbildung nach
Kräften zu beseitigen. Es handelt sich also um eine reichere und
lebendigere Verkündigung des göttlichen Wortes, um treue
spezielle Seelsorge, die sich auch die Pflege der lebendigen
Gemeindeglieder angelegen sein lässt, um die Einrichtung von
Nebengottesdiensten behufs mannigfaltiger Formen der Darbietung
geistlicher Speise, um eine kirchliche Pflege des
Gemeinschaftsbedürfnisses der Erweckten, um die Pflege solcher
Vereine innerhalb der Gemeinde, die der religiösen Erbauung und
der sittlichen Bewahrung dienen (Jünglings- und
Jungfrauenvereine), um geistlichen Wandel und geisterfüllte
Predigt der Pastoren, um die Fernhaltung von Mietlingen vom
geistlichen Stande, um die Reaktion gegen grundstürzenden und
Ärgernis gebenden Missbrauch der Lehrfreiheit um Handhabung
einer ernsten Zucht in den Gemeinden, um Erzeihung der
Gemeindevorstände zur Mitarbeit nicht nur an den Externa,
Quellenmaterial Seite 23
sondern auch an den inneren
Angelegenheiten der Gemeinde, um die Heranholung lebendiger
Gemeindeglieder zur Mitarbeit ja nach ihren Gaben und Kräften an
der Pflege und Erbauung der Gemeinde (als Helfer in
Sonntagsschulen, in der Armen- und Krankenpflege und an den
Vereinen in der Gemeinde); vgl. hierzu die Ausführungen von v.
Berlepsch, Allg. Kirchenblatt 1884, S. 476 f. Gewiss wird es
nicht möglich sein, auf diesem Wege alle Quellen zu verstopfen,
aus denen die Neigung zum Sektentum fliesst, aber nicht nur,
dass manches Glied auf diese Weise der Kirche erhalten bleibt –
es wird ihr dadurch auch ermöglicht, je ernster sie diese
Aufgaben ergreift, um so zuversichtlicher mit gutem Gewissen den
Anklagen der Sektierer gegenüber zu treten.
Einer kirchengesetzlichen
Erledigung harrt noch die Frage, in welchem Umfange und in
welcher Weise disziplinare Massnahmen gegen
Gemeindeglieder, die sich mit Sekten einlassen, vorzunehmen
seien. Es liegt ja die Tatsache vor, dass viele Gemeindeglieder
an den Gottesdiensten, sogar am Abendmahl von Sekten teilnehmen,
ohne formell ihre Zugehörigkeit zur Landeskirche aufzulösen. Da
entsteht die Frage, an welchen Punkten und in welchen Fällen die
Kirche die Pflicht habe, solche Glieder nicht mehr als in der
Irre gehende, und daher seelsorgerlich zu behandelnde, sondern
als abtrünnige und daher zum Austritt zu zwingende, resp. als
auszuschliessende zu behandeln. Auf dem Wege der
Partikulargesetzgebung ist hie und da versucht worden, den
Austritt von Gemeindegliedern, die zu einer neuen
Religionsgemeinschaft hinzutreten wollten, aus ihrer Kirche zu
fordern. So wurde in Sachsen-Altenburg am 24. Januar 1851
verordnet, dass die Prediger oder Vorsteher solcher
Gemeinschaften niemand als Angehörigen ihrer Gemeinschaft
aufnehmen, nennen und behandeln dürften, der nicht der
Ortspolizeibehörde schriftlich Austritt und Übertritt angezeigt
hätte (Allgem. Kirchenblatt 1853, S. 179). Andererseits ist man
dafür eingetreten, dass selbst eine ein- oder mehrmalige
Abendmahlsfeier in einer Sekte den betreffenden noch nicht aus
dem Verhältnis zu seiner Kirche ausschliesse, sondern dass er
auch dann noch unter der seelsorgerischen Einwirkung des
Geistlichen seiner Kirche verbleibe; erst ein beharrlicher
Anschluss an die sacra der Sekte gebe zum Ausschluss mit den
Mitteln der Kirchenzucht einen ausreichenden Anlass. Eine recht
verschiedenartige Behandlung haben in dieser Beziehung die
Irvingianer erfahren, die ja, wo sie nicht dazu genötigt
wurden, grundsätzlich ihre Landeskirchen nicht verliessen
und oft auch Wert darauf legten, den kirchlichen
Zusammenhang mit ihrer landeskirchlichen Gemeinde durch
Teilnahme am Gottesdienst und Abendmahl zu bezeugen, zugleich
aber in der "apostolischen" Gemeinde vielleicht sogar Ämter
bekleideten. Während der evangelische Oberkirchenrat unterm
29. März 1852 den Grundsatz aussprach, dass die evangelische
Kirche solchen, die an ihrer Auflösung arbeiteten, doch
nicht ihr Sakrament reichen dürfe, und wenn seelsorgerliche
Einwirkung fruchtlos bleibe, Versagung des Sakramentes forderte,
um nicht durch Spendung desselben den Schein einer Billigung der
Irrlehre zu erwecken, haben andere kirchliche Instanzen gerade
den Irvingianern gegenüber ein hohes Mass von Duldung
erwiesen und die Zulassung sogar von anerkannten Häuptern dieser
Gemeinde zum Abendmahl der Landeskirche gestattet, von dem
Grundsatz aus, dass die Zulassung seelsorgerlich nur von der
würdigen Herzensverfassung des Kommunikanten abhängig zu machen
sei.
Einigkeit besteht wohl über
folgende Punkte:
1.
dass Geistliche der Landeskirche nich im Amte bleiben
können, wenn sie zu einer Sekte in ein positives
Verhältnis treten;
2.
dass von den Schulbehörden erwartet wird, dass sie keinen Lehrer
als Religionslehrer unterrichten lassen, der sich einer Sekte
angeschlossen hat:.
3.
dass zu kirchlichen Ehrenämtern als Kirchenälteste und dgl.
Anhänger einer Sekte nicht zugelassen werden dürfen;
4.
dass die Annahme der Wiedertaufe als tatsächlicher Austritt aus
der Landeskirche zu behandeln sei.
Weiter
wird zu fordern sein, dass auch alle Personen, die von einer
Sekte sich mit der Funktion der Wortverkündigung oder der
Sakramentsverwaltung betrauen lassen, als ausgeschieden gelten
müssen, und dass beharrliche Teilnahme an der Abendmahlsfeier
einer Sekte den Ausschluss herbeiführen muss (vgl. hierzu v.
Berlepsch in Allgem. Kirchenblatt 1884, S. 461 ff.). In der
preuss. Landeskirche der älteren Provinzen steht zu erwarten,
dass das schon lange begehrte und vorbereitete
Kirchenzuchtsgesetz auch die Sektenfrage unter disziplinarem
Gesichtspunkt zu regeln versuchen wird.
5.
Eine genaue Statistik
der Sekten in Deutschland zu geben, ist bei dem Mangel an
ausreichenden Unterlagen nicht möglich. Eine statistische
Erhebung von seiten der preussischen Regierungen am 1. Juli 1862
über "Dissidenten" ergab 27'909 in Beziehung auf die Wahl ihrer
Religion selbstständige, also mindestens 14jährige Mitglieder;
darunter 8'741 freireligiöse, 5'546 deutsch- und
christkatholische; Baptisten 5'603, Irvingianer 3'069.
Aber auch diese Zählung war unvollständig, vgl. Zeitschr. d. k.
preuss. statist. Bureaus IV, 95 f. Die Eisenacher
Kirchenkonferenz von 1884 versuchte unter Mitwirkung aller
Kirchenbehörden eine statistische Tabelle aufzustellen, s.
Allgem.Kirchenblatt 1884, S. 485 – 509. Aber diese bietet an so
vielen Stellen statt der Zahlen nur Fragezeichen, dass sie eben
nur die Unmöglichkeit aufweist, eine Statistik zu bieten.
Piepers Kirchliche Statistik Deutschlands 1899, S. 92 ff weist
nach der Volkszählung von 1895 für Preussen neben 20'351'448
Mitgliedern der evang. Landeskirche 119'245 Mitglieder "anderer
protestantischer Kirchengemeinschaften" auf, d.h. fas 0,6%
Evangelische, die nicht der Landeskirche angehören. Darunter
waren
Quellenmaterial Seite 24
Altlutheraner 27'412,
Altreformierte 9'047, Brüdergemeinde 4'300 (1871: 3'325),
Mennoniten 13'951 (1871: 14'644), Baptisten 31'877 (1871:
12'792), Methodisten und Quäker 4'217 (1871: 733),
Apostolische Kirche (Irvingianer) 22'610 (1871: nur 2'213, die
sich so bezeichnet haben !), Anglikaner, Presbyterianer u.
dgl. 2'496. Die preussische Statistik von 1900 zählt dagegen
Altlutheraner 45'594, Altreformierte 14'543, Brüdergemeinde
4'031, Mennoniten 13'876, Baptisten 38'143, Methodisten und
Quäker 5'226, Apostolische Kirche 32'215, englische
Kirchengemeinschaften 2'557. Ausserdem sind gezählt: Heilsarmee
272, Freireligiöse 8'400, Dissidenten 27'679, sonstige Christen
5'635 (Preussische Statistik, Heft 177 I, Berlin 1903). Die
Statistik des deutschen Reiches von 1890 ergab, dass auf etwa 31
Millionen landeskirchlicher Evangelischen im ganzen Reiche ca.
145'000 Angehörige kleinerer Gemeinschaften kamen, also etwa
0,47%. Ähnlich ergab fürs Königreich Sachsen die Statistik von
1895 0,41%. Krose rechnet im ganzen deutschen Reich für 1900 auf
35'231'104 "Evangelische" (d.h. landeskirchliche und separierte
Lutheraner, Reformierte und Unierte) 203'793 Zugehörige
kleinerer christicher Parteien (wobei Deutsch-Katholische,
Freireligiöse, Unitarier, Mormonen und "Dissidenten" mitgezählt
sind). Danach repräsentiert diese bunte Gruppe gegenüber der
Gesamtbevölkerung Deutschlands von 56'367'178 eine Quote von
0,36%; im Verhältnis nur zu der Gruppe der "Evangelischen" wären
es 0,57%, aber es sind hier Gemeinschaften mitgezählt, die wir
nicht als Sekten der evangelischen Kirche betrachten können,
andererseits müssten aber auch die Separierten von der Summe der
"Evangelischen" abgezogen werden, um mit den früheren
Berechnungen verglichen werden zu können. Wie weit aber die
statistischen Angaben in den Zählkarten gerade in Bezug auf die
Konfessionsbezeichnung zuverlässig sind, ist fraglich.
Verwirrend sind schon die so ungleichartigen Bezeichnungen,
unter denen viele ihren Konfessionsstand eintragen; vgl. die
daher so konfuse Konfessionsstatistik von 1880 im Theol.
Hülfslexikon, Gotha 1894 II, 3, 10f. Offenbar bleiben ferner
viele, die tatsächlich sich zu einer Sekte halten, aber aus
ihrer Kirche nicht förmlich ausgetreten sind, und solche, die
sich einfach "evangelisch" nennen, dabei unberechnet. Im
Königreich Sachsen zählte man in den zwei Jahrzehnten von 1870 –
1890 Übertritte aus der Landeskirche zur Apostol. Gemeinde
5'400, zu den Methodisten 2'878, zu den separierten
Lutheranern 1'720 (Missourier !). Nach der Statistik von 1900
traten in Preussen aus den evangelischen Landeskirchen zu
kleineren kirchlichen Gemeinschaften über 1'847, im übrigen
deutschen Reiche 1'132, also im ganzen 2'979, wogegen 1'044
Rücktritte aus denselben Gemeinschaften zur Landeskirche bekannt
wurden. 1904 zählte man in Preussen in den älteren Provinzen
2'370 Übertritte zu Sekten usw. aus der Landeskirche, dagegen
nur 602 Rücktritte (Kirchl. Gesetz- und Verordnungsblatt 1905,
S. 85). So unzulänglich dieses Zahlenmaterial auch ist, so lehrt
es in seiner Gesamtheit doch, dass die Sekten in der Zunahme
begriffen sind, und dass daher die Aufmerksamkeit aller Freunde
der Kirche der Frage nach der rechten Gegenwirkung zugewendet
bleiben muss. Kawerau.
Realencyklopädie
für protestantische
Theologie und Kirche
Begründet von J.
J. Herzog
In dritter verbesserter und
vermehrter Auflage
unter Mitwirkung
vieler Theologen und anderer Gelehrten
herausgegeben
von
D. Albert Hauck
Professor in Leipzig
Neunzehnter Band
Stephan III. – Tonsur
Leipzig
J. C. Hinrichs'sche
Buchhandlung
1907
Quellenmaterial Seite 25
Thiersch,
Heinrich Wilh. Josias,
gest. 1885. – H. W. J. Thierschs Leben, z.T. von ihm selbst
erzählt, heruasgeg. v. P. Wigand, Basel 1888; P. Wigand in d.
Allg. konservat. Monatsschrift 1886; v. Orelli im Baseler
Kirchenfreund 1885, Nr. 25 und 26; Luthardt in d. AELKZ 1885,
Nr. 45 und 46, 1886, Nr 1 und 2; Zöckler, Ev. KZ 1886, Nr. 4;
vgl. auch J. R. Köhler, Het Irvingisme, Haag 1876, S. 176 ff; v.
Pechmann in AdB, 38. Bd S. 17; G. Frank, Die Theologie des 19.
Jahrh.s S. 475 f.
H. Thiersch,
der einflussreichste nicht-englische Führer und Förderer des
Irvingianismus, wurde am 5. November 1817 zu München geboren als
ältester Sohn des berühmten Philologen und Philhellenen
Friedrich Thiersch (gest. 1860). In die Elemente der alten
Sprachen und ihrer Literatur von seinem Vater eingeführt,
besuchte er seit 1827 zuerst das neue Gymnasium in München, dann
einige Zeit die Lateinschule zu Nürtingen a.N., endlich das
Münchener Wilhelmsgymnasium, von wo er im Herbste 1833, noch
nicht ganz 16jährig, als reif zur Hochschule entlassen wurde.
Während des sechsjährigen Gymnasialkursus wirkten einerseits der
Münchener Philologe Spengel, dessen Vorträge über die Rhetorik
der Alten und der Prima ihn für klassisch-philologische und
historische Studien begeisterten, andererseits der fromme
Münchener lutherische Pfarrer Böckh, dessen
Konfirmandenunterricht zuerst die Neigung zur Theologie in ihm
weckte, besonders nachhaltig auf seine Geistesentwicklung ein.
Für die ersten Jahre seines Universitätsstudiums (1833 – 35)
wurde sein Vater der hauptsächliche Leiter seiner Studien; die
Erinnerung an dessen Vorträge über griechische
Literatur-geschichte, über Pindar und Euripides, sowie an sein
philologisches Seminar, konnte noch den Greis zu dankbarer
Begeisterung stimmen. Er besuchte übrigens auch theologische
Vorlesungen, liess sich von Schubert in die Naturkunde, von
Görres in die Geschichte einführen und hörte bei Schelling,
seinem Paten, philosophische Kollegien. Seinen Anschluss an die
Schellingsche Philosophie, aus welcher er übrigens sich nur die
eigentlich positiven Elemente aneignete, förderte der ihm
nächststehende seiner Studienfreunde, Emil August von Schaden.
Während der Münchener vier Semester bildete die klassische
Altertumswissenschaft den Mittelpunkt seines wissenschaftlichen
Strebens. Dagegen wandte er sich seit der Übersiedelung nach
Erlangen (Herbst 1835), wo Olshausen, Harless und Hofmann seine
Lehrer wurden, überwiegend, bald ausschliesslich dem
theologischen Studium zu. Mit besonderer Hingabe vertiefte er
sich in die Lektüre der Werke Luthers und des Konkordien-buchs
[massgebende Sammlung der altkirchl. Bekenntnisse u. der luth.
Bekenntnisschriften (1580)]. Es war eine entschieden
lutherisch-kirchlich geartete, dabei wissenschaftlich reich
vermittelte und fest fundamentierte christliche Weltansicht, die
er bei Absolvierung seines theologischen Studiums (durch
glänzend bestandenes Examen zu Ansbach, im Herbste 1837) in den
Kandidatenstand hinübernahm. Nachdem er zu weiterer Ausbildung
während des folgenden Wintersemesters noch der Tübinger
Hochschule angehört hatte, wo der Gegensatz zwischen der
kritischen Richtung Baurs und derjenigen des Bibeltheologen C.
F. Schmidt ihn bedeutsam berührte, promovierte er am 19. März
1838 auf Grund des Anfangs seiner Studie über die
Pentateuchversion [Pentateuch = "Fünfrollenbuch", Bezeichnung
für die fünf Bücher Mosis im A.T.] der Septuaginta [septua =
lat. Siebzig; die seit Mitte des 3. Jh.s v. Chr. in Alexandria
entstandene griech. Übersetzung des A.T; nach der Legende von 72
Gelehrten verfasst; Abk. LXX] (später erweitert zu der
Abhandlung: De Pentateuchi versione Alexandria libri III, Erl.
1841) in München zum Doktor der Philosophie.
Am Tage seiner
Doktorpromotion erhielt Thiersch einen Ruf als Lehrer für
Religion (insbesondere Kirchengeschichte und Exegese),
Griechisch und Deutsch, an die evangelische Missionsanstalt zu
Basel, der ihn für die Dauer eines Jahres nach dieser Rheinstadt
führte. Wichtige persönliche Beziehungen wurden hier angeknüpft
mit den damaligen Hauptförderern der Missionssache wie mit
Lehrern an der Universität. Bei J. T. Beck, damaligem
ausserordentlichem Professor in der theologischen Fakultät,
hospitierte er in Vorlesungen; öfter verweilte er zu Beuggen a.
Rh., im Hause des Inspektors Zeller, dieses würdigen Altvaters
der inneren Missionsbestrebungen. – Geschwächter Gesundheit
halber musste er den Posten am Basler Missionsseminar bereits
1839 wieder aufgeben. Er bestand im Herbste dieses Jahres zu
München die philologische Staatsprüfung und ging dann als
theologischer Repetent nach Erlangen, wo er sich im Frühjahr
1840 als Privatdozent habilitierte und einige Monate später mit
Bertha Zeller (gest. 1868) in die Ehe trat. Zu der so
begründeten überaus glücklichen Häuslichkeit traten das innige
Verhältnis zu seinem Freunde und Schwager v. Schaden (damals
noch Dozent, späterem Extraordinarius der Philosophie), sowie
sonstige wertvolle kollegialische Beziehungen mit wohltätiger
Wirkung für seine fernere geistige Entwicklung hinzu. Eine
erfolgreiche Lehrbegabung betätigte er ebensowohl als Repetent,
wie als Dozent; er las über Exegese beider Testamente, über
ältere Kirchengeschichte, Dogmengeschichte und theolog.
Enzyklopädie. Aus seiner Tätigkeit als Repetent ist sein
Lehrbuch der hebr. Grammatik (in erster Ausgabe erschienen
Erlangen 1842 unter dem Titel: "[Hier: Hebr. Schriftzeichen],
Grammatisches Lehrbuch für den ersten Unterricht in der
hebräischen Sprache", in zweiter 1858 unter dem Titel: "Hebr.
Grammatik für Anfänger, welche des Lateinischen und Griechischen
kundig sind") hervorgegangen. Ostern 1843 folgte er einem Rufe
auf eine ausserordentliche Professur in Marburg; Januar 1846
wurde er zum ordentlichen Professor befördert. Mit der
Übersiedelung nach Marburg beginnt der bedeutendste und am
reichsten gesegnete Abschnitt seines Wirkens als akademischer
Lehrer und als theologischer Schriftsteller.
Aus dem Kreise
seiner Vorlesungsgegenstände kam das AT fortan in Wegfall,
während die Dogmatik
Quellenmaterial Seite 26
hinzutrat. Seine nach Inhalt wie
Form gleich anziehenden Vorlesungen über diese Gebiete der
Theologie sicherten ihm rasch einen beträchtlichen Einfluss auf
die Studierenden, während er gleichzeitig durch energische
Glaubenszeugnisse auf der Kanzel in die Entwicklung des
kirchlichen Lebens der Stadt Marburg eingriff. Die letztere
praktische Hauptseite seines Wirkens, bei der er mit A. F. C.
Vilmar (damaligem Gymnasialdirektor zu Marburg), Hand in Hand
ging, verlief allerdings nicht, ohne hie und da scharfe
Konflikte mit der liberalen Gegenpartei hervorzurufen. Zwei
seiner wissenschaftlich gehaltvollsten und einflussreichsten
Schriften sind während dieser Marburger Zeit entstanden: der
durch Baurs "Paulus" hervorgerufene "Versuch zur Herstellung des
historischen Standpunkts für die Kritik der neutestamentlichen
Schriften" (Erlangen 1845) und die den seit Möhlers
theologischer Lehrtätigkeit wieder aufgelebten Ultramontanismus
bestreitenden "Vorlesungen über Protestantismus und
Katholizismus" (ebendas. 1846; 2. Auflage 1848). Wie das
letztere Werk innerhalb der neueren Literatur über
protestantische Polemik eine hervorragende Stelle einnimmt und
bei aller Milde des (hie und da unleugbar zu weit getriebenen)
irenischen Strebens nach Anerkennung des Grossen und relativ
Berechtigten am Katholizismus doch die dogmatische und
praktisch-religiöse Überlegenheit des evangelischen Standpunkts
mit genialer Geistesschärfe und siegender Wirkung dartut, so ist
die Streitschrift gegen den Tübinger Kritiker eine der ersten,
gelungensten und wirksamsten wissenschaftlichen Be- und
Verurteilungen der Neutübinger Tendenzkritik. Auf die Baursche
Gegenschrift: "Der Kritiker und der Fanatiker in der Person des
Herrn H. W. Thiersch" (Stuttgart 1846) antwortete Thiersch mit
kurzer, massvoller aber bestimmt gehaltener Rechtfertigung
seiner Positionen in der Broschüre: "Einige Worte über die
Echtheit der neutestamentlichen Schriften", Erlangen 1846. Als
bedeutsame Bereicherungen der neutestamentlichen Forschung in
streng wissenschaftlicher Form gehören derselben Zeit zwei
lateinische Programme an: De epistola ad Hebraeos commentatio
historica, 1848 (worin Tertullians Zeugnis für die Autorschaft
des Barnabas zuerst wieder in kräftige Erinnerung gebracht
wurde) und De Stephani protomartyris oratione commentatio
exegetica, 1849.
Gegen Ende der
Marburger Zeit begann Thiersch dem Standpunkt der
"apostolischen Gemeinden" Englands zuerst näher zu treten.
Zur ersten Kenntnisnahme von demselben war er allerdings schon
gegen Ende seines Erlanger Wirkens, durch Berührungen mit dem
damals Süddeutschland bereisenden schottischen Anhänger
Irvings, dem Evangelisten William Caird,
veranlasst worden; dieser hatte ihm das "Zeugnis der Apostel
an die geistlichen und weltlichen Häupter der Christenheit"
(vom Jahre 1836) in die Hände gespielt und damit einen ersten,
günstigen Eindruck von dem in dieser Gemeinschaft waltenden
Geiste in ihm hervorgerufen, ohne das Wesentliche seiner
theologischen Überzeugung ändern zu können. In Marburg besuchte
ihn ein anderer Evangelist, Charles Böhm (Verfasser
mehrerer Schriften, u.a. der später, 1855, von Thiersch mit
Vorwort herausgegebenen: "Schatten und Licht im gegenwärtigen
Zustande der evangelischen Kirche"), welcher weiteres zu seiner
Befreundung mit der prophetisch-eschatologischen Weltansicht der
Partei und der als Stütze für dieselbe gehandhabten
allegorischen Schriftauslegung beigetragen zu haben scheint. Zum
Durchbruch gelangten seine Sympathien für den Irvingismus
im Jahre 1947, als Thomas Carlyle, Apostel der apostolischen
Gemeinden für Norddeutschland, ihn besuchte, und mit der
ihm eigenen begeisterten Glut sein Zeugnis für die Notwendigkeit
einer Erneuerung des prophetischen und apostolischen Amts in der
Christenheit vor ihm und einem engeren Kreise von Freunden
ablegte. Thiersch selbst berichtet über diesen Vorgang in einem
Privatbriefe aus viel späterer Zeit (mitgeteilt von P. Wigand,
S. 682): "Die Notwendigkeit von Aposteln sah ich lange Zeit
nicht ein; ich wartete ab, ob sie sich auch persönlich so
beglaubigen würden, wie die Evangelisten. Dies war in vollem
Masse der Fall. Als ich 1847 den sel. Mr. Carlyle kennen lernte.
Mit dieser Weihe und Kraft hatte ich noch niemand predigen
hören. Ich sah endlich ein, dass die Gemeinde und das
apostolische Werk in seiner Gesamtheit Zeugnis für die Sendung
vom Himmel sind und dass ohne solche Sendung, also ohne
Apostolat keine Hilfe für die Kirche zu erwarten sei, dass
insbesondere prophetische Gaben ohne apostolische Leitung nicht
ausreichen würden". Es erhellt aus diesem Geständnisse, dass der
letzte Schritt des Anschlusses an die irvingitische
Gemeinschaft in Gestalt einer Art von Opfer des Intellekts,
jedenfalls von Unter-ordnung seiner
theologisch-wissenschaftlichen Überzeugung unter eine
menschliche Autorität, die er als göttlich inspiriert betrachten
zu müssen meinte, zu stande kam. An vorbereitenden Motiven
für diese Gefangennahme seiner lutherisch-kirchlich geschulten
Vernunft unter ein neues, mittelst allegorischer Kunst aus der
Schrift eruiertes Evangelium fehlte es bei der Eigentümlichkeit
seines ideal gerichteten Geistes allerdings nicht. Ein tiefes
Weh ob der auf mehreren Gebieten hervortretenden Gebundenheit
und Zerrissenheit der evangelischen Christenheit erfüllte ihn.
Das Ja und das Nein in der protestantischen Theologie der
Gegenwart, das Nebeneinander von Glaube und Unglaube innerhalb
engerer kirchlicher Genossenschaften und Anstalten, vor allem
auch in den theologischen Fakultäten unserer Zeit, war ihm
namentlich bei seinem Kampfe gegen die Tübinger Kritikerschule
mit schmerzlicher Wirkung fühlbar geworden. Nach einer anderen
Seite hatten die der Vergleichung des Katholizismus mit dem
Protestantismus geltenden Studien ihm die Unzulänglichkeit
unseres evangelischen Kirchenwesens zum Bewusstsein gebracht.
Der Mangel fester kirchlicher Institutionen äusserer Art, die
Unfreiheit der Kirche gegenüber dem Staat und die
verhängnisvolle Verflechtung ihrer Aktionen mit der Politik,
weckte in ihm die Sehnsucht nach reineren, von verweltlichenden
Einflüssen freieren Zuständen der christlichen Gemeinschaft.
Die Heilmittel aber für diesen seinen
Kirchenschmerz suchte er, schon bevor er sich enger an die
Emissäre der apostolischen Gemeinden anschloss, auf einem ganz
anderen Wege als auf dem
Quellenmaterial Seite 27
der Reformatoren. Sein
Christentum und seine Theologie hatten, wenn man so sagen darf,
"keinen paulinischen, sondern eher den johanneischen Typus".
"Die Rechtfertigung durch den Glauben allein, die Freude über
die persönlich erfahrene Versöhnung war nicht so sein Kern und
Stern, wie bei einem Paulus, Luther und so vielen Christen
geringeren Namens. Ohne Zweifel hat er, wie alle rechten
Christen, auch im schweren Kampfe mit der Sünde brechen müssen,
bevor er zum Frieden in Christo gelangte; aber zu einem
paulinischen Bruch mit dem Gesetze ists bei ihm nicht gekommen.
Das Gesetz schwebte ihm mehr nach seiner göttlichen Harmonie und
Herrlichkeit als nach seiner tödlichen Wirkung vor; daher trat
die Heiligung für ihn stärker in den Vordergrund als die
Rechtfertigung ! ... Wäre er im Kampfe mit dem Gesetz zur
Freiheit der Kinder Gottes durchgedrungen wie Paulus, so hätte
er sich die Menschensatzungen der Irvingianer nicht als
göttliche gefallen lassen können. Diese Abhängigkeit von
äusseren Formen und menschlichen Autoritäten – ist freilich
ebensowenig johanneisch als paulinisch: sie ist vielmehr
katholisch, und dass er mit der katholischen Kirche sich in
vielem verbunden fühlte, hat Thiersch nicht geleugnet. Die
römische zog ihn gleichwohl nicht an, weil er in ihr den
Gegensatz gegen die evangelischen Wahrheiten zu deutlich
verspürte; die griechische wäre ihm sonst wohl am
sympathischsten gewesen, aber dort fand er kein Leben mehr. Und
in der protestantischen wollte man seine Forderungen nicht
verstehen; ja was ihm am höchsten galt, fand er hier misskannt,
vernachlässigt, leichthin preisgegeben, wenn nicht gar böswillig
angegriffen. So war er denn dem Boden, auf welchem er stand,
innerlichst entfremdet und vermochte den ihn übernehmenden
Eindrücken der neuen Geistesgaben, die das Wirken der Apostel
aus dem Westen ihm nahe zu bringen schien, nicht zu widerstehen"
(v. Orelli a.a.O.). "Thiersch konnte an Tertullian erinnern; er
hatte zwar nicht das leidenschaftliche Feuer jenes heissblütigen
Afrikaners und sein Stil zeigte nichts von der stossweisen
Gedrängtheit tertullianischer Schriften, vielmehr trug alles was
er schrieb die ruhige Klarheit und das schöne Mass eines
Schülers der Alten an sich. Aber in ihm selbst war immer etwas
Düsteres, und sein grosser religiös-sittlicher Ernst war
pessimistisch gestimmt und zu Übertreibung geneigt. Das
gewöhnliche Christentum ward ihm leicht langweilig, sein Geist
verlangte nach stärker gewürzter Speise, und seine Studien über
die erste Kirche mochten ihm jene charismatischen Zeiten als
Ideal erscheinen lassen" (Luthardt a.a.O.).
Die Wirkung jenes
Carlyleschen Besuches machten sich bald genug in Thiersch'
Lehrweise und sonstigem Wirken bemerklich. Das eschatologische
Element, getragen von heilsgeschichtlicher Typologie und
allegorisierender Schriftbehandlung, trat in seinen Vorlesungen
und Predigten in zunehmender Stärke hervor. Seine Zuhörerschaft
begann sich zu teilen; einen kleineren Teil zog das
Eigentümliche seiner Betrachtungsweise aufs stärkste an; eine
zunehmende Mehrheit wandte sich von ihm ab. Während der
aufgeregten Zeiten des Revolutionsjahres 1848 behauptete er noch
den gewohnten Einfluss auf weitere Kreise; hier vermochte er es
noch bei einer Pastoralkonferenz zu Ziegenhain durch eine
Ansprache über die Vorzeichen der Zukunft Christi auf Grund von
2 Th 2 die ganze Versammlung hinzureissen und in mächtige
Erregung zu versetzen. Gegen das folgende Jahr wurde es anders;
seine Verbindungen mit England wurden bekannt; man erfuhr, dass
er in der Stille die apostolische Ordination erhalten hatte,
dass er das kleine Häuflein seiner Marburger Anhänger mit Wort
und Sakrament bediente, dass er die Aufsicht auch über die
übrigen in norddeutschen Städten sich bildenden apostolischen
Gemeinden übernahm und infolge davon öfters zu ausgedehnten
Reisen genötigt wurde. Wie jedermann in seiner Umgebung, so
erkannte er selbst, dass seine Stellung in der theologischen
Fakultät einer evangelischen Landeskirche unhaltbar geworden
war. Am 1. August 1849 bat er das kurhessische Ministerium um
Enthebung von seiner theologischen Professur – kurz vor dem
Antritt einer Reise nach England, welche seine Bande mit den
Führern des Irvingismus noch enger zu knüpfen diente, sowie
kurz vor Überreichung eines offenen Sendschreibens an den
Marburger lutherischen Superintendenten Merle und an alle
evangelischen Pfarrer Hessens, worin er auf Grund von AG 24, 14
– 16 Rechenschaft gab über seinen Anschluss an die
irvingitischen Gemeinden und über dessen Beweggründe. Noch fuhr
er, auf Wunsch des Ministers Eberhard, wärend des
Wintersemesters 1849/50 zu lesen fort; aber im Frühling 1850
untersagte das neue Ministerium Hassenpflug-Vilmar ihm die
fernere Ausübung seiner akademischen Lehrwirksamkeit, die er
nun, so weit sie eine theologische gewesen, für immer
einstellte. – Sein Wunsch, wenigstens eine
philologisch-historische Dozententätigkeit ausüben zu können,
wurde ihm, ungeachtet er 1853 sich bei der Marburger
philosophischen Fakultät als Privatdozent habilitiert hatte,
durch die seinen Einfluss fürchtende Regierung zunächst noch
vereitelt. Erst seit 1858, nach inzwischen eingetretenem
Ministerwechsel, wurde ihm das Halten von Vorlesungen über
Gegenstände der klassischen Philologie und der alten Geschichte
gestattet; doch konnte, was er auf diesem Gebiete wirkte, nicht
gerade bedeutend genannt werden. Immerhin blieb sein
Wirkungskreis während der auf seinen Austritt aus der
theologischen Fakultät gefolgten weiteren 14 Jahre seines
Marburger Aufenthaltes keineswegs auf die Pastorierung der
kleinen irvingianischen Gemeinden zu Marburg und Kassel
beschränkt. Vermöge jener schon erwähnten ephoralen Stellung in
Bezug auf sämtliche norddeutsche Gemeinden der Sekte hatte er
die Stelle eines Reisepredigers auszuüben, die ihm zur
Erstreckung seines Einflusses in weite Kreise Anlass gewährte,
ihm u.a. gelegentlich eine Audienz bei König Friedrich Wilhelm
IV. in Berlin Gelegenheit zur Darlegung des Eigentümlichen
seiner Anschauungen und Bestrebungen bot und ausserdem
regelmässig wiederkehrende Besuche Englands, behufs Teilnahme an
den Jahreskonferenzen der Leiter seiner Gemeinschaft, bedingte.
Seit 1860 übernahm er die Pflege der irvingianischen Gemeinden
Quellenmaterial Seite 28
Süddeutschlands und der Schweiz,
welche er zunächst vier Jahre hindurch von Marburg aus übte, bis
zu seiner Übersiedelung nach seiner Vaterstadt München im Juli
1864. Auf den um die Mitte der sechziger Jahre in
Oberdeutschland, besonders in Bayrisch-Schwaben (wo übrigens
schon gegen Ende des vorhergehenden Jahrzehnts mehrere
Übertritte angesehener katholischer Geistlicher, wie Dekan
Lutz, Domvikar Spindler etc. zu der Sekte stattgefunden
hatten) hervorgetretenen Aufschwung der irvingianischen
Propaganda hat Thiersch teils direkt, teils indirekt, besonders
durch seinen Schwiegersohn Geering, Prediger der Augsburger
Gemeinde seit 1865, eingewirkt. Er selbst vertauschte 1869
München mit Augsburg als seinem Wohnsitz und unmittelbaren
pastoralen Wirkungskreise. Sein letztes Jahrzehnt, seit 1875,
hat er in Basel zugebracht, nicht mehr als "Evangelist" einer
dortigen apostolischen Gemeinde, sondern als "Hirte" d.i.
Oberhirte sämtlicher Irvingianer-gemeinden der Schweiz,
Süddeutschlands und Österreichs. Einen regen persönlichen
Verkehr mit positiven Theologen der verschiedensten
Denominationen hat er während der ganzen Dauer dieses seines
praktischen Wirkens auf verschiedenen Posten unausgesetzt
unterhalten, und wie er selbst hieraus reichen Gewinn zog und
bis in sein höheres Alter hinein eine ungewöhnliche Frische und
Fülle seines geistigen Interessenkreises sich sicherte, so hat
er nicht aufgehört, wie schriftstellerisch so durch eine
ausgedehnte Korrespondenz, durch Behandlung der
verschiedenartigsten Themata in wissenschaftlichen Vorträgen für
weitere Kreise, und durch persönlichen Verkehr weit über das
engere Bereich seiner kirchlichen Gemeinschaft hinaus anregend
zu wirken. Zahlreiche ältere wie jüngere Theologen und religiös
gerichtete Laien sind ihm auf diese Weise nahe gekommen. Auch
der Verfasser dieses Artikels durfte während der letzten Jahre
von Thiersch' Marburger Aufenthalt gelegentlich mehrfachen
Verkehrs in seinem gastlichen Hause seine nach verschiedenen
Seiten hin anregende Einwirkung mit Dank erfahren (vgl. Ev.
Kirchenzeit. 1886, Nr. 4). Seit dem vatikanischen Konzil waren
es besonders die Theologen des Altkatholizismus und unter ihnen
namentlich Döllinger, mit welchen Thiersch gern über
theologische und kirchliche Fragen verkehrte.
Sein
schriftstellerisches Schaffen gewann infolge seines Anschlusses
an den Irvingismus einerseits an Vielseitigkeit der behandelten
Stoffe und an Frische und Glanz der Darstellung, andererseits
zeigte es im Punkte der wissenschaftlichen Tiefe und
Gründlichkeit einen unleugbaren Rückgang. Ungefähr noch auf
gleicher Höhe mit den Erstlingsarbeiten der Marburger Zeit hält
sich sein 1852 veröffentlichtes Apostolisches Zeitalter, worin
er aus jenem mehr prinzipiell gehaltenen und analytisch
voruntersuchenden "Versuch" wider Bauer das Fazit in Gestalt
einer übersichtlichen pragmatisch-historischen Darstellung zieht
("Die Kirche im apostolischen Zeitalter und die Entstehung der
neutestamentlichen Schriften", Frankfurt a.M. 1852; 3. Aufl.,
Augsburg 1877). Für das eigentümlich Milde, Ökumenische, von
engherzigem Sektengeist Freie seiner christlichen Welt- und
Geschichtsansicht ist die Haltung dieses Werkes
charakteristisch; dasselbe betont weder bei Behandlung der
apostolischen Charismen noch sonst die Sondermeinungen seiner
Partei auffällig stark; enthält sich auch aller
zeitgeschichtlichen Anspielungen und polemischen Ausfälle. An
Eigentümlichkeiten der urchristlichen Geschichtsansicht, sowie
der Auffassung und Lösung einzelner isagogisch-kritischer
Probleme fehlt es selbstverständlich nicht, und trotz der durch
die ganze Anlage des Werks bedingten Knappheit der Fassung und
Fernhaltung alles gelehrten Apparats weiss der Verfasser jede
seiner Annahmen geistvoll zu begründen und in ein möglichst
günstiges Licht zu setzen. – Einen gediegenen Beitrag zur
christlichen Sozialethik bot Thiersch in seinem zwei Jahre nach
dem ersten Erscheinen des "Apost. Zeitalters" veröffentlichten
Büchlein. "Über christliches Familienleben" (Frankfurt und
Erlangen 1854, 7. Aufl. 1876), gleich ausgezeichnet durch die
Geistes- und Gemütstiefe seines Inhalts wie durch die edle
Klassizität seiner Diktion. Eine Art von sachlicher Ergänzung zu
dieser vor allen übrigen in weiteren Kreisen beliebt gewordenen
kleinen Schrift lieferte Thiersch in seinem vorgerückteren Alter
durch Veröffentlichung des Buches "Vom christlichen Staat"
(Frankfurt 1875). Er sucht darin die Anwendung derselben
christlichen Grundsätze, wie er sie dort in Bezug auf die
Familie geltend gemacht, auf das Staats- und Volksleben als
notwendig zu erweisen und "die auf diesen Gebieten gegenwärtig
hervortretenden Probleme im Lichte des Christentums zu
betrachten". Seine nach strenger Rechtsanschauung normierte,
klar durchgebildete und charaktervolle politische Denkweise, wie
er sie früher wiederholt gelegentlich bedeutsamer Krisen des
deutschen Vaterlandes zum Ausdruck gebracht hatte (besonders
1848, in öffentlichen Vorträgen gegen seinen
sozialdemokratischen Kollegen Prof. Bayrhoffer zu Marburg;
sodann 1866 in einem Briefe an Dr. Fabri in Barmen), legt er
hier geschickt und mit eindringlicher Wirkung im Zusammenhange
dar – "gleichsehr liberal, wo es sich um die Freiheit des
göttlichen Rechtes handelt, als strengkonservativ, wo es
göttliche Ordnungen zu schirmen und zu erhalten gilt" (P. Wigand
S. 800). – Zur Darlegung des Wesentlichen seiner politischen
Anschauungen boten ihm auch manche jener populären Vorträge
geschichtlichen Inhalts Gelegenheit, wie er sie seit seinen
letzten Marburger Jahren an verschiedenen Orten hielt und teils
in monographischer Form, teils als Zeitschriftenartikel
veröffentlichte. Es gehören dahin die besonders wegen ihrer
genialen Schlussbetrachtungen über die Orientpolitik der
europäischen Grossmächte lesenswerte Schrift: "Griechenlands
Schicksale vom Anfang des Befreiungskrieges (1821) bis auf die
gegenwärtige Krisis" (Frankfurt 1863; die geistvolle Trias
biographischer Skizzen: "Luther, Gustav Adolf und Maximilian I.
von Bayern" (1869), die anziehende Betrachtung über "Ursprung
und Entwicklung der Kolonien Nordamerikas" (1880), die Studie
über "Edmund Ludlow und seine Unglücksgefährten in der Schweiz"
(1881), sowie mehrere Abhandlungen in der Allgemeinen
konservativen Monatsschrift seit 1879 (über Napoleon I., über
Abessinien
Quellenmaterial Seite 29
etc). – Als teils dem
politischen, beziehungsweise sozialpolitischen, teils dem
ethischen Bereiche angehörige Gelegenheitsschriften reihen wir
den hier erwähnten nach an: "Das Verbot der Ehe innerhalb der
nahen Verwandtschaft, nach der hl. Schrift und nach den
Grundsätzen der christlichen Kirche dargestellt" (1869); "Über
vernünftige und christliche Erziehung der Kinder" (1864); "Die
Strafgesetze in Bayern zum Schutze der Sittlichkeit, den
neuesten Abschwächungsversuchen gegenüber verteidigt" (1868);
"Über die Gefahren und die Hoffnungen der christlichen Kirche.
Fünf Vorträge", 1877; 2. Aufl. 1878.
Die letztgenannte
Zusammenstellung von Vorträgen leitet hinüber zu den Schriften
praktisch-erbaulichen Inhalts, deren Thiersch mehrere
hinterlassen hat. Es gehören dahin: "Am Anfang und am Ende des
Krieges. Drei Predigten" (1871); "Homilien über die
Sonntagsevangelien der Fastenzeit" (1874); sowie einige Beiträge
zur erbaulichen Schriftauslegung: "Die Gleichnisse Christi nach
ihrer moralischen und prophetischen Bedeutung" (2. Aufl. 1875);
"Die Bergpredigt Christi nach ihrer Bedeutung für die Gegenwart"
(2. Aufl. 1878); "Die Genesis nach ihrer moralischen und
prophetischen Bedeutung" 1869 (2. Aufl. 1877 unter dem Titel:
"Die Anfänge der heiligen Geschichte nach dem 1. Buch Mosis")
und : "Blicke in die Lebensgeschichte des Propheten Daniel"
(1884). Interessanten Inhalts ist die während des Basler
Aufenthalts von Thiersch in Gemeinschaft mit einem seiner Söhne
ausgearbeitete und pseudonym veröffentlichte Schrift: "Die
Physiognomie des Mondes. Versuch einer neuen Deutung im
Anschluss an die Arbeiten von Mädler, Carpenter, Nasmyth etc.
Von Asterios (Nördlingen 1879; 2. Aufl. Augsburg 1883). Es ist
das Problem der Entstehung des Mondes und im Zusammenhange damit
das der Genesis des Planetensystems überhaupt, das er in dieser
anziehend geschriebenen und mit Lichtdrucktafeln ausgestatteten
Schrift einer genaueren Untersuchung unterwirft. Das dermalige,
mit Löchern und Narben bedeckte Aussehen der Mondoberfläche
sucht er aus urzeitlichen Katastrophen von der Art heutiger
Meteorsteinfälle oder Meteoritenregen zu erklären, indem er
Hypothesen verwandter Art in Bezug auf Werden und Gestaltung der
Planeten, der Sonne etc. damit kombiniert und so einen Beitrag
zur Himmelskosmogenie (direkt entgegengesetzt der Laplaceschen
Weltbildungshypothese, dagegen verwandt der Proctorschen
Agglomerationstheorie) darbietet oder wenigstens anzuregen
sucht. Die von genialem Scharfsinn und von nicht
unbeträchtlicher Belesenheit und Erudition auf
astro-physikalischem Gebiete zeugende Schrift ist, wie sich dies
kaum anders erwarten liess, seitens der zünftigen Naturforscher
nur wenig beachtet worden, beansprucht aber als Denkmal von der
bewundernswerten Vielseitigkeit der wissenschaftlichen
Bestrebungen und Kenntnisse ihres Autors jedenfalls ein hohes
Interesse.
Diejenigen
literarischen Arbeiten aus Thierschs irvingianischer Epoche,
deren Verdienstlichkeit am wenigsten bestritten werden kann und
die tatsächlich eine allseitige Anerkennung, auch ausserhalb des
engeren Kreises seiner Verehrer, gefunden haben, gehören dem
Bereiche der Biographie an. Diesen Zweig der historischen
Literatur kultivierte er mit hervorragender Meisterschaft,
mochten es nun Persönlichkeiten aus mehr oder weniger entlegener
Vergangenheit, an welchen er sich versuchte, oder Zeitgenossen
und ihm selbst nahestehende Personen sein. Einiges hierher
Gehörige ist bereits oben in anderem Zusammenhange von uns
genannt worden. Als eine Ergänzung zu jenem Lebensbilde des
deutschen Reformators, das er mit dem Gustav Adolfs und Max I.
von Bayern herausgegeben hatte, liess er später eine mit
Meisterhand gezeichnete Skizze vom Praeceptor Germaniae folgen
(Melanchthon. Vortrag 1877); desgleichen ein Lebensbild J.
Wesleys (1879), und ein solches von Lavater (1881). Liegt der
Wert solcher knapp gehaltenen Skizzen naturgemäss weniger im
Zutagefördern neuer Aufschlüsse als in der geistvoll
charakterisierenden Art des Zeichnens, so tritt in dem, was
Thiersch an Beiträgen zur Biographie der unmittelbaren
Zeitgenossenschaft geliefert hat, ein reiches Quantum originaler
Mitteilungen und gewissenhaft ausgeschöpften Quellenmaterials
hinzu. Die drei Männer, welche er als Gegenstände eines solchen
eingehenderen Schilderns sich erwählt hat, gehörten zu seinen
nächsten, ihm teuersten Verwandten. Zuerst war es ein mit
liebender Hand gezeichnetes Lebens- und Charakterbild seines
Schwagers, des frühverstorbenen v. Schaden, womit er sich auf
diesem Felde der zeitgenössisch-biographischen Literatur
legitimierte (Erinnerungen an Emil August v. Schaden, Frankfurt
1853); dann galt es dem teuern Vater und seinen hervorragenden
Verdiensten um die klassische Altertumswissenschaft, das
bayerische und deutsche Schulwesen und die Befreiung
Griechenlands ein ehrendes Denkmal zu setzen (Friedrich
Thierschs Leben, 2 Bände, Leipzig 1866); endlich schildert er in
ähnlicher Ausführlichkeit die Wirksamkeit seines Schwiegervaters
Zeller (Christian Heinrich Zellers Leben, 2 Bände, Basel 1876).
Ausser dem religiös-kirchlichen Bereiche, und teilweise mehr als
das, waren es die Gebiete der spekulativen Philosophie, der
klassischen Philologie, der Pädagogik und des modernen geistigen
Kulturlebens überhaupt, über deren geschichtliche Entwicklung in
neuerer Zeit hier wertvolle Aufschlüsse gespendet wurden.
Wie aus der hier
vorgeführten Reihe der Schriften von Thiersch, die mit ihren
Publikationsterminen bis in sein vorletztes Lebensjahr
hineinreicht, ersichtlich ist, hat seine literarische
Produktivität bis in sein höheres Alter ohne wesentliche
Schwächung fortgedauert. Die volle geistige Frische und
Rüstigkeit, deren er sich auch noch in der Basler Zeit, während
er dem 70. Jahre immer näher rückte, erfreuen durfte, beruhte in
nicht unwesentlichem Masse darauf, dass er mit geistigem
Verausgaben ein einnehmendes und assimilierendes Verhalten stets
zweckmässig zu verbinden wusste. "[hier drei Worte in
griechischen Schriftzeichen]" rief, mit Solons Worten, der
65jährige Greis in Basel seinem Schwiegersohne zu, als dieser
ihn aus einer historischen Vorlesung Jak. Burkhardts kommen sah.
Neben den Vorträgen dieses Historikers waren es die von
Steffensen
Quellenmaterial Seite 30
über Geschichte der Philosophie,
wovon der greise Basler Studierende sich besonders angezogen
fühlte. In seinem teils lernenden teils lehrenden
wissenschaftlichen Verkehr und Ideenaustausch griff er aber noch
viel weiter, und für fruchtbringende Wiedergabe und lehrhafte
Verwertung dessen, was er auf diese Weise in sich aufnahm,
sorgte er durch Beteiligung an öffentlichen Wintervorträgen vor
wissbegierigem Laienpublikum, sowie durch Abhaltung jener
"gemütlichen Privatissima" über biblisch-exegetische Materien
(AG, Hebräerbriet etc), zu welchen er Theologiestudierende bis
kurz vor seinem Ende um sich zu versammeln pflegte. "Die
Weltgeschichte blieb ihm ein Lieblingsfach, wo er, namentlich in
Bezug auf England, selbstständige Studien machte; die neuesten
Entdeckungen auf physikalischem Gebiete elektrisierten ihn
ebenso, wie die Ausgrabungen des Ägyptologen und Assyriologen
... Kurz, der Humanist war bei ihm nicht begraben, sondern so
aufgeweckt, dass man sich wohl etwa fragte, wie dieses
vielgeschäftige Interesse mit der Erwartung der Zukunft des
Herrn als einer unmittelbar bevorstehenden sich reime. Allein
auch hierin bestand für ihn kein Gegensatz. Der Schwerpunkt
seines Wesens und der Zielpunkt seines Strebens wurde durch
jenes Vielerlei seiner wissenschaftlichen Interessen nicht
verschoben: das "Alles ist euer, ihr aber seid Christi" war in
ihm zur Wirklichkeit geworden ... Wie lebte er doch auf, als
(Anfang 1884) die neu aufgefundene "Lehre der Apostel" aus dem
2. Jahrhundert bekannt wurde ! Das war Geist von seinem Geist:
eine schon ziemlich gesetzlich gewordene Kirchenordnung, welche
doch den "Propheten" noch so viel Spielraum liess – das war ein
Bild, welches auf ihn, wie er sagte, einen "rührenden Eindruck
machte; daraus wehte ihm heimatliche Luft entgegen" (v. Orelli
a.a.O., S. 412 f). – Dass er an den prophetisch-eschatologischen
Anschauungen und Erwartungen des Irvingianismus bis an sein Ende
mit voller Überzeugung festhielt, gab sich weniger in den
Schriften seiner letzten Jahre ( - doch vgl. unter diesen jene
schon erwähnten Vorträge über die "Gefahren und Hoffnungen der
Kirche" - ), als in mündlichen Äusserungen zu erkennen,
besonders in solchen, die er an den engeren Kreis seiner Freunde
und Angehörigen richtete. Zu seinem Schwiegersohne P. Wigand
sagte er einst, als dieser ihm erzählte, er werde in
Norddeutschland von Gegnern der apostolischen Gemeinden oft
gefragt, was diese tun würden, wenn nun auch noch der letzte
ihrer Apostel vor dem Kommen des Herrn dahin stürbe: "Nicht wir
werden etwas tun, sondern wir haben nur darauf zu achten, was
der Herr tut ! Und was der im entgegengesetzten Falle zu tun
vor hat, wissen wir nicht, kann uns auch nicht beunruhigen"
(Wigand a.a.O., S. 810). [Beachtenswert: Worte, wie sie auch im
Jahre 2001 in der Neuapostolischen Kirche gepredigt werden
könnten!]
Während des
Winters 1884/85 befiel Thiersch, der sich bis dahin, abgesehen
von der, seit seiner Kindheit ihm anhaftenden Lähmung des einen
Fusses, einer guten Gesundheit erfreut hatte, ein Leiden
ernsterer und schmerzhafter Art, das ihn zu allmählicher
Einschränkung seiner literarischen Tätigkeit auf blosse Lektüre
nötigte. Es entwickelte sich Tuberkulose, die den ganzen Körper
ergriff, und, nach mehrmonatlichem schwerem Leiden, in der Frühe
des 3. Dezember 1885 seinen Tod herbeiführte. – In seinem
literarischen Nachlass befand sich, ausser einem kurzen (als
Manuskript gedruckten und auf einen engeren Kreis von Schülern
und Anhängern beschränkt gebliebenen) Abriss einer
Pastoraltheologie, ein nicht ganz zum Abschluss gediehenes
populär-dogmatisches Lehrbuch in Katechismusform, welches
unmittelbar nach seinem Tode unter dem Titel: "Inbegriff der
christlichen Lehre" erschien (Basel, F. Schneider) und rasch
eine zweite Auflage erlebte. Diese Schrift, deren Ausarbeitung
für den Druck ihn bis in seine letzte Leidenszeit hinein
beschäftigt hatte und die in gewissem Sinne als sein geistliches
Vermächtnis an die Nachwelt gelten darf, ist von ihm "dem
christlichen Volk insgemein zur Erbauung und Belehrung, sowie
der reiferen Jugend zur Mitgabe bestimmt worden" und gibt
allerdings in manchem ihr Hervorgegangensein aus dem, was
Thiersch jahraus jehrein im Konfirmandenunterricht zu lehren
pflegte, zu erkennen. Aber vieles darin setzt doch eine höhere
Fassungskraft als die des christlichen Volks und der Jugend
voraus; und trotz mehrfacher Anlehnung an Inhalt und Ausdruck
des Lutherischen Kathechismus hat das Buch doch nicht dauernd
Eingang in lutherisch-pastorale Kreise gewonnen. Erklärlich;
denn das spezifisch Irvingianische des Lehrgehalts tritt – trotz
der auch hier wahrnehmbaren Symptome von grosser Milde und
ökumenischer Weitherzigkeit – auf nicht wenigen Punkten deutlich
zu Tage. Es lautet ökumenisch und prinzipiell
anti-sektiererisch, wenn (S. 84) es als eine "Verirrung" beklagt
wird, des eingetretenen grossen Abfalls wegen sich von der
Kirche zu trennen, oder wenn (S.81) die Spaltungen in der Kirche
mit den "Entzweiungen in einer Familie", den Streitigkeiten von
Brüdern und Schwestern, die zur Betrübnis ihres Vaters nicht
mehr in einem Hause wohnen wollen etc., verglichen werden.
Allein die Art, wie vom Abfall unserer Zeiten, vom Gegensatz
zwischen der Kirche Christi und der im Argen liegenden Welt
geredet wird, irvingisiert doch stark genug, und der gesetzlich
katholisierende Zug, welchen Thiersch überhaupt in seiner
Lehrweise nie verleugnen konnte, erscheint nicht wenigen seiner
Darlegungen aufgeprägt. Ein Hervortreten irvingianischer
Sonderlehren macht sich ebensowohl bei der Erklärung des
Vaterunsers bemerklich (wo das Geschehen von Wundern und Zeichen
ausdrücklich mit zu den Gegenständen der ersten Bitte gerechnet
und Luthers Satz in der Auslegung der zweiten Bitte: "Gottes
Reich kommt wohl ohne unser Gebet" geradezu bestritten wird),
wie bei Behandlung der Lehre von der Kirche (wo u.a. die
Einsetzung nicht "des Amtes", sondern "der Ämter" durch Christum
als charakteristisch hervortritt), sowie vor allem bei der
Sakramentslehre (wo die fünf ausserprotestan-tischen Sakramente
des Katholizismus als "Nebensakramente" neben Taufe und
Abendmahl ihre Stelle finden, und zumal hinsichtlich der
Eucharistie die Behauptung einer Wandlung der Elemente und die
Forderung einer
Quellenmaterial Seite 31
Epiklesis [=Anrufung] des hl.
Geistes zum Behuf dieser Wandlung als unlutherische Momente sich
bemerklich machen). Wäre das Werk zur Vollendung gediehen und so
auch noch das Lehrstück von den letzten Dingen zu spezieller
Behandlung gelangt, so würde das spezifisch Irvingianische
seines Inhalts noch fühlbarer zu Tage getreten sein. Doch
mangelt es dem Buche, auch schon so wie es vorliegt, nicht an
bedeutsamen Kriterien seines Herrührens von dem Theologen, der
für die Verbreitung irvingianischer Lehren und Anschauungen auf
dem europäischen Kontinent unzweifelhaft das wichtigste getan
hat.
Zöckler +
Methodisten, Adventisten
und Neu-Apostolische Gemeinde
(Neu-Irvingianer).
Eine kurze Darstellung ihrer
Geschichte
und ihrer Lehren für Gebildete
und das Volk
von
Dr. Max Heimbucher,
o. Hochschulprofessor am K.
Lyzeum in Bamberg.
Mit kirchlicher
Druckgenehmigung.
Regensburg 1916.
Verlagsanstalt vorm.
G. J. Manz,
Buch- und
Kunstdruckerei A.-G., München - Regensburg
Vorrede.
Verehrter
Herr Professor !
Die Sekten der Methodisten, der
Adventisten und der Neu-Apostolischen Gemeinde
entfalten gerade jetzt in der Kriegszeit [1. Weltkrieg] eine
eifrige Tätigkeit, und zwar nicht ohne Erfolg. Ich habe
bereits einige aufklärende Vorträge über die Adventisten
gehalten, wobei mir Ihr Schriftchen ("Die Adventisten", Bamberg
1911) sehr gute Dienste leistete. Ich möchte nun auch über die
Methodisten und über die Neu-Apostolische Gemeinde Vorträge
halten; doch fehlt es mir an der nötigen Literatur, die mir über
die Bestrebungen der genannten Sekten Aufklärung bieten würde.
Ich bitte Sie, mir baldgefällig solche Schriften zu bezeichnen.
Vielleicht sind bereits von katholischer Seite
Aufklärungsschriften erschienen.
Indem ich im
voraus für Ihre Mühewaltung verbindlichst danke, verbleibe ich
mit ehrerbietigem Gruss
Ihr
dankbarer Schüler.
____________________
Hochwürdiger Mitbruder !
Schriften, welche
über die Methodisten und die Neu-Apostolische Gemeinde
ausführlicher unterrichten, sind sogar in grösseren Bibliotheken
nur spärlich vorhanden. Sie stammen ausschliesslich von
nichtkatholischen Verfassern und sind zudem teilweise veraltet.
Ich habe deshalb auf den folgenden Blättern das Wichtigste über
die beiden Religionsgenossenschaften selbst zusammengestellt. Da
auch mein Schriftchen über die Adventisten, soviel ich weiss,
vergriffen ist, so habe ich die Abhandlung, mit verschiedenen
Ergänzugen versehen, gleichfalls neu beigefügt. Ein Verzeichnis
der wichtigsten Literatur über alle drei Gemeinschaften finden
Sie im Anhang.
Durch die
Veröffentlichung meiner Arbeit im Drucke glaube ich auch andern
Mitbrüdern einen kleinen Dienst zu erweisen. Ja, ich zweifle
nicht, dass auch gebildeten Laien und weiteren Volkskreisen eine
kurze Aufklärung über die drei genannten Kirchen sehr erwünscht
ist.
Ihren Bemühungen besten Erfolg
wünschend, bin ich mit freundlichem Gruss
Bamberg, am heiligen Osterfeste
(23. April) 1916.
Ihr
dienstbereiter Lehrer
Professor
Dr. Max Heimbucher.
Quellenmaterial Seite 32
3. Die Neu-Apostolische Gemeinde
(Neu-Irvingianer).
Die
Entstehungsgeschichte der Neu-Apostolischen Gemeinde oder
der Neu-Irvingianer führt uns von Amerika wieder nach Europa und
zwar zunächst nach England zurück. Doch ist es nicht der
südliche Teil Grossbritanniens, in dem die Wiege des Methodismus
gestanden war, sondern der nördliche Teil oder Schottland, wo
einige Jahrzehnte nach Wesleys Tod ein anderer Erweckungsredner
auftrat und den Grund zu einer neuen Kirche legen sollte. Es war
Edward Irving (sprich: Örwing).
Irving wurde am
4. August 1792 in dem Städtchen Annan im südlichen Schottland
geboren. Seine Eltern, vermögliche und angesehene
Lohgerberseheleute, gaben ihren drei Söhnen und fünf Töchtern
eine gute Erziehung und hielten sie zu fleissigem Kirchenbesuch
an, obschon der dem Trunk ergebene presbyterianische
(calvinistische ) Pfarrer grossen Anstoss gab. Eduard zeigte im
Gegensatz zu seinen Brüdern keinen besonderen Lerneifer, jedoch
Vorliebe für Mathematik, in die ihn ein blinder Lehrer
eingeführt hatte. Mit dreizehn Jahren bezog er die Universität
Edinburgh und erhielt bereits als Siebzehnjähriger auf
Empfehlung seines Lehrers Leslie eine Lehrstelle für Mathematik
an der Schule in Haddington. Ein Jahr darauf wurde er sogar
Rektor der neugegründeten Akademie in Kirkaldy. Hier befreundete
er sich mit dem englischen Geschichtschreiber Thomas Carlyle (+
1881), der an der gleichen Schule als Lehrer wirkte und später
das englische Volk mit Schiller, Goethe und andern deutschen
Klassikern bekannt machte.
Neben den
Obliegenheiten seines Lehramtes widmete sich Irving dem Studium
der Theologie und besuchte, wenn auch kaum regelmässig,
die auf wenige Wintermonate sich erstreckenden Vorlesungen an
der Universität Edinburgh. Im Juni 1815 erhielt er vom
Presbyterium die Erlaubnis zu predigen. Doch fand seine
"gespreizte" Predigtweise zunächst keinen Beifall, und die
erwünschte Anstellung im Kirchenamt blieb aus. Da auch das
Lehramt ihn nicht mehr befriedigte, zog er 1818 von Kirkaldy
ganz nach Edinburgh, wo er nun mit sprachlichen und
naturwissenschaftlichen Studien sich befasste. Schon dachter er
daran, als Missionär nach Persien zu gehen, als ihn der
hochangesehene Prediger Thomas Chalmers (+ 1847) in Glasgow, der
später (1843) selbst aus der schottischen Staatskirche austrat
und die "Freie presbyterianische Kirche Schottlands"
mitbegründete, als seinen Gehilfen annahm (Oktober 1819).
Irving hatte
schon von Kirkaldy aus öfters Chalmers' Predigten besucht und
ihn nachzuahmen sich bemüht. Doch machte auch in Glasgow mehr
seine äussere Erscheinung – Irving war auffallend gross und trug
lange, bis zu den Schultern herabwallende schwarze Haarlocken –
als der Inhalt seiner langen, noch dazu meist abgelesenen
Predigten Eindruck. Grösseren Erfolg erzielte er in der
Armenpflege, beim Hausbesuch von 300 Weber- und Spinnerfamilien,
die ihm lange ein dankbares Andenken bewahrten.
Im Jahre 1822
wurde Irving zum Minister (Seelsorger) der kleinen, kaum 50
Seelen umfassenden nationalschottischen (sogenannten
kaledonischen) Gemeinde in London gewählt. Er verabschiedete
sich in Glasgow mit einer (auch im Druck erschienenen) Predigt,
in welcher er der Gemeinde dankte, dass sie ihn drei Jahre
ertragen habe, und zugleich die Aufgabe entwickelte, die er für
seine fernere Wirksamkeit sich gesetzt hatte. Die
Zeitverhältnisse erforderten nicht blosse Statisten, die an die
hergebrachte Form des Dienstes sich halten, dem abgedroschenen
Kreislauf der Pflicht nachgehen und dann befriedigt sich
niederlegen. "Es bedarf (vielmehr) waghalsiger Abenteurer, die
von der erhabenen Höhe einer heiligen und himmlischen Gesinnung
aus all den Jammer ins Auge fassen, der auf der Religion lastet,
und all die Hindernisse, die ihren Lauf hemmen, und dann mit der
Selbstverleugnung und dem Glauben eines Apostels herabsteigen,
um gegen dies alles den Kampf zu beginnen."
In ähnlicher
Weise schrieb er an seinen Nachfolger, den Rektor Martin in
Kirkaldy, dessen Tochter Isabella er im Herbst 1823 ehelichte:
"Man muss die Sache ganz anders anfangen, als es bisher
geschehen ist; das Christentum muss in einem mehr heroischen
Sinn betrieben werden."
Dann liess sich
Irving vom Presbyterium in Annan die Sendung erteilen und zog
nach London. Hier fanden seine blumenreichen, feurigen Predigten
alsbald grossen Anklang. Selbst im Parlament ward auf die
Beredtsamkeit Irvings hingewiesen, der in der Weise eines
alttestamentlichen Propheten den Niedergang der Sittlichkeit und
des religiösen Lebens, besonders in der vornehmen Welt,
schilderte und Hoch und Nieder zur Busse und Besserung aufrief.
Mit solcher Wärme und Überzeugung hatte seit Wesley und
Whitefield niemand mehr in London gepredigt. Bald musste für
Irving der Bau einer neuen Kirche am Regent-Square begonnen
werden.
Freilich fehlte
es auch nicht an Widerspruch. In Zeitungen sowohl wie
in einem eigenen, schon 1823 erschienenen Schriftchen wurde
Irving der Übertreibung beschuldigt. Auch Walter Scott (+ 1832),
der berühmte schottische Dichter und Romanschriftsteller, gewann
(nach einem Briefe vom 12. April 1825) den Eindruck, dass Irving
auf die äussere Form zu viel Wert lege und eine gewisse Reinheit
und Ausgeprägtheit vermissen lasse. Doch Irving liess sich in
der Überzeugung, ein "Herold Gottes" zu sein, nicht irre machen.
Noch 1823 veröffentlichte er ein grösseres Werk: "Für die Orakel
Gottes (vier Reden); Für das Kommen des Gerichts (ein Nachweis
in 9 Teilen)." In diesem Buch sagte er, dass neun Zehntel der
Bewohner Englands nichts von den göttlichen Offenbarungen
wissen, was darauf zurückzuführen sei, dass diese in
ungenügender Weise gepredigt werden. Zugleich brandmarkte er
zwei eben erschienene Dichtungen "Vision des Gerichts" von
Southey und
Quellenmaterial Seite 33
Lord Byron als schlimme Zeichen
der Zeit; brandmarkte sie (wie er schrieb) "nicht als Theologe,
sondern als Mensch, nicht als Diener der Kirche, sondern als
Christ". Als darauf die Londoner Tageszeitung "The Times" einen
heftigen Angriff gegen Irving brachte, in dem es hiess, "es
könne sicher nicht mehr lange dauern, bis diese Wasserblase
einmal platze," erklärte er in der Vorrede zur dritten Auflage,
das Urteil einer Nation von gottlosen Kritikern könne wenig
Eindruck machen auf einen Mann, der mit dem Bewusstsein seiner
Überzeugung und unter der Leitung der Orakel der Wahrheit
schreibe.
Grosses Aufsehen
erregte es auch, als Irving bei einer am Jahresfest der
englischen Missionsgesellschaft am 14. Mai 1824 gehaltenen, fast
drei Stunden währenden Predigt die Abnahme der Missionserfolge
und das völlige Aufhören der Wunder und Kräfte, die der Herr
seinen Boten verheissen habe, auf die Nichtbeachtung des
Herrenwortes (Matth. 10, 9 f) zurückführte: "Besitzet weder Gold
noch Silber noch (anderes) Geld in euren Gürteln, auch keine
Tasche auf dem Wege, noch zwei Kleider, nicht Schuhe, noch Stab;
denn der Arbeiter ist seines Unterhaltes wert."
In dieser Predigt
erklärte Irving bereits auch, dass das "fünffältige Amt" der
Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer, das
Christus (nach Eph. 4, 11) eingesetzt habe, zu den ewigen
unabänderlichen Grundlagen der Kirche gehöre.
Weitere Gedanken
und Anregungen, die für seine Entwicklung von grösstem Einfluss
waren, schöpfte Irving in einem kleinen Kreis von Männern, die
der reiche Londoner Bankier Henry Drummond (+ 1860) um
sich versammelte. Drummond hatte schon in jungen Jahren als
Parlamentsmitglied Aufsehen erregt, dann weite Reisen gemacht,
auch das Heilige Land besucht und überall auf dem europäischen
Festland einen Niedergang des religiösen Lebens bemerkt. Er
stiftete zur Hebung des geistlichen Zustandes des Kontinents die
"Kontinen-talgesellschaft" und war emsig bedacht, auch in
England selbst der kirchlichen und sittlichen Not zu steuern. Zu
seinen Vertrauten zählten Hutley Frere und Lewis Way, welche
beide Schriften über die Geheime Offenbarung verfasst hatten und
bald auch Drummond für ihre Anschauung gewannen, dass nach den
Weissagungen der Heiligen Schrift die Zeit des Antichrists
gekommen sei und deshalb die – Wiederkunft Christi
erwartet werden müsse. Welch Gedanke schien geeigneter, in
England und auf dem Festland eine religiöse Erneuerung
herbeizuführen ? Doch, wer sollte die grosse Menge von
seiner Wahrheit überzeugen ? Dazu bedurfte es eines Predigers,
wie es Irving war. Hutley Frere übernahm es, Irving von
der Richtigkeit dieser Schriftauslegung zu überzeugen, und der
sonst so selbständige Irving liess um so leichter sich
überreden, als er im Wirken des Antichrists die Ursache zu
erkennen glaubte, weshalb die Bosheit der Geister immer mehr
zunahm.
Drummond
bestimmte den Irving, beim Jahresfest der
Kontinentalgesellschaft im Frühjahr 1825 die Predigt zu halten.
In dieser stundenlangen, bald in erweiterter Form in zwei Bänden
unter dem Titel "Babylon und Unglauben nach Gottes
Vorherbestimmung" veröffentlichten Predigt entwickelte Irving
bereits seine Gedanken vom Ende der Welt und der Wiederkunft
Christi. Und im Anschluss an seinen Lehrer Frere und nach dem
Vorgang William Millers, des Stifters der Adventisten, bot auch
er eine – Berechnung der Zeit des
Weltendes.
Irving ging dabei von der
Stelle beim Propheten Daniel (12, 7) aus, wo der in Linnen
gekleidete Mann beim ewig Lebenden schwört: "Bis zu einer Zeit
und zwei Zeiten und einer halben Zeit, wenn die Zerstreuung der
Macht des heiligen Volkes aufs höchste gekommen ist, wird dies
alles erfüllt werden," das heisst das Ende kommen. Die gleiche
Angabe von 3 ½ Zeiten findet sich auch bei Daniel im 7. Kapitel.
Hier ist von vier (die vier aufeinanderfolgenden Weltreiche
darstellend) Tieren die Rede. Das vierte Tier hat zehn Hörner
auf dem Haupte. Diese sind zehn Könige, und nach ihnen wird ein
anderer König aufstehen, der noch mächtiger sein wird als die
früheren und drei Könige niederwerfen wird (Vers 24). "Er wird
Reden gegen den Allerhöchsten ausstossen und die Heiligen des
Allerhöchsten zu Boden treten und darauf sinnen, Zeiten und
Gesetze ändern zu können, und sie werden bis auf eine Zeit und
zwei Zeiten und die Hälfte einer Zeit in seine Hand gegeben
sein" (Vers 25).
Irving hielt es
für ausgemacht, dass die 3 ½ Zeiten 3 ½ Jahre seien, da
es in der Geheimen Offen-barung 11, 2 heisse: "Sie werden die
heilige Stadt zertreten 42 Monate lang." Ebenso seien im Vers 3:
"Und ich werde meinen zwei Zeugen verleihen, dass sie weissagen
1260 Tage lang" die Tage als Jahre zu nehmen, und diesen wieder
die 3 ½ Zeiten gleichzusetzen ! Irving hielt es aber auch für
ausgemacht, dass der mächtige gottlose König bei Daniel, wie
desgleichen "Babylon, das grosse, das mit dem Zornwein seiner
Unzucht alle Völker getränkt hat" (Offb. 14, 8), Rom oder das
Papsttum bedeute. Nun rechnete er also: Die Herschaft Babylons,
das ist des Papsttums, Begann im Jahre 533 mit der Gesetzgebung
Kaiser Justinians I., die dem Papst die Herrschaft über die
ganze Kirche einräumte (was freilich unrichtig ist, da Justinian
auch der Kirche gegenüber den Satz "Des Königs Wille ist
oberstes Gesetz" zur Geltung brachte, und die geistliche Gewalt
des Papstes diesem von Christus verliehen ist). Das Reich des
Antichrists, das mit dem Jahre 533 seinen Anfang nahm, dauert
aber 1260 Jahre, folglich geht es zu Ende mit dem Jahr 1793, dem
Entscheidungsjahr der französischen Revolution. Dieses Jahr ist
für das Papsttum der Anfang vom Ende. In diesem Jahr begann das
Gericht über Babylon und den Unglauben. In den seit damals
verflossenen 30 Jahren wurden bereits die sechs ersten
Zornesschalen (Offb. 16) ausgegossen. Ja, auch die siebente
Schale zittert schon in der Hand des Engels. Deshalb ist das
Ende und die völlige Vernichtung Babylons zu erwarten und steht
das Kommen des Herrn und die Aufrichtung des tausendjährigen
Reiches bevor, wofür Irving das Jahr – 1864 ansetzte. Und
er war fest
Quellenmaterial Seite 34
überzeugt, dass niemand an der
Richtigkeit seiner Aufstellung zweifeln könne !
In der Tat
liessen auch jetzt wie einst zu William Millers Zeiten viele
Laien, ja selbst hervorragende Geistliche der Anglikanischen
Kirche sich betören. Irving übersetzte ein 1816 in London
erschienenes spanisches Werk "Über das Kommen des Herrn in
Herrlichkeit und Majestät," und seine Anhänger begrüssten das
zweibändige Werk mit jubelndem Beifall.
Für die weitere
Entwicklung Irvings und seiner Adventkirche waren von hoher
Bedeutung die Versammlungen, die auf Lewis Way's Rat
Henry Drummond vom Advent 1826 an alljährlich auf seinem
Landsitz Albury-Park veranstaltete. Die Besprechungen
der Londoner "Prophetenschule" in diesen Konferenzen erschienen
seit 1827 – als "Dialoge über Prophetie" auch im Drucke; ja,
seit 1829 wurde eine eigene Zeitschrift für Prophetie: "Die
Morgenwache" herausgegeben. Irving nahm an den Versammlungen
regelmässig teil, ohne indes, wie es scheint, eine tonangebende
Rolle gespielt zu haben. Er war mehr Empfänger als Spender und
betrachtete es als seine Hauptaufgabe, das Kommen des Herrn
sowohl einzelnen wie ganzen Gemeinden zu verkünden. Das
tat er mit allen Mitteln seiner Beredsamkeit sowohl in seiner am
11. Mai 1827 eingeweihten neuen Kirche am Regent-Square in
London als auch in den Provinzen. Während er indes in London
viele der früheren Zuhörer durch seine langen Predigten über die
neue Lehre vertrieb, hatte er in seiner Heimat Annan und in
andern Städten Schottlands um so grösseren Erfolg. Bei seiner
zweiten Missionsreise dahin (1829) soll er oft vor mehr als
10'000 Menschen von einem im Freien aufgestellten Pult oder vom
Kirchenfenster aus bis zu 4 Stunden die Geheime Offenbarung des
heiligen Johannes ausgelegt haben. Zu Chalmers sagte er, es gebe
in England keinen Winkel mehr, wo die Prophetie und die
bevorstehende zweite Ankunft Christi keine überzeugten Anhänger
hätte.
Wohl gab es
bereits damals Stimmen, welche die Rechtgläubigkeit Irvings
bezweifelten. Insbe-sondere erregten Aufsehen seine, auch
in einer Schrift "Über die Lehre von der Menschwerdung" (des
Sohnes Gottes) niedergelegten Anschauungen über die menschliche
Natur Christi, die er als "sündliche" bezeichnete, ohne Christus
indes die Erbsünde oder eine persönliche Tatsünde zuzuschreiben.
Doch die grosse Menge kümmerte sich darum um so weniger, als sie
zu jener Zeit eine neue machtvolle Ausgiessung des Heiligen
Geistes erwartete. Ein schottischer Geistlicher J. Haldane
Steward hatte in einem eigenen Schriftchen aufgefordert, alle
kirchlichen und religiösen Gegensätze beruhen zu lassen und in
flehentlichen Gebeten um eine neue Geistessendung sich zu
vereinigen. Andere wie Campbell, Story und Alexander Scott, eine
zeitlang Irvings Assistent, schlossen sich ihm an. Scott sprach
die Erwartung aus, dass damit auch die ausserordentlichen
Wundergaben der Urkirche wieder aufleben würden, während Irving
selbst damit die Hoffnung auf eine Wiederbelebung des
"fünffältigen Amtes" verband. Und sie täuschten sich nicht !
Die neue
Geistessendung erfolgte in der Pfarrei Rosneath, wo der genannte
Story Pfarrer war, und zwar im Dörfchen Fernicarry.
Hier war im Jahre 1828 ein junges Bauernmädchen Isabella
Campbell im Rufe grosser Frömmigkeit gestorben. Auch ihre
Schwester Mary, eine Näherin, genoss diesen Ruf. Sie war
willens, sich zu verheiraten und dann mit ihrem Mann als
Missionarin nach den Südsee-Inseln zu gehen. Als ihr Bräutigam
starb, erkrankte sie indes, und alles befürchtete den baldigen
Tod des schwindsüchtigen Mädchens. Mary selbst jedoch erwartete,
von Irvings Predigt ergriffen, mit Zuversicht ihre Genesung
durch Gebet, und nicht nur dies; sie vertraute auch darauf, dass
ihr der Heilige Geist die Gabe des – Zungenredens verleihen
werde, damit sie, wie es noch immer ihr sehnlichster Wunsch war,
auf den Südsee-Inseln als Missionarin wirken könne. Sie brachte
mit einer Schwester und einer Freundin den ganzen Sonntag den
21. März 1830 in Fasten und Gebet zu, und am Abend dieses Tages
erfolgte wirklich die neue Geistessendung. Mary, die seit Wochen
völlig unfähig war, von ihrem Lager sich zu erheben, richtete
sich plötzlich auf und redete eine ganze Viertelstunde lang in
unverständlichen, zum Glück sofort aufgezeichneten Lauten, und
auch am nächsten Sonntag wiederholte sich dieses Schauspiel.
Freilich erklärten die Professoren der Universitäten von Oxford
und Cambridge, dass die aufgeschriebenen Laute weder einer
Sprache der Südsee-Inseln noch überhaupt einer menschlichen
Sprache angehörten, so dass von einer Wiederholung des
Pfingstwunders (Apostelg. 2) oder von einem Reden in fremden
Sprachen keine Rede sein könne. Aber die Leute liessen sich
nicht irre machen in dem Glauben, dass der Heilige Geist aufs
neue gesendet worden sei, wie eben das "Zungenreden" beweise,
und sie wurden in ihrem Glauben noch mächtig bestärkt, als bald
darauf eine in der Nähe (am andern Ufer des Clyde) wohnende
Freundin der Mary Campbell, die bereits 1 ½ Jahre krank
daniederliegende Margarete Macdonald auf den Anruf ihres Bruders
James (eines Schiffszimmermanns): "Erhebe dich und stehe auf !"
plötzlich gesundete.
Alsbald brach
eine Abordnung der Londoner "Prophetenschule" unter Führung des
Rechtsanwalts Cardale nach Fernicarry auf. Sie erkannte, wie zu
erwarten, die Vorgänge als Wunder an und schloss daraus
nicht nur auf die Wirklichkeit der Geistessendung, sondern auch
auf die Wahrheit der Lehre von der baldigen Wiederkunft Christi.
Auch Irving zweifelte nicht am wunderbaren Eingreifen Gottes.
Wiederholte sich doch das "Zungenreden" bald da, bald dort
! Zunächst in Schottland, dann auch in London, wo Cardale zu
diesem Zweck eigene Gebetsversammlungen in seinem Hause
veranstaltete, bis endlich seine – Frau vom Heiligen
Geiste ergriffen wurde, "in Zungen redete", das heisst einige
schrille unverständliche Sätze hervorstiess und dann in
englischer Sprache verkündigte: "Der Herr eilt zu kommen."
Besonders mehrte sich das "Zungenreden", als Mary Campbell
selbst nach London kam, die inzwischen den Schneider Renny
William Caird aus Montrose,
Quellenmaterial Seite 35
einen späteren Bahnbrecher der
Irvingianer in Deutschland, geheiratet hatte.
Bald traten auch
männliche "Zungenredner" auf. Zuerst Mister Templin, der
mit Mark und Bein erschütternder Stimme Irvings Gebet im Hause
Cardales unterbrach. Dann Mister Baxter, der allerdings später
(gleich einer Miss Hall) sein Zungenreden und die damit
verbundenen Prophezeihungen in einer eigenen Schrift als
Selbstbetrug erklärte. Gleichwohl wurden die ihm angeblich
zuteil gewordenen Offenbarungen für die spätere Einrichtung der
irvinianischen Adventkirche in vielen Stücken massgebend.
Irving selbst
suchte das "Zungenreden" wenigstens vom öffentlichen
Gottesdienst fernzuhalten. Er verwies die Zungenredner in die
Sakristei, da der Apostel (1. Kor. 14, 28) den Zungenredner
ermahnte: "Ist aber kein Ausleger da, so schweige er in der
Versammlung; zu sich selbst aber rede er und zu Gott." Zugleich
forderte er sie auf, in anhaltendem Gebet den Heiligen Geist um
Aussendung von Aposteln, Propheten, Evangelisten, Hirten und
Lehrern anzuflehen. Doch Irving war nicht imstande, den Geistern
zu gebieten. Als er am 15. Oktober 1831 in der Predigt an das
Wort des Apostels (1. Kor. 14, 34) erinnerte: "Die Frauen sollen
in den Versammlungen schweigen", standen drei Schwestern gegen
ihn auf und offenbarten sich als Prophetinnen, während ihm die
Miss Hall vorwarf, dass er, um der Schmach Christi zu entgehen,
den Geist dämpfen wolle. So liess es denn Irving geschehen, dass
der nüchterne schottische Gottesdienst bald von den Lauten der
"Zungenredner" und den Stimmen der "Propheten" widerhallte.
Darauf zogen sich die alten schottischen Familien zurück;
andere, oft recht fragwürdige Personen schlossen sich neu an.
Auf eine
Bemerkung der "Times", dass Irving nur so lange Minister der
schottischen Kirche sein könne, als er ihrer Ordnung sich füge,
kam es zum Prozess gegen Irving. Dieser fand vor dem
Presbyterium der schottischen Kirchen von London statt, das am
2. Mai 1832 auf Absetzung Irvings erkannte. Noch vor
der Urteilsverkündigung gab Irving folgende Erklärung ab: "Ich
erkläre hiermit feierlich als meinen Glauben, dass die
protestantischen Kirchen ebenso gewiss als die römische Kirche
im Zustande Babylons sind. Ich trenne mich und meine Herde von
dieser babylonischen Verbindung und stelle mich unter den
Heiligen Geist und unter das grosse Haupt der Kirche in
Erwartung seiner Erscheinung, kein Schisma veranstaltend,
sondern wie ein Diener, der da glaubt, dass sein Herr bald
kommen wird, und der daher sehnlich wünscht, dass seine Kirche
durch die Taufe mit dem Heiligen Geist für seine Erscheinung
vorbereitet werden möge."
Bereits am 6. Mai
1832 feierte Irving in einem gemieteten Saal mit etwa 800
Gläubigen das Abendmahl. Den Sommer über predigte er öfters vor
Tausenden im Freien. Im Herbst begannen sodann in einem
ehemaligen Maleratelier die regelmässigen, oft von Zungenrednern
und Propheten unterbrochenen Gottesdienste der neuen Kirche.
Zugleich wurde nun das "fünffältige Amt"
eingerichtet, wobei jedoch nicht Irving, sondern Cardale,
Drummond und der Prophet Taplin, die immer offenkundiger an die
Spitze der Bewegung traten, den Ausschlag gaben. Schon am 31.
Oktober ward Cardale durch Drummonds Prophetenmund zum
"Apostel" ausgerufen und sofort als – unmittelbar von
Christus bestellter Apostel anerkannt. Der neue "Apostel"
weihte Drummond zum "Engel der Gemeinde" (vgl. Offb. 2) von
Albury, dann (im April 1833) Irving zum "Engel der Gemeinde" von
London. Noch im gleichen Jahr ersah sich der Heilige Geist durch
Prophetenmund auch Drummond zum "Apostel" aus. Irving selbst
sollte nicht "Apostel" werden. Keine Prophetenstimme erhob sich
für Irving, der durch fortwährende Geistesaufregung
(!) bereits vor der Zeit gealtert war und, obwohl erst
wenig über 40 Jahre alt, das Aussehen eines Greises hatte. Der
Arzt riet ihm, zu seiner Erholung nach dem Süden zu gehen. Doch
die Stimme des Propheten Taplin gebot ihm nach Norden, in sein
Geburtsland, zu gehen, wo er zugleich grosse Mengen bekehren
werde. Willig folgte Irving der Prophetenstimme, kam aber nur
bis Glasgow. Er wurde täglich schwächer, und trotz der
Prophezeiung, dass er nicht sterben werde, starb er [also
falsche, irrige Prophetie!] am 8. Dezember 1834 unter
Hinterlassung einer Witwe und dreier Kinder. Er wurde in der
Gruft der alten Kathedralkirche in Glasgow beigesetzt.
Nach Irvings Tod
erfolgte der weitere Ausbau seiner Kirche. Zunächst
wurden neue "Apostel" berufen, bis endlich die
Zwölfzahl voll war. Nachdem am 17. Juni 1835 ein "Apostelkonzil"
gehalten war, fand am 14. Juli die "Aussonderung der Apostel"
statt, worauf diese in Begleitung von 7 Propheten nach Albury
sich begaben, um hier ein Jahr dem – Studium der Heiligen
Schrift zu obliegen. Dann erliessen sie an die Bischöfe der
Anglikanischen Kirche sowie an den König Wilhelm IV. von England
ein "Zeugnis" über ihre Mission. Als Drummond geoffenbart wurde,
dass jeder der 12 Fürsten des geistlichen Israel einen Stamm
erhalten solle, um 12'000 Versiegelte (Offb. 7) daraus zu
sammeln, erfolgte am Feste der Teilung der Apostel (15.
Juli) 1836 die Aufteilung der Welt in zwölf Missionsbezirke.
Cardale, ein "Säulenapostel", erhielt England, Drummond
Schottland und die Schweiz, Woodhouse Süddeutschland und
Österreich, Thomas Carlyle Norddeutschland usw.
Ehe die "Apostel"
auszogen, erliessen sie abermals ein fast 200 Seiten
umfassendes, in lateinischer, englischer, französischer und
deutscher Sprache abgefasstes "Zeugnis von den kommenden
Gerichten und den Ratschlüssen Gottes zu unserer Errettung" an
Papst, Patriarchen, Erzbischöfe, Bischöfe und andere Vorsteher
der Kirche Christi in allen Landen sowie an die Kaiser, Könige,
Fürsten und andere Regenten der getauften Nationen. Nach 1260
Tagen, von der "Aussonderung" an gerechnet, kamen sie wieder in
Albury zusammen (Weihnachten 1838). Von der zweiten Ausreise
(1839) wurden sie indes vorzeitig von Cardale zurückberufen, als
die Träger der übrigen Ämter auf einer Zionsversammlung in
London über Zurücksetzung sich beschwerten [das
bedeutet: die damaligen "Apostel" hatten schon eine dominante
Vormachtstellung inne !].
Quellenmaterial Seite 36
Doch gelang es den versammelten
"Aposteln", ihre Rechte zu wahren; nur ein "Apostel"
selbst, Duncan Mackenzie, zog sich später zurück. Von dieser
Zeit an verblieben die "Apostel" in Albury und London und
widmeten sich des Feststellung der Lehren und Einrichtungen der
Adventkirche, die seit 1840 auf Weisung des Heiligen Geistes
"Apostolische Kirche" oder Gemeinde hiess. Im Jahre 1842
ward in London die Gottesdienstordnung festgestellt.
Der
Ausbreitung der Kirche oblagen nun die Evangelisten,
freilich im ganzen mit nur unbedeutendem Erfolg. Im Jahre 1851
gab es in England erst 4'000 Irvingianer, die zusammen 32
Gotteshäuser besassen. Die Hauptkirche Londons und zugleich der
Mittelpunkt der Gemeinschaft war gerade am Gordon-Square im Bau
begriffen; sie wurde 1853 vollendet. In den übrigen Ländern war
der Erfolg anfangs noch geringer. Erst das Jahr 1848 bereitete
mehr den Boden, zumal in Deutschland. Die Evangelisten erklärten
die damaligen revolutionären Erschütterungen als sichere Zeichen
der Herrschaft des Antichrists und behaupteten ferner, dass
nur jene, die in die "Apostolische Kirche" eintreten, noch vor
dem Ausbruch der Greuel des Antichrists (2. Thess. 2, 3
ff) lebendigen Leibes mit den auferstandenen Gerechten
entrückt würden auf Wolken, dem kommenden Heiland entgegen in
die Luft (1. Thess. 4, 17), um mit ihm alsdann im
tausendjährigen Reiche (Offb. 20, 3) auf Erden und am
Ende aller Zeiten im Himmel zu herrschen (Offb. 21, 1 ff).
In Süddeutschland
(Zentrale in Basel) fand die Adventkirche hauptsächlich im
Bistum Augsburg Eingang. Hier gewann der Evangelist Caird,
Witwer der Mary Campbell (+ 1840), seit 1841 zunächst im
stillen einige Anhänger. Doch mehrte sich rasch ihre Zahl,
als es ihm gelang, den katholischen Pfarrer und Dekan Johann
Evangelist Lutz in Oberroth von der Wahrheit der
Adventkirche Irvings zu überzeugen. Lutz war schon 1832 zum
Protestantismus abgefallen, dann aber wieder zur katholischen
Kirche zurückgekehrt. Nunmehr trat er, zuerst ohne
Namensnennung, in mehreren Flugschriften für den Irvingianismus
ein und verfasste zugleich mit Caird ein weitverbreitetes
zweibändiges Lehrbuch: "Über den Ratschluss Gottes mit der
Menschheit und der Erde" (1847), das erst in dritter Auflage
(Augsburg 1879) mit Nennung der Namen der Verfasser erschien.
Als sodann 1856 der Bischof von Augsburg den Dekan Lutz und 5
andere Geistliche sowie an 100 Laien exkommunizierte, bekannten
sich diese förmlich als Irvingianer und bildeten zugleich in
Augsburg und Hürben eigene "apostolische Gemeinden" mit
öffentlichem Gottesdienst. Doch hat seitdem der (alte)
Irvingianismus in Süddeutschland keinen wesentlichen Zuwachs
mehr erhalten.
Sehr förderlich
für die Ausbreitung des Irvingianismus in Deutschland war es
auch, dass Dr. Heinrich Wilhelm Josias Thiersch,
Professor der Theologie in Marburg (1843 – 1850), am 18.
Dezember 1849 der Sekte sich anschloss, der auch andere, wie den
gelehrten Botaniker Wigand und den Privatdozenten der Theologie
Dr. Rossteuscher mit sich fortriss. Thiersch widmete sich fortan
dem Dienste der deutschen, später auch österreichischen und
schweizerischen Irvingianer sowohl als Pastor wie als
Schriftsteller („Die Kirche im apostolischen Zeitalter“, 1852;
1879; „Über christliches Familienleben“, 1854; 1889). Er starb
am 3. Dezember 1885 in Basel.
In
Norddeutschland entfaltete zunächst der Apostel Thomas Carlyle,
ein früherer schottischer Advokat, und sein Evangelist Charles
J. T. Böhm eine emsige Wirksamkeit. Böhm gewann auch zwei
evangelische Geistliche, den Pastor Köppen in Berlin und den
Diakon Karl Rothe in Trebbin, sowie den Redakteur der 1848
gegründeten „Neuen Preussischen Zeitung“ (Kreuzzeitung), H.
Wagener. Auch mehrere angesehene protestantische Adlige, wie Max
von Pochhammer und Bolko Freiher von Richthofen, schlossen sich
an und wirkten, gleich Böhm und Rothe, teilweise auch durch
schriftstellerische Tätigkeit im Dienste der Sekte. Förmliche
Gemeinden entstanden in Berlin, wo 1848 der erste Gottesdienst
gefeiert wurde, in Hamburg, Königsberg in Preussen, später auch
an andern Orten.
In Holland
erregte der Übertritt des Dr. Isaak Capadote, der ein hohes Amt
im Kolonialministerium bekleidete, Aufsehen. Im übrigen war auch
hier die Ausbreitung der Sekte nicht von Belang. Besonders
schädigte ihr Ansehen und behinderte ihre Ausdehnung der
allmählich erfolgende Tod der zwölf „Apostel“, von denen doch
die Prophetie mit aller Bestimmtheit verkündigt hatte, dass sie
nicht sterben werden, ehe der Herr komme [Anmerkung:
Also war es eine falsche Prophetie, Einbildug, utopistische
Wunschvorstellung], sondern lebendigen Leibes ihm
entgegengerückt werden in die Luft. Wohl vertröstete man die
Gläubigen mit der Auslegung, dass die „Apostel“, wenngleich
gestorben, doch fortleben und im Paradies die Versiegelung der
Auserwählten vornehmen, bis deren Zahl voll sei, auch noch vor
dem Kommen Christi mit den übrigen Gerechten auferweckt und so
lebend entrückt würden [Anmerkung: Eine bewusste Irreführung der
vertrauenden Gläubigen oder Wahn?]; aber das so oft von der
Prophetie angekündigte, von Irving selbst auf 1864 berechnete
Kommen des Herrn blieb ebenso aus wie die Auferweckung der
verstorbenen „Apostel“ noch vor der Wiederkunft des Herrn. Als
dies auch 1864 nicht erfolgte, hoffte man auf den 14. Juli 1877,
an welchem Tage 3 ½ Zeiten oder 42 Jahre seit der „Aussonderung
der Apostel“ verflossen sein sollten. Aber das einzige, was 1877
geschah, war dieses, dass am 18. Juli auch der „erstberufene
Apostel“ Cardale starb.
Doch auch nunmehr bot die – Heilige Schrift
selbst einen Ausweg. Christus hat doch nicht nur 12
Apostel, sondern (nach Luk 10, 1) auch – 72 Jünger
ausgesandt ! So fingen denn die Londoner Propheten an, ihre
„Offenbarungen“ nicht mehr mit dem früheren Ausruf: „O ihr
Zwölfe !“ zu schliessen, sondern sie riefen:
Quellenmaterial Seite 37
„O ihr
Zwölfe und ihr Siebzig !“ Und sie verkündeten, dass auf die
zwölf „Apostel“ noch 70 „Apostel-Koadjutoren“
(Apostel-Gehilfen) folgen werden.
Schon 1852 hatten die „Apostel“
selbst den Beschluss gefasst: „Jeder Apostel ist berechtigt, mit
Zustimmung seiner Brüder einen geweihten Engel als seinen
Koadjutor für den ihm anvertrauten Stamm aufzustellen.“ Auf
Grund dessen wurden 1859 Böhm und 1865 Caird als Apostelhelfer
berufen. Dagegen gaben die „Apostel“, damals noch sechs an Zahl,
nicht ihre Zustimmung, als auf einem Konzil zu Albury im Jahre
1860 der Berliner Prophet Heinrich Geyer durch
Weissagung den Koadjutor Böhm als Apostel für
Süddeutschland und den Evangelisten Caird als Apostel
für Frankreich bezeichnete. Die „Apostel“ erklärten, dass für
die Ausfüllung der Stellen abgeschiedener Apostel durch andere
Apostel keine Ermächtigung in der Heiligen Schrift gegeben sei.
Geyer beruhigte sich scheinbar.
Als er jedoch im August 1861 mit dem „Apostel“ Woodhouse in
Königsberg im Hause des Ältesten Rozochacki sich befand, berief
er diesen „in seiner Macht“ zum „Apostel“. Rozochacki wollte
davon sogleich dem „Apostel“ Woodhouse Mitteilung machen. Aber
Geyer erklärte, die Zeit hierzu sei noch nicht da, sie werde
aber bald kommen. Und sie kam in der Tat bald. Im Jahre 1862
weissagte Geyer in einer Versammlung der Berliner Irvingianer,
dass „der Boshaftige“ (der Antichrist) in den sieben Greueln vor
der Gemeinde (der Versiegelten) offenbar werden solle. Der
„Engel“ Karl Rothe fragte ihn, ob er denn nicht glaube, dass die
Gemeinde schon vorher entrückt werde dem Heiland entgegen in die
Luft. Als Geyer dies verneinte und sich weigerte, seine
Weissagung als falsch zu erklären, wurde er wegen Irrlehre
seines Prophetenamtes entsetzt.
Geyer wandte sich hierauf an den
„Engel“ der Gemeinde Hamburg, F. W. Schwarz, von dem er wusste,
dass er in bezug auf die Anfüllung der Apostel auf zwölf ebenso
wie er selbst dachte. Schwarz liess sich von Geyer von
Rozochackis Berufung zum „Apostel“ überzeugen, worauf diese
öffentlich bekanntgemacht wurde. Doch nun empfand Rozochacki
selbst Reue über seine Berufung und widerrief sie. Als sodann
Schwarz dem Verlangen Rothes, die Berufung eines neuen
„Apostels“ durch Geyer als Teufelswerk zu erklären, widersprach,
weil er nichts wider den Heiligen Geist tun wolle und die
Auffüllung der Vollzahl der Apostel schriftgemäss sei, wurde
sowohl er wie auch Geyer durch den „Apostel“ Woodhouse aus der
„Apostolischen Kirche“ ausgeschlossen. Doch nun (1863)
gründeten die Ausgeschlossenen eine neue Irvingianische Kirche:
die „Allgemeine christliche apostolische Mission“. Als
ihr Stifter kann Geyer (+ 1896) betrachtet werden, wie auch die
Mitglieder der neuen Kirche als „Geyerianer“ bezeichnet wurden.
Geyer berief alsbald an
Rozochackis Stelle den „Engel“ Preuss von Hamburg zum
„Apostel und wies ihm Norddeutschland und Skandinavien
(Dänemark, Schweden und Norwegen) als Gebiet zu. Als Preuss 1878
starb, folgte ihm Güldner (+ 1904) nach, der noch zu
Lebzeiten seines Vorgängers von Geyer zum „Apostel“ berufen
wurde und nach Preuss‘ Tod die „Aussonderung“ erhielt. Ebenso
berief Geyer den „Engel“ F.W. Schwarz zum „Apostel“ für
Belgien und Holland, musste es aber erleben, dass später Schwarz
von ihm sich trennte. Geyer hatte schon vor seiner
Ausschliessung ein „christliches“ Sonntagsblatt „Die Morgenröte“
(Druck und Verlag von G. Jansen in Berlin) herausgegeben, das in
allen deutschen Gemeinden der „apostolischen Kirche“ gelesen
wurde. Es erschien von 1860 bis 1863, wurde aber nunmehr von
Woodhouse allen Irvingianern bei Strafe der Ausschliessung
verboten. Darauf gründete Geyer das Sonntagsblatt „Der Sendbote“
mit dem Untertitel „Frische Blätter und Früchte vom Baume des
Lebens zur Gesundheit des christlichen Volkes“, das bei G. E.
Nolte (Heroldsche Buchhandlung) in Hamburg erschien. Als es 1865
einging, liess Geyer noch vier weitere, jedoch nur kurzlebige
Monatsblätter erscheinen: „Abend- und Morgenrot der Kirche
Christi“, „Der Säemann“, „Der Prediger in der Wüste, eine
Wächterstimme an alle Christen zur Vorbereitung auf die
Wiederkunft unseres Herrn Jesu Christi“, und „Blitze, Donner und
Stimmen“. In dem Schriftchen „Vergangenheit und Zukunft der
Kirche Christi“ (Hamburg 1889, H. W. Lehsten), suchte Geyer
zugleich seine Lehre über die Berufung neuer Apostel (aus
Apostelg. 13) zu rechtfertigen. Auch Paulus und Barnabas seien
durch das Wort der Weissagung zu Aposteln berufen worden, ohne
dass die übrigen Apostel befragt worden wären.
Hiermit haben wir bereits die
wichtigste Unterscheidungslehre der „Allgemeinen
christlichen apostolischen Mission“ und der „Apostolischen
Kirche“ kennen gelernt. Im Gegensatz zu dieser lehren die
„Geyerianer“ die Berechtugung und Notwendigkeit der Berufung
neuer Apostel. Sodann bestreiten sie, dass die Gläubigen oder
Versiegelten schon vor dem Ausbruch der Greuel des Antichrists
entrückt werden, und stellen ferner das Prophetenamt dem
Apostelamt gleich, während die „Apostolische Kirche“ eine
Unterordnung der Propheten unter die Apostel lehrt, freilich
nicht von Anfang an lehrte, sondern erst, seitdem Cardale, durch
die Vorgänge in Deutschland veranlasst in einer 1868 verfassten
Schrift „Prophezeiung und das Amt des Propheten in der
christlichen Kirche“ es so bestimmt hatte.
Suchen wir nun, ehe wir die
Entwicklung des Irvingianismus weiter verfolgen und die
Entstehung der Neuapostolischen Gemeinde selbst kennen
lernen, zunächst die irvingianischen Lehren darzustellen.
Die Irvingianer lehren, dass
Christus eine sichtbare Kirche gestiftet hat, in die man durch
das Sakrament der Taufe eingegliedert wird. Da die katholische
Kirche und noch mehr die protestantischen Kirchen durch
Preisgabe des „fünffältigen Amtes“ (Ephes. 4, 11) von der
ursprünglichen Ordnung abgefallen sind, so
Quellenmaterial Seite 38
erweckte Christus, um bei seinem
Wiederkommen seine Kirche als makellose Braut zu finden und sich
selbst herrlich darzustellen, ohne Makel, ohne Runzel oder etwas
dergleichen (Ephes. 5, 27), die irvingianische Kirche und
stellte das „fünffältige Amt“ in ihr wieder her. Vor allem
berief er nochmals zwölf Apostel, die mit den 12 ersten Aposteln
die 24 Ältesten der Geheimen Offenbarung (4, 4) bilden. Sodann
berief er Propheten, Evangelisten und Lehrer für die
Gesamtkirche; für die einzelnen Gemeinden aber Hirten, das ist
Engel oder Bischöfe, Älteste oder Priester, Diakone und
Diakonissen. Diese Ämter werden durch sakramentale Weihe
verliehen, durch die ihre Träger von den Laien ausgeschieden und
„Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes“ (1. Kor.
4, 1) werden. Die Irvingianer lehren also, dass es ein
besonderes, von Christus eingesetztes Priestertum gibt, ohne
freilich ebensowenig wie die Bischöfliche methodistische Kirche
die Weihegewalt von Christus und seinen Aposteln herleiten zu
können.
Ausser der Taufe und der
Ordination betrachten die Irvingianer auch die
„Versiegelung“ (eine Art Firmung) und die Krankenölung als
wirkliche Sakramente. Ebenso haben sie ein Busssakrament mit
freiwilliger Ohrenbeichte und darauffolgender Lossprechung, und
auch die Ehe, die sie gleich der katholischen Kirche als
unauflöslich erklären, gilt ihnen als wahres Sakrament.
Den Mittelpunkt ihres
Gottesdienstes bildet die Feier der Eucharistie oder des
Altarsakramentes, bei der die Priester (Liturgen)
reichgeschmückte, denen der katholischen Kirche ähnliche
Kultgewänder tragen. Sie fassen die Eucharistie als wirkliches
Opfer, jedoch in dem Sinne, dass es nur zur Erinnerung an
Christi Tod dargebracht wird, also nicht wesentlich dasselbe
Opfer wie das Kreuzopfer ist und keine sühnende Kraft besitzt.
Sie leugnen auch die Wesenswandlung von Brot und Wein in das
wahre Fleisch und Blut Christi, indem sie lehren, dass in der
Eucharistie (infolge des Opfergebetes) Christi Fleisch und Blut
zugleich mit Brot und Wein gegenwärtig sei. Seit 1850 werden die
bei der Opferfeier geweihten Abendmahlselemente (ungesäuertes
Brot und Wein) oder Christi Fleisch und Blut, die darin zugleich
zugegen sein sollen, im Tabernakel aufbewahrt und bei den
täglich stattfindenden liturgischen Gebetsstunden (Matutin,
Terz, Non, Vesper) oder den Morgen- und Abendgottesdiensten
ausgesetzt, jedoch nicht zur Anbetung, sondern um die Gemeinde
der Gegenwart Christi und seiner fortwährenden Fürbitte für uns
zu versichern. Im Jahre 1852 erfolgte die Einführung von
Lichtern, von denen stets zwei auf dem Altar brennen als
Sinnbild der Gegenwart Gottes in seinen „beiden Zeugen“: den
Aposteln und den Propheten. Zugleich kam die Anwendung des
Weihrauchs auf, 1868 auch der Gebrauch des Weihwassers.
Die Irvingianer verwerfen die
freie Schriftforschung und fordern für die Auslegung der
Heiligen Schrift ein lebendiges Lehramt, das sie in ihren
Aposteln und Propheten zu besitzen glauben.
Unter Hinweis auf
alttestamentliche Schriftstellen und eine Stelle im Hebräerbrief
(7, 4): „Sehet, wie gross der ist, dem selbst Abraham den
Zehnten von dem Besten gab!“ haben die Irvingianer gleich den
Adventisten den Zehnt im Jahre 1833 eingeführt. Er wird
gleichfalls vom ganzen Einkommen [Hinweis: Brutto-Einkommen!]
erhoben und zum Unterhalt der Priester usw. sowie zur
Unterstützung der Armen verwendet.
Näherten sich die Irvingianer in
einigen Stücken den Lehren und Gebräuchen der katholischen
Kirche, so nahmen die Neu-Irvingianer oder die
Neu-Apostolische Gemeinde wieder teilweise dagegen
Stellung oder stellten selbst neue Lehren auf. Welches ist
nun ihre Entstehungsgeschichte, und wodurch unterscheiden sie
sich von den alten Irvingianern und ferner von der „Allgemeinen
christlichen apostolischen Mission“ ?
Die Neu-Apostolische Gemeinde
entstand 1878 durch Trennung einiger Mitglieder von der
Allge-meinen christlichen apostolischen Mission in Hamburg.
Diese erhoben gegen deren Stifter, den Propheten Heinrich Geyer,
den Vorwurf, dass er die Gemeinde in die evangelische
Landeskirche „zurück predige“, und während eines
Gottesdienstes am 4. August [1878] kam es zum offenen
Widerstand gegen ihn. Die Anführer der Bewegung waren ein
ehemaliger Bahnmeister Friedrich Krebs [Anmerkung: Später
Stammapostel der Neuapostolischen Kirche!], damals
„Priester“ einer Gemeinde im Harz, der Diakon-Evangelist
Sebastian in Wolfenbüttel und ein gewisser Wachmann, der
einfaches Gemeindeglied in Hamburg war. Sie bildeten sofort
eine „neue Apostolische Gemeinde“ und schlossen sich, da
sie ohne Apostel und Propheten waren, dem von Geyer 1863 für
Belgien und Holland berufenen Apostel. F. W. Schwarz
an, der in Amsterdam seinen Sitz aufgeschlagen hatte.
Schwarz hatte bereits seinerseits
eine Umbildung der Einrichtungen und Lehren der „Allgemeinen
christlichen apostolischen Mission“ vollzogen. Das reiche, der
katholischen Kirche nachgebildete Zeremoniell der „Allgemeinen
christlichen apostolischen Mission“, das völlig mit dem der
„Apostolischen Kirche“ übereinstimmte, passte nicht für den eine
gewisse Nüchternheit des Kultus gewohnten Sinn der aus der
reformierten (holländischen) Kirche gewonnenen Gläubigen.
Schwarz schaffte deshalb die eigene liturgische Kleidung ab und
ging, nachdem bereits hierdurch der Bruch mit der Hamburger
Gemeinde eingetreten war, auch dazu über, neue
Glaubenslehren aufzustellen. Er gewann verhältnismässig
viele Anhänger, deren Zahl noch erheblich sich mehrte, als 1878
Krebs und seine Genossen ihm sich anschlossen und in
Deutschland eine lebhafte Missionsarbeit
entfalteten. Bei Schwarz‘ Tod im Jahre 1895 gab es im
Deutschen Reich 70 – 80 Neu-Apostolische Gemeinden, 12
Jahre später bereits an 200, davon in Berlin allein 9
Gemeinden, die an 6'000 Personen umfassten.
An der Spitze der
Neu-Apostolischen Gemeinde in Deutschland stand zunächst (bis
1880) Menkhoff. Dann 25 Jahre lang bis zu seinem Tod am
21. Januar 1905 der “Apostel des
Stammes Ephraim“:
„Vater“
Quellenmaterial Seite 39
Friedrich Krebs
in Braunschweig [Anmerkung:
Schon damals wurder um den Stammapostel eine ‚Vergöt-terung‘
betrieben!]. Ihm folgte als
„Apostel-Vater“
der Landwirt H. Niehaus
aus Steinhagen in Westfalen, der schon lange
vorher von Krebs zu seinem Nachfolger berufen war und ihm auch
die Grabrede hielt.
Krebs gründete 1895 das
Hauptorgan der Neu-Apostolischen Gemeinde, die Monatsschrift:
„Wächterstimmen aus Ephraim“ (mit der Beilage „Der Herold“), die
von Heinrich Bornemann in Iserlohn verlegt wird. Krebs berief
auch nach dem Vorgang der „Apostolischen Kirche“ für die 12
Stämme des geistlichen Israel die „Stammapostel“. Später
freilich wuchs die Zahl der „Apostel“ auf 16 oder 17 an, indem
man die 12 Stämme Israels als „Buchstabensache“ betrachtete, im
Anschluss an Vers 9 des 2. Kapitels des ersten Briefes Petri nur
von „einem auserwählten Geschlecht“ redete und an die Stelle der
Stämme die Apostelbezirke Holland, Bielefeld, Wolfenbüttel,
Hamburg, Frankfurt a.M., Berlin, Ostpreussen, Breslau, Sachsen,
Süddeutsch-land und die Schweiz, Nordamerika, Südamerika,
Südafrika, Australien, Java und Indien setzte.
Die grosse Zahl der
Apostelbezirke mit ihren Namen weist zugleich auf die Ausdehnung
der Missionsarbeit der "Krebsianer" hin. Doch es waren fast nur
Glieder der niederen, weniger gebildeten Volksschichten, die
durch die Prediger der Neu-Apostolischen Gemeinde sich gewinnen
liessen.
Von den Lehren der
Neu-Apostolischen Gemeinde besitzt grundlegende Bedeutung der
Glaube an die Sendung der „Apostel“, der zur Erlangung der
ewigen Seligkeit als unbedingt notwendig erklärt wird. Denn
„Jesus Christus im Fleische, in den Aposteln, der Sohn ist in
dieser Zeit zu sehen in seinen gesandten Aposteln“.
Danach lebt Christus in den „Aposteln“ der Neu-Apostolischen
Gemeinde nicht bloss geistigerweise fort, sofern er ihnen die
Lehr- und Regierungsgewalt in seiner Kirche übertragen hat,
sondern im – Fleische“; „er ward nicht nur offenbar
im Fleische“ (1. Tim. 3, 16). Als er auf Erden weilte,
sondern er ist fort und fort noch offenbar im Fleische, der
„Apostel“ nämlich ! Im „Apostolischen Gesangbuch“ (Verlag
von W. Sebastian in Wolfenbüttel) heisst es im Liede Nr. 281 vom
„Apostel“: „Er trägt den Schlüssel der Höll‘ und des Todes,
Im Fleische steht hier Gott vor uns.“ Also die
„Apostel“ besitzen nicht nur die Schlüssel des Himmelreiches,
sondern auch des Todes und der Hölle. Auf den Einwand, dass die
Heilige Schrift keine derartige fortwährende Offenbarung Christi
im Fleische und keine solche Stellung und Macht der Apostel
kenne, erwidern die Neu-Irvingianer, dass die Erkenntnis des
Apostels Paulus und seiner Zeit, die er selbst (1. Kor. 13, 9 f)
als „Stückwerk“ bezeichne, noch nicht „das Vollkommene“ war und
nicht als Mass der Erkenntnis für alle Zeiten hingestellt werden
darf, und dass es neben dem Bibelwort
noch „das Wort von heut (!)“ gibt, das dem Bibelwort
gleichkomme, ja noch darübergestellt werden könne.
Neben den „Charakterämtern“ der
Aspostel, der Propheten, der Evangelisten und der Hirten (das
ist der einfache Priester, gewöhnlich „Brüder“ genannt) haben
die Neu-Irvingianer noch eine Reihe anderer Ämter eingeführt.
Vor allem das Amt der Siebenziger oder Apostelhelfer; dann der
Bischöfe, die einen grösseren Kreis, und der Bezirks-Ältesten,
die einen kleineren Kreis von Gemeinden vorstehen und
Stellvertreter der Apostel, jedoch ihnen untergeordnet sind;
weiterhin das Amt der Gemeinde-Ältesten oder ersten Priester
grösserer Gemeinden; sodann der Diakonen, Unterdiakonen und
Diakonissen, endlich der Läufer und Türhüter. Nur die
„Apostel“ sind nicht von Menschen, sondern von Gott gesandt.
Alle übrigen Amtsträger sind durch die „Apostel“ gesandt.
Während jedes Glied der Neu-Apostolischen Kirche weissagen kann,
kann nicht jedes das Prophetenamt erlangen, vielmehr ist dieses
auf einzelne wenige beschränkt, die von den Aposteln berufen
werden.
Ebenso wichtig wie das Sakrament
der Taufe oder vielmehr noch wichtiger ist in der
Neu-Apostolischen Gemeinde die Versiegelung. Diese wird bei den
alten Irvingianern erst im 20. Lebensjahr vorgenommen und wurde
früher durch Stirnsalbung vollzogen. Bei den Neu-Irvingianern
kann sie sogleich nach der Taufe (auch der Kinder) stattfinden.
Nur ein Apostel kann sie spenden. Bei Erwachsenen, die zur Sekte
übertreten, erfolgt sie erst, nachdem sie eine Zeitlang zur
Neu-Apostolischen Gemeinde gehalten haben, und bildet dann
zugleich den Ritus für die Aufnahme. Die Handlung selbst besteht
in blosser Handauflegung unter Gebet. Die Versiegelung ist die
Taufe „in Heiligem Geiste und Feuer“ (Matth. 3, 11). Ihre
Wirkung die „Versiegelung und Erfüllung mit dem Heiligen
Geiste“.
Durch die Versiegelung gehören
die, welche sie empfangen, zu den Auserwählten. Sie ist also
heilsnotwendig. Während jene, die sie nicht empfangen, auch
nicht selig werden, können die Neu-Irvingianer, die sie
empfangen haben, nicht verloren gehen.
Doch die Apostel, welche die
Schlüssel des Todes und der Hölle haben [Anmerkung: Warum können
sie dann Verstorbene nicht erwecken wie die biblischen
Apostel?], können auch Tote versiegeln. Selbst solche
Verstorbenen, die niemals zur Neu-Apostolischen Gemeinde gehört
haben; denn als ein Zweifel darüber entstanden war, erklärte der
prophetische Geist: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet
werdet !“ (Matth. 7, 1). Deshalb finden sich die Glieder der
Neu-Apostolischen Gemeinde vor den Aposteln ein, um an Stelle
ihrer verstorbenen Eltern und Angehörigen die Versiegelung zu
empfangen [Anmerkung: Das ist Okkultismus]. Der Apostel legt
ihnen die Hände auf und betet für die zu versiegelnden
Verstorbenen.
Für diesen Brauch berufen sich
die Neu-Irvingianer auf eine Schriftstelle (1. Kor. 15, 29), die
also lautet: „Was werden sonst die tun, die für die Toten sich
taufen lassen, wenn die Toten überhaupt nicht auferstehen? Warum
lassen sie sich für dieselben taufen ?“ Aber der Apostel Paulus
billigt oder empfiehlt hier
Quellenmaterial Seite 40
diesen Brauch nicht; er will die
Korinther nur auf den Widerspruch aufmerksam machen, der darin
liegt, einerseits den Verstorbenen die Taufgnade durch
stellvertretende Taufe zuwenden zu wollen, und anderseits die
Auferstehung der Toten zu leugnen.
In ähnlicher Weise wie die
Versiegelung empfangen die Neu-Irvingianer auch das Abendmahl
für die Verstorbenen.
Doch es ist noch auf eine andere
Wirkung der Versiegelung näher einzugehen: die Verleihung der
sieben Geistesgaben durch sie. Während die katholische Kirche im
Anschluss an Jsaias 11, 1 f gleichfalls von sieben besonderen
Gaben des Heiligen Geistes redet (der Gabe der Weisheit und des
Verstandes, des Rates und der Stärke, der Wissenschaft und der
Frömmigkeit und der Gabe der Furcht des Herrn), die von Christus
als dem Haupte der Kirche auch auf die Glieder der Kirche
überfliessen und als Wirkung der heiligen Firmung den Christen
besonders geneigt machen, den Einsprechungen des Heiligen
Geistes Folge zu leisten, verstehen die Neu-Irvingianer darunter
die vom Apostel Paulus (1. Kor. 12, 8 ff) aufgeführten
Charismen, also jene ausserordentlichen Gnaden- und Wundergaben
des Heiligen Geistes, die besonders in der ersten Zeit der
christlichen Kirche hervortraten, dann aber mit der Ausbreitung
der Kirche immer mehr aufhörten, wenn sie auch niemals völlig
ausgestorben sind. Sie werden in einer 1872 verfassten Schrift
des „Apostels“ Schwarz „Das Buch für unsere Zeit“ (eine
Erklärung der Geheimen Offenbarung) also aufgezählt: 1. Die Gabe
der Weisheit und Erkenntnis Gottes (der Apostel redet von
Weisheits- und Erkenntnisrede); 2. Die Gabe des Glaubens;
3. Die Gabe der Gesundmachung; 4. Die Gabe der Kräfte oder
Wunder; 5. Die Gabe der Weissagung; 6. Die Gabe der
Unterscheidung der Geister; 7. Die Gabe in fremden Sprachen zu
reden und deren Auslegung.
Die Neu-Apostolische Gemeinde
behauptet nun, diese ausserordentlichen Geistesgaben der
Urkirche wieder zu besitze. Ja, sie bezeichnet sie sogar als
ordentliche Wirkungen des Sakramentes „der heiligen Segnung des
Geistes“ oder der „Versiegelung“, ohne sie freilich jedem
einzelnen sicher zu versprechen, indem „der Geist einem jeden
zuteilt, wie er will“ (1. Kor. 12, 11). Aber besitzt die
Neu-Irvingianische Kirche diese Charismen wirklich ? Ist
das, was sie als Geistesgaben bezeichnet, in Wahrheit ein Werk
des Heiligen Geistes oder nur ein Blendwerk
?
Sehen wir uns nur die „Gabe der
Weissagung“, auf die die Neu-Irvingianer gleich den
alten soviel Gewicht legen, näher an !
Was vermögen denn jene, die diese Gabe zu
besitzen glauben, uns zu weissagen? Dass ihre „Apostel“ Schwarz,
Krebs, oder wie sie sonst heissen vor der Wiederkunft Christi
nicht sterben werden ! Aber sie sind ebenso gestorben wie
die „Apostel“ der Alt-Irvingianer, denen durch den Heiligen
Geist in gleicher Weise verheissen war, dass sie vor der
Wiederkunft Christi n i c h t sterben werden ! Oder,
dass der „Apostel“ Krebs Licht, Wahrheit, Leben und Liebe sei !
Aber das ist eine Schmeichelei, jedoch keine Weissagung. Oder,
dass die Zeit, in der wir stehen, eine ernste ist, dass das Volk
umkehren müsse, dass der „Fremdling“ nicht kritisieren soll,
sondern selbst um- und zurückkehren müsse, sonst werde ihn der
Herr verstocken; und „weh denen, die nicht erkannt haben die
Wahrheit !“ Aber dies ist eine allgemeine Busspredigt und
wieder keine Weissagung.
Ebensowenig ist es ein wirkliches
„Sprachenreden“, wenn eine vom Heiligen Geist ergriffene Frau
während des Gottesdienstes die Worte lallt: „Vena asora
alasigena aradena libi vistina, arasidena hoc adora arasidena“,
und dann selbst diese Worte als Glückseligpreisung der –
Neu-Irvingianer auslegt.
„Von der Gabe Wunder zu tun,“
schrieb der „Apostel“ Schwarz selbst
(im Jahre 1872),
„ist uns bis jetzt in der ganzen apostolischen
Kirche noch kein Beispiel bekannt.“ Es ist auch seitdem kein
Beispiel bekannt geworden.
Der Gottesdienst der
Neu-Apostolischen Gemeinde unterscheidet sich von dem der alten
Irvingianer vor allem durch seine Nüchternheit. Kein Altar oder
Kreuz oder Bild schmückt den weissgetünchten Gebetssaal. Nur die
Sinnbilder der „Charakterämter“ (eigentlich der vier
Evangelisten): Engel, Löwe, Opferstier und Adler sind irgendwo
im Saale angebracht. Für den Prediger, der ohne Kultusgewänder,
lediglich im gewöhnlichen Sonntagsrock seines Amtes waltet, ist
eine Art Katheder aufgestellt. Auch ein Harmonium befindet sich
im Saale. Die Ordnung wird von den Türhütern gehandhabt, die
auch dem „Fremdling“ einen Platz anweisen, ihm ein
„Apostolisches Gesangbuch“ überreichen und ferner acht geben,
dass er von der Predigt und den
prophe-tischen Reden nichts nachschreibt. (!)
Auf
das Eingangsgebet folgt Gesang, Verlesung eines Abschnittes aus
der Bibel, dann wieder ein Gesang und ein kurzes Gebet, das
ungefähr also lautet: „Lieber Vater, du hast gesagt: Fürchtet
euch nicht, ich will zur Stunde das rechte Wort geben. So gib es
heut ! Lass uns deine Gnade fassen durch deinen lieben Sohn,
unsern Apostel.“ Dann beginnt nicht etwa die Predigt, sondern es
setzen zunächst die „Weissagungen“ der Gemeindeglieder ein, die
gewöhnlich in einer Ermunterung des „Priesters“ und einer
Ermahnung an das Volk bestehen, die Worte des Predigers wohl zu
beachten und – aller Kritik sich zu enthalten.
Nachdem der Prediger mit einem
„Genug!“ dem Geist der Weissagung Ruhe geboten hat, beginnt er
die Verlesung der Predigt selbst. Dieser ist zwar ein Bibeltext
zugrunde gelegt, aber der Prediger hält sich in der Regel nicht
an ihn, sondern ergeht sich in allgemeinen Ermahnungen oder
Klagen, sowie in Lobpreisungen des Apostelamtes der
Neu-Apostolischen Gemeinde. Das geht etwa eine halbe Stunde
fort, oft in schlechtem Deutsch, worauf wieder die
Prophetenstimmen einsetzen und zur Beherzigung der „zur Stunde
geoffenbarten
Quellenmaterial Seite 41
Wahrheit“ und zur Umkehr mahnen.
Darauf folgt eine Ermahnung des
Predigers zur Vorbereitung auf den Empfang des Abendmahls, der
ein Gesang und ein (allgemeines) Sündenbekenntnis sich
anschliesst. Nun wird das Vaterunser gebetet mit dem Schluss:
„Erlöse uns von dem Bösen“, worauf der „Priester“ die
Lossprechung mit den Worten erteilt: „In dem Namen und Tun
unseres Herrn Jesu Christi, in dem gesandten Gnadenamte, dem die
Macht gegeben ist zu lösen und zu binden, verkünde ich euch
völlige Gnade und Vergebung und spreche euch los von allen euren
Sünden. Friede sei mit euch !“ Nachdem die Gemeinde die
„Zehnten und Opfergaben des Volkes Gottes“ darge-bracht und
der Prediger Gott gedankt hat, dass er den Glauben seiner Kinder
dazu gestärkt hat, wird ein vierstimmiges Lied oder auch ein
Kinderchor zum Vortrag gebracht. Es folgt die „Segnung“ von
(ungesäuertem) Brot und Wein, indem der Priester die
Einsetzungsworte darüber spricht. Dann das „Opfergebet nach der
Konsekration“ und ein „allgemeines Gebet für die Vollendung des
Werkes Gottes, insonderheit für das bestehende Amt der Apostel
und die mit diesem verbundenen Ämter, für die Entfaltung der
Gaben und Kräfte des Heiligen Geistes und für Kranke, die
Fürbitte für die Obrigkeit, das Gedächtnis der Entschlafenen,
endlich ein Gebet um die Wiederkunft des Herrn.“
Die Austeilung der Kommunion
selbst geschieht in der Weise, dass der „Priester“ das Brot dem
Kommunikanten in die rechte Hand gibt und dabei spricht: „Der
Leib unseres Herrn Jesu Christi, für dich gegeben !“ Der
Empfänger antwortet: „Amen“. Hierauf reicht ihm der Diakon den
Kelch mit Wein und spricht dabei: „Das Blut unseres Herrn Jesu
Christi, für dich vergossen !“ Abermals antwortet der
Empfänger: „Amen“.
Den Schluss der Kommunionfeier,
die alle Sonntage und zwar vor- und nachmittags stattfindet,
bildet das Danksagungsgebet. Daran reihen sich noch besondere
Fürbitten für solche Personen, die eigens darum nachsuchen.
Öfters melden sich auch Gemeindeglieder, die während der Feier
„Gesichte“ gehabt haben, um diese vor der versammelten Gemeinde
zu schildern. Handtmann bietet (Seite 69) folgendes Beispiel:
„Ich sah, als der Liebe Apostel Niehaus niederkniete und betete,
ein grosses Licht. In diesem Licht sah ich zwei grosse Bäume.
Der Baum an der Ostseite war mit Früchten beladen, und der Mond
schien hindurch. Als der liebe Apostel von der Perle redete,
glänzte das Himmelslicht von allen Seiten. Und als der eine
Bruder, der zum grossen Fischfang musste, die Versiegelung
empfing, kam ein Tier gelaufen, aber ein Engel kam mit einem
Stab und verjagte das Tier. Darauf war alles vom glänzenden
Himmelslicht beleuchtet, und die Sonne schien sehr prächtig im
Osten etc.“ – „Genug !“
Den Abschluss der ganzen, meist
zwei Stunden dauernden Gottesdienstfeier bildet der vom Prediger
gesprochene Segen Aarons (Num. 6, 24 – 26), dem noch ein
gemeinsam gesungenes Lied folgt.
Man möchte nun glauben, der
Irvingianismus, aus dem sowohl die Allgemeine christliche
apostolische Mission als auch die Neu-Apostolische Gemeinde
hervorgingen, hätte sich damit genügend „entwickelt“. Doch
dies ist nicht der Fall. Auch aus der Neu-Apostolischen
Gemeinde ging bereits wieder eine weitere „Kirche“
[Anmerkung: Abspaltung!] hervor:
„Das Z e p t e r J u d a, d a s n e u e A p o s t e l
a m t.“
Der Stifter dieser
irvingianischen Gruppe ist der ehemalige Stromschiffer, spätere
Landwirt (in Zehdenick in Brandenburg) und Ziegeleiverwalter (in
Gransee, Kreis Ruppin), Julius Fischer. Er war 1896 von Krebs
„versiegelt“ und dann in rascher Folge Unterdiakon, Diakon,
„Priester“ und „Bezirksältester“ von 8 Gemeinden geworden. Doch
alsbald kam es zwischen ihm und mehreren andern, die nicht so
schnell zu Amt und Würden aufrückten, zu Eifersucht und Streit.
Man beschuldigte Fischer, dass er im Gegensatz zur
Neu-Apostolischen Kirche nicht annehme, Christus werde bei
seiner Wiederkunft „auf den Wolken des Himmels mit grosser Macht
und Herrlichkeit kommen“, wie er doch selbst (Matth. 24, 30) es
vorausverkündigte; sondern er lehre, unter den Wolken des
Himmels sei die „Zeugenschar“ oder die Neu-Apostolische Gemeinde
zu verstehen, in deren Mitte Christus als Haupt in den Aposteln
im Fleische schon erschienen sei. Es kam zu
Verhand-lungen zwischen Fischer und Krebs, und als keine
Einigung zu erzielen war, zu einer grossen Versammlung in
Zehdenick, auf der Gott selbst durch Weissagung die Entscheidung
für – Julius Fischer gab. Dieser wurde zum „Vater“ oder
„Apostel Juda“ ausgerufen und berief dann selbst und salbte
eine Reihe anderer „Stammapostel“ für die Städte der Provinz
Brandenburg und darüber hinaus.
Fischer gründete auch im
September 1904 eine bei J. Weidlich in Zehdenick gedruckte
Monatsschrift: „Wahrheitskunde vom Zepter Juda, das neue
Apostelamt“. Zugleich verfasste er ein neues „Apostolisches
Glaubensbekenntnis“, das im ersten Hauptstück in 3 Artikeln die
Lehre von den drei göttlichen Personen, im zweiten die Lehre von
den Sakramenten der heiligen Taufe, der heiligen Segnung des
Geistes und des heiligen Abendmahls behandelte. Abgesehen von
der bildlichen Auffassung der „Wolken des Himmels“, durch die
allerdings die persönliche Wiederkunft Christi am Ende der Welt
geleugnet wird, unterscheidet sich „Das Zepter Juda, das neue
Apostelamt“ indes nicht wesentlich von den Lehren und
Einrichtungen der Neu-Apostolischen Gemeinde. Doch beraubte sich
Fischer hierdurch eines zugkräftigen, von Alt- und
Neu-Irvingianern und Adventisten angewendeten Bekehrungsmittels.
Infolgedessen reicht auch die Ausbreitung der neuen Sekte lange
nicht an die der Neu-Apostolischen Gemeinde hinan. Sie zählt nur
wenige Tausende Bekenner, während die Neu-Apostolische Gemeinde
etwa 15'000 Gläubige [um 1904] zählt, und die Mitgliederzahl der
alten Irvingianer auf 60'000 geschätzt wird, wovon über die
Hälfte auf Deutschland kommt.
Ist den verschiedenen
irvingianischen Kirchen, besonders der von Irving selbst
gegründeten „apostolischen Kirche“, ein gewisser religiöser
Ernst nicht abzuerkennen, so sind sie anderseits von religiöser
Quellenmaterial Seite 42
Schwärmerei nicht freizusprechen.
Samt und sonders aber stehen sie mit den von Christus
aufgestellten Aposteln in keinerlei Zusammenhang. Sie können
ihre „Ämter“ und „Weihegewalten“ nicht auf die Apostel und damit
auf den Heiland selbst zurückführen, während von ihren
„Prophezeiungen“ das Wort des Propheten Jeremias (23, 16) gilt:
„Sie verkünden Gesichte, die ihr
eigenes Herz, nicht der Mund des Herrn eingegeben hat.“
Darum: „Glaubet nicht jedem
Geiste !“ (1. Joh. 4, 1). Nur jene Kirche ist als die wahre,
von Christus gestiftete zu betrachten, deren Vorsteher ihre
Lehr- und Weihegewalt bis auf die Apostel zurückführen können,
die in ununterbrochener Verbindung mit dem Apostel Petrus
steht, weil dieser nach dem Willen Christi (Matth. 16, 18)
den Einheitspunkt und das Fundament der Kirche bildet. Ihr hat
Christus auch (Matth. 28, 20; Luk. 22, 31 f; Joh. 16, 13) den
Beistand des Heiligen Geistes bis zum Ende der Welt verheissen,
so dass sie nichts Irrtümliches lehrt oder verkündet. Deshalb
wollen wir unerschütterlich an ihr festhalten, da sie die wahre
Lehre Christi predigt und die wahren Heilsmittel im Auftrag und
Namen Christi spendet.
*
„Ich bin erstaunt,“ schreibt der
heilige Apostel Paulus an die Galater (1, 6 ff), „dass ihr euch
so bald abwenden lasset von dem, der euch zur Gnade
Christi berufen hat, zu einem anderen Evangelium,
da es doch kein anderes gibt . . . Allein,
wenn auch wir oder ein E n g e l v o m H i m m e l ein
anderes Evangelium verkündete, als wir euch verkündet haben,
der sei ausgestossen!“
*
Schriftenverzeichnis
Über die Irvingianer und die
Neu-Apostolische Gemeinde:
W. Jones, Biographical Sketch
of E. Irving, London 1835.
W. Wilks, E.
Irving, London 1854.
Mrs. O.
Oliphant, The life of E. Irving, 2 Bände, London 1862.
Edw. Miller,
The history and doctrines of Irvingism, 2 Bände, London 1878.
J. N. Köhler, Het Irvingisme,
S’Gravenhage 1876, mit einer Übersicht über die irvingianische
Literatur
auf S. 413 – 443.
Michael Hohl, Bruchstücke aus dem
Leben und der Schriften Irvings, St. Gallen 1838; 1850.
Jos. Edm. Jörg, Der
Irvingianismus, München 1856, Abdruck aus den
„Historisch-politischen Blättern“, 37.
Band.
Th. Kolde, Edward Irving,
Leipzig 1901.
Bal. Thalhofer, Beiträge zur
Geschichte des Aftermystizismus und insbesondere des
Irvingianismus im Bistum Augsburg, Regensburg 1857. Über die
Lehren der Irvingianer verbreiteten sich besonders die
irvingianischen Schriften von:
E. Ad. Rossteuscher, Der Aufbau
der Kirche Christi auf den ursprünglichen Grundlagen, Basel
1871; 1886.
Karl Rothe, Das Opfer unseres
Herrn Jesu Christi am Kreuz und das Opfer der Kirche im heiligen
Sakrament des Altars, Frankfurt 1854.
Charles J. T. Böhm, Schatten und
Licht in dem gegenwärtigen Zustand der Kirche, ebd. 1855; über
den Gottesdienst das von Thiersch übersetzte Werk: Die Liturgie
und andere Gottesdienste der Kirche, 2 Bände, Basel 1866 ff, und
andere von Thalhofer in der „Literarischen Rundschau“, 9.
Jahrgang, Nr, 12, besprochenen Schriften. Vgl. auch:
Johannes Rubanowitsch, Die
Apostolischen (Irvingianer), Neumünster (1906); die Artikel:
„Irving und der Irvingianismus“ von Kolde in: Realencyklopädie
für prot. Theologie und Kirche, 3. Aufl., 9. Band, S. 424 – 437,
mit weiteren Literaturangaben, und „Irving“ von Thalhofer in:
Kirchenlexikon. 2. Aufl., 6. Band, Sp. 928 – 934.
Über die Neu-Apostolische
Gemeinde handelt: Karl Handtmann, die Neu-Irvingianer oder die
„Aposto-lische Gemeinde“, Gütersloh 1907.
Quellenmaterial Seite 43
Wider die „Neuapostolischen“
und ihre neuen Apostel.
Aufsatz aus
Evangelischer Bund
Berlin W 35
1925
Die
Neuapostolischen, eine Sekte, die in Deutschland seit etwa 20
Jahren ziemlich stark zunimmt, werden häufig mit den
Irvingianern, den Katholisch-Apostolischen, verwechselt und oft
tritt einem die Frage entgegen: Wodurch unterscheiden sich denn
beide voneinander ? Man kann kurz sagen: die Neuapostolkischen
sind die deutsche Spielart des ursprünglich englischen
Irvingianismus, genau so wie es eine deutsche „Anthroposophie“
neben der indisch-englischen „Theosophie“, einen deutschen Zweig
der Heilsarmee neben dem englischen Hauptstamm gibt. Das Wesen
des Engländertums ist mehr aktiv, dringt energisch auf die Tat,
der mehr besinnliche Deutsche legt desto höheren Wert auf die
Lehre. Der Engländer reformierter Art will die Wiederkunft
Christi gleichsam erzwingen: Wir müssen Geistesgaben haben,
damit der Herr wiederkommt, also schaffen wir Zungenreden,
Weissagen u. dgl. Der Herr kann erst dann wiederkommen, sagt
Irving, der Stifter der Irvingianer, wenn wir Apostel,
Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer wieder haben. Schön,
sagt sein Zuhörer, also schaffen wir Apostel; dann zwingen wir
den Herrn gleichsam gesetztlich, wiederzukommen, wenn er ein
Mann von Wort ist. Er muss wiederkommen ! Der Deutsche
lässt sich mit der Wiederkunft des Herrn noch Zeit, wenn er nur
seine Apostel hat, auf deren Rede er hören kann !
Ein kurzer Blick
nur auf die Vorgeschichte und die Geschichte
unserer Neuapostolischen. Wiede-rum sehen wir uns
zurückversetzt in jene erregungsreiche nachnapoleonische Zeit,
der so manche Sekte in England wie in Amerika ihren Ursprung
verdankt. London ist die Geburtsstätte der
„Katholisch-Aposto-lischen“. Ein reicher Bankier, Henry
Drummond, studierte mit einer Reihe von Gesinnungsgenossen die
Offenbarung Johannes und die Propheten, um daraus Christi
Wiederkunft zu errechnen. Nun wirkte seit 1822 an der
schottisch-reformierten Gemeinde in London der 1792 geborene
Eduard Irving, einst Hilfsprediger des berühmten Dr.
Chalmers, dann selbst ein viel gehörter geistvoller
Bussprediger. Wenn man ihn gewinnen könnte ! Und er liess sich
gewinnen. Schon 1825 hatte er selbständig die Wiederkunft des
Herrn für 1844 errechnet. Nun wurde festgestellt: dass der Herr
nicht schon viel früher gekommen sei, daran sei die Kirche
schuld, die in Missachtung von Eph. 4, 12 das fünffache Amt der
Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Leher aufgegeben
habe. Nun kam, vor allem in Schottland, das Zungenreden, das
Gebetsheilen. Nun kam auch die Aussonderung der Amtsträger, vor
allem der zwölf Apostel. Sie würden, so hoffte man bestimmt
trotz Apostelgesch. 1, 7, die Wiederkunft des Herrn erleben.
Irving war schon 1834 gestorben, ohne die Wiederkunft des Herrn
erlebt zu haben. Nun zogen die Apostel eilig in alle Welt, um
gemäss Matth. 24, 14 das Evangelium vom Reich allen Völkern zu
verkündigen, hatten auch allerlei Erfolge, wie denn in Berlin
die Bethlehemgemeinde geschlossen zu ihnen übertrat; aber
der Herr kam nicht. Er sollte 1847 kommen, er kam
nicht; 1864, noch nicht; die ersten Apostel begannen zu
sterben: sie sahen ihn nicht mehr. Aber der letzte wird es
erleben ! Auch er starb, 96jährig, 1901. Der Herr war nicht
gekommen ! Nun redet man mit Offenb. 8, 1 von der „Stille im
Himmel bei einer halben Stunde“ und wartet still weiter. Ob auch
hoffnungslos ? Dieser Zweig steht still und wird wohl
aussterben ! – Inzwischen waren aber bei den deutschen
Anhängern Sonder-besterebungen hervorgetreten. Der Prophet
Heinrich Geyer aus Berlin, augenscheinlich erregt, dass
unter den Aposteln kein einziger deutscher sich befand,
versuchte seit 1860 deutsche Apostel auszurufen [Anmerkung:
Hinweis auf Machtkampf ??], wurde aber darüber ausgestossen und
gründete nun seit 1863 seine sehr kirchenfreundliche, aber
zwerghaft gebliebene „Allgemeine Christliche Apostolische
Mission“. Dass er so kirchenfreundlich war, seine
Konfirmanden nach dem Lutherischen Katechismus unterrichtete,
war vielen Heissspornen ein Dorn im Auge. Er wurde von einem der
von ihm eingesetzten Apostel, Wichmann in Hamburg,
kurzerhand beiseite gedrängt. Diese Heisssporne begannen
allmählich sich zu organisieren. Nur fehlten ihnen vorerst noch
Apostel.
Zunächst setzten
sie sich in den Sattel: gewannen Anhänger in Westfalen, der
Harzgegend, in Schlesien und Hessen. Nun knüpfte man auch mit
dem in Holland wirkenden, noch von Geyer berufenen Aposte
Schwartz, einem Hamburger „Priester“, an. Schwartz hatte
inzwischen im reformierten Holland seine Arbeit total
umgestaltet, jeglicher katholisierender Prunk der Apostolischen
schwand: die kultischen Prunkgewänder wichen dem Sonntagsrock,
die Altäre den Predigttischen, die Bilder den kahlen Wänden und
vor allem die dramatischen Opferliturgien den einfachen
kunstlosen Bekehrungspredigten. Bedeutsam war hier der Einfluss
Quellenmaterial Seite 44
des Westfalen Menkhoff,
eines aus reformierten Kreisen in der Gegend von Herford
stammenden ehemaligen Missionskandidaten, späteren
Reisepredigers. Während Schwartz in Holland blieb, ging Menkhoff
1868 nach Deutschland, wurde 1872 zum Apostel für dieses Land
ausgerufen und hat hier, vor allem in Hamburg und im
westfälischen Industriegebiet, die Arbeit organisiert. Schwartz,
der schon den Titel eines „Stammapostels“ geführt hatte,
und Menkhoff starben beide 1895. Als Menkhoffs Nachfolger für
Deutschland war schon vor seinem Tode der ehemalige Bahnmeister
Krebs aus Schierke am Harz „ausgesondert“ worden. Er
nahm nun bei Schwartz‘ Leichenbegräbnis auch den Titel eines
„Stammapostels“ an sich. Mit Feuereifer ging er gegen die
Landeskirche und ihre „Schwarzröcke“ vor und fand bald in
Deutschland eifrigen Zulauf, ja auch ausserhalb Deutschlands, in
Skandinavien, Nord- wie Südamerika, Australien, den
holländischen Kolonien, gewann er Anhänger. Besonderes Aufsehen
erregte 1899 der Übertritt des javanischen Missionskatecheten
Sadrach mit etwa 5'000 Christen zu den Neuapostolischen.
Nach Krebs‘ Tode
(1905) wurde sein Nachfolger als Stammapostel der schon 1896 zum
Apostel ausgerufene Landmann Hermann Niehaus aus Quelle
bei Bielefeld. Unter ihm ist das Wachstum, vor allem in Berlin,
Sachsen und in Westdeutschland, ununterbrochen vor sich
gegangen. Niehaus hat die Sekte in den Jahren seiner Kraft mit
fester Hand, mit „westfälischer Dickschädeligkeit“ geleitet.
Neuerdings, wo er älter geworden ist. scheinen sich
Streitigkeiten um die Nachfolge anzubahnen. Weniger hatte
in dieser Hinsicht zu bedeuten eine bald nach dem Kriege
[Hinweis: 1. Weltkrieg] in Stuttgart ausgebrochene Spaltung.
Aber seit der alternde Niehaus in der Person des Frankfurter
Apostels Bischoff 1920 einen Stammapostelhelfer
erhalten hat, geht der Leipzig-Dresdner Apostel Brückner
eigene Wege mehr „liberaler“ Natur. Es scheint, als wenn das
gesamte Apostelkollegium sich gegenüber dem bisher überragenden
Einfluss des Stammapostels neuerdings mehr zur Geltung bringen
will. Auch scheint neuerdings die Erwartung der baldigen
Wiederkunft des Herrn in Ausnahme zu kommen. Dabei steigt aber
die Mitgliederzahl andauernd. Man wird sie trotz der
Brücknerschen Spaltung ruhig auf 60 – 70‘000 schätzen
dürfen.
Die Apostel
bezeichnen sich, wie wir unten des weiteren sehen werden, als
Fleisch gewordene Christusse. Man sollte nun doch denken, dass
sie nach dem Wort 1. Petri 2, 23: „Welcher nicht wieder schalt,
da er gescholten ward“ und nach dem Wort des Herrn selbst Matth.
5, 44: „Segnet, die euch fluchen“ sich eines ruhigen Tones
befleissigen würden. Gegen einen so sachlichen Gegner wie
Handtamnn hat Niehaus selbst eine von unflätigsten
Beschimpfungen strotzende Broschüre geschrieben. Ebenso
wird Schmidt, der „Mauer-steiger“, wie sie ihn nach seinem sehr
sachlich gehaltenen Buch „Jenseits der Kirchenmauern“ höhnisch
nennen, mit einer Schale voll fanatischer Zornesausbrüche
übergossen. Doch sie wollen ihre Sache, von deren Richtigkeit
sie natürlich überzeugt sind, verteidigen, und ihr Zorn beweist
ja sicher, dass diese Gegner ihnen scharfe Hiebe beigebracht
haben. – Aber ist der Ton, dessen sie sich untereinander
befleissigen, ein anderer ? Gesetzt einmal den Fall, die grosse
Kirche hätte darin gefehlt, dass sie das Apostelamt hätte
abkommen lasssen, was, wie wir sehen werden, durchaus nicht der
Fall ist: aber hatten sie denn nicht, immer von ihrem Standpunkt
aus gesehen, in der Katholisch-Apostolischen Gemeinde die
Wiederherstellung dieser angeblich verloren gegangenen Ämter ?
In Hamburg haben sich doch 1878 bei der Trennung der
Neuapostolischen von den Geyerianern Szenen abgespielt, welche
sehr wenig dem Geiste des entsprechen, dessen erstes Wort am
Kreuzesstamm war: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht,
was sie tun !“ Geyer hat doch damals mit Recht die „entweihte
Stätte“ verlassen, um nie wieder dahin zurückzukehren. Wird
nicht der „sanftmütige und von Herzen demütige“ Herr auch zu
denen sagen, die damals den Platz behaupteten: „Ich habe euch
noch nie erkannt; weichet alle von mir, ihr Übeltäter“ (Matth.
7, 23) ? Wir wissen sehr wohl, dass in der Kirche Unkraut neben
dem Weizen wächst; aber ist, was damals bei den Neuapostolischen
in die Erscheinung getreten ist, Weizen oder ganz garstiges
Unkraut ? – Schreiber dieses kennt auch sehr wohl die
Streitschriften, die vor ein paar Jahren anlässlich des
Falles Brückner gewechselt sind, ebenso die damals in
Leipzig gewechselten Reden. Ist es der Geist der Bruderliebe
oder auch der Geist heiligen Zornes (Matth. 23), der aus ihnen
spricht, oder nicht vielmehr ein Geist ganz gehässiger
Rechthaberei ? Sie könnten der Kirche erst dann mit Recht
Unduldsamkeit vorwerfen, wenn sie selbst davon frei wären !
Worauf die Neuapostolischen vor allem pochen, das sind die
Apostel, die sie zu besitzen vorgeben, vor allem der
Stammapostel, der unter ihnen mit einer Würde angetan ist,
gegen die selbst die des Papstes verblasst. Sie glauben
nach Artikel 4 ihres Glaubens-bekenntnisses, „dass der Herr
Jesus seine Kirche durch lebende Apostel regiert bis zu
seinem Wieder-kommen“. Sie werfen uns vor: Ihr übertretet das
Wort eph. 4, 11: „Er hat etliche zu Aposteln gesetzt, etliche
aber zu Propheten, etliche zu Evangelisten, etliche zu Hirten
und Lehrern !“ Der Apostel sagt auch 1. Kor 12, 28: „Gott hat
gesetzt in der Gemeinde aufs erste die Apostel, aufs andere die
Propheten, aufs dritte die Lehrer, danach die Wundertäter,
danach die Gaben, gesund zu machen, Helfer, Regierer, mancherlei
Sprachen.“ Hätte der Apostel ein Gesetz daraus machen wollen,
dann hätte er wohl die Reihenfolge genau gleich gesetzt und
nicht an einer Stelle weggelassen, was er an der andern bringt.
Sehen wir genauer zu, dann will der Apostel 1. Kor. 12 nur die
Geistesgaben aufzählen, die Gott der Gemeinde gegeben hat. Diese
Gaben alle sind aber nicht das beste. Das Kapitel schliesst B.
31: „Strebet aber nach den besten Gaben; und ich will euch einen
köstlichen Weg zeigen“: und nun folgt 1. Kor. 13 das Hohelied
von der Liebe, die da bleibet, wenn alles andere, auch das
Apostelamt, vergeht. Die Gemeinde soll danach gerichtet werden,
ob sie Glaube, Hoffnung, Liebe gehabt hat,
Quellenmaterial Seite 45
nicht aber nach dem Bleiben oder
Wiedererstehen des Apostelamts. Ganz ähnlich ist der
Gedankengang in Eph. 4, das überhaupt (vgl. v. 4 – 6 mit 1. Kor.
12, 4 – 6) ganz auffällig mit 1. Kor. 12 parallel geht. Auch
hier heisst es v. 8: „(Christus) hat den Menschen Gaben
gegeben“, und dann folgt die Aufzählung der Gaben. Können wir
Gott nun zwingen, allezeit seine Gaben zu geben ? Sind diese
Gaben nicht vielmehr nur ein Mittel und zwar ein
vorübergehendes Mittel zu dem Zweck, (v. 12) „dass die
Heiligen zugerichtet werden zum Werk des Amts, dadurch der Leib
Christi erbaut werde“ ? Ein Apostel ist von Jesus Christus
berufen: so die Zwölf, so Paulus nach 1. Kor. 1, 1; 1. Tim. 1,
1; vor allem Gal. 1, 1. Sind die „Apostel“ aus England oder
Deutschland oder Holland so berufen wie die Apostel der alten
Kirche? Weiter aber: Johannes sagt (1. Joh. 1, 1): „ ... das wir
gehört haben, das wir gesehen haben mit unseren Augen, das wir
beschaut haben und unsere Hände betastet haben ... was wir
gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch“. Petrus sagt
(2. Petr. 1, 16. 18 f): „Denn wir sind nicht klugen Fabeln
gefolgt ...., sondern wir haben seine Herrlichkeit selber
gesehen ....; und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel
geschehen, da wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge“.
Derselbe sagt im Hause des Cornelius (Apostelgesch. 10, 9 – 11):
„Und wir sind Zeugen alles des, das er getan hat im jüdischen
Lande und zu Jerusalem ...; den hat Gott auferweckt am dritten
Tage und ihn lassen offenbar werden nicht allem Volk, sondern
uns, den vorerwählten Zeugen von Gott, die wir mit ihm gegessen
und getrunken haben nach seiner Auferstehung von den Toten“. Als
ein Nachfolger für Judas bestellt werden soll, umgrenzt Petrus
ganz genau den Kreis der Wählbaren, indem er sagt (Apostelgesch.
1, 21 f): "So muss nun einer unter diesen Männern, die bei uns
gewesen sind die ganze Zeit über, welche der Herr Jesus unter
uns ist aus- und eingegangen von der Taufe des Johannes an bis
auf den Tag, da er von uns aufgenommen ist, ein Zeuge seiner
Auferstehung mit uns werden“. Und Paulus sagt (1. Kor. 9,1):
„Habe ich nicht unsern Herrn Jesus Christus gesehen ?“ Ein
Apostel im ursprünglichen Sinn des Wortes muss Christus gesehen
haben. Dazu kommt noch die Bestätigung durch Zeichen und
Wunder. – Und nun fragen wir: Was haben denn Herr Niehaus und
seine Apostel in diesen Stücken, vor allem im zweiten,
aufzuweisen, das sie mehr zum Apostel qualifiziert als einen
beliebigen christlich getauften Herrn Schulze oder Müller, als
einen tiefgegründeten Christen, der zwar nicht so viele Worte
machen kann wie sie, sie aber an christlicher Erkenntnis weit
übertrifft? Wir wollen vom römischen Papst nichts wissen; wir
wollen ebensowenig etwas wissen von seinem Gergenstück in Quelle
bei Bielefeld. Bloss schimpfen können, ist kein Erweis des
Geistes und der Kraft.
Aber diese
Apostel eigenen Rechts, die sich, wie aus unzähligen
Belegstellen hervorgeht, selbst als Fleischwerdung Christi
betrachten, wollen auch die Bibel beiseite schieben. Von dem
Stammapostel Niehaus erzählt Karl Schmidt (Jenseits der
Kirchenmauern S. 147) folgende bezeichnende Äusserung:
„Ich hatte auch eine Bibel und
legte sie auf den Schrank und fand nach einiger Zeit, die Mäuse
hatten Jesum und die Apostel aufgefressen. Das ist euer Jesus
und das sind eure Apostel, von denen nicht einmal eine Maus
Respekt hat; seitdem ich dem lebendigen Gott diene, ist das ganz
anders, da laufen selbst die Hunde vor mir fort“.
Wenn es derartige blöde Witze
sind, durch die sich Niehaus das Lob der Volkstümlichkeit
erworben hat, so ist er allerdings um eine solche
Volkstümlichkeit nicht zu beneiden. Tatsächlich spielen aber
auch die Bibeltexte in den Ansprachen der Apostel usw. eine sehr
nebensächliche Rolle. Wir aber achten darauf, dass Jesus zu den
Juden sagt (Joh. 5, 39): „(Ihr) Suchet in der Schrift, denn ihr
meinet, ihr habt das ewige Leben darin, und sie ists, die von
mir zeuget“ und dass Petrus sagt (2. Petr. 2, 19): „Und wir
haben desto fester das prophetische Wort, und ihr tut wohl, dass
ihr darauf achtet ...“ – Der Leser möge noch folgende
Abschweifung verzeihen. Das Christentum, für den Schreiber
dieses selbstverstänmdlich die absolute, nicht überbietbare
Religion, gehört zu den sogen. „Buchreligionen“ d. h. zu den
Religionen, die auf einer geschriebenen Religionsurkunde fussen.
Nun gehören sämtliche „Weltreligionen“, die Religionen, die auf
Weltgeltung Anspruch machen, z. B. Buddhismus, Islam, Judentum,
zu den „Buchreligionen“. Wollte man nun, worauf solche obigen u.
a. Äusserungen hinzuzielen scheinen, das Christentum seines
„Buches“ berauben und dieses durch die mehr oder weniger
enthusiastischen Äusserungen der neuapostolischen Apostel
ersetzen, so würde das Christentum seiner Weltgeltung verlustig
gehen und zur Rolle irgend eines muhammedanischen Derwischordens
herabsinken. Wir sehen, auch von religionsgeschichtlichem
Standpunkt sind diese "Apostel" eigener Machtvollkommenheit
gerichtet. – Zu unseren beiden Sakramenten kommt bei den
Neuapostolischen auch die Versiegelung. Dieselbe, auf
Stellen wie 2. Kor. 1, 22; Eph. 1, 13; 4, 30 begründet, ist
durchaus kein Sakrament im Sinne unserer Kirche. Wenn man dieses
„Sakrament“, nach Weise der Mormonen, gar durch Vermittlung von
Lebenden unter Berufung auf 1. Kor. 15, 29 auch Toten
applizieren will, so muss man sagen, dass diese Stelle, wo
Paulus nur eines von abergläubischen Leuten in Korinth geübten
Brauches ohne eine Spur der Zustimmung Erwähnung tut, doch nun
und nimmermehr lehrgesetzlich aufzufassen ist. Wenn sie so
aufzufassen wäre, dann würde desselben wohl auch an anderen
Stellen des Neuen Testaments Erwähnung getan. Das geschieht aber
nicht und kann auch nicht geschehen, weil er der gesamten
biblisch-christlichen Auffassung der Sakramente wegen seines
zauberhaften Charakters widerspricht.
Die
Neuapostolischen wollen uns verhöhnen, dass wir gegenüber Joh.
10, 3 oder Offenb. 3, 30 Jesu Stimme nicht mehr hören,
sondern lesen, der „Apostel“ Stimme müsse man hören !
Sie haben wohl übersehen, dass nach Luk. 4, 16 f sogar Jesus in
der Schule zu Nazareth „gelesen“ hat. Wir begehren nichts
Quellenmaterial Seite 46
anderes, als die für uns
grundlegenden Heilstatsachen immer wieder zu vernehmen. Bisher
haben jene Apostel noch nichts zutage gefördert, das geeignet
wäre, sie zu ersetzen. Darum bleiben wir lieber bei dem Alten,
Bewährten ! Matth. 24, 24.
Kaltenkirchen (Holstein).
H.
Stocks
Wer sind
die Apostolischen ?
(genannt Irvingianer)
Ein Wort der Belehrung und
Warnung
von
Gustav Ischebeck
4. Auflage
29. bis 34. Tausend.
Preis 10 Pfg.
Verlag: Joh. Schergens G. m. b.
H. Bonn a. Rh.
Druck: Buchdruckerei Westfalia,
Witten
[ Eine Schrift ohne Jahresangabe
]
„Verleih uns,
Herr, in dieser Zeit der Wirren,
Dass wir von
deiner Bahn uns nicht verirren,
Lass keine Macht
dein heil’ges Wort uns rauben,
Stärk uns im
Glauben !“
So betete vor
vierzig Jahren der Dichter J. Sturm, und Tausende beteten es ihm
nach, denn das Gewitter der Stimmen ist seitdem nicht geringer
geworden. Laut und bestrickend tönt der Zuruf: „Hie ist Christus
!“ „Da ist Christus !“ aber: „glaubt ihnen nicht,“ lautet
Christi Warnung. Bibelfeste Gotteskinder antworten: „Er ist
nicht hier, sondern er ist auferstanden und gen Himmel gefahren,
sitzet zur Rechten auf dem Stuhle der Majestät im Himmel, von
dort wird er kommen mit grosser Kraft und Herrlichkeit.“
(Matth. 24, 30; Ebr. 4,
14; 8, 1 u. And.)
Diese Antwort kann jeder Leser
auch gelegentlich den dreisten Leuten geben, die man
„Irvingianer“ und „Apostolische“ zu nennen pflegt, und wenn er
sie gibt, wird er bald inne werden, wess Geistes Kinder sie
sind. Der Name „Irvingianer“ hat sich in Deutschland
eingebürgert und bis in die neueste Zeit wird er in den besten
Kirchengeschichten gebraucht; wir müssen ihn deshalb auch mit
benutzen, obschon diese Bezeichnung anfechtbar ist. Die ersten
Aposteln dieser christlichen Benennung wurden ohne Irvings
Wissen und Wollen ernannt, die Organisation der ganzen Bewegung
geschah nach seinem Tode. Fälschlicherweise belegt man dazu mit
dem einen Namen „Irvingianer“ zwei Parteien und
Gruppen, die sich mindestens ebenso ferne stehen wie
Protestanten und Katholiken. Es ist auch irreführend, dass man
für die b e i d e n Gruppen den Namen:
„Katholisch-Apostolisch“ gebraucht, auch das hat zu mancherlei
Verwechslung Anlass gegeben. Die ältere Gruppe nennt sich
„Katholisch-Apostolisch“, die jüngere dreist „Apostolische
Gemeinde“. Die ältere Gruppe hat ihre Geburtsstätte in einem
durchaus ernsten Kreise gläubiger Forscher prophetischer
Schriften in London, die jüngere in einem aufsässigen,
exkommunizierten Kreise der älteren Gemeinde in Hamburg. Die E
r s t e n begannen mit der Ausrufung des Bankiers Drummond zum
„Hirten“ und des tüchtigen Advokaten Cardale zum „Apostel“;
ersteres am 20. Oktober, letzteres am 7. Novbr. 1832. Die Z w
e i t e n haben ihren Anfang in der Ausrufung des Königsberger
Priesters Rosochaki zum „Apostel“ am 4. Januar 1863. Die Quelle
sagt darüber folgendes: "In Berlin lebte in der
(Katholisch-Apostolischen) Gemeinde der Engelprophet H.
Geyer, der als Priester-Prophet in der Gemeinde diente –,
aber, der falschen Lehre beschuldigt, von seinem Amte
suspendiert war. (Die falsche Lehre bestand für sie darin, dass
er gesagt und gelehrt, die aus ihrer Zwölf-Zahl gestorbenen
Quellenmaterial Seite 47
Apostel müssten durch neue
ersetzt werden, damit es zwölf blieben.) Bei einem Besuch in
Königsberg wusste er den Priester Rosochaki für seine Anschauung
zu gewinnen und ebenso den Hamburger Gemeinde-Engel Schwarz
in Hamburg. Schwarz lud Geyer und Rosochaki nach Hamburg. Beide,
G. und R., erschienen am Sonntag, den 4. Januar 1863, in
Amtsgewändern in der Kirche und wurden durch Schwarz anerkannt.
Die Berufung des Rosochaki als Erster eines neuen
zwölffachen Apostel-Amtes wurde durch Handauflegung öffentlich
kundgetan. Schwarz wurde als Engel bestätigt (etliche Monate
später wurde er auch Apostel), Geyer als Prophet. Rosochaki
kehrte nach Königsberg zurück und trat auf ernste Vorstellungen
mit Reue von seinem Apostel-Amt zurück." „Doch das neue Gewächs
war da und hat den alten Baum längst in Schatten gestellt. Oft
belegt man diese b e i d e n Gruppen irreführend mit dem
einen Namen „Irvingianer“. Die „Katholisch-Apostolischen“ sind
zur Zeit ohne Apostel, nach ihrer eigenen Meinung flügellahm und
auf’s Stillesein und Warten angewiesen; die „Apostolischen“°)
(°) Sie nennen sich seit 1907 je und dann auch
„Neu-Apostolische“.) sind sehr begeistert von sich, haben jetzt
mehr als zwölf Apostel und warten auf ihren Weltsieg.
Die alte Gruppe
hat in Deutschland und in der Schweiz etwa 100 Gemeinden und
Gemeindlein mit fast 15'000 Mitgliedern; sie ist sehr rituell
und überbietet fast die katholische Kirche in ihren bunten
Amtskleidern. Seit dem Tode des Apostels Woodhouse am 3. Februar
1901 haben sie keine Apostel und infolgedessen auch keine
Versiegelung mehr. Die Leitung ist in den Händen zweier
Koadjutoren, (nach ihrer Meinung Apostelhelfer, gleichwie es
Tomotheus und Titus waren); für Nord-Deutschland, Holland und
Russland ist’s Dr. J. Capadose, der vom 14. – 18. Mai 1901 mit
den Vertretern aus diesen Ländern in Berlin eine Konferenz
abhielt, um zu beraten, was jetzt nach des letzten Apostels Tode
geschehen solle. Zu gleichem Zwecke war am 26. Februar 1901 eine
Konferenz in London. „Die Koadjutoren der Apostel fassen ihre
Stellung nach wie vor so auf, dass sie an sie herantretende
Aufforderungen, irgendwelche apostolische Handlungen zu
vollziehen, entschieden zurückweisen und erklären, die
gegenwärtige Stille veranlasst uns zur Demütigung.“ „Wir müssen
stille sein und lauschen auf das, was der Herr uns sagen will,
bereit, dem Lamme zu folgen, wohin es uns auch immer führen mag,
wenn es auch ganz wider unsere Gedanken und Erwartungen sein
sollte“. „Jeder Diener soll sich demütigen, sich fragen, ob
sein Dienst nicht häufig Selbstdienst statt Gottesdienst gewesen
ist.“ „Unsere Aufgabe ist also: Stille, Busse, Demütigung,
völlige Reinigung. Dann wird uns der Herr auch helfen.“ So und
ähnlich sprach man sich auf der Konferenz aus. Seitdem halten
sie auch keine Werbevorträge mehr und warten angeblich auf eine
göttliche Anweisung. Dabei wurde es den Engeln (Gemeindeleitern)
nahegelegt, als Ausdruck des Apostelmangels und der Demütigung
den besonderen Amtsmantel beim Dienst nicht zu tragen, da „jetzt
die Teilnahme am hohenpriesterlichen Dienst der Fürbitte
aufgehört hat, das Heilige der Stiftshütte scheine jetzt
verdeckt, dazu sei man jetzt auf den Vorhof angewiesen.“ – Aus
dem letzteren ersieht man, dass diese Gruppe sich so sehr an
alttestamentliche Ideen und Einrichtungen gewöhnt hat, wie es in
keiner zweiten deutschen christlichen Benennung zu finden ist.
Sie haben es mit einer Ausrufung von zwölf neuen Aposteln (von
1832 – 1853) bewenden lassen, hingegen halten die
„Apostolischen“ die Zwölfzahl seit der Neuberufung im Jahre
1863 voll, sie haben ständig neue in Reserve, die sie schon
Apostel, auch wohl Apostelgehilfen nennen, und berufen sich
darauf, dass auch Paulus anderen den Namen Apostel gab (Röm. 16,
7; Phil. 2, 25). Jeder aufmerksame Leser kann an diesen Stellen
ersehen, dass Paulus die Vertreter oder Abgesandte, die ihn oder
Gemeinden vertraten, mit diesem Namen benannte, wie denn das im
Griechischen gebrauchte Wort für Apostel, Bezeichnung für
„Vertreter“ und „Gesandter“ ist. Aber für das vollendete Reich
Gottes nennt die Heilige Schrift nur „z w ö l f A p o s t e
l d e s L a m m e s.“ (Offenb. 21, 14; Matth. 19, 28).
Die
„Apostolischen“, derentwegen der Traktat geschrieben ist,
räumten bald mit manchen Einrichtungen aus dem
alttestamentlichen Ritus der alten Richtung auf. Die
Priestergewänder und sonstige prunkhafte Einrichtungen wurden
abgeschafft, teils wohl, weil für die kostenreichen
Einrichtungen die Mittel fehlten, und teils, weil die Neugründer
nicht im e n g l i s c h e n H o c h k i r c h e n t u m
erzogen waren. Von Hamburg und Berlin ging die Bewegung nach
Holland über – im reformierten Holland ist bis heute kein
wachstumreicher Boden für sie – aber die Zentrale blieb D
e u t s c h l a n d. Die „Alten“ hatten ihre Apostel nur aus
gebildeten Kreisen Englands – wie sie denn auch in
Deutschland stets Mitglieder und eifrige Vertreter aus solchen
Kreisen hatten; nicht nur traten mehrere lutherische Theologen,
darunter Professor H. Thiersch – ein Schwager von Zeller in
Männedorf – sowie katholische Theologen zu ihnen über, sondern
auch der „Kreuzzeitungs“-Leiter Wagner und etliche Adelige; die
bekanntesten sind von Pochhammer und von Richthofen. Die „Neuen“
haben ihre Apostel aus dem Bürger- und Arbeiterstande, was an
sich gewiss kein Tadel ist, denn die „zwölf Apostel des Herrn“
waren es auch zumeist; vor Gott ist der sogenannte „Laien-Stand“
durchaus nicht minderwertig. Er benutzte sehr viele sogenannte
„Laien“ und machte sie zu „auserwählten Werkzeugen seiner
Gnade“. Der „Herold“, ein Organ der „Apostolischen“, schreibt
über die bürgerliche Stellung der „neuen Apostel“ im Juli-Heft
1904: „Ein Freiherr ist wohl imstande, unter Standesgenossen,
den Adeligen, Freiherrn u. s. w. etwas auszurichten, aber nicht
unter dem Volke; „Sorte bei Sorte“, sagt das Sprichwort; so ist
auch ein „Herr Pastor“ wohl imstande, unter seinesgleichen etwas
Gutes auszurichten, aber „Sorte bei Sorte“; die Apostel in
dieser Zeit sind einfache, schlichte Männer aus dem Volke, sie
haben aber ein warmes Herz für ihre Standesgenossen ...“ Die
„Apostolischen“ haben ihre meisten Apostel aus den Deutschen,
daneben wird für Holland Kofmann, für Nordamerika Mierau, für
Südamerika Faber, für Südafrika Klibbe, für Australien
Quellenmaterial Seite 48
Niemeier, für Java und Ost-Indien
Hannibal, Jakobus und der in Neukirchener und holländischen
Missionsberichten oft erwähnte, fast heidnische Sadrach genannt.
Für Deutschland
werden folgende Männer als Apostel ernannt: Niehaus, der seit
dem Tode Krebs (am 21.
Januar 1905) „A p o s t e l -V a t e r“,
„A p o s t e l-F ü r s t“, „A p o s t e l-P f e i l e
r“, „S t a m m-
A p o s t e l“ und das „H a u
p t d e r A p o s t e l-E i n h e i t“ ist; [Anmerkung:
Menschenverehrung!] Wachmann, Obst, Hallmann, Bornemann, Ruff,
Sebastian; letzterer war im Auftrage von Krebs im Jahre 1904
auch in Schweden tätig. Im Oktober 1905 wurden dann für
Deutschland noch drei weitere Apostel ausgerufen, nämlich
Brückner, Bock und Oehlmann, und andere hernach. Sie haben
bisher keine eigene Literatur, wohl für Deutschland zwei
Monatsschriften: „Wächterstimme aus Ephraim“ und „Herold“;
daneben sendet der „Apostel-Vater“ den Leitern
Gelegenheitsbriefe und –berichte als Manuskript gedruckt. In dem
Gemeindegesangbuch sind die liturgischen und amtlichen Regeln
und Gebete kurz angegeben.
Trotz aller
Freigeisterei haben sie von den „Katholisch-Apostolischen“ noch
vieles beibehalten. Nicht nur das Versiegeln, Weissagen,
Zungenreden, den Zehnten als
Gemeindesteuer°),
°) Darüber sagt der frühere
Evangelist G. Hofele der „Apostolischen Gemeinde“ in Göppingen:
„Man hat den Zehnten für die Gemeinde zu opfern. Es ist mir aber
während meiner ganzen zehnjährigen Tätigkeit als Prediger
nicht ein einziges Mal ein Rechenschaftsbericht zu Gesicht
gekommen, der darüber Aufschluss gegeben hätte, in
welcher Weise die Opfer verwendet werden. Es ist eben so,
dass von Vierteljahr zu vierteljahr der „Apostel“, der für
unsere Gegend in Frankfurt seinen Sitz hat, die einzelnen
Gemeinden besucht und die bis dahin gesammelten Opfer
einstreicht. – „Chronik der christlichen Welt“ 1905, Seite
398.
sondern
auch die Lehre von der Weihe des Taufwassers, dass die
Kindertaufe wirkliche Neugeburt gebe, weshalb auch „Nottaufe“
den nicht beamteten Personen gestattet ist, die aber hernach
amtlich bestätigt werden muss. Auf Grund dieser Lehre haben sie
auch das Abendmahl für Säuglinge und Kinder eifrigst
beibehalten, „weil das neue göttliche Leben auch göttliche
Nahrung haben muss.“ Niehaus sagt in seiner Abwehr gegen Pastor
Handtmann Seite 24 darüber: „Wir lassen nicht die Kinder 14
Jahre ohne Leben ... Auf unsere Frage antworten sie mit
funkelnden Augen: wir bekommen Leibn und Blut Christi, und oft
weinen sie, wenn es ihnen entzogen wird;“ ein unbiblischer,
sinnlicher Beweis. Hingegen haben sie auch vieles, was die alte
Gruppe, die „Katholisch-Apostolischen“ allen Ernstes rügen und
aus Pietät vor dem Worte Gottes nicht lehren, eingeführt.
Falsche Propheten
gab es schon vor 1800 Jahren. Und jene wie auch die heutigen
haben dies gemeinsam, sie bedürfen der Lobebriefe, recht
menschliche Empfehlung, so zu lesen 2. Kor. 3, 1 f: 11. 13 f.
Die heutigen Apostel leiten ihre Anhänger dazu an, dass sie
ihr Amt und ihre Person hochheben und besingen, und
dieses ist dem antichristlichen Personenkultus fast auf’s Haar
ähnlich. Von 390 Liedern des Gesang-buches stehen 36 unter
folgender Rubrik (In einem Anhang von 130 Liedern, Herbst 1905,
ist’s ganz ähnlich gehalten.): „Vom gesandten Apostelamt und
dessen Taten.“ Wir geben im folgenden daraus etliche
Stichproben:
Nr. 365:
„Es ist doch wahrlich grosse Gnad‘,
dass Gott Apostel wieder gab,
und können wir durch sie allein,
nur rechte Gotteskinder sein.“
Nr. 373:
„O, mein Apostel birgt mich gut !
ein starker Fels in wildem Sturm, fest steht er !“
Widerlich und charakteristisch
ist folgendes aus
Nr. 176:
„Wer Jesum in seinen Aposteln erblickt,
wird heil zu derselbigen Stund‘.
Drum blick‘ nur auf sie, die der Vater geschickt,
sie werden für dich noch verwund’t.“
Im Osterlied Nr. 149
heisst es:
„Er ist nicht mehr im Grab,
nur im lebend’gen Boten
er sich auf’s neu‘ uns gab:
In der Apostel-Einheit,
da wohnt und thronet er.“
In
Nr. 221:
„A
p o s t e l a m t, gesandter Geist, dir sei gebracht,
Ruhm, Dank und Preis, Lob, Ehre
und A n b e t u n g.
Du
hast mich aus des Irrtums Nacht,
aus Gnaden an d e i n L i c h t gebracht !
... in der Sendung.“
Quellenmaterial Seite 49
Nr. 278:
„Im Apostel ist das Leben,
ist das Licht, das uns entflammt.
Wieviel Gnade, wieviel Segen,
spendet der Apostelsinn.“
Das Gesangbuch mit solchem
Personenkultus ist von Krebs und seinen Aposteln herausgegeben.
Ist das nicht Selbstlob und Eitelkeit ? Man weiss nicht,
worüber man sich mehr wundern soll, über die Selbstvergötterung
und die Dreistigkeit der Führer, wie sie in Wort und Lied sich
geben und den biblischen Aposteln so unähnlich wie möglich sind,
oder über die unbegrenzte Leichtgläubigkeit der
Gefolgschaft. – Als man Paulus fleisch-lich ehren wollte,
schrieb er: „Wer ist Paulus ? Wer ist Apollos ? Diener sind
sie ... so ist nun weder der da pflanzet, noch der da begiesset,
etwas, sondern Gott, der das Gedeihen gibt“ (1. Kor. 3, 5) und
riet jedermann, wie er sich gab zum Vorbilde, „mässiglich von
sich zu halten“ (Phil. 3, 17. Röm. 12, 3). Petrus erinnert als
Mitältester seiner Ältesten: Nachzufolgen dem Vorbilde Christi
und in seinen Fussstapfen zu wandeln, nicht als solche, die über
das Volk herrschen, sondern Vorbilder in der Demut zu sein (1.
Petr. 2, 21; 5, 1 – 6). Johannes nennt sich: „Ich Johannes,
euer Bruder und Mitgenosse an der Trübsal“ (Offenb. 1, 9). Der
Herr Jesus sagte seinen Aposteln: „Wenn ihr alles getan habt,
was euch befohlen ist, so sprechet, wir sind unnütze Knechte“
(Luk. 17, 10). Im Gegensatz zu dieser Gesinnung lesen wir im
Nachruf auf Krebs – wohl vom Apostel Bornemann zusammengestellt
– Seite 6: „Es ist nicht leicht, in die Nähe des von Gott
gesandten Apostels zu kommen, denn er ist nicht mein Kollege,
auch nicht mein Gespiele, auch nicht mein Bruder – sondern mein
HERR, mein MEISTER !“ (Fettdruck
daselbst – der Fettdruck in den Zitaten, ist immer im Original
enthalten.) Damit ist der „Apostel-Vater“, jetzt Niehaus,
gemeint. Sie sagen: „es regieren l e b e n d e Apostel das
Glaubensleben der Gemeinde und keine entschlafenen.“ Was diesen
Aposteln an biblischer Grundlage, christlicher Demut, an
Geistesklarheit fehlt, suchen sie durch „Glorie des Amtes“ zu
ersetzen. In vielen Liedern – wir zählten in der neuen Ausgabe
65 Nummern, – und Aufsätzen wird die göttliche
Autorität ihrer Apostel hervorgehoben. Das, was den
„Apostolischen“ zum Christen macht, ist nicht die Erneuerung des
Herzens durch Busse und Glauben, noch das Zeugnis des Heiligen
Geistes, sindern der G e h o r s a m gegen die Lehren s e
i n e r Apostel, der selbst bis ins Familien- und
Geschäftsleben gefordert wird; im letzteren sind etliche
Leiter freilich nachgiebiger.
In ihrem
Gesangbuch haben sie auch viele unserer besten alten und neuen
Lieder unverändert und sie singen sie mit einer seelischen
Begeisterung, die nachahmenswert wäre, aber der biblische Boden
mit den Grundwahrheiten ist von den Führern und Nachfolgern,
trotz frommem Gerede, ganz verlassen. Trotz der groben Irrtümer
wird der Herr in seiner Gnade und Liebe wohl einzelne zum Heile
in Christo zu führen wissen.
Die H e i l i g
e S c h r i f t gilt ihnen nur soviel, als sie einzelne
Worte für ihre Zwecke zustutzen können, über das „Wie“ machen
sie sich keine Skrupeln. Bisher fanden wir in keiner ihrer
Schriften den Ausdruck: „Heilige Schrift“ oder „Gottes Wort“,
sondern nur die Benennung „die Bibel“ (Seit der III. Auflage
dieses Traktates hat man aus frommer Politik in dieser Hinsicht
die Taktik etwas geändert.). Hier ist einer ihrer tiefsten
Schäden, woraus Irrtum auf Irrtum geboren ist. Weil die Führer
d e n untrüglichen Boden verlassen, verführen sie und werden
verführt. Im „Herold“ Nr. 119, 4 lesen wir: „Wenn der Apostel
als Führer (gemeint ist Niehaus) ein Wort oder Gebot gibt und
der Bischof oder Priester (Gemeindeleiter) will erst mal
nachsehen in der Bibel, ob Moses das auch sagt, oder Paulus oder
Petrus, .... n e i n, was du h e u t e hörest, das ist
massgebend, dafür bist du verantwortlich. Wenn ich die h e u t
i g e Stimme Gottes in seinen (heutigen) Aposteln erkenne und
folge, DAS IST GLAUBE, aber in der Bibel lesen,
und das nach seiner Herzensstellung beurteilen, das ist kein
Glaube, sondern ein FÜRWAHRHALTEN.“ In Niehaus
Schrift gegen Pastor Handtmann Seite 12 steht: „U n g l ü c k l
i c h w ä r e n wir, wenn das schaffende Wort mit der ersten
Schöpfung (den zwölf Aposteln) aufgehört hätte und wir nur das
Nachlesen hätten.“ S. 23: „Wir h a b e n g a r n i c h t
e i n m a l n ö t i g, d i e B i b e l z u f r a g e
n, o b d a s s o r e c h t s e i, auch keinen
Theologen ... wie uns die Salbung lehrt, und sie lehrt allerlei,
als der Geist uns auch selbst das offenbart, was der Herr
EINST s e i n e n A p o s t e l n n o c h n i
c h t s a g e n k o n n t e,“ und ebenda: „Wenn Gott sich
einst in den Aposteln n i c h t k ü m m e r t e u m d i
e B i b e l, dann tut Gott heute das noch ebenso i n
seinen Aposteln.“ Das Wörtchen „in“ ist mit Absicht gebraucht.
Seite 17: „Wir geben zu, dass früher oft Ämter erbeten sind, w
e i l d a v o n i n d e r B i b e l s t e h t,
während Gott h e u t e seine Apostel dahin zur Erkenntnis
gebracht hat, dass die Ämter n i c h t u m d e r B i b e
l w i l l e n s e i n s o l l e n.“ Wie ist damit doch
der Willkür dieser heutigen Apostel Tor und Tür geöffnet !
Seite 8 heisst es: „Als man sie (die Apostel der Heiligen
Schrift sind damit gemeint) umgebracht hatte, d a f i n g
S a t a n a n, ihre Schriften als ewig geltende Grundsätze
hinzustellen, damit nicht andere kämen mit Wahrheit und Taten;
welch eine L i s t d e s T e u f e l s!“ Wir sagen, welch
eine Teufelslist ist es, also Gottes Wort zu entkräften und
ebendaselbst zu fordern: „weshalb macht man nicht auch die
Schriften der jetzigen Apostel und Boten Gottes heilig?“ Wir
antworten: wir tun es deshalb nicht, weil sie voller Irrtum und
Menschenbetrug sind.
In „Wächterstimme“ Nr. 14 steht: „D i e B i
b e l g e n ü g t n i c h t z u m F i n d e n d e
r W a h r h e i t, a b e r d i e W a h r-
h e i t i s t a u s s e r h a
l b d e r s e l b e n.“ So lästerhaft reden und schreiben
Männer, die vorgeben, Boten
Quellenmaterial Seite 50
der Wahrheit, „Gottgesandte“ zu
sein. In „Wächterstimme“ 62 und 78 sagt Krebs: „Wo man sich an
Buchstaben bindet und glaubt, das Christentum bestehe darin, die
Bibel zu verteidigen, da haben w i r o f t g e f u n d e
n, d a s s G o t t s o l c h e W e i s e v e r u r t e
i l t.“ „Die stückweise Erkenntnis des Aspostels Paulus und
seiner Umgebung, seiner Zeit, kann doch nicht als vollkommene
Form und Norm für alle Zeiten hingestellt werden ! Es ist d e
m B ö s e n g e l u n g e n, d i e B i b e l a l s h
e i l i g h i n z u s t e l l e n, das Wort von HEUTE
ist unseres Fusses Leuchte.“ Wer erschrickt nicht vor solchen
Aposteln ! Ist solche Sprache nicht abtichristlich ? Zwiefach
betrogen ist, wer diesen Aposteln folgt und ihrem Wort von h e
u t e traut ! Also das Wort eines „heutigen Apostels“ soll
sicherer und wertvoller sein als die Heilige Schrift ! Wer
möchte sich auf solch einen schwammigen, schwankenden Boden
stellen ? Furchtbar ist getäuscht, wer es tut. Die dreisten
ungläubigen Theologen und d i e s e Leute haben den gleichen
teuflischen Inspirator. Sie verlangen herausfordernd für ihre
Meinungen Anerkennung mit Hintansetzung des Wortes, das seit
1800 und mehr Jahren „seine Gotteskraft“ unter fast allen
Völkern an heilsbedürftigen Herzen bezeugt hat. Dieser Leute
„Menschenfündlein“ ist „Menschenbetrug“ ! Paulus warnt uns und
sagt: „Solche falsche Apostel und trügerische Arbeiter
verstellen sich zu Christi Apostel, und das ist auch kein
Wunder, denn er selbst, Satan, verstellt sich zum Engel des
Lichts. Darum ist es nicht ein Grosses (Besonderes), wenn auch
seine Diener sich verstellen als Prediger der Gerechtigkeit,
welcher Ende wird sein nach ihren Werken.“ 2. Kor. 11, 13 – 15.
Welch ein Gericht wird es sein !
Der neue
„Apostel-Vater“ sagte in seiner Rede am Sarge des Krebs: „Als
ich telegraphisch gerufen wurde, (Krebs war drei Tage krank und
starb), habe ich nicht mehr mit ihm sprechen können. Als wir zum
letztenmale bei ihm waren, rief ich noch: VATER, WILLST
DU UNS VERLASSEN ? Darauf die Antwort aus des Vaters
Munde: „DARAN IST KEIN DENKEN !“ Ich war
zufrieden und sagte: „diese Worte s i n d m i r m e h r
w e r t, a l s z e h n K a p i t e l i n d e r B i b
e l.“ (Wächterstimme Nr. 115 Seite 5). „Im Herold Nr. 115 lesen
wir: „Gott will sein Werk durch LEBENDE APOSTEL,
wir betonen es, DURCH LEBENDE APOSTEL WILL GOTT SEINE
KIRCHE BAUEN UND VOLLENDEN. HEUTE redet Jesus
durch seine gesandten Apostel, und die Sendung der Apostel in
dieser Zeit ist eine laute Sprache Gottes.“ „Krebs hat uns den
Willen Gottes gesagt ... es ist das Wort Gottes aus seinem
Munde.“ Im Blick auf das „HEUTIGE A p o s t e l
w o r t“ singen sie:
„Schalle wieder im höheren Chor,
heil’ges Apostelwort !
Wort voll Geist und Leben,
mach uns dir ergeben.
Herrliches Wort, heil’ges Apostelwort“ !
Nr. 279.
„O
Wort der Apostel voll Gnade und Heil,
Dich h e u t e zu hören, welch‘ köstliches Teil.“
Nr. 417.
Dreister hat noch niemand
geredet. Trug und Betrug !
Wir sprechen mit
Petrus: „Herr, wohin sollen wir gehen ? Du hast Worte
des ewigen Lebens !“ Seitdem wir diesem „Worte des ewigen
Lebens“ glauben und folgen, erfahren wir täglich: „Wir sind
nicht klugen Fabeln gefolgt,“ sondern wir haben ein festes
prophetisches Wort, und wir tun wohl, dass wir darauf achten“;
denn das Wort ist uns nicht Menschenwort, sondern, wie es denn
wahrhaftig ist: „Gottes Wort“, „göttliche Weisheit“ und
„Gotteskraft“. Wir erfahren es, wie Ungezählte vor uns und mit
uns: „Das Wort ist schärfer denn ein zweischneidiges Schwert und
ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“ Dem alten
und neuen Aber- und Unglauben zum Trotz sagen wir: „Herr, d e
i n Wort ist unseres Fusses Leuchte“; „Herr, dein Wort ist
unsers Herzens Freude und Trost!“ „Wir freuen uns über dasselbe,
wie einer, der eine grosse Beute findet.“ Denn es ist bei uns
wirksam, „in der Kraft und im heiligen Geiste und in grosser
Gewissheit“ (1. Thess. 1, 5). Den falschen Aposteln aus alter
und neuer Zeit sagt Gottes Wort: „So aber jemand anders lehrt
und b l e i b t n i c h t b e i den heilsamen
Worten unseres Herrn Jesu Christi, der ist aufgeblasen und weiss
nichts ... es sind Menschen mit zerrütteten Sinnen, die der
Wahrheit beraubt sind.“ (1. Tim. 6, 3 – 5). Lieber Leser, lass
dich nicht verführen, als Beute wegführen, nach der Menschen
Lehre, welche ist nicht nach Christo (Kol. 2, 8). Hat Gottes
Wort seine erneuernde Kraft an deinem Herzen offenbaren können
? Das ist das sicherste Bewahrungsmittel und hat sich seit des
Herrn Jesu Sieg über den Erzfeind, der mit „dem Worte der
Wahrheit“ errungen wurde, als einzig sichere Waffe bewährt.
Diese sich
„Apostel“ nennenden Männer stellen nicht nur ihr Wort
an die Stelle der Heiligen Schrift – ja gar über dieselbe –
sondern auch ihre Person an die Stelle Christi. Sie
sagen, sie seien Christus im Fleisch, Gott sei im Fleisch in
ihnen. „Wächterstimme Nr. 115, 3. heisst es: „Dass Jesus einst
ins Fleisch gekommen, das glauben alle Geister, dass aber Jesus
CHRISTUS HEUTE AUCH IM FLEISCHE LEBT UND WIRKT,
das will man nicht glauben; Seite 8. „Wir Apostolischen haben
den Vater in dem lieben entschlafenen Apostel Krebs geliebt und
geehrt, und es ist wohl leicht, in dem lieben Apostel Niehaus
den V a t e r zu ehren.“ Herold Nr. 119, 3: „Verlassen wir
den Apostel (Niehaus gemeint), so verlassen wir Jesum.“
Wächterstimme Nr. 83, 4: „Wenn Jesus vor falschen Christussen
und falschen Propheten warnt, so müssen WAHRE CHRISTUSSE
Quellenmaterial Seite 51
u n d w a h r e P r o p h e t
e n da sein.“ Aus
dem Zusammenhang geht hervor, dass damit die neuen Apostel und
ihre Vertreter gemeint sind. Ist diese Rede nicht antichristlich
? Im Herold Nr. 107 ist ein Artikel: „Wo waren die Apostel am
Pfingsttage 1904“ ? Darinnen sind folgende erschreckende
Irrtümer: „A l s o w i r b e t o n e n a u c h d i e
T a t e n G o t t e s, d i e f r ü h e r g e s c h e h e
n s i n d, befriedigen uns nicht, SONDERN NUR DIE
TATEN GOTTES IN DER GEGENWART. „Ich schrieb meinem
lieben Apostel K., er möge mich decken mit SEINER
Gerechtigkeit ..., damit ich nicht vom Feuer verzehret würde.“
„Wir müssen zeugen von den E r l ö s u n g s t a t e n d u r
c h d i e A p o s t e l, solchen Erlösungstaten, die wir
am eigenen Herzen empfunden haben.“ „Wir müssen dem Satan
antworten: „da steht mein Apostel, d e r h a t m i c h e
r l ö s t“! So irre und grundstürzend redet selbst Rom nicht.
Aus einem andern Aufsatz: „Du zeigst auf die Quelle in deinem
Apostel hin, auf die Vaterschaft, auf den Ursprung ... das ist
recht, i c h m u s s d e n W i l l e n, d e n G e i
s t u n d d a s L e b e n m e i n e s V a t e r s u
n d A p o s t e l s t ä g l i c h neu erbitten und immer
wieder neu aus der Quelle nehmen.“ So zu lesen in dem Blatt,
welches der „Apostel Pfeiler“ Krebs redigierte; das ist mehr als
römischer „Krebs-Schaden“ !
Bisher bietet
darin der Nachruf auf Krebs („Mein letztes Wort“) das
Abschreckendste; wir geben daraus eine wörtliche Auslese. Es
sagt Niehaus Seite 8: H e u t e steht es klar vor meinen und
aller Augen – sein Wort ist erfüllt !
E r h a t d i e S c h u l
d m i t s e i n e m L e i b e b e z a h l t ! - !
- !
W e i n e n d und flehend stand
Vater Krebs vor seinem Gott für uns Menschen und e i n h e i
s s e r B l u t s t r o m C h r i s t i q u o l l a u
s s e i n e m M u n d e !
Seite 10: D e
r h e r r l i c h e G o t t e s d i e n s t am Sonntag, wo
der liebe Vater wie verklärt im Geisteswirken voll d e r F ü
l l e, d e r G o t t h e i t u n d d e s L i c h t e
s vor uns stand, bleibt mir ein Denkmal des Gedächtnisses bis
zum Tode, wie auch allen Teilnehmern ! Das war kein Mensch
mehr, der da sprach, DAS KONNTE NUR CHRISTUS SEIN,
wie Vater Krebs das auch beim Abendmahl vorbrachte: D a s i
s t m e i n F l e i s c h, obwohl ich noch lebe.
Seite 11: D e
m l i e b e n V a t e r N i e h a u s wurde es schwer zu
sprechen, (bei der Gedächtnisfeier), wie er sagte, aber ich habe
meinen Schmerz in mich gefressen, denn wenn ich euch wollte
meine Tränen zeigen, so würdet ihr geschlagen. Die Hölle feiert
ein Freudenfest, denn ihr mächtigster Feind, ihr Tod- und
Erbfeind (nämlich Krebs) ist zu Boden gestreckt. Die Welt wird
sich freuen, aber ihr werdet weinen. Aber eure Tränen sollen in
Freude verwandelt werden, und die Hölle soll zittern und beben,
denn der Auferstandene lebet und hat mich zugerichtet wie ein
geschmücktes Ross zum Streit. Wo nun die Hölle sagt, nun ist
unser Erbfeind zu Boden gestreckt, nun wird der Niehaus noch ein
paar Wochen klappern und dann geht es langsam zurück, und das
Haus fällt zusammen, und die Hütten zerbrechen, so sage ich
(Niehaus) heute, ich vermag alles, durch den, der mich gemacht
hat, durch den E n t s c h l a f e n e n; Tod, ich will dir
ein Gift sein; Hölle, ich will dir eine Pestilenz sein, deine
Sklaven sollen zittern und beben, und es soll kein Stein auf dem
andern bleiben.
Seite 12: D i
e d e m Apostel Krebs bisher treu gewesen sind und ihm nicht
widerstanden, von denen soll auch kein einziger verloren gehen.
Seite 14: D a s
s a n d e m alten, ehrwürdigen und schlichten Greis im
Silberhaar viele, viele Tausende von Menschen in reiner und
aufrichtiger Liebe und Ehrfurcht hingen, wie wohl selten einem
Sterblichen zuteil wird, sah man hier deutlich. Man kann davon
sagen, er ist wie ein Armer gestorben, aber wie ein Reicher
begraben. E r h
a t s e i n L e b e n z u m S c h u l d o p f e r g e
g e b e n u n d i s t a u s d e r A n g s t u n d
d e m G e r i c h t g e n o m m e n, d a e r u m d
i e M i s s e t a t d e r M e n-
s c h e n g e p l a g t w a
r. E r h a t S a m e n i n d i e L ä n g e, und
des Herrn Vornehmen und Werk, durch seine Hand angefangen, wird
zum Schrecken der Hölle fortgehen und weitergelingen, darum,
dass seine Seele gearbeitet hat.
Seite 15: Niehaus
sprach: „Ich z i t t e r e bei dem Gedanken der
Verantwortung, die ich übernehme, wo ich weiss, wie unendlich
viel M ü h e u n d S c h w e i s s u n d B l u t s t r
o p f e n es den lieben Vater Krebs gekostet hat, das grosse
Werk so weit hervorzubringen, und ich weiss, was da kommen wird,
wie es nach dem Tode des Apostels Menkhoff sowie des
Apostels Schwarz war, wo s i c h R o t t e n g e m e i n-
s c h a f t e n bildeten,
welche suchten, die Schafe an sich zu ziehen. Ich will heute
nicht weiter darüber sprechen, die Zeit wird es bringen, aber
soviel sage ich heute, dass sie an meiner Dickfaust und
eisernen Stirne zerschellen werden.“ So reden die falschen
Propheten, wie sie in der Heil. Schrift vorausverkündigt sind.
Sie sehen dem Heiland und seinen Aposteln nimmer ähnlich; und
dieser Niehaus mit seiner erhobenen „Dickfaust und eisernen
Stirn“ am Sarge des „A p o s t e l – V a t e r K r e
b s“ beansprucht jetzt der höchste Vertreter Gottes und Jesu
Christi auf Erden zu sein ! ? Nicht wahr, dann haben Wolf und
Lamm auch Ähnlichkeit ?
Lieber Leser, du
rufst wohl aus: Welch‘ grundstürzender Irrtum, welch‘ bodenlose
Verdrehung ! Ja, so ist’s ! Wehe dem, der diesem frommen
Betrug anheimfällt ! Und trotzdem folgen diesen Irreleitern
und Betrogenen viele Tausende. Mit Begeisterung singen sie nach
ihrem Gesangbuch
Quellenmaterial Seite 52
Nr. 357:
„Brüder und Schwestern,
freuet euch , ...
es
lebt allein der wahre Gott
in
dem Apostelamt“
Nr. 221:
„Apostelamt, gesandter Geist,
dir sei gebracht Ruhm, Dank und Preis,
Lob, Ehre und Anbetung,
ich fand in dir Erlösung.“
Nr. 281:
„Wer misst die Liebe in meinem Apostel ?
Wer wäscht uns rein ohn‘ seine Hand ?
I m F l e i s c h
e s t e h t h i e r G o t t v o r u n s !“
Nr. 217:
„Sei gegrüsst, du Gesalbter des Herrn;
Knechtsgestalt, Gott im Fleisch.
Führ uns zum Ziele !“
Nr. 456:
„Der Herr der Welt, er ist in seinen Boten,
im
sünd’gen Fleisch, welch‘ Herrlichkeit ...
Wer an dich glaubt, Apostelwort,
Der hat das ew’ge Leben.“
Dies alles gibt
uns eine kleine Probe davon, wie der A n t i – C h r i s t u
s es machen wird, um sich als V e r t r e t e r Christi
einzuführen, um Christus nachzuäffen und die Ungeübten mit
frommem Trug zu täuschen, als „Gott im Fleisch“, „der Gott von
heute“ selbst „der Sohn von heute“ Lied Nr. 402. Mit Finsternis
sind die Männer bestraft, „ein Fluch der bösen Tat“. Der Nachruf
auf den im Jahre 1895 gestorbenen „Apostel-Vater“ Schwarz
(Wächterstimme Nr. 5) enthielt noch nicht solch eine
trügerische, falsch-christliche Sprache. Der Unkrautsamen wächst
schnell.
Bei dieser
schrankenlosen Verdrehung der Heiligen Schrift nimmt uns nicht
wunder, dass die „Apostolischen“ vom Herrn Jesu bezeugte
Tatsachen und von den Aposteln und der gesamten gläubigen
Gemeinde verkündigte Wahrheiten leugnen. Für jeden Gläubigen
sitzt der Herr Jesus seit seiner glorreichen Himmelfahrt als
treuer Hohepriester zur Rechten Gottes auf dem Thron im Himmel
(Matth. 24, 30;
26, 64. Hebr. 3, 1 u. And.).
Darauf antewortet jeder „Apostolische“: Christus
sitzt im Himmel, d. h. in den Aposteln, „in den Apostolischen
!“ In Wächterstimme Nr. 108 heisst es in Bezug darauf: „Die
Wohnung Gottes wird „Himmel“ genannt und diese Wohnung s i n
d d i e, d i e d a l i e b h a b e n u n d h a l t
e n s e i n e G e b o t e. Und aus diesem Himmel hat der
Sohn Gottes einst geredet und redet er noch, nämlich aus dem
Kreise seiner Apostel.“ „Der Thron des Herrn ist der Berg Zion,
worauf des Herrn Haus ist, die Einheit seiner jetzigen Apostel.“
Dazu singen sie
Nr. 148:
„Nur in lebend’gen Boten
er
sich auf’s neu uns gab.
I n d e r A p o
s t e l – E i n h e i t,
d
a w o h n t u n d t h r o n e t e r.“
S. 278:
„Andere suchen in den Lüften,
ihn, der immer bei uns ist.
Nicht in Gräbern, nicht in
Grüften,
ist der Heiland Jesus Christ.
Hier im Fleische, im Apostel
offenbar sei sein Geheimnis,
als des wahren Gottes Stimm‘,
als des wahren Gott von heute.
Darum preiset Gottes Lieb‘,
lobt den wahren Gott von heut‘.“
Dazu wenden sie noch ein: „J e
s u s k a n n n i c h t i n e i n e m f e r n e n H
i m m e l s e i n, v o n d e m n i e m a n d w e i s
s, w o e r i s t, u n d i n u n s, das ist nicht
möglich“, - so erniedrigt man den „Herrn der Herrlichkeit“
in die kleinen menschlichen Schranken, und andererseits
erhebt man „d i e A p o s t e l der Neuzeit“ in göttliche
Machtstellung. Ein Gericht ist’s über jene Irreleiter, dass sie
den furchtbaren Tausch und Betrug, die afterchristliche
Bekehrung nicht erkennen ! Die Anhänger sind zu
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vertrauensselig und urteilslos,
als dass sie die Täuschung erkennen, nur einzelne merken es und
entflohen. Wir aber freuen uns, dass wir Ihn, „den
Auferstandenen aus den Toten“, wissen thronend zur Rechten der
Majestät im Himmel, wo er lebt immerdar für uns und bittet für
die Seinen, von dannen er kommen wird zum Schrecken seiner
Feinde, zur Freude seiner Erlösten, und wer weiss wie bald.
Sind einmal die
biblischen Grundlinien verlassen, so ergibt sich eine Verirrung
aus der anderen. Sie lehren: Selbst die vor Jahrhunderten
abgeschiedenen Seelen unterstehen noch ihrer Apostel Einfluss.
Deshalb haben sie auch d i e V e r s i e g e l u n g
d.h. S e l i g m a c h u n g l ä n g s t Verstorbener
mit in Händen. Selbst Luther, Calvin und andere teure Männer
sollen nur auf Weissagung und Gebet hin, kraft dieses
Apostelamtes, endlich zur Ruhe gekommen sein. Sie sagen, sie
konnten in ihren Tagen nicht selig werden, weil kein Apostel zum
Versiegeln vorhanden, weil sie aber ehrliche Sucher der a p o
s t o l i s c h e n Wahrheit gewesen sind, deshalb hat Gott
durch die Stimme ihrer Weissager angeblich diesen falschen
Aposteln den Auftrag gegeben, sie j e t z t zu versiegeln.
Welch‘ eine Vermessenheit und Verirrung ! Die V e r s i e g
e- l u n g d e r T o t e n“ oder „Entschlafenen“, wie
sie es in ihren Blättern (seit dieser Blossstellung in unserer
I. und II. Auflage nennen sie mit Absicht die Z a h l der
versiegelten Toten nur noch selten) nennen, ist bei ihnen sehr
im Schwange, denn sehr oft wurden mehr „Tote“ als „Lebendige“
versiegelt, wie aus Nachstehendem zu ersehen ist:
Ruff
versiegelte auf einer Reise in Süddeutschland und der Schweiz
161 Lebende und 360 Tote.
Krebs
versiegelte vom 1. bis 8. November 1903 in und um Magdeburg und
in Braunschweig 96 Lebende und 161 Tote; vom 13. bis 26.
November in Berlin und Umgebung in 25 Gemeinden 914 Lebende und
1084 Tote. Vom 1. bis 4. November 1903 versiegelten die Apostel
Bornemann und Niehaus am Niederrhein 167
Lebende und 238 Tote. Anfangs Juli 1904 wurden in Düsseldorf und
Umgegend 86 Lebende und 120 Tote versiegelt.
Durch Gebet wird angeblich bei
Gott angefragt, ob dieser oder jener längst Verstorbene
versiegelt werden soll; wenn durch Gesichte oder die Stimme der
Propheten und Weissager ein „Ja“ erfolgt, dann wird der
Hokus-Pokus unter allerlei frommem Trug als „apostolisch“ und
Gott wohlgefällig angesehen, trotz striktem Verbot des
Herrn, die Toten zu fragen (5. Mose 18, 11: „vor dem Herrn
ist’s ein Greuel.“). Bei der Versiegelung schliesst der
Gemeindeleiter das Totenreich auf, irgend eine Person weissagt
und sieht meist (als „Hellseher“) Gestalten aufsteigen – wohl
wie die Zauberin von Endor bei Saul – nach der Versiegelung
treten die Verwandten des Verstorbenen vor und empfangen f ü
r d i e V e r s t o r b e n e n das Abendmahl. Die
Geister, die gerufen wurden, haben zu allen Zeiten das Recht –
wie es scheint sogar den Auftrag, unter frommem Schein
irrezuleiten und zu verführen, ob sie auf alttestamentlichem
Boden gerufen wurden oder durch ein spiritistisches Medium oder
durch Gebets- und Weissagungsformeln „Apostolischer“ oder auch
anderer, allemal war’s und ist’s eine
teuflische Machtüberschreitung und führt in weiteren Betrug
Lästerung ist
auch die unter den Apostolischen eingebürgerte frivole
Redensart: „Die Bibel, das ist verschimmeltes Brot.“ „Das
Blut Christi ist längst vertrocknet und kann jetzt nicht mehr
helfen.“ Derartige Anschauungen gehören in die Rubrik der
Gotteslästerung, und doch müssen wir sie als Kennzeichen
den Lesern bieten. Zweifellos sind diese Irrlehren
Erscheinungen, die die Heilige Schrift als „kräftige Irrtümer“
vorausverkündigt. Lieber Leser, lass dich nicht blenden durch
die angeblichen Kräfte, Zeichen und Wunder, die bei den
Neu-„Apostolischen“ vorkommen sollen, es sind „lügenhafte
Kräfte Satans“ (2. Thess. 2, 9). Diese sind um so
gefährlicher, weil sie mit frommem Gewande und dreistem
Auftreten in religiöser Verpuppung eingeführt werden. Satan kann
auch Wunder tun, die den Wundern Jesu ähnlich sind: 2.
Thess. 2, 9 – 12;
Matth. 24, 24; Offb. 13, 12 – 14.
Viele in unserm Vaterlande haben sich schon damit
betrügen lassen, selbst hier aund da etliche die vorgaben,
bekehrt zu sein. Solltest du in Gefahr stehen, auch verführt zu
werden, so nimm durch Busse und Glaube „die Liebe zur Wahrheit,
die in Christo Jesu ist“ an, so wirst du „nicht glauben der
Lüge“ und mit dem Schild des Glaubens kannst du dich decken und
wirst Gefährdete warnen. Bestrickend ist, dass sie gleich den
u n g l ä u b i g e n Theologen unserer Tage überall biblische
Worte und Lehren gebrauchen, darunter aber etwas ganz anderes
als der Herr, seine Propheten und Apostel anbieten und als wahr
verkündigen. Die erfolgreiche List der alten Schlange des Satans
! Würden wir uns nicht vor Gott und an vielen Menschen
versündigen, wenn wir diesen frommen Betrug nicht aufdeckten ?
Mit allem Ernst zeigen wir jedem gefährdeten Leser an Hand von
Liedern und gedruckten Ansprachen dieser Leute deutlich genug,
so weit es im Rahmen dieser kleinen Schrift möglich ist, was sie
lehren, was sie heilsbedürftigen Menschen mit ihrer neuen
apostolischen Wahrheit bieten. Jeder, der nachprüfen will und
kann, muss hier finden, alles was diese Irrlehrer mit ihrem
selbstbewussten Auftreten anbieten, es ist ein anderes
Evangelium als jenes, welches die Apostel Jesu Christi
verkündigten. Man lese Pauli Worte Gal. 1, 6 – 10 dazu.
Es sei noch
darauf hingewiesen, dass die „Apostolischen“ ein Wachstum haben,
dem wohl keine deutsche Kirchengenossenschaft gleichkommt, und
des rühmen sie sich mit Fleiss. Bezeichnend für den Geist des
Kreises ist, dass der Anhang sonderlich in den Gegenden
aussergewöhnlich zunimmt, wo die Hochburgen des Spiritismus
sind, in Berlin und im Königreich Sachsen und anderwärts. Sie
haben auch sehr viel Verwandtes mit den frommscheinenden
Spiritisten, religiösen Wundertätern und christlichen Nikolaiten
(Off. 2, 6. 15).
Manche deutsche
Kreise haben sich daran gewöhnt, alles Neue alsbald
„ausländisch“ zu schelten.
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Dieses Gewächs hier ist ein
echtdeutscher Wildling, wenn auch zugegeben werden muss, dass er
aus dem alten englischen Stamm gewachsen ist, jedoch ganz für
sich auf deutschem Boden, unter deutscher Leitung, was
allerdings viele tonangebende Männer nicht beachten.
In der Zukunft
wird es weiter offenbar werden, welche Tiefen Satans unter
frommem Schein in diesen Kreisen verheerend wirken. Zündstoff
ist reichlich vorhanden und die Zeit ist für sie leider sehr
günstig.
Manche Leser
werden sagen: „den Geist fürchten wir nicht“, recht und gut,
aber vergessen wir dabei nicht, dass man jetzt wohl mehr denn
je, leichthin geneigt ist, allem Neuen sich hinzugeben, und die
Masse um uns her durchaus nicht fähig ist, mit der Heiligen
Schrift in der Hand ernstlich zu prüfen. Geliebter Leser, bist
du sicher gestellt ? Nur in Christo Jesu, dem ewigen Sohn
Gottes ist vollkommenes Heil und ganze Sicherheit. Ist er dein
persönlicher Bürge und Heiland ? Kannst du sagen, „ich weiss,
dass mein Erlöser lebt ? Trotz allem offenbaren Irrtum
haben die Apostolischen schon manche ungefestigte Leute selbst
aus gläubigen Kreisen an sich gezogen. Vornehmlich dieser
Tatsache und solcher Gefahr wegen sind diese Zeilen geschrieben,
und wenn sie mit Gottes Segen zur Belehrung, Warnung und
Bewahrung dienen, ist ihr Zweck erreicht.
Die „Neuapostolischen“
Von
Pastor M. Krawielitzki
*
Buchdruckerei und Verlag „Harfe“
G. m. b. H.
Bad Blankenburg, Thür.Wald
[Eine Schrift ohne Datumsangabe
um 1930]
-
Geschichte.
Die „Neuapostolischen“ gehen
zurück auf den schottischen Prediger Edvard Irving, der
um 1830 in London als Pfarrer wirkte. Er war eine bedeutende
Persönlichkeit und zog durch seine feurigen Predigten viele
namentlich aus vornehmen Kreisen an. Irving gehörte auch zu dem
Kreis, der sich um den begüterten christlichen Bankier Drummond
geschart hatte. Man beschäftigte sich dort viel mit dem
prophetischen Wort und wartete auf besondere Geisteswirkungen.
Da kam 1830 die Kunde von Geistesgaben, welche einige Mitglieder
der reformierten schottischen Kirche zu Glasgow in
aufsehenerregender Weise erhalten hatten. Irving sah darin die
gottgewirkte Erfüllung seines Strebens.
Bald verschaffte er den
Geistesgaben auch in seiner Londoner Gemeinde Eingang. Jedoch
das Presby-terium trat ihm entgegen und verabschiedete ihn 1832.
Rasch sammelten sich seine Anhänger in sieben eigenen
Gemeinschaften innerhalb Londons um ihn und erbauten eine eigene
Kapelle. Das „vierfache Amt der Urchristenheit“ wurde erneuert
und demzufolge Drummond zum „Hirten“, der Advokat Cardale zum
„Apostel“ gewählt, während Irving selbst die Rolle eines
„Engels“ oder Vorstehers erhielt. Seine Kräfte waren jedoch bald
aufgezehrt; er starb bereits mit 42 Jahren in Glasgow und wurde
in einem Sarkophag in der Hauptkirche beigesetzt. Die heutigen
„Neuapostolischen“ schieben seine Persönlichkeit in den
Hintergrund.
Irvings Anhänger nahmen die
Bezeichnung „katholisch-apostolische Gemeinde“ an, führten das
neue Sakrament der „Versiegelung“ ein und hielten feierliche
Gottesdienste ab. Die Zahl der „Apostel“ wurde auf zwölf
vervollständigt. Am 14. Juli 1835 wurden diese ausgesandt und
kehrten nach 1260 Tagen (Offb. 11, 3) wieder nach England
zurück. Sie zogen sich in die Stille zurück, wo sie Belehrungen
und Offenbarungen empfingen, und
kündigten die Ankunft Christi auf das Jahr 1845 an.
Die Nichterfüllung
dieser Weissagung machte manche Anhänger stutzig. Das tat aber
der Wirkungskraft der Bewegung, namentlich in Deutschland,
keinen Abbruch. Mehrere Persönlichkeiten aus hochstehenden
Kreisen liessen sich von ihr gewinnen, z.B. Professor der
Theologie Thiersch in Marburg, zwei märkische Pfarrer,
Redakteur Wagner von der „Kreuzzeitung“ in Berlin und die beiden
Adeligen v. Richthofen und v. Pochhammer. Die heutige
Mitgliederzahl der „katholisch-apostolischen Gemeinde“ in
Deutschland wird auf 15'000 angegeben. Im Unterschied zum
„neuapostolischen“ Spross betreibt die altapostolische
Gemeinde
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keine Propaganda, nimmt auch die
„Versiegelung“ nicht mehr vor und beschränkt sich auf
„Stillesein und Warten“ (Offb. 8, 11).
Als die „zwölf Apostel“ einer
nach dem andern starben, sonderte sich in Deutschland 1863
die Geyersche Richtung ab, welche eine „Auffüllung des
Zwölf – Apostelamtes“ erstrebte. In ihr wurde bald der
braunschwei-gische Bahnmeister Krebs, später „Priester“
einer Harzgemeinde, die tonangebende Persönlichkeit, der
„Stammapostel“ und „Vater“. Er verfolgte seine Ideen mit
glühender Hingabe und fanatischem Eifer trotz grosser
Widerstände von seiten seiner Gesinnungsgenossen und der Welt;
wenn es darauf ankam, griff er rücksichtslos durch. Nach
seinem Tode (1905) folgte ihm der Landwirt Niehaus zu
Steinhagen i. Westf. Im „Stammapostolat“ nach.
2. Lehre
Wie hoch das
Apostelamt bei den „Neuapostolischen“ eingeschätzt wird, zeigen
folgende Sätze: „Woher kommt es, dass die spätere Kirche in
keiner Weise der Urkirche an Gleichgestaltung, Reinheit,
Festigkeit und echtem Baumaterial nahekam ? Weil die
Baumeister, die Apostel Jesu, ausgeschaltet wurden und
bis heute sind und weil nun ein jeder nach seinem eigenen
Ermessen und Gutdünken, also nach seinem eigenen Bauplan
arbeitet, so dass Gebäude von allerlei Stilarten, oft in der
bizarrsten Form, entstanden sind, in denen allerlei Geister
wohnen“ (W. 15). – „Die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben
kommt, besteht darin, die Boten Gottes aufzunehmen, die Gott zum
Segen gesandt hat. Wenn einstens die Apostel zu dem Volke Gottes
gesagt hätten: „Christus hat euch beauftragt, euch mit Gnade und
Barmherzigkeit zu beschenken und mit dem Heiligen Geist zu
taufen“, und es hätten dann etliche gesagt: „Wir wissen genau,
dass Christus gestorben ist, und wir glauben auch an Ihn“, so
hätten die Apostel erwidern können: „Ihr geht mit eurem Glauben
an den Gottessohn, der in der Höhe ist, in die Hölle,
weil ihr uns, die von Gott zeitgemäss gegebenen Boten,
nicht annehmt“ (W. 53). – „Wollte ein gläubig
gewordener Heide Gott händeringend und ununterbrochen anflehen,
Er selbst möge ihn doch unmittelbar taufen oder ihm das heilige
Mahl spenden, so würde das heissen, ringende Bitten doch nicht
Erhörung finden, weil der Bittende nicht den ein für allemal
gegebenen Weg der göttlichen Ordnung, also durch menschliche
Handlung, erhalten will. Sobald dies aber geschieht, gelangt der
Bittende sofort in den Besitz der göttlichen Segnungen" (W.
22). – „Blind das Vertrauen setzen in den
Apostel und blind folgen ! Die das getan haben, blind
nachgefolgt sind und nicht imstande waren, zu sehen, die sind
glücklich durchgekommen unter dem Apostel Krebs“ (KZ. 839).
„Aber die
Vermittlung der Versöhnung und ihre priesterliche Spendung
hat, wie aus 2. Kor. 5, 18 bis 20; Eph. 3, 2; Joh. 20, 23
unweigerlich trotz aller theologischen Auslegungskünste
hervorgeht, der HERR Seinem Apostelamte übertragen, in dessen
Namen und Auftrage die aus ihm hervorgegangenen Hilfsämter
handeln“ (W. 21). – „Gewiss, der HERR ist da, der dem Sünder
vergibt; aber durch sie (die Apostel), die an Seiner
Statt stehen. Diese Lehre ist eine rein biblische ...“ (16). –
„Nennen nun die Gegner die Lehre „Jesus im Apostel !“
eine Gotteslästerung und ungeheure Anmassung und giessen sie
darüber auch noch so viel Lauge zersetzenden und beissenden
Spottes, so bleibt doch trotz allen Widerspruchs und aller
Gehässigkeit, trotz aller Beschimpfungen der kirchlichen und
ausserkirchlichen Kreise die alte Wahrheit und beseligende Lehre
bestehen: Jesus ist es, der im Apostel redet, wirkt, segnet,
erlöst (!) und alle Gnadengaben austeilt“ (19). – Im
„neuapostolischen“ Gottesdienst wird gesungen:
„Jesus im Apostel müsst ihr trau’n !
Er ist ein Fels, er ist ein Fels;
Ein starker Fels im wilden Sturm.“
Zwei
angeblich biblische Nachweise werden von den „Neuapostolischen“
geführt:
1.
dass es
neue Apostel gibt;
2.
dass
Jesus im Fleische dieser Apostel ist. Ferner wird noch
ein kirchengeschichtlicher Beweis geführt. Dieser besagt, dass
der Name „Apostel“ auf einen weiteren Kreis von Männern der
Urchristenheit anwendbar sei, wie z.B. Barnabas (Apg. 13, 2: 14,
4), Timotheus, Silvanus, Apollos und Jakobus, den Bruder des
HERRN; ja sogar Andronikus und Junius (Röm. 16, 7). Die letzte
Stelle kann nicht als Beleg angesehen werden; denn dort ist nur
gesagt, dass Andronikus und Junius „bei den Aposteln in
Ansehen standen“. Den übrigen Männern wird der Name „Apostel“
nirgends beigelegt. So ist der kirchengeschicht-liche Nachweis
hinfällig.
Die Notwendigkeit eines
bleibenden, nicht historischen Apostelamtes wird
durch Stellen wie Luk. 11, 49; Apg. 1, 8; Eph. 4, 11 – 13; 2.
Kor. 2, 12 begründet. Aber die Aussage des HERRN in Luk. 11, 49
gilt denselben Jüngern, die auch die späteren Apostel sind. Apg.
1, 8 („bis an die Enden der Erde“) zeitlich umzudeuten, ist
reine Willkür. Aus Eph. 4, 11 – 13 vollends ist keine
gesetzmässige Einrichtung abzuleiten, und die „Zeichen des
Apostels“ von 2. Kor. 2, 12 sind göttliche Gnadenwirkungen, die
nicht auf eigenes Konto verbucht werden können. Wie, wenn
Paulus, der Apostel, göttliche Ehre für sich beansprucht hätte
? Apg. 14, 14 dagegen sehen wir ihn und seine Begleiter unter
die abgöttische Menge springen und entsetzt ausrufen: „Was macht
ihr da ? Auch wir sind Menschen von gleicher Art wie Ihr !“
Dass nun Jesus
im Fleische der „neuapostolischen“ Apostel wirke, wird
begründet mit 1.
Joh. 4, 2; 1. Tim. 3, 16; Apg. 3, 26; Gal. 2, 20;
1. Petri 2, 9;
Matth. 24, 24. Aber in 1. Joh. 4, 2 und 1. Tim. 3, 16 ist von
der
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Menschwerdung des Gottessohnes
die Rede. Aus Apg. 3, 26 und Gal. 2, 20 ist kein Vorzug für den
Apostel abzuleiten, und der von Petrus ausgegangene Segen kann,
ebenso wie 1. Petri 2, 9 das „allgemeine Priestertum“ und 2.
Kor. 5, 20 das Verkündigen an Christi Statt, von allen Gläubigen
genau so ausgehen. Geschmacklos ist es,
aus dem Auferstehen falscher Propheten in Matth. 24, 24 die
Existenz der wirklichen ableiten zu wollen.
Die
„neuapostolische“ Lehre vom Apostelamt ist daher ohne
Schriftgrund. Somit fallen Vorzugsstellung und
Verfügungsanspruch solcher Apostel dahin.
Wie ist es nun
mit der „Versiegelung“ ? In ihr werden durch
Handauflegung des „Apostels“ Geistes-taufe und Heilsgewissheit
vermittelt. Offb. 7, 3 dient zur Begründung; wobei gänzlich
übersehen wird, dass es sich um einen von den himmlischen Engeln
in der Zukunft verrichteten Dienst handelt. Die
„Neuapostolischen“ übertragen ihn kühn in die Gegenwart. Sie
pflegen während der „Versiegelung“ von besonderen „Gesichten“ zu
berichten, die sie nachher in „Weissagungen“ kundtun. Z.B.: „Als
der liebe Apostel Krebs zu beten anfing, sah ich die Sonne und
den Mond, ein grosses Licht verbreitend. Auch sah ich eine
Schlange mit einem Kranz, aber dieser ging schnell weg. Während
der Versiegelung kam wieder die Sonne, und vieles Himmelsfeuer
und Licht kam auf die Apostel nieder“ (KZ. 839). Man wird
indessen, wenn diese „Gesichte“ auf ihre Glaubwürdigkeit geprüft
werden sollen, zu einem erschütternden Ergebnis kommen. Doch das
ist den „Neuapostolischen“ belanglos; genug, dass sie einen
augenscheinlichen Beweis für die „Versiegelung“ bekommen, der,
wenn auch suggestiv und spiritistisch, den
mangelnden Schriftbeweis ersetzt.
Der Ausdruck
„versiegeln“ ist im Neuen Testament weiter nichts als ein Bild
der Heilsgewissheit (Eph. 1, 13). Wie kostbar, wenn das
Gotteskind seiner Seligkeit gewiss wird ! Dazu braucht es keine
Hände auflegenden „Apostel“, sondern es wendet sich an den HERRN
selber.
Ausserordentliche
Geisteswirkungen sollen anlässlich der „Versiegelung“ durch
das Händeauflegen der Apostel bewirkt werden auf Grund
von Apg. 8, 14 – 17; 19, 1 – 6; 2. Tim. 1, 6. Aus diesen
Stellen, welche das Vorhandensein besonderer göttlicher
Gnadenkräfte bezeugen, ist jedoch nicht zu schliessen, dass jede
Geisteswirkung von diesen Kräften begleitet sein müsse. Das war
auch bei Petrus nicht der Fall; denn die Geistesausgiessung im
Hause des Kornelius geschah ohne Handauflegung, schon während
der Rede des Petrus (Apg. 10, 44). Wenn der Heilige Geist den
Gläubigen bei ihrer Bekehrung gegeben wird (Apg. 1, 8; 10, 47;
19, 2), dann ist es gegenstandslos, Ihn durch ein besonderes
Sakrament zu verleihen.
Wie sonderbar die
Schriftauslegung der „Neuapostolischen“ ist, beweist ihre
Feststellung, dass es in der alten Kirche zwei Taufen
gegeben habe. „Hebr. 6, 2 spricht ausdrücklich in der Mehrzahl
von Taufen“ (W. 21). Dort steht jedoch die Einzahl („baptizmon“;
Luther: „von der Taufe“) !
Eine
Eigentümlichkeit der „Neuapostolischen“ ist die „Versiegelung“
bereits Verstorbener. „Ein jedes Mitglied der
„neuapostolischen“ Kirche kann es bezeugen, dass niemals der
Person nach Entschlafene „versiegelt“ werden. Man kann für seine
lieben Heimgegangenen fürbittend eintreten; aber das Übrige
liegt einzig und allein in des HERRN Hand“ (W. 23). Jedoch diese
Abschwächung ändert nichts an der Tatsache, dass die
„Totenversiegelung“ vorgenommen wird. Als Beweis dient 1. Kor.
15, 29, aus welcher Stelle sich nur die antike, der
Schriftforschung nach undurchsichtige Gepflogenheit damaliger
Menschen ergibt, sich „der Toten halber“ taufen zu lassen. Die
„Neuapostolischen“ machen daraus eine Stellvertretung, und das
gibt den Schriftgrund ab für diese
Irrlehre.
Wie schon bei der
„Weissagung“ vermerkt, so geht erst recht aus der für die
„Totenversiegelung“ angeführten Begründung hervor, dass die
„Neuapostolischen“ mit spiritistischen Kräften
arbeiten. Nirgends gibt die Heilige Schrift den Gläubigen die
Anweisung, mit den Verstorbenen zu verkehren oder für sie zu
beten. Dies wird aber den „neuapostolischen“ Gemeindegliedern
nahegelegt mit dem Erfolg, dass Satan Eingang gewinnt.
Schon aus diesem Grunde liegt die „Totenversiegelung“ ausser dem
Bereich der Möglichkeit.
Die „Weissagung“
bildet einen Bestandteil jedes „neuapostolischen“ Gottesdienstes
und wird mit Stellen wie Apg. 2, 17; 26, 24; 1. Kor. 12, 10; 14,
1; 1. Thess. 5, 20; Offb. 19, 10 belegt. Wenn die „Weissagung“
im „neuapostolischen“ Gottesdienst das wäre, was diese
neutestamentlichen Worte von der Urchristenheit bezeugen, dann
könnten die „Neuapostolischen“ recht haben, wenn sie aus dem
Fehlen dieser Gnadengabe in der Kirche einen Vorzug für sich
ableiten. Aber die Handhabung der „Weissagung“ in den
„neuapostolischen“ Gottesdiensten ist nur eine jämmerliche
Verkrüppelung ursprünglich vorhandener Gotteskräfte. Die
„Weissagung“ wird von dazu bestimmten Personen, vorwiegend
Frauen, in vorbereiteter Fassung
aufgesagt.
Zwei Beispiele solcher
„Weissagung“: „Mein Apostel Ephraim (gemeint ist Krebs), siehe
hier den Lohn deines und deiner Brüder Glaubens, das Werk deiner
Hände Arbeit. Ist dies Volk doch Erzeugnis meines Wortes in dir.
Denn du bist Licht, Wahrheit und Leben (!). Habe ich dich nicht
gemacht zu einer Mutter, aus der dies Volk genommen hat das
Leben und die Kraft ? Wahrlich, freue dich, Volk, dass der
dreieinige Gott gekommen ist in das Fleisch seines Apostels hier
vor dir; denn siehe. Ich will diesen Tag krönen“ (KZ. 838). – „O
dies ist das Wort des lebendigen Gottes, der zu euch redet durch
Seinen Gesandten. Wahrlich, dies ist Christus, der Fels, an dem
sich brechen und zerschellen werden die Geister und Meinungen
dieser Welt“ (839). Auch die
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„Weissagung“ ist weiter nichts
als eine verkappte Form massloser
„Prophetenanhimmelung“, wie ein ausge-tretener
„Neuapostolischer“ den Apostelkultus bezeichnet hat.
„Versiegelung“
und heiliges Abendmahl werden sogar den Kindern
gereicht mit der Begründung, dass man ihnen solche Segnungen zu
entziehen nicht berechtigt sei. Wird den „Neuapostolischen“ 1.
Kor. 11, 28 entgegengehalten, so sagen sie, „diese Stelle sei
für die Erwachsenen geschrieben“ (W. 24).
Neben die Schrift
tritt das „Wort von heute“; d.h. der „Apostel“. „Darum
achten wir die Heiligen Schriften gewiss nicht für
gering. Aber sinkt darum ein achtenswerter Mann in meinen Augen,
wenn ich auch neben ihm noch einen andern für
achtenswert halte ?“ (W. 28). Es wird zur Begründung dieser
Lehre darauf hingewiesen, dass die urchristlichen Apostel schon
besondere Offenbarungen erhalten hätten, z.B. Herrenworte (Apg.
20, 23; 1. Thess. 4, 15). Dort aber steht: „Das sagen wir euch
auf Grund eines Wortes des HERRN !“ Man wird da besondere
Überlieferungen vergebens suchen, und Beweise dafür erübrigen
sich.
„Da ist wohl die
Frage erlaubt: Sind etwa die Menschen des 20. Jahrhunderts
infolge der kirchlichen Pflege und Innewohnung des Heiligen
Geistes auf eine solche Höhe der Jesusähnlichkeit und Erkenntnis
des göttlichen Willens gelangt, dass ihnen Gott direkt nichts
mehr zu sagen hat, sondern sie bloss in der Bibel lesen
lassen kann ? Die Theologen aber verdammen Ihn in den fernen
Himmel und verwehren es Ihm, sich zu offenbaren, indem sie
sagen: „Dies ist nicht mehr nötig; die Bibel, das Wort, das der
HERR vor Jahrtausenden gesprochen hat, genügt uns heute noch“
(W. 27). Daraus geht nur hervor, dass die Bibel den
„Neuapostolischen“ nicht genügt. Darum heisst es: „Wenn
Dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruh’n
?“
3. Gemeindeleben
Der ausgestreute
Unkrautsamen hat bittere Früchte gebracht. Von den Irvingianern
haben sich die Geyerianer und Krebsianer (die
„Neuapostolischen), von diesen aber wieder neue Bildungen wie
das „Apostelamt Juda“, „Apostelamt Jakobus“ usw. abgespalten.
Diese Spaltungen erfolgten unter Prügelszenen, gegenseitigen
Schmähschriften und weltlichen Prozessen. Zuweilen bestehen
in einer Stadt zwei oder drei sich erbittert bekämpfende
„apostolische“ Sekten. Es gibt im ganzen sechs abgefallene
Apostel (Niemeyer, Australien; Brückner, Sachsen; Ecke,
Schlesien; Klibbe, Kapland [Südafrika]; Zander, Berlin; Franke,
Bez. Braunschweig) sowie ungezählte abgefallene hohe und niedere
Ämter, mehrere Bischöfe, ja „Apostel a. D.“ und eine ganze Reihe
von Spaltungen. Angesichts dieser traurigen Tatsache haben die
„Neuapostolischen“ wenig Veranlassung, sich über die kirchlichen
„Schmähschriftenschreiber“ zu beklagen, welche Artikel „voller
Unwahrheiten, Beschimpfungen, Verleumdungen und voll
hetzerischen Giftes gegen die Neuapostolischen“ (W. 37)
geschrieben haben sollen.
Unter den
zahlreichen „neuapostolischen“ Absplitterungen ist das „Apostelamt
Juda“ erwäh-nenswert. Der Name entstammt Offb. 5, 5; 8, 1.
Die Sekte entstand um die Jahrhundertwende auf Veranlassung des
Stromschiffers, späteren Landwirts Julius Fischer in Zehdenik
und Gransee, nordwestlich Berlin (s. Petrich, S. 130 – 131), der
ein eigenes Buch „Wahrheitskunde“ herausgegeben hat. In ihr gibt
es sogar 24 „Apostel“.
Der
„neuapostolische“ Gottesdienst wird in einfachen Sälen, oft in
Hinterhäusern gelegen, abgehalten. Neuerdings mehren sich
Kirchenbauten. Der einzige Schmuck bildet die Darstellung der
„vier Charakterämter“. Apostel, Bischof, Ältester und Diener
nehmen am Altar Platz, während die Gemeinde sich erhebt. Ein
Lied aus dem „neuapostolischen Gesangbuch“ wird gesungen und ein
Gebet gesprochen. Der Chor singt gewöhnlich zweimal mit gutem
Ausdruck; auch Kinderchöre treten auf. Die Predigt, welcher ein
Bibelwort zugrunde liegt, bewegt sich in freier Weise über den
Text hinaus und enthält stets eine Anpreisung des
„Apostelamtes“. Am Schluss folgen die überstürzt und schrill
gesprochenen „Weissagungen“, die von dem Ältesten und der
Gemeinde mit „Amen“ beantwortet werden. Nach dem Schlusslied
verlässt die Gemeinde rasch und unförmlich den Raum.
Abendmahlsfeiern finden sonntäglich statt.
Die Oberleitung
hat in Deutschland das „Apostelkollegium“ in Leipzig, wo auch
der Verlag der Halbmonatsschrift „Wächterstimme aus Zion“,
für die „neuapostolischen“ Gemeinden des In- und Auslandes, sich
befindet. In Veröffentlichungen befleissigen sich die
„Neuapostolischen“ in den letzten Jahren grosser Zurückhaltung,
indem sie sich beschränken auf Versammlungen und stille
Werbearbeit namentlich bei solchen, die aus irgendeinem Grunde
der Kirche entfremdet sind. Dabei sind sie unabweisbar und von
fanatischem Eifer. Ein Gebot des Zehnten gibt es nicht; doch
werden freiwillige Leistungen gefordert, über deren
parteiliche Verwendung die Klagen nicht verstummen (der
„Apostel“ verfügt uneingeschränkt darüber). Soziale Arbeit ist
nicht nennenswert. Das Wachstum der Sekte ist bedeutend. Sie
verfehlt ihre Wirkung auf seelisch veranlagte, schwankende
Gemüter nicht.
Zusammenfassung: Die „neuapostolische“ Sekte, welche in der
Christenheit neben den „Bibelforschern“ [Zeugen Jehovas] die
grösste Verwirrung anrichtet, setzt Menschen, die sie fälschlich
als „Apostel“ bezeichnet, an die Stelle Christi und gibt
denselben Verfügungsrecht über Seelen und Güter der Gläubigen.
Entgegen der Heiligen Schrift macht sie die Seligkeit vom
Empfang einer „Versiegelung“ abhängig, welche sie zugleich mit
dem heiligen Abendmahl auch Kindern verabreicht. Sie schreibt
der Handauflegung der „Apostel“ eine Geistesausgiessung zu,
bringt eine Nachahmung der urchristlichen „Weissagung“ hervor
und
Quellenmaterial Seite 58
stellt das „Wort von heute“ als
gleichberechtigt neben die Schrift. In ihrem Auftreten berückend
und aufdringlich, bildet die Sekte für Schwankende, im Glauben
Ungefestigte eine grosse Gefahr, vor der nicht ernst genug
gewarnt werden kann.
Den falschen Aposteln alter und neuer Gattung
sagt Gottes Wort:
„So aber jemand
anders lehrt und b l e i b t n i c h t bei den
heilsamen Worten unsres HERRN Jesu Christi, der ist
aufgeblasen und weiss nichts. ... Menschen, die zerrüttete Sinne
haben und der Wahrheit beraubt sind. ... Tue dich von solchen !“
(1. Tim. 6, 3 – 5.)
Literatur:
W.: „Die Wahrheit
über die Neuapostolischen, eine Abwehr.“ Leipzig 1924
Wächt.:
„Wächterstimme aus Zion“ 1929, Nr. 7.
KZ.: „Allg.
Ev.-Luth. Kirchenzeitung“, 1898, Nr. 35: „Eine Apostelwahl bei
den Irvingianern.“
D. Petrich; „Unsere Sekten,
Freikirchen und Weltanschauungsgesellschaften“, Kranzverlag,
Berlin SW. 68, 1928.
K. Handtmann: „Die
Neuirvingianer“, Gütersloh, 1907.
„Kelle und Schwert“ Nr. 7,
Bundesverlag, Witten (R.), 1928.
Schriftenreihe:
Irrläufer frommer
Sehnsüchte und religiöser Leidenschaften
Heft 1
Die Neu – Apostolischen
unter dem Gericht
der Apostolischen Augenzeugen Christi
von Lic. Dr. W. Geppert
Sonnenweg – Verlag, Neuffen /
Württemberg
[ Eine Schrift ohne
Datumsangabe – wohl um 1952 ? ]
In dieser Schrift erscheint
häufig das Wort „keck“ – es lässt sich wohl am besten
umschreiben mit dem
Sinngehalt von „dreist“, „frech“, „unverschämt“.
Inhalt:
Worum geht
es
?
Seite 1
I. Fluch der
Spaltungen
1.
Blitzlichter: Die
„Neu-Apostolischen“
heute:
a)
In den Worten kühn und
keck
Seite 2
b)
Die Helden der unbezahlten Arbeit
und christlichen Liebe der Tat Seite
4
2.
Aus Spaltung, durch Spaltung, in
Spaltung – und
warum? Seite 7
Quellenmaterial Seite 59
II. Das
neu-apostolische Spiel vor und hinter den Kulissen unter dem
Gericht
des göttlichen
Wortes
1.
Neue „Apostel“ Christi unter 2.
Kor. 11, 12b – 13: „ ... dass sie rühmen möchten,
sie seien wie wir. Denn
solche falsche Apostel und trügliche Arbeiter verstellen
sich zu Christi Aposteln“
a)
Unter dem Gericht des göttlichen
Wortes
Seite 14
b)
Kurzes Zwischenspiel über den
neu-apostolischen Propaganda-Trick mit den
unstudierten und daher
hochgelobten
Neu-Aposteln
Seite 18
2.
Die psychologischen Hintergründe
oder der Blick hinter die Kulissen
Seite 22
3.
Der sogenannte Stammapostel unter
2. Kor. 11, 14: „Denn er selbst, der Satan,
verstellt sich zum Engel
des Lichts
!“
Seite 24
4.
Die neu-apostolische „Versiegelung“
unter Matth. 12, 31: „Alle Sünde und
Lästerung wird den
Menschen vergeben. Aber die Lästerung wider den Geist
wird den Menschen nicht
vergeben“
Seite 28
5.
Erneutes Zwischenspiel über die
neu-apostolische „Totenversiegelung“
Seite 34
6.
Allgemeiner Kehraus mit den übrigen
neu-apostolischen Propaganda-Tricks
a)
Wo sind eure neu-apostolischen
Propheten
?
Seite 36
b)
Die kecke Rede: Jetzt ist die
Endzeit
!
Seite 37
c)
Irreführung Unwissender mit dem
Büchlein 4.
Esra Seite
37
d)
Sie essen von unserem Tisch. Ihr
Vergelt’s Gott ! ist Spott und Hohn Seite
38
Für Interessenten: Die
wissenschaftliche
Ecke
Seite 39
Worum geht es ?
Was haben wir seit 1914
alles erlebt ?!: Krieg, Revolution, Bürgerkrieg, Inflation und
bald wieder Revolution und wieder Krieg, dann Stacheldraht und
schon wieder Inflation und immer wieder Hunger, Hunger, Hunger !
Aber noch etwas
Besonderes haben gerade wir Deutschen erlebt: Eine furchtbare
Verwirrung der Geister. Ein Heilsapostel nach dem anderen trat
auf. Jeder hatte ein neues Rezept, nach dem er uns endlich,
endlich glücklich machen wollte. In Wirklichkeit wurde das
Durcheinander nur grösser.
Da aber trat
allmählich eine Scheidung der Geister auf den Plan. Im Geheimen
und nur für das scharfe Beobachterauge erkennbar bildeten sich
drei Gruppen:
Die erste Gruppe
waren und sind die Leute, die jedem neuen Apostel nachlaufen,
der ihnen Neuigkeiten anbietet. Politisch und religiös lassen
sie sich von jedem neuen Apostel begeistern, wenn er nur gut
sprechen kann. So springen sie auch zu jedem neuen Heilsapostel
voll wirrer Sehnsucht und Begier, bis sie sich zuletzt in ihrem
kleinen und zerquälten Gehirn nicht mehr zurechtfinden und sich
endlich irgendwo, bei irgend einem dieser neuen Heilsapostel
anschliessen.
Die zweite Gruppe
sind die Leute, die sich für nichts mehr interessieren. Nach dem
Zusammenbruch [Anmerkung: Ende 2. Weltkrieg] sagten sie sich
kurz und klar: „Wir wurden von allen Seiten angelogen und
betrogen. Jedes gesprochene, jedes geschriebene Wort, es ist
alles Schwindel. Nur noch Betrug und Geldmacherei gibt es in der
Welt. Jetzt alles ohne mich. Lasset uns essen und trinken, denn
morgen sind wir tot, Schluss, Punkt, Streusand drauf !“
Die dritte Gruppe
aber waren und sind diejenigen Leute, die sich in den verwirrten
Zeiten ihren kühlen Kopf und eine ruhige Überlegung bewahrt
haben. Sie lassen sich von keinem Schlauberger und Neu-Schwätzer
fangen. In ihrem Kopf herrscht nicht Wirrwarr, sondern Ordnung.
Sie sind weder leichtgläubig, noch schnellgläubig, noch
ungläubig. 1945 waren sie die kleinste Gruppe. Allmählich ist
ihre Zahl gewachsen. Sie sind niemals schnell begeistert. Sobald
sie die Mehrheit haben, wird es in der Welt ruhiger. Dann legen
sich die geistigen Stürme und Staubwolken, und die
Konjunkturritter, die bei den schnell Beeinflussbaren und
Sensationslüsternen aus dem Wirrwarr der Geister kräftig
profitieren, machen immer schlechtere Geschäfte.
An diese Menschen
mit dem kühlen Kopf, die denken können und den Sachen immer
energisch auf den Grund gehen, wenden sich die folgenden
Kapitel. Dass sich diese Zahl gewaltig vermehre und die Geister
des Wirrwarrs endlich verschwinden, ist das hohe Ziel. In diesen
Kapiteln wird sachlich und völlig unbeeindruckt von allem
religiösen Geschwätz geurteilt. Hier werden Tarnungen beseitigt,
hier werden täuschende Kulissen beiseite geschoben, und es wird
hier hinter die Kulissen geschaut. Hier werden fachmännisch
Verkleidungen abmontiert. Hier wird grundsätzlich nicht gefragt:
Was erzählen diese oder jene Leute da ?, sondern: Was steckt
dahinter ? Hier gilt es nicht: Was reden sie ?, sondern was
meinen sie mit ihrem Gerede ? Worum geht es ihnen? Mit welchen
Tricks arbeiten sie oder ihre Oberführer. Mit scharfem
Beobachterauge und mit scharfem Verstand wollen wir hier hinter
schönen Worten die nackten Tatsachen, hinter religiösen Kulissen
die
Quellenmaterial Seite 60
ungeschminkte Wirklichkeit und
hinter frommer religiöser Tarnung die eiskalte Wahrheit
aufspüren. Denn wir sind mit allen ruhig, klar und nüchtern
denkenden Menschen der Überzeugung: Allein die Wahrheit wird uns
frei machen.
I. Fluch der
Spaltungen
1.
Blitzlichter: Die „Neu-Apostolischen“ heute
a) In den Worten
kühn und keck
Es geht hier,
kurz gesagt, um die einfache und nüchterne, aber ganz
entschiedene Aufklärung über jenen Schwarm von Geistern, die die
verwirrten Zeiten mit Zusammenbruch, Inflation, Kriegsgefahr und
allgemeiner Lebensangst als ihre beste Geschäftszeit loben. Ihre
beste Kundschaft sind die vielen schwachen, schwankenden, leicht
beeinflussbaren und schnell zu überzeugenden Menschen, die
allzugern glauben, was sie wünschen und herbeisehnen, die nach
einem inneren Halt suchen und die sich leicht fangen lassen,
weil jener Schwarm von Geistern sehr geschickt, sehr schlau,
sehr selbstbewusst und bestimmt auftritt, mit schönen, frommen,
mit heiligen und zu Herzen gehenden Worten, triefend von
religiösem Fett, dazu mit kühnen Versprechungen und mit kecken
Behauptungen, getreu dem altbekannten Trick: Keckheit siegt. So
etwas macht bei bestimmten Leuten immer Eindruck, insbesondere
bei denen mit geistigem Schiffbruch. Da hat man seinen Führer,
da kann man etwas Neues glauben, da hat man was, da folgt man
gern.
Wir nennen diesen
Schwarm von Geistern hier kurz und bündig „Sekten“, zu deutsch:
„Spaltungen“. Über das Wort wollen wir nicht streiten. Wir
wissen keinen besseren Namen und sagen halt: Sekten.
Ihre Zahl geht in
die Hunderte. 1945 witterten sie alle Morgenluft. Wie ein
amerikanischer Professor dem Verfasser Sommer 1948 berichtet
hat, sollen gleich nach dem Zusammenbruch 1945 über 900
verschiedene Sekten ihre Zulassung beantragt haben. Eine
schaurige Zahl, ein schauriger Beweis, dass diese wirren Geister
in der Zeit unserer grössten Not Morgenluft witterten und auf
gute Konjunktur, auf flotten Geschäftsgang rechneten. Sicher
bestand manche dieser Sekten nur aus einer Handvoll neuer
religiöser „Apostel“ mit Schreibtisch, Stuhl und einem Posten
religiöser Flugblätter. Andere waren grösser und manche schon
Jahrzehnte in kleinem Rahmen tätig. Jetzt, nach dem
Zusammenbruch witterten sie Morgenluft und wollten ganz gross
herauskommen. „Armes Vaterland“ möchte man sagen, wenn man an
diese geistige Lauge denkt, die uns überspülen sollte und
tatsächlich auch fort und fort anspritzt. Spaltung über
Spaltung. Mehr kann man nicht sagen. Sicher wird jeder Leser
dieser Zeilen in seinem Bekannten- oder Verwandtenkreise jemand
wissen, der zu einer dieser Sekten hingeht und dort die Spaltung
und Verwirrung vergrössern hilft. Vielleicht gehörst du selbst,
lieber Leser, zu einer solchen Gruppe. Sei nicht gleich böse,
nicht gleich beleidigt, weil wir Sekte sagen. Das Wort heisst
„Spaltung“, „Abtrennung“, nicht weniger und nicht mehr. Und dann
noch eins: Halte hier stand ! Wir wollen hier die Wahrheit
ergründen und die nackte, ungeschminkte Wirklichkeit zeigen.
Fliehst du hier, ist bei dir gewiss etwas krank. Du hast Furcht,
dass es an den Tag kommt, wie es wohl Patienten gibt, die vor
dem Arzt fliehen, weil sie die Wahrheit über ihre Krankheit
fürchten oder gar nicht hören wollen, dass sie überhaupt krank
sind.
Um die Sekten
geht es hier. Aber nicht um alle auf einmal. Das wäre zuviel des
Guten, und wir könnten die Wahrheit über jede einzelne nicht
scharf und klar genug ans Tageslicht stellen. Der Reihe nach
sollen alle an die Reihe kommen und auf Herz und Nieren geprüft
werden. Heute geht es um die Sekte, die sich selbst
„neuapostolisch“ schreibt, hier aber „neu-apostolisch“
geschrieben wird, damit auch das Auge sofort klar sieht, es geht
um eine neue Sache bei ihr. Dass sie als erste an die Reihe
kommt, bedeutet keine Bevorzugung und keinen Ruhm. Nichts davon.
Einer muss ja den Anfang machen. Aus Spaltungen sind sie geboren
und in Spaltungen haben sie geführt. Doch darüber später
Genaues.
Diese
Neu-Apostolischen wurden in der Zeit des Niederganges und
Zusammenbruchs, in der Zeit grosser geistiger Verwirrung und
allgemeiner Lebensangst nach 1945 rege wie die Ameisen im
Frühling. Mit kecken und kühnen religiösen Behauptungen von sich
selbst und mit einem künstlich aufgebauschten Selbstbewusstsein
suchen sie die Menschen zu gewinnen, die innerlich ohne Halt
sind, nach einer festen Hand suchen und Ohr und Herz weit offen
haben für dreiste Versprechungen, die den Himmel garantieren und
arme, geängstigte Seelen über Lebens- und Sterbensangst keck und
kühn, aber trüglich und seelenmordend hinwegbalancieren lassen
sollen. Die Neu-Apostolischen markieren die Sicheren der
Ewigkeit Gottes, die Leute mit dem inflationsfreien
Versicherungsschein für den Nachtodesfall, die allein Erwählten
des Himmels, die alleinige Braut Christi. Ihr erstes und bestes
Jagdwild sind die Leute mit dem geistigen Schiffbruch. Schlau
angepackt und kühn und keck gesagt, was jene armen Menschen gern
hören wollen, gibt es wohl manchmal eine gute Strecke und ein
kräftiges religiöses Waidmanns Heil.
Aber hier muss
gleich Folgendes ganz klar ausgesprochen werden: Diese Zeilen
wenden sich niemals gegen jene schlichten, stillen, treuen und
gutgläubigen Leute, die jener neu-apostolischen Sache ohne Arg
und als hochanständige Menschen mit einem guten Herzen anhängen.
Sie wollen für sich das Beste. Sie denken, dass sie bei den
Neu-Apostolischen tatsächlich den Himmel am nächsten, ja des
Himmels sicher sind, wenn sie den Herrn Sowieso für einen
wahrhaften Apostel Christi und seinen Kollegen sogar für den
Stammapostel Gottes
Quellenmaterial Seite 61
halten, für den Jesus Christus im
Fleische dieser Gestalten und den sicheren Führer zur ewigen
Seligkeit. Jene treu-vertrauensseligen, hochanständigen und sehr
sehr gutgläubigen Leute werden auch sofort sagen: „Ja, alles
ganz gut und schön. Aber ich weiss bloss dies Eine: Ich fühle
mich bei den Neu-Apostolischen glücklich. Man hat es mir immer
und immer wieder gesagt: „Du gehörst zu den 144'000 Erlösten, zu
der ersten Brautgemeinde Christi, die mit Jesus in das
Brautgemach gehen wird, während die anderen draussen stehen
müssen, die nicht bei den Neu-Aposteln sind. Du hast durch den
Herrn Sowieso, deinen lieben Apostel Gottes, den Gottgesandten
und Führer zur ewigen Seligkeit, den heiligen Geist eigenhändig
erhalten. Du bist versiegelt. So hast du Garantie. Du hast hier
deinen sicheren Vorteil für den Himmel. Ja das gefällt mir, und
das glaube ich.“
Nun, wir wollen
diesen Anhängern der Neu-Apostolischen in den folgenden Kapiteln
erläutern, wie es gekommen ist, dass sie solche Ansichten von
dem Herrn Sowieso als dem gottegsandten Führer zur ewigen
Seligkeit und von den neu-apostolischen Himmelsgarantien haben.
Wir wollen ihnen ihren eigenen seelischen Zustand erläutern. Was
wir hier aufdecken wollen, nennt man die psychologischen
Hintergründe. Allerlei Kunstgriffe der Sekten-Apostel werden
dabei ans Tageslicht kommen, so dass der Leser staunen wird.
Aber wir meinen,
dass zwischen den schlichten, gutgläubigen und treuen
Gefolgsleuten und den hohen Herren der Neu-Apostolischen, die
sich als Gottes und Christi neue Apostel mit dem Range eines
Apostels Johannes, Petrus, und Paulus ausgeben, als Männer voll
heiligen Geistes, als beglückende Führer zur ewigen Seligkeit,
als Herren mit Macht bis in das Totenreich hinein, - wir meinen,
dass zwischen jenen und diesen ein gewaltiger Unterschied
besteht. Dass diese sich so hohen Ranges dünkenden Menschen im
bürgerlichen Leben hochanständige Staatsbürger sind, wollen wir
nicht eine Sekunde bezweifeln. Was aber der ganzen Sache
zugrunde liegt, warum diese hohen Herren mit göttlichem Rang aus
eigener „Überzeugung“ zu argen Frevlern an der Seele frommer und
gutgläubiger Menschen werden, an der Seele alter und junger
Frauen und Männer, der Mädchen und Buben ihres Kreises, das
wollen wir hier zeigen. Vielleicht wird es manchen wie Schuppen
von den Augen fallen, wenn sie nicht vor der Wahrheit Angst
haben, und sie werden tief erschrecken. Wer mit fanatisierten
Neu-Apostolischen zusammenkommt und mit ihnen über
Glaubenssachen spricht, merkt sofort: Diese Leute haben ein ganz
gewaltiges Stück Selbstbewusstsein. Kühn und keck und immer
wieder behaupten sie: „Ja, wir sind die Erwählten Gottes, wir
sind die 144'000 Erlösten. Wir stehen in der Endzeit und werden
die Ersten sein. Wir haben den heiligen Geist. Wir sind die
Brautgemeinde. Wir haben richtige Apostel wie der Johannes und
der Petrus richtige Apostel Gottes waren.“ Und der einzelne sagt
von sich: „Ich habe den heiligen Geist seit dem – na sagen wir:
seit dem 12. Februar 1946 –, ja ganz gewiss, ich habe ihn,
damals wurde ich „versiegelt“, und mein Apostel, der Herr
Sowieso, kann den heiligen Geist austeilen, er hat ihn zum
Austeilen erhalten, und er hat ihn auch an mich ausgeteilt. Ja,
ganz bestimmt, ich spüre es auch an mir, dass ich ihn habe, seit
dem 12. Februar 1946. Ja, ja, so sind wir. Aber es dauert gar
nicht mehr lange, da werdet ihr sehen, dass wir recht haben. Der
Stammapostel hat es gesagt. Denn dann kommt Christus, und wir
werden die Ersten sein, die als die Braut in den Hochzeitssaal
gehen.“ Wenn man das alles so mitanhört, muss man in der Tat
sagen: „Ein kolossales Selbstbewusstsein.“
Aber hier
beginnen sich bereits die ersten Schleier zu lüften. Wir stellen
fest, dass es mit diesem auffälligen Selbstbewusstsein bei allen
Sekten genau das Gleiche ist. Spricht man etwa mit einem
sogenannten Ernsten Bibelforscher [Anmerkung: Zeuge Jehovas],
geht es immer wieder aus seinem Munde: „Wir sind die 144'000
Erwählten. Wir sind die Brautgemeinde. Wir werden als die Ersten
in den Hochzeitssaal gehen, nein, nicht als Erste, sondern als
Einzige. Wir wissen: „Jetzt ist Endzeit. Jesus kommt bestimmt in
allernächster Zeit. Dann werdet ihr sehen, dass wir recht
hatten.“ – Und schon löst sich ein Schleier über dem Geheimnis
und fällt zur Erde. Wir merken, hier muss eine Art seelischer
Trick dahinter stecken. Der schlichte, gutgläubige Anhänger
merkt ihn sowenig, wie der schlichte, gutgläubige Zeitungsleser
die Propagandatricks merkt, die ihn dorthin steuern, wohin man
ihn bringen will. Aber jener religiöse Trick ist ganz
durchsichtig. Die Anhänger werden daraufhin geschult, ihren
religiösen Vorteil scharf im Auge zu behalten und ein künstlich
stark aufgebauschtes Selbstbewusstsein als ihren Glaubensgrund
zu betrachten. Dadurch werden sie hartnäckig gemacht. Sie halten
starr an diesem Selbstbewusstsein fest. Anders würde ihnen der
Boden unter den Füssen entgleiten. Also, um einen seelischen
Trick handelt es sich hier und um Leute, die auf diesem Gebiet
anfällig sind. Im zweiten Teil wird dies eingehend nachgewiesen.
b) Die Helden der
unbezahlten Arbeit und die christliche Liebe der Tat
Auch in manchen
anderen Zügen ähneln die Neu-Apostolischen sehr stark den
sogenannten Ernsten Bibelforschern. Wie diese haben sie in ihrer
Anfangszeit kräftig auf die Leute eingeredet: „Bei uns bekommen
die Apostel Gottes und der Stammapostel kein Geld für ihre
Arbeit. Aber den Pfarrern in den Kirchen wird der
Lebensunterhalt gezahlt.“ Es war dies eine gewaltige Propaganda.
Immer und immer wieder dieselbe Litanei: „Bei und sind die
Leiter der ganzen Sache grosse Idealisten. Alles freiwillig,
alles umsonst.“ Jene Helden der unbezahlten Arbeit sollten in
einem glänzenden Licht dastehen. Darauf kam es an. Die einfachen
Leute sollten mit dem „Glaubensfinger“ auf ihre Neu-Apostel
Gottes zeigen und sprechen: „Seht da, unser Apostel, unser
Führer zur ewigen Seligkeit, unser Spender des heiligen Geistes,
unser Christus im Fleisch, alles tut er umsonst,
Quellenmaterial Seite 62
nur für uns ! Wie begeistert
muss er sein. Ja, er hat bestimmt den heiligen Geist. Er hat
göttliche Gaben. Er führt mich zur Seligkeit.“
Aber, aber, bald
kam das dicke Ende nach. Jetzt ist jene Propaganda unauffällig
abgeblasen. Nur in der Flüsterpropaganda lebt sie noch und wird
emsig betrieben. Man kann sich kaum eines Lächelns erwehren.
Ganz unwillkürlich muss man an den grossen Propaganda-Künstler
Goebbels denken. Wie schön konnte dieser von dem Idealismus
seiner Leute sprechen. Da sagten leichtgläubige Menschen: „Seht,
das sind Idealisten ! Alles umsonst, was sie leisten.“ Aber
dann kam es ganz anders. Propaganda war alles und immer so, wie
es gerade im Augenblick am besten passte. Das geht auch ganz
gut. Denn die meisten Menschen haben ein kurzes Gedächtnis.
Wir wollen hier
gewiss nicht kleinlich sein. Aber es wirkt doch eigenartig, wenn
man Propaganda und Wirklichkeit vergleicht. Jene dachten und
denken an das kurze Gedächtnis der Leute. Wir denken an die
kurzen Beine der Lügen. Was soll man, um ein Beispiel zu nennen,
dazu sagen ?: In der neu-apostolischen Zeitschrift „UNSERE
FAMILIE“ 1950 kommen ungefähr in jeder Nummer ganze Bilderreihen
von sogenannten neu-apostolischen Massenkundgebungen. Das
heisst: Man hat alle Neu-Apostolischen aus grossen Bezirken
Deutschlands immer jeweils an einen Ort zusammengerufen. Dort
sollten sie ihren geliebten Führer zur Seligkeit, den
Stammapostel und Gesandten Gottes der Endzeit sehen und sprechen
hören und von ihm persönlich Vergebung der Sünden empfangen. Nun
kamen die braven Anhänger mit der Eisenbahn, auf Fahrrädern,
sehr viele natürlich zu Fuss. Aber die Apostel Gottes kamen
Mann für Mann in eigenen Autos elegant daher. Jetzt hört
man amtlich keinen Ton mehr von den Idealisten, die nur von
ihrem privaten Beruf leben und alles umsonst tun. In eigenen
Limousinen starteten sie auch samt und sonders zu einer Fahrt
nach Holland (S. „UNSERE FAMILIE“ 1950. Nr. 17. S. 388). Wir
wollen, wie gesagt, nicht kleinlich sein. Aber es wirkt
empörend, wenn man entdeckt: Die Propaganda von gestern ist die
Lüge von heute. Idealisten, Helden unbezahlter Arbeit ? Sie
sind in den §§ 6 bis 8 der neu-apostolischen Satzungen über die
Gehälter und Pensi-onen für die hauptamtlichen „Apostel“ und den
„Stammapostel“ verschwunden, dem zudem ausdrücklich „ein seiner
Stellung entsprechendes Gehalt“ nach § 6 zusteht. Man behält
einen bitteren Nachgeschmack auf der Zunge und kann sich eines
stillen Lächelns über jene Propaganda-Schläue nicht erwehren.
Und man muss wieder an den Propaganda-Künstler Goebbels denken.
Aber hier interessiert uns ein ganz anderer Punkt. Wir haben
hier einige Fragen zu stellen:
Wo sind denn bei
den Neu-Apostolischen öffentliche Werke christlicher
Nächstenliebe ? An Geld würde es doch augenscheinlich nicht
fehlen. Es kamen so viele Heimkehrer aus Russland und anderen
Ländern. Es gab und gibt soviel Elend bei den Flüchtlingen, bei
den körperlich Elenden und den halben Kräften. Das öffentliche
christliche Liebeswerk der evangelischen und katholischen Kirche
hat je für sich diesen Armen zu Tausenden geholfen. Die
Kameraden, die aus dem Stacheldraht kamen und diese Hilfe am
eigenen Leibe erfahren haben, wissen Bescheid. Und nicht allein
sie selbst, sondern auch ihre Mütter, Väter, Frauen und Kinder.
Wo ist hier der neu-apostolische Beitrag zu christlicher Liebe
der Tat im grossen Stil und ohne Propaganda-Absichten ? Wo ist
hier das neu-apostolische Werk christlicher Nächstenliebe ?
Antwort ? – Fehlanzeige.
Oder die Hilfe
für die Flüchtlinge, für die vielen, vielen, die alles verloren
haben und leben wollen und leben müssen. Oder die Hilfe für die
Krüppel, für Blinde, Erblindete und Blindgeborene, oder die
Hilfe für Epileptiker, für arbeitsbehinderte Menschen, für die
sogenannten halben Kräfte, die alle nach dem Werk christlicher
Liebe einen jeden Christen rufen. Die evangelische Kirche hat
wie ihre katholische Schwester ein grossartiges Werk
christlicher Nächstenliebe aufgebaut. Aus den Pfennigen und
Markstücken, die die evangelischen Christen in ihren
Kirchengemeinden opfern, wird ein grossartiges Werk christlicher
Nächstenliebe an heimatlosen, kranken und armen Heimkehrern, an
Krüppeln und Blinden, an Epileptikern und Behinderten in ganz
Deutschland getan. Das katholische Werk heisst Caritas, das
evangelische Werk heisst Innere Mission. Wer kennt nicht den
Engel vieler vieler Elenden und Armen, den Vater Bodelschwingh.
Er hielt sich freilich nicht für einen Führer zur ewigen
Seligkeit, sondern für einen ganz armen Sünder vor Gott, dem
Herrn. Er hielt sich nicht für einen Besitzer des heiligen
Geistes, sondern für einen täglichen Bettler um den heiligen
Geist. Auch hielt er sich nicht für Christi Apostel neuer Art,
sondern für einen ganz kleinen Schüler der allein wahren Apostel
Christi, deren Wort und Geist wie in der ganzen Kirche, so auch
und besonders bei ihm lebendig und kräftig war und nicht tot und
ersatzbedürftig durch sogenannte lebendige Neu-Apostel. In
diesem grossen Werk christlicher Nächstenliebe werden die
Geldopfer der einfachen und kleinen Leute segensreich verwendet.
Da werden die Spenden den armen und beklagenswerten Empfängern
zu einem Christus. Wo ist der Beitrag der Sekten ? So fragen
wir. Wo ist der Beitrag der Neu-Apostolischen ? Erstens nehmen
sie von ihren Leuten prozentual viel mehr Geld als die beiden
Kirchen. Das weiss jeder. Zweitens verwenden sie von diesem Geld
praktisch gar nichts für das Werk christlicher Nächstenliebe in
der Öffentlichkeit an den vielen unbekannten Armen und Elenden.
Sie verwenden alles Geld für ihre Organisation, für ihre
Neu-Apostel und für ihre Propaganda gegen die Kirchen, aus deren
Reihen sie unaufhörlich Teile herausbrechen wollen. Das Werk
christlicher Liebe interessiert sie überhaupt nicht. Was da in
kleinen Kreisen geschieht mit warmer Suppe und wollener
Unterjacke, die man gelegentlich mal schenkt, zählt hier nicht.
Ja, wieviel gutes Geld, das die Sektenorganisationen sinnlos
schlucken, wird den armen, heimatlosen, krank und siech
gewordenen Heimkehrern, Flüchtlingen, Krüppeln,
Quellenmaterial Seite 63
Epileptikern und Blinden
entzogen. Wo sind die Taten jener angeblichen Besitzer des
heiligen Geistes ? Wo sind hier die Opfer für die Ärmsten der
Armen, die Blinden und Epileptiker, zu denen du und ich morgen
schon gehören können, wir oder eins unserer Kinder ? Solche
Opfer gehören zu den Christen wie die Luft zum Leben. Der grosse
evangelische Vater der Inneren Mission, Wichern, hat das schöne
Wort zur evangelischen Kirche gesagt: „Die Liebe gehört mir wie
der Glaube.“ Wo sind bei den angeblich 144'000 Erwählten Gottes
diese Werke des Glaubens an Gott, den Herrn ? Wenn man fragen
würde: „Wo ist eure Propaganda ?“, da könnten alle mit dem
„Glaubensfinger“ auf ihre Neu-Apostel und den sogenannten
Stammapostel zeigen. Nein, die einfachen, starken Taten
christlicher Liebe aus dem Glauben, Taten an den Ärmsten der
Armen, die die arg von den Neu-Apostolischen beschimpfte
evangelische und die katholische Kirche übt, das meinen wir
hier. Wo ist hier der Griff in den Geldbeutel, um Liebe zu üben,
die nichts einbringt und keine Propaganda meint. Schelten,
kritisieren, die Pfarrer höhnen, diese Männer, die heute wahre
Bettelpfarrer für die Ärmsten der Armen, für die Kameraden aus
dem Stacheldraht und die Verelendeten sind – darin sind die
Neu-Apostolischen stets sehr gross.
Lange, allzulange
wurde über diese Tatsachen geschwiegen. Aber was zuviel ist, ist
zuviel. Dabei denken wir an die arglosen und frommen Leute, die
es natürlich bei den Neu-Apostolischen auch gibt. Das ist klar.
Sie haben noch gar nichts von dieser bösen Lücke gemerkt, die
nur Propaganda und das Gerede ausfüllt: „Wir sind die Erstlinge,
wir sind die Braut, wir sind die 144'000. Die anderen sind die
Verlorenen.“ Diesen schlichten Menschen wollen wir hier
weiterhelfen, dass sie zur richtigen Erkenntnis unter dem
Spätregen des unverfälschten und unverbogenen heiligen
Evangeliums in unserer harten Zeit gelangen, dass sie
fortschreiten in lauterer Erkenntnis und ihre Seele retten,
solange es noch nicht heisst: zu spät ! Sie sollen durch
Tatsachen zur Erkenntnis der Wahrheit und Wirklichkeit kommen.
Sie sollen heimkehren aus dieser seelenmordenden Welt falscher
religiöser Sicherheiten über das Jenseits der Todesgrenze, aus
dieser Welt der unaufhörlichen Lästerung des heiligen Geistes
und der wahren Apostel Jesu Christi, die den Herrn von Angesicht
zu Angesicht vor und nach der Auferstehung gesehen haben und uns
das stets lebendige Wort Gottes noch heute kraftvoll und rettend
sagen, nur sie allein. Aber wir müssen zugleich ein sehr ernstes
Wort diesen schlichten, frommen und hochanständigen Leuten unter
den Neu-Apostolischen zurufen: „Kehret um, kehret heim. Ihr
werdet nicht anders jenen den Mund stopfen können, dass sie
nicht mehr den heiligen Geist lästern. Denn die Lästerung gegen
den heiligen Geist ist in Zeit und Ewigkeit eine unvergebbare
Sünde. Durch eure Heimkehr aus jener Welt allein werdet ihr
nicht mitschuldig an dieser schrecklichen Sünde.“
2. Aus Spaltung,
durch Spaltung, in Spaltung – und warum ?
Hier kommen wir
zu einem neuen und überaus wichtigen Punkt. Hier geht es um die
Zerreisser der christlichen Einheit. Spaltung und immer wieder
Spaltung ist ihr Werk. Vielleicht wirst du entsetzt sein, wenn
du erfahren hast, wie eine Spaltung die andere jagte. Wer aber
so mutwillig und ohne klaren Grund der heiligen Schrift
Spaltungen betreibt, nur weil er von sich dies und das denkt,
dass er es sei, der wird schuldig vor Gott und am Tage des
Gerichts Rechenschaft geben müssen. Dann hilft keine Beteuerung:
„Ich habe es mir so gedacht. Ich war fest davon überzeugt. Ich
wollte das Beste.“ Hier geht es um willkürliche Zerspaltungen.
Menschen haben sie verschuldet, die in unentschuldbarer Weise
dachten, sie verstünden etwas von der Bibel. Sie hätten gegen
sich selbst misstrauisch sein müssen. Sie hätten sich bei
wirklichen Bibelkennern befragen müssen. Sie hätten nicht denken
und sagen dürfen: „Das verstehen wir besser.“ Gerade bei der
Bibel geht es so wie bei jedem Handwerk und jeder Kunst und
Wissenschaft: Das will gelernt sein, das will gekonnt sein. Das
will mit viel eisernem Fleiss erarbeitet sein in einem langen
Leben und in emsigem Hören auf die grossen Lehrer der Kirche.
Sonst wird nichts daraus. Man muss die ganze Bibel überschauen,
wenn man einzelne Bibelsprüche richtig verstehen und deuten
will. Anders gerät man leicht in einen geistigen Wirrwarr und
wird oft gar schnell der Spaltung schuldig.
Wie kam es
eigentlich zu dieser neu-apostolischen Sache ? Darum geht es
jetzt. Anschaulich, aber kurz und bündig, wissenschaftlich
einwandfrei, aber in einfachen Worten wollen wir darüber
berichten. Die wissenschaftliche Ecke am Schluss gibt
Interessenten weitere Winke. Sie werden bei eigener Forschung
feststellen, dass hier zwar ein klares Deutsch geredet, aber
nichts übertrieben und nichts gegen die Wahrheit gesagt wird.
Die
Neu-Apostolischen sind nicht eine Kirche, sondern eine
waschechte Sekte. Das wollen wir klarstellen. Sie sind die
Abspaltung von einer anderen Sekte, ja genau genommen, sind sie
eine Sekte, die aus der Abspaltung einer Sekte von einer anderen
Sekte herstammt. Man muss direkt lachen, wenn man das so
schreibt oder liest. Allerdings, die kleine religiöse Sekte in
England, aus denen die heutigen Neu-Apostolischen durch
verschiedene Abspaltungen entstanden sind, ist heute keine Sekte
mehr. Ihre Leute haben nämlich als ehrliche Menschen ihren
früheren Irrtum offen zugegeben und führen heute nur noch in
kleinen Resten ein stilles, frommes und zurückgezogenes Leben
ohne Sektenart. Wie kam nun alles ? Vor rund 120 Jahren lebte
in London, der Hauptstadt von England, ein Bankier, der sich
Henry Drummond schrieb. Er war sehr fromm und sammelte fromme
Leute um sich. Eines Tages kam man in diesem frommen Verein auf
den Gedanken, es wäre doch schön, wenn wir wieder wie ehemals
die Urchristen in Jerusalem und andernorts richtige Apostel
hätten.
Quellenmaterial Seite 64
Gewiss war es nicht mehr als ein
Gedanke, wie etwa jemand sagen könnte, es wäre doch schön, wenn
wir wieder einen Johannes, den Täufer, bei uns hätten. Ja, am
schönsten wäre es, wenn Jesus sichtbar unter uns wandelte. Noch
ein zweiter, ein sehr frommer, aber auch sehr seltsamer Gedanke
tauchte in diesem frommen Verein auf. Irgend jemand behauptete:
„Wir leben jetzt in der Endzeit. Noch zu unseren Lebzeiten,
morgen, nächstes Jahr, in zehn oder zwanzig Jahren, auf alle
Fälle aber noch zu unseren Lebzeiten kommt Christus wieder auf
die Erde zu Gericht und Gnade.“ Wie ein Fieber packte dieser
seltsame Gedanke jene frommen Leute. Und wie ein Fieber packte
sie damit zugleich die Frage: „Was tun, es ist höchste Zeit !“
Und schon war auch die Antwort da: „Wir müssen dies tun: Wir
müssen alle Welt rufen gehen: „Kommt, macht euch bereit, Jesus
erscheint noch zu unseren Lebenstagen.“ Aber noch etwas
Besonderes müssen wir tun. Wir müssen eine Erstlingsgarbe
sammeln als Geschenk für den Herrn, wenn er kommt.“ Auch dieser
Gedanke packte den Bankier Drummond und seine Anhänger wie ein
Fieber. Wen aber sollten sie in aller Welt, in Australien,
Europa, Asien, Amerika und Afrika als Erstlingsgarbe sammeln ?
Wieviele sollten es sein. Schnell, nur schnell musste es
geschehen. Nun suchten sie in der Bibel nach, wieviele Leute
Erstlingsgarbe sein sollten. Sie blätterten und forschten in den
Kapiteln, die von der Zeit der Endkatastrophen vor Christi
Wiederkunft reden. Jetzt hatten sie auch bald eine Zahl
gefunden. Offenbarung 7 steht die Zahl 144'000. Endlich wussten
sei, wie sie meinten, die genaue Zahl der Erstlinge. Ein breites
Tor zu wilden Phantastereien tat sich auf. In Offenbarung 7
steht, dass in der Zeit der kosmischen Endkatastrophen die
Winde aufhören werden zu wehen. Kein Wind werde alsdann mehr
über Erde, Meere und Bäume gehen. Wenn dies geschehe, würden aus
den 12 Stämmen Israels je 12'000 einen Stempel oder ein Zeichen,
in der Sprache der alten Leute, ein Siegel auf die Stirn
erhalten, damit sie nicht auch beschädigt werden beim Vollzug
der kosmischen Endkatastrophen. 12 mal 12'000 ergibt also
144'000.
Jesus aber hatte
12 Apostel. In dem frommen Verein von London war schon längst
der Gedanke aufgetaucht, es wäre doch schön, wenn wir wieder
Apostel, die 12 Apostel Jesu nämlich, hätten. Jetzt ging nun
alles sehr schnell. Man muss sich ein wenig in diese Welt
hochgespannter religiöser Stimmung und Erwartungen hineindenken,
um all dieses Durcheinander zu verstehen. Kurzum, es blitzte
plötzlich der Gedanke auf: „Wir haben tatsächlich Apostel, die
wir als Boten in alle Welt zu den 12 Stämmen Israels senden
können. Ja, wir haben bereits Apostel. Der Bankier Henry
Drummond wusste jetzt plötzlich: „Der Rechtsanwalt Cardale ist
ein Apostel. Und dieser und jener ist ein Apostel.“ Es dauerte
gar nicht lange, so hatte man die 12 Apostel der Endzeit für die
Botschaft an die 12 Stämme Israels in aller Welt zusammen.
Schnell, sehr schnell musste alles geschehen. Eine
Vorbereitungszeit wurde eingelegt. Dann ging die Reise los.
Jesus sollte ja noch zu Lebzeiten dieser „Apostel“ eintreffen.
Und jeder wusste: „Es ist alles so Gottes Wille und Geheiss, wie
wir es verstehen und treiben. Der heilige Geist hat es uns, dem
Henry Drummond und den anderen, offenbart.“ Hier begann das lose
Geschwätz von dem Besitz des heiligen Geistes durch persönliche
Offenbarung.
Lieber Leser, du
wirst vielleicht über diese Leute wegen ihrer wild erscheinenden
Phantasie lachen und sagen: „Die hatten einen Vogel !“ Nein, du
tust ihnen Unrecht. Wie wir noch hören werden, haben diese Leute
später gemerkt: „Wir haben uns geirrt. Über die Hälfte unserer
sogenannten Apostel ist gestorben. Aber Jesus ist noch nicht
gekommen. Wir haben uns also geirrt. Es war gar nicht die
Endzeit, die wir mit tödlicher Sicherheit zu erkennen meinten.
Es war auch gar nicht der heilige Geist, der ja der Geist der
Wahrheit und nicht des Irrtums ist. Nein, es war ein grosser
Irrtum.“ Diese Menschen waren ehrlich. Und sie fühlten bei
Beginn eine Verantwortung gegen die gesamte Christenheit. Sie
wollten alle rufen: „Macht euch bereit. Jesus kommt bestimmt
noch zu unserer Lebenszeit.“ Wenn sie wie die evangelische
Kirche gesagt hätten: „Jesus kann auch schon zu unserer
Lebenszeit kommen“, wäre alles in Ordnung gewesen. Unsinn und
Phantasterei aus gutem Glauben war es, dass sie sagten: „Wir
wissen es gewiss.“ Aber, wie gesagt, sie haben ihren eigenen
Unsinn dann ehrlich zugegeben. Auch wollten sie eigentlich keine
eigene Sekte aufmachen. Nur waren sie natürlich eine neue Sekte.
Sie hatten allerlei eigene Zeremonien. Weil sie mit den 12
sogenannten Aposteln ein allgemeines Missionswerk vor Christi
Wiederkunft betrieben, gaben sie sich den Namen: „allgemein“.
Daraus kannst du, lieber Leser, dir keinen Vers machen. Du wirst
sicher staunen, wenn du erfährst, dass das Wort „allgemein“ in
der griechischen Sprache „katholisch“ bedeutet. So nannten sie
sich: „katholisch-apostolisch“. Über ihre Anfangsgeschichte
laufen widersprechende Berichte um. Man nannte sie auch
Irvingianer nach einem Prediger Irving. Aber dieser Name ist
nicht ganz zutreffend. Irving war eine kleine Grösse in diesem
Kreise. Wir nennen sie hier mit ihrem Standard-Namen:
„katholisch-apostolisch“. Sie waren auch die Erfinder mit der
Sache der sogenannten „Versiegelung“. Später liessen sie auch
von diesem Treiben, als mit dem Tode des letzten der
„Endzeit-Apostel“ Christi endgültig ihr grosser Irrtum am Tage
war. Wir müssen diesen Leuten, die zuerst von ihrer neuen
Ansicht wie von einem Fieber gepackt waren und tatsächlich an
das besondere Wirken des heiligen Geistes in ihrem Verein
glaubten, die Ehrlichkeit hoch anrechnen. Sie suchten keine
Ausreden, sondern gaben später offen und ehrlich zu: „Wir haben
uns geirrt.“ Aber sie wussten noch etwas sehr wichtiges. Sie
waren nach dem Tode der ersten Irrtums-Apostel überzeugt, dass
niemand mehr kommen und den Leuten erzählen könne: „Ich bin ein
neuer Apostel. Der heilige Geist hat es mir ganz persönlich
gesagt. Und dieser da ist ein neuer Apostel. Auch darüber habe
ich persönliche Nachricht vom heiligen Geist.“ „Nein, Irrtum,
grosser Irrtum !“ Das war fortan ihre Antwort. Wenn nun ein
phantasiebegabter Mann auftrat und sagte: „Ich bin ein neuer
Apostel“, oder: „Dieser und jener ist ein neuer Apostel“,
stiessen sie ihn einfach aus ihrer Gemeinschaft aus. Lateinisch
Quellenmaterial Seite 65
sagt man: Sie exkommunizierten
ihn. Sie hatten es ja erlebt. Wer so redet, wiederholt den
Irrtum und treibt Phantasterei.
An diesem Punkt
kam es nun zur nächsten Spaltung. Die nächste Sekte trat auf.
Die sich von dieser neuen Sekte abspalteten und wieder eine neue
Sekte wurden, nennen sie heute „neu-apostolisch“. Wahrhaft eine
grausige Kette von Spaltungen, Irrtümern und Phantastereien.
Auch die Lüge fehlte natürlich nicht. Wir werden in einem
späteren Kapitel sehen, dass auch die Sache mit den 144'000 ganz
anders ist, als alle diese Sekten, von den
katholisch-apostolischen angefangen, sich das gedacht haben.
Auch in diesem Punkt haben sie sich gewaltig geirrt. Es kann ja
gar nicht anders sein. Alle diese Leute hätten gegen sich selbst
und die seltsamen Stimmen in ihrer Brust ein wenig misstrauisch
sein müssen. Sie hätten sich bei wirklichen Kennern der Bibel,
deren es in Deutschland wahrlich genug gibt, befragen müssen.
Sie hätten nicht die Rolle von Schriftgelehrten auf eigene Faust
und mit einer unbezwinglichen Besserwisserei spielen dürfen.
Durch solche Nüchternheit und Klarheit, durch solches Misstrauen
gegen sich selbst wären sie auch von dem gotteslästerlichen
Gerede verschont geblieben, dass die Stimme des heiligen Geistes
ihnen das alles eingesagt habe. Dauernd haben sie den heiligen
Geist im Munde. Und den Leuten, die das alles natürlich nicht
nachprüfen können, erzählen sie mit Begeisterung, dass sie vom
heiligen Geist erfüllt seien und ihn sogar austeilen könnten.
Furchtbar, mehr als furchtbar ! Denn die Lästerung gegen den
heiligen Gottes- und Christus-Geist ist eine zeitlich und ewig
unvergebbare Sünde.
Aber nun zurück
zum Thema: Also, jene katholisch-apostolische Sekte wusste: „Wir
haben uns geirrt.“ Der letzte dieser angeblichen Apostel hiess
Woodhouse und lebte still und zurückgezogen in Deutschland. Er
war ein feiner und frommer Mann. Ihm war es bestimmt, den tiefen
Schmerz über eine neue Spaltung zu erleben.
Zu dem Kreise
jener katholisch-apostolischen Gemeinschaft in Deutschland
gehörte ein Mann, der sich Heinrich Geyer schrieb. Er war von
Beruf Volksschullehrer. Dieser Geyer hatte eine starke religiöse
Phantasie, eine gute Redegabe und einen starken Drang, etwas
Besonderes, vielleicht sogar etwas Berühmtes zu werden. Anders
kann man sich ihn gar nicht vorstellen. Er fühlte sich als
gottbegnadeter und natürlich auch durch den heiligen Geist
besonders erleuchteter „Prophet“ der Endzeit. Man findet es oft,
dass eine starke religiöse Phantasie, dazu ein gutes Sprechorgan
und ein starker Drang, etwas Grosses zu werden, gewissermassen
zu Dritt miteinander verheiratet sind. Solche Leute sind gar
nicht selten. In verschiedener Ausführung treten sie auf. Als
kleine Leute im kleinen Kreis wollen sie unter allen Umständen
den Ton angeben. Auch in der Politik begegnet man ihnen mit
kleinen Abwandlungen. In den Sekten ist ihr liebster Aufenthalt.
Hier werden sie in kurzer Zeit Älteter oder Prediger oder etwas
Ähnliches. Es muss auf jeden Fall etwas Höheres sein. Sie fühlen
sich ja zu Grossem berufen. Sind aber jene drei Eigenschaften
bei ihnen besonders stark ausgebildet, droht schnell die Gefahr,
dass sie sich abspalten und eine eigene Sekte aufmachen. Zuletzt
glauben solche Phantasie-Könige selbst, was sie den Leuten
erzählen.
Jener Geyer muss
zu seinen drei Gaben noch ein sehr unruhiges Blut gehabt haben.
Er ertrug wohl die Stille im Kreise der Katholisch-Apostolischen
einfach nicht länger. Auch wollte er als
katholisch-apostolischer „Prophet“ wohl nicht zugeben, dass jene
sich geirrt haben. Kurzum, eines Tages kam ihm der Gedanke:
„Wenn in den Jahren 1830/35 jener Bankier Henry Drummond aus
England und dieser Woodhouse, ehemals England, jetzt
Deutschland, sich für geisterfüllt und Apostel der Endzeit
hielten, und wenn allerlei Leute ihnen dies geglaubt haben,
müsse eigentlich dieselbe Sache jetzt auch wieder lebendig
gemacht werden können. Es müsste doch gehen.“ Und siehe da,
eines Tages rückte jener Heinrich Geyer mit seiner neuen Sache
heraus: „Es gibt wieder Apostel. Der heilige Geist hat es mir
geoffenbart.“ Ja, der heilige Geist hat Heinrich Geyer nach
dessen Erzählungen sogar genau geoffenbart, welche zwei
Ersatzmänner die erste Ablösung der verstorbenen
katholisch-apostolischen Irrtums-Apostel seien. Und es gab bald
wieder Leute, die das glaubten. Es ist furchtbar, aber wahr:
Immer wieder finden sich einfältige Leute, die solche religiöse
Phantasten, anstatt sie allein zu lassen, in den Sattel heben,
indem sie ihnen nachlaufen. So werden diese Anhänger
mitschuldig. Sie bestärken die Wirren, anstatt zu deren Heilung
mitzuhelfen. Allerdings besass Geyer soviel gesunde Überlegung,
dass er nicht sich selbst zum Ersatz-Apostel der Endzeit machte.
Nein, er griff sich zwei andere, die wahrscheinlich so ähnlich
veranlagt waren wie er selbst. Der eine war ein gewisser Böhm
und der andere ein gewisser Caird. Zu diesen sagte er: „Ihr seid
– ich weiss es ganz gewiss – genau solche Apostel wie die Jünger
Jesu, die Augenzeugen der Wunder und Auferstehung Christi
waren.“ Natürlich glaubten es beide liebend gern. Schon längst
lebten sie ja in dieser religiös erregten und kaum gebändigten
Welt. Selbst der grosse katholisch-apostolische Irrtum, dieser
katastrophale Zusammenbruch einer Welt voll angeblicher
Geistausgiessungen und Aussonderungen zu Christus-Aposteln,
hatte jene religiöse Leidenschaften nicht gedämpft. Geyer hielt
sich für einen Propheten Gottes. Zu ihm hielt sich ein gewisser
Schwartz aus Hamburg. Bald folgten durch Geyer
„Apostelberufungen“ am laufenden Band. Nur einer, der siebente
dieser Schar, kehrte zur gesunden Einsicht zurück. Er hiess
Rosochazky. Diesem nüchternen Ostpreussen kam die ganze Sache
doch zu bunt vor. Er legte seine „Apostelwürde“ nieder, weil er
an diese Sache nicht mehr glaubte. Was aber tat der alte
katholisch-apostolische Irrtums-Apostel Woodhouse ? Er wusste,
dass es an einem grossen Irrtum mit den angeblichen Aposteln der
Endzeit genug sei. Genug der Verwechslung von eigener Phantasie
und heiligem Geist. Genug des Ärgernisses mit neuer Spaltung in
der Christenheit. Und genug der falschen Auslegung biblischer
Stellen, hätten wir noch
Quellenmaterial Seite 66
hinzugefügt. Kurzum, er tat jenen
Geyer und seinen Anhang aus der katholisch-apostolischen
Gemeinschaft hinaus. Er exkommunizierte den angeblich vom
heiligen Geist erfüllten „Propheten“ Geyer. Aber weder Geyer,
noch sein Anhang wollte in der Versenkung verschwinden. Der
Drang, etwas Grosses zu werden, war offenbar zu stark.
Stillesein ertrug man eben nicht. Auch witterte man Morgenluft.
Jetzt bot sich endlich für Heinrich Geyer und seinen Genossen
Schwartz eine gute Gelegenheit, eine grosse Rolle zu spielen.
Endlich hatten sie etwas Eigenes. So machten sie als
Ausgestossene ihre eigene Sekte auf. Einen ihrer Leute nannten
sie „Engel“. So hatten sie alles Wichtige beieinander: Engel,
Apostel, Propheten. Jetzt konnte es losgehen. Mit dem neuen
Sektennamen machten sie es höchst einfach. Sie übersetzten aus
„katholisch-apostolisch“ das Wort „katholisch“ kurzerhand ins
Deutsche zurück und nannten sich: allgemein-apostolisch.
Seltsamerweise setzten sie noch „christlich“ hinzu. So nannten
sie sich fortan: allgemeine christliche apostolische Mission.
Dieses letzte Wort sollte bedeuten, dass sie nun nicht etwa bei
den Schwarzen in Afrika oder bei den Gelben in China Mission
treiben wollten. Oh nein, weit gefehlt. Mission hiess:
Propaganda gegen ihre früheren Brüder, die
Katholisch-Apostolischen, und Propaganda bei den Gliedern der
evangelischen und katholischen Kirche.
Es ist klar, dass
alles das nicht so kurz und bündig vonstatten ging, wie es hier
berichtet wird. Es gab Streit und Schwierigkeiten. Aber es wäre
zu langweilig, hier anders als kurz und bündig zu erzählen.
Sofort setzte die
neue Sekte mit ihrer Propaganda ein. Man berief sich nach
Kräften auf den heiligen Geist. Man redete gewaltig, und man
ernannte lustig weiter aus der angeblichen Kraft des heiligen
Geistes neue „Apostel“.
Aber schon bald
trieb diese neue Sekte zu einer neuen Spaltung. Es gab nach
einiger Zeit einen handfesten Streit zwischen Geyer und
Schwartz. Jeder dieser beiden berief sich natürlich wieder auf
den heiligen Geist, der wieder einmal zum Schuldigen einer neuen
Spaltung und Sekte gemacht wurde. Es bildete sich eine
Geyer-Sekte und eine Schwartz-Sekte. Jener Schwartz ist der
Vater der heutigen „Neu-Apostolischen“. Jetzt gab es also drei
Sekten mit der Kennziffer „apostolisch“. Jede berief sich auf
unmittelbare Offenbarung durch den heiligen Geist. Wir haben
dieses Kapitel überschrieben: Aus Spaltung, durch Spaltung, in
Spaltung. Aber neue Spaltungen standen noch bevor. Damals wusste
Schwartz noch nicht, dass er eigentlich „Stammapostel“ ist. Auf
diesen klugen Gedanken kam erst sein Nachfolger, der Bahnmeister
Fritz Krebs. Damals wusste Schwartz auch noch nicht, dass er
neu-apostolisch ist. Viel später kam man auf diesen erleuchteten
Gedanken (1907). Furchtbar blickt uns hier das Gespenst der
Spaltungen innerhalb der Christenheit durch anmassende Leute an.
Furchtbar ist ihr Mangel an Selbstkritik und nüchterner
Überlegung. Sie wussten eben alles besser. Von ihnen sagt der
Apostel Paulus in 2. Kor. 11, 12 – 14: Sie suchen Ursache, „dass
sie rühmen möchten, sie seien wie wir. Denn solche falsche
Apostel und trügliche Arbeiter verstellen sich zu
Christi-Aposteln. Und das ist auch kein Wunder. Denn er selbst,
der Satan verstellt sich zum Engel des Lichts.“ Oh diese Toren
! Wenn alle redebegabten Menschen in der Christenheit es ebenso
trieben wie diese dort, wäre die Christenheit schon bald in
tausend Fetzen zerrissen und noch mehr. Am grausigsten aber ist
die Tatsache, dass alle diese Spaltungen im Namen des heiligen
Geistes betrieben wurden und werden. Alle sagten, sie seien
versiegelt, alle beriefen sich auf den heiligen Geist, alle
erklärten, sie, nur sie gehörten zu den 144'000 Erwählten
Gottes, die freilich nach Offenbarung 7 ein himmlisches Wesen
bestimmt.
So also lief es:
Um 1830/35 die erste gutgemeinte Spaltung:
katholisch-apostolisch. 1865: die Geyer-Spaltung. Allgemeine
christliche apostolische Mission. 1878: die dritte Spaltung:
Geyer gegen Schwartz. Die Schwartz-Anhänger gaben sich später
den Namen „neu-apostolisch“. Jetzt ging es weiter. 1894 spaltete
sich diese neu-apostolische Sekte wieder, und wieder sollte der
heilige Geist der allein Schuldige sein. Ergebnis: zu den alten
eine neue Sekte: Reformierte-apostolische Gemeine. Die nächste
Spaltung war wieder etwa acht Jahre später fällig. Ein
neu-apostolischer Bezirkshelfer Julius Fischer, seines Zeichens
ein Landwirt, arbeitete mit der unmittelbaren Berufung durch
Jesus Christus persönlich. Ja, er machte es gleich ganz radikal
und sagte, Jesus Christus habe sich nicht allein ihm
geoffenbart, sondern sogar in ihm verkörpert. Wenn jene sagen:
„Der heilige Geist hat uns zu Aposteln gemacht, uns persönlich,“
warum soll Fischer, Julius nicht sagen: „Jesus hat sich in mir
verkörpert.“ Eine leere Behauptung ist soviel wert wie die
andere. Es kommt nur darauf an, dass das Leute glauben. Tun sie
es, ist alles in Ordnung. Natürlich fiel es auch Julius Fischer
nicht im Traume ein, sich über die Bibel bei Kennern zu
befragen, da er ja Landwirt war. Oh nein, er wusste wie die
anderen alles selbst genau und viel besser als jeder Kenner.
Seine Sekte nannte er zuerst „Apostelamt Juda“, dann „Apostelamt
Simon“, dann „Apostelamt Naphtali“ und nach 1945, als man
Morgenluft witterte und ganz gross herauskommen wollte, nannten
sich die Julius-Fischer-Anhänger „Apostelamt Jesu Christi“. Vier
Jahre nach dieser Julius-Fischer-Sache war wieder eine neue
Spaltung an der Reihe. Es war im Jahre 1906. Der
neu-apostolische Stammapostel Niehaus
trat allzusehr als Christus und Herr, in Wahrheit als
Diktator auf.
Das liessen sich einige seiner Unterorgane voll Geisterleuchtung
nicht gefallen. Ergebnis: Streit und neue Sekte: Reformatorische
Bewegung in den neu-apostolischen Gemeinden und endgültig als
eigene „Reformiert-Apostolische Gemeinde“ seit 1921. Zu ihr
gehörten die nüchternen Leute. Sie kritisierten mit Recht, dass
die neu-apostolischen Neu-Apostel Christus ganz in den
Hintergrund drängten und ihre angebliche Apostel-Vollmacht zur
Hauptsache erhöben, ja sogar von Unfehlbarkeit schwätzten. – In
der Tat ein Bild des Grauens und furchtbarer Sünden gegen den
heiligen Geist, auf den sich natürlich alle beriefen. „Aus
Spaltung, durch Spaltung, in Spaltung – und warum ?“
Quellenmaterial Seite 67
Wir meinen, eine Antwort zu
wissen. Sie ist gar nicht schwer zu finden. Teufel heisst in der
griechischen Sprache der Bibel, von der jene falschen „Apostel“
natürlich keine Ahnung haben, Diapolos. Und Diabolos heisst
Ankläger, Verführer, Auseinanderbringer, aber gewiss auch
Zerstreuer als Vater des Chaos, als der Widersacher des heiligen
Gottes, der ein Gott der Ordnung ist. Er hat gewiss die Hand im
Spiel, wo nicht das heilige Evangelium, sondern persönliche
Ansichten von phantasiebegabten Leuten die Spaltung
veranlassten, weil jeder dachte, er wäre etwas. Wir wissen aus
der Geschichte von Jesu Versuchung, dass der Teufel auch
Bibelsprüche im Maule führen kann. Er wird auch einmal der
furchtbare Ankläger werden.
Wie schaurig
klingt in jene Welt der Phantasie-Apostel und –Austeiler des
angeblichen heiligen Geistes, gleich, als wäre dieser eine
Dutzendware, das Wort des wahren Apostels Christi hinein: 2.
Kor. 11, 12 – 14, das wir vorhin genannt haben. Bitte lieber
Leser, lies es nochmals. Ja, „Satan verstellt sich zum Engel des
Lichts.“
Kehret um, ihr
braven und gutgläubigen Leute, die ihr bei den Neu-Aposteln als
Anhänger, als Steigbügelhalter, als Stützen der ganzen
furchtbaren Sache an eurer Seele mitschuldig werdet. Ihr habt es
bisher nicht besser gewusst. Kehret um, ihr Neu-Apostel, und du,
Stammapostel ! Ihr treibt ein gefährliches Spiel mit kecken und
kühnen behauptungen über das, was ihr zu sein vorgebt und
niemals sein könnt. Eure Seele ist in Gefahr und die Seele
derer, die euren irrigen Worten glauben. Auch ihr seid wie wir
alle nur ganz arme Sünder und Bettler um den heiligen Geist, die
allein von der Gnade Christi leben, in Gottes Augen nicht um
einen Millimeter erhaben vor den Geringsten unserer Schwestern
und Brüder.
II.
Das neu-apostolische Spiel vor und hinter den
Kulissen unter dem Gericht des göttlichen Wortes
1. Neue „Apostel“
Christi unter 2. Kor. 11, 12b – 13: „...dass sie rühmen
möchten, sie seien wie wir. Denn solche falschen Apostel und
trügliche Arbeiter verstellen sich zu Christi Aposteln.“
a) Unter dem
Gericht des göttlichen Wortes
Es
interessiert uns nicht, was diese Neu-Apostel von sich sagen.
Und es interessiert uns nicht, ob sie selbst glauben, was sie
sagen. Niemand kann ihnen von den Sterblichen ins Herz schauen.
Der ewige Gott, der Augen hat wie Feuerflammen, wird diese
Helden des Selbstruhms, die meinen, sie seien etwas, zur
Rechenschaft rufen. Dann gilt keine Ausrede. „Ich dachte, ich
hätte den heiligen Geist gehabt und verteilen dürfen. Ich
dachte, ich wäre ein Christus-Apostel wie Johannes und Petrus
und Paulus gewesen.“ Christen müssen Geister unterscheiden
können und müssen gegen die Stimmen in ihrer Brust auf der Hut
sein. Das gilt auch von den Anhängern. Nur dies eine können wir
jenen angeblichen Neu-Aposteln, jenen angeblichen Führern zur
ewigen Seligkeit, jenen angeblichen „Christus im Fleische der
Apostel“ sagen: „Irret euch nicht. Gott lässt seiner nicht
spotten !“ Schleier wollen wir hier lüften und Verkleidungen
abmontieren. Was sollte es uns interessieren können, dass jener
Geyer oder Schwartz oder Krebs, Fritz oder „Stamnmapostel“
Niehaus oder Bischoff sagen: „Ich bin die Verkörperung Christi,
ich bin Gottes Prophet, ich bin geisterfüllter „Apostel“
Christi, ich bin „Christus im Fleische des Apostels“. Fritz
Krebs nannte sich, wie wir noch hören werden, sogar selbst
Christus persönlich und sein eigenes Fleisch Christi Leib im
heiligen Abendmahl. Diese neu-apostolischen Neu-Apostel haben
einen geistigen Vetter. Er heisst Joseph Weissenberg. Er selbst
nannte sich die Verkörperung des heiligen Geistes und seine
Anhänger nannten ihn „Unseren Gott, der wie vor 2'000 Jahren
Fleisch und Blut angenommen hat“. Göttlicher Meister liess er
sich anreden. Erst war er Maurer, dann Kellner, anschliessend
Droschken-kutscher, danach Schankwirt. Als er seine Sekte anfing
und bald 100'000 Anhänger in dem angeblich aufgeklärten Berlin
hatte, war er zuletzt der „göttliche Meister“. Jener
Weissenberg, Joseph, wagte sogar die kecke Rede: „Ich bin als
die Verkörperung Gottes, früher Mose gewesen, dann Elia, später
Johannes der Täufer. Jetzt bin ich Weissenberg als Gott im
Fleisch.“ Ist das nicht neu-apostolische Vetternschaft ! Sagt
man hier nicht so erschreckend ähnlich: „Hier ist Jesus Christus
in der fleischlichen Hülle des geliebten Apostels ? – Nicht in
Gräbern, nicht in Grüften ist der Heiland Jesus Christ. Hier im
Fleische der Apostel zeigt er sich dem Kindersinn. – Ja,
nirgends auf dem Erdenrund fühlt‘ ich so frei mich von
Beschwerde als an der Brust von Vater Krebs, da war mein Himmel
auf der Erde.“ In Amerika lässt sich ein Neger als Göttlicher
Vater, englisch Father Divine verehren. Die anmassenden Reden
sind verschieden, aber überall ist der Inhalt der gleiche, sind
zwar die Rhythmen und Akkorde dieser seltsamen Musik verirrter
religiöser Leidenschaften und Sehnsüchte verschieden, aber die
Grundmelodie ist dieselbe. Es ist im Beispiel immer die eine
Melodie, die nach verschiedenen Texten und verschieden auch nach
Tempo und Lautstärke gesungen wird. Wir aber sagen es frei
heraus: „Wir sehen hinter all diesem Treiben und anmassenden
Reden immer nur einen, den Zerstreuer, den Diabolos, den
Teufel.“ Denn auch der Satan verstellt sich zum Engel des
Lichts. Da helfen auch keine frommen und zu Herzen gehenden
Reden, die manche Anhänger zu Tränen rühren mögen.
So
fing es bei den Neu-Apostolischen keck und kühn an. Sie redeten
schön, sie rührten Leute zu Tränen, sie gaben massive
Sicherheiten über die Zukunft Christi und über den eigenen Platz
ihrer Anhänger im Himmel. Sie boten und bieten sich selbst als
Sicherheiten mit der Gabe des heiligen Geistes an. Und sie
erfanden
Quellenmaterial Seite 68
sich dazu einen ganz schlauen
Weg. Sie sagten: „Sind wir Apostel Christi, können wir auch
andere dazu ernennen. Haben wir den heiligen Geist als festen
Besitz, können wir ihn auch an andere austeilen. Das alles
machen wir sehr feierlich. Dann glaubt man es leichter. So
können wir mit Handauflegen und allerlei religiösen Zeremonien
feststellen: Von jetzt ab ist dieser auch ein wahrer Apostel
Christi. Im Fleische dieses Apostels ist auch Christus. Im
Fleische dieses Apostels zeigt sich auch Gott dem Kindersinn.
Von jetzt ab ist auch an der Brust dieses neu ernannten Apostels
der Himmel auf der Erde. Hauptsache ist und bleibt, dass die
Leute es glauben. Glauben sie es, haben wir gewonnen.“
Als
zweiter Punkt kommt die Sache mit der Bibel. Dort steht viel von
Aposteln geschrieben. Was ist zu tun ? – Sehr einfach ist die
Antwort. Man sagt den Anhängern: „Liebe Leute, alles was in der
Bibel von den Aposteln gesagt ist, passt auf uns. Für uns ist
es geweissagt. Wir sind immer gemeint. Anders kann es nicht
sein. Wir sind, wie ihr wisst, die richtigen Apostel Christi,
wie einst Petrus und Johannes und Andreas richtige Apostel
Christi waren. Ja, wir sind für euch, liebe Anhänger, Brüder und
Schwestern, noch viel mehr. Diese dort sind jetzt tot. Was kann
uns schon ein toter Apostel nützen. Wir sind lebendig, wie ihr
seht. In uns habt ihr lebende Apostel. In unserem Fleisch zeigt
sich Gott dem Kindersinn.“
Allerdings wird es schon an dieser Stelle für die
Neu-Apostolischen, soweit sie einen nüchternen Verstand sich
bewahrt haben, höchst peinlich. In der Bibel sind ja die allein
wahren Apostel Christi durch göttliche Wundertaten ausgewiesen.
Petrus, der wahre Apostel Christi, hat einen von Mutterleibe an
Lahmen in Jesu Namen aus der Kraft des heiligen Geistes geheilt
(Apostelgesch. 3). Von den allein wahren Aposteln Christi wird
berichtet, dass sie am 1. Pfingsten nach der Ausgiessung des
heiligen Geistes, die sie nicht keck und kühn nur behaupteten,
sondern die man sah, in fremden, ihnen bisher unbekannten
Sprachen predigten. Petrus hat aus der Kraft des heiligen
Geistes die beiden frommen Betrüger Ananias und Saphira entlarvt
und ihnen ihren unmittelbar danach folgenden Tod prophezeit
(Apostelgesch. 5). Ausdrücklich heisst es: „Es geschahen aber
viele Zeichen und Wunder durch der Apostel Hände“ (Apostelgesch.
5, 12). Die Zahl dieser Zeichen und Wunder war so gross, dass
man sie gar nicht aufschreiben konnte, ohne die Bibel in ein
unförmig grosses Buch zu verwandeln. Aber wichtiger ist die
Tatsache, dass die allein wahren Apostel Christi Jesus Christus
persönlich in seinen Erdentagen gekannt, mit ihm geredet, seine
Wundertaten gesehen und von Jesus den Auftrag zu Wundertaten und
Evangeliumspredigt erhalten haben. Sie haben mit ihren eigenen
Augen den Auferstandenen persönlich gesehen, mit ihren eigenen
Ohren persönlich gehört und mit ihren eigenen Händen persönlich
betastet. Jedes Schulkind kennt die Geschichte von dem anfangs
ungläubigen Thomas. Endlich haben sie ausser dem Verräter Judas
die wunderbare Erhöhung oder Himmelfahrt Christi gesehen. So
sind sie Zeugen. Nur weil sie Zeugen sind, glauben wir ihnen.
Ihr Zeugnis ist heute wie zu allen Zeiten der Vergangenheit und
Zukunft ein lebendiges Zeugnis voller Kraft. „Gottes Wort ist
lebendig und kräftig.“ Dagegen sind die Reden von Leuten, die
denken und behaupten, den heiligen Geist zu haben, und eben
nicht Augenzeugen sein können, natürlich stets nur tote Worte
ohne Wert, wenn sich diese Menschen auch tausendmal „Apostel“
selbst nennen und nennen lassen. Nur die Augenzeugen Christi
sind der lebendige Beweis: „Es ist alles Wahrheit, was uns von
Christus berichtet wird." Gerade diesen apostolischen
Augenzeugen hat der Auferstandene persönlich verheissen: „Ihr
werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen !“ Es dauerte
wenige Tage, da erfüllte es sich buchstäblich. Es geschah das
Wunder der Ausgiessung des heiligen Geistes unter gewaltigen
Gotteswundern. Da waren keine leeren Behauptungen: „Ja, ja, wir
haben den heiligen Geist.“ Nein, da sah man es, da hörte man es.
Da waren nicht persönliche Behauptungen, sondern gewaltige
Taten. Natürlich kann es diesen allein wahren Aposteln nicht
jeder nachmachen, der von sich denkt: „Ich bin auch ein wahrer
Apostel Christi.“
Aber
wir haben bis jetzt noch gar nicht die Stelle aus der Bibel
angeführt, die diese neu-apostolischen Neu-Apostel nicht nur als
„trügliche Arbeiter und falsche Apostel“ nachweist, sondern sie
geradezu völlig aufhebt. Es ist die Stelle Apostelgesch. 1, 21
und 22. Dort wird berichtet, wie ein neuer Apostel Christi von
Gott gesetzt wurde. Denn nicht Menschen werden setzen, sondern
Gott h a t gesetzt aufs erste die Apostel, wie Paulus 1.
Kor. 12, 28 und Ephes. 4, 11 ganz klar sagt. Wie Gott, der Herr,
selbst einen Mann für den Verräter Judas gesetzt h a t,
erfahren wir also. Wäre ein Krebs, Fritz oder ein anderer der
Neu-Apostel zu den allein wahren Aposteln Christi gekommen und
hätte gesagt: „Ich bin der neue. Mir hat es der heilige Geist
gesagt“, - wie wären ihn Christi Apostel als Lügengeist
angegangen ! Und hätte jener sogar noch mit Zaubertaten
aufgewartet, hätten sie ihn als den zum Engel Gottes verstellten
Satan gestraft. Warum das ? Antwort ist Apostelgeschichte 1, 21
und 22. Hier tritt diese Stelle gewaltig in Kraft. Sie sagt, wer
als wahrer neuer Apostel Nachfolger des Judas sein kann: „So
muss einer unter diesen Männern, die bei uns gewesen sind die
ganze Zeit über, welche der Herr Jesus unter uns ist aus- und
eingegangen, von der Taufe des Johannes an bis auf den Tag, da
er von uns genommen ist, ein Zeuge seiner Auferstehung mit uns
werden.“ Jetzt haben wir den harten und klaren Beweis in der
Hand. Nur ein Augenzeuge des lebenden und des aus dem Tode
auferstandenen Christus durfte anstelle des Judas-Verräters ein
neuer Apostel Christi werden. Vor den Augen des sachlich und
nüchtern urteilenden Betrachters bricht mit dieser Stelle
buchstäblich der gesamte Wust katholisch-apostolischer,
neu-apostolischer, Julius-Fischer-apostolischer und sonstiger
sich „apostolisch neuer Art“ nennender Sekten in sich zusammen.
Apostel Christi im strengen Sinne heisst Augenzeuge Christi. So
wurde der Augenzeuge Matthias durch das Los bestimmt. Die Sache
der katholisch-apostolischen Apostel, die sich dann als ein so
gewaltiger
Quellenmaterial Seite 69
Irrtum erwiesen hat, war von
Anfang an eine reine Phantasterei. Augenzeuge ist Augenzeuge.
Augenzeugen sind unwiederholbar. Hier kann keiner sagen: „Jetzt
bin ich Augenzeuge.“ Augenzeuge bedeutet: Die Augen müssen Zeuge
gewesen sein. So gleicht Apostelgesch. 1, 21 und 22 einem
gewaltigen Felsblock. Niemand kann ihn wegreden. Da hilft auch
nicht das Wort jener neuen Schriftgelehrten. So heisst Apostel
im strengen Sinne Augenzeugen Christi, und apostolisch bedeutet:
aus der Augenzeugenschaft Christi, dasjenige, das von den
Augenzeugen herstammt, durch Augenzeugen Christi geprüft,
bestätigt und als christusgemäss anerkannt ist, nichts sonst.
Daher ist in der evangelischen Kirche die heilige Taufe und das
heilige Abendmahl apostolisch von Christi Augenzeugen her. Ein
Wort oder Befehl aus der unmittelbaren Nähe der apostolischen
Augenzeugen Christi ist ein apostolisches Wort. Das
Glaubensbekenntnis aus dem Munde der Augenzeugen oder ihrer
unmittelbaren Umgebung, zu dem sie ihr Ja gegeben haben, ist ein
apostolisches Glaubensbekenntnis. Ein solches späterer Zeit ist
ein nachapostolisches Glaubensbekenntnis. Aber gültig ist es
nur, wenn es nicht der Verkündigung der Augenzeugen Christi als
der allein wahren Apostel widerspricht. So kann sich heute
niemand hinstellen und so reden oder so tun, als hätte sein Wort
den gleichen Rang wie das der apostolischen Augenzeugen Christi.
Jeder steht hier immer unter den Augenzeugen Christi und ist
entweder ihr Schüler oder ein Schwätzer. Ein Drittes gibt es
nicht. Wer also im strengen Sinne Apostel und apostolisch sagt,
sagt immer zugleich: Augenzeugen und aus der Augenzeugenschaft
Christi. Jetzt verstehen wir, dass man Paulus ebenfalls einen
Apostel Christi nennen muss. Er selbst nannte sich eine
unzeitige Geburt, 1. Kor. 15, 8. Einige Zeilen weiter sagt er:
„Ich bin der geringste unter den Aposteln, dass ich nicht wert
bin, dass ich ein Apostel heisse.“ So hoch denkt Paulus von der
apostolischen Augenzeugenschar. Derselbe Paulus sagt 1. Kor. 9,
1: „Bin ich nicht ein Apostel ? Bin ich nicht frei ? Habe ich
nicht unsern Herrn Jesus Christus g e s e h e n ?“ Ähnlich
heisst es von dem gleichen Paulus 1. Kor. 15, 8: „Am letzten
nach allen ist er auch (Christus) von mir (Paulus) als einer
unzeitigen Geburt g e s e h e n worden.“ Wer von der
biblischen Geschichte einige Ahnung hat, weiss, dass dieser
Paulus zuerst ein Verfolger war und dann vor Damaskus durch
Jesus persönlich berufen wurde. Nur der frühere Saulus und
spätere Paulus sah das Himmelslicht, nicht aber irgend einer
seiner Begleiter (Apostelgesch. 9, 7). Es kommt also alles auf
die wahre Augenzeugenschaft für die wahren Apostel Christi an.
Das ist ganz klar. Anders würde jedem Neuerer Tür und Tot
geöffnet. Er brauchte nur keck seine Berufung durch den heiligen
Geist zu behaupten und dürfte dann gleich als „neuer Apostel“
loslegen und Leute begeistern gehen. Bei Paulus kommt noch
hinzu, dass er seit dem ersten Tage seiner Berufung in die Welt
der Augenzeugen aus den Zwölf eintrat, diese befragen und sich
mit ihnen beraten konnte. So lebte er ganz und gar aus der
Augenzeugenschaft Christi heraus. Aus der Augenzeugenschaft
Christi war, um ein Beispiel zu nennen, auch das
Markus-Evangelium, obwohl es kein unmittelbarer Augenzeuge
geschrieben hat, sondern Markus, der Dolmetscher des Petrus. Es
war dadurch, dass es aus der Augenzeugenschaft Christi stammt,
stets ein apostolisches Werk. Das gleiche gilt etwa von dem
Lukas-Ervangelium und der Apostelgeschichte, die beide von dem
griechischen Arzt Lukas nach Augenzeugenberichten verfasst
wurden. So sind die Worte aus der Augenzeugenschaft Christi
natürlich lebendige Worte voll Geist und Kraft. Die
Neu-Apostolischen stellen die Dinge auf den Kopf. Sie sagen:
„Was der Bahnmeister Krebs, Fritz oder sonst ein Neu-Apostel
gesagt hat, ist lebendiges Apostelwort. Was aber der Jünger
Johannes, der den Auferstandenen gesehen, der unter dem Kreuz
Christi gestanden hat, uns berichtet und verkündet, ist totes
Wort.“ Ein sogenannter Stammapostel, Niehaus, hatte die
bodenlose Keckheit, das Wort der apostolischen Augenzeugen zu
verhöhnen. Er nannte die Bibel schimmliges Brot und
abgestandenes Wasser. Geradezu gotteslästerlich sind die
folgenden Worte des besagten „Stammapostels“ Niehaus: „Ich hatte
auch eine Bibel und legte sie auf den Schrank und fand nach
einiger Zeit, die Mäuse hatten Jesum und die Apostel
aufgefressen. Das ist euer Jesus, das sind eure Apostel, vor
denen nicht einmal eine Maus Respekt hat.“ Für wie einfältig
muss dieser neu-apostolische falsche Apostel und trügliche
Arbeiter Niehaus, Stammapostel, seine neu-apostolischen Anhänger
gehalten haben ! Man denke sich: Eine Mutter hat einen Brief
von ihrem gefallenen Sohn. Darin schreibt er zum letzten Mal von
seiner Liebe zur Mutter, von seinen Gebeten für seine liebe
Mutter und von seiner Sehnsucht, ihr im Alter eine Stütze zu
sein. Dann fällt der Sohn. Die Mutter hat als schönstes Kleinod
diesen Brief. Darin spricht ihr Sohn zu ihr. Sie sieht, sie hört
ihn geradezu. Alle Worte sind seine Worte. Nun kommt solch ein
Niehaus, Stammapostel, und sagt: "Dieser Brief ist nichts wert.
Lege ihn auf den Schrank. Wenn ihn die Mäuse zerfressen, haben
die Mäuse deinen Sohn aufgefressen.“ Ja, ist denn der Brief
eines gefallenen Sohnes nur das Papier, auf das er geschrieben
wurde ? Ist er nur die Tinte, die verwendet wurde, oder ist er
nicht eben der Brief voll Geist und Leben ! Bei den Augenzeugen
Christi gilt das alles in einem noch unendlich erhöhten Masse.
Ihr Wort ist Geist und Leben und Kraft und Trost und vor allem
Beweis, dass alles wahr ist, bis einst diese Welt vergeht. Wie
kann da solch ein Niehaus, Stammapostel, in jener Weise Gottes
Wort verhöhnen und Christus mit seinen Augenzeugen lästern. Aber
der Trick, der dahinter steckt, ist durchsichtig. Höchste
Autorität soll nicht Gottes heiliges Wort, sondern in
Glaubensdingen der Herr Niehaus, Landwirt und Stammapostel, sein
und bleiben. Um Kritik aus Gottes Wort zu erschüttern, muss
man Gottes Wort verspotten. Heute ist man darin behutsamer und
schlauer. Wieder erinnern wir uns hier des apostolischen
Gotteswortes: „Er selbst, der Satan, verstellt sich zum
Engel des Lichts.“ 2. Kor. 11, 14.
Quellenmaterial Seite 70
b) Kurzes
Zwischenspiel über den neu-apostolischen Propaganda-Trick mit
den unstudierten und daher hochgelobten Neu-Aposteln
Noch ein kurzes
Wort zur Frage der sogenannten Apostel der Neu-Apostolischen ist
hier notwendig. Dazu eine kleine Vorbemerkung: Ein
neu-apostolischer Propaganda-Kniff lautet: „Seht, liebe Leute,
die Diener der Kirche sind studierte Leute. Unsere
neu-apostolischen „Apostel“ und der liebe Stammapostel – eben
auch jener Niehaus – waren und sind unstudierte Leute. Der
erste, der sich selbst zum Stammapostel ausrief, Fritz Krebs,
war bei der Eisenbahn, der heutige Stammapostel war früher
Maurer, Niehaus war Landwirt. Seht ihr, liebe Leute, alles
unstudierte Leute. Die Jünger Jesu waren auch unstudierte Leute.
Also sind in diesem Punkt die Jünger Jesu und die
neu-apostolischen Neu-Apostel genau dasselbe. Kommt also zu uns
! Bei uns findet ihr nicht wie in den Kirchen studierte,
sondern unstudierte Leute.“ In einigen Punkten wollen wir hier
antworten:
1.
Die Jünger Jesu waren die
höchststudierten Männer aller Zeiten. Sie gingen zu dem
gewaltigsten Lehrer aller Zeiten in die Schule. Er hiess Jesus.
Er übertraf alle Gelehrten seines Volkes. Könnten heute die
Diener der Kirche drei Jahre, ja auch nur ein Jahr Tag um Tag
mit Jesus gehen wie einst Jesu Jünger, brauchten sie nicht mehr
Jahr um Jahr in harter geistiger Arbeit, in emsigem Studieren
Nervenkräfte zu opfern, nur um die Wahrheit Gottes in Christus
zu ergründen. Sie brauchten alsdann nicht Nervenkräfte zu
opfern, um die Sprache der Bibel zu erlernen und was uns als Weg
Gottes die apostolische und die nachapostolische Zeit lehrt.
Denn Studieren, - das sollen sich mal jene Propaganda-Helden der
Unstudierten aus den Neu-Apostolischen hinter die Ohren
schreiben – heisst nicht: angeben, gross tun und dabei immer
dümmer werden, sondern Studieren heisst: in eiserner geistiger
Arbeit Tag und Nacht die Wahrheit erforschen.
2.
Neben diesen bei Jesus, mit Jesus
und durch Jesus hochstudiert gewordenen Christus-Aposteln gab es
noch apostolische Augenzeugen Christi und Männer aus der
Augenzeugenschaft Christi, die an damaligen Hochschulen studiert
haben. Als ersten und gewaltigsten Vertreter der studierten
apostolischen Augenzeugen Christi nennen wir den Apostel Paulus.
Er war ein Schüler des grossen Gelehrten, Hochschul-Professors
und Ratsherrn von Jerusalem Gamaliel (Apostelgesch. 5, 34 und
22, 3). Als nächsten nennen wir den Evangelisten Lukas. Er war
ein studierter Arzt. Als nächsten nennen wir Nikodemus, der bei
Nacht zu Jesus gekommen war. Als nächsten nennen wir Joseph von
Arimathia. Aber schon der Apostel Paulus schlägt jene üblen
Propaganda-Methoden zusammen.
3.
Diesen dritten Punkt müssen wir mit
den Worten überschreiben: Sie essen von unserem Tisch. Aber ihr
Vergelt’s Gott ist Spott und Hohn ! Sie schelten die Studierten
in den Kirchen. Aber von den Studierten haben sie überhaupt erst
die Bibel in deutscher Sprache. Auf evangelischer und auf
katholischer Seite haben studierte Diener der Kirche das Alte
Testament aus der hebräischen und das Neue Testament aus der
griechischen Sprache ins Deutsche übersetzt. Der erste und
grösste Übersetzer war Martin Luther, der Reformator. Werden
alte Bibelhandschriften entdeckt, kann man nicht den
neu-apostolischen Stammapostel fragen gehen: „Was steht hier ?“
Nur studierte Männer und Frauen können diese lesen. Nur
studierte Menschen konnten und können die apostolische und
nachapostolische Zeit und die geistige Umwelt Jesu erforschen.
Freilich, die studierten Diener der Kirche schauen den
Sektenaposteln auf die Finger und klopfen wohl auch mal
gelegentlich darauf. Und so etwas gefällt jenen nicht allzusehr.
Daher ihr Zorn, ihr Spott und Hohn.
4.
Die studierten Diener der Kirchen
können die Bibel in den Ursprachen lesen und auslegen. Bei ihnen
hätten sich die neu-apostolischen Neu-Apostel, ein Krebs, Fritz,
ein Niehaus und alle übrigen bis auf den heutigen Tag befragen
sollen. Alsdann wäre die Christenheit um manche Abspaltung und
Unruhe ärmer. Dort hätten jene Neu-Apostel auch erfahren können,
dass es mit dem Wort „Apostel“ – ja höret und staunet ! –
noch seine besondere Bewandtnis hat Da muss man eben Kenntnisse
haben. Diese kommen nicht aus nichts, sondern wollen durch
Studieren gewonnen, errungen, eisern erarbeitet werden. Sonst
verwechselt man die Begriffen. Das ist allerdings auch bei jenen
Neu-Aposteln kräftig geschehen. Beweis ? – Hier ist er.
Bisher haben wir erläutert, dass
Apostel im strengen Sinne in der Bibel Augenzeugen Christi und
apostolisch im strengen Sinne: aus der Augenzeugenschaft Christi
oder von der Augenzeugenschaft Christi her bedeutet. Nun kommt
im Neuen Testament dieses Wort „Apostel“ noch im weiteren Sinne
vor, im nicht-strengen Sinne also. Man sagt in der Wissenschaft:
im weiteren Sinne und im strengen oder im engeren Sinne. Dadurch
verhütet man, das Begriffe verwechselt werden. Ein kleines
Beispiel soll das kurz erläutern: Wir haben das deutsche Wort
„Botschafter“. Im weiteren Sinne ist es jeder Mensch, der eine
Botschaft überbringt. Das kann beim Kriegsspiel der Kinder ein
Bube sein, der der Gegenpartei die Botschaft überbringt: „Jetzt
ist zwischen uns Friede !“ Er ist der Botschafter der einen
Partei zur anderen. Es kann irgend jemand sein. Aber im engeren
Sinne oder im strengen Sinne ist „Botschafter“ ein fest
geprägtes Wort, ein fest geprägter Begriff. Es bedeutet alsdann
„Botschafter“ein ganz bestimmtes Amt eines ganz bestimmten
Menschen. So wird es im politischen Leben der Völker
Quellenmaterial Seite 71
gebraucht. Francois-Poncet war
französischer Botschafter in Deutschland. Er hatte dieses
bestimmte Amt und diese bestimmte Amtsbezeichnung „Botschafter“.
Sein Wohnsitz war Berlin. Genau so ist es mit dem Wort „Apostel“
im Neuen Testament bestellt. Im engeren oder strengen Sinne
meint es die Augenzeugen Christi. Aber im weiteren Sinne heisst
es genau übersetzt: Abgesandter, Bote und lateinisch
ausgedrückt: Missionar. Die Apostel im strengen oder engeren
Sinne als die Augenzeugen Christi hatten den Auftrag bis an der
Welt Ende. Damals dachte man sich die Erde als eine Scheibe, die
ein Ende hat. Heute wissen wir, dass die Erde eine Kugel ist.
Heute würde man also nicht sagen: Bis an der Welt Ende, sondern:
auf der ganzen Erdkugel. Im weiteren Sinne also heisst „Apostel“
Abgesandter, Bote oder wie wir auch sagen: Missionar. Wieder ein
kleines Beispiel: In Röm. 16, 7 steht: „Grüsset mir Andronikus
und den Junias, meine Gefreundeten und meine Mitgefangenen,
welche sind berühmte Apostel ...“ Hier sagen die
Neu-Apostolischen: „Seht ihr, seht ihr, es waren also auch
andere als die Augenzeugen richtige Apostel !“, und schon sind
sie wieder hereingefallen. Es heisst nämlich in der griechischen
Sprache genau übersetzt: „... welche sind berühmt bei den
Aposteln ...“ Dazu studiert man ja die Sprachen, dass man auch
manche nicht haarscharfe Übersetzung gleich richtig versteht und
nicht dummes Zeug redet. „... Welche sind berühmt bei den
Aposteln ...“, das heisst: ihr Ruhm ist bei den apostolischen
Augenzeugen gross. Aber bleiben wir bei der ungenauen
Übersetzung. Sie erklärt als Beispiel die Sache noch besser:
„... welche sind berühmte Apostel ...“ Was bedeutet hier
„Apostel“ ? Heisst es dasselbe wie Apostel Johannes oder Petrus
? Lesen wir dazu die andere Stelle: 2. Kor. 8, 23: „Wir sind
grosser Zuversicht zu euch, es sei des Titus halben, welcher
mein Geselle und Gehilfe unter euch ist, oder unserer Brüder
halben, welche B o t e n sind der Gemeinde.“ So, und nun sehen
wir uns diese Sache in der griechischen Sprache an, in der der
Apostel Paulus beide Stellen geschrieben hat. Im Deutschen
heisst es das eine Mal „Apostel“ und das andere Mal „Boten“. Im
griechischen Neuen Testament steht beide Male: A p o s t o l
i, zu deutsch: Apostel. Luther hätte beide Mal entweder Apostel
oder Boten übersetzen können. Es heisst beide Male: Boten,
Abgesandte oder wie wir auch sagen könnten: Missionare. Hier ist
das griechische Wort „Apostoloi“ im weiteren Sinne gebraucht.
Jetzt ist alles klargestellt. Weil die Neu-Apostolischen hier
die Begriffe verwechseln und diesen Unterschied aus Unkenntnis
eben nicht wussten und wissen, haben sie folgende simple
Schlüsse gezogen: Ausser den Augenzeugen können nach der Bibel
(z.B. Röm. 16, 7) auch andere Leute Apostel sein. Wir sind
solche „Apostel“. Und wenn wir solche Apostel sind, dann haben
wir die Macht, den Rang und die Begabung der Augenzeugen Christi
automatisch. Wieder sagen wir: hereingefallen. Man muss eben die
Sachen verstehen, auch wenn es für den Nichtkenner so
gleichmässig und einfach aussieht. Der Gipser unterscheidet auch
sofort gelöschten Kalk von Weisskäse, wenn beide auch ganz
gleich aussehen. Aber den neu-apostolischen Neu-Aposteln war es
immer die Hauptsache, dass ihnen die Leute, ihre braven und
hochanständigen und gutgläubigen Anhänger glaubten. Dann war
schon alles in Ordnung. Damit die schlichten Leute sich nicht
bei den studierten Kennern befragen, muss man diese kräftig
beschimpfen. Sehr, sehr unwahrscheinlich ist es, dass nunmehr
die neu-apostolischen Irrtums-Apostel ebenso ehrlich wie die
katholisch-apostolischen Irrtums-Apostel eingestehen: „Wir haben
uns geirrt. Bittet zu Gott, dem Herrn, dass er uns alle
Lästerungen seines heiligen Namens vergebe.“ Oh nein. Sie haben
nicht die Offenheit und den Charakter der
Katholisch-Apostolischen. Sie sind hartnäckig und sind jetzt
auch schon zu tief in ihre Irrtümer verstrickt. Allzulange haben
sie schon erzählt: „Ja, wir sind Apostel Christi. Wir wissen es
vom heiligen Geist. Er hat es dem Geyer und dem Schwartz und dem
Fritz Krebs und den anderen gesagt.“ Aber Gott, der Herr, der
die Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche, kann auch ein
Wunder tun, wie er es gewaltig an dem Saulus getan und aus einem
Verfolger einen Diener der wahren Kirche Christi gemacht hat.
Aber die Nüchternen unter den hochanständigen Anhängern der
Neu-Apostolischen werden sich so ihre Gedanken machen, wenn sie
hier die Erläuterungen lesen. Das ist gewiss. Noch ein Punkt ist
hier kurz zu behandeln. Es geht um die Stellen 1. Kor. 12, 28
und Ephes. 4, 11. Hier sagen die Neu-Apostel: „Das ist von uns
gesagt. Hier sind wir gemeint. Es heisst hier: „Gott h a t
gesetzt aufs erste die Apostel, aufs andere die Propheten ...“
Wir haben es schon gehört: „Ja, Gott, der Herr, nicht ein
Mensch h a t die wahren Christus-Apostel gesetzt“ Das ist
geschehen. Bei dem Nachfolger des Judas-Verräters war es ganz
klar. Man hat ihn nicht ernannt, man hat ihm nicht die Hand auf
den Kopf gelegt und gesagt: „So, jetzt bist du es“, man hat ihn
nicht bestimmt, man hat ihn nicht gewählt, wie man durch einen
Beschluss jemand wählt. Kein Mensch hat erklärt: „Ich bin für
diesen da.“ Nein, man hat das Los geworfen. Zuvor natürlich, wie
es immer bei Christen klar ist, haben die Augenzeugen gebetet
(Apostelgesch. 1, 23 – 26). Was das Los entschied, war für die
apostolischen Augenzeugen Gottes Setzung. Ihn hatte Gott
gesetzt. Hier kann kein sogenannter Stammapostel oder ein
Neu-Apostelrat bestimmen. Das wäre alles Phantasterei von
Menschen ohne Selbstkritik. Hier haben Menschen gar nichts
hineinzupfuschen: „Gott h a t gesetzt.“ Das ist geschehen und
einmalig. Weil Gott die apostolischen Augenzeugen gesetzt hat,
gilt diese Setzung für alle Zeiten. Die apostolischen
Augenzeugen sind unwiederholbar. Daher sind sie für uns, bis
diese Welt vergeht, die alleinige Autorität. Augenzeuge ist
Augenzeuge. „Apostel“ im Sinne
Quellenmaterial Seite 72
von Missionaren, die Gott, der
Herr auch gesetzt hat, Evangelisten, Lehrer, Almosenpfleger und
alle anderen Dienste der Urkirche sind wiederholbar. Das ist
klar. Ein Schüler kann Lehrer werden. Gott, der Herr, hat es so
gesetzt, dass gelehrt wird. „Apostel“ im Sinne von Missionaren
können wiederholt werden. Das ist ebenfalls klar. Die Kirchen
haben Tausende von Missionaren, griechisch „Apostel" im weiteren
Sinne. Aber die Augenzeugen Christi, die Gott, der Herr, auch
gesetzt hat, sind unwiederholbar. Das liegt schon in dem Begriff
„Augenzeuge“ beschlossen. So muss man eben die Begriffe
unterscheiden und auch denken können. Man muss die Bibel eben,
kurz gesagt, verstehen. Mit der Bibel geht es nicht wie in der
Küche mit dem Kochbuch: Man nehme, so man hat. Aber die
neu-apostolischen Neu-Apostel wollen ja nicht „Apostel“ im
weiteren Sinne sein, sondern im engeren Sinne wie die
Augenzeugen Christi. Hier liegt der tiefe, tiefe Irrtum, ja die
gotteslästerliche Art der ganzen Sache. Daher diese furchtbaren
Worte: „Hier im Fleische der Apostel (der neu-apostolischen )
zeigt sich Gott dem Kindersinn“ oder „An der Brust von Vater
Krebs, da war mein Himmel auf der Erde“ oder „Jesus im Apostel,
dir vertrau ich Tag für Tag.“ Aber die besten Blüten auf diesem
Gebiet kommen erst noch im nächsten Kapitel. Da wird der Leser
aus dem Erschrecken über diese Anmassungen armer kleiner
Menschlein nicht herauskommen. In Wahrheit sind jene Neu-Apostel
diejenigen nach Offenbarung 2, 2: „so da sagen, sie seien
Apostel und sind’s nicht, und hast sie als Lügner erfunden.“ Ja,
sie sind nach 2. Kor. 11, 12b – 14: „die Ursache suchen, dass
sie rühmen möchten, sie seien wie wir (wie Paulus und die
anderen apostolischen Augenzeugen). Denn solche falsche Apostel
und trügliche Arbeiter verstellen sich zu Christi Aposteln. Und
das ist auch kein Wunder. Denn er selbst, der Satan, verstellt
sich zum Engel des Lichts.“
2. Die
psychologischen Hintergründe oder der Blick hinter die Kulissen
Wir haben noch eine sehr
peinliche Frage an die neu-apostolischen Neu-Apostel in der
Reserve. Ein paar Seiten später soll sie folgen. Sie heisst: „Wo
sind denn eure Propheten ?“ Ihr sagt doch: „Gott setzt uns als
Apostel immer wieder neu.“ Aber es heisst doch auch: „Gott hat
gesetzt Propheten.“ Wo sind eure neu-apostolischen Propheten ?
Ihr hattet solche. Warum wurden sie liquidiert ? Doch darüber
und über die neu-apostolischen Ausreden später Genaues. Jetzt
wollen wir das Trickverfahren mit der ganzen neu-apostolischen
Neu-Apostel-Sache beleuchten und zu ergründen suchen. Wir machen
es kurz. Der Raum ist knapp und deine Geduld, lieber Leser, wir
wissen es, ist nicht allzu gross. Zwei seelische Eigenarten von
Menschen wollen wir hier aufdecken. Sie sind Mittel und
Werkzeuge, mit denen bei den Neu-Apostolischen gearbeitet wird,
gewiss von vielen unbewusst, weil sie selbst Werkzeuge ohne ihr
Wissen sind, aber wahrscheinlich nicht von allen unbewusst. Wir
fragen: „Was steckt dahinter, wenn hier plötzlich ein Heinrich
Geyer oder Schwartz oder Fritz Krebs oder Julius Fischer oder
ein anderer der neu-apostolischen Neu-Apostel oder auch ein
Joseph Weissenberg, der Vetter, kommt und erklärt: „Mir hat es
der heilige Geist persönlich, mir ganz persönlich, so und so
eingegeben. Ich bin dies, und ich bin das, ich ganz persönlich
?“ Wenn solche Leute das für sich behalten hätten, wäre dagegen
gar nichts zu sagen. Aber sie traten je an die Öffentlichkeit.
Sie riefen Leute, an sie als solche zu glauben. Ja, noch mehr,
sie machten auch durch religiöse Zeremonien sogar andere dazu.
Sie fühlten sich voll Kraft, andere zu „Aposteln“ zu machen und
tun es heute noch. Was steckt dahinter ? Es handelt sich ja
hier nicht um ein schlichtes Amt, zu dem ein Mensch ordiniert
werden kann, sondern um „Christus im Fleische der Apostel“.
Durch diese Anmassung wird die Sache so markant, so
hervorgehoben, so peinlich. Die Antwort ist kurz und klar: Es
steckt ein ins Religiöse abgeglittenes, überschwer wirkendes
Geltungsbedürfnis kleiner Menschlein dahinter. Gegen solche
Menschlein voll übermächtigem Geltungsbedürfnis hatten schon die
apostolischen Augenzeugen zu kämpfen. Andere wollten auch das
gleiche sein ... „dass sie sein möchten wie wir ...“, sagt
Paulus. Solches Geltungsbedürfnis kann Menschen von der Art
eines Heinrich Geyer oder Schwartz oder Krebs, Fritz oder
Fischer, Julius oder Weissenberg, Joseph wie ein Fieber packen.
Das gibt es auch auf politischem Gebiet. Der starke Wille, etwas
Grosses zu sein, drängt machtvoll in die Phantasie hinein und
verkoppelt sich dort mit religiösen Sendungsgedanken. Das gibt
es auch in der Heidenwelt. Die Hauptsache bleibt immer: Anhänger
gewinnen, die einem solchen Menschen glauben und folgen. Aber
bei den Christen heisst es: „Prüfet die Geister.“ Christen
müssen bei anderen und bei sich auf der Hut sein. Unter Christen
gibt es hierin keine Entschuldigungen. Da gilt niemals der
Mensch etwas in diesen Dingen, sondern allein Gottes heiliges
Wort. Da darf man niemals sagen: „Christus im Fleisch der
Apostel.“ So haben sogar die apostolischen Augenzeugen Christi
niemals geredet. Hat nun solch ein Mensch noch eine gute
Redegabe, ist das ganze Unglück als Sekte schon halb da. Diese
Menschen können nicht mehr stille sein. Ihre Nachfolger machen
sich dann die Sache mit Weihe und Handauflegung und
"Versiegelung" schon etwas einfacher. Dann rollt ja der Wagen
bereits. Hauptsache bleibt immer, dass Anhänger es glauben. Da
die Bibel ein gewaltiges Buch ist und bei der Bibel unkundige
Leute nicht nur etwas herauslesen, sondern auch etwas
hineinlesen
Quellenmaterial Seite 73
können, kommt zu dem ersten
Unglück das zweite, dass sie auch mit der Bibel als scheinbarem
Beweismittel Unheil anrichten. Wäre der Raum nicht zu knapp,
könnte man hier gleich einen ganzen Sack voll Vorschläge für
neue Sekten anbieten. Bibelstellen, die leicht falsch verstanden
werden können, gibt es wie Sand am Meer. Daher eben das emsige
Studieren, bevor einer Diener der evangelischen oder
katholischen Kirche werden kann. Das Studieren ist eine
Barriere, ein Wall, ein Schützengraben gegen die Phantasie und
die religiösen Leidenschaften und irregeleiteten frommen
Sehnsüchte.
Aber das
überschwer wirkende Geltungsbedürfnis voll religiöser
Leidenschaft ist nur die eine Seite der Medaille bei Werden und
Wachsen von Sekten und insbesondere bei Werden und Wachsen der
neu-apostolischen Sache seit Geyer, Heinrich, Schwartz und
Krebs, Fritz. Was aber ist die andere Seite derselben Medaille
? Hier blicken wir in die seelischen Hintergründe der
Anhängerschaft, der Gefolgschaftsleute, der Schar
neu-apostolischer Schwestern und Brüder hinein. Wir können hier
den Ausdruck „Führersehnsucht“ oder auch den Ausdruck „Sehnsucht
nach Geborgenheit“ oder den Ausdruck „Sehnsucht nach religiösen
Sicherheiten“ anwenden. Die Seele des Menschen fürchtet nichts
so sehr wie den seelischen Hohlraum oder die seelische Leere.
Sie verursacht Angstgefühle. Diese werden sehr stark, ja
übermächtig bei dem Gedanken an das Jenseits und das Gericht
Gottes. Viele füllen diesen seelischen Hohlraum im Angesicht des
täglich möglichen Sterbens mit der Ansicht: Mit dem Tode ist es
aus. Es ist der Verwesungsstandpunkt. Gewöhnlich sind solche
Menschen nicht glücklich. Sie spüren: Die Leere ist nicht
ausgefüllt. Der Hohlraum ist nur miserabel abgedichtet. Der
evangelische Christ im strengen Sinne, der in seiner Kirche aus
Gottes Wort, mit Gottes Wort und durch Gottes Wort im Glauben
allein an Christus lebt, fühlt seine Seele erfüllt von einer
herrlichen Gewissheit aus Hoffnung. Er schreit nicht mehr nach
irdischen, menschlichen Sicherheiten. Er weiss sich in Christus
allein geborgen. So ist dem evangelischen Christen unter Gottes
Wort seine Kirche Gehilfin seiner Freude in dem Herrn, seine
Ratgeberin und in allem seine geistliche Mutter. Aber dann gibt
es Menschen, die Sicherheit, handfeste, greifbare, anschaubare
Sicherheit suchen, gleichsam den religiösen Versicherungsschein
für den Himmelsplatz im Schubfach haben möchten. Sie halten es
nicht aus bei frohem, kindlichem Glauben an das Unsichtbare des
göttlichen Wortes in Christus. Ihre Seele schreit nach
Sicherheiten. Nun kommen jene Neu-Apostel und bieten diese
Sicherheiten an: „Komme zu uns. Sei hier ganz folgsam gegen uns.
Wir sind gottgesandte Führer zur Seligkeit. In unserem Fleische
schaust du Christus an. Durch uns wirst du einer von den 144'000
Erwählten Gottes. Ja, dir ist bei uns, wenn wir es machen, der
heilige Geist mit genauer Terminangabe sicher. Dir ist der Platz
in Christi Hochzeitssaal sicher.“ – Sicher und immer wieder
sicher, Sicherheit und immer wieder Sicherheit. – „Du musst nur
an unsere Sache glauben und mitmachen, ganz ganz streng, je
strenger, je besser. Dann klappt alles mit deiner himmlischen
Erwählung. Du bist einer von den 144'000 Erwählten Gottes.“ Man
ist sogar so keck, dass man sagt: „Ja, du trägst ein goldenes
Kreuz auf der Stirn als unser Anhänger. Und siehe, bald kommt
Christus. Also, sei klug. Komm !“ Die kecke und sichere Art
dieser Versprechungen erreicht leicht das Ohr einer nach
Sicherheiten aus tiefem Unglauben an den verbor-genen Christus,
den Unsichtbaren, schreienden Seele. Gerade in Zeiten des
Zusammenbruchs ist deren Zahl nicht gering. Allerlei religiöser
Betrieb kommt hinzu. Der Hohlraum der Seele erhält Füllung. Die
Füllung beginnt. Es tritt ein Wohlbehagen ein, das man Glück
oder Seligkeit oder ähnlich nennt. Niehaus, Stammapostel, hat
einmal (Herold 19) sehr schlau für seine Anhänger geschrieben:
„Das Kinderherz kann sagen: Ich weiss, dass mein Erlöser lebt !
Und wenn Satan fragt: Wo ist er ? dann mit dem Glaubensfinger
darauf hingewiesen: da steht mein Apostel, der hat mich
erlöst !“ Hier sieht man den Trick seelischer Art ganz
deutlich. Nicht sagt jener Niehaus: „Dann spricht das Herz zu
Christus gewandt: „Er, mein Herr Jesus Christus, hat mich erlöst
!“ Nein ! Der Herr Sowieso, den der „Stammapostel“ kurzerhand
nach seinem Gedanken zum sogenannten Apostel ernannt und geweiht
hat, dieser Herr Sowieso ist jetz „Apostel“ und sogar – man
fürchtet sich weiterzuschreiben – Erlöser an Christi Statt.
Hier zeigt der besagte „Glaubensfinger“ des neu-apostolischen
„Kinderherzens“ auf seine Sicherheit. Gegen Satan steht als
Erlöser der Herr Sowieso. Und wenn aber ihn der Satan anficht,
auf wen zeigt dann dieser brave Herr mit seinem
neu-apostolischen „Glaubensfinger ?“ – Das sind die
Sicherheiten für den seelischen Hohlraum ? Aus Angst vor dem
seelischen Hohlraum halten neu-apostolische Anhänger, denen die
Bekehrung zu dem wahren Christusglauben an den unsichtbaren
Erlöser, der allein Christus heisst, noch nicht geschenkt ist,
natürlich mit Fanatismus an jenen falschen Sicherheiten fest.
Seelischen Hohlraum um keinen Preis. Ein ganz durchsichtiges
Trickverfahren mit edlen Menschen, die von religiöser
Leidenschaft gepackt worden sind und zu Irrläufern ihrer frommen
Sehnsüchte werden. Wir aber fragen hier jene Irrtums-Apostel und
ihren Chef: „Ja, sagt nur, zittert ihr nicht in eurer falschen
Apostelwürde um eure eigene Seele und um die Seelen jener,die
euch glauben ?“
Quellenmaterial
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3. Der sogenannte
Stammapostel unter 2. Kor. 11, 14: „Denn er selbst, der Satan,
verstellt sich zum Engel des Lichts !“
Die
Neu-Apostolischen könnten ihn auch Apostelfürsten oder den neuen
Petrus nennen. Sein Amt ist nicht ein Abklatsch zu dem Amt des
Papstes als des Nachfolgers Petri. Der Stammapostel ist nicht
Nachfolger Petri. Er ist selbst, wenn man es genau nimmt, der
Apostel Petrus der Endzeit – in seiner und seiner Anhänger
Phantasie natürlich.
Wie machen es die
politischen Schlauberger, um die Leute an ihren sogenannten
„Führer“ zu binden ? Sie versäumen keine Gelegenheit, diesen
„Führer“ in allen nur denkbaren Tonarten zu loben. Wir wissen
davon ein Liedlein zu singen. Harmlos war dieses Verfahren in
der Zeit der Könige und des Kaisers. Da liess man die
Schuljugend singen: „Der Kaiser ist ein lieber Mann, er wohnet
in Berlin. Und wär‘ es nicht zu weit von hier, ging ich noch
heute hin:“ Harmlos, sehr harmlos. Gar nicht raffiniert. Später
arbeitete man mit dem Trick der vieltausendfach wiederholten
Propaganda-Redensart von dem „geliebten Führer“. „Wir wollen
unsern Führer seh’n !“ „Führer befiehl, wir folgen !“ Mit
solcher Schläue wurden die jungen Menschen sogar sterbensfreudig
für „ihren geliebten Führer“ gemacht. Aber teuflisch wird dieser
Trick, wenn der Griff in die Ewigkeit von den schlauen
Propaganda-Leuten gewagt wird und das Geschwätz mit dem
„Gottgesandten“, mit dem „gottbegna-deten und erleuchteten
Führer“ losgeht. Der Hintergrund dieses Trickverfahrens ist
klar. Die Menschen sollen schwerhörig gegen Kritik, in ihrer
Anhängerschaft radikalisiert, fanatisiert und stur gemacht
werden. Wird aber das gleiche Trickverfahren auf dem Gebiet des
Glaubens im Namen Jesu Christi betrieben, muss man mit dem
Apostel Paulus sprechen: „Der Satan
verstellt sich zum Engel des Lichts.“
Alsdann gibt es nur noch ein
Wort: Teufelswerk !
Lieber Leser, du sollst jetzt selber darüber
Schiedsrichter sein, ob wir hier hart und lieblos urteilen und
übertreiben, oder ob es nicht – Gott sei es geklagt – wie bei
jenen neu-apostolischen „Aposteln“, so auch und verstärkt bei
jenem sogenannten „Stammapostel“ gilt: TEUFELSWERK !
Wörtlich sollen hier vor dir die neu-apostolischen Stimmen
selbst aufmarschieren. Wir sehen hier in allem das
Trickverfahren jener politischen Schlauberger vielfach
vergröbert in heiligen Fragen wiederkehren. Aus schlauer
trickhaft-propagandistischer Absicht wird hier sogar zur
Anbetung gerufen. Dabei wird ganz augenscheinlich nicht nur mit
der „Führersehnsucht“ und der „Sehnsucht nach Geborgenheit aus
Angst vor dem seelischen Hohlraum“ gearbeitet, sondern auch mit
einer Art religiöser Profitgier der Anhänger. Man sagt sich
offenbar: „Wenn unser geliebter Führer zur Seligkeit, unser
Stammapostel voll Gottheit und somit voll heiligen Geistes,
unser göttliches Haupt ist, werden wir einmal, wenn Christus
kommt, als seine Gefolgschaft, gleichsam als seine alten
Kämpfer, kurzum als seine Anhänger einen grossen Vorteil vor den
anderen Leuten haben. Wir werden die Ersten sein, die
„Erstlinge“, die 144'000 Erwählten. Wir werden lachen können,
während die anderen heulen müssen, die nicht bei den
Neu-Apostolischen und bei dem „geliebten Führer zur Seligkeit“,
dem „Christus im Fleische der Apostel“ sind.“ So sind die
verschiedenen Absichten und Ziele als Trickverfahren miteinander
verkoppelt. Ein Keil treibt hier den anderen. Man muss lange mit
scharfem Auge hinschauen und alles genau bedenken, ehe man
hinter diese Dinge schaut.
Nun, lieber
Leser, urteile selbst. Vorausschicken müssen wir, dass bisher
noch niemals mein sogenannter Stammapostel die Stimme erhoben
und gesagt hat: „Liebe Anhänger, haltet ein. Ihr seid
wahnsinnig. Ich bin nicht Christus im Fleische der Apostel. Ich
bin, wie Luther sagt, ein ganz armer Madensack wie ihr alle. Ich
kann nur täglich demütig bitten: O heil’ger Geist, kehr bei mir
ein, bei mir als täglichem Bettler um den heiligen Geist.“ Nein,
nichts davon, nichts von dem Bekenntnis des Apostels Paulus,
dieses wahren Christus-Apostels: „Ich elender Mensch, wer wird
mich erlösen von dem Leibe dieses Todes ! Ich danke Gott durch
Jesu Christum, unsern Herrn !“ Nichts auch von dem
apostolischen Pauluswort: „Es ist hier kein Unterschied, sie
sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott
haben sollten und werden ohne Verdienste gerecht aus seiner
Gnade durch die Erlösung, so durch Christum Jesum geschehen
ist.“ Nichts endlich von Gottes Wort: „Es ist kein Ansehen der
Person bei Gott“ (Röm. 7, 24. 3, 23 u. 2, 11). Niemals hörte
man bisher ein solch ehrliches Wort, jedoch fort und fort das
Gegenteil. Aber nun zu den Beweisen. Bahnmeister Fritz Krebs,
„Apostel“, sagte am Grabe jenes Schwartz: „Jetzt bin ich
Stammapostel !“ Widerspruch erhob sich nicht. Schlagartig war
der gottgesandte Führer zur Seligkeit, „unser geliebter Füher,
der Stammapostel“ da. Nun begann er für seine Person die
Propaganda. Wir kennen schon den schlauen Vers: „Ja, nirgends
auf dem Erdenrund fühlt‘ ich so frei mich von Beschwerde als an
der Brust von Vater Krebs. Da war mein Himmel auf der Erde.“
In dieselbe
Trompete blies der frühere „Apostel“ und spätere „Stammapostel“
Niehaus, der bereits bekannte Lästerer des heiligen Gotteswortes
als „schimmliges Brot, abgestandenes Wasser“, der bekannte
Niehaus mit den Jesus und die Apostel Jesu fressenden Mäusen.
Niehaus trieb Stammapostel-Propaganda, indem er gar nicht mehr
sagte: „Ich bin mit Gottesgeist erfüllt und mit dem Öl des
heiligen
Quellenmaterial Seite 75
Geistes gesalbt.“ Er machte es
für die einfältigen Anhänger ganz saftig: „Ich bin mit
Krebsgeist erfüllt und mit Krebsfett gesalbt.“ Jener Fritz
Krebs, Stammapostel, liess in seinem Liederbuch, dem
Krebsgesangbuch von damals, die lästerlichen Worte drucken:
„Apostelamt, gesandter Geist, dir sei gebracht Ruhm, Dank und
Preis, Lob, Ehre und A n b e t u n g !“ Dort war der Träger
jenes Phnatasie-Amtes der Erlöser genannt. Hier wird ihm
„Anbetung“ gebracht. Ob nicht diese „Erlöser“, diese Empfänger
der „Anbetung“, wenn sie einmal ehrlichen Herzens sich im
Spiegel betrachten, im Stillen sagen werden: „Ach, sind diese
Leute von Anhängern einfältig. Ich soll ihr Erlöser, ich in
meinem Amt Empfänger ihrer Anbetung sein ?“ Hier hilft nun kein
öffentliches Gerede von der persönlichen Demut mehr. Hier hilft
bloss noch eins: Umkehr und den Leuten zugerufen: „Hört auf,
liebe Leute. Mir wird angst und bange vor eurem Glauben an mich,
den „Apostel“, an mich, den „Stammapostel“. Aber es wird noch
viel schlimmer. Bei der Beerdigung von Fritz Krebs,
Stammapostel, sagte jener Niehaus, der Nachfolger, sehr schlau
(Herold 107, 15): „Krebs hat uns den Willen Gottes gesagt. Es
ist das Wort Gottes aus seinem Munde.“ Das lebendige Gotteswort
heiliger Schrift, von Gott eingegeben, ist daher schimmliges
Brot und abgestandenes Wasser. Was Krebs, Fritz, erzählt hat,
das ist Gottes Wort. Das ist levbendiges Gotteswort. Nach jenen
Feststellungen ging Niehaus aufs Ganze. Er nannte Fritz Krebs
rundheraus und ganz keck Christus. Er beschrieb ihn als das
Haupt voll Blut und Wunden, den Erlöser. Mit einfach
unglaublicher propagandistisch-trickhafter Unverfrorenheit
wendete er auf Fritz Krebs, Stammapostel, das Gotteswort aus
Jesaia 53 an, das auf das Haupt voll Blut und Wunden hinweist.
Niehaus sagte (Herold 107, S. 8): „Heute steht es klar vor
meinen Augen – sein (des Fritz Krebs) Wort ist erfüllt. Er hat
die Schuld (der Menschen vor Gott) mit seinem Leben bezahlt.
Weinend und flehend stand Vater Krebs vor seinem Gott für uns
Menschen (wohlgemerkt für uns Menschen, nicht also für sich
selbst. So war also Krebs, Fritz, wie Christus ohne Sünde). Ein
heisser Blutstrom Christi quoll aus dem Munde von Vater Krebs
(S. 10). Krebs war verklärt im Geistwirken, voll der Gottheit.
Das war kein Mensch mehr, das konnte nur Christus sein, wie
Vater Krebs das auch beim Abendmahl vorbrachte: Das ist mein
Fleisch, obwohl ich noch lebe.“
Lieber Leser verschlägt es dir nicht den Atem ?
Krebs ist also Christus und voll der Gottheit. Aber Niehaus sah
sein Ziel noch nicht ganz erreicht. Er musste noch sich selbst
als Nachfolger des Fritz Krebs, dessen Stammapostel-Lorbeern
natürlich auch ihm zugute kommen sollten, kräftig herausstellen.
So fuhr er in bombastischen Worten mit berechneter Schläue fort:
„Die Hölle feiert ein Freudenfest. Denn ihr mächtigster Feind,
ihr Tod- und Erbfeind (Fritz Krebs) ist zu Boden gestreckt. Aber
... die Hölle soll zittern und beben, denn der Auferstandene
lebt und hat mich (Niehaus) zugerichtet wie ein geschmücktes
Ross zum Streit. Ich (Niehaus) vermag alles durch den, der mich
mächtig gemacht hat, durch den Entschlafenen (Fritz Krebs).“ Das
letzte Wort ist eine verdreht angewendete Stelle der heiligen
Schrift und heisst genau: „Ich vermag alles durch den, der mich
mächtig macht, Christus.“ Niehaus setzt für Christus kurzerhand
und hemmungslos: den Entschlafenen (Krebs, Fritz). Soweit also
geht es mit der Lästerung Christi. Selbst beim neu-apostolischen
Abendmahl hat Krebs sich selber als Christus bezeichnet und
gesagt, sein eigenes Fleisch, obwohl es noch lebe, werde im
Abendmahl empfangen. Gegen seine Gegner, die damals schon mit
Niehaus unzufrieden waren und denen er es zu bunt trieb, sagte
Niehaus am Grabe von Fritz Krebs als Träger des heiligen Geistes
die bombastischen Worte, sie würden an seiner eisernen Stirn und
an seiner Dickfaust zerschellen. Jene Gegner sind daran nicht
zerschellt, sondern haben halt wieder eine eigene Sekte
aufgemacht. Das war ein ganz einfaches Verfahren. Noch viele,
nicht weniger erschütternde Belege über diese neue Art der
Gotteslästerungen könnten hier angeführt werden. Aber wir sollen
in dem kleinen Heft alles behandeln und können daher nur einige
Belege für viele bringen.
Mit dem Tode
jenes Lästerreden führenden Niehaus, Stammapostel, änderte sich
natürlich nichts wesentlich. Nachfolger wurde ein gewisser
Bischoff, ein früherer Maurer, der seinen Beruf schon bald mit
dem eines Neu-Apostels vertauscht hatte und jetzt von seiner
Frankfurter Villa aus als der sogenannte Stammapostel herrscht.
Amtlich ist er in die Fussstapfen von Niehaus getreten. In der
von ihm herausgegebenen Zeitschrift: „UNSERE FAMILIE“ wird er
ebenfalls saftig und kräftig als der geliebte Führer zur
Seligkeit, als das göttliche Haupt und als der Christus im
Fleische der Apostel und Inhaber des heiligen Geistes gelobt.
Alle diese Lobreden gehen durch seine Zensur. Er könnte sie
unter den Tisch fallen lassen. Aber weit gefehlt. Er lässt sie
abdrucken und erschrickt nicht. Bei seinen Anhängern lässt er
sich als ein göttliches Wesen feiern und bringt dann diese
Lobreden ebenfalls in seiner eigenen Zeitung. Die ihn so loben,
sind sogenannte Apostel oder sein Mitarbeiter, der sogenannte
Stammapostel-Helfer. Natürlich kann man hier nichts anderes als
bestellte Arbeit sehen. Bitte, lieber Leser, urteile selbst !
Bei Veranstaltungen redet erst er selbst, dann gibt er das Wort
einem jener Neu-Apostel oder dem sogenannten
Stammapostel-Helfer. Nun geht die Lobrede los mit „geliebter
Stamm-apostel“ und verwandten Worten. Immer aber zugleich bei
den Lobreden der satanische Griff in die Ewigkeit Gottes mit
„gottgesandt, göttlich, erfüllt vom heiligen Geist“ und
sonstigen Verherrlichungen. Ein Beispiel für viele möge hier den
Beleg bieten: Besagter „Stammapostel“ ist mit dem Flugzeug in
Quellenmaterial Seite 76
Hamburg eingetroffen. Mit dem
Auto ging es zum Versammlungslokal. Nach der ganz simplen und
auf einfältige Leute zugeschnittenen Rede dieses sogenannten
Stammapostels gibt dieser dem „Apostel“ Rockenfelder das Wort.
Jener steht daneben und bleibt vor den Augen der Zuhörer ganz
keck stehen, als Rockenfelder mit seinen Lobsprüchen loslegt
(„UNSERE FAMILIE“. 1950. S. 344): (wörtlich) „Was der
Stammapostel uns entgegengebracht hat, ist der Weg zum ewigen
Glück. Die anderen haben in ihren Kirchen an den Wänden Bilder.
Jedoch der Neu-Apostoliosche könne erwidern: „Wir haben
Vorbilder.“ In der Tat ein geistreicher Absprung zu der Lobrede:
„Wir dürfen sagen, wir haben in unserem Stammapostel das edelste
und wertvollste Vorbild, das Gottes Volk hier auf Erden besitzt.
Er sagt uns nicht nur, wie man zum ewigen Glück kommen kann, er
geht uns den Weg voran und zeigt uns, wie wir es machen sollen.
Die Apostel des Sohnes Gottes folgen ihm gern nach, weil sie in
ihm den Führer der Aposteleinheit sehen. Wie bei einem Menschen
im Haupte der Wille seinen Sitz hat und aus dem Haupte die
Willensäusserungen offenbar werden, so werden auch die
Willensäusserungen des Geistes Christi aus dem uns gegebenen
göttlichen Haupte offenbar.“ Es ist hier genau dasselbe wie bei
Fritz Krebs und Niehaus. Jener sogenannte Stammapostel steht
daneben, während er als das „göttliche Haupt“ bezeichnet wird.
Das ist eine gotteslästerliche Anspielung auf Christus als das
Haupt seiner Gemeinde. Wie keck müssen diese Leute sein, dass
sie solche Reden über die Lippen bringen und dass sie
andererseits nicht vor Angst versinken, wenn sie so als
göttliche Gestalten gelobt werden. Überdies war es eine reine
Behauptung, dass „jener Stammapostel“ das edelste und
wertvollste Vorbild sei und dass er den Weg zum ewigen Glück
vorangehe. Es ist eine grausige Welt, in die man hier
hineinschaut. Auch dir, lieber schlichter Leser, der du
neu-apostolischer Anhänger bist, wird hier vieles neu sein. Du
wirst vielleicht sagen: „So habe ich das alles noch gar nicht
angeschaut. Ich habe halt nur gehört, was sie bei uns predigen
und dass die hohen Herren halt Apostel heissen.“ Ja, hier wird
dir erläutert, was gespielt wird. Hier wird über den kleinen
Rahmen deiner kleinen Ortsgemeinde hinausgeleuchtet. Es sieht
für dich, lieber Leser, vielleicht alles so harmlos und fromm
aus. Aber bedenke, was du hier erfahren hast: Es ist eine Welt
der gotteslästerlichen, schlauen Methoden und der grossen,
schweren Sünde gegen den heiligen Geist. Wahrhaftig wird hier
Satan als Engel des Lichts in der Maske des schlichten Bürgers
und Biedermannes beweihräuchert. Wie unendlich weit ist diese
ganz neu-aposto-lische Welt von Christus und seinen
apostolischen Augenzeugen entfernt. Hier hat sich ein
seelenmor-dender Menschendienst in einer erschreckenden Form
unter der Maske von Bibelsprüchen und religiösen Zeremonien
eingeschlichen. Und keiner jener Neu-Apostel erschrickt davor zu
Tode. Jener nüchterne Ostpreusse ROSOCHAZKY war
der einzige, der als sogenannter Apostel, als ihn der „Prophet“
Heinrich Geyer bestimmt hatte, wieder zurücktrat und zu diesem
Treiben NEIN ! sagte. Man könnte wahrhaft weinen und
klagen, dass sich solche Entartung und Verwilderung in der
Christen-heit eingeschlichen hat. Denke nur nicht, dass es dem
Verfasser Freude macht, hier diese furchtbare Welt zu
entschleiern. Aber es muss ja sein. Jener sogenannte Apostel
Rockenfelder sagte ferner in seiner Lobrede von dem
Stammapostel, niemand dürfe sich ihm gleich achten. Diesem
göttlichen Haupte muss man natürlich nur nachfolgen. Da muss man
hübsch folgsam sein. Ja, Paulus hat recht: Sie suchen Ursache,
dass sie rühmen möchten, sie seien wie die apostolischen
Augenzeugen Christi.
4. Die
neu-apostolische „Versiegelung“ unter Matth. 12, 31: „Alle Sünde
und Lästerung wird den Menschen vergeben. Aber die Lästerung
wider den Geist wird den Menschen nicht vergeben.“
Die sogenannten
Apostel der Neu-Apostolischen betreiben bei ihren Anhängern eine
religiöse Zere-monie, die sie „Versiegelung“ nennen und als ein
drittes Sakrament behandeln. Erfinder sind die
katholisch-apostolischen Irrtums-Apostel gewesen. Heinrich Geyer
hat diese Sache, als sie dort allmählich verschwand, wieder
lebendig gemacht.
Wieder ertappt
der Bibelkenne jene neu-apostolischen Schriftgelehrten, die sich
natürlich auch bei dieser „Versiegelung“ auf die heilige Schrift
berufen, als arge Nichtkenner. Man wird hier an Jesu Wort gegen
die Schriftgelehrten erinnert, die aus der heiligen Schrift
Fallstricke des Teufels formen. Wieder haben die
Neu-Apostolischen wichtige Begriffe durcheinandergebracht: Die
Mitteilung des heiligen Geistes aus der Kraft der apostolischen
Augenschaft Christi und die „Versiegelung“ durch himmlische
Wesen zur Zeit der kosmischen Endkatastrophen bei Aufhören der
Winde über Meeren, Bergen und Bäumen. Wieder sollst du, lieber
Leser, Schiedsrichter sein. Weil du vielleicht in der Eisenbahn
oder dem Omnibus dieses Heft liest und keine Bibel bei dir hast,
schreiben wir dir hier die beiden Bibelstellen auf, um die es
geht. Zuvor noch einen kleinen Wink: Wenn dir der bekannte
neu-apostolische Trick begegnet, dass man dich im Gespräch mit
einer Flut von Bibelstellen zudeckt und so mundtot machen will,
etwa so: „Ja, in Apostelgeschichte 8 steht ... und in
Offenbarung 7 heisst es ... und Matth. 25 sagt ...“, merke dir
folgenden Kunstgriff: Schon bei der ersten Bibelstelle, rufe
sofort: „Halt ! Aufschlagen ! Ich bin kein
Bibelsprüche-Automat. – Also bitte aufschlagen und prüfen !“
Das gilt auch gegenüber anderen Sekten und vorzüglich gegenüber
den sogenannten Ernsten
Quellenmaterial Seite 77
Bibelforschern [Anmerkung: Zeugen
Jehovas]. Anders kannst du diese Springflut von willkürlich
heraus-gerissenen Bibelsprüchen, die dich zur Bewunderung von
der kolossalen Bibelkenntnis deines Gegenübers zwingen soll,
überhaupt nicht mehr bändigen. Ein Gespräch ist anders auch gar
nicht möglich.
Nun also zurück
zu jener vermeintlichen „Versiegelung“, bei der ein solcher
Neu-Apostel den heiligen Geist Gottes und Christi mit allerlei
religiösen Zeremonien angeblich an seine Anhänger verteilt. Wer
etwas verteilt, muss darüber Verfügungsgewalt haben. So meinen
jene, über den heiligen Gottes- und Christus-Geist
Verfügungsgewalt zu haben. Sie fühlen sich als seine Besitzer.
Als diese Sektiererei anfing, sagte Geyer, Heinrich vom heiligen
Geist: „Ich habe ihn“, und Schwartz sagte auch: „Ich habe ihn
!“ Als sich beide verzankten und entzweiten, sagte Geyer von
Schwartz: „Ich habe ihn, und du hast ihn nicht.“ Aber Schwartz
bestritt es: „Nein, ich habe ihn, und du hast ihn nicht !“ Als
sich der Landwirt Julius Fischer von den Neu-Apostolischen
abspaltete und seine eigene Sekte aufmachte, sagte er zu dem
neu-apostolischen Stammapostel und den früheren
neu-apostolischen Apostelkollegen: „Ihr habt ihn nicht, aber ich
habe ihn.“ So ging und geht es weiter. Wenn man aber bedenkt,
dass es sich hier um den heiligen Geist Gottes und Jesu Christi
handelt, um den heiligen Geist, den Tröster wert, ahnt auch der
Fernstehende, dass hier ein hochgefährliches Spiel gespielt
wird. Wer wohl mag sich über dieses Spiel freuen ? Ohne erst
nach Bibelstellen forschen zu müssen, erkennt man schon an
diesen einfachen Tatsachen, was bei den Neu-Apostolischen in der
sogenannten „Versiegelung“ vor sich geht. Aber wir wollen hier
sicher vorgehen und untersuchen hier genau die wichtigsten der
einschlägigen Bibelstellen, auf die sich die Neu-Apostolischen
hauptsächlich berufen. Zuerst Apostelgeschichte 8, 14 – 17:
„Da aber die Apostel hörten zu
Jerusalem, dass Samarien das Wort Gottes angenommen hatte,
sandten sie zu ihnen Petrus und Johannes, welche, da sie
hinabkamen, beteten sie, dass sie den heiligen Geist empfingen.
Denn er war noch auf keinen gefallen, sondern sie waren allein
getauft auf den Namen Christi Jesu. Da legten sie die Hände auf,
und sie empfingen den heiligen Geist.“
Dort in Samarien haben es die
apostolischen Augenzeugen so gehandhabt. Sie waren aber die
apostolischen Augenzeugen Christi und als solche, wie bereits
erläutert, einzigartig vor allen anderen Christen herausgehoben.
Dass aber der heilige Geist über die Christen in Samarien kam,
lag in dem Willen des heiligen Geistes begrün-det. Der heilige
Geist weht, wo er will. In Apostelgeschichte 10, 44 – 48 kam er
sogar vor der heiligen Taufe. Er ist nicht gebunden. Jene
neu-apostolische Versiegelung entfällt schon darum, weil die
neu-apostolischen Neu-Apostel seit Geyer und Schwartz nur denken
und erzählen, dass sie Prophet und Apostel Christi sind und den
heiligen Geist zum Verteilen erhalten haben. So etwas denken und
erzählen reicht aber nicht aus, um es den apostolischen
Augenzeugen gleich zu tun. In Samarien aber taten die
apostolischen Augenzeugen Petrus und Johannes ihren Dienst.
Diesen Augenzeugen kann ja auch nicht jeder die Wundertaten und
ihre Augenzeugen-schaft nachmachen. Wäre dies heute möglich,
könnte man heute von Aposteln reden. Anders aber muss alles
Gerede bleiben. Die Bewegung der Hände auf das Haupt eines
anderen Menschen zu kann man den Augenzeugen Christi nachmachen.
Dass damit der heilige Geist kommt, ist blosse Phantasterei.
Aber im Beson-deren ist noch Folgendes festzustellen: Dass die
apostolischen Augenzeugen Christi die Hände auf den Kopf legten,
ist überhaupt keine Bedingung für das Geschenk des heiligen
Geistes. Was die Neu-Apostolischen aus diesem Händeauflegen
gemacht haben, nennt man in der deutschen Sprache eine
Übertreibung. Um als Sekte etwas Besonderes für sich zu haben,
wird irgend eine Sache kräftig übertrieben. Das ist alte
Sektenart. Die Zeugen Jehovas übertreiben die Sache mit dem
Gotteswort von dem neuen Himmel und der neuen Erde: Hier auf
Erden werden nach ihrer Ansicht die Freunde der 144'000
Erwählten in schönen Häusern wohnen und herrlich leben. Die
Sabbatarier überteiben die Sache mit dem Sabbat als Feiertag.
Sie behaupten, es gäbe keine Kriege und kein Elend, hätte man
stets anstelle des Sonntags den Samstag heilig gehalten. Die
Sekte der Pfingstge-meinde übertreibt die Sache mit dem
Zungenreden, weil auch davon etwas als Wirkung des heiligen
Geistes in der Bibel steht. Alles Übertreiben stammt aber aus
Unkenntnis und Besserwisserei in Sachen der heiligen Schrift.
Das Randhafte wird zur Mitte. So treiben es auch die
Neu-Apostolischen mit ihrer sogenannten Versiegelung. Wichtig
war in Samarien, dass die Augenzeugen es taten und dass alles
aus der Augenzeugen-schaft Christi herkam (s. auch Apostelgesch.
19, 6. 1. Tim. 4, 14. 5, 22. 2. Tim. 1, 6). Aus der
Augenzeugen-schaft Christi heraus wurde es in der Urkirche hin
und her geübt, war aber von durchaus untergeordneter Bedeu-tung.
Derselbe apostolische Augenzeuge Petrus, der es in Samarien mit
Handauflegen auf Grund seiner Augenzeugenschaft getan hatte,
zeigte bei der ersten christlichen Gemeinde gar nichts von
Handauflegen. Apostelgeschichte 2, 38 sagt er den bekehrten
Gliedern: „Tut Busse und lasse sich ein jeglicher taufen auf den
Namen Jesu Christi, so werdet ihr empfangen die Gabe des
heiligen Geistes.“ Genau so lehrt es auch die Kirche Christi
aller Zeiten. In jenem entscheidenden Augenblick am Anfang der
Kirche Christi fällt kein Wort über Händeauflegen. Der
auferstandene Christus hat seine Jünger und Augenzeugen
angehaucht und ihnen so die Gabe des heiligen Geistes
übermittelt (Joh. 20, 22). Dem bekehrten Kerkermeister von
Philippi sagt der Christus-Apostel Paulus in Apostelgeschichte
16, 31: „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du und
dein Haus selig !“ Es handelt sich also bei den
Neu-Apostolischen um eine durch und durch missverstandene
urchristliche Zeremonie von zeitweiligem Gebrauch, die hier bei
den Neu-Apostolischen soweit übertrieben wird, dass sie daraus
ein drittes, ja das höchste Sakrament machen. Auch dabei
ertappen wir sie schon wieder bei einer bösen Unkenntnis.
Sakrament ist von Christus eingesetzt. Christus zeigt aber
nichts von dem, was jene
Quellenmaterial Seite 78
„Versiegelung“ nennen. Aber hier
befinden wir uns überhaupt erst an dem Rande des grossen Irrtums
der neu-apostolischen „Versiegelung“. Den Kern dieses
gefährlichen Irrtums wirst du, lieber Leser, sicher sofort
spüren, wenn du die Stelle liest, aus der die
Katholisch-Apostolischen und als ihre Schüler die
Neu-Apostolischen die „Versiegelung“ herausgelesen haben als
eine Sache, die sie betreiben könnten und bei der sie den
heiligen Geist auszuteilen meinen. Unkenntnis, Übertreibung und
der Wunsch, etwas Eigenes, etwas Originelles und Auffälliges zu
besitzen, standen bei der Erfindung jener „Versiegelung“ Pate.
Die fragliche Stelle steht Offenbarung 7, 1 – 8. Wir fügen aber
noch Vers 9 hinzu, und das Gemäuer der neu-apostolischen
Versiegelung verwandelt sich in einen Trümmerhaufen von
phantastischen Träumereien. Die Stelle lautet:
„Und darnach sah ich vier Engel
stehen auf den vier Ecken der Erde, die hielten die vier Winde
der Erde, auf dass kein Wind über die Erde bliese noch über das
Meer noch über irgend einen Baum. Und ich sah einen andern Engel
aufsteigen von der Sonne Aufgang, der hatte das Siegel des
lebendigen Gottes und schrie mit grosser Stimme zu den vier
Engeln, welchen gegeben war zu beschädigen die Erde und das
Meer, und er sprach: Beschädiget die Erde nicht noch das Meer
noch die Bäume, bis dass wir versiegeln die Knechte unseres
Gottes an ihren Stirnen ! Und ich hörte die Zahl derer, die
versiegelt wurden: 144'000, die versiegelt waren von allen
Geschlechtern der Kinder Israel: von dem Geschlecht Juda 12'000
versiegelt, von dem Geschlecht Ruben 12'000 versiegelt, von dem
Geschlecht Gad 12'000 versiegelt, von dem Geschlecht Asser
12'000 versiegelt, von dem Geschlecht Naphtali 12'000
versiegelt“ und so weiter bis zu dem 12. Geschlecht Benjamin
12'000 versiegelt ... Darnach sah ich und siehe, eine grosse
Schar, welche niemand zählen konnte, aus allen Heiden und
Völkern und Sprachen, vor dem Stuhl stehend und vor dem Lamm,
angetan mit weissen Kleidern und Palmen in ihren Händen ...“
Hier haben wir es
also klar vor Augen. Diese himmlische Versiegelung der je 12'000
aus den Stämmen Israels hat mit der Handauflegung der
apostolischen Augenzeugen Christi überhaupt keinen Zusammenhang.
Beide sind völlig von einander verschieden. Nichts deutet
darauf, dass man beide zusammenschauen und als eine Einheit
verstehen, dass man beide miteinander koppeln dürfte. Wo ist in
Offenbarung 7 auch nur ein Sterbens-wörtchen von der Mitteilung
des heiligen Geistes bei Versiegelung der je 12'000 aus den
Stämmen, die in Kapitel 14, 1 und 3 noch genau beschrieben
werden. Wo ist in Offenbarung 7 ein Sterbenswörtchen gesagt,
dass diese Versiegelung geschehen werde, solange noch die Winde
über Meere, Berge und Bäume gehen ? Wo ist hier ein
Sterbenswörtchen gesagt, dass Menschen diese Versiegelung
vornehmen dürften. Es sind himmlische Wesen, die die Winde
versiegen lassen. Und es heisst gewaltig: „Und ich sah einen
anderen Engel aufsteigen von der Sonne Aufgang, der hatte das
Siegel des lebendigen Gottes.“ Verwechseln sich diese
neu-apostolischen Neu-Apostel sogar mit diesem gewaltigen
göttlichen Wesen, das von der Sonne Aufgang aufsteigt, wenn die
Zeit der kosmischen Endkatastrophen einsetzt und die Winde
aufgehört haben und die Stürme nicht mehr über die Meere brausen
werden ? Einmal wird das alles geschehen. Aber dann wird nicht
nur kein Sturm mehr brausen, sondern auch kein Lufthauch und
Wind über diese Erde gehen, und die Menschen werden erschrecken
vor Furcht über das beginnende Gottesgericht. Wird das böse
neu-apostolische Spiel mit der sogenannten Versie-gelung nicht
im Angesicht dieser Gerichtszeit mit grausiger Windstille zu
einer argen Gotteslästerung ! Und nun die niederschmetternde
Frage: Wo steht ein Sterbenswörtchen darüber, dass zu den
Erwählten Gottes nur diese 144'000 gehören werden. Es heisst ja
schon in Vers 9:
„Danach sah ich und siehe eine
grosse Schar, welche niemand zählen konnte, aus allen Heiden und
Völkern und Sprachen vor dem Stuhl stehen und vor dem Lamm,
angetan mit weissen Kleidern und Palmen in ihren Händen.“
Also, hier haben
wir es: Unzählbare Scharen zusätzlich zu jenen 144'000
Gezeichneten, die aus Israels Stämmen Stamm für Stamm genau
aufgezählt werden. Wo steht, was die Neu-Apostolischen ihren
arglos Gläubigen und hochanständigen Anhängern vorerzählen: von
den 144'000, die sie seien ? Unzählbare Millionen werden vor
dem Thron des Erlösers stehen, die jubelnde Schar der
triumphierenden Kirche Christi. Man hält bei den
Neu-Apostolischen die Anhänger für so einfältig, dass man sich
sagt: „Ach, die werden ja bestimmt nicht einen Vers weiter
lesen. Und tun sie es, verstehen sie die Sache ja doch nicht.“
Wer könnte den gerechten Zorn über die Irreführung
hochanständiger, schlichter Menschen übel nehmen ! Und endlich
die Frage: Wie kann man jetzt schon ein Sakrament der
Versiegelung erfinden, wenn einst, bei Aufhören der Winde und
bei Beginn der kosmischen Endkatastrophen himmlische Wesen eine
bestimmte Schar aus Israel zeichnen, dass sie nicht mit
vernichtet werden ? Es ist für den Kenner ein grausiges Spiel
dieser Schriftgelehrten neuer Art mit Gottes heiligem Wort und
den Seelen schlichter, hochanständiger Menschen, die nur den
einen Fehler haben, dass sie arglos vertrauensselig sind. Aber
der Trick dieser neu-apostolischen „Versiegelung“ wird dem
scharfsichtigen und klar denkenden Beobachter sofort klar:
Eine Sekte wie die Neu-Apostolischen braucht eine eigene,
besonders auffällige Sache für sich als Propaganda-Mittel.
Und man braucht ein Mittel, um den Anhängern sagen zu können:
„Nur wir sind die Erwählten. Nur wir sind die Braut Christi.
Denn nur wir sind die 144'000 Erwählten. Es werden nämlich nur
144'000 die Erlösten Christi sein.“ Dadurch fesselt man die
Seelen der Anhänger. Dadurch macht man sie auch fanatisch-treu.
Wäre man bei der biblischen Wahrheit geblieben, hätte man
sagen müssen: „Nein, Irrtum, nicht nur 144'000 werden es sein,
sondern unzählbare Millionen.“ Das
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aber würde den ganzen Trick und
das beste Propaganda-Mittel verderben. Also macht man es auf die
bekannte Tour. Was heisst jenen
Neu-Apostolischen Wahrheit, was heisst ihnen, einen Irrtum
zugeben ? Erfolge suchen sie. Das allein ist ihnen wichtig.
Weißt du
übrigens, lieber Leser, dass der heutige sogenannte
Stammapostel, als er noch ein kleiner „Apostel“ war, unsere
Ansicht über den grossen Irrtum mit den 144'000 Erwählten selbst
vertreten hat. Am 26. September 1918 schrieb er an den
neu-apostolischen Neu-Apostel Brückner, seinen damaligen
Kollegen, der sich später abspaltete: „Wir sehen nach
Offenbarung 7 ausser den Versiegelten noch eine grosse Schar,
die auch ihre Kleider rein gewaschen haben im Lammesblut, und
wie hart war man gegenüber Andersgläubigen ?“ (s. K. Hutten:
Seher, Grübler ... 1950. S. 171, Anmerkung). Damals stand dieser
Mann gegen den berüchtigten „Stammapostel“ Niehaus. Aber Niehaus
machte ihn 1920 zum Stammapostelhelfer. So gab er seine
umstürz-lerische Ansicht auf und wurde linientreu. Sage nicht
gleich, lieber Leser: „Das ist erlogen !“ Bitte frage nach und
berufe dich auf das, was hier gesagt ist. Jener Brief des
damaligen „Apostels“ und heutigen Stammapostels Bischoff schlägt
der neu-apostolischen Versiegelung ins Gesicht. Dass es nur
144'000 sein würden, hielt er in jenem Brief für Unsinn.
Fordere, dass er heute Farbe bekennt, und sage ihm: „Ihre
damalige Ansicht wirft die neu-apostolische Sache mit den
144'000 radikal um.“ Damit aber fallen die Versprechungen mit
den 144'000 Erwählten ebenfalls ins Wasser.“ Nicht gleich sagen:
„Erlogen !“ So einfach wird man mit der Wahrheit nicht fertig.
Es bricht an dem einfachen und klaren Text von Offenbarung 7, 1
– 9 die sogenannte neu-apostolische Versiegelung völlig in sich
zusammen. Sie ist nichts, gar nichts. Nur etwas ist sie: Ein
gewaltiger, seelenverführender Irrtum, der Menschen in eine ganz
falsche Sicherheit wiegt. Das ist gewiss eine harte Rede. Viele
schöne Träume über die Sicherheit, dass man zu den 144'000
Erwählten gehöre, zerrinnen hier wie Nebel vor der Sonne. Halte
nun nicht, lieber neu-apostolischer Leser, hartnäckig und stur
an jener, den heiligen Geist lästernden Sache mit der
sogenannten Versiegelung neu-apostolischer Art fest. Es hilft
dir gar nichts. Die Sicherheit, die dir die neu-apostolischen
Neu-Apostel anbieten, ist keine Sicherheit, sondern nur der
Schein von Sicherheit. Deine einzige Sicherheit heisst Christus,
der dich ruft: zum Glauben, der nicht schaut, und der dem
Unsichtbaren, als säh’ er ihn, vertraut. Es wird dir, wenn du
alles überdenkst, deine religiöse Erregung und Leidenschaft bei
den Neu-Apostolischen wie ein seltsamer Traum vorkommen, und du
wirst dich selber gar nicht mehr verstehen können. Scheue dich
nicht, deinen Irrtum dir selbst einzugestehen. Frevelhaft ist
es, hartnäckig bei seinem Irrtum zu bleiben, nur weil man ihn
einmal begangen hat. Du wirst vielleicht über deinen
neu-apostolischen Eifer schon jetzt lächeln. Vielleicht wird
dich alles sehr erregen, was du hier gelesen hast und als
nüchtern und vernünftig denkender Christenmensch zugeben musst.
Scheue dich nicht, den nächsten evangelischen Pfarrer ganz offen
und ehrlich anzusprechen und um weitere Aufklärung zu bitte. Er
wird sie dir gewiss gern gewähren. Er hat in jahrelanger emsiger
Arbeit, in hartem Studieren nach der Wahrheit Gottes geforscht.
Er weiss dir Antwort zu geben. Viele grosse Lehrer der heiligen
Schrift aus unserer Zeit sind seine Lehrer gewesen und dazu die
grossen Lehrer der heiligen Schrift aus 1900 Jahren
Vergangenheit. Bei ihnen allen hat er gelernt. Frage ihn
getrost. Scheue dich nicht. Es gilt nach Erkenntnis der Wahrheit
des Evangeliums ein Neues zu bauen. Laufe aber keinesfalls, wenn
dir die Neu-Apostolischen als Irrtums-Apostel endlich klar
geworden sind, zu einer anderen Sekte. Suchst du nach
brüderlicher und schwesterlicher Gemeinschaft, gehe in eine
innerkirchliche Gemeinschaft. Dort findest du viele rechte
Menschen. Und wenn du jetzt verzweifelt fragen solltest: „Ja,
habe ich nun nicht mehr den heiligen Geist, weil ja alles
Torheit ist, was mir von der sogenannten Versiegelung erzählt
wurde und ich in der Zeit der Finsternis daran geglaubt habe ?“,
so wisse: Jesus sagt: „So denn ihr, die ihr arg seid, könnet
euren Kindern gute Gaben geben, wie viel mehr wird der Vater im
Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten !“ Luk.
11, 13. Also, der heilige Geist muss täglich neu erbeten werden.
Er ist überhaupt ein Gegenstand des Gebetes. Mit Sorgen und mit
Grämen und mit selbsteigener Pein, auch mit religiösen
Zeremonien der sogenannten Versiegelung lässt Gott sich gar
nichts nehmen. Es muss erbeten sein. Wir sind und bleiben
Bettler um den heiligen Geist, nicht mehr und nicht weniger.
Jesus sagt Matth. 5, 3: „Selig sind, die da geistlich arm sind,
denn das Himmelreich ist ihr.“ Weißt du, dass das wörtlich in
der griechischen Sprache des Neuen Testaments heisst: „Selig
sind die Bettler um den (heiligen) Geist, denn das Himmelreich
ist ihr.“ Das ist die göttliche Wahrheit über den heiligen
Geist.“ Aber, lieber Leser, wir müssen hier weiter schreiten.
Ein düsteres Kapitel wartet seiner Erledigung. Es ist die
sogenannte neu-apostolische Versiegelung der Toten.
5.
Erneutes Zwischenspiel über die neu-apostolische
Totenversiegelung
Hier arbeitet man
sogar mit spiritistischen Tricks. Hier zeigt man seine
Vetternschaft mit Joseph Weissenberg, der auf dem Gebiet der
Totenbefragung seine schlimmsten Taten vollbracht hat: als
Lästerer des heiligen Gottes. Durch diese Taten hat er seine
Anhänger als Masse gewonnen. Weissenberg behauptete, ins
Totenreich hinein Macht zu haben. Wer hat nicht einen lieben
Entschlafenen ! Wer denkt nicht gern an ihn ! Welchen ernsten
Christen bewegt nicht die Frage: Wie wird mein lieber
Entschlafener dereinst vor Gott bestehen? Es gibt ja für ihn
kein Zurück mehr. Der Tod hat das Buch seines Lebens
zugeschlagen. Wunderbar ist der Trost des christlichen Glaubens,
aus dem unsere evangelische Kirche lebt und dessen Anfang, Mitte
und
Quellenmaterial Seite 80
Ende Christus heisst, der auch
für meinen lieben Entschlafenen sein heiliges teures Blut
vergossen hat und über Tote und Lebende Herr ist. So weiss der
evangelische Christ in Christus alle Sehnsucht gestillt, allen
Schmerz begraben und alle Ängste um den lieben Entschlafenen
besiegt. Gewaltig aber ist die fromme Sehnsucht und religiöse
Leidenschaft mancher, nicht tief und fest in Christus
gegründeter Menschen, in das Totenreich hinein-zuwirken und
dort nachzuhelfen. Es ist eine urheidnische Sehnsucht. Sie ist
urmenschlich und stammt aus Ur-Instinkten wie alles Heidentum.
Ihr ist die Masse heidnischer Totenkulte zu danken bis hin zu
Tier- und Menschenopfern. Das ganze Treiben der in der Bibel
hart verurteilten und gotteslästerlichen Totenbefragungen, der
Pendelschwinger, Kartenlegerinnen, der spiritistischen Sitzungen
und alles ähnlichen, sogar oft christlich getarnten Aberglaubens
lebt aus jenen urheidnischen, allein durch Christus zum
Schweigen gebrachten Sehn-süchten und religiösen Leidenschaften
der Menschenseele. Jener Joseph Weissenberg hatte diese wieder
aufge-wühlt und durch Lügenwerke befriedigt. Er versprach
Machtwirkungen in das Totenreich hinein. In dieselbe geistige
Linie gehört der neu-apostolische sogenannte
„Entschlafenen-Dienst“. Und wieder tritt der schlau ausge-nütze
Schrei menschlicher Seelen nach Sicherheiten in das Blickfeld.
Es ist der Schrei der seelischen Irrläufer, die nicht wahrhaft
vertrauensvoll im heiligen Christusglauben allein ihre lieben
Entschlafenen Christus anbe-fehlen können. Dieses seelische
Irrläufertum leidender und geängsteter armer Menschen suchen
jene Neu-Apostel durch den Trick der sogenannten
„Totenversiegelung“ und durch frevelhaft schlaue Versprechungen
auszunützen. Das bringt Anhänger. Hier liegt der Trick vor dem
scharfen Beobachterauge zu Tage. Hier schauen wir hinter die
religiösen Kulissen. Man geht hier wieder aufs Ganze in einer
Zeit grosser Kriege und vieler Toter, um die zahllose Tränen der
Trauer geweint werden, und viele fromme Herzen beben, weil sie
sich nicht zu dem sieghaften Glauben an Christus, den Herrn der
Toten und Lebenden erheben können. Man sagt den frommen, aber in
der Irre suchenden Seelen nicht etwa: „Suchet Christum und sein
Licht, alles andre hilft euch nicht !“ Nein, man bietet in der
Totenversiegelung wieder falsche Sicherheiten an. Man sagt:
„Unsere Apostel“ haben auch im Totenreich Macht. Ja, verlasst
euch nur ruhig darauf. Es geht alles in Ordnung. Der lebende
„Apostel“ ruft einen gestorbenen Apostel. Der lebende macht eine
fromme Zeremonie bei der lebenden Mutter, der verstorbene macht
dazu die „Versiegelung“ bei dem gefallenen Sohn. Wir machen die
Sache schön feierlich. Dann hast du Sicherheiten für deinen Sohn
im Jenseits. Man denke sich dazu die grübelnde Mutter in ihrem
Schmerz, der ihr Herz leicht kecken Behauptungen über jenseitige
Sicherheiten öffnet. Wird hier nicht menschliches Leid in
christusferner, seelenmordender Weise ausgenützt ! Arbeitet man
hier nicht mit dem Grundsatz: Keckheit siegt ! Anstatt frohen
Glaubens dem Herrn der Gnaden zu vertrauen und den lieben Toten
in Gottes Vaterarme zu betten, kann dann wohl leicht eine
geängstete und durch falsche Sicherheiten narkotisierte Seele
stranden und ewig verlorengehen.
Natürlich
arbeiten hier die Neu-Apostel auch kräftig mit Bibelsprüchen.
Der Bibelkenner sieht hier die zweite Gotteslästerung durch
Missbrauch des heiligen Gotteswortes, um einen urheidnischen,
christlich verklei-deten Totenkult zu rechtfertigen. Die
Erläuterung aller missbrauchten Bibelstellen würde ein zweites
Buch füllen. Aber dir, lieber Leser, geben wir den Rat: Wenn dir
jemand mit solchen Bibelstellen als angeblichen Beweisen für
„Totenversiegelung“ kommt, frage immer sofort: „Wo steht hier
etwas klipp und klar von „Totenversiegelung“, wie ihr
Neu-Apostolischen sie betreibt ?“ Lasse dich nicht auf die
Ausrede ein: „Ja, das muss man sich dazudenken !“ Mit diesem
altbekannten Trick arbeiten nämlich alle Sekten. Anders gäbe es
ja gar keine Sekten. Natürlich geht es niemals um das, was man
sich dazudenken könnte, sondern um das, was Gottes Wort wirklich
sagt. Ist aber der Sinn einer Stelle dunkel, so ist er eben
dunkel. Dann kann man noch lange nicht etwas hinzudenken oder
hineindenken. Dann hilft auch keine Gedankenzauberei. Auch der
Neu-Apostel bringt dann kein Licht. Wenn aber eine Bibelstelle
nichts klipp und klar von „Totenversiegelung“ sagt, dann sagt
sie eben davon nichts und fällt als Beweis aus. In der gesamten
Bibel steht aber kein Sterbenswort darüber. Sie wäre sonst auch
nicht die Bibel, sondern ein allgemein-religiöses Phantasiebuch.
Die neu-apostolische Haupt-stelle ist 1. Kor. 15, 29: “Was
machen sonst, die sich taufen lassen über den Toten, so
überhaupt die Toten nicht auferstehen ?“ Hier ist klipp und
klar von der heiligen Taufe und wie im ganzen Kapitel 1. Kor. 15
von der Auferstehung die Rede. Wo ist hier ein Zusammenhang mit
dem Werk der „Versiegelung“ (Offenbarung 7), die himmlische
Wesen bei Aufhören der Winde über Meeren, Bergen und Bäumen an
den noch lebenden je 12'000 aus Israels Stämmen vollziehen
werden ? Und wo ist vollends auch nur der Hauch eines Hinweises
auf jene sogenannte „Totenversiegelung“ ? Hier wird der Trick
mit den Bibelstellen handgreiflich. Wie man dort das
Handauf-legen der apostolischen Augenzeugen Christi als
gelegentlich geübte Form in der Zeit der Augen-zeugenschaft mit
dem Werk der himmlischen Wesen bei Aufhören von Wind und Sturm
gekoppelt hat, so koppelt man dieses himmlische Werk aus der
Zeit der kosmischen Endkatastrophen mit dem urheidnischen
Versuch, in das Reich der Toten einzugreifen. Auch das Koppeln
von völlig verschiedenen Bibelsprüchen ist ein alter Dreh von
Sektenführern. Um gutgläubige Anhänger geht es immer. Man muss
schon ein bewanderter Bibelkenner sein, um den versteckten Trick
zu erspähen. Nein, den gutgläubigen Anhängern wird Sand in die
Augen gestreut. Das ist alles. Man nützt hier ganz keck einen
urmenschlichen Wunsch nach Sicherheit in das Totenreich hinein
und für liebe Entschlafene radikal aus. In Zeiten mit grossen
Kriegen, mit vielen Toten und Vermissten, in Zeiten mit vielen
um ihre lieben Toten geängsteten Müttern und Vätern, Bräuten und
Ehefrauen bringt das Zulauf [Hinweis: Und Opfergeldeinnahme].
Wie sollte man es anders verstehen, dass der Wahrheit
Quellenmaterial Seite 81
Christi und des göttlichen Wortes
so keck und so raffiniert gleichsam mitten ins Gesicht
geschlagen wird ? Wie sollte anders die ungeheure und
unverfrorene Behauptung jener Neu-Apostel verstanden werden:
„Wir können sogar mit Sicherheiten über die Todesgrenze hinaus,
ins Totenreich hinein garantieren ?“ Auch dabei arbeitet man
mit der Lästerung des heiligen Geistes. Lasst euch, ihr
Weinenden und Trauernden, nicht durch den Schmerz zu Narren der
Zauberer mit dem Totenreich machen, sei es gleich mit frommen
Redensarten und Zeremonien. Nehmet in eurem Schmerz nicht auch
noch an eurer Seele Schaden, so dass Leib und Seele, Herz und
Auge in zeitliche und ewige Trübsal kommen. Lasset euch nicht
kecke Versprechungen und das grausige neu-apostolische Treiben
mit den Entschlafenen zum Fluch für Zeit und Ewigkeit werden.
6. Allgemeiner
Kehraus mit den übrigen neu-apostolischen
Propaganda-Tricks
a) Wo sind eure
neu-apostolischen Propheten ?
Hier wollen wir
uns einmal die Freiheit herausnehmen und so sprechen, als wären
wir neu-apostolisch, aber nicht sehr folgsam, sondern ein wenig
kritisch und mit der Frage auf den Lippen: „Wo sind unsere
neu-apostolischen Propheten ? Erstens sagen doch wir selbst:
Gott hat unsere Apostel gesetzt. Es heisst aber auch: Gott hat
Propheten gesetzt (Ephes. 4, 11. 1. Kor. 12, 28). Zweitens
hatten wir ja auch früher bis Fritz Krebs, Stammapostel,
neu-apostolische Propheten. Diese kann man doch nicht einfach
aus menschlicher Willkür liquidieren, also ins Wasser fallen
lassen !“ Ja, wer A sagt, muss auch B sagen. Wo sein die
neu-apostolischen Propheten ? Sie sind verschwunden durch
Befehl von Fritz Krebs. Warum ? Wir wissen den Grund, nein die
Gründe:
1.
Diese neu-apostolischen Propheten haben sich mit ihren
Prophezeiungen saftig und kräftig immer wieder blamiert. Ihnen
konnte man es nachrechnen, ob sie „Propheten“ sind. Man brauchte
nur auf die Erfüllung ihrer Prophezeiungen zu lauern.
2.
Diese besagten neu-apostolischen Propheten haben manchmal unter
der Maske einer „geisterfüllten“ „Prophetenrede“ den sogenannten
Aposteln und dem sogenannten Stammapostel ordentlich die Meinung
gesagt. Da gab es Widersprüche zwischen den Reden „aus dem
heiligen Geist“ bei jenen „Propheten“ und bei jenen „Aposteln“.
So mussten jene verschwinden. Dass es heisst: Gott hat sie
gesetzt, galt gleich nichts. Hier konnte man die peinliche Sache
mit ein paar Ausreden für die schlichten und alles glaubenden
Anhänger, die ja immer nur JA sagen, unter der Hand erledigen.
Der heutige sogenannte Stammapostel, ein Herr Bischoff aus
Frankfurt, hat sich die Ausrede leicht gemacht. Er sagte
(„UNSERE FAMILIE“ 1950, S. 439): „Wir haben für unsere Zeit
keine Prophetie mehr nötig. Denn wir wissen, dass der Sohn
Gottes kommt.“ Eine ganz magere, ja eine ganz dünne Ausrede.
Dass der Sohn Gottes kommt, hat man schon vor 1900 Jahren
gewusst. Aber unter Fritz Krebs, Stammapostel, gab es noch
neu-apostolische Propheten. Es hilft keine Ausrede. Wir geben
jenen recht: Vorbei ist die Zeit der Propheten Gottes. Aber
vorbei ist auch die Zeit der Apostel Christi, nämlich der
Augenzeugen. Weil man diese Neu-Apostel nicht so kontrollieren
kann wie jene Propheten, treiben die Neu-Apostel weiter ihr
Wesen und täuschen gutgläubige und arglose Menschen.
Wie eine Wunde, die nicht heilen will, bleibt in dieser Welt
phantasieerfüllter religiöser Reden und schlauer Ausreden die
Frage: Wenn schon „Apostel“, wo sind alsdann die „Propheten“ !
b) Die
kecke Rede: Jetzt ist die Endzeit
Ganz klar steht
in Gottes Wort: „Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in
der Nacht.“ 1. Thess. 5, 2. Die Neu-Apostolischen haben sich bei
den Irrtumsaposteln der Katholisch-Apostolischen und bei den
Irrtumspropheten der Zeugen Jehovas Witz gekauft und liefern
[darum] keine Berechnungen über den Stichtag von Christi
Wiederkunft. Die Katholisch-Apostolischen haben – natürlich
durch den angeblichen heiligen Geist – zweimal genau gewusst,
wann Christus wiederkommt: erste Berechnung: 1866, zweite
Berechnung, noch kecker mit Stichtag: 14. Juli 1877. Die
Wirklichkeit hat diese Phantasten grausam widerlegt und damit
auch ihre Behauptung über die Offenbarungen des heiligen
Geistes. Widerlegt wurde auch das unkontrollierbare Gefasel von
der Endzeit. In diesem Punkt machen die Neu-Apostolischen
weiter. Sie hämmern auf ihre Anhänger mit der Rede ein: „Wir
leben in der Endzeit Christi. Wir wissen es gewiss !“ Fragt
man: „Woher wisst ihr, was nur Gott, der Herr, allein wissen
kann ?“, kommen sie halt immer wieder mit der Rede: „Ja, uns hat
es der heilige Geist so eingegeben.“ Als ehrliche Leute müssten
sie sagen: „Keiner weiss es gewiss, ob jetzt schon Endzeit ist.
Es könnte sein. Aber es könnte Gott, dem Herrn, gefallen, noch
viele Tausende von Jahren diese Erdekugel weiter mit Sommer und
Winter, Frost und Hitze, um die Sonne kreisen zu lassen.“
Jedenfalls ist es nur eine dreiste Rede, wenn jemand sagt: „Ich
weiss es gewiss.“ Nur Gott, der Herr, weiss es gewiss, aber
keiner der Sterblichen. Wir wissen nur, dass wir stets bereit
sein sollen für Christi Wiederkunft. Und wir wissen, dass der
Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. Ein Dieb
kann aber nicht vorher berechnet werden: So, jetzt kommt er.
Jetzt legen wir uns auf die Lauer. Aber etwas wissen die
Neu-Apostel gewiss, dass nämlich solch kecke Rede bei bestimmten
Leuten mehr Eindruck macht, als die ehrliche Rede: „Wir wissen
es nicht. Nur Gott, der Herr, weiss es.“ Nein, jene Leute wollen
ja Sicherheiten. Also gibt man sie. Auf eine Handvoll mehr oder
weniger kecke
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Behauptungen kommt es nicht an.
Hauptsache ist der Erfolg. So schwätzt man keck heraus: „Jetzt
ist die Endzeit.“ Der Trick der Sache ist klar. Man macht die
Leute religiös scharf, man beunruhigt sie, man reizt ihre
religiöse Profitgier nach Himmelslohn und dem guten Platz unter
den 144'000. Mit einem Wort: Man fesselt sie an sich, wenn sie
nur die kecken Behauptungen: „Jetzt ist die Endzeit. Wir wissen
es gewiss. Wir erkennen die Zeichen der Zeit. Ja, wir wissen
es,“ treuherzig glauben. Wieder treffen wir hier den Trick mit
den falschen Sicherheiten an, auf die leicht beeinflussbare
Menschen, die sich ängstigen lassen und gern glauben, was sie
wünschen, schnell ansprechen. Auch dies Treiben ist Sünde. Denn:
„Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken.“ Wir dürfen auch
nicht so tun, als wäre es anders. Nur die Wahrheit wird uns frei
machen, nicht die Flut von schlauen Tricks und kecken Reden.
c) Irreführung
Unwissender mit dem Büchlein 4. Esra
Ein Nürnberger Bibelherausgeber
hat sich die Freiheit herausgenommen, zu den biblischen Büchern
noch anderes, ausserbiblisches Schriftgut aus der Zeit nach
Christus, das niemals zur Bibel gehört hat, abzudrucken. Dies
geschah im Jahre 1708. Dieses Schriftgut ist auch sonst bekannt
und kann durch jede Universitäts-Bibliothek beschafft werden.
Ein Stück davon hat den Titel: 4. Esra. Wer es geschrieben hat,
weiss die Wissenschaft nicht. In diesem Büchlein weist irgendein
Schreiber in einer Überschrift auf die junge christliche Kirche
des Urchristentums hin. Er sagt nun nicht „junge“, sondern
„neue“, und er sagt nicht „christliche“, sondern, wie es in der
Zeit der apostolischen Augenzeugenschaft richtig war,
„apostolische“ Kirche. So kam der Ausdruck: neue apostolische
Kirche zustande. Gemeint war die urchristliche Kirche, die
damals ja eben neu war. Vor 1708 und auch nach 1708 hat man
dieses Büchlein natürlich nicht zu den biblischen Büchern
abgedruckt. Man könnte es immer wieder mal tun, wenn dies jemand
wünschen sollte. Aus jenem Ausdruck für die neue christliche
Kirche von damals haben die Neu-Apostolischen einen
herrlichen Propaganda-Trick geschmiedet. Sie erzählten und
erzählen den unwissenden Anhängern: „Ja, hier wurden wir
prophezeit. Und was hat die Kirche getan ? Sie hat dieses Buch
unterschlagen.“ In Wirklichkeit ist 4. Esra ein Büchlein voll
religiöser Phantastereien. Hätte es je zur Bibel gehört, wäre
die Bibel ein sehr komisches Buch. Wir schlagen den
Neu-Apostolischen vor, dass sie dieses jüdische Fabelbuch
drucken lassen. Dann haben alle etwas, worüber sie sich
amüsieren können. Aber dann wäre es mit ihrem Trick auch aus.
d) Sie essen von
unserem Tisch. Ihr Vergelt’s Gott ! ist Spott und Hohn
Wie kecke Buben in Nachbars
Erbsen, Birnen oder Pfirsiche sind die Neu-Apostolischen in
unser Evangelisches Gesangbuch gestiegen. Als gutmütiger Nachbar
könnte man den mit vollen Taschen Fliehenden lächelnd
nachschauen und denken: Wohl bekomm’s ! Aber ihr Vergelt’s Gott
ist Spott und Hohn gegen unsere Kirche. Das wertvolle Liedgut
des Neu-Apostolischen Gesangbuches stammt aus den reichen
Schatzkammern des evangelischen Chorals. Manche der gemausten
[Anmerkung: gemaust = gestohlen] Choräle haben sie bis zur
Unkenntlichkeit verstümmelt, andere mit Zusätzen über „Christus
im Fleische der Apostel“ ausgestattet, wieder andere
auseinandergerissen und mehrere „eigene“ Lieder mit ihren
neu-apostolischen Veränderungen daraus fabriziert. Den Rest
haben sie wörtlich übernommen. Jetzt wissen wir noch einmal
mehr, warum sie unsere evangelische Kirche so arg beschimpfen
und so sehr bemüht sind, Gegensatz-Gefühle gegen sie in den
Herzen ihrer Anhänger wachzurufen. Anders würde allzuleicht bei
den braven Anhängern die Rede aufkommen:“Wie gross und herrlich
muss doch wohl der recht verstandene evangelische Glaube sein,
da die evangelische Kirche so gewaltige und herrliche Choräle in
solch grosser Zahl ihr eigen nennt.“ Choräle sind Früchte und so
zugleich ein Abbild des Glaubens. Ja, er ist ein herrlicher
Glaube, der aber tief verborgen ist und alles laute Wesen
flieht. Daher sind unsere Gottesdienste voll schlichter
Innigkeit. Die evangelische Predigt strebt in vielfachen
Gewandungen danach, die stets in die Irre strebenden religiösen
Leidenschaften zu bändigen und Christus, nur Christus zu
verkündigen.
Für Interessenten: Die
wissenschaftliche Ecke
1.
Was als direkte Rede geboten
wird, ist natürlich stilisierte Darstellung. Es kam auf leicht
fassliche, volkstümliche, flüssige und somit für alle
verständliche Darstellung an. Sie soll Angefochtenen eine Hilfe
sein. Was hier geboten wird, ist Deutung, nicht einfach
Übermittlung von Material.
2.
Zur Frage: Handelt es sich um
wohlüberlegte Trickverfahren oder um religiöses Treiben aus
persönlicher Gutgläubigkeit ? Erkenntnis des Verfassers auf
Grund seines Studiums der neu-apostolischen Sache: Bei den
kleinen Gemeindegliedern in den unteren Graden: Gutgläubigkeit,
bei den Dirigierenden in den oberen Graden schlaue Berechnung
mit dem Ziel der Propagandaerfolge. Beweise:
a)
Das hemmungslose
Verschwindenlassen der neu-apostolischen Prophtene trotz der
neu-apostolischen Standard-Stellen 1. Kor. 12, 28 und Ephes. 4,
11: Gott hat gesetzt ... Apostel ... Propheten.
Grund: Die neu-apostolischen Prophten wurden dem
sog. Stammapostel unangenehm.
b)
Die Irreführung unwissender Leute durch die Sache mit 4. Esra.
Die Dirigierenden wussten natürlich, dass der fragliche Ausdruck
die junge Kirche der urchristlichen Zeit meint. Unwissende
sollten irregeführt
Quellenmaterial Seite 83
werden. Grund ganz klar:
Verdächtigung der Kirchen.
c)
Betr.„Totenversiegelung“:
propagandistisch wirksames Mittel in Zeiten grossen Sterbens.
Daher in der Zeit grossen Sterbens, im Jahre 1916: Einrichtung
neu-apostolischer „Ämter für das Jenmseits. Damals Höhepunkt des
Krieges [Anmerkung: 1. Weltkrieg]. Zahlen der Gefallenen
riesenhaft. Viel Leid um die Gefallenen, allge-mein beginnende
Lockerung seelischer Bande und starkes Hervortreten
spiritistischer Neigungen in Deutsch-land. „Totenversiegelung“:
freie Erfindung der Neu-Apostel, Geheimnistuerei und Ausnützen
seelischer Nöte. Sogar Abendmahl für die Toten neben
„Totenversiegelung“.
d)
Betr. Benützung und Bewertung der
Bibel: Einerseits Missachtung bei Krebs und Niehaus,
Stammapostel: als „totes“ Wort. Das Wort jener sei Gotteswort.
Verhöhnung durch Niehaus, Stammapostel. Andererseits: Verwendung
mit unglaublicher Keckheit als Beweismittel zur Irreführung
Unwissender. Koppelung mit Offenbg. 7 in Sachen der
neu-apostolischen „Versiegelung“ und „Totenversiegelung“, obwohl
bei Offebg. 7 die Irreführung Unwissender handgreiflich ist:
Himmlische Wesen retten die je 12'000 aus Israels Stämmen bei
Aufhören der Winde zur Zeit der kosmischen Endkatastrophen. Hier
kann nicht mehr mit Gutgläubigkeit bei den dirigierenden Leuten
gerechnet werden.
e)
Der schreiende Widerspruch
zwischen der neu-apostolischen Propaganda-Schläue, die
unwissende gutgläu-bige Menschen hinter das Licht führt, und der
kindlich-naiven Art, mit der man sich als die Bevorzugten Gottes
und des heiligen Geistes, die alleinige Braut Christi hinstellt.
f)
Die Methode, stillschweigend
unter den Tisch fallen zu lassen, was propagandistisch nicht
mehr wirkt: z.B. die Rede von „Christus im Fleische der
Apostel“, die Vergötterung des Krebs, Fritz, in
Gesangbuchliedern, die man stillschweigend in den neuen
Ausgaben weggelassen hat.
g)
Die Ängstlichkeit, mit der man
neu-apostolische Zeitschriften usw. vor den Augen
Aussenstehender hütet. Grund klar: Furcht vor sachlicher
literarischer Auseinandersetzung. Sie würde abschreckend wirken.
3.
Zur Frage: „Neue Apostel“: zu den
bereits behandelten Stellen noch Apostelgesch 1, 8: „... bis an
das Ende der Erde ...“ Auslegung der Neu-Apostolischen: “Bis zum
Ende der Weltgeschichte.“ Grundfalsch: Damals Erde als Scheibe
verstanden. So: Bis an die Grenzen der Erd-Scheibe. Andere
Stelle: 1. Joh. 4, 1: „... Jesus Christus ist in das Fleisch
gekommen.“ Neu-apostolische Auslegung: „Christus ist in das
Fleisch des Apostels, des Herrn Sowieso usw. gekommen.“ Richtige
Auslegung: Christus in das Fleisch gekommen, er ist also der
Gottmensch und nicht ein reines Geistwesen gewesen. Beweis: Joh.
1, 14: „und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir
sahen seine Herrlichkeit.“ Hier auch Standard-Stelle, dass
Apostel eben Augenzeugen und nur als solche Bringer des
Gotteswortes sind: „Wir sahen seine Herrlichkeit !“ Andere
Standard-Stellen gegen jene als sogenannte Apostel: 1. Kor. 9,
1. 15, 5. 6. 7. 8. (sehr wichtig als Beweis) und vor allem
Apostelgesch. 1, 21 – 22. Diese Stellen müssen erst widerlegt
werden, ehe man die Herren Sowieso „Apostel“ nennt.
4.
Gegen alle falschen Sicherheiten
für das Jenseits: Der Christ hat nur eine Gewissheit. Sie heisst
Christus. Durch ihn: Glaubensgewissheit, Heilsgewissheit,
Erlösungsgewissheit. Aber niemals „Sicherheiten“. Dies
heidnisch.
5.
Missbrauch von Bibelstellen für
Versiegelung und Totenversiegelung.: krasses Beispiel: Matth: 3,
16: „Versiegelung Jesu“. Immer fragen: Wo steht klipp und klar
von Versiegelung und wo klipp und klar von Toten-versiegelung
? Offenb. 7: Werk himmlischer Wesen bei Aufhören der Winde.
Literatur:
E Kalb: Kirchen und Sekten der
Gegenwart. 1907.
Martin Riemer: Die neuzeitlichen
Sekten und Häresien, 1926.
P. Scheurlen: Die Sekten der Gegenwart. 1923.
P. Scheurlen: Das kleine
Sektenbüchlein. 1933.
Kurt Hutten: Seher, Grübler,
Enthusiasten. Das Buch der Sekten. 1950.
F. W. Bautz: Die
Neuapostolischen. 1949.
Gustav Ischebek: Wer sind die
Neu-Apostolischen (auch genannt Irvingianer) ? 1935.
Der
@btipper
Quellenmaterial Seite 84
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